Freitag, 23. Dezember 2011

Happy holidays!

Auf meinen kleinen nächtlichen Erholungsspaziergängen komme ich hier an einer interessanten Mischung von Läden vorbei: Balkan-Imbiss, Süßes Café, Raucherkneipe Pascha, verschiedene andere neue alternative Läden und der Friseur Salon Al-Hadi. Als ich letztens etwas genauer hinsah, fiel mir der Untertitel auf: Herren Kinder.
Und da dachte ich, wie komisch, dass es in den USA auch Barbershops gibt, die auch nur für Herren sind (und Kinder), die sie sich dort rasieren und anderweitig zurechtstutzen können. Für New Orleans habe ich jetzt spezifisch keinen im Kopf, aber vor langer langer Zeit, im Dezember 1992, als ich noch jung und wild und in Texas auf der Durchreise war, habe ich mir mal in einem Barbershop in El Paso-Texas die Haare etwas kürzen lassen. Der Friseur hatte keinen Topf, hat es aber trotzdem preiswert und ganz ordentlich hinbekommen, und die Herren im Shop und ich haben uns köstlich amüsiert.
Es war übrigens klirrend kalt in El Paso, sehr kontinental, und als Grenzstadt mit Ciudad Juarez sehr mexikanisch geprägt. In der Mitte der Stadt gab es einen quadratischen Platz mit einem großen Weihnachtsbaum drauf. Damals sind wir von dort aus durch den Norden Mexikos gekurvt.
An dieser Stelle geht es bald weiter über das weiche, warme New Orleans.
Schöne Feiertage erst mal...

Mittwoch, 14. Dezember 2011

Vernissage am 17.12.2011

Das Studio in the Woods kündigt an: Am Sonnabend, 17.12.2011, 14-16 Uhr, wird die Kunstinstallation eines derzeitigen Stipendiaten eingeweiht. Es handelt sich um ortspezifische Umweltkunst von Ron Staab. Diese Installation befindet sich im Bayou Bievenue, dem einzigen Sumpf- und Feuchtgebiet innerhalb von Orleans Parish, d.h. im eigentlichen New Orleans ohne angrenzende Vororte. Von einem frisch gebauten Podest aus kann man die Installation und die einzigartige Landschaft beschauen. Vielleicht lieber Gummistiefel statt Hackenschuhe.
Heute 24 Grad, Wettervorhersage für Sonnabend 17 Grad und sonnig. Treffpunkt: Ecke Caffin und Florida Avenue in der Lower Ninth Ward.
Wenn ich könnte, würde ich mir so wie Ron Staab vor Ort einen sanften Wind ins Gesicht wehen lassen.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

Freitag, 2. Dezember 2011

Brangelina in New Orleans

Im Jahr 2007 kauften Brangelina für 3,75 Millionen Dollar im French Quarter eine Villa, mit zwei Parkplätzen, absoluter Luxus. Und als sie dort so in New Orleans waren, fiel Brad Pitt auf, dass die Lower Ninth Ward, die ungefähr 7 Kilometer und viele Lichtjahre von dort entfernt liegt, nach dem Hurrikan Katrina 2005 immer noch in Trümmern lag. Die Lower Ninth Ward ist das Viertel, das im Osten der Stadt direkt am Industrial Canal liegt und unmittelbaren von den brechenden Dämmen betroffen war. Das Viertel wurde praktisch in den Fluten weggeschwemmt, Häuser angehoben und auf Autos wieder abgesetzt, in einander geschoben, völlig zerschmettert. Als ich vier Monate später das erste Mal dort war, lag auch der eiserne Schleppkahn noch da, der den Damm durchbrochen hatte und auf einem kleinen Schulbus zum Liegen gekommen war. Die Lower Ninth Ward wurde symbolisch für den vermeintlichen Untergang von New Orleans, den manche, die die Stadt nicht kennen, immer noch süffisant beschwören.  
Möglicherweise wäre es das Ende von Teilen der Lower Ninth Ward gewesen. Es ist ein abgelegenes Viertel, ein schwarzes Arbeiterviertel, in dem vielen Leuten ihr Haus gehörte, die aber keine Versicherung hatten oder nicht die Mittel zurückzukehren, wieder aufzubauen, und vielleicht als einzige in einer Brache zu leben?
Also gründete Brad Pitt, der sich für Architektur interessiert, das Projekt Make it Right, rekrutierte renommierte Architekten aus aller Welt und sammelte Geld, damit die Familien, die es wollten, in hypermoderne, nachhaltige und flutsichere Häuser einziehen können. Dass sie von der Architekturtradition in New Orleans beeinflusst sein sollen, sieht man aber nur daran, das sie länglich und die Räume hinter einander angeordnet sind. Ich war skeptisch, denn im Internet sahen die Entwürfe  aus, als wären UFOs in der Pampa gelandet, und in einer so traumatisierten,  so traditionsstarken Stadt wie New Orleans, erschien mir das blasphemisch. In meinem Artikel schrieb ich damals:
„Auch Brad Pitts Projekt Make it Right New Orleans will es den ursprünglichen Bewohnern ermöglichen, in ihr Viertel zurückzukehren. Es sieht durch Spenden mitfinanzierte, ökologisch nachhaltige Einfamilienhäuser auf einem ausgedehnten Areal in der Lower Ninth Ward vor, das er als symbolisch für die Seele von New Orleans erachtet. Renommierte Architekten aus aller Welt tragen in ihren Entwürfen der Gefahr von Hurrikanen und Überflutungen Rechnung und, dem Bekenntnis nach, auch örtlich tradierten Baustilen. Die Pläne zeigen hochqualitatives Design nach ökologischen Prinzipien: Häuser auf hohen Stelzen, Solarpaneele, innovative Kühlung und Wärmedämmung, aber auch hohe offene Räume und schräge Wände und Fenster, die sich nur lose an Lokalem orientieren. Pitt wollte die Chance ergreifen, auf einer Art Tabula rasa („blank slate“) etwas Zukunftsweisendes zu schaffen. Die Prämisse vom unbeschriebenen Blatt ist unter einer Schicht von Neubewohnern im Gesundheitswesen, Architektur, Stadtplanung oder Bildung verbreitet, die mit Non-Profit-Organisationen, Stiftungen und Firmen in die Stadt kamen. Doch sie ist anmaßend, denn auch Menschen, die womöglich bei Null beginnen, kommen mit ihrer eigenen Geschichte und Kultur. Der Autor Kalamu Ya Salaam spricht sogar von einem Friedhof: ‚Leute kamen ums Leben, und die bauen auf ihren Gebeinen’. Wohl meinenden Zugezogenen wirft man deshalb auch vor, nur oberflächlich mit den Einheimischen zu interagieren und sie zu bevormunden.“
Doch als ich vor zwei Jahren in New Orleans war und wir zur Besichtigung durch das Viertel fuhren, da standen tatsächlich lachende Hausbesitzer vor den Türen und auf den Veranden und winkten, und so habe ich meine Meinung geändert. Damals standen ungefähr neun Häuser, jetzt sollen es an die fünfundsiebzig sein. Im März 2012 findet übrigens eine große Spendengala statt, an der auch die aus New Orleans gebürtige Komikerin Ellen DeGeneres (sprich: DeDschenneris) teilnehmen wird. Es gibt  Skeptiker, die sich zum Beispiel fragen, warum schon wieder Spenden notwendig sind. Ein Internetkommentator nannte das ganze Make It Left (make it right—es etwas berichtigen, make it left, es links zu machen). Natürlich ist es einfach, ökologisch, links und sozial zu sein, wenn man sich eine Sechs-Zimmer-Villa in der 521 Governor Nicholls Street im French Quarter als Wochenendlaube leisten kann. Aber nett ist es doch! Und fünfundsiebzig Familien leben jetzt wieder dort, wo sie heimisch waren.
Übrigens wollten bei den letzten Wahlen zum Bürgermeister 2009 einige Brad Pitt als Kandidaten aufstellen. Er ist es dann aber doch nicht geworden...

Dienstag, 29. November 2011

Johanna von (New) Orléans

Im French Quarter, unweit des Jackson Square, wo sich die Decatur Street mit der North Peters Street gabelt, ist ein kleiner dreieckiger Platz, auf dem eine Statue der Jeanne d’Arc steht. Der Platz heißt wohl Place de France, und die Statue war 1958 ein Geschenk des französischen Volkes (zum Vergleich: Die New Yorker haben die Freiheitsstatue bekommen und wir Berliner einen bizarren 124,5°-Bogen am Tauentzien).
Die Verbindung zu New Orleans besteht einerseits durch den Namen, (New) Orleans oder auf Französisch La Nouvelle Orléans, und andererseits darin, dass ja Johanna von Orléans gegen die Engländer kämpfte, so wie Andrew Jackson und die Amerikaner gegen die Invasion der Briten am 8. Januar 1815 in der Schlacht von New Orleans.
Seit 2008 gibt es eine Krewe de Jeanne d'Arc, d.h. einen Karnevalsverein, in New Orleans, der auch an die historische Nähe zu Frankreich erinnern will. Laut der Krewe ist die Heilige Johanna die inoffizielle Schutzpatronin der Stadt, und wie es sich so fügt, ist ihr Geburtstag am 6. Januar, Epiphanias, Twelfth Night (dem Weihnachtszwölften) oder Dreikönigstag, dem Tag, an dem in New Orleans offiziell die Karnevalssaison beginnt und der bis vor kurzem noch paradefrei war, denn jetzt findet natürlich die Joan of Arc Parade an dem Tag statt. 
Zur Prinzessin des Umzugs wird eine Jungfrau von Orléans (Maid of Orleans) gekürt. Man trägt Kostüme der damaligen Zeit und manchmal auch Pferde. Natürlich sind die meisten Mitglieder Frauen und meine Freundin Lil ist eine davon (auf diesem Blog im lila Gewand). Aber in einem kürzlichen Facebook-Eintrag las ich: „We have found our 8 monk bouncers...“ (Wir haben unsere acht Türstehermönche gefunden...)
An dem hübschen kleinen Platz befinden sich übrigens einige nette Geschäfte. Seit meinem ersten Aufenthalt 1990 liebte ich Kaldi’s Coffee Museum, ein zweistöckiges Café im damals noch ganz neuen Latte-Stil, das leider vor ein paar Jahren geschlossen hat. Und zu Füßen von Johanna habe ich damals auch meine ersten New Orleanser Punks gesehen. So touristisch es nämlich ist, das French Quarter ist auch Heimat für Künstler, Lebenskünstler, Alternative - und eine militante Jungfrau...

