Freitag, 30. November 2012

Die Polente

Das NYPD, die New Yorker Polizei, hat eine Facebook-Seite. Dort und anderswo wurde gestern ein Foto eingestellt, das eine Touristin aus Arizona, selbst Polizistin, vor ein paar Tagen gemacht hat. Es zeigt einen New Yorker Polizisten (jetzt als der 25jährige Larry DePrimo identifiziert), der einem barfüßigen Obdachlosen ein Paar warme Winterstiefel und Socken gekauft hat und ihm sie gleich anziehen helfen wird. Larry DePrimo meinte dazu später: "Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht."
Irgendjemand im NOPD, der New Orleanser Polizei, die nicht bei Facebook ist, hat sich aber wohl etwas dabei gedacht, als er dieses Überwachungsvideo hollywoodesk "bearbeitete", bevor er es als Pressemeldung herausgab (filmstudioähnliches Logo, Zwischentitel, schnelle Schnitte, rasante Musik). Gesucht wird ein Laptopdieb. Berichtet hat dies der Gambit Weekly; auf der Presseseite des NOPD habe ich das Video nicht gefunden. Sachdienliche Hinweise werden dort aber sicherlich gern entgegengenommen.
PS Ein Sprecher des NOPD sagte gegenüber der Times-Picayune: "Nicht alle Videos werden in Zukunft so aussehen. Es war ein einmaliges Experiment." Inzwischen ist das Video von allen Quellen entfernt worden, nur hier sieht man noch ein Bild. Ach, schade.

