Montag, 31. Dezember 2012

Beasts of the Southern Wild


In den letzten arbeitswütigen Tagen habe ich für das Museum of Modern Art übersetzt, dessen Sammlung auch virtuell besucht werden kann, unter diesem Link. Auch aus (oder über) Louisiana finden sich dort Werke, vor allem auch Fotografien aus New Orleans von Henri Cartier-Bresson, Lee Friedlander und Walker Evans und natürlich von E.J.Bellocq, der für seine Fotos aus Storyville Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt ist. Etwas Malerei ist auch dabei und – Film, so Robert Flahertys (1884-1955) Dokudrama-Klassiker Louisiana Story von 1948. In diesem Schwarzweißfilm zeigt die Kamera die wilde und exotische, damals noch unberührte, Landschaft Louisianas und die wilden und exotischen Cajuns, die sie bewohnen. Aus ihrer Armut und ihrem autarken Leben werden diese durch die Ankunft der Ölindustrie herausgerissen, die Erkundungsbohrungen durchführt. Natürlich sind die Ölarbeiter alle freundlich und helfen den naiven Cajuns aus ihrem Elend (der Film wurde von Standard Oil gesponsort). Zu sehen ist die aufregende Beziehung zwischen moderner Technik und Fortschritt und dem Naturreichtum der Region, aber es gibt auch einen Moment der Wehmut, denn es ist auch ein Abschied und ein Eintritt in eine neue Welt.
65 Jahre später ist das alles längst Alltag. Vor kurzem hat die BP-Ölkatastrophe weite Teile des Golfs von Mexiko verseucht und die Folgen sind immer noch spürbar. Abgesehen davon verliert Louisiana ständig an Boden, mit jedem Hurrikan noch viel mehr, unter anderem weil die Explorationskanäle der Ölfirmen die Marschen zerstören und das eindringende Salzwasser die rettende Natur (Pflanzen und auch Tiere) auffrisst.
Insofern ist der Film Beasts of the Southern Wild, den Ihr auch alle sehen müsst, eine moderne Fortsetzung der Louisiana Story, denn hier geht es genau darum, dass die Menschen ihre Heimat an das Wasser verlieren und aber partout nicht gehen wollen.. Auch vor Ort mit Laiendarstellern gedreht und ebenso ein gewissermaßen politischer Film, mit einer Aussage, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Vor allem aber ist ein großer, aufwühlender Film mit packenden Bildern, in dem ein kleines Mädchen namens Hushpuppy ihr Leben in den Kontext ihres Landes, das sie vergessen hat, in den globalen Kontext mit Erderwärmung und aber auch in die Menschheitsgeschichte einordnet.
Das ist für einen Debütfilm (von Benh Zeitlin – sollte man sich merken) ein starkes Stück und gelingt irgendwie auch. Der Film ist experimentell und independent, ohne zynisch oder sarkastisch zu sein, sondern leidenschaftlich und ja, vielleicht auch pathetisch. Das Bild von Louisiana ist nicht authentisch: nein, auch dort wohnen die Menschen nicht in Verschlägen, die nach einem Tobsuchtanfall genauso aussehen wie vorher usw. Aber er baut auch nicht auf Klischees, sondern vielmehr auf kulturelle Praktiken, die man für den hiesigen Zuschauer vielleicht erklären müsste. 
Mein Begleiter, der mich sogar vor langen Jahren in Louisiana besucht hat, empfand den Film zunächst wie eine Glorifizierung der Unterschicht, auch weil in den Untertiteln ein Übersetzungsfehler war (es ging nicht darum, dass man dort mehr frei hat und ergo weniger arbeitet als irgendwo auf der Welt, sondern darum, dass es mehr Feste gibt -- im Hintergrund war ein glanzloser Mardi-Gras-Umzug zu sehen). Die Krebse und Krabben werden natürlich vor dem Verzehr gekocht, in großen Töpfen mit Kartoffeln und Gemüsen und scharfen Gewürzen, und dann auf mit Zeitungen bedeckten Tischen aufgehäuft, man isst mit der Hand und das ist nicht fein. Die ganz Harten saugen auch den Kopf aus. Nach meinem ersten Crawfish boil träumte ich, dass mir Krebse innerhalb meiner Jeans an den Beinen entlangliefen.
Der Schauplatz The Bathtub (Die Badewanne) ist ein erfundener Ort, doch nach Katrina wurde auch New Orleans als „Metropole in Form einer Badewanne, ohne Stöpsel“ bezeichnet. Inspiriert wurde die Geschichte aber auch von der kleinen Insel Isle de Jean Charles in Terrebonne Parish, einem Indianerreservat, das mit jedem Jahr mehr im Wasser versinkt und wo die Einwohner sich trotzdem nicht vertreiben lassen. Hier ein Ausschnitt aus einem aktuellen Dokumentarfilm darüber, Last Stand on the Island
Biester oder Bestien, wie im Titel genannt, gibt es verschiedene. Zunächst wären da die Kreaturen, die immer laut schnaufend durch die Träume der kleinen Hauptfigur Hushpuppy ziehen; ich hielt sie den ganzen Film lang für überdimensionierte Wildschweineber, aber es sollten wohl doch Auerochsen sein. Dann wären da die Tiere, mit und von denen die Menschen dort leben und dann sind sie aber auch selbst irgendwie Tiere, zumindest in den Augen der Behörden, die sie retten wollen. Ein Hinweis darauf ist auch die eine Szene, in der die kleine Hushpuppy versucht, beim Essen eine Krabbe zu zerteilen, und ihr Vater und schließlich auch die anderen Dorfbewohner sie anfeuern, indem sie ihr "Beast it" zubrüllen, (also in etwa: Mach's mit roher Gewalt).
Freunde meinten zu mir, es sei ein Film über den Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Autarkie. Für mich ist es aber auch gewissermaßen ein Heimatfilm, der die eigene bedrohte Heimat in einen größeren Kontext stellt und der die Kraft von gewachsenen Beziehungen und Gemeinschaften besingt. Wegen der Bilder sollte man den Film auf einer großen Leinwand sehen und sehr lange läuft er wohl nicht mehr. Für die beiden Hauptdarsteller, die auch in Sundance und in Cannes dabei waren, ist jetzt wieder Normalität eingekehrt. Die winzige Quvenzhané Wallis ist eine kleine Glamourdame geworden und ihr Filmvater Dwight Henry betreibt eine gut gehende Bäckerei in New Orleans. Hier und hier Interviews mit ihnen. 
Im Gambit Weekly wurde der Film zu einem der besten von 2012 gekürt (und für mich ist er das auch). Dort heißt es: New Orleans filmmaker Benh Zeitlin and his ragtag crew made history with a magical and utterly original work of Louisiana art.

Happy New Year allerseits!

Montag, 24. Dezember 2012

Weihnachtsfeuer


Wenn man in diesen Tagen westlich von New Orleans auf der River Road entlangfährt, wird man vor allem in St. James Parish, der früher so genannten German Coast, am Ufer des Mississippi steil aufgeschichtete, tipiförmige Holzkegel sehen. Diese dürfen nicht höher als 18 Fuß oder 6 Meter sein und müssen offiziell angemeldet werden. Am Heiligabend um 19 Uhr werden sie alle gleichzeitig angezündet, mehr als 100 sollen es sein. Der Effekt ist dramatisch und bewegend, eine beinah existentielle Erfahrung. Ein Brauch der Cajuns mit ungeklärten Wurzeln, der sich inzwischen auch als Touristenattraktion herumgesprochen hat.
In diesem Jahr allerdings ist so schlechtes Wetter angesagt (zwar um die 20 Grad, aber Regen, Tornados), dass die Feuer möglicherweise ausfallen oder auf Silvester verschoben werden müssen.
Wo Ihr auch seid: Joyeux Noël und Frohe Weihnachten! (Fotos auch unter "Cajun Bonfire")

Sonntag, 23. Dezember 2012

Das Eine-Million-Dollar-Block-Projekt


Ein Grund, warum ich meinen Beruf so liebe, ist, dass ich unfreiwillig die interessantesten Sachen lerne. Das Museum of Modern Art in New York zum Beispiel, für das ich gerade (ja, leider auch am Sonntag vor Weihnachten) Auszüge aus dem Katalog übersetze, hat die ungewöhnlichsten und aufregendsten Ausstellungsstücke. Dazu gehört auch ein Ausdruck des Eine-Million-Dollar-Block-Projekts des Instituts für Architektur, Planung und Erhaltung (Graduate School of Architecture, Planning and Preservation) der New Yorker Columbia University.
Das Million Dollar Block-Projekt visualisiert Daten des Strafjustizsystems pro „Block“, d.h. pro von Straßen an allen Seiten eingegrenzter Straßenzug. Wenn man nämlich auf diese Weise visualisiert, woher die ca. 2 Millionen Gefängnisinsassen in den USA stammen, dann leuchten einige Viertel knallrot auf. Zugleich sind das die Blocks, in denen der Staat statistisch gesehen mehr als eine Million Dollar ausgibt, um dessen Bürger hinter Gitter zu sperren. Und das ist ausnahmslos immer mehr Geld, als in diesem Viertel in Infrastrukturmaßnahmen und öffentliche Einrichtungen investiert wird. Somit, so die leitende Professorin Laura Kurgan, überlässt man die öffentliche Sicherheit in jenen Vierteln der Justiz, und das funktioniert natürlich nicht.
Der Projektausdruck im MoMA stammt schon von 2006. Seitdem hat das Projekt auch schon etwas bewirkt, zum Beispiel in New Haven, Connecticut, wo ehemalige Häftlinge durch Wiedereingliederungsmaßnahmen eine temporäre Wohnung und eine Berufsausbildung erhalten und damit eine Chance für einen Neuanfang erhalten. 
Im Stadtteil Central City in New Orleans werden sogar 5 Millionen Dollar für das Einsperren der jungen Männer investiert. Mit 316 Morden auf 100.000 Einwohner im Jahr 2007 sind ganze Straßenzüge dort die tödlichsten Gebiete der USA. Im selben Jahr kamen 55 Einwohner ins Gefängnis und 211 brachen die Schule ab. Noch 2009 hatte Central City gehofft, einer der 20 „Promise Neighborhoods“ (Vielversprechenden Kieze) zu werden, die für Bildungs- und andere Programme Geld aus Washington bekommen. Das hat nicht geklappt. Zwar gibt es inzwischen einige andere Projekte, aber noch lange nicht genügend. Dafür gibt es Kirchen, in denen man für einen Job beten kann, und es gibt die Bauunternehmerin Candice McMillian, die sich aus der Armut hochgearbeitet hat und immer noch in Central City lebt, um Jobs gleich den Bedürftigen geben zu können. Und das funktioniert, wie sie erzählt. Hier
Veröffentlicht hat das Million Dollar Block-Projekt seine Ergebnisse übrigens in einer Broschüre mit dem Titel Architecture and Justice. Ich überlege noch, was hier die richtige Übersetzung ist: Architektur und Justiz oder Architektur und Gerechtigkeit... ? 