Donnerstag, 24. November 2011

Happy Thanksgiving!

In New Orleans wird es heute, wie im übrigen Lande, recht ruhig zugehen, denn alle sind bei der Familie und geben sich der Völlerei hin. Es ist einer der wenigen Feiertage und ein uramerikanischer noch dazu, eigentlich ein Dank an die Indianer für die freundliche Aufnahme der ersten Siedler. Man isst Truthahn mit Stuffing (eigentlich Füllung, die aber meist extra zubereitet und serviert wird), Speisen aus verschiedenen Kürbissorten, Cranberry Sauce, Gravy (sehr dicke Bratensauce) und viele andere Dinge, die für den gewöhnlichen Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig sind. Aber viele sind Hunderte von Kilometern gefahren, um bei der Familie zu sein und später schaut man Football. Neuerdings öffnen viele Geschäfte schon um Mitternacht für den Nach-Thanksgiving-Schlussverkauf, was die Feiertagsruhe etwas stört. Mein bestes Thanksgiving-Essen war mit indischem Einschlag, scharf! Und das schönste Thanksgiving verbrachte ich mit einem deutschen Freund und ein paar Franzosen mit stundenlangem Experimentieren, wann der Truthahn endlich gar ist, und mit köstlichem Pastis...

Mittwoch, 23. November 2011

Straßennamen

Meine letzte Adresse in New Orleans war in der 810 Jena Street (sprich: Djenna) mitten in Uptown. Es war eine lichte Wohnung im ersten Stock, an der Innenseite an drei Seiten von einer gazeeingefassten Veranda umgeben. Zwei winklige, hölzerne Freitreppen führten in mein Reich, das unten von einem sehr bösen, weil sehr unglücklichen Schäferhundmischling bewacht wurde. Die kleine Jena Street führt senkrecht auf den Mississippi zu, den man aber, wie überall in Uptown, hinter Eisenbahngleisen, Gewerbegeländen und Parkplätzen höchstens vermutet.* Manchmal, wenn ich von meinem Schreibtisch aufblickte, konnte ich hinter den Kulissen von Bäumen, Strommasten, Zersiedlung am Horizont Schornsteine und das Oberteil eines riesigen Ozeandampfers ziehen sehen (immer von rechts nach links).
So schneidet die Jena Street die St. Charles Avenue, die Magazine Street und die Tchoupitoulas Street, die sich parallel zu einander durch Uptown ziehen. An der Ecke zur Magazine Street stand der Zeitungsautomat, an dem ich mir sonntags die New Orleans Times Picayune geholt habe, und um die Ecke war die Boulangerie mit den vielleicht besten Croissants der USA. Dazwischen stand eine riesige weiße Villa, wo immer ein großes Boot und andere verrückte Fahrzeuge in der Einfahrt standen und wo angeblich Nine Inch Nails wohnte oder ein Studio hatte.** 
Die Jena Street wiederum ist parallel zur Napoleon Avenue und wird gefolgt von der Cadiz St., Valence St. (Valencia), Bordeaux St., Lyons St., alles Städte, in denen Napoleon Schlachten geschlagen oder die er belagert hat. Wie wir wissen, gibt es bei uns keine Straße, die nach Jena benannt ist, denn schließlich haben wir dort und in Auerstedt verloren! Deshalb empfand ich es immer als ein wenig masochistisch, dass sich die deutsche Botschaft und das Goethe-Institut in Paris ausgerechnet in der Avenue d'Iéna (d.h. Jena Avenue) niedergelassen haben. Doch Geschichte heilt Wunden? Dass die Straßen in New Orleans so heißen, verwundert mich doch—denn die Schlachten bei Jena und Auerstedt waren 1806, und schon am 30. April 1803 hatte Napoleon Louisiana an die Amerikaner verkauft.



* Die einzige Stelle in Uptown, wo man direkt am Mississippi stehen kann ist the Fly—siehe Eintrag vom 16. August. Die 810 Jena St. lässt sich in Google Streetview finden.
** Jetzt habe ich gesehen, dass Trent Reznor die Villa 2005 nach Katrina verkauft hat.

Sonntag, 20. November 2011

Congo Square

Im Louis Armstrong Park in New Orleans befand sich die eigentliche Wiege des Jazz, der legendäre Congo Square. Auf dem Kongo-Platz trafen sich im 18. und 19. Jahrhundert die Sklaven an ihren arbeitsfreien Sonntagen und tanzten und musizierten mit Trommeln, Tambourins, Flöten, Violinen, Banjos und vielen anderen Instrumenten. Als dann die strengen Amerikaner von den Franzosen und Spanier die Macht übernahmen, war es mit diesen Festen erst einmal vorbei. Doch Ende des 19. Jahrhundert versammelten sich Kreolen hier und musizierten mit Blasinstrumenten und Orchestern. Jazz, so heißt es, entstand ja aus der Kombination von afrikanischen Rhythmen und europäischen Instrumenten.
Der Louis Armstrong Park wurde am Freitag nach Reparaturen und Verschönerungen offiziell wieder neu eröffnet. Der Park ist im Viertel Tremé, westlich des French Quarters, und so spielte die Tremé Brass Band (ansehen, anhören), deren Schlagzeuger Lionel Batiste in einem Haus aufwuchs, das in den sechziger Jahren für die Einrichtung des Parks abgerissen worden war. Der Park musste renoviert werden, so heißt es, weil er bei Katrina in Mitleidenschaft gezogen wurde. Tatsächlich gehörte es schon seit ich New Orleans kenne zu den nie überprüften Regeln, dass man in den Louis Armstrong Park eben nicht geht, weil es zu gefährlich ist, wegen Drogendeals, Morden und so weiter. Erst im August diesen Jahres wurde dort eine Frauenleiche gefunden. 
Ich war 2007 einmal zum ersten Congo Square Festival im Louis Armstrong Park, zu einer Zeit, als jedes Festival, jede neue oder wiederbelebte Tradition ein Zeichen der Hoffnung war, die man so sehr benötigte. Das Festival war toll, mit Musik, Essen und Verkaufsständen. Ich bin dann noch ein bisschen im Park herumgelaufen, der irgendwie futuristisch angelegt war, aber sehr heruntergekommen. Die Renovierung des Parks wurde dann ein Prestigeprojekt des scheidenden Bürgermeisters Ray Nagin, wurde aber nach vielen Debatten und Kontroversen dieses Jahr endlich fertig.
Congo Square Festivals gibt es übrigens auch in Chicago (organisiert von der Congo Square Theatre Company), nächstes Wochenende in Kalkutta, 2004 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin und vielleicht noch anderswo? (Gebt mir Bescheid!) Die Tremé Brass Band spielt das nächste Mal am 26. November 2011 im Maple Leaf in New Orleans.

Freitag, 18. November 2011

Die Digedags in New Orleans

Ich war dieser Tage zu Besuch im Südlouisiana meiner Kindheit. Wie die meisten normalen Menschen in der DDR konnte ich natürlich bis zur Wende nicht in den Westen reisen. Ich hatte zwar schon damals meinen Onkel in Amerika und amerikanische Mal- und Märchenbücher, die ich nicht lesen konnte, und Farbfotos mit lächelnden Cousins und Cousinen auf Pferden, mit Autos, in Fantasieuniformen, echt amerikanisch eben. Aber die leben alle in St. Louis, Missouri, ca. 11 Autostunden von New Orleans.
Dass mich eine tiefe Sehnsucht nach New Orleans und Louisiana erfüllte, die später in wahre Liebe umschlagen sollte, das kommt sicher von den Digedags. Wir hatten nämlich ein Abonnement der Comic-Zeitschrift Mosaik. Und im Mosaik reisten die Digedags, die unzertrennlichen Koboldbrüder Dig, Dag und Digedag, ins Weltall, in den Orient, ins Mittelalter, und schließlich in die USA des 19. Jahrhunderts und erlebten die tollsten Abenteuer. Sprachlich vielleicht etwas hölzern, ohne Sprechblasen und Lautmalereien, aber die Handlung ist spannend und ungemein lehrreich. In den USA waren die Digedags Reporter und hatten Gold gefunden, dass sie nach New Orleans bringen und zur Befreiung von Sklaven (die damals noch Neger hießen) einsetzen wollten. Die Figuren und Orte haben amerikanisch anmutende Namen (Jeremy Joker, Turtleville); die Kostüme entsprechen der Zeit, man fährt Schaufelraddampfer und die Häuser sehen anders aus als bei uns. Aber sie sehen auch anders aus als dort, und wenn es immer wieder am Mississippi spielt, sieht das alles in Weitwinkeleinstellungen doch wie ein kleines europäisches Legoland aus und nicht wild und ungestüm, wie die Natur in den USA und vielleicht besonders im Süden ist. Ein imaginäres Louisiana eben, wie so oft. Nebenbei lernt man etwas Geschichte—der Sklavenexpress, die damaligen Bundesstaaten, der anstehende Bürgerkrieg... Natürlich waren die Digedags immer auf der Seite der Guten und Schwachen, und ihre Gegenspieler trugen schwarz und sahen böse aus (Mr. Coffins!).
Irgendwann gab es die Digedags nicht mehr und dafür kamen die Abrafaxe, aber das war einfach nicht dasselbe. Jetzt gibt es das Mosaik wieder und immer noch in Büchern zusammengefasst, so wie diesen Band Die Digedags in New Orleans. Inzwischen gibt es auch eine Mosapedia, die auch eine tolle Wissensquelle ist. 
Wie immer ging auch in New Orleans im Mosaik alles gut aus, die Guten haben gesiegt und ich bin beruhigt wieder nach Berlin zurückgekehrt. Doch die nächsten Abenteuer kommen bestimmt.