Mittwoch, 28. November 2012

Vom Winde verweht


Um gewisse Meilensteine der amerikanischen (Pop)-Kultur kommt man eigentlich nicht herum: Pollyanna, Dr. Seuss, The Sound of Music, Saturday Night Live... Und doch habe ich mich um einige bisher erfolgreich gedrückt, Star Wars zum Beispiel. Football habe ich nur einmal live und von Anfang bis Ende gesehen, wobei mich das tailgating (d.h. das Grillen, Feiern, auch Zelten auf dem Parkplatz am Stadion) am meisten beeindruckt hat. Baseball kenne ich nur als Softball für Schulmädchen und beim Training. Auch um Vom Winde verweht habe ich lange einen Bogen gemacht, bis es letzte Woche so weit war.
Es geht bekanntlich um Scarlett O’Hara, älteste Tochter eines Plantagenbesitzers in Georgia, der selbst irischer Abstammung ist und mit irischem Akzent spricht. Am Anfang des Films flirtet Scarlett mit den jungen Männern der Umgebung, und überhaupt spannt sie mit Vorliebe ihren Freundinnen und Schwestern die Männer aus. Sie ist falsch und manipulierend, und das machte sie mir sofort so unsympathisch, dass ich den Film nach 10 Minuten anhielt und monatelang keines Blickes würdigte. Gespielt wird Scarlett noch dazu von Vivien Leigh, die schon in Endstation Sehnsucht als Blanche eine äußerst nervige Figur abgab.
Scarlett liebt eigentlich nichts und niemanden, außer vielleicht das Anwesen, auf dem sie aufwuchs, Tara, das immer wieder eine Rolle spielt. Sie ist hübsch und weiß sich in Szene zu setzen, sie ist auch taff, gerissen, geschäftstüchtig, und – und das ist vermutlich ihre große Stärke – an Konventionen liegt ihr wenig. Als sie bei Nachbars eingeladen ist, erfährt sie zu ihrer Enttäuschung, dass der Sohn Ashley Wilkes (damals war Ashley noch ein Männername) seine Cousine heiraten will und nicht sie. Also macht sie ihm rasch ein Liebesgeständnis, zufällig mitgehört von Rhett Butler, der wiederum von ihr gerade wegen ihrer Unverfrorenheit sehr angetan ist. Auf der Party wird auch beschlossen, dass man gegen den Norden in den Krieg ziehen wird.
Der Bürgerkrieg prägt dann auch den größten Teil des (2 DVDs umspannenden) Films. Die vielen Verwundeten und Toten, die Zerstörung, die Not dieses Krieges werden vorstellbar. Scarlett kümmert sich ihm zuliebe um Ashleys Frau, die ihr eine tiefe Zuneigung und Dankbarkeit entgegenbringt. Mit Melanie zusammen arbeitet sie auch kurzzeitig in einem Lazarett, bis sie das Elend dort nicht mehr ertragen will. Zwei Ehen, die sie aus unlauteren Motiven einging, enden mit dem jeweiligen Tod des Mannes. Treu an ihrer Seite bleibt vor allem Mammy, ihre schwarze Amme, gespielt von Hattie McDaniel, die für ihre Darstellung als hörige Sklavin, auch als sie keine mehr ist, kritisiert wurde. Ob das wirklich so stereotyp ist, wie ihr vorgeworfen wird? Ammen, die Kinder wie Mütter aufziehen und vielen Fällen auch stillen, entwickeln doch sicherlich eine starke Loyalität zu diesen Kindern.
Scarlett kehrt auch während des Krieges nach Tara zurück und verteidigt es gegen alle möglichen Angriffe. Bei Geldknappheit und Hunger schwört sie sich, nie wieder in eine solche Situation zu kommen.
Rhett Butler, der Schwerenöter und Geschäftemacher, taucht immer wieder auf und neckt und hofiert sie. Schließlich heiraten die beiden, und Scarlett scheint auch sexuell erfüllt mit ihm zu sein, doch immer wieder kommt es zu Streit, Bockigkeit und Missverständnissen zwischen den beiden, wegen der Tochter, wegen Scarletts Versuchen, Ashley für sich zu gewinnen usw. Rhett, dessen Charme im Laufe des Films zumindest mein Herz gewinnen konnte, verlässt sie am Ende mit der Kult gewordenen Bemerkung: „Frankly, my dear, I don’t give a damn.“ (Ehrlich gesagt, meine Liebe, ist mir das scheißegal. Die deutsche Synchronfassung lautet „Offen gesagt, pfeif ich drauf“.) Scarlett zieht sich auf Tara zurück, um sich zu sammeln und zu planen, wie sie ihn zurückgewinnen kann.
Es gibt auch eine kurze Szene in New Orleans, wohin die beiden mit einem Raddampfer in die Flitterwochen fahren, bevor Scarlett schnell nach Tara zurück möchte. Ich hatte immer gedacht, dass der Film auf der legendären Oak Alley Plantation in Louisiana spielte, aber das war ein Irrtum. Tara oder Twelve Oaks soll von der Boone Hall Plantage in der Nähe von Charleston inspiriert sein, während Oak Alley Schauplatz für viele andere Filme war, siehe hier.
Worin die Faszination des Films besteht?  Die Monumentalität, die erstaunlichen Farben und Effekte und die Musik kann man sicher nur bei einem großen Bildschirm wertschätzen. Doch die Darstellung des Bürgerkriegs war beeindruckend und plastisch, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Die Rassenbeziehungen werden nicht sehr vorteilhaft, aber wohl halbwegs akkurat dargestellt. Neben den schönen Kleidern und der Darstellung eines Südens und einer Zeit, die es nicht mehr gibt, faszinieren vielleicht auch gerade die Beziehungen. Eine schwülstige Liebe „bis an das Ende der Tage“ gibt es hier nicht, denn Ashley und seine Frau verbindet eine tiefe Freundschaft und möglicherweise Seelenverwandtschaft, und Rhett Butler und Scarlett O’Hara teilen eine starke, aber kratzbürstige Anziehung, die zum Teil auch ein Spiel ist, das am Ende aus Dummheit und Eitelkeit scheitert. Es nicht einfach ein Liebesfilm nach altbekanntem Muster, sondern eher ein Lehrstück über Beziehungen. 
Insgesamt, ein Schinken, sicher, aber doch ein ungewöhnlicher Schinken mit feinen Nuancen und differenzierten Geschmacksnoten. Einer, den man sich ruhig einmal gönnen kann.

