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Mittwoch, 4. Dezember 2013

Louisiana --> DDR und zurück

In der MDR-Mediathek ist vermutlich nur noch für kurze Zeit der Mitschnitt eines Konzerts mit Louis Armstrong & His All Stars zu sehen (hier noch mehr). Das Besondere: Es ist vom 22. März 1965 im Friedrichstadt in Berlin (Hauptstadt der DDR). Ich war da noch nicht geboren, aber ich habe viel darüber gehört, weil mein Vater nämlich da war, da sein musste, weil er ein großer Fan war. Es ist die Art Jazz, die viele Leute heute noch mit New Orleans assoziieren, und den es immer noch gibt und immer geben wird, aber nicht nur. Es war ganz sicher noch im alten Friedrichstadtpalast gleich neben dem Berliner Ensemble, der in den achtziger Jahren abgerissen wurde. Die Aufnahmen sind schwarz-weiß, die Band ist es auch, sie tritt nach und nach vor einen glitzernden weißen Vorhang und alles sieht irgendwie klein und altmodisch aus. Und dann holt Armstrong seine Trompete hervor und bläst los und es ist unglaublich, rein, klassisch, grandios!
Zwischendurch ist er immer wieder der liebenswürdige Teddybär-Entertainer, der niemandem etwas zu Leide tun kann. Das hat man ihm oft vorgeworfen: In den USA fanden Afroamerikaner, dass er sich zu sehr anbiedert und nicht für ihre Sache eintritt, und als er in 17 Städten in der DDR spielte (und in anderen sozialistischen Ländern), da warfen ihm westliche Journalisten vor, dass er so unpolitisch sei. Darauf sagt er im Interview: "Ich geh da hin und spiele, wo mich mein Manager hinschickt, und immer bin ich willkommen." Und genau so einfach ist es. Der Jazzmusiker und Musikjournalist Karlheinz Drechsel, der ihn damals begleitet hat, erzählt (Interview hier), dass er sich nicht nur in die Herzen der Menschen gespielt hat, sondern auch dem Jazz die Türen in der DDR geöffnet hat. Was viele Leute sich nämlich nicht vorstellen können, ist, dass niemand möchte, dass jemand von weit her kommt und einem sagt, wie beschissen man es hat, denn letztendlich ist alles Leben, und in der DDR hatte man Frieden und Arbeit und zu essen und das war damals noch seeehr viel wert. Als später in den achtziger Jahren Bob Dylan zum Konzert kam, da wollten wir auch nicht, dass er uns erzählt, wie doof es bei uns ist, aber wir hätten uns gefreut, wenn er irgendetwas gesagt hätte, irgendwie erwähnt hätte, wie besonders es war, dass er überhaupt bei uns war und spielen konnte. 
Im Interview mit Louis Armstrong hört man, dass er nicht besonders gebildet ist und vermutlich auch nicht in komplexen Zusammenhängen dachte, aber das brauchte er auch nicht. Er war Musiker. Er spielte mit einer Lebensfreude und tiefen Wertschätzung für das Leben und für andere Menschen, und das übertrug sich in seiner Musik und, wenn man es will, erreicht es uns heute noch.
Themenwechsel: Vor kurzem habe ich mal wieder den Film Schultze gets the Blues gesehen, mit Horst Krause in der Hauptrolle. Er ist einer der Schauspieler, die nur eine Rolle beherrschen, glaube ich, und die spielt er sehr gut, als Landpolizist zum Beispiel. In diesem Film ist sie ein wenig abgewandelt, denn es ist einer dieser deutschen Filme mit langen, schweigsamen Einstellungen, die bedeutungsschwer die Geschichte vorantreiben. Aber vieles ist auch außergewöhnlich. Zum Beispiel, dass der Film in Sachsen-Anhalt spielt und das Leben dieser einfachen Bergmänner mit leichtem Humor gezeigt wird, ohne sie zu denunzieren. Horst Krause (hier Schultze) ist also einer von drei Männern, die in den Vorruhestand geschickt werden, und dann nicht so recht etwas mit sich anfangen können. Immerhin spielt Schultze gelegentlich Akkordion, mindestens einmal im Jahr auf dem Dorffest, immer dasselbe Stück, das schon sein Vater gespielt hat.
Doch eines Abends hört er im Radio Zydeco, die schnelle, rhythmische Musik der kreolisch-afroamerikanischen Landbevölkerung in Louisiana, bei der ein Akkordion immer mitspielt (sehr ähnlich der Musik der Cajuns, die allerdings langsamer ist.). Allerdings hört er nur ein paar Riffe und schaltet dann wieder aus, aber diese spielt er schnell nach und übt sie immer wieder. Zum Befremden der meisten im Dorf spielt er sie auch auf dem Dorffest. Er kocht Jambalaya für seine beiden Kumpels und jobbt nebenher für einen Flug nach Louisiana. Dann wird er für den Austausch mit der Partnerstadt New Braunfels in Texas ausgesucht, wo er sich allerdings nur kurz aufhält und schnell vor der dort praktizierten Deutschtümelei flüchtet.
Er nimmt sich ein kleines Boot und fährt durch die Sümpfe und Bayous nach Louisiana (auf der Karte sieht man, dass das von New Braunfels aus nicht so ohne weiteres geht, aber es ist ein Film, Mensch!). Dort wird er von der freundlichen Küstenwache abgeschleppt, gerät in einen Cajun-Tanzabend auf dem Lande, wo er auch gleich tanzt, und schließlich, wie im Traum, trifft er in den Sümpfen auf ein großes Boot mit einer sanften schwarzen Frau und ihrer Tochter, die gerade Krabben kocht und ihn zum Essen einlädt. Dann, beim Tanzen im Rock 'n' Bowl in New Orleans bricht er zusammen und stirbt später ganz still auf dem großen Boot in den Sümpfen. Das ist traurig und berührend, aber es ist auch schön, zeigt die raue und unpolierte Schönheit Louisianas, das schöne Licht, die lauten Grillen- und andere Geräusche in der Luft. Ein Louisiana, das zwar auch märchenhaft ist, aber abseits von Klischees.
In der Schlussszene sieht man die Beerdigung. Die Blaskapelle spielt einen Trauermarsch und bricht dann in genau den Zydeco-Riff aus, mit dem seine Faszination begann. Und dann marschiert sie vor dem Horizont mit seinen trostlosen Windrädern von rechts nach links und die Trauernden ziehen und tanzen hinter her. Und ganz plötzlich hat das was von einer Second Line in New Orleans und Schultze ist nicht nur in das verlockende Märchenland gereist, sondern hat es seltsamerweise durch seinen Tod mit in sein Leben zu Hause gebracht. 
Und auf irgendeine Weise schließt sich hier für mich ein Kreis aus Musik und Louisiana und dem Osten.

