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Samstag, 26. Januar 2013

Moira Crones "The Not Yet" ist nominiert

Der New-Orleans-Science-Fiction-Roman The Not Yet der Autorin Moira Crone ist auf der Shortlist für den Philip K. Dick Award, einen nationalen Preis für das beste Science-Fiction-Buch im Paperback. 
Ihr Roman zeigt eine zunächst verwirrende, dann faszinierende Schreckensvision einer Menschenkaste, die sich durch Biotechnik unsterblich gemacht hat und alle anderen dominiert und ausbeutet, dabei natürlich Sinnesgenüssen wie der Liebe, auch der körperlichen, völlig entfremdet ist. Die jugendliche Hauptfigur Malcolm, die eigentlich nach beflissener Anpassung strebt, erfährt dabei -- gerade weil er sich verliebt -- letztlich einen Sinneswandel mit unbestimmtem Ausgang. 
Das Ganze spielt in der ersten Hälfte des 22. Jahrhunderts in einem auf Inseln reduzierten New Orleans und Umgebung und ist damit auch eine subtile Verarbeitung des Hurrikans Katrina. Hier meine Besprechung des Romans, hier Moira Crones Antworten auf meinen New-Orleans-Fragebogen (auf Englisch und auf Deutsch) und hier ein paar Auszüge aus dem Roman.
Philip K. Dick (1928-1982) war übrigens ein großer Science-Fiction-Schriftsteller, dessen Bücher zumeist im Paperback erschienen. Die Preisverleihung findet am 29. März 2013 in Seattle statt. Der Preis wird von der Philadelphia Science Fiction Society ausgeschrieben und scheint dotiert zu sein. Zeit, dass die deutschen Verleger den Roman entdecken?

Freitag, 13. Juli 2012

The Not Yet von Moira Crone: Auszüge

Hier einige Auszüge, in meiner Übersetzung:

1
Nach ungefähr einer Meile kamen wir an ein bewohntes Haus, dann ein zweites, dann fünf hinter einander. Eigentlich waren es nur die obersten Etagen von alten Zwei- und Dreigeschossern...  Verrottete, fächerförmige Dachfenster von hohen viktorianischen Häuser und die Buckel der Camelbackhäuser waren zu sehen. Die Bewohner waren wohl aus den überfluteten, unteren Geschossen ausgezogen und hatten sie irgendwie abgedichtet. Jetzt bewohnten sie die oberen Zimmer, hatten die Dachböden zu Wohnzimmern umfunktioniert und die oberen Balkone zu Eingangsveranden.  Mit den Geländern und Toren drum herum, die als Liegewiese, Dock und Sicherheitszone dienten, hätte man die verfallenen Häuser für Hausboote halten können. Am Torpfosten des einen hing ein Schild: „Mach Flutwellen, dann machst du nie wieder Wellen.“ Und das Totenkopfzeichen.
Als ich das letzte Mal hier entlang gekommen war, hatten diese Häuser noch auf schlammigen Landfetzen gestanden und dem Meer standgehalten. Jetzt waren sie ihm zum Opfer gefallen. Doch die Bewohner hatten nicht das Weite gesucht. In gewisser Weise war ihre Existenz illegal - verfolgt wurden sie hier nicht, aber helfen tat man ihnen auch nicht.

2
Die Pflasterstraße, die ich gesehen hatte, war gar keine Straße, und ein Ufer war es eigentlich auch nicht, sondern die breite Oberkante einer riesigen, runden Einfassung. Wir hatten am oberen Rand eines Amphitheaters angelegt, einer Glasschüssel, der unregelmäßigen äußeren Begrenzung, die den Alten Fluss abhielt.
Unter uns, ein Wunder.
Zunächst sah ich die bronzenen Dächer mit den steilen Gauben. Daneben Palmenkronen, die ich noch nie von oben gesehen hatte - üppige, grüne Blüten. Darunter Gebäude mit bunten Fensterläden. Die alte Kathedrale, ein historischer Bau, in der Mitte. Ihre Turmspitze durchbohrte den Himmel und ragte als einzige über den Kai hinaus. Das Tageslicht spiegelte sich darin. Alles andere in diesem ins Wasser eingelassenen Tal war in eine nahezu grelle, elektrifizierte Nacht versunken und schimmerte, denn es war mit einer Glasur überzogen. Die Stadt selbst wirkte wie aus Porzellan, als bewahrte man sie einem Riesen zuliebe in einer Vitrine auf. Irgendwie war mir, als verstieß ich gegen irgendein Gesetz: einfach hierher kommen und das Quarter besichtigen, über das man in meiner Kindheit nur im Flüsterton gesprochen hatte.