Samstag, 22. Dezember 2012

Chanukka-Bounce

Als ich vor Jahren in Israel war, fiel Chanukka genau um Weihnachten, so dass ich den Heiligabend auf einer Chanukka-Party verbringen konnte. Dieses Jahr war Chanukka schon vom 8. bis 16. Dezember. Es ist das Fest, bei dem an acht aufeinander folgenden Tagen jeweils eine Kerze angezündet wird, bis alle acht brennen. Dieses Lichterfest erinnert daran, dass bei der Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem das Öl nur für einen Tag ausreichte und dann wunderbarerweise doch acht Tage brannte. Man isst Latkes (Kartoffelpuffer) und die Kinder spielen mit dem kleinen Dreidel (Kreisel), der auf seinen vier Seiten je ein hebräisches Schriftzeichen hat.
Vor dem Brandenburger Tor leuchtet um diese Zeit immer eine Menorah, von der chassidischen jüdischen Vereinigung Chabad Lubawitsch aufgestellt. Das erste Mal über die Chabad Lubawitsch gehört habe ich vor langer Zeit auf dem Campus der Tulane University, wo sie zum Laubhüttenfest (Sukkot) im September eine kleine Laubhütte aufgestellt hatten. Dort erzählten sie mir, dass sie sich gerade auch in Berlin niedergelassen hätten.
Im Bevölkerungsmix von New Orleans sind die Juden eine bedeutende Gruppe. Die Stadt beherbergt die älteste Gemeinde des Südens der USA; das Touro-Hospital, das JCC (Jüdische Gemeindezentrum) sind wichtige Institutionen: ein kleiner Friedhof steht mitten in Uptown und daneben seit 1922 Langenstein's Supermarket. Durch Katrina sind viele Juden weggezogen, so auch die jüdischen Mitglieder der New Orleans Klezmer All-Stars, die Klezmer sozusagen mit Jazz versetzten und sich dazu schwarze Musiker aus Jazz- und Funkkapellen an Bord holten. 
Die transgender Bounce-Musikerin Katey Red hat den Spieß jetzt sozusagen umgedreht und zu Chanukka einen "Dreidel-Song" aufgenommen. Bounce ist die schnelle, aggressive, sexuell aufgeladene Form des Hiphop, die für New Orleans seit Jahrzehnten typisch ist und sich aber darüber hinaus wohl kaum verbreitet hat. Laut Internet sollen die Ruf-und-Antwort-Tradition und auch Gesänge der Mardi Gras Indians darin eingeflossen sein. Neben Katey Red sind auch Big Freedia und andere Künstlerinnen transgender (was für den Hiphop mit seinem Machismus doch selten ist); die tatsächlich weibliche Künstlerin Magnolia Shorty wurde 2010 erschossen. Bewundernswert ist beim Bounce das typische schnelle Hinternschütteln der Frauen. Dabei, habe ich gelesen, kommt es gar nicht so sehr auf den Hintern selbst an, sondern viel mehr auf die Knie und die Beine. Hier also Katey Red mit dem Dreidel-Song (gerade noch so jugendfrei). Hier das Original.
Only in New Orleans... 

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Geschenktipps


Kurz vor Weihnachten auch vor mir ein paar Geschenktipps, zum Verschenken, aber vielleicht auch zum Beschenkenlassen. Bücher, Filme, CDs.

Essays für jung gebliebene, an amerikanischer Kultur Interessierte und solche, die wissen wollen, was genau amerikanische Kultur ist:
John Jeremiah Sullivan: Pulphead. Übersetzt von Thomas Pletzinger und Kirsten Riesselmann. Suhrkamp. Meine Rezension --> hier.

Klassiker für jeden Haushalt (wer Madame Bovary oder Effi Briest im Regal hat, sollte dieses Buch unbedingt dazu stellen, wo es mit seinem roten Einband toll zur Geltung kommen wird):
Kate Chopin: Das Erwachen. Übersetzt von Barbara Becker et. al. Überarbeitet von Karen Nölle und Christine Gräbe. Edition Fünf. Meine Rezension --> hier.

Urkomische Vignetten des Alltags aus dem New Orleans der 90er und 2000er Jahre (auf Englisch):
Andrei Codrescu: New Orleans, Mon Amour. Algonquin Press.

Romantischer, rasanter Krimi aus den Achtzigern:
The Big Easy. New Orleans in den Achtzigern und eine Liebesbeziehung, wo die Frau (Ellen Barkin) eher unkonventionell und rätselhaft schön ist und der Körper des jungen Dennis Quaid von der Kamera gefeiert wird.

Biografie und Zeitgeschichte in einem (auf Englisch):
Alice Kessler-Harris: A Difficult Woman. Bloombury Press. Meine Rezension --> hier.

Musik für Kinder, zum Tanzen, Rumalbern, auf dem Teppich herumliegen und genießen:
New Orleans Playground (Putumayo). Zusammenstellung von New-Orleans-Klassikern, die auch Kinder gern hören.

Sprachwitziger Krimi:
Sara Gran: Die Stadt der Toten. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer. Meine Rezension --> hier.

Spannung für Seitenfresser:
Stephen King: Der Anschlag. Übersetzt von Wulf Bergner. Heyne. Meine Rezension --> hier.

Katrina-Dokumentarroman:
Dave Eggers: Zeitoun. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch. Meine Rezension --> hier.

Spröder, witziger New-Orleans-Klassiker:
John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten. Übersetzt von Alex Capus. Klett-Cotta. Meine Rezension --> hier.

Kleine Geschichte der freien Schwarzen und damit einer Besonderheit der Stadt (auf Englisch):
Mary Gehman: The Free People of Color of New Orleans. Margaret Media.

Großer amerikanischer Weihnachtsfilmklassiker, den ich diese Woche mit meinen Studenten vier Mal gesehen habe und immer noch mag:
It's a Wonderful Life. (Ist das Leben nicht wundervoll?) mit James Stewart.

Und hier noch ein Buch, das ich mir wünsche:
Richard Sexton, Randy Harelson, Brian Costello: New Roads and Old Rivers. LSU Press.
Prachtvoller Bildband über den historischen und malerischen Landkreis Point Coupee westlich des Mississippi, 1-2 Stunden nördlich von New Orleans. Bei der Lesung im September kam ich mit den Autoren ins Gespräch, während andere Besucher meist fünf oder mehr signierte Bücher mit nach Hause nahmen. Kostet 45 Dollar.

