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Samstag, 15. April 2017

Zwei New-Orleans-Krimis von Joy Castro

Ich habe zwei Krimis von Joy Castro gelesen: Tödlicher Sumpf (Hell or High Water) in der sehr lesbaren Übersetzung von Susanne Wallbaum (dtv 2013) und Nearer Home (St. Martin's Press 2013), den zweiten in der Serie, im Original. Beide spielen in New Orleans und sind spannend, wenn auch eigentlich keine richtigen Krimis. Die Ermittelnde ist hier eine junge Reporterin, Nola Céspedes, die New Orleans aus einer interessanten, Latina-geprägten Perspektive zeigt, eine kulturelle Facette der Stadt, die eigentlich erst nach Katrina so recht an Bedeutung gewonnen hat. Die Autorin weiß, wovon sie redet, und die Stadt und die beschriebenen Schauplätze sind wiederzuerkennen, und nicht nur deshalb habe ich es gern gelesen.
Nola ist eine ungewöhnliche (auf Englisch würde man wohl sagen: unlikely) Heldin. Sie stammt aus einfachen Verhältnissen mit alleinstehender, kubanischer Mutter, lebt in einer WG, ist links, engagiert sich als ehrenamtliche Big Sister für ein Mädchen aus ein mexikanischen Einwandererfamilie, hat eine illustre Freundinnenrunde wie aus Sex and the City und ist eine begabte Journalistin. Dann hat sie noch ein äußerst riskantes, eher sportliches Sexleben, das sich später aus einer Missbrauchgeschichte erklärt. Genau bei einem solchen Abenteuer lernt sie einen Traumprinzen in Form eines fußballspielenden spanischen Umweltwissenschaftler-Gentlemans und Sexhengstes kennen. Und irgendwie sind alle wichtigen kulturellen Eckpunkte abgehakt: Nola hat an der Tulane-University studiert, sie arbeitet bei der New Orleans Times-Picayune, sie fährt nach Grand Isle, wo sie an Kate Chopins Buch Das Erwachen denkt und sich vor Haien fürchtet, die sich dann als Delfine herausstellen; ihr schwuler isrealischer Mitbewohner arbeitet im edlen Columns Hotel auf der St. Charles Avenue.
Dann wäre da noch die eigentliche Krimihandlung, und die überzeugt nur bedingt. In Tödlicher Sumpf recherchiert Nola zur Rehabilitation von Sextätern, durchweg unheimliche und unheilbare, nicht geheilt werden wollende, hoffnungslose Fälle, klärt dabei das Verschwinden einer jungen Frau auf und rettet eine zweite. In Nearer Home entdeckt sie beim Joggen im Park die Leiche ihrer früheren Journalistikprofessorin und fängt an zu ermitteln, wobei sie deren Recherchen zu Korruptionsfällen und den Verzweigungen in der politischen Ebene vertieft. Beides wichtige Themen mit einer politischen Dimension, aber kein stringenter Whodunit.
Der zweite Band ist noch nicht auf Deutsch erschienen, aber auch er liest sich schnell weg. Das umgebende Personal ist weiterhin charmant, aber die Beziehung bröckelt etwas. Doch Nola entwickelt sich persönlich weiter, hadert mit ihrer Beziehung, bleibt aber dran, lernt ihre Mutter und ihre Freundinnen besser kennen usw. Beide Hauptfiguren, die junge Nola Céspedes und New Orleans, sind wirklich gut getroffen. Und vermutlich haben es alle gleich gemerkt, Nolas Vorname ist zugleich ein Kurzwort für New Orleans, Louisiana (LA. ist das Kürzel für Louisiana in der Postanschrift).
Lesbar!

Anhang: Natürlich habe ich mir auch die sehr gelungene Übersetzung angesehen und an einigen Stellen noch etwas weiterrecherchiert.
Virginia-Eichen:  Das ist die deutsche Übersetzung für live oaks, die man im Internet findet, aber ich verwende sie aus mehreren Gründen nicht. Vor allem erinnert „Virginia“ an den Bundesstaat, was ich  irreführend finde, weil der etwa 1600 Kilometer entfernt und deutlich weiter nördlich liegt und diese Eichen dort nicht so häufig, so alt und so für die Landschaft prägend sind wie in Louisiana. Außerdem mag ich die „existentielle“ Komponente des Namens und nenne sie deshalb Lebenseichen. kreolisches Drei-Zimmer-Cottage: Ein Creole Cottage ist ein für Louisiana typischer Haustyp, meist klein, eingeschossig mit Dachboden und symmetrischen Eingängen.
Den Mississippi höre ich nicht:  Darüber habe ich mich gewundert, aber bestimmt steht es so im Original. New Orleans ist eine richtige Stadt, da hört man den Fluss nicht, höchstens an manchen Stellen den Hafen oder  das Hupen der Frachtschiffe.
Esplanade-Grat:  Es geht um den Stadtteil Esplanade Ridge und eine kleine höhere Stelle zwischen den tiefer gelegenen, insgesamt etwa 1,20 – 1,50 Meter höher als das umliegende Gelände. „Grat“ ist vielleicht nicht ganz passend, weil es auch  darum ging, dass N.O. unter dem Meeresspiegel liegt.
Gekochter Crawfish:  Bei einem Crawfish Boil werden auf jeden Fall Krebse gekocht, aber es geht auch um das Drum- und Dran. Es ist eine riesige Sause, meistens im Freien mit vielen Leuten, riesige Pötte mit Crawfish, Kartoffeln und Gemüse, die in Wasser gekocht und dann auf Zeitungspapier auf dem Tisch (meistens langen Biertischen) ausgeschüttet werden. Um den Tisch sitze alle herum,  pulen für sich die Krebse,  fischen das Gemüse heraus und essen mit den Händen.
Momentan läuft der Lokalsender NPR:  National Public Radio ist kein Lokalsender bzw. gar kein eigentlicher Sender. Es ist ein unabhängiges nationales Radio-Verteiler-und Produktions-Netzwerk mit bestimmten Nachrichten- und vielen anderen Sendungen usw., die über lokale Sender ausgestrahlt werden. In New Orleans heißt dieser Sender WWNO und sendet morgens und nachmittags/abends Sendungen von NPR und ansonsten klassische Musik. (Ich habe bei WWNO mal bei einer Spendenkampagne ausgeholfen.) NPR hat nur einen eigenen Sender – hier in Berlin, noch bis Sommer 2017.

Sonntag, 20. Dezember 2015

Der Axtmann von New Orleans

Das mit dem Axtmörder ist so ein amerikanisches Klischee, mit dem u.a. unbegründete Ängste karikiert werden können. Dabei sind Axtmörder im Land der Schusswaffen im Verhältnis relativ selten. Aber New Orleans hatte tatsächlich einen, der vor etwa 100 Jahren sein Unwesen trieb. Bis heute ist nicht mit völliger Sicherheit aufgeklärt, wer es war. Gefasst wurde er nämlich nicht, sondern er hörte irgendwann einfach auf zu morden, wahrscheinlich weil er selbst ums Leben kam.
Es begann in den Jahren 1911-1912, dann gab es eine längere Pause, womöglich wegen eines Aufenthalts im Staatsgefängnis in Angola oder in einer Irrenanstalt, und dann schlug er in den Jahren 1918-1919 in Serie zu und verdiente sich den Namen Axeman of New Orleans. Betroffen waren hauptsächlich italienischstämmige Lebensmittelhändler, die äußerst brutal niedergemetzelt wurden, vor allem auch deren Frauen; gestohlen wurde nichts. Interessanterweise gibt es einen Brief des Axtmanns vom 13. März 1919, der in der New Orleans Times Picayune veröffentlicht wurde. Der Brief ist ein Meisterwerk an Sprachgewandtheit und Zynismus, in dem er ankündigt, dass er die Stadt in wenigen Tagen wieder heimsuchen würde und nur Häuser, in denen in jener Nacht Jazz gespielt würde, vor ihm in Sicherheit wären.
Genau das ist der Aufhänger des Erstlings des Briten Ray Celestin, in dem der Brief gleich zwei Mal abgedruckt ist. Der Thriller trägt den Titel The Axeman’s Jazz und erschien 2014.
Celestin spinnt eine spannende, ausgeklügelte und äußerst blutrünstige Geschichte, in der er fast nichts Interessantes und Ungewöhnliches an New Orleans auslässt: die Mafia, arme irische Einwanderer, Cajuns, kreolische Plantagenbesitzer, Voodoo, Polizeikorruption, Jazzbeerdigungen, einen Kommissar, der erpressbar ist, weil er mit einer schwarzen Frau verheiratet ist und Familie hat, ein Zitat von Lafcadio Hearn, a lil’ love und – Louis Armstrong. 
In der Sache wird von drei Seiten her ermittelt, wovon natürlich nur die eine Untersuchung durch die Polizei legitimiert ist, doch am Ende deckt jede der drei Parteien ihr Drittel auf, so dass für die Leserin das ganze, sehr komplexe Knäuel an Verwicklungen entwirrt wird, während den jeweils anderen beiden Parteien der Rest verborgen bleibt.
Die erste Ermittlerin ist eigentlich ein Team, bestehend aus Ida Davis, einer sehr jungen, sehr begabten und sehr hellhäutigen Kreolin, die in einer Detektivagentur arbeitet und sich dort langweilt, und ihrem Kindheitsfreund, der früher bei ihrem Vater Trompetenunterricht hatte und ihr jetzt bei den Ermittlungen hilft. Anders als sie ist er schwarz, Jazzmusiker und heißt Lewis (und eben nicht Louis, aber ansonsten stimmen alle biografischen Details überein).
Der zweite Ermittler ist Kommissar Michael Talbot, der in der eigenen Polizeiwache geschnitten wird und sich von Korruption umgeben sieht. Kurzzeitig gesellt sich ihm ein sehr junger, sehr fähiger, frisch eingewanderter Ire als Assistent an die Seite, Kerry, der ein eigenes, hoffnungsvolles Geheimnis hat, aber nach dem Prinzip vieler Hollywoodfilme unverschuldet sterben muss.
Der dritte Ermittler ist Luca D’Andrea, italienischstämmiger Expolizist und Michaels früherer Mentor, der von diesem aber wegen seiner Verbandelungen mit der Mafia überführt und jetzt gerade nach mehreren Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde. Er ermittelt im Auftrag der Mafia.
Alle drei Ermittler decken wichtige Intrigen und Zusammenhänge auf und geraten dabei selbst in Lebensgefahr. Den eigentlichen Axtmörder stellt Luca und unterliegt ihm letztendlich im Zweikampf. Vorher wird ihm aber noch klar, dass es mit seiner erhofften Rückkehr nach Italien wohl nichts werden wird, und er erlebt noch so etwas wie Liebe, einen ruhigen Rückzugsort bei einer Frau, bei der nicht viele Worte nötig sind.
Das Buch ist spannend und beeindruckend konstruiert. Aber es ist doch so brutal, dass ich es nicht vor dem Einschlafen lesen konnte, ohne wild zu träumen. Woher so viele Autoren und Filmleute ihre Lust an der möglichst grausamen Vernichtung von Menschen haben (wie bereits gesagt noch über die eigentlichen, historisch belegten Axtmorde hinaus)? Der laut Internet tatsächlich verdächtigte Joseph Momfre wird übrigens nicht erwähnt.
Vorn im Buch befindet sich eine Karte vom New Orleans der damaligen Zeit, in der die verschiedenen Orte verzeichnet sind. Immer wieder gibt es Jazz, man fährt Straßenbahn, ins French Quarter, nach Gretna, zum Bayou St. John, das damals noch außerhalb der Stadt lag, es fallen viele, viele Straßennamen - und doch bleibt New Orleans irgendwie blass.
Blass bleibt auch die Sprache, aber spannend ist es trotzdem. Ganz nebenbei erfährt man viel über die Geschichte der Stadt zum Ende des Ersten Weltkriegs und am Beginn der Prohibition, über den Aufstieg des Jazz und vor allem auch über verschiedene Einwanderergruppen. Manches wirkt ein bisschen sehr ausgedacht, ein unmenschlicher Cajun als Menschenhändler und Zuhälter in New Orleans? Hmm. Und dann ist da noch der ewige, zermürbende Regen, der das ganze Buch durchzieht und der mir so untypisch vorkam, bis eine Figur eine Bemerkung darüber macht und eine Flut voraussagt. In der Literatur gilt übrigens das Jahr 1919, in dem die Französische Oper in New Orleans abbrannte, als Ende der kreolischen Kultur in New Orleans.
Der Axtmann wurde übrigens gleich nach 1919 zum Thema in Musikstücken und Karikaturen, später auch Comics und anderen Büchern, zuerst 1991 von Autorin Julie Smith, auch unter dem Titel The Axeman's Jazz.
Ray Celestins The Axeman’s Jazz ist schon ins Französische (unter dem Titel Carnaval), ins Spanische und ins Türkische übersetzt worden; von einer anstehenden deutschen Veröffentlichung ist mir bislang nichts bekannt. Kann man lesen, vielleicht sogar während der besinnlichen Weihnachtszeit...