Montag, 14. November 2011

New Orleans Fringe Festival

Eigentlich ist New Orleans keine Theaterstadt, würde ich sagen. Ein paar Stücke und Einakter von Tennessee Williams spielen hier, unter anderem Endstation Sehnsucht und Die Glasmenagerie, und es ist ein beliebter Schauplatz für Filme (vor allem Krimis und Unheimliches), Literatur und Fantasyromane. Aber Theater?
Da gab es doch eigentlich nur Le Petit Théâtre du Vieux Carré (Das kleine Theater im French Quarter, seit 1916) und das Saenger Theatre, ein großes varietéartiges Haus, wo ich mal „The Fiddler on the Roof“ (Der Fiedler auf dem Dach) gesehen habe. Beide Theater wurden vom Hurrikan Katrina betroffen und sind derzeit geschlossen.
Diese Woche findet jedoch schon zum vierten Mal das New Orleans Fringe Festival statt, das Theater in die ganze Stadt bringen wird, vor allem in die Viertel Bywater und Marigny gleich beim French Quarter. An fünf Tagen, vom 16. bis 20. November 2011, treten 70 Theatergruppen auf. Am Wochenende sind Familientage, es finden Maskenumzüge statt, Kunst wird gezeigt, und es gibt die Aktion BYOV (Bring your own venue - Bring deinen eigenen Veranstaltungsort), bei der an ungewöhnlichen Orten Theater gespielt wird, wie zum Beispiel im Aquarium, im Zeitgeist-Kino, in einem Kampfsportstudio... 
Zu gern würde ich New Orleans mal als Theaterstadt erleben.

Freitag, 11. November 2011

Für kurzentschlossene Berliner

Mehr Tennessee Williams. Noch bis 13. November jeweils 20 Uhr im Tisch-Theater im Schokohof in der Ackerstraße: Fracture, drei Einakter von Tennessee Williams (This Property Is Condemned, Moony's Kid Don't Cry, The Lady of Larkspur Lotion). Tolle internationale Schauspieler, tolles Bühnenbild. Auf Englisch, mit deutschen Übertiteln.

Donnerstag, 10. November 2011

Liebe Kurzentschlossene,

sollte es mir gestern gelungen sein, Euch von einer Stippvisite beim Faulkner-Festival zu überzeugen, dann hoffe ich sehr, dass Ihr Euch schon auf dem amerikanischen Festland befandet, noch besser im Süden, in Texas, im Mittelwesten, an der Ostküste. Jedenfalls nicht in Berlin. Es ist nämlich gar nicht so einfach, nach New Orleans zu kommen.
1. Es dauert immer noch circa 15-16 Stunden, man muss zwei Mal umsteigen, also zwei Anschlüsse schaffen. Eine schnelle Suche ergab ab 730 Euro hin und zurück, meistens etwas mehr. 
2. Wo steigt man um? In London Heathrow kann es passieren, dass einem ein attraktiver Sikh das Gepäck durchforstet, ansonsten—viel zu groß, zu lange Wege, zu riskant. Paris Charles de Gaulle ist in Ordnung, aber war da nicht vor ein paar Jahren ein Dach eingestürzt? In Frankfurt ist einmal meine ganze Maschine zu spät abgeflogen (Der nächste Anschluss! Der nächste Anschluss!), weil im US-Flügel des Flughafens nur ein Sicherheitsband geöffnet war—die anderen hatten ihre gesetzliche Mittagspause. Bleibt Amsterdam, groß, perfekt organisiert, und bei KLM gibt es einen sanften, blonden Service an Bord. 
3. Wo macht man die Einreise? New York John F. Kennedy—viel zu lange Schlangen. Dann muss man nach Newark oder La Guardia zum Weiterflug, und bei so einer Fahrt quer durch New York kann viel passieren. Atlanta oder Washington, DC, kann man machen. Houston, Texas, mache ich aus Prinzip nicht, weil man dann erst mal zu weit nach Westen fliegt und dann noch mal zurück. Zu KLM und Amsterdam gehört aber Memphis als Umsteigeflughafen, aaah, klein, überschaubar, und man riecht und fühlt schon den Süden.
Hat man all das geschafft, dann erreicht man irgendwann den Louis Armstrong International Airport in New Orleans. Ein Flughafen also, der nach einem legendären Jazzmusiker benannt ist. In dem neu erweiterten, meist ziemlich leeren Gebäude klingt leise Jazz aus den Lautsprechern. Manchmal spielt vielleicht sogar eine live Band zur Begrüßung der Touristen. 
Und wenn man dann nach etwa 16 Stunden Klimatisierung ins Freie tritt, dann mögen andere das Gefühl haben, dass man ihnen ein feuchtheißes Tuch vors Gesicht schlägt. Ich aber treibe Knospen und beginne zu erblühen...

Mittwoch, 9. November 2011

Words & Music: A Literary Feast

Gleich hinter der St. Louis Cathedral am Jackson Square im French Quarter, also drei Minuten vom Mississippi entfernt, befindet sich die „Piratengasse“, die Pirate’s Alley.
William Faulkner (1897-1962) stammte aus dem hübschen Städtchen Oxford im Bundesstaat Mississippi, Heimat von Ole Miss, der University of Mississippi. Oxford liegt ca. 580 km oder 5-6 Autostunden nördlich von New Orleans und wenn man einen Teil der Strecke auf dem Natchez Trace Parkway fährt, einer malerischen historischen Landstraße, dann dauert es natürlich noch länger. (Man könnte zum Beispiel bis Tupelo, Mississippi, fahren und sich das winzige Holzhäuschen ansehen, in dem Elvis Presley geboren und aufgewachsen ist. Westlich von Tupelo, verkehrsmäßig etwas abgeschnitten, liegt Oxford.)
1925 zog William Faulkner für einige Monate in die Piratengasse, verkehrte bei dem Schriftsteller Sherwood Anderson in den Pontalba Apartments gleich um die Ecke, der ihn ermunterte, Romane und über seine Heimat zu schreiben. So entstand sein erster Roman Soldier’s Pay (Soldatenlohn) sowie Sherwood Anderson and Other Famous Creoles gemeinsam mit William Spratling. Und dann verließ er New Orleans und wurde Nobelpreisträger.
Viele Jahre später kauften die Schriftstellerin Rosemary James und ihr Mann Joe DiSalvo das Haus in der Piratengasse und eröffneten einen feinen kleinen Buchladen. Ihre Pirate’s Alley Faulkner Society organisiert seit den 90er Jahren das jährliche Festival Words & Music: A Literary Feast (ein literarisches Fest/Festschmaus). Es findet hauptsächlich im edlen Hotel Monteleone statt (an das mich hier noch ein Silberlöffelchen erinnert) und bedeutet fünf Tage voller Lesungen, Werkstätten, Theateraufführungen, einem Schreibwettbewerb für verschiedene Sparten, Musik und Tanz. Teilnehmen werden Andrei Codrescu und Rodger Kamenetz, bei denen ich u. a. studiert habe, weitere New Orleanser Größen wie Robert Olen Butler und John Biguenet und viele Autoren von anderswo. Die Gewinnerbeiträge des Wettbewerbs werden in der Zeitschrift The Double Dealer Redux veröffentlicht, die jährlich erscheint, neu gegründet nach dem Vorbild der gleichnamigen Zeitschrift der 20er Jahre, die zuerst Faulkner und Hemingway veröffentlichte.
Das Festival beginnt heute und dauert bis 13. November; heute bei 20 Grad mit etwas Regen. Liebe Kurzentschlossene, es ist ein FEST!

Sonntag, 6. November 2011

George Porter Jr. and the Running Pardners

Eigentlich sollte es heute darum gehen, dass Gouverneur Bobby Jindal am 22. Oktober 2011 im ersten Wahlgang wieder gewählt wurde, und zwar mit knapp 66 % gegenüber der demokratischen Kandidatin Tara Hollis mit knapp 18% der Stimmen. Im zweiten Wahlgang am 19. November wird er also nicht bangen müssen, weil für ihn gar keiner stattfinden wird, sondern nur für diverse andere Posten.
Auch Billy Nungesser (sprich: Nandshesser), der den amtierenden Lieutenant Governeur (Vizegouverneur) Jay Dardenne ablösen wollte, braucht nicht mehr bangen, denn er hat es nicht geschafft. Er ist der äußerst beliebte Präsident von Plaquemines Parish, einem Landkreis gleich südlich von New Orleans, wo Katrina direkt an Land ging. Einen Namen gemacht hat sich Nungesser vor allem 2010, als er sich lautstark und medienwirksam für die Aufklärung und Beseitigung der Schäden der BP-Ölkatastrophe einsetzte.
Darum sollte es also gehen, aber dann wurde ich hungrig und schaltete in der Küche NPR Berlin ein,  und es lief die Sendung Beale Street Caravan(Die Beale Street ist, wie man vielleicht weiß, die legendäre Bluesmeile in Memphis, Tennessee. Allerdings heute mehr Legende als Blues.) In der heutigen Sendung ging es um George Porter Jr. aus New Orleans, der bei den Meters und den Funky Meters mit Art Neville mitspielt(e), aber vor allem auch als George Porter and the Running Pardners bekannt ist. Purer Funk aus New Orleans. Fast die gesamte Sendung bestand aus einem Konzertmitschnitt mit ihm (man muss sich anmelden, um den Podcast hören zu können). Ansonsten gibt es noch Youtube. Ich muss jetzt aber erst mal kosten, ob ein wild tanzend gekochtes Abendessen anders schmeckt als ein normales.