Sonntag, 16. Dezember 2012

John Jeremiah Sullivan: Pulphead


Im deutschen Feuilleton wird John Jeremiah Sullivan als neuer amerikanischer Starautor gefeiert. Dabei ist Pulphead erst sein zweites Buch und sein erstes, Blood Horses. Notes of a Sportswriter’s Son, war zwar auch in den USA ein Erfolg, ist aber auf Deutsch noch nicht erschienen. Sullivans Texte entstammen Magazinen wie dem Gentlemen Quarterly, Harper’s und dem Oxford American und sind für den Band noch einmal intensiv überarbeitet worden. Besonders in ihrem Zusammenwirken eröffnen die Essays dem deutschen Leser ein interessantes, unbekanntes, komplexes Panorama amerikanischer Kultur. 
Der Autor schreibt gewissermaßen vom Rande her, nicht von den geografischen Rändern, der Ost- und der Westküste, die das eigentliche Zentrum der USA darstellen, sondern vom Inland, aus der Provinz, tief aus dem Herzen Amerikas, aus dem alten Süden. Sullivan ist in dem Dreieck von Indiana (na gut, Mittelwesten), Kentucky und Tennessee aufgewachsen, wo er an der University of the South in Sewanee studierte. Jetzt lebt er in Wilmington, North Carolina, und somit doch an der Küste. Wenn man von New Orleans aus guckt, ist das mit dem Süden natürlich so eine Sache, denn zwar gehört Kentucky, woher die alteingesessene, verzweigte, tief verwurzelte Familie Sullivans seit langer Zeit stammt, historisch und politisch auch zum Süden, aber es ist sozusagen geografisch gesehen der Norden des Südens, mit einer Ehrwürdigkeit und Traditionalität, die in Südlouisiana immer mit Fluidität und Hybridität, dem Kreolischen also, einhergeht.
Sullivans Texte sind eine Mischung aus Reportage, Essay und Artikel, versetzt mit autobiografischem Erleben. Das „Ich“-Sagen trauten sich Autoren hierzulande nicht, habe ich in einer Kritik gelesen. Aber vielmehr verarbeitet er doch das Persönliche kunstvoll und mit einem gewissen Lehrmodus zu einer größeren Aussage (statt beispielsweise fiktional) und das ist das Besondere, denn „Ich“ sagen auch unzählige deutsche Zeitgeist-Kolumnen. Die Themenwahl ist ungewöhnlich: Popmusik, Naturgeschichte, Fernsehen, Literatur... und alle werden mit demselben geschliffenen Stil beschrieben, der Beitrag über den letzten der Wailers ebenso wie der über den Naturforscher Rafinesque aus dem 19. Jahrhundert.
Als Übersetzerin habe ich das Deutsche natürlich besonders aufmerksam gelesen und meine seitenlangen Notizen in eine knappe Übersetzungskritik (meine Kolumne Botschaft aus Babel) für die Ausgabe 2/2012 der Zeitschrift Bücher kondensiert, aber einiges will ich hier noch ergänzen. Sullivans Essays basieren auf persönlichem Erleben und auf Recherche, und somit einer sinnlichen Anschaulichkeit, die dem Übersetzer natürlich fehlt, der üblicherweise auch nicht mit dem spezifischen Erfahrungsgemenge aus Christlichem Rock, Botanik, Fernsehserien usw. ausgestattet ist. Deshalb waren am Deutschen vielleicht so viele beteiligt: Übersetzt haben Thomas Pletzinger und Kirsten Riesselmann unter teilweiser Mitarbeit von Tobias Schnettler; lektoriert haben Heinrich Geiselberger und Karsten Kredel. Die Übersetzung ist gut, hat tolle Lösungen gefunden (von denen ich einige in dem Bücher-Artikel nenne), und ich habe so einiges gelernt.
Und doch scheint sich die deutsche Ausgabe eher an Leser einer bestimmten Altersgruppe zu richten, vermutlich die der Lektoren und Übersetzer selbst: Mittdreißiger, gebildet, mit den USA durchaus vertraut. Das ist schade und im Englischen nicht so eindeutig. Gut, für den Titel Pulphead* wäre mir auch nichts eingefallen. Doch das Deutsche klingt immer wieder flapsiger, umgangssprachlicher, auch vulgärer als das Original, das höchstens durch die Themenwahl eine gewisse Vorauswahl trifft. Auch die Reihenfolge der Essays ist verändert worden. Während die britische Version der amerikanischen Abfolge folgt (die mir am schlüssigsten erscheint) und am Ende noch "Hey Mickey!" (den Disney-World-Text) als Epilog mit hineinbringt, nimmt das Deutsche diesen in die Mitte mit hinein, bringt Axl Rose weiter vorn und ordnet anderweitig um, auch womöglich in dem Bestreben, ein jüngeres Publikum zu erreichen. Dabei hat gerade der Axl-Rose-Artikel mir zum Beispiel den weiteren Einstieg in den Band schwergemacht.
Interessant ist auch die Gestaltung des Buches. Im Amerikanischen in gediegenen Tarnuniformfarben, mit vagen, lichtdurchfluteten Bäumen im Hintergrund und einem hängenden Schildchen mit einer Wolfszeichnung drauf. Die britische Aufgabe ist knallorange, mit rot-weißer, geometrischer Schrift, das Deutsche von der Form her ganz ähnlich, aber in Blau-Rot-Weiß, also poppiger.
Der Untertitel Dispatches (Depeschen) from the other side of America bzw. Notes from..., also von der anderen Seite Amerikas, wird im Deutschen Vom Ende Amerikas, eine Wertung, die erstens das Original nicht vornimmt, wie übrigens auch der „heruntergekommene Süden“  im Klappentext, zweitens wie der Spiegel schreibt, nach typisch „old Europe“ klingt, drittens nach dem latenten Antiamerikanismus, der in deutschen Medien so präsent ist.
Über Rafinesque heißt es an einer Stelle, er habe sich die leichte Ungenauigkeit seines ausländischen Tonfalls zunutze gemacht „und fand wirkungsvolle Bilder, auf die Muttersprachler nicht gekommen wären“. Ähnlich schafft ja auch die Übersetzung manchmal fast ungewollt schöne, literarische Effekte. Mir hat zum Beispiel diese Passage gefallen, unter anderem wegen der schönen Umlauthäufung im Deutschen, die auch fürs Auge ein kleines Fest ist. Es geht um Audubon und Rafinesque:

Er führte ihn zur Schnepfenjagd in ein kilometertiefes Schilfdickicht, wo es dunkel und stürmisch wurde, wo sie von einem Jungbären gestreift wurden, das Schilf in der drückenden Schwüle wie Gewehrschüsse knallte und wo „sich verwelkte, am Röhricht hängende Blatt- und Rindenpartikel an unsere Kleidung hefteten“ (S. 395).

Aufmerksam gemacht hat man mich auf das Buch wegen des „NOLA content“ (New Orleans, Louisiana, -Inhalt), wie es in der Adresszeile hieß. Das stimmt in dem Sinne nicht. Natürlich taucht der Name New Orleans immer wieder auf, denn Künstler des Südens, und Musiker erst recht, kommen um die Stadt nicht herum. Es gibt auch einen kurzen, impressionistischen Essay über die Situation kurz nach Katrina, aber der spielt an der Golfküste in Mississippi, die den Hurrikan direkt mit der Breitseite abbekommen hat und zum Teil einfach unauffindbar weggeschwemmt wurde (ich jedenfalls habe einige vertraute Häuser nicht wieder finden können, nicht einmal die Stelle, an der sie standen). Das war furchtbar und Sullivan schreibt einfühlsam über den Überlebungswillen, den Erfindergeist und auch die Demut der Katrinaopfer in einer Notunterkunft. (Mit diesen Worten versuche ich hier das schöne Wort „resilience“ zu erklären, das in einem Trailer für den lang erwarteten Film Beasts of the Southern Wild mit „Sturheit“ übersetzt wird.) 
Der Essay endet mit der ausführlichen Schilderung eines Zwischenfalls auf der Rückfahrt, beim Anstehen nach Benzin, als man Sullivan beschuldigte, sich vorgedrängelt zu haben. Im Kontrast zu der Solidarität der wirklichen Opfer untereinander, die alles verloren haben, zeigt sich hier, wo die Amerikaner, die vielleicht gar nicht direkt von der Katastrophe betroffen waren, wirklich fuchtig werden: wenn das Benzin knapp ist.
Kurzum: Sullivan analysiert, beschreibt, schildert schonungslos, auch mit Witz, sein Land und dessen Realität, ohne es jedoch zu denunzieren. Und deshalb kann man dieses Buch gern jemandem unterm Baum bescheren.

* Zur Bedeutung: „Pulpheads sind fanatische Anhänger von „pulp fiction“, d.h. nicht dem Quentin-Tarantino-Film der 1990er Jahre, sondern des Genres. Eigentlich bedeutet „pulp“ auch Fruchtfleisch oder eben die Pulpe, der Brei bei der Papierherstellung. Diese Art reißerischen Groschenromane wurden auf unfertigem, stark holzhaltigem Papier gedruckt, Raymond Chandlers Romane zum Beispiel. Bei „pulphead“ schwingt für mich auch eine gewisse Selbstironie mit, als ob der Konsum solcher Literatur, oder wie bei Sullivan solcher Kultur, das Gehirn ein wenig aufgeweicht hätte. 

Dienstag, 11. Dezember 2012

Ich und Janis Joplin

1977 bekamen wir unseren STERN-Rekorder, ein schweres, aber tragbares Gerät mit hölzernem Holzfurniergehäuse. Er hat uns viele Jahre lang gute Dienste getan und eröffnete uns die Welt der Pop- und Rockmusik. Man konnte Hits aus dem Westradio (SFBeat) aufnehmen, meist ohne Anfang, oder manchmal auch bei den Armeesendern AFN und BFBS. Bei Duett - Musik für den Rekorder im Berliner Rundfunk konnte man ganze (West-)Schallplatten aufnehmen, sorgsam vorher angesagt, oder man hatte Freunde, die einem Platten überspielten, die sie von ihren Westverwandten bekommen hatten. Am Anfang bin ich beim Aufnehmen auf Zehenspitzen herumgetappt, und bis heute sind moderne Tonträger ein großes Wunder für mich. 
Dann gab es noch das Problem der Texte. Selten konnte man sie von den Originalplatten abschreiben, oder jemand, der auch Gitarre spielte, hatte sie von irgendwo mit Griffen. Meistens war es die klassische Methode, vor- und zurückspulen, aufschreiben, im winzigen Wörterbuch meiner Eltern nachschlagen, und nicht immer passte es. Trotzdem eine gute Art, Englisch zu lernen.
Auf diese Weise wurde ich also ein zaghafter Ost-Hippie mit schlapprigen Klamotten und Gedanken für die Sorgen und Probleme dieser Welt. Ich wurde Janis-Joplin-Fan, lange nachdem sie tot war, und die Beatles entdeckte ich erst so richtig nach John Lennons Tod 1980.
Gestern Abend habe ich mir im Internet zwei kurze Sendungen des ZDF angesehen. Die eine, History, befasste sich mit jung gestorbenen Kultkünstlern, darunter auch Janis Joplin (1943-1970). Auf Wikipedia las ich dann, dass sie aus Texas stammte und in Louisiana gearbeitet hat, bevor sie ihre Karriere startete. Und so sang ich "Me and Bobby McGee" vor mich hin... und verstand einige Worte zum ersten Mal . Bei "I took my harpoon out of my dirty red bandanna" habe ich mich zum Beispiel immer gefragt, wie sie ihre Mundharmonika aus ihrem Stirnband nehmen konnte. Aber natürlich kann ein Bandanna fast alles, das Haar zurückhalten, Halstuch sein, Taschentuch oder man kann eben seine Mundharmonika darin einwickeln. "Busted flat in Baton Rouge" hatte man mir damals gesagt, hieße "abgebrannt", und irgendwo stimmt das sicher auch, aber vor allem höre ich darin auch den "busted flat" (tire), also einen geplatzten Reifen, einen Platten. Und offenbar gab es in Baton Rouge  Ende der 60er/Anfang der 70er noch einen Bahnhof. Die hohen Gleise durchziehen zwar immer noch die ganze Stadt, aber der historische Bahnhof ist jetzt ein Kunst- und Wissenschaftsmuseum. Hier die erste Strophe:
Busted flat in Baton Rouge,
Waiting for the train, 
Feeling nearly as faded as my jeans.
Bobby thumbed a Diesel down,
Just before it rained,
Took us all the way to New Orleans.
Die Sendung über die Beatles zeigte sie vor allem als Tourband: die schreckliche Kreischkulisse, die überall ihre Musik übertönte, die Nachstellungen der Fans, die dilettantisch-gefährliche Durchführung der Tourneen, drei Mal auch in den USA. Spielort Nr. 16 der zweiten Tour war New Orleans, wo sie am 16. September 1964 im City Park Stadium vor 12000 Fans spielten, 200 davon brachen vor Aufregung und Erschöpfung zusammen. 
In New Orleans waren sie keine 24 Stunden und haben wahrscheinlich keinen guten Eindruck bekommen. Der Hubschrauber, der sie vom Flughafen abholen sollte, hatte einen Platten. Während des Konzerts brachen Fans durch die Absperrungen und rannten auf das Spielfeld. Ein Fan gelangte sogar hinter die Bühne ganz nah an Ringo Starr heran. Untergebracht waren sie in einem Motel am Chef Menteur Highway, auch belagert von den Fans. Nach ihrer Abreise wurde, wie in den anderen Städten auch, ihre Bettwäsche in Stücke geschnitten und als Souvenir verscherbelt, und nicht nur das, sondern auch die Mikrofonkabel und Mikrofone. Es gab das Gerücht, das Konzert in New Orleans wäre finanziell ein Reinfall gewesen. Der Veranstalter hat das aber dementiert, noch dazu hatte er sich  die Regenversicherung gespart, und tatsächlich sammelten sich zwar die Wolken, aber erst nach dem Konzert fing es an, heftig zu gewittern. 
Ein paar nette Begegnungen hatten sie aber doch: Der damalige Bürgermeister Victor Schiro hatte den Tag zum Beatles Day erklärt und überreichte ihnen einen Schlüssel für die Stadt. Ihr Idol Fats Domino besuchte sie vor dem Konzert kurz in der Garderobe. Paul McCartney meinte: "Er trug eine sehr große sternförmige Diamantuhr, die uns sehr beeindruckt hat." Artikel hier und hier und ein Foto mit Fats Domino, auf dem sogar die Sternenuhr zu erkennen ist.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Rafinesque in Louisiana?