Freitag, 10. Juli 2015

Nicholas Christopher: Tiger Rag

New Orleans/Louisiana ist als Sujet und Schauplatz ein Dauerbrenner. Hier meine Rezension von Tiger Rag von Nicholas Christopher, Übersetzt von Pociao,  DTV 2014.
In dieser Kritik auf Spiegel Online hieß es mehr oder weniger: Ist eben ein Unterhaltungsroman. Außerdem schreibe der Autor sehr leidenschaftlich und verliere so manchmal den Faden. Und er versuche, Musik in Literatur zu übertragen. „Und so ist Tiger Rag als Roman nur zu empfehlen für Menschen, die viel Ahnung von Musik haben - und nicht allzu viel Ahnung von Literatur.“ 

Genau das ist für mich der Widerspruch: Für einen Unterhaltungsroman muss man zu viel mitdenken, und andererseits ist er einfach, na ja, nicht unterhaltend genug. Es gibt nämlich Zeitsprünge, Vor- und Rückblenden, unterschiedliche Schriftarten, zwei parallel laufende Handlungsstränge, die am Schluss etwas gezwungen zusammengeführt werden. Es gibt unglaublich viele Namen und Personen, die schwer auseinanderzuhalten sind. Aber es wird viel Geschichte erzählt und mit der Handlung verwoben, so dass ich mich fast die ganze Zeit gefragt habe, was wohl wahr ist und was fiktiv.
Aber vielleicht mal konkret: Es fängt an in New Orleans, mit Charles Bolden (genannt Buddy oder King Bolden), offenbar unter Jazzmusikern eine wahre Legende, auch weil nichts Konkretes überliefert ist, außer sein Einfluss auf die Musiker, die mit ihm gearbeitet haben oder ihm nachgefolgt sind. Bolden spielte Kornett, war gutaussehend, hatte Stil, liebte viele Frauen – und endete relativ jung in einer Nervenheilanstalt, in der er die restlichen Jahrzehnte seines Lebens verbrachte.
Das Buch öffnet mit einer Aufnahmesession in einem Hotel (das es übrigens nicht gibt). Die Buddy Bolden-Band spielt drei Mal, und alle drei Male werden auf sogenannten Edison-Walzen aufgezeichnet. Alle drei gehen verloren, müssen verloren gehen, denn im Internet steht, dass es keine Aufzeichnungen gibt. D.h. eine bleibt doch übrig, und wo es zuerst um den Verlust der beiden ersten geht, ist der Rest des Buches dem Weg der letzten Walze gewidmet, die immer wieder in vertrauensvolle Hände weitergegeben, aber dann gestohlen wird.
Die zweite Handlung ist die um Ruby Cardillo, eine Anästhesistin Ende vierzig, deren Mann sich gerade scheiden lassen und eine Krankenschwester im Alter seiner Tochter geheiratet hat. Rubys Gegenreaktion: Sie schlägt völlig über die Stränge, schläft und isst nicht, trinkt, ist hyperaktiv und bereitet eine Rede für einen Kongress vor, wo sie den einzigen Vortrag hält. Erzählt wird auch von Rubys unsteter Kindheit, mit einer Mutter, die sich eher um den jeweiligen Mann in ihrem Leben und wenig um ihr Kind gekümmert hat. Dann kommt auch Rubys Tochter Devon ins Spiel, Mitte zwanzig ein gestrauchelte Jazzpianistin, die getrunken, Drogen genommen, gestohlen hat und dafür im Gefängnis war.
Rubys Vater war ein Taugenichts-Möchtegernmusiker namens Valentine Owen, der das Bindeglied zwischen den beiden Handlungssträngen bildet. Außerdem hat Ruby als Jugendliche
in New Orleans bei einer entfernten Tante, Marielle, gelebt, die eines Tages spurlos verschwindet und am Ende als Joan Neptune wieder auftaucht. Sie ist das zweite Bindeglied. Devon, die Tochter, begleitet ihre Mutter auf einer mehrtägigen Autofahrt nach New York, wo beide auch ein paar Tage bleiben. Sie suchen dort einen Musik- und Instrumentensammler auf, der ihnen von der Walze erzählt und die Tochter auf die Suche schicken will. Es gibt noch einige Verwicklungen, aber dann taucht die Walze auf, und Devon wird sie veröffentlichen, über Buddy Bolden schreiben und damit irgendwie wieder ins Leben zurückfinden. Es ist ein Happy End, ganz ohne Liebesgeschichte, eins, bei dem die Frauen einer Familie zueinander und in ihrem Zusammensein Kraft und Heilung finden. 
Leider bleiben die Figuren blutleer, schematisch, durchgehend gut oder schlecht, ohne dass wir ihre Motive nachvollziehen können. Ruby ist ein Klischee einer Geschiedenen, die ihr Leben wieder für sich zurückgewinnen will. Auch Devon, aus deren Sicht einige Teile geschrieben sind, bleibt blass. Aber am schlimmsten fällt Rubys Vater aus, eben jener Valentine Owen, der einfach nur durch und durch mies und mickrig und niedrig ist. Das ist unglaubwürdig, denn, wie ich aus Erfahrung weiß, halten sich auch die schlimmsten Schurken tief innen drin für gut oder wenigstens stark. 
Gelernt habe ich auch so einiges, zum Beispiel über den Unterschied zwischen einem Kornett und einer Trompete (Mundstück, Schalltrichter, Ton, Kornett ist schwerer zu spielen; interessanterweise wurde ja früher mehr Kornett gespielt), wie wichtig das Vorhandensein von Zähnen für das Spielen eines Blasinstruments ist und dass man (wie Leonard Bechet, der Bruder von Sidney) zwar ein guter Zugposaunist sein, aber eben mit den Ventilen nicht klar kommen kann.
New York im dicken Schnee wird sehr plastisch (es ist kurz vor Weihnachten), aber New Orleans besteht nur aus Straßennamen und Orten und wird einfach nicht lebendig. Und die Übersetzung? Übersetzt hat es die legendäre Pociao, die viel und offenbar gut übersetzt, denn welche Übersetzerin hat schon einen Künstlernamen? Hier scheint das Original nicht so sehr viel zu bieten: Ortsnamen und Anspielungen sind brav durchexerziert; nur einmal bin ich aufgeschreckt, nämlich bei dem Wort Eintopf. 

Damit ist vermutlich ein Gumbo gemeint und sollte im Fall von New Orleans unbedingt dort stehen. Als Ruby bei Marielle lebt, wird sie mit Shrimps in zehn verschiedenen Zubereitungen verwöhnt, mit „Okragemüse, Löwenzahnsuppe und Gumbo mit Krebsfleisch“ (S. 110).  Später wird die Reaktion von Kollegen und Kritikern auf Buddy Boldens Musik beschrieben. Dort heißt es: „Archimedes Robinson, ein junger Journalist mit schwülstigem Stil, bezeichnete es [Buddy Boldens Art zu Musizieren] im Parade Magazine als 'Delta-Mischung', einen musikalischen Eintopf, den Bolden als erster aufgetischt habe.“ (S. 173)
In meiner kürzlich in Bücher 4/2015 erschienen
„Botschaft aus Babel“ zum Thema „New Orleans Übersetzen“ (S. 62) habe ich dazu geschrieben:
„Zur legendären Esskultur von New Orleans gehört Gumbo – eine mit dunkler Mehlschwitze angedickte, scharfe Suppe mit Okraschoten, Fleisch und vielen anderen Zutaten. Wie Okra ist auch der Name Gumbo afrikanischen Ursprungs, und es ist so viel mehr als nur ein Gericht: Es steht für den besonderen Schmelztiegel New Orleans, mit seinen afrikanischen, karibischen, französischen und vielen anderen Einflüssen. Eintopf mag die knappste Beschreibung dafür sein, aber das Hybride, das für New Orleans so typisch ist, die ganze Feinheit und Würze in einen so urdeutschen Begriff zu zwängen, das funktioniert irgendwie nicht.“ (Wird vermutlich in Bälde ins Internet gestellt, andere Kolumnen siehe hier.) Der „musikalischene Eintopf“ mag bei uns eingebürgert sein, aber in New Orleans sollte man in jedem Fall einen „Gumbo“ servieren.

Was das Leben von Buddy Bolden und den Jazz angeht, ist das Buch äußerst informativ. Zum gleichen Thema gibt es übrigens noch einen früheren, ebenfalls sehr kompliziert aufgebauten Roman von Michael Ondaatje, Buddy Boldens Blues, übersetzt von Adelheid Dormagen, Hanser Verlag 1995.