Samstag, 24. November 2012

New Orleans um 1850


Heute habe ich in alten Büchern geblättert. In Cis- und transatlantische Skizzen Nr. 1 der „Taschen-Bibliothek der Reise-, Zeit- und Lebensbilder“, Rudolstadt 1854, schreibt Johannes Quendt über den „mexikanischen Meerbusen“ und das „untere Mississippithal“: „fette Marschen, üppige Sümpfe, starke Sandstrecken und tropische Vegetation“. Im Westen von Louisiana gäbe es „sumpfige Gegenden mit wildem Reis bedeckt“ -- deshalb wird dort also auch heute Reis angebaut!
New Orleans hatte um 1850 145.000 Einwohner und der Hafen, 150 Meilen von der Mündung am rechten Ufer des Mississippis gelegen, war für die Ausfuhr von Baumwolle, Taback, Zucker, Mehl, Speck, Salzfleisch, Talg, Heu, Bohnen und vielen anderen Dingen von Bedeutung.
Die kleine Beschreibung endet so: „Das Klima ist ungesund und verheerend. Die Bevölkerung setzt sich aus allen Nationen zusammen, doch halten sich Anglo-Amerikaner und Creolen spanischer und französischer Abkunft das Gleichgewicht.“


Sonntag, 18. November 2012

Fotos vom Studio in the Woods










A Studio in the Woods


Das Studio im Wald liegt hinter den Bergen bei den sieben Zwergen, so scheint es, obwohl es in Louisiana kaum Berge gibt. Auf der circa halbstündigen Fahrt von New Orleans geht es über die lange, sehr befahrene, tatsächlich hügelartige Crescent City Connection-Brücke (Halbmondstadtverbinder) auf die andere Seite des Mississippi, dann hält man sich rechts, dann links auf dem General de Gaulle Boulevard durch die zersiedelte Westbank, dann über eine weitere hohe und in sich geschwungene Brücke über den Intracoastal Waterway hinweg zu einer verlassenen Straße, die gleich am Fuße des Deiches einer der großzügigen Kurven des Mississippi folgt, die hier, das sieht man auf der Landkarte, eigentlich eher eine Öse ist. Die Straße endet vor den Toren des Audubon Center for Research und einige Meter davor zeigt rechts ein verwittertes Schild auf die zugewachsene Einfahrt zum Studio in the Woods.
Organisch in die Bäume eingefügt steht ein lichtes hölzernes Haus mit großzügiger, gazeumzäunter Veranda. Die Koordinatorin Cammie Prewitt-Hill empfängt mich mit Flipflops und langem fließenden Rock. Wir treten in eine große Küche mit Fenstern an drei Seiten, die in ein wirres, gemütliches Wohnzimmer und hinten einen Arbeitsplatz übergeht. Ich sage: Das sieht aus wie jemandes Haus. Cammie sagt: Ist es ja auch.
Und das kommt so:
Joe und Lucianne Carmichael kamen 1968 als frisch verliebtes Paar manchmal an diese Stelle zum Picknicken, bis sie 1969 zufällig hier ein Grundstück erwarben. Neben ihrem „richtigen“ Beruf waren beide Künstler – sie arbeitet mit Ton, er mit Holz – und so bauten sie aus den im umliegenden Wald und anderswo anfallenden Materialien bis 1977 nach und nach das Haus. Er zimmerte einen langen Tisch für die Veranda, sie brannte die Fliesen für den Fußboden. Dann legten sie einen kleinen Teich an, doch das umliegende Dickicht ließen sie fast unberührt, sahen es vielmehr als Inspiration für ihre Arbeit, denn sie hatten sich auch Künstlerstudios gebaut. Sie luden Schulklassen zu Ausflügen ein und gewährten manchmal informelle Künstleraufenthalte, leiteten Workshops.