Montag, 14. Oktober 2013

Das seltsame Leben des Benjamin Button (The Curious Case of Benjamin Button)

Ich habe den Film zu Recherchezwecken gesehen: Es geht um Benjamin Button, der als winziger alter Mann geboren wird und im Laufe seines Lebens immer jünger wird. Hier ein paar andere Gründe, warum man sich den Film ansehen könnte.

1. New Orleans
Der Film spielt, das hat mich überrascht, zu großen Teilen in New Orleans. Auch die Filmemacher sollen überrascht gewesen sein, die sich wegen der Steuer- und anderer Begünstigungen entschieden hatten, dort zu drehen -- darüber, wie gut alles zu erreichen ist usw. Auch die Rahmenhandlung, in der die große Liebe von Benjamin Button als alte Frau in einem Krankenhaus stirbt, während Hurrikan Katrina herannaht, fügt sich ganz gut in die Geschichte. Zu sehen gibt es: natürlich die Bäume und die louisianische Landschaft, majestätische Häuser auch in Innenansichten, Blicke auf den Lake Pontchartrain, meist bei Sonnenuntergang, Straßenszenen aus dem French Quarter, immer wieder die Straßenbahn auf der St. Charles Avenue, einmal fahren Cate Blanchett und Brad Pitt auch ganz verliebt damit, ein Spielplatz an der Napoleon Avenue und Magazine Street, wo ich gleich um die Ecke gewohnt habe und die bizarren Südstaatenakzente der Schauspieler (wobei viele den von Brad Pitt sehr liebenswürdig finden, aber die finden bestimmt alles an Brad Pitt liebenswürdig).
In Russland beginnt Brad Pitt eine Affäre mit Tilda Swinton, Frau eines britischen Diplomaten oder Geschäftsmannes. 
Als sie ihn fragt, wo er herkomme, sagt er: „New Orleans. Louisiana.“ 
Und sie: „I didn’t know there was another.“ 
Indeed!

2. Francis Scott Fitzgerald
Falls man schon immer mal eine Geschichte von ihm lesen wollte und es nicht geklappt hat, wäre das ein Einstieg. Allerdings unterscheidet sich die Vorlage, die ich noch nicht kenne, sehr vom Film, bis auf den Titel und die generelle Idee. Wie ich Fitzgerald kenne, ist seine Kurzgeschichte sicherlich wesentlich lakonischer und weniger sentimental. Fitzgerald selbst stammte aus Minnesota und lebte im Januar 1920 für ein paar Wochen in New Orleans, in der 2900 Prytania Street. (Seine Geschichte spielt 1860 in Neuengland.) Von dort aus besucht er seine zukünftige Frau Zelda Sayre, später Fitzgerald, die nicht nur viele seiner Werke inspirierte, sondern selbst tolle Kurzgeschichten schrieb (manche sagen, er hätte bei ihr abgeschrieben). Sie war eine richtige Southern Belle aus Alabama nur zwei Bundesstaaten weiter und war bestimmt mal in New Orleans. 

3. Die Handlung
Im Film hat alles ein bisschen Märchencharakter. Es beginnt damit, dass ein Uhrmacher in New Orleans nach dem 1. Weltkrieg 1918 eine Uhr baut, die rückwärts geht, in der Hoffnung, dass sein im Krieg gefallener Sohn und andere wieder zurückkommen. Das hat mit der eigentlichen Filmhandlung wenig zu tun. Der daraufhin als winziger alter Mann geborene Benjamin wird von seinem leiblichen Vater ausgesetzt und von der schwarzen Betreiberin eines Altersheims und ihrem Lebensgefährten aufgenommen. Manche der schnellen Handlungswechsel und die warmen und bunten Farben haben mich ein bisschen an den Film Amélie erinnert. Ansonsten ist der Film vor allem eine Liebesgeschichte, natürlich einer großen Liebe, die das ganze Leben andauert, aber eben nicht so sein kann. Wenn man „große Gefühle“ nicht scheut und gern mal ein bisschen weint, ist das sehr schön.

4. Die Schauspieler
Cate Blanchett – hat einfach immer Klasse. Brad Pitt – sieht nett aus und ist nett. Tilda Swinton – wie immer ungewöhnlich. Im Film hat sie übrigens ein besonderes Hobby: Langstreckenschwimmen. Mir gefielen auch die Darsteller der Ersatzeltern von Benjamin: Taraji P. Henson und Mahershalalhashbaz Ali.

5. Die Musik...
war auch ganz schön.

Ein Grund, den Film nicht zu sehen, ist sicherlich die Länge, knapp 160 Minuten. 
Ansonsten gar nicht schlecht.