Donnerstag, 3. November 2011

Helen Hill und Dinerral Shavers

Ich habe heute einen (eigentlich zwei) Kommentar(e) zu einem Artikel in der Zeit geschrieben: "Polizei hält  das multikulturelle Amerika zusammen" von Eva Schweitzer am 29. September 2011. Mein Kommentar geht ungefähr so: Hier noch eine Ergänzung zur besonderen Situation in New Orleans.
Dass gerade der Mord an Helen Hill im Januar 2007 einen Aufschrei zur Folge hatte, lag daran, dass nur eine knappe Woche vorher der 24-jährige Dinerral Shavers erschossen worden war. Shavers, aus der Ninth Ward in New Orleans, war Trommler der beliebten Hot 8 Brass Band und hatte an der gerade wieder eröffneten L.E. Rabouin High School ein Marschorchester gegründet. Musik, glaubte er, ist lehrreich und wer ein Instrument in der Hand hat, kann keine Waffe in der Hand haben.
Helen Hill, Harvard-Absolventin aus South Carolina, war Dozentin am New Orleans Center for Creative Arts (NOCCA), einer Art Kunstgymnasium, aus dem viele bekannte Musiker hervorgegangen sind. Auf Graswurzelebene engagierte sie sich u.a. für den Wiederaufbau. Wie so viele andere Künstler und Intellektuelle hatte es sie und ihren Ehemann, Paul Gailiunas wegen der einzigartigen Kultur und Geschichte in die Stadt gezogen, auch und bewusst wieder nach Katrina. Gailiunas, ursprünglich aus Kanada, hatte als Arzt eine Klinik für Arme mitbegründet.
Im Fall Dinerall Shavers weiß man, dass die Schüsse eigentlich seinem 15jährigen Stiefsohn galten; doch der Fall Helen Hill ist bis heute ungeklärt. Ihre Familie betreibt eine Webseite; Paul Gailiunas hat gerade einen von ihr begonnenen Film fertig gestellt und auf dem New Orleans Film Festival präsentiert. Was Dinerall Shavers und Helen Hill von den „gewöhnlichen“ Morden abhob, war genau, dass sie der in die Höhe geschnellten Kriminalität kulturelle Betätigung, Volkskultur im besten Sinne, entgegensetzen wollten.
Etwas mehr als ein Jahr zuvor, 2005, hatte New Orleans den Hurrikan Katrina und vor allem seine Folgen erlebt und schon deshalb kann es nicht einfach in einer Reihe mit den anderen Problemstädten genannt werden. Der Hurrikan hatte die Bausubstanz letztendlich weniger beeinträchtigt, als man gemeinhin denkt. Aber die Stadt war wochenlang zwangsevakuiert worden, auch die Bewohner der verschont gebliebenen Viertel mussten ihre Häuser räumen, und es patrouillierte Militär und National-Guard-Truppen anderer Bundesstaaten. Müllabfuhr, Elektrizität und andere grundlegende Dienstleistungen funktionierten monatelang nicht; Schulen blieben geschlossen, Versicherungszuständigkeiten unklar, es wurden beschädigte Häuser weggerissen. Monatelang, jahrelang blieb vor allem die untere Mittelschicht, oft Kreolen, darüber im Unklaren, ob sie zurückkehren könnte oder nicht, ob sie ihrer Häuser wieder bewohnen, sie Arbeit finden und ihre Kinder zur Schule schicken können würden. So sind sie in Houston oder Atlanta geblieben. Die Bevölkerungsstruktur wandelte sich, mexikanische Tagelöhner übernahmen jetzt zum Beispiel die Abrissarbeiten. Nach einigen Monaten der Ruhe kehrten Drogen und das organisierte Verbrechen geballt zurück. Die stabilisierende untere Mittelschicht war nicht mehr da, viele Straßen immer nur noch sporadisch bewohnt und somit unsicher.
Dass die Stadt arm ist und manche ihrer Viertel schon in den 1980er Jahren als „3. Welt“ bezeichnet wurden, das ist auch nationale Politik, die nach Katrina fortgesetzt wurde (der republikanische Nachbarstaat Mississippi erhielt zum Beispiel viel schneller Aufbauhilfen). Korruption und Filz in New Orleans sind hausgemacht, und ein Teil davon liegt auch in den Händen von Afroamerikanern und Kreolen, die letztendlich am meisten von der Gewalt betroffen sind. 
New Orleans braucht ganz sicher mehr als eine effektive Polizei. Aber ein Anfang wäre es.

Montag, 31. Oktober 2011

Tipitina

Tipitina war der Name der ersten Katze, die ich je betreut habe. Sie gehörte dem Schriftsteller Andrei Codrescu, der für seine Romane, Gedichte, Essays, Radiofeuilletons über New Orleans bekannt ist, oder vielmehr gehörte sie seiner Frau Laura Rosenthal. Tipi, so ihr Spitzname, war groß, schwarz und immer hungrig. Wahrscheinlich wolle sie meine Loyalität testen, meinte Andrei damals. Dabei ist doch Loyalität mein zweiter Vorname („my middle name“), wie man in Amerika sagt! Meine eigene schwarze Katze aus Louisiana lebt seit 11 Jahren bei mir, und sie testet mich auch immer noch.
„Tipitina“ heißt aber vor allem ein bekanntes Musikstück der New Orleanser Legende Professor Longhair (1918-1980), das inzwischen unzählige Male aufgenommen wurde (so auch von Hugh Laurie). Für den Folkloristen Nick Spitzer, u.a. Moderator der Radiosendung American Routes (die NPR Berlin leider nicht ausstrahlt), vereint „Tipitina“ mehr von New Orleans in sich, als man in vielen Worten sagen könnte: klassische Musik, alte Hochkultur, französische, spanische, angloamerikanische Elemente, Côtillion-Musik, Ballmusik, Parlormusik, Soul, R & B und Jazz. Ihm, und auch mir, gefällt besonders die Version des großen Allen Toussaint.
Tipitina’s heißt auch ein unscheinbarer, aber famoser Musikklub an der Ecke Napoleon Avenue und Tchoupitoulas Street, ungefähr zwei Minuten von meiner letzten Wohnung entfernt. Von der Eröffnung 1977 bis zu seinem Tod soll Professor Longhair dort häufig gespielt haben. Innen gibt es eine kleine Bühne und einen ersten Rang, und alles, was in New Orleans etwas auf sich hält, tritt dort auf. Jeden zweiten Sonntag ab halb sechs ist dort Cajun Fais Do Do, d.h. live Cajun-Musik, zu der man die traditionellen louisianischen Tänze vom Lande tanzt (Und das macht Spaß!!).
Die Tipitina’s Foundation (Stiftung) ist seit dem Hurrikan Katrina besonders aktiv, um betroffene Musiker zu unterstützen, die häufig in den überschwemmten Gebieten lebten und alles verloren hatten. Fats Domino soll die Erlöse seiner letzten Platte gespendet haben, und der Schauspieler und Satiriker Harry Shearer hat in einer Quizsendung 50.000 Dollar für die Stiftung gewonnen.
Manche Leute haben noch einen Koffer irgendwo stehen. Ich hatte lange nach meiner Rückkehr noch eine schöne (rund 300 Dollar werte) Gitarre in Louisiana. Bei meinem vorletzten Besuch 2007 habe ich sie der Tipitina's Foundation vermacht. Und wer weiß, vielleicht ist sie ja inzwischen schon mal im Tipitina’s aufgetreten?

Freitag, 28. Oktober 2011

Lyrik in Louisiana

Letzte Woche sprach ich mit der (großartigen, in Berlin lebenden) Lyrikerin Donna Stonecipher darüber, dass New Orleans zwar immer eine große Inspiration für die Prosa war und ist, ich aber keine ganz große und bekannte Poesie kenne. Das sei typisch für den Süden generell, meinte sie.
Just da erhielt doch am 21. Oktober 2011 der Lyriker Yusef Komunyakaa in New York den mit 100.000 Dollar dotierten Wallace Stevens Award. Komunyakaa (geboren 1947) wuchs in Bogalusa, rund 120 Kilometer nördlich von New Orleans, auf und diente im Vietnam-Krieg. Seine Poesie gilt als eine der besten über Vietnam; er verarbeitete aber auch Themen der Bürgerrechtsbewegung, Afrika und hat mit Jazzlyrik experimentiert. Geprägt durch seine Zeit als Lehrer, Professor und Lyriker in der Stadt, gilt er zumeist als New Orleanser Lyriker. Derzeit ist er Professor für Kreatives Schreiben an der New York University. Jetzt habe auch ich endlich einige seiner Gedichte gelesen; eines davon will ich gleich nächste Woche mit meinen Studenten besprechen. Hier eine Hörprobe.
Am Sonnabend, den 29. Oktober findet das Louisiana Book Festival in Baton Rouge statt, mit unzähligen Lesungen und Workshops über den Tag und die Stadt verteilt. Teilnehmen werden auch Lyriker aus dem ganzen Bundesstaat, darunter auch Poet Laureate Julie Kane (die für mehrere Jahre offiziell ernannte Staatsdichterin, die das Bewusstsein für die Lyrik erhöhen soll. Gibt es auch auf nationaler Ebene und ist dem Hofdichter in England nachempfunden). Beim Festival wird auch der Louisiana Writer Award verliehen, dieses Mal an den Romanautor James Wilcox; 2007 hatte ihn Yusef Komunyakaa erhalten.
Jetzt auch in Louisiana und an der Louisiana State University sehr aktiv ist die Lyrikerin Laura Mullen, ursprünglich aus Los Angeles. Über New Orleans und die Lyrik bald mehr.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

James Lee Burke in eigenen Worten

James Lee Burke (geboren 1936) lebt in New Iberia, Louisiana, und Missoula, Montana: New Iberia ist warm, feucht, üppig, überwuchernd und Montana (so entnehme ich es seinen Geschichten und so stelle ich es mir vor) ist weit, trocken, karg, einsam. Nach Hurrikan Katrina sprach James Lee Burke in seinen Büchern, Artikeln und Interviews über die Ausnutzung und mangelnde Hilfeleistung für New Orleans und die Region. Hier einige Zitate; die Übersetzungen sind unautorisiert und von mir, die genauen Quellen stehen unten.