Mittwoch, 18. September 2013

Lesen, die zweite


Was das alles mit New Orleans zu tun hat?
Mein Leib- und Magen-Buchladen in New Orleans, Octavia Books in der gleichnamigen Straße in Uptown New Orleans, ist ein lichter, mit viel Glas und interessanten Ebenen und Grundriss gestalteter Laden, der auch seit Katrina nach wie vor brummt (so mein Eindruck, ich kenne keine Zahlen). Woran das liegt? Sicherlich an dem besonderen Ort, dem ausgewählten New-Orleans-Sortiment, den liebevoll auf Zettelchen geschriebenen Mitarbeiterempfehlungen, den Lesegruppen und Buchklubs, die sich dort treffen, der ständig aktuellen Webseite mit Lesetipps und Bestellmöglichkeiten und der Auswahl aus 3 Millionen E-Books. Beeindruckend ist aber auch der Veranstaltungskalender, demzufolge allein im September noch 10 Lesungen stattfinden, darunter auch Kinderbuchlesungen.
Und die Autoren scheinen gern dorthin zu kommen. Am 27. September wird Jesmyn Ward aus ihrem neuen Buch lesen, einem Lebensbericht (neudeutsch: Memoir) unter dem Titel Men We Reaped (In etwa: Männer, die wir hervorgebracht haben), in dem sie über fünf junge schwarze Männer, ihren Bruder und Freunde, schreibt, die viel zu früh gestorben sind, letztendlich an den Folgen von Rassismus und ökonomischer Benachteiligung (hier die gestrige Besprechung in der New York Times).
Jesmyn Ward war vor zwei Jahren Preisträgerin des National Book Award für ihren Katrina-Roman Salvage the Bones, den ich hier besprochen habe. Jetzt liegt die deutsche Übersetzung von Ulrike Becker unter dem Titel Vor dem Sturm (bei Antje Kunstmann) vor, die übrigens auch als E-Book erhältlich ist. Jesmyn Ward ist erst um die dreißig, aber ich glaube, hier verschafft sich gerade eine wichtige neue Stimme Gehör. (Geheimtipp?)
Wenn ich mir eine Lieblingsbuchhandlung hier in Berlin wünschen dürfte, dann wäre sie wie Octavia Books, nachbarschaftlich, kompetent, ohne Kaffee und anderen Schnickschnack.

Samstag, 6. Juli 2013

Zora Neale Hurston: Their Eyes Were Watching God


Es war einmal ein junger weißer Englischprofessor aus Nebraska namens Robert Hemenway, der las so gegen Ende der sechziger Jahre Their Eyes Were Watching God und war hingerissen. Also wollte er mehr über die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston (1891-1960) in Erfahrung bringen. Doch er merkte schnell, dass sie nicht nur nahezu vergessen war, sondern dass auch viele widersprüchliche Informationen über ihr Leben kursierten. So packte er seine Sachen, kaufte sich einen Pickup-Camper (einen Pickup-Truck mit Schlafaufsatz) und reiste kreuz und quer durch die östliche Hälfte der USA auf den Spuren seiner Autorin. 1977 erschien dann seine wegweisende Biografie über sie, die eine ganze Welle der Wiederentdeckung auslöste.
(Mich erinnert diese Geschichte ein klein wenig an den großartigen Film Sugarman, den ich vor ein paar Wochen gesehen habe, nur dass es dort um einen mexikanischstämmigen Musiker aus Detroit ging, der sogar noch lebte, und durch seine Wiederentdeckung und dann noch mal durch den Film einen späten Ruhm und Anerkennung erleben durfte. Zora Neale Hurston war eine schwarze Frau, noch dazu aus dem Süden, interessierte sich für die einfachen Menschen und ihre Sprache und Bräuche. Sie starb verarmt und unbekannt.)
Zunächst einmal begannen die African American Studies-Leute, sich für sie zu interessieren, allen voran die noch heute sehr aktive Koryphäe, der Harvardprofessor Henry Louis Gates. Dann machte sich die Schriftstellerin Alice Walker auf die Suche, die sich aus womanistischer Sicht für sie interessierte. In ihrem Essayband In Search of Our Mother’s Gardens von 1973 berichtet Walker über ihre fast erfolglose Suche nach dem verwilderten Grab von Zora Neale Hurston in Florida. (Darin erwähnt sie auch, wie sie bei ihrem Anflug auf Orlando vom Fenster aus Sanford, Florida sah. Das ist der Ort, in dem vor einem Jahr der Jugendliche Trayvon Martin erschossen wurde und wo jetzt der viel beachtete und kontroverse Prozess gegen George Zimmerman läuft, der seinen Tod auf dem Gewissen hat.) Dieser Essay ist übrigens in der deutschen Ausgabe Auf der Suche nach den Gärten unserer Mütter (Übersetzt von Gertraude Krueger, Frauenbuchverlag 1987) nicht enthalten, dafür in einen zweitem Band, Die Erfahrung des Südens. Good Morning Revolution (Übersetzt von Thomas Lindquist und Helga Pfetsch, Frauenbuchverlag 1988 bzw. Goldmann), in dem es zwei Essays zu der Autorin gibt. Es sind "Zora Neale Hurston: Eine Geschichte mit Moral und eine parteiische Ansicht" und "Auf der Suche nach Zora".
Seitdem also steht Zora Neale Hurston bei den African American Studies, bei den Frauen und bei den American Literature-Leuten auf der Leseliste. Zu Recht. Doch in den offiziellen Kanon der amerikanischen Literatur hat sie es noch nicht geschafft, so scheint es mir: zu schwarz, zu eigenwillig, zu südlich.
Zora Neale Hurston war ja nicht nur Autorin der Harlem Renaissance und Schriftstellerin, sondern auch Ethnologin, und so reiste sie durch die Gegend und sammelte Geschichten und Sprache „ihrer“ Leute. Sie tat das mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie auch heute noch nicht unbedingt selbstverständlich ist. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass sie in Eatonville, Florida, aufwuchs, einer der wenigen ausdrücklich afroamerikanischen Gründungen, wo ihr Vater lange Zeit Bürgermeister war und wo man sich lange Zeit nur unter Schwarzen bewegte und mit Weißen gar nicht groß abgeben musste. Heute gibt es in Eatonville ein Zora Neale Hurston National Museum of Fine Arts.
Hurston studierte an der renommierten schwarzen Howard University in Washington, D.C., dann bei Columbia in New York. Sie lebte in New York, forschte zum Hoodoo in New Orleans, reiste durch die Karibik und veröffentlichte Kurzgeschichten, Romane und ethnologische Studien und Sammlungen. In Their Eyes Were Watching God (1937) lässt sie ihre afroamerikanischen Figuren in der örtlichen Mundart sprechen. Ihre (männlichen) Kollegen nahmen ihr das übel, hielten es vermutlich für eine Art Verrat an den Schwarzen, allen voran Richard Wright, Autor des Protestromans Native Son (1941), der darin Rassismus, Unterdrückung und Lynchjustiz thematisiert und wo die Gewalt und Stigmatisierung, wie auch in If He Hollers Let Him Go (1946) von Chester Himes, stark sexualisiert ist. Richard Wright also warf dem Roman vor, die Schwarzen wie in einer Minstrel Show lächerlich zu machen. Ein vernichtendes Urteil.
Doch in Their Eyes Were Watching God geht es nicht so sehr um Rassismus, denn Weiße tauchen gar nicht auf, höchstens ein wenig darum, dass unter den Afroamerikanern die Hellhäutigen oft als schöner gelten und andererseits auch dafür verspottet werden. Und es geht auch nicht um Sex, sondern um Liebe. Es geht um die Hauptfigur Janie, die sich nach einer akzeptierenden, ebenbürtigen Liebe sehnt und sie, ohne selbst aktiv zu werden, nach allerlei Hindernissen auch findet, in dem um einiges jüngeren Tea Cake. Mit ihm kann sie das Leben in vollen Zügen genießen, lernt über Eifersucht und Treue, über Sein und Seinlassen. Zerstört wird diese Liebe durch einen verheerenden Hurrikan, den sie am Okeechobee-See in Florida erleben, wo Tea Cake sie in den Fluten vor einem tollwütigen Hund rettet und selbst von ihm gebissen wird. Um ihr Leben zu retten, muss Janie ihre große Liebe erschießen. (Die Darstellung von Hurrikanen in der Literatur ist auch noch mal ein Kapitel für sich, siehe Jesmyn Wards Salvage the Bones.)
In der Rahmenhandlung kehrt Janie danach in ihren Heimatort Eatonville zurück, wo die Nachbarn reden und sich das Maul zerreißen. Denn einfach eine schwarze Frau zu sein, die wirkliche Liebe sucht und lebt, die sich mit nicht weniger zufrieden geben will und die sich so anzieht, wie sie möchte, das passt bis heute nicht so recht in das allgemein vorgesehene Rollenmuster für schwarze Frauen. Und so ist Zora Neale Hurstons Liebesroman auch schon revolutionär.
Dialekt, Umgangssprache, Mundart in der Literatur ist immer ungewöhnlich und problematisch. Aber im Deutschen noch viel mehr, wo solche Sprache nach wie vor stark regional markiert ist und deshalb leicht lächerlich oder ironisch oder verniedlichend klingen kann. Was macht man also damit in der Übersetzung? Eines der ersten Beispiele, an das ich mich erinnern konnte, war Simple Speaks His Mind von Hurstons Harlem-Renaissance-Kollegen Langston Hughes aus den vierziger Jahren. Darin ist die Gossensprache auch wieder Stilmittel, denn sie charakterisiert einerseits die Hauptfigur als einfach gestrickt, aber doch mit Weisheit und Kritikvermögen gerüstet, so dass er soziale Missstände scheinbar unbedarft karikiert und in Frage stellt. 1960 erschien das Buch zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung von Günther Klotz als Simpel spricht sich aus im Aufbauverlag in der DDR. Günther Klotz ist mir sonst weiter kein Begriff, aber in seinem Nachwort thematisiert er auch die Übersetzung: „Mehr als bei anderen Büchern muß die Übersetzung Ersatz sein, denn sie kann mit der leichten Verschleifung der Hochsprache die eigentümliche Qualität des Originals nur andeuten.“ Das klingt bescheiden, aber in meiner Erinnerung tat er das ganz geschickt und lesbar; die Neuübersetzung von Evelyn Steinthaler im Milena-Verlag scheint neutraler zu sein.
Their Eyes Were Watching God wurde zunächst 1993 von Barbara Henninges für den Ammann-Verlag übersetzt, als Und ihre Augen schauten Gott. Wie alle Erstübersetzungen ist auch diese verdienstvoll, denn sie erschließt diesen schwierigen und eigentümlichen Text furchtlos und korrekt fürs Deutsche, ergänzt ihn durch ein informatives Glossar. Immer wieder bewundere ich wie Übersetzer das früher ohne Internet gemacht haben (besonders auch in der DDR ohne Reisemöglichkeiten), denn so gebildet, belesen und weit gereist man auch sein mag, jeder Text stellt einen doch immer wieder vor neue Schwierigkeiten. Die Mundart bringt die Übersetzerin als Dialekt in unsere Sprache, für mich liest sie sich nach Ruhrpott, andere sehen sie als rheinischen Kunstdialekt. Es mag dafür Rechtfertigungen geben -- auch eine Redeweise armer Leute, regional geprägt usw. -- doch irgendwie macht man so etwas heute nicht mehr und für mich funktioniert es einfach nicht.
Für die Edition Fünf, die persönliche Lieblingsbücher von Frauen nicht nur für Frauen verlegt, hat sich ein Mann der Neuübersetzung angenommen, Hans-Ulrich Möhring, und noch dazu bekennt er, dass dieses Buch, Vor ihren Augen sahen sie Gott, ein Traumprojekt war und damit eines seiner am Horizont fahrenden Schiffe in den Hafen eingelaufen ist. Beides ist ungewöhnlich. Auch er berichtet in einem Nachwort über das Buch und die Autorin und über sein Verfahren. Die Verlegerin Silke Weniger hat mir das so zusammengefasst (und mich damit neugierig gemacht): Er übersetzt, indem er einzelne Sätze im Original stehen lässt. Er selbst beschreibt den Blues als sein leitendes Prinzip. Das liest sich dann zum Beispiel so: „Ah was skeered. Ich hatte Schiss.“ (Bei Barbara Henninges steht: Ich hatte Anx.) oder „Dann musst du ihnen sagen, dass die Liebe nicht so was ist wie ein Schleifstein, der überall gleich ist und mit allem das Gleiche macht, wo er mit in Berührung kommt. Love is lak de sea. Wie das Meer ist die Liebe, immer in Bewegung, aber seine Form kriegt es erst von der Küste, an die es trifft, und die ist von Küste zu Küste anders.“ Für mich entsteht durch diese Doppelung eine interessante Intensität. Es ist, als ob sich die Figuren selbst dolmetschen, selbst erklären und noch kompetenter über sich selbst sprechen.
Überhaupt die Liebe. In meiner kleinen Bücher-Kolumne habe ich sie als grundlegende Übersetzungsmethode für diesen Text ausgemacht, denn das Deutsche stattet die Figuren mit einem besonderen, warmen Witz aus, zeichnet sie mit viel Liebe. Auch in Möhrings eigenem Roman, Vom Schweigen meines Übersetzers (Fahrenheit-Verlag 2008), geht es nicht nur um einen amerikanischen Schriftsteller, der in Deutschland seinem Übersetzer und seiner eigenen Familiengeschichte begegnet, sondern auch um das Übersetzen und Schreiben und die Liebe: „Liebe“, sagt er. „Wirst du deswegen Übersetzer? Vielleicht. Du hast eine Zeitlang im Ausland gelebt, die Lebensweise gefällt dir, die andere Art der Menschen, die Landschaft, das Klima, die Sitten und Gebräuche – die Sprache. Oder du liebst die Literatur eines Landes, einer Epoche, eines Milieus, wünschst dir einen weiteren Horizont – oder wenigstens eine andere Enge als die gewohnte. Wie kannst du, in der Form eines Berufs, deiner Liebe nahe blieben? Andere mag motivieren was will, aber du, Liebestäterin die du bist, kannst du die Liebe bewahren? Wenn du merkst, dass du mit deiner Arbeit keine Karriere machen kannst, kaum die Butter aufs Brot verdienst. Du sagst dir die Wichtigkeit deiner Arbeit vor: du bist Kulturvermittler, Völkerverbinder, was weiß ich. Du engagierst dich in deinem Berufsverband. Vielleicht gewinnst du ein bescheidenes Ansehen. Vielleicht nicht. Aber du musst den Alltag ertragen. Alle müssen das.“
Das klingt ziemlich ernüchternd, aber das Traumprojekt kam erst nach diesem Roman. In der Zeitschrift Übersetzen 01/13 haben übrigens Lektorin Karen Nölle und der Übersetzer über ihre enge Zusammenarbeit berichtet. Und für mich ist es auch diese besondere Konstellation, die Liebe zwischen Lektorat und Übersetzung, die Vor ihren Augen sahen sie Gott auch auf Deutsch so liebens- äh lesenwert macht.
Übrigens: Der Traum ist die Wahrheit, eine lange Nacht über Zora Neale Hurston von Daniela Kletzke und Hans-Ulrich Möhring demnächst im Radio, Deutschlandradio Kultur am 20.7.2013 von 0:05 Uhr bis 3:00 Uhr und Deutschlandfunk am 20.7. um 23:05 Uhr bis 21.7.2013 um 2:00 Uhr.