Dienstag, 24. September 2013

Rerun: Beasts of the Southern Wild


Monday, 31 December 2012
Beasts of the Southern Wild

Over the past few workaholic days, I have been doing some translations for the Museum of Modern Art, whose collection you can also visit virtually through this link. It includes pieces from (or about) Louisiana, especially photographs of New Orleans by Henri Cartier-Bresson, Lee Friedlander, Walker Evans, and of course E.J.Bellocq, best known for his images of early twentieth-century Storyville. There are some paintings as well and even film, such as Robert Flaherty's (1884-1955) classic docudrama, Louisiana Story (1948). The black-and-white movie points the camera at the rugged, exotic, and still pristine Louisiana landscape, along with its rugged and exotic Cajun inhabitants. The latter are brought out of their impoverished, subsistent lives by the arrival of the oil industry, which comes to perform exploratory drilling. Of course the film—commissioned by Standard Oil—portrays all the oil workers as friendly, helping the naïve Cajuns rise above their hardship. You can see the excitement inherent in the relationship between modern technological progress and the region's natural riches, and yet there is also a moment of wistfulness, as it means a farewell to an old world and an entry into a new one.
Sixty-five years later, that is all old news. Not long ago, the BP oil disaster polluted broad stretches of the Gulf of Mexico, and the consequences are still palpable. On top of that, Louisiana continues to lose land, more and more with each hurricane, in part because the oil companies' exploratory canals are destroying the marshes, and the saltwater flowing in is eating away at the land's natural defenses (animals as well as plants).
Along these lines, the must-see movie Beasts of the Southern Wild is a modern follow-up to the Louisiana Story. It centers precisely around people who are losing the place they call home to floodwaters, but will not leave it for anything. The film was shot on-site with amateur actors and is likewise political in its way, with a message the viewer cannot ignore. Ambitious, disturbing, and full of gripping images, the film fits the life of a young girl named Hushpuppy into the contexts of the country that has forgotten her, the effects of global warming, and the sweep of human history.
That is quite a feat for a directorial debut (Benh Zeitlin—keep your eyes peeled), and somehow he does pull it off. The experimental, independent film manages to steer clear of cynicism or sarcasm, but approaches the subject with passion and, okay, perhaps also melodrama. To be sure, the portrayal of Louisiana is not an authentic one. The people there do not live in shacks so squalid they look no different after being ravaged in a rage. But the film does not rest on cliché either, more so on particular cultural practices that may need some explanation for foreign viewers.
My companion at the movie theater, who had even visited me once in Louisiana years ago, first perceived the film as a glorification of the underclass. This may owe partly to a translation error in the subtitles (the point was not that the residents have more free time or work less than other places, but that they have more festivals—exemplified by the lackluster Mardi Gras parade in the background). The crawfish and crabs are not eaten raw as it may seem, but cooked—in big pots with potatoes, vegetables, and spicy seasonings—then served by dumping them onto tables covered in newspaper. You eat them with your hands, which is not exactly dainty. The toughest even suck out the heads. After my first crawfish boil, I had a dream that the critters were crawling through the legs of my jeans.
The village the film is set in, “The Bathtub,” is an invented one, though indeed New Orleans was referred to after Katrina as a “bathtub metropolis without a plug.” Yet the story was also inspired by the small island of Isle de Jean Charles in Terrebonne Parish, an Indian reservation that has been continually sinking into the water with each passing year but whose inhabitants still refuse to leave. Click here for an excerpt from a current documentary on it: Last Stand on the Island. 
As for the beasts invoked in the title, there are a number of them. First there are the creatures constantly tromping through the dreams of the young protagonist, Hushpuppy. Throughout the movie, I took them for oversized wild boars, but they were apparently meant to be aurochses. Then there are the actual animals that the people live with and eat. Finally, the people themselves are also somehow treated as animals, at least in the eyes of the authorities, who want to rescue them. This is hinted at by one scene in which Hushpuppy struggles to crack open a crawfish she is eating, and her father and soon all the other villagers cheer her on, chanting “Beast it!” (In other words, go at it with brute force.)
Friends of mine said they considered it a film about the longing for freedom and the desire for self-sufficiency. But for me, I see it as a film largely about the place one calls home, a film that situates this home in a broader context and celebrates the power of its gathering interrelationships and commonalities. With all its imagery, the film is best seen on a big screen, and it won't be out in theaters for much longer. Both of the lead actors, who followed the movie to Sundance and Cannes, have since returned to everyday life. Little Quvenzhané Wallis has grown into a glamorous young lady, and the man who played her father, Dwight Henry, runs a successful bakery in New Orleans.
Gambit Weekly selected the film as one of the best of 2012 (and I agree). In their words: “New Orleans filmmaker Benh Zeitlin and his ragtag crew made history with a magical and utterly original work of Louisiana art.”
Happy New Year, everyone!
-- Translated by Jake Schneider

For interviews with the two protagonists click here.

Dienstag, 30. Juli 2013

Gescheitert: Ich und Interview mit einem Vampir


Okay, Leute, ich hab’s wirklich versucht. Ungefähr eine halbe Stunde lang habe ich durchgehalten, länger ging’s nicht. Interview mit einem Vampir (von 1994) nach dem Bestseller von Anne Rice spielt zum Teil in New Orleans, denn da leben die Vampire auf den Friedhöfen. Tom Cruise ist der Obervampir (Lestat), der Brad Pitt zum Vampir beißt, indem sie dann beide beißend/gebissen werdend durch die Luft fliegen! (Da tat mir Brad Pitt ein bisschen Leid.) Beiden hatte man einen super-porzellanigen Teint gemalt, mit durchscheinenden Adern, und ihre Augen sahen so seltsam glasig aus (gelbe Haftschalen, soll sich Brad Pitt später beklagt haben). Die Eckzähne waren spitz und der Mund innen drin blutig. Es tropft und spritzt sehr viel Blut.
Der Film spielt, jedenfalls die erste halbe Stunde lang, hauptsächlich im Dunkeln. Sie sitzen auf dem St. Louis Cemetary herum oder auf Brad Pitts Anwesen, das eigentlich die Oak Alley Plantation ist. Dieser Teil der Handlung spielt im 18. Jahrhundert, deshalb auch hübsche Kostüme und lange Haare und gelegentlich Französisch. Auch unter seinen Sklaven sterben rätselhafterweise immer mehr Menschen (Tom Cruise war's!), obwohl Brad Pitt sich zuerst aus Menschenliebe? Scham? Pietät? nur an Ratten und Pudel hält. Dabei sieht seine mulattische Bedienstete eigentlich auch ganz appetitlich... Die Sklaven halten natürlich Voodoo-Zeremonien ab, opfern dabei Hähne usw., um den Tod zu bannen.
In der Rahmenhandlung wird Brad Pitt von Christian Slater in San Francisco interviewt, der eigentlich wie immer großartig sich selbst spielt. Später macht Brad aus der damals noch kleinen Kirsten Dunst einen Vampir, und es geht nach London usw., aber das habe ich nur im Internet gelesen. Was Antonio Banderas genau dort macht, weiß ich leider nicht.
In der Times-Picayune heißt es, dass der Film für heute zu überkandidelt ist und nicht funktioniert. Brad Pitt redet auch nicht gut darüber, aber er hat sich während der Dreharbeiten, wo er tagsüber immer mit dem Fahrrad herumgekurvt ist, in New Orleans verliebt und wohin das geführt hat, wissen wir ja. (Vom Fahrrad zum Privatjet, den er Angelina dieser Tage geschenkt hat.) Der Film wurde in New Orleans gedreht, bevor es noch mehr in wurde und bevor der Bundesstaat mit jeder Menge Filmförderung gelockt hat, und der Film wurde gedreht, bevor Vampire in waren. Aber irgendwie reicht das eben nicht.

Sonntag, 12. Mai 2013

Gnadenlos

Der Film Gnadenlos (No Mercy) von 1986 is tatsächlich gnadenlos... 
Es spielen Richard Gere und Kim Basinger als die Guten und Schönen und der Niederländer Jeroen Krabbé als der wirklich unglaublich böse Bösewicht, der am Ende stirbt, als alles gut wird. Richard Gere (Eddie Jillette) ist Polizist in Chicago und durch irgendwelche Verwicklungen, die ich nicht ganz verstanden habe, wird sein Partner ermordet, und er macht sich auf nach New Orleans, wo die Mörder herkommen, um ihn zu rächen. Kim Basinger ist die Gespielin des Bösewichts, die alles miterlebt hat.
Es kommt zu wilden Verfolgungsjagden und Schießereien. Eddie Jillette kennt natürlich keine Angst und kidnappt Kim Basinger, flieht mit ihr durch die Sümpfe, und kann alle auftauchenden Gefahren (alle, nämlich wirklich alle, stehen unter der Fuchtel des Bösewichts, selbst die Polizei) aus dem Weg räumen. Das Ganze spielt zum größten Teil im French Quarter (sehr schön authentisch das Polizeigebäude) und in Algiers auf der anderen Seite des Mississippi, das hier genauso wie das French Quarter aussieht. 
Die Hinterwäldler in den Sümpfen sind natürlich völlig stumpfsinnige Cajuns, die kein Englisch können, doch Kim Basinger, armes Geschöpf, das ihre Mutter mit 13 an den Gangster verkauft hat, ist zwar Analphabetin, spricht aber ein paar Sätze Französisch und macht sich so nicht nur durch gutes Aussehen nützlich. Gleich am Anfang haben sich die beiden in einander verliebt und nach einer Schieß- und Brandorgie als Höhepunkt können sie endlich in Friede Freude Eierkuchen zusammen sein (obwohl sie kurz vorher schon eine ordentliche Hollywood-Verführungsszene zusammengeschweißt hat). Der Film hat einen gewissen achtziger Jahre-Charme: Frisuren, Klamotten, die ganze Ästhetik.
Wenn man die beiden Hauptdarsteller mag und sinnloser Ballerei etwas abgewinnen kann, sollte man  sich den Film unbedingt ansehen. Oder eben wie ich zu Studienzwecken. Auf imbd heißt es: "New Orleans may never be the same again." (New Orleans wird wohl nie wieder sein wie zuvor.)