John Jeremiah Sullivans Essayband Pulphead (Rezension demnächst an dieser Stelle) enthält einen Essay über den Naturforscher Constantine Rafinesque, der Anfang des 19. Jahrhunderts vor allem auch in Kentucky unterwegs war. Er war Franzose, brillant, schillernd, schrullig, aber waren sie das nicht alle (Humboldt zum Beispiel?)? Er reiste umher und bestimmte Pflanzen, beschrieb Indianersprachen und rituelle Hügel und traf mit dem berühmten Vogelzeichner John James Audubon zusammen, mit dem er auf Französisch parlieren konnte.
Audubon war in Louisiana, aber Rafinesque? Das hat mich interessiert, und so habe ich wieder einmal meine heiß geliebte Staatsbibliothek Unter den Linden bemüht, die allerdings ab dieser Woche für drei Monate geschlossen wird. Gefunden habe ich Florula Ludoviciana or A Flora of the State of Louisiana translated, revised and improved from the French of C. C. Robin by C. S. Rafinesque (übersetzt, bearbeitet und verbessert aus dem Französischen), New York, Published by C. Wiley + Co., No.3 Wall Street, 1817, Price One Dollar. Rätselhafterweise steht auf dem Titelblatt auch dieser Satz: Quand les matériaux sont imparfaits, l’édifice ne peut pas être complet (Wenn das Material unvollkommen ist, kann das Gebäude nicht vollständig sein).
C. C. Robin, den die Staatsbibliothek als Charles Robin bezeichnet, der laut Internet um jene Zeit in Kanada verbürgt ist, war also 1802-06 in Louisiana, Westflorida und den Westindischen Inseln unterwegs und beschrieb wohl etwas laienhaft Pflanzen, die Rafinesque umklassifiziert und systematisiert hat. Dabei war er begeistert von den 196 Arten, die Robin neu entdeckt hat, und vermutet, dass Louisiana, wenn es schon in Georgia so viele gibt, eine Fülle von unbekannten Pflanzen bergen muss, die es sicherlich zum Teil mit Mexiko gemeinsam hat.
Am Ende des Buches bietet Rafinesque andere seiner Schriften zum Tausch an und spricht diese Einladung aus: "Sollte jemand ihm ein Präparat aus Louisiana oder von anderswo schicken, wird er sich im Gegenzug mit dessen Namen oder Pflanzen aus dem Norden erkenntlich zeigen. Er lädt in Louisiana und den westlichen Staaten residierende Herren dazu ein, alles zu sammeln, dem sie begegnen, es zwischen Blättern rauen Papiers zu trocken: Sollten sie nur oberflächlich mit der Botanik vertraut sein, können sie Duplikate ihrer Präparate senden und auf diese Weise unmittelbar bestimmen, was in ihrer Umgebung wächst und viele Entdeckungen machen. Solche Präparate, oder Päckchen und Briefe jeglicher Art, müssen mit Privattransport befördert werden und können in New York, im Büro des American Monthly Magazine in der Wall-street, abgegeben werden."
Ob's geklappt hat? 

(Should any one send him specimens of plants from Louisiana or elsewhere, he will furnish in return their proper names or northern plants in exchange. He invites gentlemen residing in Louisiana and the western states, to collect every thing they meet, drying the specimens between sheets of coarse paper: should they only be superficially acquainted with Botany, by sending duplicates of their specimens, they may ascertain at once what grows in their neighborhood and make many discoveries. Such specimens, or any package and letters, must be send by private conveyances, and may be left in New York, at the office of the American Monthly Magazine, Wall-street.)

Freitag, 30. November 2012

Die Polente

Das NYPD, die New Yorker Polizei, hat eine Facebook-Seite. Dort und anderswo wurde gestern ein Foto eingestellt, das eine Touristin aus Arizona, selbst Polizistin, vor ein paar Tagen gemacht hat. Es zeigt einen New Yorker Polizisten (jetzt als der 25jährige Larry DePrimo identifiziert), der einem barfüßigen Obdachlosen ein Paar warme Winterstiefel und Socken gekauft hat und ihm sie gleich anziehen helfen wird. Larry DePrimo meinte dazu später: "Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht."
Irgendjemand im NOPD, der New Orleanser Polizei, die nicht bei Facebook ist, hat sich aber wohl etwas dabei gedacht, als er dieses Überwachungsvideo hollywoodesk "bearbeitete", bevor er es als Pressemeldung herausgab (filmstudioähnliches Logo, Zwischentitel, schnelle Schnitte, rasante Musik). Gesucht wird ein Laptopdieb. Berichtet hat dies der Gambit Weekly; auf der Presseseite des NOPD habe ich das Video nicht gefunden. Sachdienliche Hinweise werden dort aber sicherlich gern entgegengenommen.
PS Ein Sprecher des NOPD sagte gegenüber der Times-Picayune: "Nicht alle Videos werden in Zukunft so aussehen. Es war ein einmaliges Experiment." Inzwischen ist das Video von allen Quellen entfernt worden, nur hier sieht man noch ein Bild. Ach, schade.