Dienstag, 4. Juni 2013

Jesmyn Ward: Salvage the Bones


Vor vielen Jahren hatte ich die afroamerikanische Zeitschrift Essence abonniert, las alle schwarzen Autorinnen, derer ich habhaft werden konnte und schrieb gelegentlich auch über sie und ihre Bücher: Sonia Sanchez, Ntozake Shange, Terry McMillan, Maya Angelou, Bebe Moore Campbell, Tina McElroy Ansa, Nikki Giovanni, Marita Golden und viele andere. Damals kam ich zu dem Schluss, dass Toni Morrisons Weltruf und ihr Nobelpreis etwas damit zu tun haben, dass sie eher in einer europäischen oder weißen Tradition schreibt und deshalb ein breiteres, internationales Publikum anspricht. Die meisten dieser Autorinnen, war mein Eindruck, standen in einer ganz anderen, vielleicht eher einer oralen Tradition. Ihre Geschichten waren Frauengeschichten um Liebe, Familie, Selbstbehauptung, Identität, und ihr Stil oft loser, erzählender, vielleicht weniger streng.
Mich sprach das an, auch der Womanism der schwarzen Frauen, den Alice Walker dem weißen Feminismus gegenüber stellte. John Lennon sang 1972 ganz treffend „Woman is the Nigger* of the World“, und man kann sich vorstellen, wo schwarze Frauen in dieser Hierarchie stehen, die sich noch dazu seit über zwanzig Jahren im Rap beschimpfen und objektivieren lassen müssen. Alice Walker, die in Georgia aufwuchs, ist für The Color Purple bekannt, aber mir gefiel auch ihr Roman Meridian, in dem sie über eine junge Aktivistin (sich selbst?) im Universitätsmilieu schreibt, die als Frau in der männerdominierten Bürgerrechtsbewegung aneckt und ihren eigenen Platz finden oder sich schaffen will.
Jesmyn Ward ist eine junge Autorin aus Mississippi und damit aus dem tiefen ländlichen Süden, wo es wirklich nur Schwarz oder Weiß gibt und die allgemeine Armut und Abgelegenheit den Rassismus noch verschärft. In Salvage the Bones hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der armen ländlichen Schwarzen ihrer Heimat darzustellen. Dafür erhielt sie 2011 den National Book Award. 
Es geht um eine Fünfzehnjährige namens Esch, die nur mit ihrem Vater, ihren Brüdern und deren Freunden aufwächst, da ihre Mutter bei der Geburt des jüngsten Bruders Junior gestorben ist. So muss sie selbst die traditionelle weibliche Rolle in der Familie übernehmen und ihren kleinen Bruder mit aufziehen. Als Vorbild der Weiblichkeit hat sie nur verschwommene Erinnerungen an ihre Mutter, den Medea-Mythos, den sie in jenem Sommer liest, und – und das ist im Buch gut nachvollziehbar – China, die Pitbull-Hündin ihres Bruders Skeetah, die gerade Welpen geboren hat.
Die Armut der Familie ist erschütternd, ebenso wie ihre ungeschickten, zum Scheitern förmlich verurteilten Versuche, Geld zu verdienen. Der Alkoholikervater verliert dabei einige Finger, der Bruder Randall die Aussicht auf ein Basketballstipendium und Skeetah eine Welpe nach der anderen und schließlich noch seine geliebte Hündin. Esch ist schwanger, vermutlich von Manny, der mit einer anderen Frau zusammenlebt und wohl genau der unverbindliche, unreife Typ mit gutem Aussehen und jungenhaftem Charme ist, dem Frauen, die es nicht besser wissen – und woher sollte Esch es wissen? –, verfallen. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das, im wahrsten Sinne des Wortes, „in einer Welt der Männer“ aufwächst, an einem Ort, wo alle „hungern, streiten und kämpfen“. Aber Esch schläft auch mit anderen, die sie fragen, als wäre das eben ihre natürliche Rolle. Dann ist da einer, der nicht fragt, und das wundert sie. Es ist Big Henry, auch ein Freund ihrer Brüder, der zu ihr hält und auch in Zukunft für sie da sein wird.
Ein kostenloses Rezensionsexemplar bringt sozusagen die Verpflichtung mit sich, eine Rezension zu schreiben, und so muss ich das Buch auch lesen, selbst wenn ich es eigentlich zur Seite legen würde. Meistens ist das zum Glück so. Hier war es die ausweglose und elende Lebenssituation des Mädchens und ihrer Familie, die ich, da ich die Region gut kenne, bildhaft vor Augen hatte. Doch am Ende des Buches gibt es einen Hoffnungsschimmer in Form von Big Henry.
Das Buch ist meisterhaft komponiert und geschrieben und hat auch etwas Universelles, Europäisches, und nicht nur wegen Medea. Natürlich hat man Jesmyn Ward in Interviews nach William Faulkner gefragt, denn thematisch ist es wie bei diesem: Süden, Mississippi, arme Schwarze. Doch ist ihre Perspektive eine ganz andere, einerseits ethnisch (da sie selbst Schwarze ist und über ihre Heimat schreibt), aber dann auch die einer jungen Frau, die über eine noch viel jüngere Frau schreibt, die sie ja mal war. Hier definieren die Männer, was eine Frau ist. Auch wenn Manny und Skeetah sich darüber unterhalten, ob China, die noch säugt, überhaupt Hundekämpfe abhalten kann, dann vergleichen sie Esch und China. Skeetah ist voller Vertrauen in die Stärke der beiden, anders als Manny, der sich immer wieder abfällig äußert.
Der lautlose Soundtrack, das Hintergrundrauschen des Buches, ist der sich ankündigende Hurrikan Katrina. The Pit, das Anwesen der Familie, liegt wie Jesmyn Wards Heimatort Delisle an der Golfküste von Mississippi an der Bucht Bay St. Louis, unweit des gleichnamigen Ortes. Hier ist Katrina direkt aufgetroffen und an Land gegangen, anders als in New Orleans, das erst durch brechende Dämme überflutet wurde. Hier wurden ganze Strände weggeschwemmt und Häuser von den Fluten weggerissen und dem Erdboden gleichgemacht. Hier sind vertraute Straßenzüge und Häuser seit dem Hurrikan gar nicht mehr vorhanden, einfach verschwunden.
Hier also erlebt die Familie den Hurrikan, den sie wie viele Leute, die ihr Leben lang mit Hurrikanwarnungen leben, unterschätzt hatten. Der Vater sieht zum ersten Mal, das seine Tochter schwanger ist, und wirft sie vor Schreck ins Wasser. Skeetah rettet sie, muss aber dafür seine Hündin China loslassen. Am Ende sind alle in Sicherheit, außer China, auf deren Rückkehr Skeetah und Esch ungeduldig warten.
In Interviews spricht sich Jesmyn Ward immer wieder gegen die Behauptung aus, die Wahl von Obama habe gezeigt, dass die USA post-racial seien, dass also die Rasse keine Rolle mehr spiele. Sie sagt: "Als ich aufwuchs, war ich ständig mit Rassismus konfrontiert, nicht etwa mit verdecktem oder institutionellem Rassismus, sondern mit offenkundigem, Ich-nenne-dich-Nigger-Rassismus. Meine Erfahrungswelt war in keiner Hinsicht post-rassisch und ist es auch heute nicht."** Hier.
Das eine ist sicher der offene Rassismus, aber der Roman zeigt auch deutlich die Trennung zwischen Schwarz und Weiß und die strukturelle Ungerechtigkeit der Armut, die unter Afroamerikanern viel stärker verbreitet ist als unter Weißen. Dabei sind die dargestellten Figuren keine harmlosen, lieben, edlen Schwarzen, sondern schon solche, die sich prügeln, Marihuana rauchen, klauen und eben Hundekämpfe veranstalten. Sie sind aus Fleisch und Blut, nicht perfekt, als Vater und als Geschwister hilflos, doch voller Liebe für einander. Ein großes Buch.
Das Original kam bei Bloomsbury heraus; im Herbst erscheint es bei Antje Kunstmann unter dem Titel Vor dem Sturm in der Übersetzung von Ulrike Becker. Der Titel Salvage the Bones heißt wörtlich Die Knochen retten. Es gibt übrigens schon jetzt jede Menge Lesegruppen zu dem Buch und auch in meinem Exemplar sind begleitende Materialien und Fragen zur Diskussion abgedruckt. Auch als Schullektüre könnte ich es mir gut vorstellen.
* Ich persönlich bin eine Verfechterin von Political Correctness, die leider durch alberne Übertreibungen in Verruf geraten ist. Schon aus Höflichkeit möchte ich Menschen so bezeichnen, wie sie gern bezeichnet werden möchten. Deshalb gehört das N-Wort nicht zu meinem Wortschatz.
** It really bothers me when people say we live in a postracial America. Growing up, I encountered racism all the time, and not covert or institutional racism, but in-your-face, I’m-gonna-call-you-a-nigger racism. There was nothing postracial about my experience, and there still isn’t.