Freitag, 18. Januar 2013

Eine Liebeserklärung


Nach den Katastrophenberichten mit Selbstprofilierung, den anklagenden Dokumentarfilmen danach, den Fiktionalisierungen von Katrina ist jetzt die Phase der Liebeserklärungen an New Orleans und Louisiana gekommen, wie mir scheint. Eine solche ist der Film Tchoupitoulas der Gebrüder Ross, ein Dokumentarfilm in Form einer Meditation, eine Schleife aus Bildern, die assoziiert werden und in die der Film ohne rechte Dramaturgie ein- und am Ende ausblendet. Als Kinder waren die Rosses offensichtlich öfter in der Stadt und so ist auch der Film aus dem Blickwinkel dreier Brüder mit Hund gedreht, die aus Algiers am gegenüberliegenden Mississippiufer kommend das French Quarter erkunden, wobei vor allem der Kleine, William Zanders, kommentiert und scheinbar ohne Zusammenhang vor sich hin philosophiert. Sie beobachten Musiker, Striptänzerinnen, Transvestiten, Austernverkäufer, Obdachlose und Perle Noire (die schwarze Perle), eine recht kräftige Burlesktänzerin, die vage an Josephine Baker erinnert und mit ihrer Gelenkigkeit und fast völligen Nacktheit sehr beeindruckend und irgendwie auch erotisch ist.
Auf die Tchoupitoulas Street kommen die Jungen vielleicht, als sie nachts in einen Luxusdampfer einsteigen und diesen besichtigen, doch ich habe gelesen, dass der Titel des Film gewählt wurde, weil es diesen Straßennamen nur in New Orleans gibt. Ein schöner Film, der scheinbar hier nicht in den allgemeinen Verleih kommt. Hier.
Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Amerika sich jetzt, seit Katrina, dessen bewusst wird, was es an New Orleans hat und dieses zelebriert. So auch in diesem Film. Mir gefällt das.

Montag, 31. Dezember 2012

Beasts of the Southern Wild


In den letzten arbeitswütigen Tagen habe ich für das Museum of Modern Art übersetzt, dessen Sammlung auch virtuell besucht werden kann, unter diesem Link. Auch aus (oder über) Louisiana finden sich dort Werke, vor allem auch Fotografien aus New Orleans von Henri Cartier-Bresson, Lee Friedlander und Walker Evans und natürlich von E.J.Bellocq, der für seine Fotos aus Storyville Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt ist. Etwas Malerei ist auch dabei und – Film, so Robert Flahertys (1884-1955) Dokudrama-Klassiker Louisiana Story von 1948. In diesem Schwarzweißfilm zeigt die Kamera die wilde und exotische, damals noch unberührte, Landschaft Louisianas und die wilden und exotischen Cajuns, die sie bewohnen. Aus ihrer Armut und ihrem autarken Leben werden diese durch die Ankunft der Ölindustrie herausgerissen, die Erkundungsbohrungen durchführt. Natürlich sind die Ölarbeiter alle freundlich und helfen den naiven Cajuns aus ihrem Elend (der Film wurde von Standard Oil gesponsort). Zu sehen ist die aufregende Beziehung zwischen moderner Technik und Fortschritt und dem Naturreichtum der Region, aber es gibt auch einen Moment der Wehmut, denn es ist auch ein Abschied und ein Eintritt in eine neue Welt.
65 Jahre später ist das alles längst Alltag. Vor kurzem hat die BP-Ölkatastrophe weite Teile des Golfs von Mexiko verseucht und die Folgen sind immer noch spürbar. Abgesehen davon verliert Louisiana ständig an Boden, mit jedem Hurrikan noch viel mehr, unter anderem weil die Explorationskanäle der Ölfirmen die Marschen zerstören und das eindringende Salzwasser die rettende Natur (Pflanzen und auch Tiere) auffrisst.
Insofern ist der Film Beasts of the Southern Wild, den Ihr auch alle sehen müsst, eine moderne Fortsetzung der Louisiana Story, denn hier geht es genau darum, dass die Menschen ihre Heimat an das Wasser verlieren und aber partout nicht gehen wollen.. Auch vor Ort mit Laiendarstellern gedreht und ebenso ein gewissermaßen politischer Film, mit einer Aussage, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Vor allem aber ist ein großer, aufwühlender Film mit packenden Bildern, in dem ein kleines Mädchen namens Hushpuppy ihr Leben in den Kontext ihres Landes, das sie vergessen hat, in den globalen Kontext mit Erderwärmung und aber auch in die Menschheitsgeschichte einordnet.
Das ist für einen Debütfilm (von Benh Zeitlin – sollte man sich merken) ein starkes Stück und gelingt irgendwie auch. Der Film ist experimentell und independent, ohne zynisch oder sarkastisch zu sein, sondern leidenschaftlich und ja, vielleicht auch pathetisch. Das Bild von Louisiana ist nicht authentisch: nein, auch dort wohnen die Menschen nicht in Verschlägen, die nach einem Tobsuchtanfall genauso aussehen wie vorher usw. Aber er baut auch nicht auf Klischees, sondern vielmehr auf kulturelle Praktiken, die man für den hiesigen Zuschauer vielleicht erklären müsste. 
Mein Begleiter, der mich sogar vor langen Jahren in Louisiana besucht hat, empfand den Film zunächst wie eine Glorifizierung der Unterschicht, auch weil in den Untertiteln ein Übersetzungsfehler war (es ging nicht darum, dass man dort mehr frei hat und ergo weniger arbeitet als irgendwo auf der Welt, sondern darum, dass es mehr Feste gibt -- im Hintergrund war ein glanzloser Mardi-Gras-Umzug zu sehen). Die Krebse und Krabben werden natürlich vor dem Verzehr gekocht, in großen Töpfen mit Kartoffeln und Gemüsen und scharfen Gewürzen, und dann auf mit Zeitungen bedeckten Tischen aufgehäuft, man isst mit der Hand und das ist nicht fein. Die ganz Harten saugen auch den Kopf aus. Nach meinem ersten Crawfish boil träumte ich, dass mir Krebse innerhalb meiner Jeans an den Beinen entlangliefen.
Der Schauplatz The Bathtub (Die Badewanne) ist ein erfundener Ort, doch nach Katrina wurde auch New Orleans als „Metropole in Form einer Badewanne, ohne Stöpsel“ bezeichnet. Inspiriert wurde die Geschichte aber auch von der kleinen Insel Isle de Jean Charles in Terrebonne Parish, einem Indianerreservat, das mit jedem Jahr mehr im Wasser versinkt und wo die Einwohner sich trotzdem nicht vertreiben lassen. Hier ein Ausschnitt aus einem aktuellen Dokumentarfilm darüber, Last Stand on the Island. 
Biester oder Bestien, wie im Titel genannt, gibt es verschiedene. Zunächst wären da die Kreaturen, die immer laut schnaufend durch die Träume der kleinen Hauptfigur Hushpuppy ziehen; ich hielt sie den ganzen Film lang für überdimensionierte Wildschweineber, aber es sollten wohl doch Auerochsen sein. Dann wären da die Tiere, mit und von denen die Menschen dort leben und dann sind sie aber auch selbst irgendwie Tiere, zumindest in den Augen der Behörden, die sie retten wollen. Ein Hinweis darauf ist auch die eine Szene, in der die kleine Hushpuppy versucht, beim Essen eine Krabbe zu zerteilen, und ihr Vater und schließlich auch die anderen Dorfbewohner sie anfeuern, indem sie ihr "Beast it" zubrüllen, (also in etwa: Mach's mit roher Gewalt).
Freunde meinten zu mir, es sei ein Film über den Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Autarkie. Für mich ist es aber auch gewissermaßen ein Heimatfilm, der die eigene bedrohte Heimat in einen größeren Kontext stellt und der die Kraft von gewachsenen Beziehungen und Gemeinschaften besingt. Wegen der Bilder sollte man den Film auf einer großen Leinwand sehen und sehr lange läuft er wohl nicht mehr. Für die beiden Hauptdarsteller, die auch in Sundance und in Cannes dabei waren, ist jetzt wieder Normalität eingekehrt. Die winzige Quvenzhané Wallis ist eine kleine Glamourdame geworden und ihr Filmvater Dwight Henry betreibt eine gut gehende Bäckerei in New Orleans. Hier und hier Interviews mit ihnen. 
Im Gambit Weekly wurde der Film zu einem der besten von 2012 gekürt (und für mich ist er das auch). Dort heißt es: New Orleans filmmaker Benh Zeitlin and his ragtag crew made history with a magical and utterly original work of Louisiana art.