Mittwoch, 28. November 2012

Vom Winde verweht


Um gewisse Meilensteine der amerikanischen (Pop)-Kultur kommt man eigentlich nicht herum: Pollyanna, Dr. Seuss, The Sound of Music, Saturday Night Live... Und doch habe ich mich um einige bisher erfolgreich gedrückt, Star Wars zum Beispiel. Football habe ich nur einmal live und von Anfang bis Ende gesehen, wobei mich das tailgating (d.h. das Grillen, Feiern, auch Zelten auf dem Parkplatz am Stadion) am meisten beeindruckt hat. Baseball kenne ich nur als Softball für Schulmädchen und beim Training. Auch um Vom Winde verweht habe ich lange einen Bogen gemacht, bis es letzte Woche so weit war.
Es geht bekanntlich um Scarlett O’Hara, älteste Tochter eines Plantagenbesitzers in Georgia, der selbst irischer Abstammung ist und mit irischem Akzent spricht. Am Anfang des Films flirtet Scarlett mit den jungen Männern der Umgebung, und überhaupt spannt sie mit Vorliebe ihren Freundinnen und Schwestern die Männer aus. Sie ist falsch und manipulierend, und das machte sie mir sofort so unsympathisch, dass ich den Film nach 10 Minuten anhielt und monatelang keines Blickes würdigte. Gespielt wird Scarlett noch dazu von Vivien Leigh, die schon in Endstation Sehnsucht als Blanche eine äußerst nervige Figur abgab.
Scarlett liebt eigentlich nichts und niemanden, außer vielleicht das Anwesen, auf dem sie aufwuchs, Tara, das immer wieder eine Rolle spielt. Sie ist hübsch und weiß sich in Szene zu setzen, sie ist auch taff, gerissen, geschäftstüchtig, und – und das ist vermutlich ihre große Stärke – an Konventionen liegt ihr wenig. Als sie bei Nachbars eingeladen ist, erfährt sie zu ihrer Enttäuschung, dass der Sohn Ashley Wilkes (damals war Ashley noch ein Männername) seine Cousine heiraten will und nicht sie. Also macht sie ihm rasch ein Liebesgeständnis, zufällig mitgehört von Rhett Butler, der wiederum von ihr gerade wegen ihrer Unverfrorenheit sehr angetan ist. Auf der Party wird auch beschlossen, dass man gegen den Norden in den Krieg ziehen wird.
Der Bürgerkrieg prägt dann auch den größten Teil des (2 DVDs umspannenden) Films. Die vielen Verwundeten und Toten, die Zerstörung, die Not dieses Krieges werden vorstellbar. Scarlett kümmert sich ihm zuliebe um Ashleys Frau, die ihr eine tiefe Zuneigung und Dankbarkeit entgegenbringt. Mit Melanie zusammen arbeitet sie auch kurzzeitig in einem Lazarett, bis sie das Elend dort nicht mehr ertragen will. Zwei Ehen, die sie aus unlauteren Motiven einging, enden mit dem jeweiligen Tod des Mannes. Treu an ihrer Seite bleibt vor allem Mammy, ihre schwarze Amme, gespielt von Hattie McDaniel, die für ihre Darstellung als hörige Sklavin, auch als sie keine mehr ist, kritisiert wurde. Ob das wirklich so stereotyp ist, wie ihr vorgeworfen wird? Ammen, die Kinder wie Mütter aufziehen und vielen Fällen auch stillen, entwickeln doch sicherlich eine starke Loyalität zu diesen Kindern.
Scarlett kehrt auch während des Krieges nach Tara zurück und verteidigt es gegen alle möglichen Angriffe. Bei Geldknappheit und Hunger schwört sie sich, nie wieder in eine solche Situation zu kommen.
Rhett Butler, der Schwerenöter und Geschäftemacher, taucht immer wieder auf und neckt und hofiert sie. Schließlich heiraten die beiden, und Scarlett scheint auch sexuell erfüllt mit ihm zu sein, doch immer wieder kommt es zu Streit, Bockigkeit und Missverständnissen zwischen den beiden, wegen der Tochter, wegen Scarletts Versuchen, Ashley für sich zu gewinnen usw. Rhett, dessen Charme im Laufe des Films zumindest mein Herz gewinnen konnte, verlässt sie am Ende mit der Kult gewordenen Bemerkung: „Frankly, my dear, I don’t give a damn.“ (Ehrlich gesagt, meine Liebe, ist mir das scheißegal. Die deutsche Synchronfassung lautet „Offen gesagt, pfeif ich drauf“.) Scarlett zieht sich auf Tara zurück, um sich zu sammeln und zu planen, wie sie ihn zurückgewinnen kann.
Es gibt auch eine kurze Szene in New Orleans, wohin die beiden mit einem Raddampfer in die Flitterwochen fahren, bevor Scarlett schnell nach Tara zurück möchte. Ich hatte immer gedacht, dass der Film auf der legendären Oak Alley Plantation in Louisiana spielte, aber das war ein Irrtum. Tara oder Twelve Oaks soll von der Boone Hall Plantage in der Nähe von Charleston inspiriert sein, während Oak Alley Schauplatz für viele andere Filme war, siehe hier.
Worin die Faszination des Films besteht?  Die Monumentalität, die erstaunlichen Farben und Effekte und die Musik kann man sicher nur bei einem großen Bildschirm wertschätzen. Doch die Darstellung des Bürgerkriegs war beeindruckend und plastisch, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Die Rassenbeziehungen werden nicht sehr vorteilhaft, aber wohl halbwegs akkurat dargestellt. Neben den schönen Kleidern und der Darstellung eines Südens und einer Zeit, die es nicht mehr gibt, faszinieren vielleicht auch gerade die Beziehungen. Eine schwülstige Liebe „bis an das Ende der Tage“ gibt es hier nicht, denn Ashley und seine Frau verbindet eine tiefe Freundschaft und möglicherweise Seelenverwandtschaft, und Rhett Butler und Scarlett O’Hara teilen eine starke, aber kratzbürstige Anziehung, die zum Teil auch ein Spiel ist, das am Ende aus Dummheit und Eitelkeit scheitert. Es nicht einfach ein Liebesfilm nach altbekanntem Muster, sondern eher ein Lehrstück über Beziehungen. 
Insgesamt, ein Schinken, sicher, aber doch ein ungewöhnlicher Schinken mit feinen Nuancen und differenzierten Geschmacksnoten. Einer, den man sich ruhig einmal gönnen kann.

Samstag, 24. November 2012

New Orleans um 1850


Heute habe ich in alten Büchern geblättert. In Cis- und transatlantische Skizzen Nr. 1 der „Taschen-Bibliothek der Reise-, Zeit- und Lebensbilder“, Rudolstadt 1854, schreibt Johannes Quendt über den „mexikanischen Meerbusen“ und das „untere Mississippithal“: „fette Marschen, üppige Sümpfe, starke Sandstrecken und tropische Vegetation“. Im Westen von Louisiana gäbe es „sumpfige Gegenden mit wildem Reis bedeckt“ -- deshalb wird dort also auch heute Reis angebaut!
New Orleans hatte um 1850 145.000 Einwohner und der Hafen, 150 Meilen von der Mündung am rechten Ufer des Mississippis gelegen, war für die Ausfuhr von Baumwolle, Taback, Zucker, Mehl, Speck, Salzfleisch, Talg, Heu, Bohnen und vielen anderen Dingen von Bedeutung.
Die kleine Beschreibung endet so: „Das Klima ist ungesund und verheerend. Die Bevölkerung setzt sich aus allen Nationen zusammen, doch halten sich Anglo-Amerikaner und Creolen spanischer und französischer Abkunft das Gleichgewicht.“


Sonntag, 18. November 2012

Fotos vom Studio in the Woods










A Studio in the Woods


Das Studio im Wald liegt hinter den Bergen bei den sieben Zwergen, so scheint es, obwohl es in Louisiana kaum Berge gibt. Auf der circa halbstündigen Fahrt von New Orleans geht es über die lange, sehr befahrene, tatsächlich hügelartige Crescent City Connection-Brücke (Halbmondstadtverbinder) auf die andere Seite des Mississippi, dann hält man sich rechts, dann links auf dem General de Gaulle Boulevard durch die zersiedelte Westbank, dann über eine weitere hohe und in sich geschwungene Brücke über den Intracoastal Waterway hinweg zu einer verlassenen Straße, die gleich am Fuße des Deiches einer der großzügigen Kurven des Mississippi folgt, die hier, das sieht man auf der Landkarte, eigentlich eher eine Öse ist. Die Straße endet vor den Toren des Audubon Center for Research und einige Meter davor zeigt rechts ein verwittertes Schild auf die zugewachsene Einfahrt zum Studio in the Woods.
Organisch in die Bäume eingefügt steht ein lichtes hölzernes Haus mit großzügiger, gazeumzäunter Veranda. Die Koordinatorin Cammie Prewitt-Hill empfängt mich mit Flipflops und langem fließenden Rock. Wir treten in eine große Küche mit Fenstern an drei Seiten, die in ein wirres, gemütliches Wohnzimmer und hinten einen Arbeitsplatz übergeht. Ich sage: Das sieht aus wie jemandes Haus. Cammie sagt: Ist es ja auch.
Und das kommt so:
Joe und Lucianne Carmichael kamen 1968 als frisch verliebtes Paar manchmal an diese Stelle zum Picknicken, bis sie 1969 zufällig hier ein Grundstück erwarben. Neben ihrem „richtigen“ Beruf waren beide Künstler – sie arbeitet mit Ton, er mit Holz – und so bauten sie aus den im umliegenden Wald und anderswo anfallenden Materialien bis 1977 nach und nach das Haus. Er zimmerte einen langen Tisch für die Veranda, sie brannte die Fliesen für den Fußboden. Dann legten sie einen kleinen Teich an, doch das umliegende Dickicht ließen sie fast unberührt, sahen es vielmehr als Inspiration für ihre Arbeit, denn sie hatten sich auch Künstlerstudios gebaut. Sie luden Schulklassen zu Ausflügen ein und gewährten manchmal informelle Künstleraufenthalte, leiteten Workshops.
1998 begann die Suche nach einem wohlwollenden Hausbesitzer. Im Dezember 2004 übergaben sie A Studio in the Woods in die Obhut der Tulane University New Orleans, wo es zum Center for Bioenvironmental Research (Zentrum für umweltbiologische Forschung) gehört. Zum Studio gehört auch der Umweltkurator Dave Baker, der die Natur beobachtet und pflegt, zum Beispiel den Chinesischen Liguster entfernt, der den gesamten Süden der USA zu überwuchern droht. Seit 2003 werden im Studio in the Woods Aufenthaltsstipendien für Künstler angeboten, nach Katrina und Rita vor allem auch Restaurationsaufenthalte für von den Hurrikanen betroffene Künstler, darunter der Komponist und Musiker Michael White, der in dem Film The Sound of the Storm beschrieb, wie er hier wieder anfing zu arbeiten. Jedes Jahr im Januar werden Aufenthaltsstipendien für jeweils 6 Wochen ausgeschrieben, die an Künstler verschiedener Sparten vergeben werden: bildende Künstler, Autoren, Filmemacher, Musiker.
Wenige Tage vor meinem Besuch war die junge Jazzfolksingerin, Musikerin und Liedermacherin Sarah Quintana aus New Orleans gerade als Stipendiatin eingezogen, von deren Musik, wie Cammie berichtete, die ganze Jury sofort in den Bann gezogen war. Beeinflusst sicher auch durch ihr Leben in Frankreich, wo sie auch eine Fangemeinde hat, ist es eine Musik mit ungewöhnlichen Tönen und viel Raum und Zeit. Ihre erste Platte The World Has Changed hat sie übrigens per Crowdfunding finanziert.
Sarah erzählt, wie sie die Geräusche der Natur aufnimmt, die sie porös und aufnahmefähig machen, wie wohl sie sich in der Nähe der Waschbären, Armadillos, und Waldtiere fühlt, wie der fruchtbare Mississippi sie inspiriert. Dass sie den Mississippi, der wie sie meint, wegen der Umweltprobleme wütend auf uns ist, konsequent mit dem weiblichen „sie“ bezeichnet, mag mit ihrem traurigen, aber wunderschönen Lied „Mama Mississippi“ zu tun haben: Sarah Quintana auf der Kaffeetasse ihrer Großmutter. Hört es Euch hier an! Im Dezember soll ihr Album mit den Stücken aus dem Studio erscheinen, The Delta Demitasse.
Begleitet war mein Besuch von einer Geräuschkulisse aus Industrielärm, der über den Deich drang: Quietschen, Knarren, Schlagen, Schiffs- und Hafengeräusche, wie ich sie aus Donaldsonville kenne, wo ich gleich am Mississippi gewohnt habe. Als ich später auf den Deich kletterte, sah ich sie liegen, die riesigen Ozeanfrachter, vielleicht auf Reede, einer hinter dem anderen, in der ganz unromantischen Flusslandschaft. Das Studio in the Woods ist also nicht einfach eine Naturoase für die Künstlerseele, sondern ein Ort, der dem sich Kunst und Realität verbinden, an dem die Idylle eben auch von chinesischem Liguster und Industrie gebrochen ist, wo man in der Natur und doch ganz mit der aktuellen Zeit verbunden ist.
Zum Abschluss meines Besuches sprach ich noch kurz mit Lucianne Carmichael, die meinte, ich solle mich doch einmal auf einen Aufenthalt bewerben. Mach' ich, sehr gern.

