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Dienstag, 15. März 2016

Spotlight

Um die Oscars hatte es viel Aufregung gegeben, unter dem Motto #OscarsSoWhite, und der Moderator Chris Rock hatte sich ordentlich darüber lustig gemacht. Zum Teil war es das berühmte im Halse steckenbleibende Lachen, so als er sagte, in den sechziger Jahren hätten sich die Schwarzen nicht beschwert, weil sie andere Probleme hatten (Lynchings usw.), oder dass in der Erinnerungskategorie für Verstorbene dieses Mal an die Schwarzen erinnert würde, die auf dem Weg ins Kino von Polizisten erschossen wurden.
Neben all den weißen Schauspielern und Künstlern (wobei Chris Rock auch thematisierte, warum die Preisvergabe überhaupt in Männer und Frauen unterteilt ist) waren auch weiße Filme nominiert, vor allem „The Revenant“ mit Leonardo di Caprio, wohl ein ziemlich brutaler Kracher. Aber gewonnen hat dann ein anderer Film, der mich schon im Vorfeld interessiert hatte, Spotlight, eine Hollywood-Produktion mit Anspruch und einem ernsten Thema. Spotlight heißt ein Spezialteam der Tageszeitung Boston Globe, das investigative Reportagen verantwortet und dafür monatelang recherchieren darf. (Diese Abteilung gibt es heute noch, mit 7 Mitarbeitern, darunter auch Michael Rezendes, der im Film von Mark Ruffalo gespielt wird.)
Der Film zeigt, wie das Spotlight-Team gerade nach einem neuen Thema sucht, und von dem neuen Chefredakteur, Marty Baron, gleich an seinem ersten Tag auf einen Fall angesetzt wird, der immer mal wieder im Lokalteil auftauchte. Gerade am Wochenende zuvor hatte eine Kolumne über Missbrauchsvorwürfe gegen einen Priester mit den Worten geendet: The truth may never be known. (Die Wahrheit wird wohl nie herauskommen.)
Warum eigentlich, fragte sich Baron, eine Frage, die sich die Einheimischen nie gestellt hatten. Wie sich zeigte, weil die katholische Kirche in Boston so allgegenwärtig und allmächtig ist, dass sie selbst Gerichtsakten verschwinden lassen und Missbrauchsfälle in außergerichtlichen Vergleichen abgelten kann. Der Film zeigt die wochenlange Recherche der Journalisten, das Fordern nach Akteneinsicht, das Herumtelefonieren, Leute zum Reden bringen, die nicht reden wollen, Akten und Jahrbücher durchforsten, Notizen machen, nachdenken, zu wenig essen, zu wenig schlafen, den emotionalen Stress. Das alles wird – wie immer wieder betont wird – treffend und nicht sensationell herübergebracht und ist trotzdem spannend und aufregend. Für ihre Recherche wiederum hatten sich die Filmemacher und Schauspieler mit den Reportern getroffen und  einiges abgeguckt. Darüber berichten sie in zwei Interviews auf NPR (in On the Media und Fresh Air) und in verschiedenen Talkshows.
Gleich bei Erscheinen des ersten Artikels einer ganzen Serie, das zeigt der Film, meldeten sich hunderte Missbrauchsopfer, die zum ersten Mal über ihre Erfahrung reden konnten. Und nicht nur das. Die Serie bekam einen Pulitzer-Preis und löste weltweite Untersuchungen aus. In Deutschland allerdings erst 2010 mit dem Brief des Rektors des Berliner Canisius-Kollegs, und wie es scheint, ist da noch gar nicht so sehr viel geschehen.
Was der Film überaus deutlich klar macht, ist die Bedeutung von Zeitungen, ihre Existenzberechtigung, die auch der Chefredakteur anspricht. Die Frage ist doch, was kann die Presse leisten, was digitale Medien nicht so gut können? Wie kann sich die Presse behaupten?
Genau so, davon bin ich überzeugt.
Indem sie Themen thematisiert, die ihre Leser berühren und ihnen am Herzen liegen. Das kann investigativer Journalismus. Und so ist der Boston Globe bis heute eine wichtige überregionale Zeitung, und das Spotlight-Team recherchiert weiter, auch wenn viele Mitarbeiter entlassen wurden. Wie die Washington Post (gegründet 1877) wurde der Boston Globe (gegründet 1872) 2013 an private Unternehmer verkauft, was sich auf die Unternehmungspolitik auswirkte und im Falle der Washington Post, die Jeff Bezos gehört, auch immer mehr in politisch tendenziös wirkender Berichterstattung äußert.
Die New Orleans Times-Picayune (gegründet 1837), die ich lange kannte und liebte, war auch für ihre Rolle nach Hurrikan Katrina Pulitzer-Prize-gekrönt und sorgte später mit einer Serie über das Gefängnissystem in Louisiana für Aufsehen. Darin konnte sie zeigen, dass aufgrund von Korruption und Geschäftsinteressen die (privat betriebenen) Gefängnisse in Louisiana immer gut belegt sind und  der kleine Bundesstaat die größte Gefängnispopulation der USA und damit der Welt hat.
Obwohl die Times-Picayune einen sehr treuen Abonnentenstamm hatte, ließen die neuen Besitzer sie ab 2012 nur noch drei Mal die Woche drucken und leiteten damit den bis heute andauernden Untergang des Traditionsblatts ein. Dafür sprang der Advocate aus Baton Rouge mit einer New-Orleans-Ausgabe in die Bresche und wird immer beliebter. Und zeigt, dass es auch anders geht. (Ich hatte 2012 hier im Blog immer wieder berichtet.)
Fazit: Guter, fundierter Journalismus von erfahrenen und lokal verwurzelten Reportern und Reporterinnen macht sich bezahlt! Spotlight: Ansehen! Allerdings: Es spielen nur Weiße mit.

