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Dienstag, 17. Februar 2015

Verschiedenes


Was wir dieses Jahr schon alles verpasst haben:
1. Den 200. Jahrestag der Schlacht von New Orleans am 8. Januar 1815, die im ein paar Kilometer entfernten Chalmette am Mississippi gefochten wurde. Es war eine der letzten Schlachten des Britisch-Amerikanischen Krieges, des vielleicht ersten Krieges, den die junge USA 1812 angefangen hatte. Auf britischer Seite waren sehr hohe Verluste (2700, gegenüber 71 Amerikanern) zu beklagen, weil die Soldaten in klassischer Gefechtsformation antraten und reihenweise niedergemäht wurden. Nach Ende der Schlacht erfuhren die Kriegsparteien, dass bereits am 24. Dezember 1814 der Friedensvertrag von Gent geschlossen worden war, der erst im Februar 1815 durch die USA ratifiziert wurde. Andrew Jackson war der erfolgreiche Befehlshaber, der schließlich 1829 siebenter Präsident der USA wurde. An ihn erinnert auch die Reiterstatue auf dem Jackson Square, dem früheren Place d’Armes, im French Quarter. Die Originalstatue befindet sich im Lafayette Park in Washington, D.C., unweit des Weißen Hauses, ein weiterer Abguss in Nashville, Tennessee, und schließlich wurde 1987 noch einer für Jacksonville, Florida angefertigt. Jackson ist besonders auch für sein grausames Vorgehen gegen die Indianer bekannt. Eine wichtige Rolle in diesem Krieg spielte auch der Pirat Jean Lafitte, nach dem zum Beispiel ein State Park benannt ist. 
2. Heute ist schon wieder der letzte Tag der Mardi Gras-Saison (der Fat Tuesday), an dem besonders viele Paraden stattfinden, u.a. Rex und Zulu. Vor einigen Wochen hatte jemand auf Facebook ein Heimvideo aus den 1950er Jahren eingestellt, das beim Mardi Gras gefilmt worden war. Ohne Ton sah man Bilder aus dem French Quarter, wo sogar das Publikum aufwändig und phantasievoll verkleidet war. Auch das hat sich sehr geändert, denn heute wird Karneval eher konsumiert. Es gibt die Krewes, die die Gefährte (meist riesige LKW) schmücken und sich selbst maskieren. Die Maskierten werfen von den Wagen Plasteperlenketten, bedruckte Becher, Doubloons (eine Art Münzen) und anderen Tinnef in die Menge, die darum heftig kämpft, und selbst fast nie verkleidet ist. Ein aktuelles Video zeigt die 610 Stompers, die am Sonntag in der ganz und gar männlichen Krewe of Toth-Parade in hellblauen Shorts getanzt haben und nach eigener Erklärung als Männer Freude in die Welt bringen wollen. Gerade in New Orleans ein guter und wichtiger Vorsatz. Während der ganz und gar weiblichen Muses-Parade am Donnerstag kam es am Rande zu einer Auseinandersetzung, bei der zwei junge Männer erschossen wurden. Ein 19-Jähriger war der Täter. Manchmal tanzt beim Mardi Gras sogar die Polizei mit, hier. 
3. In Louisiana gibt es weitgehend noch eine sehr lebendige Volkskultur, die natürlich vor allem auf dem Lande betrieben wird: Cajun Mardi Gras, Festivals mit Musik, Tanz, Essen und wöchentliche Tanzveranstaltungen, bei denen alles von 8 bis 80 Cajun-Tänze tanzt, immer im Kreis durch den Raum und mit wechselnden Partnern. Man nennt das Fais Do Do, eigentlich ein beschwichtigender Spruch in der Babysprache zum Einschlafen, weil die Frauen ihre kleinen Kinder oft zu den Bällen mitbrachten, die dann dort in einem extra Raum (parc aux petits) schlafen sollten. Das ist die traditionelle Erklärung. Eine andere führt den Begriff auf Dos à Dos, einen Ruf für einen Tanzschritt im Contra Dance zurück. (Hier.) Jetzt gibt es eine Webseite, die an viele, auch heute nicht mehr existierende Dancehalls erinnert, eingerichtet vom Center for Louisiana Studies. Aufgelistet sind dort auch die noch heute geöffneten Dancehalls, davon, und das ist keine Überraschung, die meisten in Lafayette, Eunice, Breaux Bridge, Mamou, wo die Cajun-Tradition noch gepflegt wird. Sehr schön und interessant. 