3
Durch das Glas hatte ich eine gute Sicht auf Re-New Orleans. Es war frisch und pastellfarben und mit Türmchen und Veranden und Pergolas - makellos, sauber, glänzend und modern. Die Häuser standen dicht beieinander und dahinter erkannte man kleine ummauerte Gärten.

4
Es war fast Sonnenuntergang. Der Kanal stank und die von den Dächern bellenden Hunde fanden sich im Chor zusammen: Wenn einer zu heulen anfing, kläfften die anderen als Antwort. Der Lärm der Generatoren mischte sich mit Stimmen und Gelächter. Einige der Besetzer saßen auf ihren Decks und Terrassen. Die Wohnungen sahen improvisiert und provisorisch aus. Wenn man hier wohnt, dachte ich mir, muss man zu jeder Jahreszeit die Bedingungen neu bewerten und mit den Nachbarn andere Möglichkeiten besprechen – Hausboote, trockenes Land nördlich der Enklave. Ich sah ein paar Frauen in der Dunkelheit rauchen, roch gegrilltes Fleisch. Eine der Frauen rief zu mir herüber: „Hey, mach aus,“ sie meinte meinen Motor. „Siehst du nicht, dass wir hier wohnen?“ Dann: „Was willst du denn, Junge? Was guckst du so?“
Es war, als wäre in den letzten einhundertfünfundzwanzig Jahren nichts geschehen – ich kannte ja die Geschichte, jetzt, wo ich kein kleiner Junge mehr war – ich wusste, wie das alles vor langer Zeit ausgesehen hatte, in dunklen Zeiten, der Vor-Enthüllung. Ein paar Kinder winkten mir zu, begeistert von dem Boot und weil sie wohl dachten, es machte mir Spaß, ein verwittertes Schiff durch die Kanäle und Sümpfe und die überschwemmten Häuser zu lenken, dem einzigen, was von einer großartigen Stadt übrig geblieben war. Sie dachten wohl, es wäre ein Abenteuer – ich kenne das. Aber ich hatte genug von Abenteuern. Irgendwie hatte es aber auch etwas Glitzerndes, Niedliches, dieses Viertel und wie seine Einwohner daran hingen. Als ich klein war, hatte ich das nicht gesehen, und auch nicht, als ich vor ein paar Tagen mit Serpenthead hier entlang gekommen war. Aber jetzt fühlte ich, wie das Leben damals war, als alle noch auf demselben wässrigen, unsicheren Boden standen, als alle wussten, dass sich von einem Moment auf den anderen alles ändern konnte, dass alles angreifbar war, und nicht etwa manches völlig angreifbar und manches überhaupt nicht angreifbar. ... In den Augen der Behörden war es ein Ort am Rand, wo man die Vergangenheit verwerfen, vergessen, ignorieren und gelegentlich für einen exotischen Kick aufsuchen konnte. Eine Stadt, die das Glück hatte, oder verdammt dazu war, nicht bedeutend zu sein.


Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Dienstag, 10. Juli 2012

Moira Crone: The Not Yet

Vor allem seit Hurrikan Katrina gibt es eine wahre Flut an Erinnerungsberichten, Essays und literarischen Verarbeitungen (so Tom Piazza: Why New Orleans Matters als eines der ersten, dann kam Chris Rose: 1 Dead in Attic, auch Dave Eggers’ Zeitoun, das ich hier schon besprochen habe). Schon immer gab es auch neue historische Bücher über New Orleans, selten aber ein Blick in die Zukunft. Mir fällt da eigentlich nur ein Satz von Ex-Bürgermeister Ray Nagin ein, der 2006 meinte: „This city will be chocolate at the end of the day“ (Letztendlich wird unsere Stadt aus Schokolade sein), eine Aussage, die nun wirklich nichts Neues erzählt und ihm von seinen vielen weißen Wählern einigen Ärger einbrachte.
Die New Orleanser Schriftstellerin Moira Crone hat in ihrem Roman The Not Yet eine Zukunftsvision vorgelegt, die zeigt, wie es auch kommen könnte, eine ernüchternde Dystopie, in der sie auch ihr Katrina-Trauma verarbeitet:
Es ist die Zeit zwischen dem Jahr 2111 und 2121. Wo New Orleans einmal war, liegt ein riesiges Meer, in dem die Stadt in Teilen erhalten ist. Die Menschen leben nur noch in den oberen Stockwerken ihrer Häuser, und es ist liebenswert-bemitleidenswürdig, wie sie daran festhalten. So sind sie, die New Orleanser, und dabei ist ihre Stadt doch schon lange nicht mehr so wie vorher.
Erzählt wird aus der Sicht der jugendlichen Hauptfigur, dem Findelkind Malcolm, ganz von der Warte seiner Zeit aus und das ist für uns heutige Leser auf den ersten fünfzig Seiten recht verwirrend. Das 22. Jahrhundert in New Orleans ist nämlich eine bizarre Welt, die sich nicht nur physisch, als Umwelt verändert hat, sondern – und das ist fast noch entscheidender – auch politisch, und das hängt mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt zusammen. Die United States of America (USA) sind durch eine United Authority ersetzt worden, die alles kontrolliert, auch das biologische Über/Leben und letztlich alle Aspekte des Lebens.
Überlebens-/lebensverlängernde Technologien haben sich durchgesetzt und eine Art biologische Elite geschaffen – die Heirs (Erben). Das ist eine Kaste von Menschen, die sozusagen das ewige Leben für sich entdeckt haben, was bedeutet, dass sie sich eine äußere Schutzhülle zulegen müssen, die sich mit der Mode wandelt und regelmäßig erneuert werden muss - ich hatte dabei Außerirdische aus Science-Fiction-Filmen vor Augen. Diese Schutzhülle brauchen sie zum Schutz vor UV-Strahlen und anderen schädlichen Dingen; essen können sie auch nicht ordentlich, sondern sich nur mit künstlicher Nahrung, Brosia, ernähren, die sich im Mund gleich auflöst. Natürlich muss auch die Fortpflanzung reguliert werden, damit es keine Überbevölkerung gibt. Kein Nicht-Heir darf sie berühren. Dann gibt es da noch die Anderen, die Nats (von natural), Altereds (Veränderte), Yeareds (Bejahrte) und die Not Yets (Not Yet treated – noch nicht behandelt).
Malcolm ist ein Not Yet und trägt als Zeichen dafür einen besonderen Halsreifen. Von Kind an arbeitet er als Schauspieler, um in seinem Trust (Fonds) genügend Geld für die teure Umwandlung zum Heir anzusparen. Doch er erfährt, dass sein Trust leer ist und begibt sich auf eine abenteuerliche Heimreise, bei der er angeschossen und verhaftet wird. Der Roman wird in vielen Rückblenden erzählt und in einer solchen wird Malcolm für seine Umwandlung in einer Art Sanatorium „programmiert“ und schockartig gebildet und erzogen. Aber dort erlebt er auch zum ersten Mal eine magische Anziehung und das Verliebtsein zu Camille, die aus der Welt da draußen kommt, aus einer Enklave, und ganz natürlich und impulsiv ist, sich den Gesetzen der Heirs zu verweigern versucht, ein bisschen die schöne Wilde.