Sonntag, 3. August 2014

Coonass


Politisch korrekte oder inklusive Sprache ist etwas in Misskredit geraten, vor allem bei sich für besonders unangepasst haltenden Kritikern, die sich an bestimmten Ausartungen festbeißen. Ich persönlich bin ein großer Fan davon, mit oder über Leute(n) so zu sprechen, wie sie es gern möchten und dass sie sich respektiert fühlen. Deshalb gibt es für meine Studentinnen auch immer eine Seminarsitzung zu dem Thema, und die Geschichte vom Vater und seinem Sohn und ihrem Unfall zeigt, dass sich seit 1992, als ich sie kennengelernt habe, nicht viel geändert hat.
Auf dem Arbeitsblatt zu meinem Seminar heißt eine Frage: “When is it okay to use the N-Word” in English or a word like “Tunte” in German?” Die richtige Antwort heißt natürlich nie, es sei denn, man ist selbst schwarz oder schwul. Ein Wort könnte ich noch hinzufügen: Coonass als Bezeichnung für Cajun.
Cajuns heißen die Nachfahren französischer Einwanderer, die im 18. Jahrhundert von den Engländern aus Nova Scotia in Kanada vertrieben wurden und vorwiegend auf dem Land leben. Aus verschiedenen Gründen sprechen sie heute im Alltag kaum noch ihr archaisches Französisch, aber sie haben sich eine reiche und lebendige Kultur bewahrt. Und auch wenn sie sich im 20. Jahrhundert vielleicht manchmal dafür geschämt haben und es für ihr Französisch, das ja kein “richtiges” Französisch ist, immer noch tun, so sind sie heute auch stolz. 
Für “Coonass” gibt es verschiedene Herkunftserklärungen: eine führt es auf das moderne französische Wort „connasse“ zurück, das im 2. Weltkrieg von den Franzosen für alliierte Cajuns verwendet worden sei. Ich halte das schon deshalb für abwegig, weil es eine abwertende Bezeichnung für eine Frau ist und deshalb ganz sicher nicht für Soldaten verwendet wurde und weil das Französische wie auch das Deutsche niemals eine grammatisch eindeutig weibliche Form für einen Mann verwenden würde. Andere assoziieren es mit dem coon von raccoon (Waschbär), was eine sehr abwertende Bezeichnung für einen Afroamerikaner ist, und der „ass“ wäre dann dessen Hinterteil.
Egal, woher es kommt, man sollte es vielleicht kennen, um Postkarten oder T-Shirts wie „You know you’re a coonass when...“ zu verstehen, aber verwenden sollte man es nicht. Das wurde jetzt einem Abgeordneten in Texas ziemlich unmissverständlich auch von Mit-Republikanern klar gemacht. Dennis Bonnen hatte den Begriff in einer Anhörung zum Umgang mit den vielen unbegleiteten Einwandererkindern für Kinder aus Louisiana verwendet, die nach Hurrikan Katrina nach Texas kamen und dort in die Schulen integriert werden mussten. Besonders auf Kinder angewendet, stießen sich viele an dem Wort und warfen ihm u.a. vor, dass er keine Vorstellung von „Inklusion“ habe (hier und hier). Eine Umfrage auf nola.com (der Webseite der New Orleans Times-Picayune) hat wiederum gezeigt, dass einige das Wort mit Stolz für sich verwenden (hier).
Für Shane Bernard, der Autor von The Cajuns: Americanization of a People zeichnet sich je nach Klassenzugehörigkeit eine unterschiedliche Haltung zu dem Wort ab, wo die mittleren und oberen Schichten es strikt ablehnen, während die Arbeiterklasse damit stolz auf die ethnische Herkunft verweist. Aber für uns Ausländer, die vermutlich nicht von Cajuns abstammen, wäre es (politisch) korrekt und auf der sicheren Seite, das Wort nicht zu verwenden (hier). Warum also nicht einfach Cajun?