Happy New Year allerseits!

Mittwoch, 28. November 2012

Vom Winde verweht


Um gewisse Meilensteine der amerikanischen (Pop)-Kultur kommt man eigentlich nicht herum: Pollyanna, Dr. Seuss, The Sound of Music, Saturday Night Live... Und doch habe ich mich um einige bisher erfolgreich gedrückt, Star Wars zum Beispiel. Football habe ich nur einmal live und von Anfang bis Ende gesehen, wobei mich das tailgating (d.h. das Grillen, Feiern, auch Zelten auf dem Parkplatz am Stadion) am meisten beeindruckt hat. Baseball kenne ich nur als Softball für Schulmädchen und beim Training. Auch um Vom Winde verweht habe ich lange einen Bogen gemacht, bis es letzte Woche so weit war.
Es geht bekanntlich um Scarlett O’Hara, älteste Tochter eines Plantagenbesitzers in Georgia, der selbst irischer Abstammung ist und mit irischem Akzent spricht. Am Anfang des Films flirtet Scarlett mit den jungen Männern der Umgebung, und überhaupt spannt sie mit Vorliebe ihren Freundinnen und Schwestern die Männer aus. Sie ist falsch und manipulierend, und das machte sie mir sofort so unsympathisch, dass ich den Film nach 10 Minuten anhielt und monatelang keines Blickes würdigte. Gespielt wird Scarlett noch dazu von Vivien Leigh, die schon in Endstation Sehnsucht als Blanche eine äußerst nervige Figur abgab.
Scarlett liebt eigentlich nichts und niemanden, außer vielleicht das Anwesen, auf dem sie aufwuchs, Tara, das immer wieder eine Rolle spielt. Sie ist hübsch und weiß sich in Szene zu setzen, sie ist auch taff, gerissen, geschäftstüchtig, und – und das ist vermutlich ihre große Stärke – an Konventionen liegt ihr wenig. Als sie bei Nachbars eingeladen ist, erfährt sie zu ihrer Enttäuschung, dass der Sohn Ashley Wilkes (damals war Ashley noch ein Männername) seine Cousine heiraten will und nicht sie. Also macht sie ihm rasch ein Liebesgeständnis, zufällig mitgehört von Rhett Butler, der wiederum von ihr gerade wegen ihrer Unverfrorenheit sehr angetan ist. Auf der Party wird auch beschlossen, dass man gegen den Norden in den Krieg ziehen wird.
Der Bürgerkrieg prägt dann auch den größten Teil des (2 DVDs umspannenden) Films. Die vielen Verwundeten und Toten, die Zerstörung, die Not dieses Krieges werden vorstellbar. Scarlett kümmert sich ihm zuliebe um Ashleys Frau, die ihr eine tiefe Zuneigung und Dankbarkeit entgegenbringt. Mit Melanie zusammen arbeitet sie auch kurzzeitig in einem Lazarett, bis sie das Elend dort nicht mehr ertragen will. Zwei Ehen, die sie aus unlauteren Motiven einging, enden mit dem jeweiligen Tod des Mannes. Treu an ihrer Seite bleibt vor allem Mammy, ihre schwarze Amme, gespielt von Hattie McDaniel, die für ihre Darstellung als hörige Sklavin, auch als sie keine mehr ist, kritisiert wurde. Ob das wirklich so stereotyp ist, wie ihr vorgeworfen wird? Ammen, die Kinder wie Mütter aufziehen und vielen Fällen auch stillen, entwickeln doch sicherlich eine starke Loyalität zu diesen Kindern.
Scarlett kehrt auch während des Krieges nach Tara zurück und verteidigt es gegen alle möglichen Angriffe. Bei Geldknappheit und Hunger schwört sie sich, nie wieder in eine solche Situation zu kommen.
Rhett Butler, der Schwerenöter und Geschäftemacher, taucht immer wieder auf und neckt und hofiert sie. Schließlich heiraten die beiden, und Scarlett scheint auch sexuell erfüllt mit ihm zu sein, doch immer wieder kommt es zu Streit, Bockigkeit und Missverständnissen zwischen den beiden, wegen der Tochter, wegen Scarletts Versuchen, Ashley für sich zu gewinnen usw. Rhett, dessen Charme im Laufe des Films zumindest mein Herz gewinnen konnte, verlässt sie am Ende mit der Kult gewordenen Bemerkung: „Frankly, my dear, I don’t give a damn.“ (Ehrlich gesagt, meine Liebe, ist mir das scheißegal. Die deutsche Synchronfassung lautet „Offen gesagt, pfeif ich drauf“.) Scarlett zieht sich auf Tara zurück, um sich zu sammeln und zu planen, wie sie ihn zurückgewinnen kann.
Es gibt auch eine kurze Szene in New Orleans, wohin die beiden mit einem Raddampfer in die Flitterwochen fahren, bevor Scarlett schnell nach Tara zurück möchte. Ich hatte immer gedacht, dass der Film auf der legendären Oak Alley Plantation in Louisiana spielte, aber das war ein Irrtum. Tara oder Twelve Oaks soll von der Boone Hall Plantage in der Nähe von Charleston inspiriert sein, während Oak Alley Schauplatz für viele andere Filme war, siehe hier.
Worin die Faszination des Films besteht?  Die Monumentalität, die erstaunlichen Farben und Effekte und die Musik kann man sicher nur bei einem großen Bildschirm wertschätzen. Doch die Darstellung des Bürgerkriegs war beeindruckend und plastisch, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Die Rassenbeziehungen werden nicht sehr vorteilhaft, aber wohl halbwegs akkurat dargestellt. Neben den schönen Kleidern und der Darstellung eines Südens und einer Zeit, die es nicht mehr gibt, faszinieren vielleicht auch gerade die Beziehungen. Eine schwülstige Liebe „bis an das Ende der Tage“ gibt es hier nicht, denn Ashley und seine Frau verbindet eine tiefe Freundschaft und möglicherweise Seelenverwandtschaft, und Rhett Butler und Scarlett O’Hara teilen eine starke, aber kratzbürstige Anziehung, die zum Teil auch ein Spiel ist, das am Ende aus Dummheit und Eitelkeit scheitert. Es nicht einfach ein Liebesfilm nach altbekanntem Muster, sondern eher ein Lehrstück über Beziehungen. 
Insgesamt ein Schinken, sicher, aber doch ein ungewöhnlicher Schinken mit feinen Nuancen und differenzierten Geschmacksnoten. Einer, den man sich ruhig einmal gönnen kann.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