„New Orleans ist keine Stadt. Es ist ein petrarkisches Sonett. Es gibt auf unserem Planeten keine andere Stadt wie diese. Ich glaube, es ist von Südamerika abgesägt und von Passatwinden über die Karibik geblasen worden, wo es sich an den südlichen Rand der Vereinigten Staaten geheftet hat.“ (1)


„Eigentlich hat ein Hurrikan einen Anfang und ein Ende. Er reißt die Erde auf, erfüllt die Luft mit fliegenden Bäumen und Ziegeln und Tieren und manchmal sogar Menschen, man rollt sich unter dem Tisch zusammen und betet, bis man Bluttropfen auf der Stirn hat, dann hört es auf und man kann hinterher aufräumen, so als hätte jemand der ganzen Stadt einen bösen Streich gespielt. Aber dieser hier funktionierte nicht so. Er tötet allmählich.“ (2)

„Es ist nicht einfach nur eine regionale Geschichte, sondern es hat mit der Nutzung und Ausbeutung der Naturressourcen zu tun, der Geschichte der petrochemischen Industrie, der tief verankerten Trennung der Rassen—all dem, was auch auf nationaler Ebene passiert.“ (3)

„Die Barriere-Inseln vor der Küste Louisianas sind schon lange von der Erosion abgetragen oder weggebaggert und auf Kähne gehäuft und als Parkplatzschotter verkauft worden. Die petrochemischen Betriebe haben ungefähr sechzehntausend Kilometer Kanäle durch die Feuchtgebiete gezogen, wodurch Salzwasser eindringt, das die Süßwassermarschen von Plaquemines Parish bis Sabine Pass vergiftet und absterben lässt. Die Deiche des Mississippi River schleudern Hunderte Tonnen Schlamm über den Rand des Kontinentalschelfs, so dass er nicht nach Westen an der Küste entlang fließt, wo er am meisten gebraucht wird. Louisianas Feuchtgebiete verschwinden mit einer Geschwindigkeit von einhundertzweiundzwanzig Quadratkilometern pro Jahr.“ (4)

„New Orleans wurde systematisch zerstört, und diese Zerstörung begann Anfang der achtziger Jahre mit der bewussten Halbierung der Bundesfinanzierung für die Stadt und der gleichzeitigen Einführung von Crack in die Sozialwohnsiedlungen. Für die unterlassene Reparatur der Dämme vor Katrina und dafür, dass Zehntausende ihrem Schicksal überlassen wurden, gibt es Gründe, die andere klären sollen. Doch in meinen Augen bleibt es eine unumstößliche Tatsache, dass wir gesehen haben, wie eine amerikanische Stadt am südlichen Rand der Vereinigten Staaten zu Bagdad wurde. Sollte es das, was in New Orleans passiert ist, in unserer Geschichte schon einmal gegeben haben, dann ist mir das entgangen.“ (5)

„Die Technik kann alles. Kann San Fran vor einem Erdbeben gerettet werden? Oder Los Angeles? Oder NYC vor einem weiteren Terroranschlag? Es hat den Anschein, dass man nur New Orleans rot durchstreichen will.“ (6)

(1) Burke, James Lee: „The City of Saints and Sancho Panza.“ Los Angeles Times. 18. September 2005. http://www.jamesleeburke.com/content/5 Abgerufen 12.1.2008 16:03.
(2) Burke, James Lee: „Jesus Out to Sea.“ Jesus Out to Sea. New York, 2007. S. 235
(3) Baker, Jeff: „From Montana’s Heartland: Redemption for New Orleans.“ Interview mit James Lee Burke. The Oregonian. 26. August 2007. www.oregonlive.com Abgerufen 28.8.2007 14:53.
(4) Burke, James Lee: The Tin Roof Blowdown. A Dave Robicheaux Novel. New York, 2007. S. 28.  
(5) Ibid., S. 369.
(6) Hood, John: „Hard Livin’ in the Big Easy. Two Years After Katrina, James Lee Burke
Doubles Up.“ The Miami Sun Post. http://miamisunpost.com/0823bound.htm Abgerufen 12.1.2008 16:05.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Mord in Louisiana

So hieß zum Glück dieses Mal nur ein Film, der gestern Abend im Zweiten Deutschen Fernsehen lief, eine französisch-amerikanische Koproduktion, die zuerst 2009 auf der Berlinale gezeigt wurde und dann als DVD auf Deutsch erschien. Es ist die Verfilmung der Romanvorlage In the Electric Mist (etwa „Im elektrischen Dunst“, 1993) von James Lee Burke, die mit einigen Verweisen auf den Hurrikan Katrina aktualisiert wurde. Um den Held des Films, den gerechtigkeitssuchenden, müden Cajun-Detektiv Dave Robichaux (sprich: Robicho), gespielt von Tommy Lee Jones, gibt es inzwischen eine ganze Serie von Romanen (genauer gesagt 18, der letzte heißt The Glass Rainbow). Da Dave Robichaux Cajun ist, spielen die Filme tief im Cajun Country von Louisiana, wie gestern in New Iberia oder in Jeanerette, ca. 200 Kilometer westlich von New Orleans.
Mir sind Burkes Bücher eigentlich zu brutal und blutrünstig (auch gestern ging es um Zerstückelungen usw.), doch mit Leidenschaft gelesen habe ich den zornigen Post-Katrina-Krimi The Tin Roof Blowdown von 2007, in dem Dave Robichaux auch einmal in New Orleans ermittelt und noch wütender als sonst ist, über Kriminelle, die das Elend der Leute nach dem Hurrikan ausnutzen. Auch in dem Kurzgeschichtenband Jesus Out to Sea (2007) geht es in der Titelgeschichte um die Verheerungen in New Orleans.
Zwar wurde in dem gestrigen Film gemordet, geschossen und geschlagen und trotzdem plätscherte er, von vager Cajun-Musik unterlegt, angenehm elegisch dahin (oder war es, weil es schon so spät war?). Ein elektrisierender Dunstschleier hing über den Bildern und mir war, als spürte ich die weiche Wärme des louisianischen Herbstes, die hier ein bisschen fehlt. Fotos finden sich hier.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Kriminalität

In der letzten Woche wurde die Polizei allein am Mittwoch innerhalb von sechs Stunden zu vier Mordopfern gerufen. Somit erhöhte sich die Zahl der Morde in jener Woche auf neun. In der Nacht zum Sonntag war der Augenarzt Brent Hachfeld aus dem Vorort Slidell im French Quarter niedergeschlagen und wahrscheinlich beraubt worden, bevor er im Krankenhaus verstarb. Jetzt glaubt die Polizei auf einem Überwachungsvideo einen Verdächtigen gesehen zu haben und bittet um Mithilfe. Gestern wurden eine 36-jährige Frau und ihr 13-jähriger Sohn in ihrem Haus in der 7th Ward erschossen aufgefunden, verhaftet wurde ihr 45-jähriger Exfreund, bei dem man sechs Schusswaffen und eine Kiste mit Munition zu Hause gefunden hatte.
Sonnabend vor einer Woche wurde Curtis Matthews erschossen, der aus South Carolina nach New Orleans gekommen war, um für seinen Bruder dessen Jazz Daiquiri Lounge weiter zu führen. Auf den Bruder, John Matthews, war vor einem Jahr zu Hause siebzehn Mal geschossen worden, da er Hauptzeuge in einem Mordfall vor der Daiquiri Lounge war. Durch seine Aussage wurde letzte Woche Telly Hankton verurteilt, der 2008 einen Mann nach einer Autojagd mit 8 Kugeln getötet hatte. Diesen und einen anderen Mann, den er erschoss, als er auf Kaution frei war, hatte er wiederum als Rache für den Mord an seinem Cousin 2007 getötet. Für die Schüsse auf John Matthews wurde Thomas Hankton, der Cousin des Verurteilten angeklagt, nach dem Mörder von Curtis Matthews wird noch gesucht. 
Am Dienstag schaltete sich Bürgermeister Mitch Landrieu ein und erklärte bei einer kleinen Pressekonferenz auf dem neutral (Mittelstreifen) vor der Daiquiri Lounge, dass er 10.000 Dollar aus seinem Kampagnenfonds als Belohnung für die Ergreifung des Mörders stellen würde. Dabei warnte er ausdrücklich die ausgedehnte Familie von Telly Hankton und erklärte, er sei ein Symbol für Leute geworden, die meinten, sie könnten die Kids auf der Straße einschüchtern.
Als ich noch in Baton Rouge wohnte, wurde ich bei einer kleinen Party in meinem Garten Ohrenzeugin einer Schießerei, ohne--anders als meine amerikanischen Freunde, die sich sofort in Sicherheit brachten--gleich zu wissen, dass es Schüsse waren, die ich hörte. Man erzählte mir später, dass es das Ende eines misslungenen Drogendeals gewesen war. Ein Jahr später war ich als Zeugin vor Gericht geladen. Nach einigem Warten erklärte man mir dort, dass ich nach Hause gehen könnte, da der Hauptzeuge, das gelähmte Opfer, in der Nacht zuvor erschossen worden wahr. Irgendwie ist das schon ganz schön einschüchternd. 

Samstag, 22. Oktober 2011

New Orleans Film Festival

Gestern ging das 22. New Orleans Film Festival zu Ende, das, so die organisierende New Orleans Film Society, bereits letztes Jahr Besucherrekorde verzeichnete und dieses Jahr endgültig nicht mehr nur ein Festivals für Filmfreaks war. Gespielt wurde an 14 Aufführungsorten, darunter vor allem auch dem Prytania Theatre in Uptown und dem Zeitgeist in Central City.
Bereits letzten Sonntag wurden die acht Preise vergeben, darunter solche für Dokumentar-, Kurz- und Trickfilme. Einzigartig sind die Kategorien „Best Louisiana Feature“ und „Best Louisiana Short“ für Filme von Künstlern, die seit Januar 2010 in Louisiana leben. Es gewannen in diesem Jahr The Experiment von Ben Lemoine über die öffentlichen Schulen nach dem Hurrikan Katrina und Chasing Dreams: A Leah Chase Story über die „Königin der kreolischen Küche“ und Aktivistin Leah Chase.
Eröffnungsfilm war der Dokumentarfilm The Big Fix über die BP-Ölkatastrophe 2010 und die historisch enge Beziehung zwischen Politik und Ölfirmen in Louisiana. Der Film wurde von Tom Robbins und Peter Fonda produziert und von den Aktivisten Josh Tickell (aus Mandeville, Louisiana) und Rebecca Harrell Tickell gefilmt. Während er dieses Jahr in Cannes nur spärlich besucht war, waren die Vorstellungen in New Orleans ausverkauft.
Das Filmfestival war auch Anlass für die Rückkehr von Paul Gailiunas, Arzt und Witwer der Filmemacherin und Aktivistin Helen Hill, die 2007 in ihrem Haus in ihrer Wahlheimat New Orleans ermordet wurde. Und zwar zu einer Zeit, wo Leute wie dieses junge Paar versuchten, der Stadt nach Katrina wieder auf die Füße zu helfen, und die hohe Mord- und Kriminalitätsrate einige für immer aus der Stadt vertrieb. Paul Gailiunas war bei dem Überfall selbst verwundet und später sogar des Mords verdächtigt worden. Mit Zögern und Unruhe kehrte er jetzt in die Stadt zurück, um den Film vorzustellen, den Helen Hill begonnen und er fertig gestellt hat. The Florestine Connection, nur 31 Minuten lang, erzählt die Geschichte der Kleidermacherin Florestine Kinchen, aber auch die Geschichte von Helen Hill und New Orleans, so heißt es. Der Film wurde zuerst im Contemporary Arts Center gezeigt. In der nachfolgenden Fragestunde ging es noch einmal um das Verbrechen selbst und darum, was Helen Hill und ihr Mann für die Stadt bedeutet haben. Und schließlich, so berichtet die Times-Picayune, sagte ein Mann in der letzten Reihe: „Es ist vielleicht anmaßend, aber New Orleans heißt Sie wieder herzlich willkommen.“ Also, mich bewegt so etwas.