Sonntag, 16. Dezember 2012

John Jeremiah Sullivan: Pulphead


Im deutschen Feuilleton wird John Jeremiah Sullivan als neuer amerikanischer Starautor gefeiert. Dabei ist Pulphead erst sein zweites Buch und sein erstes, Blood Horses. Notes of a Sportswriter’s Son, war zwar auch in den USA ein Erfolg, ist aber auf Deutsch noch nicht erschienen. Sullivans Texte entstammen Magazinen wie dem Gentlemen Quarterly, Harper’s und dem Oxford American und sind für den Band noch einmal intensiv überarbeitet worden. Besonders in ihrem Zusammenwirken eröffnen die Essays dem deutschen Leser ein interessantes, unbekanntes, komplexes Panorama amerikanischer Kultur. 
Der Autor schreibt gewissermaßen vom Rande her, nicht von den geografischen Rändern, der Ost- und der Westküste, die das eigentliche Zentrum der USA darstellen, sondern vom Inland, aus der Provinz, tief aus dem Herzen Amerikas, aus dem alten Süden. Sullivan ist in dem Dreieck von Indiana (na gut, Mittelwesten), Kentucky und Tennessee aufgewachsen, wo er an der University of the South in Sewanee studierte. Jetzt lebt er in Wilmington, North Carolina, und somit doch an der Küste. Wenn man von New Orleans aus guckt, ist das mit dem Süden natürlich so eine Sache, denn zwar gehört Kentucky, woher die alteingesessene, verzweigte, tief verwurzelte Familie Sullivans seit langer Zeit stammt, historisch und politisch auch zum Süden, aber es ist sozusagen geografisch gesehen der Norden des Südens, mit einer Ehrwürdigkeit und Traditionalität, die in Südlouisiana immer mit Fluidität und Hybridität, dem Kreolischen also, einhergeht.
Sullivans Texte sind eine Mischung aus Reportage, Essay und Artikel, versetzt mit autobiografischem Erleben. Das „Ich“-Sagen trauten sich Autoren hierzulande nicht, habe ich in einer Kritik gelesen. Aber vielmehr verarbeitet er doch das Persönliche kunstvoll und mit einem gewissen Lehrmodus zu einer größeren Aussage (statt beispielsweise fiktional) und das ist das Besondere, denn „Ich“ sagen auch unzählige deutsche Zeitgeist-Kolumnen. Die Themenwahl ist ungewöhnlich: Popmusik, Naturgeschichte, Fernsehen, Literatur... und alle werden mit demselben geschliffenen Stil beschrieben, der Beitrag über den letzten der Wailers ebenso wie der über den Naturforscher Rafinesque aus dem 19. Jahrhundert.
Als Übersetzerin habe ich das Deutsche natürlich besonders aufmerksam gelesen und meine seitenlangen Notizen in eine knappe Übersetzungskritik (meine Kolumne Botschaft aus Babel) für die Ausgabe 2/2012 der Zeitschrift Bücher kondensiert, aber einiges will ich hier noch ergänzen. Sullivans Essays basieren auf persönlichem Erleben und auf Recherche, und somit einer sinnlichen Anschaulichkeit, die dem Übersetzer natürlich fehlt, der üblicherweise auch nicht mit dem spezifischen Erfahrungsgemenge aus Christlichem Rock, Botanik, Fernsehserien usw. ausgestattet ist. Deshalb waren am Deutschen vielleicht so viele beteiligt: Übersetzt haben Thomas Pletzinger und Kirsten Riesselmann unter teilweiser Mitarbeit von Tobias Schnettler; lektoriert haben Heinrich Geiselberger und Karsten Kredel. Die Übersetzung ist gut, hat tolle Lösungen gefunden (von denen ich einige in dem Bücher-Artikel nenne), und ich habe so einiges gelernt.
Und doch scheint sich die deutsche Ausgabe eher an Leser einer bestimmten Altersgruppe zu richten, vermutlich die der Lektoren und Übersetzer selbst: Mittdreißiger, gebildet, mit den USA durchaus vertraut. Das ist schade und im Englischen nicht so eindeutig. Gut, für den Titel Pulphead* wäre mir auch nichts eingefallen. Doch das Deutsche klingt immer wieder flapsiger, umgangssprachlicher, auch vulgärer als das Original, das höchstens durch die Themenwahl eine gewisse Vorauswahl trifft. Auch die Reihenfolge der Essays ist verändert worden. Während die britische Version der amerikanischen Abfolge folgt (die mir am schlüssigsten erscheint) und am Ende noch "Hey Mickey!" (den Disney-World-Text) als Epilog mit hineinbringt, nimmt das Deutsche diesen in die Mitte mit hinein, bringt Axl Rose weiter vorn und ordnet anderweitig um, auch womöglich in dem Bestreben, ein jüngeres Publikum zu erreichen. Dabei hat gerade der Axl-Rose-Artikel mir zum Beispiel den weiteren Einstieg in den Band schwergemacht.
Interessant ist auch die Gestaltung des Buches. Im Amerikanischen in gediegenen Tarnuniformfarben, mit vagen, lichtdurchfluteten Bäumen im Hintergrund und einem hängenden Schildchen mit einer Wolfszeichnung drauf. Die britische Aufgabe ist knallorange, mit rot-weißer, geometrischer Schrift, das Deutsche von der Form her ganz ähnlich, aber in Blau-Rot-Weiß, also poppiger.
Der Untertitel Dispatches (Depeschen) from the other side of America bzw. Notes from..., also von der anderen Seite Amerikas, wird im Deutschen Vom Ende Amerikas, eine Wertung, die erstens das Original nicht vornimmt, wie übrigens auch der „heruntergekommene Süden“  im Klappentext, zweitens wie der Spiegel schreibt, nach typisch „old Europe“ klingt, drittens nach dem latenten Antiamerikanismus, der in deutschen Medien so präsent ist.
Über Rafinesque heißt es an einer Stelle, er habe sich die leichte Ungenauigkeit seines ausländischen Tonfalls zunutze gemacht „und fand wirkungsvolle Bilder, auf die Muttersprachler nicht gekommen wären“. Ähnlich schafft ja auch die Übersetzung manchmal fast ungewollt schöne, literarische Effekte. Mir hat zum Beispiel diese Passage gefallen, unter anderem wegen der schönen Umlauthäufung im Deutschen, die auch fürs Auge ein kleines Fest ist. Es geht um Audubon und Rafinesque:

Er führte ihn zur Schnepfenjagd in ein kilometertiefes Schilfdickicht, wo es dunkel und stürmisch wurde, wo sie von einem Jungbären gestreift wurden, das Schilf in der drückenden Schwüle wie Gewehrschüsse knallte und wo „sich verwelkte, am Röhricht hängende Blatt- und Rindenpartikel an unsere Kleidung hefteten“ (S. 395).

Aufmerksam gemacht hat man mich auf das Buch wegen des „NOLA content“ (New Orleans, Louisiana, -Inhalt), wie es in der Adresszeile hieß. Das stimmt in dem Sinne nicht. Natürlich taucht der Name New Orleans immer wieder auf, denn Künstler des Südens, und Musiker erst recht, kommen um die Stadt nicht herum. Es gibt auch einen kurzen, impressionistischen Essay über die Situation kurz nach Katrina, aber der spielt an der Golfküste in Mississippi, die den Hurrikan direkt mit der Breitseite abbekommen hat und zum Teil einfach unauffindbar weggeschwemmt wurde (ich jedenfalls habe einige vertraute Häuser nicht wieder finden können, nicht einmal die Stelle, an der sie standen). Das war furchtbar und Sullivan schreibt einfühlsam über den Überlebungswillen, den Erfindergeist und auch die Demut der Katrinaopfer in einer Notunterkunft. (Mit diesen Worten versuche ich hier das schöne Wort „resilience“ zu erklären, das in einem Trailer für den lang erwarteten Film Beasts of the Southern Wild mit „Sturheit“ übersetzt wird.) 
Der Essay endet mit der ausführlichen Schilderung eines Zwischenfalls auf der Rückfahrt, beim Anstehen nach Benzin, als man Sullivan beschuldigte, sich vorgedrängelt zu haben. Im Kontrast zu der Solidarität der wirklichen Opfer untereinander, die alles verloren haben, zeigt sich hier, wo die Amerikaner, die vielleicht gar nicht direkt von der Katastrophe betroffen waren, wirklich fuchtig werden: wenn das Benzin knapp ist.
Kurzum: Sullivan analysiert, beschreibt, schildert schonungslos, auch mit Witz, sein Land und dessen Realität, ohne es jedoch zu denunzieren. Und deshalb kann man dieses Buch gern jemandem unterm Baum bescheren.

* Zur Bedeutung: „Pulpheads“ sind fanatische Anhänger von „pulp fiction“, d.h. nicht dem Quentin-Tarantino-Film der 1990er Jahre, sondern des Genres. Eigentlich bedeutet „pulp“ auch Fruchtfleisch oder eben die Pulpe, der Brei bei der Papierherstellung. Diese Art reißerischen Groschenromane wurden auf unfertigem, stark holzhaltigem Papier gedruckt, Raymond Chandlers Romane zum Beispiel. Bei „pulphead“ schwingt für mich auch eine gewisse Selbstironie mit, als ob der Konsum solcher Literatur, oder wie bei Sullivan solcher Kultur, das Gehirn ein wenig aufgeweicht hätte. 