On the Road - Unterwegs


Ihren Werken nach zu urteilen, waren die französischen Surrealisten ein wilder Haufen, mit ihrer Lust auf Sex, Drugs und das Unterbewusstsein, angestiftet von Übersetzungen der Bücher des Herrn Freud. Ihre Experimente waren ungewöhnlich und gewagt, ihr Verschleiß an Musen natürlich groß, obwohl einige davon, Leonora Carrington zum Beispiel, selbst große Künstlerinnen wurden. Dann sieht man aber ein Foto von ihnen und da stehen sie wie zum Klassenfoto aufgereiht, mit Anzug und Krawatte, gern auch Tweed, und bloß nicht lächeln. Ganz wie der Gentleman’s Klub, der sie letztendlich waren, mit Manifesten und Aufnahmeritualen, Ausschlüssen und ihr Chef, André Breton, brachte es im New Yorker Exil nicht einmal übers Herz, Englisch zu lernen.
Die Beatniks, USA Ende der vierziger Jahre und fünfziger Jahre, sind eher eine Generation als eine Kunstrichtung, und während es immer wieder Hippies, ihre Nachfolger, gibt, so altern Beats  eigentlich nur noch und sterben langsam aus (außer vielleicht Lawrence Ferlinghetti). Sie lebten das Extrem, experimentierten mit dem Leben, ähnlich wie der Franzose Boris Vian, der zeitgleich im Dunstfeld der Existentialisten wirkte (gest. 1954).
In der Person von Jack Kerouac verbinden sich gewissermaßen Alte und Neue Welt (so wie auch in der Lost Generation um Gertrude Stein und Ernest Hemingway, die in Paris lebte): Dabei wird gern vergessen, dass der Verfasser der großen Hymne und des Quasi-Manifests der Beatniks, On the Road, der französischsprachigen Minderheit in Massachusetts entstammte und also in einer Fremdsprache schrieb. Vor einiger Zeit wurde sein französischsprachiges Manuskript mit dem Titel Sur le chemin (Unterwegs) entdeckt, das im lokalen Dialekt geschrieben ist und deshalb erdig und fast kindlich klingt (hier finden sich einige kurze Ausschnitte). 
In dem Film On the Road, der derzeit im Kino läuft, wird das Französische mehrmals kurz in Szenen mit seiner Mutter angedeutet, vermutlich wegen der französischen Koproduzenten, denn ansonsten schert das kaum jemanden. Allerdings gilt in den USA, so mein Eindruck, eher Allen Ginsberg mit dem Poem Howl als die große Stimme der Beat Generation.
Anders als das Buch muss sich der Film zur leidigen Kleider- und Frisurfrage verhalten. Wenn es um  lange, anarchische Überlandfahrten, Drogen, Sex in allen Konstellationen, wilden jugendlichen Überschuss an Testosteron geht, dann kann man die Darsteller doch nicht mit Schmachtlocke, kariertem Hemd und Hängeschultern herumlaufen lassen. Oder? Nur Kirsten Dunst als Deans Frau Camille trägt das Haar in der Nackenrolle der Zeit und schafft es, authentisch zu wirken und mich mitfühlen zu lassen, eine gute Schauspielerin, dachte ich mir. Sonst trägt man vor allem H&M-Ähnliches, Kristen Stewart noch dazu ein gelangweilt-verführerisches Schmollmündchen oder gar nichts, der Darsteller von Dean Moriarty, alias Neal Cassady, ist überhaupt zu gut und glatt aussehend für die Rolle, Kerouac wird hier zum schmierigen Mitläufer und Resteabfasser und insgesamt war mir der Habitus der Hauptdarsteller zu modern. 
Dem puren Hedonismus ohne Tiefgang wird immer mal wieder Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit entgegen gehalten, allerdings, wie mein Begleiter meinte, eher wie eine Monstranz vor sich her getragen, als dass man ihnen abnehmen würde, dass es einer von ihnen wirklich liest. (Mir ist dann auch eingefallen, dass die im Film gezeigte englische Übersetzung In Search of Lost Time erst 1992 erschienen ist und Ende der vierziger Jahre noch die erste Übersetzung mit dem kanonischen Titel Remembrance of Times Past in aller Munde und Hände war. Fällt das unter "Continuity"?)
So ist jedoch in meiner Erinnerung das Buch: eine rastlose Suche, ein Aufbruch ohne Ziel, Rebellen auf der Suche nach ihrer Sache (frei nach Rebels Without A Cause). Gelesen habe ich es schon Anfang/Mitte der achtziger Jahre in der Übersetzung von Bernhard Scheller; für die neue nach der Urfassung war "das Presse-Kontingent erschöpft".
Übrigens: Natürlich fährt die Bande auch nach New Orleans, und hält sich einige Tage im wunderbaren Landhaus von William Burroughs und seiner Frau auf. Es befindet sich in Algiers, gleich gegenüber von New Orleans auf der Westbank (in Bridge City, auch auf der Westbank, gedreht), ein traumhaftes Plantagenhaus mit hoher Terrasse, umgeben von Bäumen mit Spanischmoos und lauthals röhrenden Grillen, Licht wie bei Van Gogh, eine warme Paradies-Oase, ein Innehalten en famille in diesem ansonsten irgendwie kalten Film.
Trotzdem vergingen die 124 Minuten schneller als befürchtet, die Exzesse machen atemlos und die Kamera zeigt die USA von weiter, poetischer Schönheit in krisseligen, grellen Bildern wie in den Motorcycle Diaries. Dem Buch wird der Film nicht so recht gerecht, zu viel Hochglanz, zu viel Hollywood, zu viel kalkulierte Transgression. Und doch wäre ich neugierig zu sehen, wie die Surrealisten in einem Film von Regisseur Walter Salles wegkommen würden.