Donnerstag, 20. Oktober 2011

Im Kid Creole in Friedrichshagen

Anfang Oktober, genauer gesagt am Nationalfeiertag, war ich im Kid Creole in Berlin-Friedrichshagen zum Essen eingeladen. Das ist nicht einfach nur ein Restaurantbesuch, es ist ein Ausflug, eine S-Bahn-Fahrt mit viel Grün und Sonnenschein; dann flaniert man die alleenhafte Bölschestraße entlang und isst zuvor noch ein Eis (mein Tipp: Sesam öffne dich, wirklich eine kleine Eröffnung).
Dann kehrt man in einen verwunschenen Hof ein, wo ich es schon sehnsuchtsvoll beäugt hatte: das Kid Creole. Man lümmelt unter Bäumen auf Korbmöbeln oder sitzt drinnen an geöffneten Glastüren. Das Haus ist alt und vielleicht wurde ein Geschoss herausgenommen, denn das Dach ist hoch und spitzwinklig und mit Balken. Die Wände sind ockerfarben und mit Sumpfszenen bemalt. Alles ist mit Kerzen ausgeleuchtet; es läuft dezente Countrymusik, und die Bedienung trägt dunkel mit langen Schürzen.
In der Speisekarte steht eine ganz ähnliche Einleitung wie im Louisiana Kid vor ein paar Wochen; auch einige Gerichte sind ganz ähnlich (Spinat mit Bananenscheiben!) und ich ahne, wer hier vom Kid Creole abgeschrieben hat. (Note to Self: Muss endlich mal den Unterschied zwischen Creole und Cajun erklären.). Wir bestellen Jambalaya und Shrimp Etouffée und einen Rosé-Wein, der dann doch sehr lieblich ist. Das Jambalaya ist einen Hauch zu tomatenmarkig. Es gibt zwar Rezepte mit Tomaten, aber der Hauptgeschmack ist normalerweise vor allem scharf und nicht tomatig. Ein Etouffée kenne ich als cremig und mit Krebsen und eher labbrig, während die Soße hier tiefbraun und sehr würzig und mit Sojasoße versetzt zu sein scheint. Doch wir lassen uns jeden Bissen auf der Zunge zergehen, und ich bestelle noch eine Extraportion Reis, weil es so gut schmeckt, in dem stimmigen Raum mit Blick auf die letzten Herbstsonnenstrahlen. Die Bedienung ist aufmerksam und alles irgendwie ruhig und liebevoll.
Dann fegte ein älteres Ehepaar an den Nebentisch, und ER fing an eifrig zu fotografieren, während SIE an immer anderen Plätzen nachdenklich oder lächelnd oder aufblickte oder in der Speisekarte blätterte. Als die Tochter mit Baby im Bauch und dessen Vater am Arm hereinkam, waren wir dann schon weggeblitzt. Im Nebenzimmer hatte sich eine Gruppe junger Leute zusammengefunden, und als ich so wartete, sah ich sie an der Decke: die Fahne Louisianas mit einem Pelikan und seinen Jungen und der Losung „Union, Justice & Confidence“ (Einheit, Gerechtigkeit & (Selbst)vertrauen). Hehre Wünsche, immer noch.
Das machte es dann doch echt und ernsthaft, ein rührend aufrichtiges Bemühen um ein Stückchen Louisiana in Berlin. Bei unserem Spaziergang zur Bahn gerieten wir in eine bizarre Demo gegen die Nachtflüge des neuen Flughafens, und also zurück nach Berlin. Trotzdem: Ein Ausflug nach Friedrichshagen, in wieder ein imaginäres Louisiana—jederzeit wieder!

Dienstag, 18. Oktober 2011

Gouverneur wird man nicht schwör?

Diese Woche, am Sonnabend, den 22. Oktober 2011, findet in Louisiana der erste Wahlgang für die Gouverneurswahl statt. Es gilt als fast sicher, dass der amtierende republikanische Gouverneur im Amt bestätigt wird. Eine Fernsehdebatte der Kandidaten wurde vom Sender abgesagt, und er selbst scheint sich so sicher zu sein, dass er einer Debatte an der Louisiana State University mit den anderen Kandidaten in der letzten Woche fernblieb.
Interessant ist vielleicht, dass der amtierende und vielleicht zukünftige Gouverneur Piyush „Bobby“ Jindal (sprich: Dshindel) heißt, gerade mal 40 Jahre alt ist und indischer Abstammung, was man auch in Louisiana nicht so häufig hat. Bei einigen Republikanern wird er als Präsidentschaftskandidat der Zukunft gehandelt.
Doch in Louisiana wählt man zumeist eher demokratisch, von 1877 bis 1980 sogar ohne Unterbrechung. Jindal löste 2008 die vorherige Gouverneurin Kathleen Blanco ab, eine Demokratin, mit der man bei ihrer Wahl große Hoffnungen verbunden hatte. Doch—wie der New Orleanser Bürgermeister Ray Nagin—wurde sie beim Hurrikan Katrina und dessen Folgen „gebrochen“ und stellte sich damals sich gar nicht erst zur Wiederwahl.
Jung, ethnisch, dynamisch ist Bobby Jindal, aber auch katholisch und konservativ. Er regiert mit eiserner Hand, kürzt, wo es geht, vor allem auch im Hochschulbereich, will altehrwürdige Institutionen zusammenlegen. Er setzt sich für erneuerbare Energien und die Verantwortlichkeit von Ölfirmen ein (bei der BP-Ölpest 2010 war er auch sehr präsent), hat aber andererseits ein Gesetz unterzeichnet, dass Lehrer an öffentlichen Schulen neben der Evolution auch den Kreationismus unterrichten dürfen (was zu nationalen Protesten führte). Jindal reist viel im Staat und anderswo herum und wird dafür auch kritisiert.
Die Hauptstadt von Louisiana ist übrigens Baton Rouge. Am Anfang war es natürlich New Orleans, dann kurz Donaldsonville (zwischen den beiden Städten am Mississippi gelegen, jetzt ca. 7.500 Einwohner), dann wieder New Orleans, und 1849 wurde die Hauptstadt endgültig nach Baton Rouge verlegt. In der Stadt sollen damals nur ca. 2.250 Menschen gelebt haben, gegenüber mehr als 100.000 in New Orleans, das damals die viertgrößte Stadt der USA war. Grund für die Verlegung war die Angst, dass sich in der größten Stadt des Staates zu viel Macht konzentrieren könnte. Dem ist äußerst erfolgreich entgegengewirkt worden: Einen Gouverneur aus New Orleans gab es seit 1939 nicht mehr, und bis heute herrscht ein gewisses Misstrauen zwischen den beiden Städten.
Gegen Bobby Jindal treten einige demokratische und einige unabhängige Kandidaten an. Der zweite Wahlgang ist am 19. November.

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Oktoberfest in New Orleans

Dieses und nächstes Wochenende richtet das Deutsche Haus. The German Presence in New Orleans sein Oktoberfest aus, dieses Mal in dem westlichen Vorort Kenner. Dort gibt es natürlich Bier, Sauerkraut, Bratwurst, Kartoffelsalat und andere typische Köstlichkeiten (oder muss es heißen „köstliche Typischkeiten“?). Außerdem "live Polka and oompah music, and the now-famous German chicken dance", d.h. live Polka- und Umptata-Musik und der jetzt berühmte Ententanz. 
Ja, das Bild der deutschen Kultur in den USA hat mir schon immer großes Unwohlsein verursacht. Im Mittelwesten ist ja die deutsche Präsenz viel stärker, in St. Louis (Missouri), Chicago (Illinois), Cincinnati (Ohio). Dort kommen auch die deutschsprachigen Zeitungen voller Nazimief her, die noch nicht mitbekommen haben, dass das jetzt hier zum Glück ein anderes Land ist. Deutsche Kultur in den USA ist vor allem bayrisch und sehr konservativ.
Glücklicherweise gibt es noch die Goethe-Institute, die gerade die moderne deutsche Kultur vermitteln. In Cincinnati bemühte man sich zum Beispiel, die sozial schwache (und vorwiegend schwarze) Bevölkerung des angrenzenden Viertels "Over the Rhine" (Über den Rhein) in die Arbeit des Goethe-Instituts einzubinden. Aber ach, Cincinnati wurde geschlossen; das Goethe-Institut in Houston, Texas, wo ich Thomas Brussig kennen gelernt habe, auch, St. Louis usw. Gerade in St. Louis gibt es aber wiederum ein herausragendes Deutsch-Institut an der Washington University und eine spektakuläre Expressionismussammlung im Kunstmuseum.
Die kleine deutsche Gemeinde in New Orleans ist sicherlich harmlos. Ich erinnere mich an ein Oktoberfest in den neunziger Jahren im Washington Square Park im Marigny, das schon durch den malerischen, mit hohen Bäumen bestandenen Platz und die lauen Abende traumhaft war. In den letzten Jahren fand es wohl im Deutschen Haus selbst in Mid-City statt. Dieses Haus (seit 1928) musste jetzt geräumt werden, da das gesamte Gebiet (auch eins mit Geschichte) zugunsten eines riesigen und äußerst umstrittenen Krankenhausprojekts abgerissen wird. Insofern hat es auch eine gewisse Brisanz. Deshalb, trotz Männerdiskutierklub und "Saengerchor": Happy Oktoberfest, New Orleans!