Sonntag, 28. Oktober 2012

Alice Kessler-Harris: A Difficult Woman


Vor knapp zwei Jahren notierte ich mir zu meinem ersten Buch von Lillian Hellman, An Unfinished Woman (Eine unfertige Frau): „So ein umwerfendes, offenes Buch! New Orleans, New York, Hollywood, Spanischer Bürgerkrieg, Sowjetunion im Krieg, immer wieder Moskau, die schwierige Liebe zu Dashiell Hammett. Eine Entdeckung!“ Es ist die rasante Autobiografie einer Diva, die während des Bürgerkrieges nach Spanien reist, im 2. Weltkrieg über Alaska und Sibirien nach Moskau und an die Front, Hemingway und anderen großen Namen begegnet und über ihre lange Beziehung zu Dashiell Hammett berichtet. Ich habe das Buch verschlungen und zu einem meiner Lieblingsbücher erklärt. Etwas später versuchte ich es mit Maybe (Vielleicht), doch das war mir zu persönlich und zu viel Klatsch. Als ich dann las, dass Mary McCarthy über Lillian Hellman meinte: „Jedes Wort, das sie schreibt, ist eine Lüge, einschließlich and und the“, war ich zutiefst enttäuscht. Was mich so begeistert hatte, alles erlogen? 
Sicher auch wegen dieser Bemerkung ist Lillian Hellmanns Ruhm selbst in den USA etwas verblichen. Dabei war sie in der Mitte und zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Theaterautorin, die erste Frau unter den erfolgreichen Dramatikern ihrer Zeit, als noch weniger Frauen als heute für die Bühne schrieben. Sie tat dies ausdrücklich als Dramatiker und nicht als Dramatikerin (woman playwright), und bezeichnete ihrerseits Mary McCarthy als „lady writer“. Auch nicht nett.
Aber so war sie, die Person Lillian Hellman, die ihre Zeit vermutlich ebenso stark geprägt hat wie die Schriftstellerin. So gibt es auch mehrere Biografien über sie, doch die Historikerin Alice Kessler-Harris (von der Columbia University) hat ihr jetzt eine ausführliche Biographie gewidmet, die sich ihrem Leben und Werk aus zeitgeschichtlicher Sicht annimmt. Das Buch heißt A Difficult Woman. The Challenging Life and Times of Lillian Hellman (Eine schwierige Frau. Die Herausforderung des Lebens und der Zeiten von Lillian Hellman, zum Bestellen bei Bloomsbury hier). Tatsächlich gehörte Lillian Hellman wohl zu jenen Frauen, die mir mit ihrer Zickigkeit und ihrem Eigensinn eine tiefe Mädchenangst einjagen. Aber als Persönlichkeit, die sich trotz verschiedenster Anfeindungen ihr Leben lang treu blieb, achte und schätze ich sie.
Lillian Hellman wurde 1905 in New Orleans geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend abwechselnd dort und in New York. Sie heiratete jung, ließ sich wieder scheiden, hatte eine Abtreibung. Durch ihre Arbeit in einem Verlag, durch die Ehe und Freundschaft mit Schriftstellern und schließlich auch durch ihre Beziehung zu Dashiel Hammett fand sie selbst zum Schreiben. Zu ihren (hoch moralischen) Theaterstücken gehören The Children's Hour (1934; Kinderstunde), The Little Foxes (1939; Die kleinen Füchse) und Toys in the Attic (1959; Puppenstube).
Nach eigener Aussage blieb sie Südstaatlerin, geprägt durch ihre schwarze Amme Sophronia, und durch New Orleans, eine Stadt mit einem intensiven kulturellen Leben, eine Stadt, wo Schwarze und Weiße schon immer enger zusammenlebten als anderswo. Lillian Hellman war (deutschstämmige) Jüdin und im Sinne des tief verwurzelten Reformjudentums in New Orleans aufgewachsen, was sie von den orthodoxen osteuropäischen Einwanderern zweiter Generation, die in New York ihre Kollegen wurden, grundlegend unterschied.
Unter den Machoschriftstellern ihrer Zeit behauptete sie sich souverän, und gern band sie, auch verheiratete, auch jüngere, Männer freigiebig sexuell in ihr Leben ein, war sexuell selbstbestimmt und freizügig. Das nahm man ihr immer wieder übel. Man nahm ihr auch übel, dass sie nicht intellektuell war, sondern den Geschmack der durchschnittlichen Kulturkonsumenten (middlebrow) ansprach. Sie schaffte es nicht nur, unabhängig von ihrer Arbeit als Schriftstellerin zu leben, sondern durch geschickte und sparsame Verwaltung ihrer Finanzen sogar finanzielle Sicherheit und einigen Wohlstand für sich zu erwerben, was für Frauen ungewöhnlich war und eigentlich auch oft noch ist. Auch das nahmen ihr manche übel. 
Dass sie sich nicht mit den Zielen der Frauenbewegung identifizierte (sexuelle Befreiung, Gleichstellung im Öffentlichen wie im Privaten), brachte ihr viel Unverständnis ein. Auch hier war ihre Haltung konsequent: „Ob nun BH oder nicht BH, wer die Töpfe abwäscht, ob man ein Sexobjekt ist... hat sehr wenig Bedeutung, außer wenn die Frau, die die Tür hinter sich zuschlägt, sich selbst das Abendessen bezahlen und sich aus dem Winterwind in Sicherheit bringen kann.“ 
Sie blieb zeit Lebens unabhängig, und während Dashiell Hammett für seine Überzeugung in der McCarthy-Ära schweigend ins Gefängnis ging, machte sie sich Feinde, indem sie die Kollegen heftig kritisierte, die ihrerseits Kollegen und Freunde verraten hatten. Angst hatte auch sie, aber ihr störrisches Gerechtigkeitsbewusstsein brachte sie dazu, mit Hilfe ihrer Anwälte einen Brief zu verfassen, der ihr bei der Anhörung vor dem Komitee für Unamerikanische Aktivitäten mit etwas Glück zum Triumph verhalf.
Kurzfristig war sie auch Kommunistin gewesen und verteidigte die Sowjetunion noch, als andere sich wegen der Gewalt unter Stalin und wegen seines Vorgehens gegen Juden schon längst abgewandt hatten. Lillian Hellman war kaufsüchtig, eitel, nicht zu Kompromissen bereit, neigte zu Szenen und Unpässlichkeit, war lautstark und aufmüpfig. Sie war auch eine liebevolle und großzügige Freundin und Patentante, eine passionierte Dozentin am College, eine zurückhaltende, sehr feminine Frau.
All das weiß ich aus der umfang- und lehrreichen Biografie von Alice Kessler-Harris, die ihre unterschiedlichen Facetten in jeweils einem Kapitel betrachtet. Wenn der wissenschaftliche Duktus kurzzeitig das Lesen erschwerte, so ist es doch so gut geschrieben (und zugleich akribisch zitiert und dokumentiert), dass ein spannendes Porträt entsteht - der Frau Lillian Hellman, wie auch des Landes, in der Zeit, in der sie lebte. 
Ein ganzes Kapitel (Liar, Liar—Lügnerin, Lügnerin) befasst sich mit den Anschuldigungen von Mary McCarthy und den nachfolgenden zermürbenden Gerichtsprozessen. Lillian Hellman mag manches verdreht, falsch zugeordnet oder übertrieben haben, doch sicher nicht mehr als andere autobiografisch Schreibende. Die Suche nach der Wahrheit war ihr wichtig und immer wieder stellte sie sie in Frage. Die Fehde fand erst mit ihrem Tod 1984 ein Ende; Nora Ephron hat diese in dem Musiktheaterstück Imaginary Friends (Imaginäre Freundinnen) verarbeitet.
Ein wiederkehrendes Thema sind die (oft sehr gehässig formulierten) Aussagen, dass Lillian Hellman nicht schön war und es dennoch geschafft hatte, sich durchzusetzen. Für mich war Lillian Hellman schön genug und mich ärgert so etwas, besonders bei Frauen, wie auch der gegenwärtigen Bundeskanzlerin, deren Beruf Schönheit eigentlich nicht erforderlich macht und - was kann man schließlich für sein Aussehen? Ich nehme an, dass diese Beleidigungen zu Hellmans Lebzeiten genau so unverblümt fielen und dass die Biografin sie dokumentieren wollte. Aber (ver)störend sind sie dennoch.
In der deutschsprachigen Welt mag Lillian Hellman zu unbekannt sein, als dass eine solche Biografie ihr Publikum finden würde. Deshalb holt Euch zum Anwärmen, liebe Leser und liebe Leserinnen, ihre Autobiografie Eine unfertige Frau (in zwei verschiedenen Übersetzungen erhältlich) aus der Bibliothek. Alles, was Lillian Hellman darin beschreibt, hat sie so oder so ungefähr wahrscheinlich tatsächlich in etwa so erlebt.