Mittwoch, 17. Juli 2013

Rerun: Riding a Bike


Monday, 16 January 2012
Riding a bike

The League of American Bicyclists has brought out a new map of the USA, which lists the ten most important bicycle cities in the US. The criterion for this is not leisure-time cycling but the number of “bicycle commuters” each place has. These are the people who really use their bicycles as serious means of transport, for instance travelling to and from work. The places leading the list are Portland, Minneapolis and Seattle, but number six—and this is something of a surprise—is New Orleans, coming ahead of Washington D.C., Philadelphia and Boston.
I had heard of friends there who ride bicycles, and it certainly makes sense: the terrain is wonderfully flat and the traffic unhurried. So when I am in New Orleans I ride my bike as well. But most of the other cyclists, I note, are not en route to anywhere in particular but, in an almost anarchistic way, are just cycling around the area. So I am both surprised and pleased by that, because New Orleans is known above all for its respected culture and traditions, and rather less for the modernity and creativity that it also has, cycling being for me a part of this.
The daily New Orleans Times Picayune has now again run a little photo competition under the motto “NOLA from your bike,” open until 31st January 2012. And for this there is also a photo gallery here, one of the items included being a photo of the park bearing the name “the Fly.”
But today, also in New Orleans, there will not actually be too many casual cyclists riding around because it is Martin Luther King Day, one of the few national holidays, when federal, state and other public institutions, schools, universities and so on are closed.

Translated by John Manning

Freitag, 3. Mai 2013

Wieder da!

Manchmal gibt es so Phasen, wo sich die Arbeit über alles andere legt, wie der chinesische Liguster, der den ganzen Süden der USA langsam überwuchert oder wie vielleicht die Lava, die sich über Pompei legte. Dann nimmt mich die Arbeit in Beschlag, so dass für andere Gedanken (und Gefühle) kaum Platz ist. Jetzt ist es vorbei.
In New Orleans ist derweil das erste Jazzfestwochenende gekommen und gegangen ebenso wie das Festival International in Lafayette, ein Deutscher (Andreas Raelert) hat knapp den Ironman gewonnen, die junge Lehrerin, die seit Anfang März vermisst wird, ist immer noch nicht gefunden worden, ein um fünf Uhr früh im French Quarter mit einem Gewehr bedrohter Passant hat dieses einfach umgedreht und den Gangster in die Flucht gejagt, wie ein Video zeigt. Es gab Tornadowarnungen und Tornados, Hagel und der Gouverneur Bobby Jindal setzt sich immer noch für Kreationismus an louisianischen Schulen ein.
Mit meinen Studenten habe ich letzte Woche über den Zusammenhang von Baumbestand und Einkommensstruktur eines Stadtviertels diskutiert, den eine Studie der University of Vermont an Hand von Satellitenphotos für Washington, D.C. herstellte (das trifft auch auf andere Städte zu, zum Beispiel New Orleans, weiß ich aus Erfahrung, aber mit Satellitenphotos macht es mehr her). Wir sprachen darüber, ob also Baumpflanzen das Einkommen verbessern würde (wohl nur wenig und langfristig) und warum manche Leute gar nicht mehr Bäume in ihrem Viertel haben wollen (Blätter harken, Pollen für Allergiker, Schatten für Drogenhändler, Angst vor Gentrifizierung). Hier.
Wir haben auch einen Text gelesen, in dem es darum ging, dass nach den Bombenanschlägen in Boston übereifrige Internetsurfer aus den Fotos zwei dunkelhäutige junge Männer mit Baseballkappen und Sporttaschen (fälschlicherweise) als mögliche Täter identifiziert haben, die New York Post hat das auf der Titelseite abgedruckt, und der eine junge Mann erzählte, dass er nicht nur angesprochen und auf Facebook beschuldigt wurde, sondern tatsächlich auch Angst um sein Leben hatte. Wir sprachen also über die Gefahren der sozialen Medien und ob man so etwas hätte verhindern können. Hier.
Ich musste dann noch an etwas Anderes denken. Die Tageszeitung Boston Globe, so wird berichtet, war in diesen Tagen der Angst und Hysterie eine seriöse, unermüdliche Informationsquelle für die Bostoner und stellte seine Internetinhalte kostenlos zur Verfügung. Am 22. April 2013 wurden 60 Kartons mit Pizza an die Nachrichtenabteilung geliefert, als kleiner Akt der Solidarität seitens der Chicago Tribune, die sich für die gute Arbeit bedankten und schrieben: "Ihr macht uns als Journalisten stolz."
Das erinnerte mich an die heldenhafte Arbeit der New Orleans Times-Picayune während Katrina, die in einem Keller rund um die Uhr natürlich nur im Internet publizierten, und den Geflüchteten, Verstreuten und Traumatisierten Informationen und Halt gab. Das kann Journalismus, das kann das Internet -- wenn man es lässt. 
Übrigens sollen sowohl der Boston Globe als auch die Chicago Tribune verkauft werden. Die Times-Picayune ist immer noch die seriöseste Informationsquelle, aber man hat sie minimiert, ausgenommen, seelenlos gemacht. Wenn ich jetzt dort Artikel sehen will, tauchen kleine Fenster mit schreienden Werbefilmen auf Deutsch auf (Haarprodukte usw.), die sich nicht ausschalten lassen.