Sonntag, 7. Oktober 2012

The Lucky One


Louvers (oder Britisch: louvres) ist Englisch für die schräg gestellten Leisten, zum Beispiel an Fensterläden, die auf Deutsch meist als Lamellen bezeichnet werden. Lamellen heißen auch die Membranen auf der Unterseite von Pilzen und deshalb bin ich mit dem deutschen Wort nicht ganz zufrieden, denn anders als vielleicht die filigranen Lamellen an den Plastejalousien (mini blinds) aus China, sind Louvers an Fensterläden, französischen Türen und anderswo sehr stabil und starr und aus festem Holz, für die Jahrhunderte gebaut. 
Für mich und für die Filmindustrie sind Louvers Hinweis und Symbol für den amerikanischen Süden, besonders Louisiana, wo sie zur traditionellen (und wie das Brad-Pitt-Projekt Make It Right Nola zeigt auch zur modernen) Architektur einfach dazugehören, in Form von Fenster- oder Türläden, aber nicht nur. So gesehen zum Beispiel in der Verfilmung von Endstation Sehnsucht oder in Unterwegs nach Jack Kerouac, der derzeit in den Kinos läuft.
Auf dem langen Flug habe ich The Best Marigold Hotel gesehen – ein wirklich hübscher und durchaus bewegender Film über ältere Briten (mit Judi Dench, Maggie Smith usw.), die in einem verfallenen Hotel in Indien einen ruhigen Lebensabend suchen und dann doch etwas Anderes finden. Und weil alles so klein und so eng und so unbequem war, ist mein Blick immer wieder abgeschweift: auf den Bildschirm eines Passagiers zwei Reihen schräg vor mir. Dort gab es dann eine heiße Liebeszene, so wie Hollywood es sich vorstellt, wenn ein Paar sich endlich zum ersten Mal liebt, und diese fand in weichem, warmem Licht und hinter Louvers statt. Das hat mich neugierig gemacht.
Also habe ich mir nach dem Happy End von Marigold Hotel noch diesen Film angesehen, The Lucky One (dt. Für immer der Deine). Es ist die Verfilmung eines gleichnamigen Romans von Nicholas Sparks, der allerdings statt in North Carolina in Louisiana spielt, wo man sich freigiebig der anderen Symbole und Stereotypen bedient: Lebenseichen, tolles Plantagenhaus, Zydecomusik usw. Die Schauspieler sind hübsch, die Landschaften auch und die Geschichte gibt sich ernst und dramatisch. Logan, ein ehemaliger Marine, macht sich von Colorado aus mit seinem Hund zu Fuß auf den Weg nach Louisiana, um eine junge Frau zu aufzuspüren, deren Foto er im Irakkrieg gefunden hat. Wie die etwas Voyeurismus suggerierende Szene hinter Louvers jedoch andeutet, kann ihre Liebe nicht einfach so drauf los erblühen, sondern es gibt einige Hürden. Er erzählt ihr nicht, wer er ist und woher er kommt; sie war schon einmal verheiratet und hat ein Kind; der Exmann ist ein dysfunktionaler Loser und Polizist, der sie terrorisiert und den Jungen zu einem Mann machen will und als Pfand gegen sie in der Hand hat. Logan hingegen ist ein richtig männlicher Engel, versteht sich mit allen prima und hält den Ex in Schach. Der ertrinkt in einer äußerst dramatischen Unwetterszene am Schluss und dann gibt es Friede Freude Eierkuchen.
Eine erstaunliche Stärke hat der Film: Er schafft es, eine Höchstzahl von Klischees in sich zu vereinen – Handlung (Liebe, böser Gegenspieler und dessen Tod, Krieg, Tod des Bruders, über den die Frau nicht hinwegkommt), Louisiana, die Art der Schauspielerei (sie wird einmal fuchtig und reißt Büsche aus und wirft Blumentöpfe um), lieber, gut aussehender Typ, scheinbar ganz ohne Frau, der trotz kurzem Hinweis auf PTSD am Anfang Hunde und Kinder liebt und Frauen auch. Ein kleines Detail hat mich doch beeindruckt: Beth war vor ihrer Heirat Mitglied der Leichtathletikmannschaft der Tulane University. 
Der Leuchtturm, der in dem bewussten Foto hinter Beth zu sehen ist und Logan zu ihr führt, befindet sich in Port Eads, ganz im Süden Louisianas, wo das Land in den Golf von Mexiko übergeht. Seit Hurrikan Katrina ist er nur noch vom Wasser und von der Luft aus zu erreichen.
Es soll insgesamt schon sieben Verfilmungen nach Nicholas Sparks geben und bei allen soll der Verbrauch von Tempotaschentüchern zu einem Engpass geführt haben. Bei uns lief der Film im Frühjahr und erreichte Platz 3. Gedreht wurde ausschließlich in der Gegend von New Orleans.