Freitag, 31. August 2012

Sara Gran: Die Stadt der Toten


Wenn eine Stadt so elementar auf ihre Elemente zurückgeworfen ist wie New Orleans, das jetzt gerade langsam wieder zu sich kommt, je mehr die Lichter angehen, dann scheint es irgendwie trivial und oberflächlich, über Bücher, Filme und andere eher schöne Dinge zu schreiben. Die Dämme haben gehalten, und dieses Mal können die New Orleanser das Gefühl haben, dass sich ihr Land um sie gekümmert hat, sie wichtig findet. Andere Regionen, gleich außerhalb der Stadt, wie zum Beispiel LaPlace, wo die lange Autobahnbrücke über das Wasser beginnt, auf der die Schlüsselszene von Jeff, der noch zu Hause lebt spielt, sind hoffnungslos überschwemmt, und in Baithwaite wurden sogar zwei Tote gefunden. Dann liest man gleich Kommentare im Internet, was für eine Verschwendung von Geldern das sei (14 Milliarden Dollar für die Dämme) und wie unverantwortlich und dumm von den Leuten, überhaupt in solchen Gegenden zu wohnen.
Für viele Menschen ist es eben seit ein, zwei oder auch mehr Jahrhunderten ihre Heimat und das was man im Englischen als „resilience“ bezeichnet, die erstaunliche Standhaftigkeit und Ausdauer, der Pragmatismus, Optimismus und Mut, mit dem sie diese Situationen immer wieder hinnehmen und durchstehen, ist bewundernswert. Selbst wenn man davon absieht, dass New Orleans und die Region mit dem Hafen, mit dem Öl, mit dem Fluss, mit seinem Grund und Boden für das ganze Land von entscheidender politischer und wirtschaftlicher Bedeutung ist (Stichwort: nationale Sicherheit) und schon dafür viel mehr Schätzung und Förderung erfahren müsste, so kann man natürlich die Stadt und die Region auch schon allein deshalb nicht entvölkern und aufgeben, weil das Land und die Welt New Orleans als vagen Sehnsuchtsort brauchen und der funktioniert, anders als vielleicht Vineta, Atlantis, Pompeji, nur mit einer realen Stadt. Man braucht die reale Stadt auch, um dort Krimis und andere Geschichten spielen zu lassen, zum Beispiel Die Stadt der Toten. Ein Fall für die beste Ermittlerin der Welt von Sara Gran.
Erst einmal: Es macht mir absolut keinen Spaß, Fehler in Büchern zu entdecken oder Verrisse oder Kritisches zu schreiben, weil ich mich dann selbst mies fühle. Als mir also ein Leser die Information über diesen Krimi zukommen ließ, den Titel und Untertitel so reißerisch ankündigen, habe ich erst mal ein bisschen recherchiert. Heutzutage schreibt ja fast jeder ein Buch, das in New Orleans spielt, aber Sara Gran hat tatsächlich auch dort gelebt und wird also wissen, so dachte ich mir, wovon sie schreibt.
Sie weiß, wovon sie schreibt, und das macht Spaß. Aber der Reihe nach.
Eingeführt wird die etwas verrückte Detektivin Claire DeWitt, die bei einer anderen großen Detektivin in New Orleans in die Schule gegangen ist. Beide entsprechen nicht dem typischen Bild von Detektiven: Die Koryphäe war eine Grande Dame mit einer Villa im Garden District. Claire ist eine tollpatschige, ungeschmeidige Person, die sich überall unbeliebt macht, und dennoch irgendwie ihre Fälle aufklärt. Sie kehrt nach New Orleans zurück, um das rätselhafte Verschwinden und den mutmaßlichen Tod von Vic Willing, einem Staatsanwalt, aufzuklären, der seit Katrina vermisst wird. Ihre Recherchemethoden sind ungewöhnlich: Sie setzt auf Intuition und Beobachtung, aber auch auf zufällige Begegnungen, Träume und alle anderen Arten von Zeichen. Sie trifft zum Beispiel immer wieder einen jungen Schwarzen, Andray, und dessen Freund, rettet ihnen sogar das Leben, und diese beiden stellen sich am Ende tatsächlich als entscheidende Figuren bei der Lösung des Falls heraus. Doch bevor es so weit kommt, begegnet sie ihnen immer wieder – und konsumiert mit ihnen und ohne sie jede Menge legale und illegale Drogen, was dann auch schon mal etwas langweilig wird.
Der Tonfall des Romans und der Hauptfigur ist schnoddrig und frech und das ist charmant und reißt mit. Über Claire zeigt die Autorin, wie gut sie New Orleans kennt; geradezu genüsslich und mit feiner Ironie platziert sie die Indizien dafür überall im Buch: Hubig’s Pasteten, der Radiosender WWOZ, der lokale Akzent: Yat, die Autoren Julie Smith, Poppie Z. Brite, James Lee Burke, Mardi Gras Indians, das Blau am Himmel der Veranden der alten Häuser, selbst die niedlichen grünen Mönchssittiche, die sich seit Katrina besonders verbreitet haben. 
Damit scheint sie irgendwie auch direkt an und für die New Orleanser zu schreiben, die es müde sind, ihre Stadt ständig falsch dargestellt und falsch gedeutet zu sehen. Bei aller Flapsigkeit fallen einige Spitzen ab: dass man in der Stadt nicht leben, dass man dort nicht glücklich sein kann, wie arm und vernachlässigt bestimmte Stadtteile und Menschen sind... Dann gibt es aber immer wieder Momente, wo sich eine tiefe Liebe für die Stadt zeigt, die der Einwohner, aber auch die der Hauptfigur und der Autorin. Obwohl Hurrikan Katrina nur den Hintergrund für das Verbrechen und die Geschichte bietet, erinnert es durchgehend an dieses Trauma. Der Tod des Opfers, den Claire tatsächlich aufklärt, ist ein zwiespältiger Tod, nicht gerecht, aber vielleicht in gewissem Maße gerechtfertigt.
Es wird auch aus der Biografie der Detektivin erzählt und somit Vorlagen für mindestens zwei weitere Krimis gegeben, denn die Leserin fragt sich: Wer hat Claires Mentorin getötet? Und was ist mit ihrer Schulfreundin Tracy aus Brooklyn geschehen? Claire ist ungehobelt und beziehungsgestört, aber ihr Witz und ihre Schlauheit machen Lust auf mehr.
Spaß machen auch die Verweise auf ihre theoretische Ermittlungsgrundlage: Jacques Silette und sein Buch Détection (reine Erfindung das, aber was für eine!). Immer wieder sind Sentenzen und Zitate aus dem Werk in den Text eingesprenkelt und schaffen damit scheinbare, fast philosophisch-meditative Momente des Innehaltens, die mich an die Samuraisprüche aus dem Film Ghost Dog erinnerten, nur dass jene echt waren, und diese eher mit Schalk und Augenzwinkern serviert werden.
Die deutsche Übersetzung von Eva Bonné liest sich so frisch und frei wie sicher das Original auch: ein reines Vergnügen. Gestutzt habe ich über den „Folksender WWOZ“, denn der Heimatsender vieler New Orleanser spielt vor allem Jazz, Rhythm & Blues, Funk, Musik aus New Orleans eben, aber es kann durchaus sein, dass Claire ihn deshalb als Folk bezeichnet. Für den architektonischen Baustil der „Creole Cottage“ ist Kreolenhäuschen keine schöne Entsprechung, aber eine bessere fällt mir auch nicht ein, ist aber zu überlegen.
Das Buch ist poppig-floral mit abgerundeten Ecken im Orange der frühen 2000’er Jahre aufgemacht, als ob es besonders junge Frauen ansprechen will. Diese (aber vielleicht auch Frauen anderen Alters und junge und alte Männer) lesen in diesem Buch auch, dass New Orleans – auch nach Katrina – genau so eine Stadt ist: lebendig, verrückt, kompliziert, und liebenswert. Ein wirklich unterhaltsames Buch.

Sonntag, 29. Juli 2012

Stephen King: Der Anschlag

Eigentlich passt Stephen King nicht in mein literarisches Beuteschema, aber sein letztes Buch, Der Anschlag (auf Englisch 11/22/63) hat mich doch interessiert. Erstens geht es darin um das Attentat auf John F. Kennedy, und der mutmaßliche Mörder, Lee Harvey Oswald, stammte nun mal aus New Orleans. Zweitens war dieser Roman wohl Kings Lebensprojekt, an dem er schon in den 70er Jahren angefangen hatte zu arbeiten, und Lebensprojekte beeindrucken mich. Drittens heißt es, dass Stephen King generell unterschätzt wird, und das wollte ich überprüfen. Und das habe ich mit Vergnügen getan, obwohl das Buch 1056 Seiten (mit Kings Nachwort) hat.
Hier ist die Geschichte: Jake Epping ist Englischlehrer in einer Kleinstadt in Maine. Er ist Anfang/Mitte 30, geschieden, ohne Kinder und lebt so seinen Alltag. Dazu gehören die häufigen Besuche in Al’s Diner, wo die Hamburger unglaublich billig sind, und ein Englischkurs für Erwachsene, die an ihrem Highschool-Abschluss arbeiten. Darunter befindet sich der Hausmeister der Schule, Harry, der wegen einer leichten Behinderung Spottopfer der Schüler ist. In einem Aufsatz zum Thema Der Tag, der mein Leben verändert hat beschreibt Harry, wie sein Vater die Mutter und die meisten seiner Geschwister mit einem Hammer erschlug und der neunjährige Harry nur knapp mit dem Leben davon kam. Harry erhält eine gute Note und später seinen Abschluss.
Eines Tages bittet Al, der Besitzer des Diners, Jake zu sich und erzählt ihm, dass man in seinem Keller in das Jahr 1958 zurückgehen kann und dass jedes Mal, wenn man zurückkommt, nur zwei Minuten vergangen sind, egal wie lange man dort war. Al hat das jahrelang so gemacht und billig das Fleisch für sein Restaurant eingekauft. Unter anderem hat er auch verhindert, dass ein junges Mädchen bei einem Jagdunfall getroffen wurde. Aber sein großes Ziel, auf das er sich jahrelang vorbereitet hat, wird er nicht mehr erreichen, weil er in den Jahren dort „drüben“ sterbenskrank geworden ist: den Anschlag auf John F. Kennedy zu verhindern. Dazu muss man nämlich in das Jahr 1958 zurückkehren und dann all die Jahre bis 1963 auch dort leben. Al hat alles genau erforscht, recherchiert und vorbereitet. Jake geht kurz hinüber und schaut es sich an, kommt zurück und legt sich schlafen. Am nächsten Morgen ist Al tot, und Jake macht sich allein daran, die Geschichte umzuschreiben.
Auf den folgenden 900 Seiten reist er also in der Zeit zurück, eine Reise wie in ein anderes Land. Die 50er Jahre scheinen sehr authentisch beschrieben zu sein, die Dialekte sind noch viel stärker ausgeprägt als heute, und überhaupt sprechen die Leute anders. Jake passt sich äußerlich schnell an, lässt sich die Haare kurz schneiden, trägt Anzug, Hut usw., aber durch seine Sprache verrät er sich doch beinah hin und wieder, und als er irgendwann Honky Tonk Woman von den Rolling Stones trällert, macht ihn der anzügliche Text verdächtig.
Er lebt zunächst in Derry, Maine, um ganz nebenbei auch noch Harry und seine Familie zu retten, und zieht dann weiter nach Jodie, Texas (beides fiktive Orte), das sich unweit von Dallas, dem Schauplatz des Anschlags, befindet. Derry hat ein denkbar schlechtes Karma, während Jodie genau das Gegenteil davon ist, denn dort schließt er Freundschaften, lässt sich nieder und wird der beliebte Lehrer, der im Leben seiner Schüler etwas bewirkt.
Und das ist auch die Prämisse des Romans: der Schmetterlingseffekt, wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien also in Texas einen Tornado auslösen kann. Welche Auswirkungen hat unser Handeln? Was kann Jakes reine Anwesenheit und Existenz und dann erst seine Arbeit als Lehrer, sein Leben und Lieben bewirken, und das im Texas der 50er/60er Jahre? Und was dann erst das Verhindern des Kennedy-Attentats, und damit eines Ereignisses, eines Tags, das/der das Leben aller Amerikaner und wahrscheinlich die ganze Welt verändert hat? Auf dem englischen Titel heißt es: THE DAY THAT CHANGED THE WORLD. WHAT IF YOU COULD CHANGE IT BACK? (Und, ja, es gibt eine Liebesgeschichte, die beginnt, weil Jake begeisterter Swingtänzer ist und damit als eine Art Oldtimer prima in die fünfziger Jahre passt und die Bibliothekarin der Schule, Sadie, für sich einnimmt. Liebe Männer: Wenn ein Mann gut tanzen und führen kann, macht ihn das sehr sehr attraktiv.)
Nach Jakes Rückkehr in die Gegenwart sind die phänomenalen Konsequenzen seines Handelns unmittelbar sichtbar, und es zeigt sich, dass die Welt dadurch nicht besser geworden ist. Interessanterweise sperrt sich die Vergangenheit auch vehement dagegen, verändert zu werden. Am Ende ist Jake mehrmals zurückgekehrt, und letztendlich ist fast alles, wie es vorher war.
Das alles ist so spannend, dass sich das Buch so weg liest, trotz seiner kleinen Schwächen und obwohl es auch ein bisschen kürzer getan hätte. Das sexuelle Können von Sadie und Jake wird fast ein bisschen pubertär übertrieben. Der traurige Ausblick ins Jahr 2011 ist arg konstruiert und scheint, anders als die historischen Teile, schnell dahin geschrieben. Die Gewaltszenen sind für meinen Geschmack zu lustvoll und zu grausam detailliert dargestellt. Aber ich habe viel über die Zeitgeschichte gelernt, die aufmerksam und liebevoll geschildert wird, und noch mehr Einzelheiten über die Umstände des Kennedy-Attentats.
Zur Übersetzung von Wulf Berger: Solch eine Masse an Text will erst einmal bewältigt werden, wenn man anders als der Autor nicht 30-40 Jahre dafür Zeit hat, und ich vermute, dass die Übersetzung unter enormem Zeitdruck angefertigt wurde. Hier habe ich kaum das Original zu Rate gezogen, weil fast durchgängig noch das Englische hindurch schimmert. Ein Rezensent meinte sogar, der Übersetzer übersetze erst gar nicht und lasse es gleich auf Englisch stehen, und ein Satz ist tatsächlich im Original geblieben, den hat wohl das Lektorat übersehen. Das ist schade: Denn auch wenn Stephen King sicher nicht zur ganz großen Literatur gehört, so ist er doch ein fesselnder Erzähler, und die Idee des Buches und Handlung ist nicht nur faszinierend, sondern auch lehrreich und gewissermaßen philosophisch. Ich hoffe sehr, dass die deutsche Fassung noch einmal überarbeitet wird, damit das Buch auch auf Deutsch den ihm gebührenden Platz findet.
Hier die kleine Ironie des Unterfangens. In diesem Blog geht es um New Orleans. Lee Harvey Oswald stammte aus New Orleans und hat nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion, kurz bevor er nach Dallas zog, mit seiner russischen Frau Marina und Töchterchen June in New Orleans gelebt. Stephen King und sein Forschungsassistent haben zwar jahrelang recherchiert und sind durch die USA gereist, um die Schauplätze zu besuchen, aber um New Orleans scheinen sie einen riesengroßen Bogen gemacht zu haben. Über das Hotel Monteleone, das Jake zur Übernachtung empfohlen wird, haben sie sicher mal was gelesen oder gehört, und das Haus, in dem Oswald dort vor Dallas gelebt hat, findet man im Internet. Der Aufenthalt in New Orleans dauert knapp zwei Seiten und beginnt so: „New Orleans lag nicht auf meiner Route nach Dallas, aber seit die Pings meines Ahnungssonars verstummt waren, war ich in Touristenlaune... obwohl ich weder das French Quarter noch die Dampferanlegestelle Bienville noch das Vieux Carré besuchen wollte.“ (S. 366) Das ist kurios, denn Vieux Carré (Altes Viertel) ist einfach nur der französische Name für das French Quarter, aber es meint dasselbe. Immerhin kenne ich jetzt Oswalds Adresse: 4905 Magazine Street, ca. 5 Minuten von meiner letzten Wohnung entfernt. Ich habe dort mal bei einem Yard Sale ein Tischchen für meine Veranda gekauft, und anders als Stephen King fand ich das Haus nicht besonders bedrohlich. Hier ein Foto.
Das Buch hat übrigens fast ein Happy End. Das hat auch mit Swing zu tun und ist tatsächlich irgendwie bewegend.