Dienstag, 22. Januar 2013

Aktuelles


1
Letzten Freitag ist Ex-Bürgermeister Ray Nagin der Korruption angeklagt worden. Als er 2002 ins Amt gewählt wurde, war er ein großer Hoffnungsträger gewesen: relativ jung, elegant, gut aussehend, und als einer der erfolgreichen Manager der Kabelfirma Cox Communications – so hoffte man – unbelastet von den Verstrickungen und Mauscheleien der politischen Kaste in New Orleans. Eine Art Lichtgestalt. Während der Katrina-Katastrophe war auch er heillos überfordert, machte jedoch auf sich aufmerksam, als er in einem Interview am 3. September 2005 die Bush-Regierung für ihre Tatenlosigkeit beschimpfte. Auch mit seiner Erklärung im Januar 2006, dass New Orleans wieder „chocolate“ werden würde, machte er Schlagzeilen. Obwohl man in New Orleans sagte, dass Katrina ihn „gebrochen“ hätte, wurde er 2006 für eine zweite Amtszeit gewählt.
Nach Katrina war immer vom Ausverkauf der Afroamerikaner die Rede. Spätestens diese Anklage deutet darauf hin, dass Nagin und andere Stadtväter, zumeist selbst Afroamerikaner, an diesem Ausverkauf Teil hatten. (Zu sehen übrigens auch in der Fernsehserie Treme.) Ein Bundesgericht klagt ihn jetzt für die Annahme von Bestechungsgeldern, für Geldwäsche und viele andere Sachverhalte an, was auch der deutschsprachigen Presse fast überall eine kleine Meldung wert ist. Die Times-Picayune hat einige dieser Transaktionen analysiert. Seit 2010 lebt Nagin übrigens in der Umgebung von Dallas.

2
Übernächstes Wochenende (am 3. Februar 2013) findet das Football-Abschlussspiel der Saison 2012, der so genannte Super Bowl, in New Orleans statt. Die Baltimore Ravens spielen gegen die San Francisco 49ers, im Superdome, der während Katrina tagelang als Zuflucht für Tausende Betroffene diente und seit der Renovierung nach einer großen deutschen Automobilfirma benannt ist. Die Stadt bereitet sich seit Längerem auf den Tag vor und hofft vermutlich, dass dies ein weiterer Schritt zur Rehabilitierung ihres Rufs als Touristenattraktion ist und ihr einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, was sich möglicherweise schon ein wenig abzeichnet. Der Flughafen wurde ausgebaut und die Straßen in der Umgebung erweitert und repariert, so dass man dort nur auf Einbahnstraßen im Kreis fahren konnte. Der größte Einschnitt: Die Termine für zahlreiche Mardi-Gras-Paraden mussten verschoben werden, da die Karnevalssaison auf Hochtouren läuft, noch bis zum 12. Februar. Dies betraf zum Beispiel die Krewe de Vieux (zu Fuß, durchs French Quarter), die schon letztes Wochenende umzog.
Alicia Keys wird die Nationalhymne singen; Beyoncé tritt in der Halbzeitpause auf.

3
2012 berichtete die Times-Picayune in der achtteiligen Reportageserie „Louisiana Incarcerated*“ (Louisiana eingesperrt) ausführlich über das korrupte Gefängnissystem Louisianas, in dem mehr Menschen als im Rest der Welt hinter Gittern leben. Am 4. Februar 2013 wird diese Serie mit dem John Jay HF Guggenheim Prize for Excellence in Criminal Justice Reporting 2012-2013 (also für Berichterstattung über das Strafrechtssystem) ausgezeichnet. Allerdings hat sich die Times-Picayune inzwischen auf Digital verlegt und bringt nur noch drei Druckausgaben wöchentlich heraus. Im Zuge dieser Umstruktierung wurden zahlreiche Reporter entlassen, darunter 9 der 20 an der Serie beteiligten Journalisten. Eine davon, Cindy Chang, arbeitet jetzt bei der Los Angeles Times. Das Preisgeld, meinte sie, wird dem DashThirtyDash-Fond gespendet, der entlassene Times-Picayune-Reporter unterstützt. Diese Nachricht habe ich aus dem Gambit und nicht aus der T-P.
* Zwar habe ich letztes Jahr hier über die Serie berichtet, aber erst jetzt ist mir der klevere Titel aufgefallen: Louisiana Incarcerated, wobei „Inc.“ in etwa „GmbH“ bedeutet.


Montag, 1. Oktober 2012

Ende einer Ära

Meine Freundin Lil schreibt heute auf Facebook:
"Es ist ein melancholischer Montag. Heute früh lag keine Zeitung vor der Tür..., es sei denn, man zählt das "Blau-und-Gold-Extrablatt", das ich persönlich als Beleidigung empfinde... Ich brauche keine Zusammenfassung des Standes von 0:4 für die Saints. Wenn man das drucken und ausliefern kann, warum dann keine richtige Zeitung? Ich habe es vor mir hergeschoben, aber jetzt bin ich so weit, dass ich den Advocate abonnieren werde."*
(It's a blue Monday. No paper on the doorstep this morning... well, not if you don't count the "Black and Gold Extra", which I personally find insulting... I don't need a re-cap of the Saints' 0:4 record. If they can print and deliver that, why can't they give us a real paper? I've been dragging my feet on it, but I'm ready to subscribe to the Advocate.)
*Die Tageszeitung The Advocate aus Baton Rouge hat kürzlich wieder ein Büro in New Orleans eröffnet und erscheint dort mit einer täglichen Ausgabe. Die Times-Picayune, die traditionsreiche und zutiefst verehrte Tageszeitung von New Orleans erscheint ab heute nur noch drei Mal wöchentlich als Druckausgabe.