Samstag, 17. November 2012

Öl

Vor zwei Tagen wurde bekannt, dass sich British Petrol für die Deepwater Horizon-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko für schuldig erklärt hat (siehe hier), auch für die fahrlässige Tötung und die Behinderung von Ermittlungen seitens des Kongresses. Der Konzern hat sich mit der US-Regierung u.a. auf eine Strafe in Höhe von 3, 5 Milliarden Dollar geeinigt. Weitere Verfahren und Strafen stehen noch aus. Allerdings wurde im Radio bemerkt, dass es BP nicht verboten ist, weiterhin mit der Regierung Ölgeschäfte zu betreiben.
Das Geld ist bereits zugeteilt worden, soll der Behebung der Schäden dienen. Knapp 2,4 Milliarden Dollar sollen an die National Fish and Wildlife Foundation gehen. Die demokratische Senatorin für Louisiana, Mary Landrieu, zeigte sich von deren Arbeit beeindruckt, allerdings auch besorgt darüber, dass nur eine Person in deren Aufsichtsrat von der Golfküste stammt.
Gestern wurde gemeldet, dass auf einer anderen Ölplattform, die nicht von BP sondern von Elk Energy aus Texas betrieben wird, ein Feuer ausgebrochen ist und mehrere Personen vermisst werden. Diese befindet sich auch im Golf von Mexiko 40 Kilometer vor der Küste von Grand Isle. Hier ein kleiner Videobericht mit Kommentar auf Schwyzerdütsch.
Heute habe ich einen kleinen Ausschnitt aus der satirischen Bill-Maher-Show gesehen, wo er Präsident Obama daran erinnert, dass er jetzt keine Angst mehr haben muss, nicht wiedergewählt zu werden und endlich alles umsetzen kann, was er versprochen hatte: Den Krieg beenden, die Truppen abziehen, Windenergie entwickeln...
Windräder im Ozean 40 Kilometer vor der Küste sind sicher sogar im Falle einer Havarie weniger gefährlich als Öl und Feuer. Oder wie heute auf Facebook gesehen (ein Foto mit Solarpaneelen): "Wenn es eine riesige Sonnenpest gibt, dann nennt man das einfach nur einen schönen Tag."

Mittwoch, 14. November 2012

Reisen + Freizeit

Die Zeitschrift Travel + Leisure hat New Orleans in diesem Jahr zur "Besten Stadt Amerikas" (America's Best City) gekürt. Die Stadt rangierte in mehr als der Hälfte der Kategorien unter den ersten fünf. Dazu gehören die "zivilisierten" Vergnügungen wie gepflegtes Essen, Architektur und Antiquitäten, wie auch die "ausgelassenen" Pläsierchen wie Musik und illustre Leute beobachten. Wie es eine Leserin der Zeitschrift bemerkte: New Orleans ist der Inbegriff von Seele: starke Menschen und gutes Essen gemischt mit leidenschaftlichen Melodien. ("New Orleans is the epitome of soul: strong people and satisfying food mixed with passion-fueled tunes.") 
Komischerweise zählen die New Orleanser laut dieser Umfrage nicht zu den attraktivsten Bewohnern der USA (während San Juan, Puerto Rico, gar nicht schlecht wegkam. Dabei gibt es in New Orleans auch viele Puertorikaner). Hier kann man übrigens verschiedene Städte der USA ihrer Beliebtheit nach vergleichen.

Troubled Water

Letzten Freitag war ich tatsächlich bei der angekündigten Finissage in der Galerie erstererster im Prenzlauer Berg. So fast jedenfalls. Ich kam eine halbe Stunde früher an und gleich mit dem Referenten des Abends, Erik Kiesewetter, und der Fotografin, Constanze Flamme, ins Gespräch. Erik Kiesewetter ist Graphikdesigner und Kulturorganisator einer Agentur namens Constance (was für ein Zufall). Unter anderem hat er die letzte New Orleans Biennale mitbetreut und veranstaltet auch eine Art Kunstmarkt unter dem Namen Avant Garden. Sein Name und seine Herkunft sind übrigens deutsch, und so heißt es auf seiner sehr ästhetischen Webseite "Willkommen y'all".
Constanze Flamme war 2011 und 2012 in New Orleans und Louisiana und hat dort fotografiert. Einige wenige Fotos hingen in der Galerie und ihr Katalog Troubled Water lag aus: farbenfrohe, stimmungsvolle und doch ruhige Bilder, die die Auswirkungen von Katrina und der BP-Ölkatastrophe zeigen. Sie erzählte mir von ihrer Hassliebe für die Stadt, was mir als ein sehr jugendlich ungestümes Gefühl erscheint für eine Region, die man ein paar Mal besucht hat? Üblicherweise scheiden sich an New Orleans die Geister, entweder man hasst es oder man liebt es.
Eigentlich sollte Erik Kiesewetter einen Vortrag über New Orleans halten, und beim Techniktest waren auch einige vielversprechende Abbildungen zu sehen und er war ein kluger und wissender Gesprächspartner. Die Galerie füllte sich langsam, doch eine Stunde nach der angekündigten Anfangszeit musste ich enttäuscht die Segel streichen. Constanze Flamme entschuldigte das mit den Berliner Gegebenheiten, was ich übrigens für ein Missverständnis halte (ebenso wie die Tatsache, dass man die Öffentlichen heute eigentlich nur noch mit einer offenen Bierflasche in der Hand benutzt).
Der größte Teil ihrer Fotos ist noch bis 3. Februar 2013 in einer Privatgalerie zu besichtigen: www.uncommonplace.de (nach vorheriger Anmeldung). Schade war's, aber vielleicht werde ich Erik Kiesewetter bei Gelegenheit in New Orleans erleben können.

Sonntag, 11. November 2012

Jackson Square


Der zentrale Platz im French Quarter ist der Jackson Square, nach einer Seite hin offen, ansonsten gesäumt von den Pontalba Apartment Buildings, der St. Louis Cathedral, dem Cabildo und dem Presbytère beiderseits der Kathdrale (Foto). In der Mitte befindet sich ein kleiner gestalteter Park mit Bänken und einer Statue für General Jackson auf seinem Pferd, das Ganze umgeben von einem hohen eisernen Zaun. Auf dem umliegenden Pflaster sitzen Porträtzeichner, Maler, Wahrsagerinnen, Schuhputzer, Musiker für die Touristen, und gelegentlich schlendern Polizisten vorbei. 
Der Platz wurde dem Place des Vosges (Vogesenplatz) im Pariser Marais nachempfunden (ist allerdings viel kleiner) und hieß früher Place d’Armes (Platz der Waffen). Nach der Schlacht von New Orleans, die Andrew Jackson siegreich gegen die Engländer führte, wurde der Platz nach ihm benannt (1815, die Statue steht seit 1856). Auf der offenen Seite zum Fluss hin ist die Decatur Street, an der geschmückte Kutschen mit Mauleseln und illuster bekleideten Stadtführern auf Touristen warten. Im September gingen von dort auch die neuen Doppelstockbusstadtrundfahrten los, die gerade eingeführt wurden. 
Geht man über die geschwungene Treppe jenseits der Decatur Street weiter, über die Straßenbahngleise und wieder eine Treppe hinauf, dann kommt man zum Moonwalk (Foto), einer befestigten Flusspromenade, auf der man über den weiten, geschwungenen Mississippi hinwegblicken kann, benannt nach Bürgermeister Moon Landrieu (geb. 1930, 1960-66), Vater der Senatorin Mary Landrieu und des jetzigen Bürgermeisters Mitchell Landrieu. 
Jener hat jetzt einen Gesetzesentwurf einbringen lassen, dass der Jackson Square von 1 bis 5 Uhr früh zur Reinigung geräumt werden muss, was nachtaktive Wahrsagerinnen und Musiker empört (hier). An den verschiedenen Ecken sind auch die Preservation Hall, das Café du Monde, Pirate’s Alley. 80% der Besucher der Stadt besuchen den Jackson Square, und die genießen es, dass es keine Sperrstunde gibt und man jederzeit auf offener Straße (oder auf dem Platz oder der Promenade am Fluss) Alkohol trinken darf. Mitch Landrieu wird sich doch nicht unbeliebt machen wollen...
 

Sonntag, 4. November 2012

Aktuelles

In der Galerie erstererster in der Pappelallee 69 in Berlin findet noch bis Freitag die Fotoausstellung Troubled Water mit Fotos aus New Orleans statt. Fotografiert hat Constanze Flamme. Am Mittwoch, 7. November, 20 Uhr gibt es dort den Film The Sound after the Storm, ein Dokumentarfilm, der auch vor circa zwei Jahren im Kino lief. Am Freitag 20 Uhr ist eine Finissage mit einem Vortrag des jungen New Orleanser Künstlers Erik Kiesewetter, und Louisiana Cocktails und Funk aus New Orleans werden auch versprochen. Ich habe die Ankündigung gerade erst erhalten, aber vielleicht sehen wir uns dort...