Dienstag, 10. Juli 2012

Moira Crone: The Not Yet

Vor allem seit Hurrikan Katrina gibt es eine wahre Flut an Erinnerungsberichten, Essays und literarischen Verarbeitungen (so Tom Piazza: Why New Orleans Matters als eines der ersten, dann kam Chris Rose: 1 Dead in Attic, auch Dave Eggers’ Zeitoun, das ich hier schon besprochen habe). Schon immer gab es auch neue historische Bücher über New Orleans, selten aber ein Blick in die Zukunft. Mir fällt da eigentlich nur ein Satz von Ex-Bürgermeister Ray Nagin ein, der 2006 meinte: „This city will be chocolate at the end of the day“ (Letztendlich wird unsere Stadt aus Schokolade sein), eine Aussage, die nun wirklich nichts Neues erzählt und ihm von seinen vielen weißen Wählern einigen Ärger einbrachte.
Die New Orleanser Schriftstellerin Moira Crone hat in ihrem Roman The Not Yet eine Zukunftsvision vorgelegt, die zeigt, wie es auch kommen könnte, eine ernüchternde Dystopie, in der sie auch ihr Katrina-Trauma verarbeitet:
Es ist die Zeit zwischen dem Jahr 2111 und 2121. Wo New Orleans einmal war, liegt ein riesiges Meer, in dem die Stadt in Teilen erhalten ist. Die Menschen leben nur noch in den oberen Stockwerken ihrer Häuser, und es ist liebenswert-bemitleidenswürdig, wie sie daran festhalten. So sind sie, die New Orleanser, und dabei ist ihre Stadt doch schon lange nicht mehr so wie vorher.
Erzählt wird aus der Sicht der jugendlichen Hauptfigur, dem Findelkind Malcolm, ganz von der Warte seiner Zeit aus und das ist für uns heutige Leser auf den ersten fünfzig Seiten recht verwirrend. Das 22. Jahrhundert in New Orleans ist nämlich eine bizarre Welt, die sich nicht nur physisch, als Umwelt verändert hat, sondern – und das ist fast noch entscheidender – auch politisch, und das hängt mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zusammen. Die United States of America (USA) sind durch eine United Authority ersetzt worden, die alles kontrolliert, auch das biologische Über/Leben und letztlich alle Aspekte des Lebens.
Überlebens-/lebensverlängernde Technologien haben sich durchgesetzt und eine Art biologische Elite geschaffen – die Heirs (Erben). Das ist eine Kaste von Menschen, die sozusagen das ewige Leben für sich entdeckt haben, was bedeutet, dass sie sich eine äußere Schutzhülle zulegen müssen, die sich mit der Mode wandelt und regelmäßig erneuert werden muss - ich hatte dabei Außerirdische aus Science-Fiction-Filmen vor Augen. Diese Schutzhülle brauchen sie zum Schutz vor UV-Strahlen und anderen schädlichen Dingen; essen können sie auch nicht ordentlich, sondern sich nur mit künstlicher Nahrung, Brosia, ernähren, die sich im Mund gleich auflöst. Natürlich muss auch die Fortpflanzung reguliert werden, damit es keine Überbevölkerung gibt. Kein Nicht-Heir darf sie berühren. Dann gibt es da noch die Anderen, die Nats (von natural), Altereds (Veränderte), Yeareds (Bejahrte) und die Not Yets (Not Yet treated – noch nicht behandelt).
Malcolm ist ein Not Yet und trägt als Zeichen dafür einen besonderen Halsreifen. Von Kind an arbeitet er als Schauspieler, um in seinem Trust (Fonds) genügend Geld für die teure Umwandlung zum Heir anzusparen. Doch er erfährt, dass sein Trust leer ist und begibt sich auf eine abenteuerliche Heimreise, bei der er angeschossen und verhaftet wird. Der Roman wird in vielen Rückblenden erzählt und in einer solchen wird Malcolm für seine Umwandlung in einer Art Sanatorium „programmiert“ und schockartig gebildet und erzogen. Aber dort erlebt er auch zum ersten Mal eine magische Anziehung und das Verliebtsein zu Camille, die aus der Welt da draußen kommt, aus einer Enklave, und ganz natürlich und impulsiv ist, sich den Gesetzen der Heirs zu verweigern versucht, ein bisschen die schöne Wilde.
Ihre Rivalin-Feindin, die Wissenschaftlerin Lydia Greenmore, die für Malcolms Ausbildung verantwortlich ist, entlässt Camille, doch Malcolm wird ihr später wieder begegnen. Dr. Greenmore erforscht die Verfallserscheinungen bei den Heirs und nimmt Malcolm dafür als Vertrauten und Assistenten bei sich auf. Zwischen den beiden entwickelt sich eine innige Beziehung, die sich später auf wunderliche Weise erklärt. Kurzzeitig interessiert sich Dr. Greenmore auch für alte spirituelle Praktiken und Religion, doch Malcolm, der immer konform ist, bringt sie wieder auf den rechten Weg.
Malcolm wird Zeuge einer Inszenierung, die die Heirs in Verzücken versetzt: dem Tod einer Frau auf großer Bühne. Erst später wird ihm klar, dass sie alle dem tatsächlichen Sterben der Tochter eines der Mitarbeiter des Findelhauses beigewohnt haben, da die Familie das Geld brauchte. Und so versteht auch Malcolm langsam, wie die Gesellschaft wirklich funktioniert.
Immer wieder taucht Ariel auf, der sein großer Bruder sein will, da sie zusammen gefunden wurden. Anders als Malcolm stellt Ariel die Regeln in Frage und rebelliert dagegen. Selbst ihr Ziehvater Lazarus stellt sich schließlich gegen die Konventionen, doch Malcolm arbeitet weiter zielstrebig auf seine Umwandlung zu. Und doch ist er zwischen Camille und Dr. Greenmore und ihren verschiedenen Welten hin und her gerissen. Am Ende entscheidet er sich für Camille, doch wird er es schaffen, vor dem drohenden, vielleicht letzten Hurrikan zu ihr zu gelangen?
New Orleans existiert nur noch in einzelnen Bestandteilen, wie dem Sunken Quarter (dem versunkenen Viertel), also dem French Quarter, das wie in einem riesigen Goldfischglas erhalten und als touristische Attraktion konserviert ist. Das Findelhaus befindet sich auf der Audubon-Insel, vielleicht einer der kleinen Inseln im heutigen Audubon-Park. Dann gibt es noch die Outer Orleans Islands (Äußere Orleans-Inseln), Museum City (Museumsstadt) und vor allem Re-New Orleans, auch ein schönes Wortspiel mit der Reproduktion und der Wiedererneuerung. 
Um alle Details zu verstehen, müsste ich das Buch wohl noch einmal lesen (oder eben übersetzen, würde ich gern! Gebt Bescheid, wenn Ihr einen geneigten deutschsprachigen Verlag wisst). Nach dem etwas beschwerlichen Anfang wird es richtig spannend, wegen der kleinen Liebe zu Camille (ja, auch ich bin romantisch) und weil der Ausgangspunkt und die Initialzündung glasklar wird, nämlich Hurrikan Katrina.
Denn wie damals steht New Orleans unter Wasser und sinkt weiter. Präsident Bush ist einer der ersten, wenn schon nicht Klone, dann doch Heirs, und Katrina war nur der Anlass für die immer größere Verschärfung der sozialen Unterschiede und Gegensätze, die durch das Eingreifen des Menschen in die Natur eine Bedrohung für die Zukunft und das Überleben der Menschheit darstellt. (Das erinnert mich an ein Thema, das eine meiner Studentinnen kürzlich ansprach, nämlich, dass der verbreitete Einsatz der pränatalen Diagnostik dazu führen würde, dass es immer weniger Finanzierung, weil politischen, weil Wählerwillen, für die Förderung und Inklusion von Behinderten gäbe, denn das Zur-Welt-Bringen von behinderten Babies würde dann gesellschaftlich als persönlicher Eigensinn und Luxus angesehen.)
Schließlich ist das Buch auch eine Überspitzung und damit Kritik am bestehenden Gesundheitssystem der USA, so lese ich es, in dem sich bald nur noch Wenige die nötigen Behandlungen leisten können und damit eine eigene, privilegierte Kaste bilden.
Der Titel The Not Yet bedeutet Das Noch-Nicht, doch bald erfährt der Leser natürlich, dass Malcolm gemeint ist, also Der Noch-Nicht. Aber das Buch beschreibt eben auch eine Welt kurz vor der ganz großen Katastrophe, auch New Orleans, das bei Katrina ja immerhin überlebt hat, hier aber eine Katastrophe, die man vielleicht noch abwenden kann. Es ist eine amerikanische Schreckensvision der Zukunft, aber auch ein fesselnder Bildungsroman - Sozialkritik, Warnung, Nachruf in einem. Es ist Moira Crones Liebenserklärung an New Orleans.
Erschienen ist es bei UNO Press in New Orleans, siehe hier. Von dem Buch inspiriert haben internationale Künstler, u.a. aus Deutschland, Polen, den USA, Brasilien, Großbritannien und Portugal, tolle Grafiken angefertigt, siehe hier.