Ihre Rivalin-Feindin, die Wissenschaftlerin Lydia Greenmore, die für Malcolms Ausbildung verantwortlich ist, entlässt Camille, doch Malcolm wird ihr später wieder begegnen. Dr. Greenmore erforscht die Verfallserscheinungen bei den Heirs und nimmt Malcolm dafür als Vertrauten und Assistenten bei sich auf. Zwischen den beiden entwickelt sich eine innige Beziehung, die sich später auf wunderliche Weise erklärt. Kurzzeitig interessiert sich Dr. Greenmore auch für alte spirituelle Praktiken und Religion, doch Malcolm, der immer konform ist, bringt sie wieder auf den rechten Weg.
Malcolm wird Zeuge einer Inszenierung, die die Heirs in Verzücken versetzt: dem Tod einer Frau auf großer Bühne. Erst später wird ihm klar, dass sie alle dem tatsächlichen Sterben der Tochter eines der Mitarbeiter des Findelhauses beigewohnt haben, da die Familie das Geld brauchte. Und so versteht auch Malcolm langsam, wie die Gesellschaft wirklich funktioniert.
Immer wieder taucht Ariel auf, der sein großer Bruder sein will, da sie zusammen gefunden wurden. Anders als Malcolm stellt Ariel die Regeln in Frage und rebelliert dagegen. Selbst ihr Ziehvater Lazarus stellt sich schließlich gegen die Konventionen, doch Malcolm arbeitet weiter zielstrebig auf seine Umwandlung zu. Und doch ist er zwischen Camille und Dr. Greenmore und ihren verschiedenen Welten hin und her gerissen. Am Ende entscheidet er sich für Camille, doch wird er es schaffen, vor dem drohenden, vielleicht letzten Hurrikan zu ihr zu gelangen?
New Orleans existiert nur noch in einzelnen Bestandteilen, wie dem Sunken Quarter (dem versunkenen Viertel), also dem French Quarter, das wie in einem riesigen Goldfischglas erhalten und als touristische Attraktion konserviert ist. Das Findelhaus befindet sich auf der Audubon-Insel, vielleicht einer der kleinen Inseln im heutigen Audubon-Park. Dann gibt es noch die Outer Orleans Islands (Äußere Orleans-Inseln), Museum City (Museumsstadt) und vor allem Re-New Orleans, auch ein schönes Wortspiel mit der Reproduktion und der Wiedererneuerung. 
Um alle Details zu verstehen, müsste ich das Buch wohl noch einmal lesen (oder eben übersetzen, würde ich gern! Gebt Bescheid, wenn Ihr einen geneigten deutschsprachigen Verlag wisst). Nach dem etwas beschwerlichen Anfang wird es richtig spannend, wegen der kleinen Liebe zu Camille (ja, auch ich bin romantisch) und weil der Ausgangspunkt und die Initialzündung glasklar wird, nämlich Hurrikan Katrina.
Denn wie damals steht New Orleans unter Wasser und sinkt weiter. Präsident Bush ist einer der ersten, wenn schon nicht Klone, dann doch Heirs, und Katrina war nur der Anlass für die immer größere Verschärfung der sozialen Unterschiede und Gegensätze, die durch das Eingreifen des Menschen in die Natur eine Bedrohung für die Zukunft und das Überleben der Menschheit darstellt. (Das erinnert mich an ein Thema, das eine meiner Studentinnen kürzlich ansprach, nämlich, dass der verbreitete Einsatz der pränatalen Diagnostik dazu führen würde, dass es immer weniger Finanzierung, weil politischen, weil Wählerwillen, für die Förderung und Inklusion von Behinderten gäbe, denn das Zur-Welt-Bringen von behinderten Babies würde dann gesellschaftlich als persönlicher Eigensinn und Luxus angesehen.)
Schließlich ist das Buch auch eine Überspitzung und damit Kritik am bestehenden Gesundheitssystem der USA, so lese ich es, in dem sich bald nur noch Wenige die nötigen Behandlungen leisten können und damit eine eigene, privilegierte Kaste bilden.
Der Titel The Not Yet bedeutet Das Noch-Nicht, doch bald erfährt der Leser natürlich, dass Malcolm gemeint ist, also Der Noch-Nicht. Aber das Buch beschreibt eben auch eine Welt kurz vor der ganz großen Katastrophe, auch New Orleans, das bei Katrina ja immerhin überlebt hat, hier aber eine Katastrophe, die man vielleicht noch abwenden kann. Es ist eine amerikanische Schreckensvision der Zukunft, aber auch ein fesselnder Bildungsroman - Sozialkritik, Warnung, Nachruf in einem. Es ist Moira Crones Liebenserklärung an New Orleans.
Erschienen ist es bei UNO Press in New Orleans, siehe hier. Von dem Buch inspiriert haben internationale Künstler, u.a. aus Deutschland, Polen, den USA, Brasilien, Großbritannien und Portugal, tolle Grafiken angefertigt, siehe hier.