Donnerstag, 14. Juni 2012

Verschiedenes

7767 Unterschriften unter der Eingabe, Protestaktionen, Artikel, Kolumnen, Radiobeiträge, Einwände seitens der Anzeigen schaltenden Firmen haben nichts genutzt: Die New Orleans Times-Picayune hat gestern 200 Angestellte entlassen, darunter die Hälfte der Nachrichtenredaktion. Die Zeitung, die schon im 19. Jahrhundert über die Aktivistin Margaret Haughery berichtete und die Einwohner durch Dick und Dünn begleitet hat, wird abgeschafft. Wer will eine Tageszeitung lesen, die nur drei Mal die Woche erscheint? Die Webseite, das bestätigen mir auch andere, ist unlesbar. Ich bin tieftraurig.
Aber einer meiner Lieblingsmaler, Mitchell Long, hat heute ein neues Bild auf Facebook gestellt und ich habe endlich kapiert, wie man Fotos von dort herunterladen kann (siehe unten). Deshalb gibt es jetzt zum Thema Limonade endlich auch das Foto von der kleinen Martha mit ihrem Verkaufsstand und ein paar Touristen.

Freitag, 8. Juni 2012

Welten

Harry Shearer, Schauspieler, Satiriker, Multitalent, hat New Orleans zu seiner Wahlheimat gemacht und ist Lokalpatriot, ein heftiger Verteidiger, Fürsprecher und Aktivist, so 2011 in dem Dokumentarfilm The Big Uneasy und auch in der Radiosendung Le Show, die auf NPR Berlin immer Sonntag Abend ausgestrahlt wird. Am Mittwoch erläutert er in dem Artikel „The Sometimes Picayune“ im Columbia Journalism Review die besondere Funktion der Tageszeitung für die Stadt, Gegebenheiten, die  der Zeitungseigentümer Advance Publication offenbar nicht versteht, und so der Stadt dasselbe Modell überstülpen will wie Ann Arbor, Michigan, und drei Städten in Alabama. Shearer benennt auch einige Aspekte, die ich mir noch nicht bewusst gemacht hatte und deshalb besonders aufregend finde:
Dass New Orleans eine Großstadt mit menschlichem Maß ist, eine eher zweistöckige Gartenstadt, mit ein paar Hochhäusern im Central Business District und Hotelblöcken an der Canal Street und somit auch ein paar Straßenschluchten, das habe ich hier schon beschrieben. Harry Shearer beschreibt aber eine echte Gemeinschaft, wo die Menschen eine tiefe Verbindung zu ihrer Stadt, zu einander und zur Vergangenheit haben. Vor Hurrikan Katrina war New Orleans die amerikanische Stadt mit der höchsten „Nativitätsrate“, d.h. dem höchsten Anteil von dort geborenen Einwohnern. Die Feiertage (Karneval) und andere besondere Tage strukturieren den Kalender und man schätzt Institutionen wie die Times-Picayune. Diese hätte beispielsweise nach Ende des Amtsenthebungsverfahrens gegen Bill Clinton als einzige Tageszeitung nicht mit diesem sondern mit dem König der Rex-Parade getitelt, schließlich war Mardi Gras! Dazu gehört auch, dass es in der Stadt selbst nur wenige der großen nationalen Handelsketten gibt, dafür aber lokale Läden, Bars, Clubs.
Vor zwei Wochen legte Bürgermeister Mitch Landrieu einen Fünf-Punkte-Plan zur Bekämpfung der Kriminalität vor, die im Jahr 2010 sieben Mal so hoch wie der nationale Durchschnitt war. Dass davon vor allem junge Afroamerikaner betroffen sind, ist ein alter Hut. In der investigativen Serie der Times-Picayune zu Gefängnissen in Louisiana wurde ein Viertel in Central City gezeigt (hier), in dem die Mehrzahl der jungen Männer im Gefängnis sitzt und der Pastor über den Mangel an Chancen und Infrastruktur sprach. 
Da wurde mir schlagartig klar: Die Stadt, über die ich hier im Blog schreibe, ihre Kultur, Tradition, Filme, Essen, Literatur, auch Musik, ist für diese Menschen nicht die Stadt, in der sie leben. Es ist eine völlig andere Welt, die von diesen schönen Dingen abgeschnitten ist, sicher eigene schöne Dinge hat, aber vor allem auch Armut, Überlebenskampf, Gewalt, zerstörte Familien und Beziehungen, Verbrechen, Tod. Es ist eine Welt, mit der ich (und viele andere New Orleanser) fast nie in Kontakt gekommen bin, zum Glück. Eine Welt, die eine alternative Zeitung aus den USA von 1989 als „Dritte Welt“ bezeichnete. Ich wünsche es New Orleans sehr, dass Mitch Landrieus Plan auch in jener Welt etwas bewegen kann. 