1998 begann die Suche nach einem wohlwollenden Hausbesitzer. Im Dezember 2004 übergaben sie A Studio in the Woods in die Obhut der Tulane University New Orleans, wo es zum Center for Bioenvironmental Research (Zentrum für umweltbiologische Forschung) gehört. Zum Studio gehört auch der Umweltkurator Dave Baker, der die Natur beobachtet und pflegt, zum Beispiel den Chinesischen Liguster entfernt, der den gesamten Süden der USA zu überwuchern droht. Seit 2003 werden im Studio in the Woods Aufenthaltsstipendien für Künstler angeboten, nach Katrina und Rita vor allem auch Restaurationsaufenthalte für von den Hurrikanen betroffene Künstler, darunter der Komponist und Musiker Michael White, der in dem Film The Sound of the Storm beschrieb, wie er hier wieder anfing zu arbeiten. Jedes Jahr im Januar werden Aufenthaltsstipendien für jeweils 6 Wochen ausgeschrieben, die an Künstler verschiedener Sparten vergeben werden: bildende Künstler, Autoren, Filmemacher, Musiker.
Wenige Tage vor meinem Besuch war die junge Jazzfolksingerin, Musikerin und Liedermacherin Sarah Quintana aus New Orleans gerade als Stipendiatin eingezogen, von deren Musik, wie Cammie berichtete, die ganze Jury sofort in den Bann gezogen war. Beeinflusst sicher auch durch ihr Leben in Frankreich, wo sie auch eine Fangemeinde hat, ist es eine Musik mit ungewöhnlichen Tönen und viel Raum und Zeit. Ihre erste Platte The World Has Changed hat sie übrigens per Crowdfunding finanziert.
Sarah erzählt, wie sie die Geräusche der Natur aufnimmt, die sie porös und aufnahmefähig machen, wie wohl sie sich in der Nähe der Waschbären, Armadillos, und Waldtiere fühlt, wie der fruchtbare Mississippi sie inspiriert. Dass sie den Mississippi, der wie sie meint, wegen der Umweltprobleme wütend auf uns ist, konsequent mit dem weiblichen „sie“ bezeichnet, mag mit ihrem traurigen, aber wunderschönen Lied „Mama Mississippi“ zu tun haben: Sarah Quintana auf der Kaffeetasse ihrer Großmutter. Hört es Euch hier an! Im Dezember soll ihr Album mit den Stücken aus dem Studio erscheinen, The Delta Demitasse.
Begleitet war mein Besuch von einer Geräuschkulisse aus Industrielärm, der über den Deich drang: Quietschen, Knarren, Schlagen, Schiffs- und Hafengeräusche, wie ich sie aus Donaldsonville kenne, wo ich gleich am Mississippi gewohnt habe. Als ich später auf den Deich kletterte, sah ich sie liegen, die riesigen Ozeanfrachter, vielleicht auf Reede, einer hinter dem anderen, in der ganz unromantischen Flusslandschaft. Das Studio in the Woods ist also nicht einfach eine Naturoase für die Künstlerseele, sondern ein Ort, der dem sich Kunst und Realität verbinden, an dem die Idylle eben auch von chinesischem Liguster und Industrie gebrochen ist, wo man in der Natur und doch ganz mit der aktuellen Zeit verbunden ist.
Zum Abschluss meines Besuches sprach ich noch kurz mit Lucianne Carmichael, die meinte, ich solle mich doch einmal auf einen Aufenthalt bewerben. Mach' ich, sehr gern.