Samstag, 3. November 2012

Im Netz


Die Cajun-Hauptstadt Lafayette, Louisiana, ist eine der wenigen Städte der USA, die über ein städtisches Breitband-Internet-System verfügen. LUS Fiber ist eine Tochter von Lafayette Utilities System, dem stadteigenen Stromanbieter, und bietet neben einer Internetverbindung mit einer Geschwindigkeit von 100 Megabit pro Sekunde auch Kabelfernsehen und Telefon an. Das ließ sich nicht ohne massiven Widerstand, Fehlinformationskampagnen und sogar Klagen vor Gericht seitens zweier privater Anbieter durchsetzen, doch 2007 entschied das Oberste Gericht von Louisiana zugunsten der Stadt. Mehr als 1.200 Kilometer Glasfaserkabel wurden dazu unter der 120.000 Einwohner-Stadt verlegt. Anders als bei anderen Anbietern ist die angekündigte Übertragungsgeschwindigkeit hier gewährleistet. Damit ist Lafayette nicht nur eine der Cyber-Avantgarde-Städte, sondern es haben sich auch Firmen neu angesiedelt, wie zum Beispiel Skyscraper Holding, die wegen der entstehenden Kostenersparnis von Los Angeles nach Lafayette gezogen sind. Die Gastroenterology Clinic of Acadiana konnte fast völlig in eine elektronische Klinik umgewandelt werden und gestattet Internet-Konsultationen zwischen Krankenpflegern und Ärzten in verschiedenen Teilen der Stadt. Noch ist nicht sicher, ob sich das System finanziell tragen wird, doch heißt es, dass schon der Firmenzuzug und der schnelle Internetzugang für Schulen, Bibliotheken und private Haushalte die Sache wert sind. Siehe hier.
New Orleans ist in anderer Hinsicht wegweisend. Die Stadt, die für ihre Korruption und Vetternwirtschaft berühmt-berüchtigt ist/war, bemüht sich seit Hurrikan Katrina um Behebung des Problems, durch neue Strukturen bei der Polizei, die Auflösung der Schulbehörde usw. Bürgermeister Mitch Landrieu setzt sich seit seiner Amtseinführung für mehr Transparenz und Effektivität der Arbeit der Stadtregierung ein. Eine Mittel dazu ist die Webseite data.nola.gov, die seit August 2011 Budgetdaten usw. veröffentlicht. Noch ist die Auflistung im Entstehen, doch die Benutzer können Anregungen dafür geben, welche Daten genau sie sich wünschen.
Die aus Spenden finanzierte Organisation Code for America setzt sich ebenfalls für mehr Transparenz ein, die das Verhältnis von Bürgern und Regierenden verbessern soll. Dazu werden bestimmte Städte ausgewählt und dann Fellows rekrutiert, also junge Programmierer und Webdesigner. In New Orleans wurde auf diese Weise mit OpenSource-Programmen eine Webseite erstellt, die verlassenen und verkommenen Häusern gewidmet ist. Diese können nicht nur das Stadtbild verschandeln, sondern wie wir über die Theorie der zerschlagenen Fenster (Broken windows theory) wissen, Vandalismus und schwerwiegendere Kriminalität zur Folge haben, und deshalb wird das eigentlich auch geahndet. Auf blightstatus.nola.gov lässt sich jetzt der Status solcher Adressen einsehen; aktualisiert wird jeden Dienstag, 17 Uhr Ortszeit. Gelesen hatte ich darüber u.a. hier in der taz.
Ein wenig erinnert mich das an eine andere Webseite, besser gesagt einen Blog namens Squandered Heritage (Vergeudetes Erbe), auf dem die Begründerin Karen Gadbois Häuser dokumentierte, die nach Katrina abgerissen wurden oder zum Abriss vorgesehen waren, manchmal für die Eigentümer im Exil die einzige Informationsquelle. Inzwischen hat sie eine preisgekrönte Webseite gegründet, The Lens (Die Linse), die sich mit Politik, Umwelt, Schulen, Bebauungsplanung, Strafjustiz, investigativem Journalismus beschäftigt, auf der Squandered Heritage als Rubrik fortgeführt wird. Seit der Entkernung der Tageszeitung Times-Picayune, die seit Oktober nur noch drei Mal wöchentlich als Druckausgabe erscheint, ist The Lens noch wichtiger geworden.
Hier noch ein Hinweis auf eine kleine Aktion, über die ich auf Facebook erfahren habe. Hurrikan-Katrina-Veteranen haben kleine Weisheiten und Wünsche für von Hurrikan Sandy betroffene New Yorker geschrieben und sich damit fotografieren lassen. Von Herzen, und das ist sehr berührend. Hier.
Irgendwie ist eben doch alles verbunden.

Donnerstag, 1. November 2012

Louisiana Book Festival


Vergangenen Sonnabend fand in Baton Rouge das diesjährige Louisiana Book Festival statt, bei dem 145 Autoren lasen oder über ihre Bücher sprachen. Den Louisiana Writer Award (Schriftstellerpreis) für 2012 erhielt John Biguenet, ein aus New Orleans gebürtiger Autor, der dort sehr präsent ist, von dem ich bisher aber nur kurze Sachen gelesen habe. Er übersetzt auch aus dem Französischen und sein Roman Oyster ist in französischer Übersetzung erschienen (als Le Secret du Bayou, ohne Übersetzer). In einer Berliner Bibliothek findet sich sein Werk zu Übersetzungstheorien, doch er ist vor allem auch Theaterautor und eines seiner Hörspiele (Wundmale) soll im WDR bzw. im Österreichischen Rundfunk gelaufen sein. Mir gefällt auch sein präziser und sachlicher Blog, den er nach Katrina für die New York Times verfasst hat. Ein Autor, der für uns Deutschsprachige noch zu entdecken ist.
Beim Louisiana Book Festival gab es auch eine Kunstausstellung, Essen, Geschichtenerzähler für Kinder und „Wordshops“ für Schreibende. Beeindruckt hat mich, dass sich gleich auf der ersten Seite  eine Rubrik mit dem Titel „Special Needs“ (Besondere Bedürfnisse) befindet, mit Hinweisen auf barrierefreie Parkplätze und Transportservice. Dort ist auch ein Foto mit einer Gebärdendolmetscherin für Gehörlose zu sehen, denn kostenloses Gebärdendolmetschen wurde gewährleistet. Außerdem bot das Programm eine „Lesung aus Braille“, organisiert vom Nationalen Blindenverband in Louisiana. Man mag das als Politische Korrektheit verteufeln (die ich persönlich für richtig und wichtig halte), doch ist es nicht denkbar, dass man sich als Betroffene mit diesem Begriff besser und gleichberechtigter angesprochen fühlen könnte? Abgesehen von Begrifflichkeiten scheint es mir, dass die Berliner Literaturfestivals bezüglich der Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen (oder mit besonderen Bedürfnissen) noch Nachholbedarf haben.

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Katrina, Rita, Irene, Isaac, Sandy


Teile von New York und anderen Städten stehen unter Wasser, es gab Brände, unzählige Bäume sind umgestürzt, Menschen gestorben. 7,5 Millionen Menschen an der Ostküste waren ohne Strom, die Skyline in Manhattan im Dunkeln. In 16 Bundesstaaten sind Notunterkünfte des Roten Kreuzes eingerichtet. Die New York Times titelt, dass es Tage dauern wird, bis alles wieder normal läuft. Allein wie ein so gigantisches unterirdisches System wie die New Yorker U-Bahn (das sicher ohnehin nur funktioniert, weil es noch steinalt und mechanisch ist) wieder in Gang kommen soll, ist unvorstellbar. Noch dazu, wenn in den Tunneln immer noch das Wasser steht. Ich bin gern in New York und ich mag Washington und viele andere Orte, die betroffen sind.
Und doch dachte ich gestern kurz: „Jetzt sehen die mal, wie das ist.“ Und fragte mich gleich, wer genau sind „die“? Es sind natürlich nicht meine Freunde und Bekannten an der Ostküste, es sind nicht die Leute, die gestorben sind oder denen der Wind in Chelsea die Fassade zu ihren Wohnungen weggerissen hat. Aber dort, wo viele der Macher wirken, ist Sandy plötzlich einfach vor die Haustür gekommen und rückt ins Bewusstsein, was so ein Hurrikan bedeutet. Wie wichtig die FEMA (die Bundeskatastrophenbehörde) ist, die unter George Bush degradiert wurde, und die Mitt Romney weiter reduzieren und deren Verantwortung er den einzelnen Bundesstaaten auferlegen will. Dass Ausmaß und Häufigkeit von Naturkatastrophen zugenommen haben und der Zusammenhang mit der Erderwärmung ist so offensichtlich, dass sich Wissenschaftler eigentlich endlich nicht mehr für diese Erkenntnis erklären und verteidigen müssten. Manchen Republikanern gegenüber müssen sie das immer noch, und auch der liebenswürdige Obama ist in dieser wie auch in vielerlei anderer Hinsicht sehr zögerlich geworden.
Möge der Hurrikan all denjenigen, die über New Orleans und Louisiana den Kopf schütteln, ein Licht aufgehen lassen. Denen, die denken, dass nur Verlierer und Faulenzer in einer Gegend wohnen, die immer wieder überflutet. Dass diejenigen, die auf Häuserdächern, in Notunterkünften, auf Brücken, durch das Wasser watend gezeigt wurden, minderwertig und dumm oder vielleicht auch sündhaft sind und ihr Schicksal irgendwie verdient haben.
Viele Amerikaner schämen sich zutiefst für Katrina, sind schockiert, dass ihr Land eine Stadt und ihre Menschen so im Stich gelassen hat, dass so etwas in ihrem Land möglich war. Das höre ich, das lese ich immer wieder, auch bei den jetzigen Berichterstattungen wird der Vergleich zu Katrina gezogen.
Selbst in dem absurden, mit popkulturellen gespickten Zombieroman Brains von Robin Becker gibt es zum Schluss eine winzige Passage des, ja, Gedenkens an Katrina. Zombieprofessor Jack Barnes, der schreiben, aber nicht mehr sprechen kann, nähert sich mit seiner Gruppe denkender Zombies auf einem Boot dem Ufer, wo ein paar Soldaten und andere sie erwarten. Er hält ein Schild hoch: WE ARE YOU! (Wir sind ihr.) Sein Begleiter schlägt vor, die Soldaten anzusprechen:
 „... sobald sie wissen, dass ich sprechen kann, können sie uns nicht umbringen.
[Jack:] Ich traute dem Militär nicht. Ich dachte an Hurrikan Katrina. Die Amerikaner dort konnten sprechen. Die Amerikaner dort hatten genau wie ich Schilder hochgehalten. Auf Dächern gestrandet, von steigenden Fluten umgeben. Hilft uns, stand auf den Schildern. Rettet uns.“
(„...once they know I can speak, they can’t kill us.“
I didn’t trust the military. I remembered Hurricane Katrina. Those Americans could speak. In fact, those Americans held up signs just as I had. Stranded on rooftops, the floodwater rising. Help us, the signs said. Save us.)
Möge Hurrikan Sandy auch den letzten ein Licht aufgehen lassen.