Dienstag, 11. Oktober 2011

Neutral

In New Orleans sind einige Dinge anders als anderswo und oft hat das mit der besonderen Geschichte zu tun. Bei Lafcadio Hearn (1870er Jahre), der den Mythos von New Orleans erschaffen haben soll, liest man, dass New Orleans damals – vor Eisenbahn, Autos und Flugzeugen – vor allem mit dem „Spanish Main“, also dem Golf von Mexiko und der (spanischsprachigen) Karibik, verbunden war. Bei seinem Zeitgenossen George Washington Cable, einem Anglo, der über die Kreolen und ihre Bräuche und Sprache schrieb, versteht man, dass die Stadt viele Jahrzehnte nach dem Louisiana Purchase (dem Kauf Louisianas durch die Amerikaner) immer noch französisch kultiviert war. Der Bürgerkriegsschinken Traum von Louisiana (Wild is the River) von Louis Bromfield zeigt, dass es auch um den Konflikt der unterschiedlichen Kulturen und Temperamente ging.
Im French Quarter (dem französischen Viertel) oder Vieux Carré wohnten damals die französischsprachigen Kreolen, während sich die zuziehenden Amerikaner jenseits der Canal Street im heutigen Central Business District ansiedelten. Der Streifen, der die Grenze zwischen den verfeindeten Bevölkerungen markierte, soll der Legende nach der Mittelstreifen auf der Canal Street gewesen sein, dass was man in den restlichen USA „median (strip)“ (Mittelstreifen) nennt. In New Orleans ist das der „neutral“ oder „neutral ground“ (sprich: njutrel).
Vor allem der neutral auf der St. Charles Avenue ist heutzutage äußerst belebt: die Straßenbahn rattert hin und her, zwischendurch wird gejoggt, der Hund ausgeführt, rauchend telefoniert usw. Zum Karneval stellt man dort Picknickstühle und Stehleitern entlang der Umzugsrouten auf. Viele der großen Straßen in New Orleans haben neutrals. Und „Amerikaner“ und Kreolen verstehen sich jetzt meistens eigentlich ganz gut.

Sonntag, 9. Oktober 2011

A Studio in the Woods

In dem deutschen Dokumentarfilm The Sound after the Storm, der Anfang des Jahres hier in einigen Kinos lief, erzählt der Klarinettist, Jazzhistoriker und Universitätsprofessor Dr. Michael White, wie er im Hurrikan Katrina sein Haus und sein Jazzarchiv verloren hat, darunter ein Mundstück von Sidney Bechet, eine Originalnotenschrift von Jelly Roll Morton und 4.000 Bücher. Ein einmonatiger Aufenthalt 2007 in A Studio in the Woods, so erzählt er, habe ihm damals geholfen, wieder arbeiten zu können. Das Ergebnis war eine neue CD Blue Crescent (unter click here gibt's dort eine Hörprobe).
A Studio in the Woods (Ein Studio im Wald) ist ein Programm der renommierten Tulane University in New Orleans, inmitten von ca. 3 Hektar Waldgebiet am anderen Ufer von New Orleans (der West Bank) am Mississippi gelegen. Die frühere Zuckerrohrplantage ist seit zehn Jahren eine Residenz für Künstlerstipendiaten. Das Besondere ist die kreative Stille und Ferne zur Großstadthektik, kombiniert mit der intimen Nähe zu dieser einzigartigen südlousianischen Natur, zum Mississippi und zum Wald. Teile des Waldes sind seit 30 Jahren nicht betreten worden; Ziel ist es, in den nächsten 50 bis 75 Jahren den Urzustand wieder herzustellen. Eine einzigartige Kombination also aus Kreativität und Umweltschutz. 
Die Autorin Sheryl St. Germain berichtet in einem kürzlich veröffentlichten Essay von ihrem Aufenthalt im Mai 2005, unter schwierigen persönlichen Bedingungen, und über einen Spaziergang, den sie im Jahr darauf nach Katrina dort mit dem Umweltkurator David Baker unternahm. Er machte sie einerseits auf die Zerstörungen aufmerksam, der Baumkronen und der Pflanzen, und zeigte ihr andererseits, dass diese auch Chancen für andere Pflanzen bietet, für die Zurückdrängung einer chinesischen Parasitenpflanze. Selbstheilungskraft der Natur eben.
Im Frühjahr 2011 gab es die letzte Ausschreibung zum Thema Ebbe und Flut für mehrere 60-tägige Aufenthalte. Die Filmemacherin Rebekka Snedeker war jetzt im September dort, der Lyriker Benjamin Morris ist es wohl jetzt gerade, beide aus New Orleans. Am Freitag begann eine Ausstellung zum 10. Jahrestag des Bestehens in der Carroll Gallery auf dem Campus der Tulane University: „10 years, 47 artists“.
Ich war noch nie in A Studio in the Woods. Aber ich träume...

Samstag, 8. Oktober 2011

Nachrichten

1
Die „Occupy Wall Street“-Bewegung (Besetzt Wall Street) hat am Donnerstag, 6. Oktober, New Orleans erreicht. Um Mittag versammelten sich wohl etwas 400 Protestierende unter dem Motto „Occupy NOLA“ (Besetzt New Orleans, Louisiana) und marschierten vom Gerichtsgebäude am Rathaus vorbei durch das Central Business District. Es wurde skandiert und musiziert, wie man in einem Videoclip unten auf der Seite der New Orleans Times-Picayune sehen kann. Man hörte und sah auf einem Transparent: Who dat? (Who is that? – Wer ist das?), den Schlachtruf der Fans des American Football-Clubs New Orleans Saints der letzten Saison. Die Antwort auf dem Transparent lautet: We dat 99% (Wir sind die 99%), d.h. gegenüber den 1% Reichen des Landes.
Bürgermeister Mitch Landrieu wurde am Freitagmorgen gesehen, wie er in dem daraufhin besetzten Duncan Plaza bei den Protestierenden vorbeiging und Hallo sagte

2
Beim New Orleans Seafood Festival vor einigen Wochen wurde es versichert und in einem Radiointerview sagte kürzlich auch ein Professor von meiner Alma Mater, Louisiana State University, dass alles gut aussehe, ein Jahr nach der durch BP verursachten Ölpest im Golf von Mexiko, direkt vor der Küste Louisianas. Aber jetzt zeigt eine Studie, so das Medienzentrum von LSU, dass zwar kaum noch Ölspuren im Wasser zu finden sind und die Fische in den Marschen „sicher für den Verzehr“ sind. Sie weisen aber alarmierende biologische Veränderungen (z.B. an den Kiemen) auf, die das Überleben und die Fortpflanzung der Fische gefährden. Aus den Erfahrungen der Exxon-Valdez-Ölkatastrophe 1989 vor Alaska, weiß man, dass dies Vorboten für langwierige Folgewirkungen sind. Vorbei ist es also noch lange nicht.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Gestern Abend im Zosch

Das Zosch ist eine Kneipe in der Tucholskystraße in Berlin-Mitte, wo ich auch schon mal einen Tee getrunken habe. Steigt man aber zum Beispiel am Mittwoch ab 22 Uhr die gebogene Treppe hinab und geht dort, wo es nicht mehr weiter zu gehen scheint, nach links hinten durch, dann kommt man in ein mit Stimmen und Menschen brodelndes Kellergewölbe. 
Mittwochs spielt die Band La* Foot Creole New Orleans Jazz, und mittwochs ist Stammtisch des Goethe-Instituts. Eine äußerst charmante Kombination. Die Musiker spielen ganz locker und improvisiert vor sich hin und raunen sich dabei auch mal was zu oder meckern sich an oder schrauben an ihrem Instrument herum; indessen lernen sich die jungen Goethe-Studenten intensiv kennen, und es wird kräftig geraucht. 
In der Pause erzählt mir der Bandleader (auf dem Foto hinten rechts mit Trompete und hellblauem Hemd), dass er in den siebziger Jahren in New Orleans tags auf dem Bau gearbeitet und abends in den Klubs gespielt hat, u.a. in der Preservation Hall mit berühmten, jetzt schon nicht mehr lebenden Musikern. Wie so viele andere, fragt er mich, ob New Orleans überhaupt noch stehe. (Na klar, das bleibt. Darüber ein andermal.) 
Im zweiten Set lässt er mich fragen, was ich mir wünsche. Ich, perplex, sage schnell Basin Street Blues. Und schon wechselt der Rhythmus und sie spielen ihn, den Blues, und als er dann noch anfängt zu singen, ein bisschen von Louis Armstrong inspiriert, da stoßen sich die jungen Goethe-Studenten gegenseitig in die Seiten und machen: Psst und schsch! Und ich werde ganz bestimmt wieder einmal am Mittwoch ins Zosch gehen.
*La ist hier sicher der Post-Abkürzung für Louisiana nachempfunden.