Mittwoch, 24. September 2014

NCIS New Orleans

NCIS ist kurz für Navy CIS oder besser gesagt Naval Criminal Investigative Service, eine Bundesbehörde, die Verbrechen im Zusammenhang mit Angehörigen der US Navy oder des Marine Corps untersucht. Die Fernsehserie gleichen Namens läuft seit 2003 auf CBS; 2009 kam ein Ableger in Los Angeles hinzu. Beide laufen auch auf Sat 1.
Auf meinem Radar ist es erst kürzlich angekommen, denn ein neuer Ableger spielt in New Orleans. Die letzten beiden Folgen des regulären NCIS waren sozusagen der Pilot, den Sat 1 am 14. September 2014 zeigte.
Manches daran erinnerte mich ein bisschen an Treme: Es beginnt in einer Bar mit Live-Band, und gleich in der ersten Folge ist eine Jazz-Beerdigung mit Second Line zu sehen. Aber dann spielte es zum Teil  in Washington, DC, zum Teil in New Orleans. Es gab das typische Kompetenzgerangel mit dem FBI und für meinen Geschmack zu viele Tote, aber so ist das eben bei den meisten Krimiserien. Vor allem aber ging es darum, das neue New Orleans-Team vorzustellen, allen voran den Chef gespielt von Scott Bakula.
In den USA ist die neue Serie am 23. September angelaufen; Sat 1 verspricht, sie ab Frühjahr 2015 zu zeigen. Letzte Woche (am 17. September) fand im National World War II-Museum in New Orleans die Premierenparty statt. Auf nola.com sind ganz unten rechts unter "Video of the Day" ein paar Kurzinterviews dazu zu sehen, bei denen von einer "multi million dollar franchise" die Rede ist, aber auch von einem "international love letter to New Orleans", der mehr Touristen in die Stadt locken soll. Diese sollten sich allerdings vor echten Verbrechern in Acht nehmen, sage ich angesichts der Meldungen links neben diesem Video.
Hier hat offenbar schon jemand die erste neue Folge im Original gesehen.

Freitag, 30. August 2013

Acht Jahre danach


Gestern vor acht Jahren fegte Hurrikan Katrina über die Bundesstaaten Mississippi und Louisiana hinweg, wobei New Orleans zunächst relativ gut davonkam, bis die Dämme brachen und die Stadt voller Wasser lief. Acht Jahre! 
Bücher, Filme, auch Lieder haben das Ereignis dokumentiert und den Untergang von New Orleans besungen. Untergegangen ist New Orleans nicht, aber die Stadt hat sich, auch in den trocken gebliebenen Gebieten, radikal verändert, ähnlich wie Berlin seit der Wende. Über tausend Menschen kamen damals ums Leben und Tausende verloren ihre Häuser und kehrten nicht zurück. Auch viele ältere Akademiker, die einmal von Berufs oder der Faszination wegen in die Stadt gezogen waren, ließen sich anderswo nieder, in Asheville, North Carolina, zum Beispiel. Es wurde renoviert, verschachert, gentrifiziert, was das Zeug hielt, und dass Ex-Bürgermeister Ray Nagin jetzt wegen krummer Geschäfte vor Gericht steht, macht die Entwicklung nicht rückgängig. 
Hübsch ist es geworden, sauber und farbenfroh, und zugleich boomt die Kriminalität, obwohl die Offiziellen behaupten, New Orleans habe kein Kriminalitätsproblem, sondern nur ein Mordproblem.
Gestern wurde mit persönlichen Berichten an Katrina erinnert. Hier eine Fotoserie, damals und heute. Interessant auch diese Kampagne zur Umbenennung von Hurrikanen.