Samstag, 17. November 2012

Öl

Vor zwei Tagen wurde bekannt, dass sich British Petrol für die Deepwater Horizon-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko für schuldig erklärt hat (siehe hier), auch für die fahrlässige Tötung und die Behinderung von Ermittlungen seitens des Kongresses. Der Konzern hat sich mit der US-Regierung u.a. auf eine Strafe in Höhe von 3, 5 Milliarden Dollar geeinigt. Weitere Verfahren und Strafen stehen noch aus. Allerdings wurde im Radio bemerkt, dass es BP nicht verboten ist, weiterhin mit der Regierung Ölgeschäfte zu betreiben.
Das Geld ist bereits zugeteilt worden, soll der Behebung der Schäden dienen. Knapp 2,4 Milliarden Dollar sollen an die National Fish and Wildlife Foundation gehen. Die demokratische Senatorin für Louisiana, Mary Landrieu, zeigte sich von deren Arbeit beeindruckt, allerdings auch besorgt darüber, dass nur eine Person in deren Aufsichtsrat von der Golfküste stammt.
Gestern wurde gemeldet, dass auf einer anderen Ölplattform, die nicht von BP sondern von Elk Energy aus Texas betrieben wird, ein Feuer ausgebrochen ist und mehrere Personen vermisst werden. Diese befindet sich auch im Golf von Mexiko 40 Kilometer vor der Küste von Grand Isle. Hier ein kleiner Videobericht mit Kommentar auf Schwyzerdütsch.
Heute habe ich einen kleinen Ausschnitt aus der satirischen Bill-Maher-Show gesehen, wo er Präsident Obama daran erinnert, dass er jetzt keine Angst mehr haben muss, nicht wiedergewählt zu werden und endlich alles umsetzen kann, was er versprochen hatte: Den Krieg beenden, die Truppen abziehen, Windenergie entwickeln...
Windräder im Ozean 40 Kilometer vor der Küste sind sicher sogar im Falle einer Havarie weniger gefährlich als Öl und Feuer. Oder wie heute auf Facebook gesehen (ein Foto mit Solarpaneelen): "Wenn es eine riesige Sonnenpest gibt, dann nennt man das einfach nur einen schönen Tag."

Mittwoch, 14. November 2012

Reisen + Freizeit

Die Zeitschrift Travel + Leisure hat New Orleans in diesem Jahr zur "Besten Stadt Amerikas" (America's Best City) gekürt. Die Stadt rangierte in mehr als der Hälfte der Kategorien unter den ersten fünf. Dazu gehören die "zivilisierten" Vergnügungen wie gepflegtes Essen, Architektur und Antiquitäten, wie auch die "ausgelassenen" Pläsierchen wie Musik und illustre Leute beobachten. Wie es eine Leserin der Zeitschrift bemerkte: New Orleans ist der Inbegriff von Seele: starke Menschen und gutes Essen gemischt mit leidenschaftlichen Melodien. ("New Orleans is the epitome of soul: strong people and satisfying food mixed with passion-fueled tunes.") 
Komischerweise zählen die New Orleanser laut dieser Umfrage nicht zu den attraktivsten Bewohnern der USA (während San Juan, Puerto Rico, gar nicht schlecht wegkam. Dabei gibt es in New Orleans auch viele Puertorikaner). Hier kann man übrigens verschiedene Städte der USA ihrer Beliebtheit nach vergleichen.