Dienstag, 5. Juni 2012

New Orleanser Institutionen

Gestern fand auf dem Parkplatz vor dem Rock ‚n’ Bowl in Mid City eine Kundgebung zur Rettung der Times-Picayune statt. Der Autor Michael Tisserand und die Gründerin der Louisiana Bucket Brigade (einer Umweltorganisation) Anne Rolfe hatten geladen und es kamen ungefähr 300 Menschen. Es spielten der Liedermacher Alex McMurray, der große Komponist und Pianist Allen Toussaint, der Trompeter Kermit Ruffins und einige andere. Einige ehemalige und aktuelle Mitarbeiter der Times-Picayune kamen auch, von denen einige durch einen Blogeintrag in der New York Times von ihrer bevorstehenden Entlassung erfahren hatten. Der Schriftsteller Rodger Kamenetz hatte letzte Woche auf Facebook die Gründung einer neuen Zeitung vorgeschlagen, denn er befürchtet, dass die Times-Picayune, selbst wenn sie erhalten bliebe, möglicherweise kommerzieller und konservativer werden würden. Die Aktivisten sagen den Besitzern einen langen und heißen Sommer voraus. Es werden bereits T-Shirts gedruckt, eines trägt die Aufschrift: The Some-Times Picayune (Wortspiel: die Manchmal-Picayune).
Auch der Besitzer des Rock ‚n’ Bowl John Blancher war da und tanzte mit der Menge. Das Rock ‚n’ Bowl ist seit 1988 eine Institution in New Orleans, geht aber schon auf Anfänge von 1941 zurück. Es ist nicht besonders günstig gelegen (nur mit dem Auto erreichbar), aber dort gibt es neben den Bowling-Bahnen Musikkonzerte von richtig guten Bands. Das ist natürlich nichts für die ganz verbissenen Bowler, aber es macht Spaß! John Blancher meinte, dass die Times-Picayune gerade auch für Geschäftsleute in der Stadt eine wichtige Funktion habe. Nach einem Artikel über das Rock n’ Bowl 1989 war die Auslastung des Ladens von 60 auf 600 Spiele an einem Wochenende hochgeschnellt. Gestern gab es, soweit ich ersehen konnte, kein Programm im Rock ‚n’ Bowl, sonst wären viele der Demonstranten sicher gleich dageblieben.
Die Times-Picayune hat jetzt in kurzer Folge das Layout ihrer Webseite verändert und ist für mich fast unlesbar geworden. Auch über die aktuellen Aktivitäten und Proteste wird nicht berichtet. Dafür gibt es ein anderes heiß geliebtes Blatt, der Gambit Weekly, eine wöchentliche, früher kostenlose (jetzt vielleicht auch noch?) Programmzeitung, die schon immer lokaler, unkonventioneller und witziger war und auf der Webseite regelmäßig über die Querelen um die Times-Picayune berichtet. Noch ist zu dem Thema nämlich nicht alles gesagt.

Donnerstag, 31. Mai 2012

Art and Press

Am Wochenende habe ich mir im Berliner Martin-Gropius-Bau Kunst angesehen: Pacific Standard Time. Kunst in Los Angeles 1950-1980 und eine Ausstellung mit dem Titel ArtandPress Kunst. Wahrheit. Wirklichkeit.
Zu dieser heißt es in der Ankündigung: „Die Zeitung ist seit Mitte des 19. Jahrhunderts Material und Gegenstand der Kunst“. 56 internationale Künstler haben dazu Position bezogen. Das nahm ganz unterschiedliche Formen an: zusammengeschnürte Packen Zeitungen, die in den Ecken herumlagen, ein iranisch-französischer Künstler hatte stapelweise kleine Teppiche wie in einem Teppichladen ausgelegt, von denen die oberen Titelblätter verschiedener Illustrierter darstellten. Ein ganzer Raum, vor allem auch der Fußboden, war mit vielfach vergrößerten Zeitungsartikeln zum Thema Migration ausgelegt. Zeitungen waren zerknüllt, wehten im Windzug eines Ventilators, zu Collagen verarbeitet, in Skulpturen integriert – Zeitungen in allen Formen.
Auf der Galerie war eine Seite der Bild-Zeitung gezeigt und wenn man sie mit dem bereitstehenden Tablet anvisierte, dann lief dazu ein Videonachrichtenbeitrag. Auch auf der Galerie hingen Tablet-Computer an kleinen Säulen die jeweils ein historisches Gemälde zeigten: von Honoré Daumier über Otto Dix und Max Beckmann, George Grosz, Georges Bracque bis zu Edgar Degas’ Bild von der Baumwollbörse in New Orleans.
Es ist das stimmungsvolle Bild, wo inmitten eifrigen Treibens ein Mann sitzt und mit ausgebreiteten Armen in aller Ruhe eine Zeitung liest (deren Titel so nicht zu erkennen ist), wie man eben so Zeitung liest. An welchem Wochentag Degas das Bild gemalt hat, wissen wir nicht und es auch nicht so wichtig, denn 1873 hatte New Orleans noch eine Tageszeitung. Doch würde jemand ab Herbst ein solches Bild malen wollen, dann könnte er am Montag, Dienstag, Donnerstag oder Sonnabend nur jemanden mit einem iPhone oder einem Tablet oder einem Computer darstellen. Genau auf diese Entwicklung sollten übrigens die Tablets mit den Darstellungen der klassischen Werke verweisen und sie haben eine wichtige Funktion, aber die alte Kulturform der Zeitung (und andere) kann es nicht ersetzen.
Und es geht vieles verloren: Der Moment, wenn man im Morgenmantel auf die Veranda tritt, um die in eine Plastefolie gerollte Zeitung zum Frühstück reinzuholen, die ein Zeitungsjunge in aller Herrgottsfrühe dort hinauf geschleudert hat. Mit einem Tablet kann man nicht furchtlos frühstücken, den Kaffee nicht darauf abstellen, das Kreuzworträtsel oder Sudoku nebenbei lösen, nicht zu Ende gelesene Artikel herausreißen oder zusammenfalten und mitnehmen. Man würde nicht mehr verführt werden, ungezielt Dinge zu lesen, die auch mit auf der Seite sind, Kolumnen, kleine lokale Ankündigungen, Nachrufe. Das vertraute Layout, das Papier, den Geruch genießen. Man kann Tablets nicht im Café auslegen und damit Atmosphäre schaffen, man kann sie nicht in der Bahn liegen lassen, danach im Papierkorb suchen, man kann keine Bücher darin einschlagen oder die Schränke damit auslegen. Wie sollen Erpresser ihre Nachrichten verfassen, wenn nicht aus Zeitungsbuchstaben, worin sollten sich Obdachlose einhüllen, wie sich in der Bahn damit ein paar Mark verdienen? Und eine solche Ausstellung würde dann nur noch virtuell sein, ein wirres Flimmern, nichts zum Anfassen.
Eine Stadt, die ihre lebendige Kultur durch viel Unbill hindurch gerettet hat, soll bald keine Tageszeitung mehr haben, die Teil dieser Kultur ist? Und noch dazu eine, die von 60% der Bewohner gelesen und geschätzt wird? Und wieder soll das anderswo von Nichteinheimischen verfügt und durchgezogen werden? Rettet die Times-Picayune!