Dienstag, 21. Mai 2013

Schießerei in der Second Line 2


Aktualisierung zur Muttertagsschießerei. Zwei Verdächtige, die Brüder Akein und Shawn Scott, 19 und 24 Jahre alt, wurden einige Tage später verhaftet. Die beiden sollen der Frenchmen und Derbigny Gang angehören, nach der entsprechenden Straßenkreuzung benannt. Der ältere war schon mehrmals wegen Drogen verurteilt worden und auf Bewährung frei. 
Die beiden hatten von gegenüberliegenden Seiten auf die Menge geschossen und wollten vor allem einen Mann treffen, der auch mehrere Schusswunden in den Oberkörper erlitt. Eines der Opfer ist die 48-Jährige Deborah „Big Red“ Cotton, die erst 2005 nach New Orleans gezogen war und sich gegen Gewalt engagierte. Ihr musste eine Niere entfernt werden. Den zehnjährigen  Ka’Nard Allen traf ein Streifschuss im Gesicht. Bei seinem zehnjährigen Geburtstag vor knapp einem Jahr wurde seine 5-jährige Cousine Briana von einer verirrten Kugel erschossen; sein Vater wurde im Herbst von seiner Stiefmutter in Notwehr erstochen. Hier eine Grafik mit den verschiedenen Verletzungen.
Am 23. Mai wird im Tipitina’s ein Benefizkonzert für die Opfer gespielt. Der Club wiederholt die Muttertagsparade am 1. Juni 2013 und sammelt noch Spenden für die Bezahlung der Bands.
In deutschsprachigen Medien wurde fast täglich über die Entwicklungen berichtet, aber nicht so in den USA. Das bemängelte u.a. dieser Kommentator im Guardian, der auch anmerkt, dass anders als bei den Schießereien in Newtown usw. hier die Täter noch frei herumliefen und es trotzdem keine Nachricht wert war. Er sah da einen Zusammenhang zu Schießereien an der South Side von Chicago. Was nicht mit der weißen Mittelklasse zu tun hat, schließt er, ist für Amerikas Mainstream einfach nicht vermittelbar. Irgendwie ist da sicher was dran.
Die Guardian-Leserin samantha44 nannte ein paar mögliche Gründe, hier nur eine Auswahl:
3. Für viele Amerikaner liegt New Orleans in Mittelamerika.
5. Angelina war in den Nachrichten.