Troubled Water

Letzten Freitag war ich tatsächlich bei der angekündigten Finissage in der Galerie erstererster im Prenzlauer Berg. So fast jedenfalls. Ich kam eine halbe Stunde früher an und gleich mit dem Referenten des Abends, Erik Kiesewetter, und der Fotografin, Constanze Flamme, ins Gespräch. Erik Kiesewetter ist Graphikdesigner und Kulturorganisator einer Agentur namens Constance (was für ein Zufall). Unter anderem hat er die letzte New Orleans Biennale mitbetreut und veranstaltet auch eine Art Kunstmarkt unter dem Namen Avant Garden. Sein Name und seine Herkunft sind übrigens deutsch, und so heißt es auf seiner sehr ästhetischen Webseite "Willkommen y'all".
Constanze Flamme war 2011 und 2012 in New Orleans und Louisiana und hat dort fotografiert. Einige wenige Fotos hingen in der Galerie und ihr Katalog Troubled Water lag aus: farbenfrohe, stimmungsvolle und doch ruhige Bilder, die die Auswirkungen von Katrina und der BP-Ölkatastrophe zeigen. Sie erzählte mir von ihrer Hassliebe für die Stadt, was mir als ein sehr jugendlich ungestümes Gefühl erscheint für eine Region, die man ein paar Mal besucht hat? Üblicherweise scheiden sich an New Orleans die Geister, entweder man hasst es oder man liebt es.
Eigentlich sollte Erik Kiesewetter einen Vortrag über New Orleans halten, und beim Techniktest waren auch einige vielversprechende Abbildungen zu sehen und er war ein kluger und wissender Gesprächspartner. Die Galerie füllte sich langsam, doch eine Stunde nach der angekündigten Anfangszeit musste ich enttäuscht die Segel streichen. Constanze Flamme entschuldigte das mit den Berliner Gegebenheiten, was ich übrigens für ein Missverständnis halte (ebenso wie die Tatsache, dass man die Öffentlichen heute eigentlich nur noch mit einer offenen Bierflasche in der Hand benutzt).
Der größte Teil ihrer Fotos ist noch bis 3. Februar 2013 in einer Privatgalerie zu besichtigen: www.uncommonplace.de (nach vorheriger Anmeldung). Schade war's, aber vielleicht werde ich Erik Kiesewetter bei Gelegenheit in New Orleans erleben können.

Sonntag, 11. November 2012

Jackson Square


Der zentrale Platz im French Quarter ist der Jackson Square, nach einer Seite hin offen, ansonsten gesäumt von den Pontalba Apartment Buildings, der St. Louis Cathedral, dem Cabildo und dem Presbytère beiderseits der Kathdrale (Foto). In der Mitte befindet sich ein kleiner gestalteter Park mit Bänken und einer Statue für General Jackson auf seinem Pferd, das Ganze umgeben von einem hohen eisernen Zaun. Auf dem umliegenden Pflaster sitzen Porträtzeichner, Maler, Wahrsagerinnen, Schuhputzer, Musiker für die Touristen, und gelegentlich schlendern Polizisten vorbei. 
Der Platz wurde dem Place des Vosges (Vogesenplatz) im Pariser Marais nachempfunden (ist allerdings viel kleiner) und hieß früher Place d’Armes (Platz der Waffen). Nach der Schlacht von New Orleans, die Andrew Jackson siegreich gegen die Engländer führte, wurde der Platz nach ihm benannt (1815, die Statue steht seit 1856). Auf der offenen Seite zum Fluss hin ist die Decatur Street, an der geschmückte Kutschen mit Mauleseln und illuster bekleideten Stadtführern auf Touristen warten. Im September gingen von dort auch die neuen Doppelstockbusstadtrundfahrten los, die gerade eingeführt wurden. 
Geht man über die geschwungene Treppe jenseits der Decatur Street weiter, über die Straßenbahngleise und wieder eine Treppe hinauf, dann kommt man zum Moonwalk (Foto), einer befestigten Flusspromenade, auf der man über den weiten, geschwungenen Mississippi hinwegblicken kann, benannt nach Bürgermeister Moon Landrieu (geb. 1930, 1960-66), Vater der Senatorin Mary Landrieu und des jetzigen Bürgermeisters Mitchell Landrieu. 
Jener hat jetzt einen Gesetzesentwurf einbringen lassen, dass der Jackson Square von 1 bis 5 Uhr früh zur Reinigung geräumt werden muss, was nachtaktive Wahrsagerinnen und Musiker empört (hier). An den verschiedenen Ecken sind auch die Preservation Hall, das Café du Monde, Pirate’s Alley. 80% der Besucher der Stadt besuchen den Jackson Square, und die genießen es, dass es keine Sperrstunde gibt und man jederzeit auf offener Straße (oder auf dem Platz oder der Promenade am Fluss) Alkohol trinken darf. Mitch Landrieu wird sich doch nicht unbeliebt machen wollen...
 