Samstag, 26. Mai 2012

Movies movies movies movies

Morgen gehen die Internationalen Filmfestspiele in Cannes zu Ende (16. bis 27. Mai), die diese Woche in der Times-Picayune fast täglich erwähnt wurden: weil einige der dort vorgestellten Filme in New Orleans gedreht wurden. Dieses Mal – und das ist anders als sonst – spielen aber diese Filme nicht unbedingt in New Orleans und bedienen oder unterlaufen den einschlägigen Mythos, sondern nutzten vermutlich vor allem die günstigen Bedingungen der Filmförderung des Bundesstaates, der somit zu „Hollywoods zweitem Zuhause“ geworden ist, und die besondere Anziehung der Stadt auch für die Stars.
Killing Them Softly mit Brad Pitt (nach einem Roman von George V. Higgins) spielt zum Beispiel in Chicago und The Paper Boy mit Nicole Kidman, John Cusack und vielen anderen Stars in Florida. Beasts of the Southern Wild von Richard Corliss räumte schon beim Sundance Festival ab und bezauberte auch das französische Publikum, ein Film über ein Mädchen, das einen historischen Hurrikan miter- und überlebt. Auch die Verfilmung von Jack Kerouacs Unterwegs (On the Road) mit Kristen Stewart kam natürlich in New Orleans vorbei und fand ein gemischtes Echo.
Quentin Tarantino stellte in Cannes nur den Trailer zu seinem Film Django Unchained vor, der im Dezember in die Kinos kommen soll, einen „Spaghetti Southern“ mit Leonardi DiCaprio und Christoph Waltz. Für einen Film mit dem Titel Devil and the Deep Blue Sea soll Jessica Biel den Vertrag unterzeichnet haben und Justin Timberlake die Musik komponieren. Der Film spielt in New Orleans und soll ab Oktober dort gedreht werden.
Abseits von Cannes hieß es diese Woche noch, dass jetzt endlich John Kennedy Tooles Confederacy of Dunces verfilmt werden soll, mit Zach Galifianakis als Ignatius Reilly. Das war wohl auch schon früher versucht worden, als noch Will Ferrell (2012 der König der Krewe of Bacchus-Karnevalsparade) die Rolle spielen sollte.
Die traurigen und skandalösen Neuigkeiten über die Times-Picayune machen übrigens in den ganzen USA Schlagzeilen, so auf NPR. Das Blatt ist nämlich durchaus finanziell solide und erfolgreich und das neue Konzept vor allem darauf zurückzuführen, dass der altehrwürdige Herausgeber Ashton Phelps in den Ruhestand geht. New Orleans wäre somit die einzige Stadt ihrer Größe in den USA ohne gedruckte Tageszeitung. Aber vielleicht, hoffentlich ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn auf Facebook und auf Twitter sammeln sich die Unterstützer.