Sonntag, 28. Oktober 2012

Alice Kessler-Harris: A Difficult Woman


Vor knapp zwei Jahren notierte ich mir zu meinem ersten Buch von Lillian Hellman, An Unfinished Woman (Eine unfertige Frau): „So ein umwerfendes, offenes Buch! New Orleans, New York, Hollywood, Spanischer Bürgerkrieg, Sowjetunion im Krieg, immer wieder Moskau, die schwierige Liebe zu Dashiell Hammett. Eine Entdeckung!“ Es ist die rasante Autobiografie einer Diva, die während des Bürgerkrieges nach Spanien reist, im 2. Weltkrieg über Alaska und Sibirien nach Moskau und an die Front, Hemingway und anderen großen Namen begegnet und über ihre lange Beziehung zu Dashiell Hammett berichtet. Ich habe das Buch verschlungen und zu einem meiner Lieblingsbücher erklärt. Etwas später versuchte ich es mit Maybe (Vielleicht), doch das war mir zu persönlich und zu viel Klatsch. Als ich dann las, dass Mary McCarthy über Lillian Hellman meinte: „Jedes Wort, das sie schreibt, ist eine Lüge, einschließlich and und the“, war ich zutiefst enttäuscht. Was mich so begeistert hatte, alles erlogen? 
Sicher auch wegen dieser Bemerkung ist Lillian Hellmanns Ruhm selbst in den USA etwas verblichen. Dabei war sie in der Mitte und zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Theaterautorin, die erste Frau unter den erfolgreichen Dramatikern ihrer Zeit, als noch weniger Frauen als heute für die Bühne schrieben. Sie tat dies ausdrücklich als Dramatiker und nicht als Dramatikerin (woman playwright), und bezeichnete ihrerseits Mary McCarthy als „lady writer“. Auch nicht nett.
Aber so war sie, die Person Lillian Hellman, die ihre Zeit vermutlich ebenso stark geprägt hat wie die Schriftstellerin. So gibt es auch mehrere Biografien über sie, doch die Historikerin Alice Kessler-Harris (von der Columbia University) hat ihr jetzt eine ausführliche Biographie gewidmet, die sich ihrem Leben und Werk aus zeitgeschichtlicher Sicht annimmt. Das Buch heißt A Difficult Woman. The Challenging Life and Times of Lillian Hellman (Eine schwierige Frau. Die Herausforderung des Lebens und der Zeiten von Lillian Hellman, zum Bestellen bei Bloomsbury hier). Tatsächlich gehörte Lillian Hellman wohl zu jenen Frauen, die mir mit ihrer Zickigkeit und ihrem Eigensinn eine tiefe Mädchenangst einjagen. Aber als Persönlichkeit, die sich trotz verschiedenster Anfeindungen ihr Leben lang treu blieb, achte und schätze ich sie.
Lillian Hellman wurde 1905 in New Orleans geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend abwechselnd dort und in New York. Sie heiratete jung, ließ sich wieder scheiden, hatte eine Abtreibung. Durch ihre Arbeit in einem Verlag, durch die Ehe und Freundschaft mit Schriftstellern und schließlich auch durch ihre Beziehung zu Dashiel Hammett fand sie selbst zum Schreiben. Zu ihren (hoch moralischen) Theaterstücken gehören The Children's Hour (1934; Kinderstunde), The Little Foxes (1939; Die kleinen Füchse) und Toys in the Attic (1959; Puppenstube).
Nach eigener Aussage blieb sie Südstaatlerin, geprägt durch ihre schwarze Amme Sophronia, und durch New Orleans, eine Stadt mit einem intensiven kulturellen Leben, eine Stadt, wo Schwarze und Weiße schon immer enger zusammenlebten als anderswo. Lillian Hellman war (deutschstämmige) Jüdin und im Sinne des tief verwurzelten Reformjudentums in New Orleans aufgewachsen, was sie von den orthodoxen osteuropäischen Einwanderern zweiter Generation, die in New York ihre Kollegen wurden, grundlegend unterschied.
Unter den Machoschriftstellern ihrer Zeit behauptete sie sich souverän, und gern band sie, auch verheiratete, auch jüngere, Männer freigiebig sexuell in ihr Leben ein, war sexuell selbstbestimmt und freizügig. Das nahm man ihr immer wieder übel. Man nahm ihr auch übel, dass sie nicht intellektuell war, sondern den Geschmack der durchschnittlichen Kulturkonsumenten (middlebrow) ansprach. Sie schaffte es nicht nur, unabhängig von ihrer Arbeit als Schriftstellerin zu leben, sondern durch geschickte und sparsame Verwaltung ihrer Finanzen sogar finanzielle Sicherheit und einigen Wohlstand für sich zu erwerben, was für Frauen ungewöhnlich war und eigentlich auch oft noch ist. Auch das nahmen ihr manche übel. 
Dass sie sich nicht mit den Zielen der Frauenbewegung identifizierte (sexuelle Befreiung, Gleichstellung im Öffentlichen wie im Privaten), brachte ihr viel Unverständnis ein. Auch hier war ihre Haltung konsequent: „Ob nun BH oder nicht BH, wer die Töpfe abwäscht, ob man ein Sexobjekt ist... hat sehr wenig Bedeutung, außer wenn die Frau, die die Tür hinter sich zuschlägt, sich selbst das Abendessen bezahlen und sich aus dem Winterwind in Sicherheit bringen kann.“ 
Sie blieb zeit Lebens unabhängig, und während Dashiell Hammett für seine Überzeugung in der McCarthy-Ära schweigend ins Gefängnis ging, machte sie sich Feinde, indem sie die Kollegen heftig kritisierte, die ihrerseits Kollegen und Freunde verraten hatten. Angst hatte auch sie, aber ihr störrisches Gerechtigkeitsbewusstsein brachte sie dazu, mit Hilfe ihrer Anwälte einen Brief zu verfassen, der ihr bei der Anhörung vor dem Komitee für Unamerikanische Aktivitäten mit etwas Glück zum Triumph verhalf.
Kurzfristig war sie auch Kommunistin gewesen und verteidigte die Sowjetunion noch, als andere sich wegen der Gewalt unter Stalin und wegen seines Vorgehens gegen Juden schon längst abgewandt hatten. Lillian Hellman war kaufsüchtig, eitel, nicht zu Kompromissen bereit, neigte zu Szenen und Unpässlichkeit, war lautstark und aufmüpfig. Sie war auch eine liebevolle und großzügige Freundin und Patentante, eine passionierte Dozentin am College, eine zurückhaltende, sehr feminine Frau.
All das weiß ich aus der umfang- und lehrreichen Biografie von Alice Kessler-Harris, die ihre unterschiedlichen Facetten in jeweils einem Kapitel betrachtet. Wenn der wissenschaftliche Duktus kurzzeitig das Lesen erschwerte, so ist es doch so gut geschrieben (und zugleich akribisch zitiert und dokumentiert), dass ein spannendes Porträt entsteht - der Frau Lillian Hellman, wie auch des Landes, in der Zeit, in der sie lebte. 
Ein ganzes Kapitel (Liar, Liar—Lügnerin, Lügnerin) befasst sich mit den Anschuldigungen von Mary McCarthy und den nachfolgenden zermürbenden Gerichtsprozessen. Lillian Hellman mag manches verdreht, falsch zugeordnet oder übertrieben haben, doch sicher nicht mehr als andere autobiografisch Schreibende. Die Suche nach der Wahrheit war ihr wichtig und immer wieder stellte sie sie in Frage. Die Fehde fand erst mit ihrem Tod 1984 ein Ende; Nora Ephron hat diese in dem Musiktheaterstück Imaginary Friends (Imaginäre Freundinnen) verarbeitet.
Ein wiederkehrendes Thema sind die (oft sehr gehässig formulierten) Aussagen, dass Lillian Hellman nicht schön war und es dennoch geschafft hatte, sich durchzusetzen. Für mich war Lillian Hellman schön genug und mich ärgert so etwas, besonders bei Frauen, wie auch der gegenwärtigen Bundeskanzlerin, deren Beruf Schönheit eigentlich nicht erforderlich macht und - was kann man schließlich für sein Aussehen? Ich nehme an, dass diese Beleidigungen zu Hellmans Lebzeiten genau so unverblümt fielen und dass die Biografin sie dokumentieren wollte. Aber (ver)störend sind sie dennoch.
In der deutschsprachigen Welt mag Lillian Hellman zu unbekannt sein, als dass eine solche Biografie ihr Publikum finden würde. Deshalb holt Euch zum Anwärmen, liebe Leser und liebe Leserinnen, ihre Autobiografie Eine unfertige Frau (in zwei verschiedenen Übersetzungen erhältlich) aus der Bibliothek. Alles, was Lillian Hellman darin beschreibt, hat sie so oder so ungefähr wahrscheinlich tatsächlich in etwa so erlebt.