Sonntag, 4. November 2012

Aktuelles

In der Galerie erstererster in der Pappelallee 69 in Berlin findet noch bis Freitag die Fotoausstellung Troubled Water mit Fotos aus New Orleans statt. Fotografiert hat Constanze Flamme. Am Mittwoch, 7. November, 20 Uhr gibt es dort den Film The Sound after the Storm, ein Dokumentarfilm, der auch vor circa zwei Jahren im Kino lief. Am Freitag 20 Uhr ist eine Finissage mit einem Vortrag des jungen New Orleanser Künstlers Erik Kiesewetter, und Louisiana Cocktails und Funk aus New Orleans werden auch versprochen. Ich habe die Ankündigung gerade erst erhalten, aber vielleicht sehen wir uns dort...

Samstag, 3. November 2012

Im Netz


Die Cajun-Hauptstadt Lafayette, Louisiana, ist eine der wenigen Städte der USA, die über ein städtisches Breitband-Internet-System verfügen. LUS Fiber ist eine Tochter von Lafayette Utilities System, dem stadteigenen Stromanbieter, und bietet neben einer Internetverbindung mit einer Geschwindigkeit von 100 Megabit pro Sekunde auch Kabelfernsehen und Telefon an. Das ließ sich nicht ohne massiven Widerstand, Fehlinformationskampagnen und sogar Klagen vor Gericht seitens zweier privater Anbieter durchsetzen, doch 2007 entschied das Oberste Gericht von Louisiana zugunsten der Stadt. Mehr als 1.200 Kilometer Glasfaserkabel wurden dazu unter der 120.000 Einwohner-Stadt verlegt. Anders als bei anderen Anbietern ist die angekündigte Übertragungsgeschwindigkeit hier gewährleistet. Damit ist Lafayette nicht nur eine der Cyber-Avantgarde-Städte, sondern es haben sich auch Firmen neu angesiedelt, wie zum Beispiel Skyscraper Holding, die wegen der entstehenden Kostenersparnis von Los Angeles nach Lafayette gezogen sind. Die Gastroenterology Clinic of Acadiana konnte fast völlig in eine elektronische Klinik umgewandelt werden und gestattet Internet-Konsultationen zwischen Krankenpflegern und Ärzten in verschiedenen Teilen der Stadt. Noch ist nicht sicher, ob sich das System finanziell tragen wird, doch heißt es, dass schon der Firmenzuzug und der schnelle Internetzugang für Schulen, Bibliotheken und private Haushalte die Sache wert sind. Siehe hier.
New Orleans ist in anderer Hinsicht wegweisend. Die Stadt, die für ihre Korruption und Vetternwirtschaft berühmt-berüchtigt ist/war, bemüht sich seit Hurrikan Katrina um Behebung des Problems, durch neue Strukturen bei der Polizei, die Auflösung der Schulbehörde usw. Bürgermeister Mitch Landrieu setzt sich seit seiner Amtseinführung für mehr Transparenz und Effektivität der Arbeit der Stadtregierung ein. Eine Mittel dazu ist die Webseite data.nola.gov, die seit August 2011 Budgetdaten usw. veröffentlicht. Noch ist die Auflistung im Entstehen, doch die Benutzer können Anregungen dafür geben, welche Daten genau sie sich wünschen.
Die aus Spenden finanzierte Organisation Code for America setzt sich ebenfalls für mehr Transparenz ein, die das Verhältnis von Bürgern und Regierenden verbessern soll. Dazu werden bestimmte Städte ausgewählt und dann Fellows rekrutiert, also junge Programmierer und Webdesigner. In New Orleans wurde auf diese Weise mit OpenSource-Programmen eine Webseite erstellt, die verlassenen und verkommenen Häusern gewidmet ist. Diese können nicht nur das Stadtbild verschandeln, sondern wie wir über die Theorie der zerschlagenen Fenster (Broken windows theory) wissen, Vandalismus und schwerwiegendere Kriminalität zur Folge haben, und deshalb wird das eigentlich auch geahndet. Auf blightstatus.nola.gov lässt sich jetzt der Status solcher Adressen einsehen; aktualisiert wird jeden Dienstag, 17 Uhr Ortszeit. Gelesen hatte ich darüber u.a. hier in der taz.
Ein wenig erinnert mich das an eine andere Webseite, besser gesagt einen Blog namens Squandered Heritage (Vergeudetes Erbe), auf dem die Begründerin Karen Gadbois Häuser dokumentierte, die nach Katrina abgerissen wurden oder zum Abriss vorgesehen waren, manchmal für die Eigentümer im Exil die einzige Informationsquelle. Inzwischen hat sie eine preisgekrönte Webseite gegründet, The Lens (Die Linse), die sich mit Politik, Umwelt, Schulen, Bebauungsplanung, Strafjustiz, investigativem Journalismus beschäftigt, auf der Squandered Heritage als Rubrik fortgeführt wird. Seit der Entkernung der Tageszeitung Times-Picayune, die seit Oktober nur noch drei Mal wöchentlich als Druckausgabe erscheint, ist The Lens noch wichtiger geworden.
Hier noch ein Hinweis auf eine kleine Aktion, über die ich auf Facebook erfahren habe. Hurrikan-Katrina-Veteranen haben kleine Weisheiten und Wünsche für von Hurrikan Sandy betroffene New Yorker geschrieben und sich damit fotografieren lassen. Von Herzen, und das ist sehr berührend. Hier.
Irgendwie ist eben doch alles verbunden.