Donnerstag, 24. Mai 2012

Lokal, preisgekrönt

Dieser 100. Eintrag (tatatataaa!) ist endlich der Times-Picayune gewidmet, der New Orleanser Tageszeitung, auf deren Webseite einige meiner aktuelleren Beiträge aufbauen. Sie ist nicht die New York Times: vom kreativen und intellektuellen Anspruch her, von der Schärfe und Genauigkeit der politischen Analyse, von der Reichweite, vom Budget und so weiter. Und doch ist sie ein treuer und zuverlässiger Begleiter, den ich, anders als die New York Times, jeden Tag lesen oder überfliegen könnte.
Ihren Namen verdankt die Zeitung dem ursprünglichen Preis von 1 Picayune (einer spanischen Währungseinheit) bei ihrer Gründung 1837 und der Fusion mit dem Konkurrenzblatt Times-Democrat 1914. Bereits seit den 60er Jahren hat sie das lokale Zeitungsmonopol inne. Wikipedia bewertet sie als gemäßigt-konservativ, wobei ich sie einfach immer nur als schlicht und seriös und vielleicht nicht übermäßig progressiv gelesen habe.
1992 verfasste ich für ein Fulbright-Einführungsprogramm meine erste akademische Arbeit auf Englisch: ein Vergleich der New York Times, der Los Angeles Times, des St. Louis Post-Dispatch und der New Orleans Times-Picayune bezüglich ihrer Berichterstattung über Deutschland. Dabei schnitt sie gar nicht schlecht ab.
Während Hurrikan Katrina arbeitete die Redaktion (Internet- und Druck-) heroisch weiter, zuerst in den eigenen Gebäuden, dann auf dem Campus der Louisiana State University, mit Schlafsäcken und Luftmatratzen. Drei Tage lang gab es nur Internetausgaben, danach wurde wieder gedruckt. Auch in dieser Zeit der Medienhysterie zeichnete sie sich durch besonnene Berichterstattung vor Ort aus und war für viele Leser, auch in der Evakuation im ganzen Land verteilt, eine emotionale und informative Verbindung nach Hause. Für diese Berichterstattung erhielt sie verschiedene Preise, darunter auch den Pulitzerpreis. Auch mit den Ereignissen nach Katrina setzte sich die Times-Picayune kritisch auseinander, vor allem auch mit der FEMA, der Katastrophenmanagementagentur, die grandios versagt hatte. Auch sonst wendet sie sich immer mit investigativen Serien brisanten Themen, wie jetzt gerade zur Gefängniskultur in Louisiana.
Einige jetzt bekannte Autoren haben früher für das Blatt gearbeitet, darunter William Faulkner, Chris Rose, der für seine Katrina-Kolumnen bekannt wurde (1 Dead in Attic), James Gill, Lolis Eric Elie (der bei der Fernsehserie Tremé mitarbeitet), die Literaturkritikerin Susan Larson und Gwenn Thompkins von NPR.
Gerade heute las ich, dass die Zeitung in eine neue Firma überführt wird und ab Herbst nur noch drei Mal wöchentlich gedruckt erscheint (also nicht mehr Sonntag früh zum Zeitungsautomaten an der Ecke schlendern, einen Croissant beim französischen Bäcker daneben kaufen und den Sonntag gemächlich Zeitung lesend einläuten). Mein Freund Rex schrieb dazu auf Facebook: „Erst K&B (eine alteingesessene Drogeriekette, die vor ein paar Jahren verschwand), dann Katrina und jetzt das.“ Auch mich macht das tieftraurig. Und so ist aus dieser kleinen Lobeshymne fast ein Nachruf geworden.

Dienstag, 22. Mai 2012

Hinter Gittern

Die New Orleans Times-Picayune veröffentlicht zur Zeit eine Serie über das Gefängnissystem in Louisiana. Der erste Beitrag, am Sonntag vor einer Woche, begann gleich mit ein paar schockierenden Fakten, hier wörtlich von mir übersetzt:
„Louisiana ist die Gefängnishauptstadt der Welt. Der Bundesstaat hält mehr seiner Einwohner pro Kopf im Gefängnis fest als alle anderen Bundesstaaten der USA. Erster in den USA bedeutet erster auf der Welt. Louisianas Häftlingsrate ist fast drei Mal so hoch wie die im Iran, sieben Mal so hoch wie in China und 10 Mal so hoch wie in Deutschland.“
Der Grund dafür, so die Journalistin Cindy Chang, ist die Kommerzialisierung des Gefängnissystems, das in Louisiana 182 Millionen Dollar wert ist. Das heißt, wenn die Gefängnisse nicht immer gut gefüllt sind, dann geht diese Industrie Bankrott. In Louisiana sind noch dazu einige der Gefängnisbetreiber in abgelegenen Landkreisen (parishes) zugleich Sheriffs und sorgen dafür, dass sie und ihre Kollegen immer gut besetzt sind. Und dank einer starken Gefängnislobby werden auch keine Gefängnisreformen durchgeführt.
Ich hatte letzte Woche Besuch von meinem Cousin und Familie aus St. Louis im Bundesstaat Missouri (11 Stunden nördlich von New Orleans) und sprach mit ihm über diesen Beitrag. Er fragte mich, warum die Kriminalität in den USA denn wohl so viel höher sei als hier (wo er sich auch wirklich sehr sicher fühlte). Als ich ihm sagte, dass ich einen direkten Zusammenhang zwischen der Legalisierung von Waffen und der Kriminalität sehe, war er überrascht, denn auch er hat Schusswaffen und führt sich dadurch in seinem Haus in einer sozial schwachen Gegend sicherer. Er ist wirklich keine Ausnahme.
Der Beitrag in der Times-Picayune ist nur der Anfang einer längeren Serie und einige Artikel wurden bereits von anderen Medien im Lande übernommen. Vielleicht, und ich glaube fest daran, bewirkt er etwas.