Montag, 3. September 2012

James Bond in New Orleans

Auf meine Frage, was man denn in England so mit New Orleans assoziiert, wurde ich letztens auf diesen James-Bond-Film verwiesen: Leben und sterben lassen von 1973. Es war der erste mit Roger Moore, und darin erklingt der gleichnamige Titel von Paul McCartney und den Wings (Live and Let Die).
Am Anfang stehen drei Morde. Der erste findet bei den Vereinten Nationen in New York statt, als in der Kabine des auf seine Arbeit konzentrierten Simultandolmetschers (wie selten sieht man das im Film!) jemand eine Art Giftgas in die Tonleitung einfüllt. Der zweite erfolgt recht pittoresk im French Quarter in New Orleans während einer Jazzbeerdigung. Pittoresk ist das auch wegen der tollen 70er-Jahre-Kleidung und der Frisuren (Afros!), die die (durchweg schwarzen) Beteiligten tragen, und etwas später findet ein identischer Mord noch einmal statt. (Den ersten sieht man hier.) Der dritte Mord geschieht während einer wilden Voodoozeremonie, wo das Opfer auf der imaginären Karibikinsel San Monique an eine Art Totempfahl gefesselt ist und mit einer Schlange vergiftet wird.
Bond ist einem Doktor Kananga auf der Spur, eben in New York (Harlem), San Monique und New Orleans. Wieder einmal geht alles sehr schnell und rasant zu, und ich habe erst nach einer Weile verstanden, dass Doktor Kananga etwas mit Drogen zu tun hat. Ihm zur Seite steht sein Tarotkarten legendes Medium Solitaire (Jane Seymore), die, wir ahnen es, jung und scheu wie sie ist, natürlich das Bondgirl wird.
Bei der wilden Jagd bleiben wie gehabt einige Menschen auf der Strecke; auch für Bond sieht es einige Male nicht gut aus, aber er natürlich windet er sich elegant immer wieder heraus. Als er in New Orleans an dem damals winzigen Flughafen ankommt (der noch heute ungefähr die Größe von Berlin-Tegel hat), wird er zum Beispiel gleich entführt und auf eine Alligatorfarm gebracht, wo er den Tieren zum Fraß vorgeworfen wird. Dann kommt es zu einer endlosen Verfolgungsjagd mit Wasserbooten durch die Bayous von Louisiana (mit einigen verdächtig europäischen Landschaftszenen gemischt), wobei die Boote übereinander und über eine Landzunge hinweg springen, während ein hinterwäldlerischer Sheriff dazwischen herumfuchtelt. Ethnologisch und kulturwissenschaftlich gesehen ist das durchaus interessant, aber dann doch etwas zu lang für mich, so dass mir zwischendurch einige Zusammenhänge entgangen sind.
Beeindruckend und rein optisch sehr ungewöhnlich ist, wie viele Schwarze in dem Film mitspielen. Allerdings sind sie fast durchweg grausam und hinterhältig und stecken mit Doktor Kananga, auch schwarz, unter einer Decke. Dabei tauchen dieselben zwielichtigen Figuren in Harlem, San Monique und New Orleans auf und immer gibt es da eine Verbindung mit Voodoo. Kritiker haben auf diese klischeehafte Darstellung von Schwarzen als einer Verschwörung bösartiger Drogendealer hingewiesen.
Nach jahrzehntelanger Bond-Abstinenz fand ich James' Beziehung zum schönen Geschlecht, bzw. die der Frauen zu ihm, schwer erträglich. Die blutjunge Jane Seymore ist nämlich von dem leicht angeschwabbelten, weil fast doppelt so alten, Roger Moore sofort sexuell in den Bann geschlagen und will unbedingt ihre Jungfräulichkeit an ihn verlieren! Danach ist sie für Kananga als Tarot legendes Medium aber unbrauchbar! Dabei hat Bond sie herumbekommen, indem er sie aus einem gezinkten Blatt (mit lauter identischen Karten) die Die Liebenden-Karte ziehen lässt und brüstet sich dann noch mit diesem billigen Trick!
Einige niedliche Technikspielzeuge gibt es auch, aber insgesamt wollte sich, trotz Louisiana als Schauplatz, bei mir nicht so das rechte Bond-Gefühl von früher einstellen. Gut, ich bin älter geworden. Oder es liegt an meinem kleinen Laptopbildschirm. Aber eines ist nach wie vor ein Knüller: die James-Bond-Titelmelodie, die ich erst gestern live von der Schülerbigband des Arndt-Gymnasiums in Dahlem gehört habe -- zeitlos, mit Pathos und Energie, unschlagbar und immer wieder gut.

Mittwoch, 15. August 2012

Jeff, der noch zu Hause lebt

Diesen Film habe ich auf Empfehlung eines Lesers gesehen (Dankeschön!), eine Independentkomödie der Brüder Jay und Mark Duplass aus New Orleans (Webseite hier). Es geht um zwei ungleiche Brüder, die beide ihr Leben nicht so recht im Griff haben, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Der genannte Jeff ist 30 und wohnt bei seiner Mutter, wo er die Tage im Keller verbringt und auf ein kosmisches Zeichen wartet, dass ihm zeigt, wohin sein Leben gehen soll. Der andere, Pat, klopft gern Sprüche und glaubt, alles im Griff zu haben und durch den Spontankauf eines silbernen Porsches zum Beispiel seine Ehe zu pflegen. Eine halbe Stunde später ist der Porsche jedoch im Eimer und seine Ehe beinahe auch. Währenddessen ist Jeff unterwegs, eigentlich um für seine Mutter etwas zu besorgen, aber als er den verschiedenen Zeichen folgt, wird er ausgeraubt und trifft dann immer wieder auf seinen Bruder. Pat und seine Frau treffen sich jeweils mit einem Freund zum Mittagessen, um sich über ihre Ehe zu beklagen. Die Mutter der beiden, Susan Sarandon, die seit dem Tod ihres Mannes allein ist, hat indessen im Großraumbüro so eine Art Verehrer.
Das Ganze ist ganz witzig, zum Teil auch ein bisschen albern, aber sehr sympathisch. Mir standen auch ein paar Tränen in den Augen, denn es geht doch um den Sinn des Lebens und von Beziehungen. Gedreht wurde der Film in New Orleans bzw. dem Vorort Metairie, soll aber das eher zersiedelte Baton Rouge darstellen, und so sehen wir Tankstellen, Townhouses, Hooter’s Restaurants, Vorgärten, Telefonzellen, wie es sie überall in den USA gibt. Und doch habe ich viele der Straßen wiedererkannt und an der einen hatten sie einen knallroten Aufsteller für den Advocate, die Lokalzeitung von Baton Rouge, hinter dem sich Pat versteckt.
Die Showdown-Sequenz kurz vor Schluss, in der die Familie in einem dramatischen Un-/Zwischenfall wieder zueinander findet, spielt auf der langen Brücke der Autobahn I-10 zwischen LaPlace und Kenner, die viele viele Minuten lang über Sümpfe und Wasser hinweg führt und über die ich im Herbst 1990 zum ersten Mal nach New Orleans kam, übernächtigt und verschlafen in einem eisgekühlten Greyhoundbus. Wenn ich demnächst wieder dort im Stau stehe oder, wie alle anderen auch, in die Stadt brettere, werde ich es sicher mit anderen Augen tun.
Wie der Titel es schon andeutet, ist der Film kein feinziseliertes und durchkomponiertes Kammerspiel, sondern eher mit den Händen in den Taschen und Zigarette im Mundwinkel gedreht. Durchaus sehenswert, auch wenn er sich bestimmt nicht lange in den deutschen Kinos hält.
Das einzige wirkliche Problem benennt ein Leserkommentar zu dem Artikel in der Times Picayune: „He lives in the basement? But New Orleans homes don't have basements. Maybe it should be, Jeff, Wo Lives Under the House.“
--Er wohnt im Keller? Aber die Häuser in New Orleans (und übrigens auch in Baton Rouge) haben keine Keller. Vielleicht sollte es besser heißen: Jeff, der noch unter dem Haus wohnt.