Dienstag, 4. Oktober 2011

Anne Rice zum Siebzigsten

Die Vampirkönigin Anne Rice feiert heute ihren 70. Geburtstag. In New Orleans als Howard Allen Frances O'Brien geboren und aufgewachsen, zog sie mit 16 mit ihrem Vater nach Texas. Mit 20 heiratete sie den Lyriker und Maler Stan Rice und ging nach San Francisco. Ihr erster Erfolgsroman Interview with a Vampire (Interview mit einem Vampir, 1976), in dem ein Vampirkind vorkommt, heißt es, sei eine Art Trauerarbeit für den Tod ihrer fünfjährigen Tochter an Leukämie gewesen. Nach dem Riesenerfolg kehrten die Rices nach New Orleans zurück, wo das Buch spielt. Anne Rice schrieb weiterhin Vampirromane, erotische und Schauerromane. 
2004, nach dem Tod ihres Mannes, zog Anne Rice nach Kalifornien in die Nähe ihres Sohnes Christopher Rice (*1978), der jetzt auch als Autor erfolgreich ist. (Seinen Roman A Density of Souls, auf Deutsch Grausame Spiele hatte man mir sehr ans Herz gelegt. Es geht um schaurige New Orleanser Friedhöfe, Mord und wahre, weil nämlich schwule Liebe—ich fand’s unsäglich. Nischenliteratur?) Von Anne Rice habe ich noch nichts gelesen, nur einen Auszug aus dem Film Interview with a Vampire (1994) gesehen: mit Tom Cruise, Brad Pitt und Kirsten Dunst, alle blutjung.
In New Orleans war Anne Rice eine Institution. Ihre historische Villa Rosegate im Garden District (1239 1st Street) öffnete sie für Führungen. Zu Lesungen soll sie in einem von Pferden gezogenen Sarg erschienen sein. 1997 legte sie sich mit dem Unternehmer Al Copeland an, u.a. Begründer des Popeyes Famous Fried Chicken-Imperiums. Copeland hatte auf der majestätischen St. Charles Avenue gleich in der Nähe des Garden Districts ein Restaurant namens Straya California Creole Grand Cafe eröffnet, mit Las Vegas-Miami Beach-Dekor, Palmen, schwarzen Leopardenskulpturen vor den Toiletten und seeeeehr viel Neon.
Anne Rice protestierte mit einer ganzseitigen Anzeige im New Orleans Times-Picayune gegen seinen schlechten Geschmack. Es entspann sich eine Fehde, die auch beim Mardi Gras ausgetragen wurde (Copeland angeblich mit Knoblauchring um den Hals, Anne Rice soll aus einer schwarzen Limousine goldene Gummiratten geworfen haben) und die Krewe de Vieux (sprich: Kru de Viu, eine kleine alternative Karnevalsparade im French Quarter) nahm alle beide auf den Arm. Anstelle des Straya steht jetzt schon lange ein Cheesecake Bistro; Al Copeland ist vor ein paar Jahren gestorben
Letztes Jahr machte Anne Rice wieder von sich reden, als sie ihren Austritt aus der katholischen Kirche bekannt gab. Katholisch aufgewachsen, war sie aus- und später wieder eingetreten. Jetzt erklärte sie, dass sie sich Christus zwar noch immer verpflichtet fühle, aber keine Christin mehr sein und nicht mehr zu dieser „zänkischen, feindseligen, streitsüchtigen und verdientermaßen verrufenen Gruppe“ gehören wolle. Im Moment tourt sie mit ihrem neusten Roman Of Love and Evil (2010).
Die Hinweise auf die jeweiligen Geburtstage verdanke ich übrigens Garrison Keillors Writer's Almanac.

Sonntag, 2. Oktober 2011

„Swingin’ New Orleans“ im Haus der Sinne

Gestern war im Haus der Sinne im Prenzlauer Berg die monatliche Swing & Jive Night unter dem Thema „Swingin’ New Orleans!“. Alle waren eigentlich vor allem zum Swing tanzen gekommen und konnten es auch wirklich. DJ Kuddlemuddle legte ausschließlich Swing aus New Orleans auf und später spielten The Seven End Stompers aus Zehlendorf live. Swing aus New Orleans meinte hier Dixieland oder den sogenannten New Orleans Jazz, das heißt die Musik von Louis Armstrong und seiner Zeit, und davon die Stücke, zu denen man Swing tanzen kann. 
Die Band war siebenköpfig, mit Posaune, Trompete, Klarinette/Saxophon, Klavier, Kontrabass, Banjo und Gesang/Trommel, meist weißhaarige Hasen, aber der singende DJ und der Klarinettist waren jung. Sie spielten den bekannten „Basin Street Blues“ (die Basin Street gleich außerhalb des French Quarters gehörte zum legendären Rotlichtviertel Storyville, wo Louis Armstrong und der Jazz gemacht wurden), „Ain’t Misbehavin’“ und andere Stücke, die mir nicht so geläufig waren. Der DJ hatte wirklich Ahnung, und später legte er auch „Just a Gigolo/I Ain’t Got Nobody“ von Louis Prima auf, der natürlich auch aus New Orleans war. 
Auf die Musik an sich achtete wohl kaum jemand, denn alle waren eifrig und überschwänglich mit Tanzen beschäftigt. Und wie! Viele ganz jung, manche wenige sogar im Look der Zeit, die Dame mit eingerolltem Haar und schwingendem Rock, der Herr mit Anzug und Hut. Und einige mit diesen schwarz-weißen Schuhen. Ob es so etwas auch in New Orleans gibt, weiß ich nicht; authentisch schien es mir wirklich nicht. Aber es war fröhlich und äußerst beswingt, und alle, wirklich alle, genossen den Augenblick.
Und was ist schon authentisch? Inzwischen kann ich mich einfach an der Idee von New Orleans freuen und wie sie hier und anderswo inszeniert wird. Denn diese Idee, von Lebensfreude, Kreativität, Gemeinschaft und so weiter, ist in ihrem Kern absolut authentisch.  

Freitag, 30. September 2011

Truman Capote zum Geburtstag

Heute ist der Geburtstag des Schriftstellers Truman Capote (sprich: Kapoti), der 1924 in New Orleans geboren wurde (gestorben 1984). Bekannt ist er vor allem für seine Novelle Frühstück bei Tiffany (Breakfast at Tiffany’s, 1958) in der Verfilmung von 1961 mit der zauberhaften Audrey Hepburn und dem zauberhaften New York. Holly Golightly wird in dem Film als zartes, unbekümmertes Lebemädchen gezeigt, doch in der wesentlich längeren Novelle klingen für mich (und bei wenigstens noch einer anderen Rezensentin) auch ein paar Tiefen und eine kindliche Missbrauchsgeschichte an, die der Film ausspart.
Einige Jahre später schrieb Capote Kaltblütig (In Cold Blood, 1966), einen Tatsachenroman über das Massaker an einer Familie im ländlichen Kansas, und schuf damit ein neues Genre, das der nichtfiktionalen Fiktion. Über die Arbeit an dem Buch gab es vor einigen Jahre zwei Filme Capote (2005) und Infamous (Kaltes Blut: Auf den Spuren von Truman Capote, 2006).
Aufgewachsen ist Truman Capote vor allem in Monroeville, Alabama, das seine Busenfreundin Harper Lee in ihrem einzigen Roman Wer die Nachtigall stört (To Kill a Mockingbird, 1960) verewigt hat.
Obwohl Capote später in New York lebte und dort ein divenhaftes Leben führte, kehrte er nach New Orleans zurück, auch literarisch. Die Kurzgeschichte „Musik für Chamäleons“ (Music for Chameleons, 1980) in dem gleichnamigen Band zeichnet ein liebenswürdiges Porträt einer Dame in New Orleans zur Karnevalszeit, sein schwerer, „gotischer“ autobiografischer Roman Andere Stimmen, andere Räume (Other Voices, Other Rooms; 1948) beginnt dort, auch in dem Band Wenn die Hunde bellen (The Dogs Bark, 1973) und anderen geht es immer wieder um New Orleans. In den letzten Jahren sind einige seiner Bücher wieder auf Deutsch aufgelegt worden, bei Kein & Aber und bei Goldmann. Klassiker!

Donnerstag, 29. September 2011

Tennessee-Williams-Jahr?

In Berlin war dieses Jahr eine Art inoffizielles Tennessee-Williams-Jahr zum 100. Geburtstag des Dramatikers. Thomas Lanier Williams (1911-1983) wuchs in Columbus, Mississippi, auf—dem, was eigentlich mit dem „tiefen Süden“ gemeint ist. Er studierte in St. Louis, Missouri, und begann dort zu schreiben. Er nannte sich Tennessee, weil die Familie väterlicherseits von den ersten Pionieren dort abstammte und vermachte später sein Erbe an die Alma Mater seines Großvaters in Sewanee, Tennessee. Doch als er 1939 nach New Orleans kam, sollte ihn die Stadt nie mehr loslassen und wurde Schauplatz seiner bekanntesten Stücke. Hier blühte er auf, fand seine Stimme, begann seine Homosexualität offen zu leben, wurde weltberühmt.
Das English Theatre in Berlin zeigte im Frühjahr Summer and Smoke (Sommer und Rauch, 1948) mit der beeindruckenden Carrie Getman als Alma Winemiller, Tochter eines Pastors (wie auch TWs Großvater). Sie gab ganz passend die propere Debütantin und southern belle (Südstaatenschönheit), bei der es unter dem zarten Teint brodelt und deren Liebe nicht stattfinden kann, weil der lebensfreudige Dandy ihr nichts entgegenzusetzen hat (und ein bisschen galt das auch für die Inszenierung). 
Im Berliner Ensemble lief Endstation Sehnsucht (A Streetcar Named Desire, 1947) in der Regie von Thomas Langhoff, die Geschichte zwischen Blanche und Schwager Stanley und ihrer jüngeren Schwester Stella. Es spielte Dagmar Manzel, die für meine Begriffe zu viel „manzelt“. Vages New-Orleans-Gefühl mit einer kleinen Band, aber das Ganze irgendwie bemüht, unglaubwürdig, seltsam unberührend.
Und dann war da noch Die Glasmenagerie (The Glass Menagerie, 1944) im Maxim-Gorki-Theater, in der Inszenierung von Milan Peschel, wo sich eine tragische Konstellation aus Bruder, behinderter Schwester, neurotischer Mutter in purem Slapstick, Klamauk und Siebziger-Jahre-Design auflöste.
Die Stücke und ihre Figuren sind verschroben, schmerzlich und zutiefst wahr. Vor allem die intensiven Frauenfiguren haben eine Dringlichkeit, einen existentiellen Schmerz, der sie an den männlichen Figuren scheitern lässt. Und auch New Orleans, das sonst meist für Ausschweifungen und Frohsinn steht, ist in diesen und anderen Stücken von Tennessee Williams eine weltschmerzende Dame.
Doch zeigen uns die deutschen Aufführungen nicht, was uns der Dichter heute und hier zu sagen hat. Dabei gibt es noch immer Frauen und Männer, die mit sich, mit einander, mit der Welt kämpfen. Und New Orleans, wo Endstation Sehnsucht und Die Glasmenagerie spielen, ist in den letzten Jahren auf besondere Weise ins Bewusstsein der Welt gerückt. Eine gut gemeinte und doch halbherzige Hommage? 


In New Orleans ist übrigens jedes Jahr Tennessee-Williams-Jahr. Seit 1987 findet Ende März immer das Tennessee Williams Literary Festival im French Quarter statt, mit Lesungen, Vorträgen, Theater und verschiedenen Wettbewerben: Der Lyrik-Wettbewerb für das nächste Jahr ist schon geschlossen, aber für Belletristik und Einakter sind Einreichungen noch bis zum 15. bzw. 1. November möglich. Es winkt die VIP-Teilnahme am nächsten Festival (21. bis 25. März 2012), Flug, Übernachtung im French Quarter...