Donnerstag, 1. November 2012

Louisiana Book Festival


Vergangenen Sonnabend fand in Baton Rouge das diesjährige Louisiana Book Festival statt, bei dem 145 Autoren lasen oder über ihre Bücher sprachen. Den Louisiana Writer Award (Schriftstellerpreis) für 2012 erhielt John Biguenet, ein aus New Orleans gebürtiger Autor, der dort sehr präsent ist, von dem ich bisher aber nur kurze Sachen gelesen habe. Er übersetzt auch aus dem Französischen und sein Roman Oyster ist in französischer Übersetzung erschienen (als Le Secret du Bayou, ohne Übersetzer). In einer Berliner Bibliothek findet sich sein Werk zu Übersetzungstheorien, doch er ist vor allem auch Theaterautor und eines seiner Hörspiele (Wundmale) soll im WDR bzw. im Österreichischen Rundfunk gelaufen sein. Mir gefällt auch sein präziser und sachlicher Blog, den er nach Katrina für die New York Times verfasst hat. Ein Autor, der für uns Deutschsprachige noch zu entdecken ist.
Beim Louisiana Book Festival gab es auch eine Kunstausstellung, Essen, Geschichtenerzähler für Kinder und „Wordshops“ für Schreibende. Beeindruckt hat mich, dass sich gleich auf der ersten Seite  eine Rubrik mit dem Titel „Special Needs“ (Besondere Bedürfnisse) befindet, mit Hinweisen auf barrierefreie Parkplätze und Transportservice. Dort ist auch ein Foto mit einer Gebärdendolmetscherin für Gehörlose zu sehen, denn kostenloses Gebärdendolmetschen wurde gewährleistet. Außerdem bot das Programm eine „Lesung aus Braille“, organisiert vom Nationalen Blindenverband in Louisiana. Man mag das als Politische Korrektheit verteufeln (die ich persönlich für richtig und wichtig halte), doch ist es nicht denkbar, dass man sich als Betroffene mit diesem Begriff besser und gleichberechtigter angesprochen fühlen könnte? Abgesehen von Begrifflichkeiten scheint es mir, dass die Berliner Literaturfestivals bezüglich der Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen (oder mit besonderen Bedürfnissen) noch Nachholbedarf haben.