Dienstag, 14. Mai 2013

Schießerei in der Second Line

Der Original Big 7 Social Aid and Pleasure Club (hier auf Facebook) gründete sich 1996 in einer Sozialwohnsiedlung in New Orleans, um, wie alle diese Klubs (manche davon sind auch Mardi Gras Indians), etwas Positives für das Viertel und die Menschen zu bewirken. Seit 2001 veranstalten sie zum Muttertag eine Second-Line-Parade. (Hier ein Videoclip vom Anfang der Parade.)
Eine Second Line (zweite Reihe) kennt man aus dem Fernsehen von Jazzbeerdigungen, allerdings normalerweise ohne den tragisch-trauernden Teil. Eine Kapelle zieht spielend durch die Straßen und die Menschen tanzen hinterher, einige bunt angezogen und mit Sonnenschirmen.
Bei der Parade am Sonntag sollen 300-400 Menschen mitgetanzt haben. Als dann auf der Frenchman Street, ca. 2 km vom French Quarter entfernt, scharf geschossen wurde, waren es noch 200. 19 Menschen wurden verletzt, zum Glück starb niemand. Zahlreiche deutschsprachige Medien berichteten.
Inzwischen wurde ein 19-jähriger Verdächtiger per Überwachungsvideo identifiziert und wird gesucht. Montagabend gab es eine Demonstration und Mahnwache.
Jetzt werden auch Stimmen laut, dass die großen US-Medien nicht darüber berichtet hätten und Obama nicht gekommen ist, wohl, weil es New Orleans ist und die Betroffenen schwarz und arm. Weil die Gewalt hier oft „black on black“ (Schwarze gegen Schwarze) ist, wie mir eine kreolische Dame letztes Jahr versicherte.
Die Washington Post rückt das Ganze in den größeren Kontext von Armut und Verwahrlosung bestimmter Viertel und einer immer noch stark kritisierten, wenn auch inzwischen etwas weniger korrupten Polizeigewalt in der Stadt. Anwohner berichten, dass sie ihre Kinder nicht mehr auf die Straße lassen und dass verfallende Häuser Drogendealern als Unterschlupf dienen.
Insgesamt hat sich die Mordrate zwar etwas verringert, 2012 nur 193 Morde und damit 7 weniger als im Jahr davor. Doch auch bei der Martin Luther King Jr.-Parade im Januar kam es zu einem Drive-by-Shooting und zum Mardi Gras wurde im French Quarter geschossen.
Gewalt in der Second Line ist offenbar nichts Neues. Chris Rose, der Times-Picayune-Reporter, der für seine ungeschliffenen, herzzerreißenden Kolumnen in der Zeit unmittelbar nach Katrina berühmt wurde (zusammengefasst in dem Buch 1 Dead in Attic. After Katrina -- 1 Toter auf dem Dachboden. Nach Katrina), schrieb schon damals darüber, wie er im August 1995 zum ersten Mal eine Schießerei bei einer Second Line erlebte. Dann, 2006, versuchte er es wieder, nahm sogar seine Kinder mit. „Die Stadt ist jetzt anders“, sagte er sich. Doch auch diese Parade endete mit Schüssen, Blut, Sirenen.  „Wenn man auf der Straße tanzt, dann ist die Freiheit spürbar. Ich frage sie: Gibt es einen besseren öffentlichen Ausdruck der Freude? Wo sonst auf der Welt wachen Bläser und Trommler am Morgen auf, schnallen sich die Instrumente an und laufen herum, um einen heillosen Aufruhr zu veranstalten und Hunderte, Tausende Lemminge tanzen hinterher?“*
Mich bestürzt das zutiefst. Mardi Gras, Second Lines, Musik, Feste, Geselligkeit, kostenlos und draußen, sind hier überlebenswichtig, halten die Menschen trotz enormer Unannehmlichkeiten, Probleme, Ängste in der Stadt. Diese Traditionen haben New Orleans nach Katrina überhaupt erst wieder auf die Beine gebracht. Was wenn sie nicht mehr gelebt werden können, weil es zu gefährlich ist?
Robin Bevans, Mitorganisatorin der Mahnwache und Mitglied in der Social Aid Task Force, meint: „Der Code des Schweigens muss enden. Wenn wir aufstehen und uns Gehör verschaffen, dann wird so etwas vielleicht aufhören.“ Vielleicht. Hoffentlich. Was sonst?
Siehe auch NOLA Shooting American Voices, Times-Picayune.
* S. 223/24 Meine Übersetzung.
„There is a tangible freedom in dancing in the street. I ask you: What better public expression of joy exists? Where else in the world do horn players and drummers just wake up in the morning, strap on their instruments, and start wandering around making an unholy racket and then hundreds, thousands of dancing lemmings fall in and follow them to the sea?“

Mittwoch, 6. März 2013

New Orleans – ein Fragebogen mit Rex Rose


Rex Rose ist Autor, Lehrer und gebürtiger New Orleanser.

New Orleans ist... Spaß.  Sinkend.  Gefährlich.  Böse.  Freundlich.  Schön.  Dumm.

Lieblingsort in New Orleans:  Das Café, das jeweils gerade am meisten „bohème“ ist.

Lieblingsgebäude: The Skyscraper. (Der Wolkenkratzer)*

Lieblingsessen aus New Orleans: Heiße-Wurst-Po-Boy mit Mayonnaise und Senf zusammengemischt.

Lieblingsmusiker/in aus New Orleans: The Sluts. (Hardcore-Punk-Band der achtziger Jahre)

Lieblingstext über New Orleans: Toast (Roman von Rex Rose)

Lieblingsfilm über New Orleans: Zombie vs. Mardi Gras **

Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: Where you stay? (Wo übernachtest du?)

Passendster Spitzname für New Orleans: The city that forgot to care. (Die Stadt, die vergaß, etwas wichtig zu finden.) ***

Lieblingspersönlichkeit/-figur: Morgus the Magnificent (Morgus der Prächtige) ****

Liebste, hier nicht erwähnte Sache in New Orleans: Kostenlose Fahrt auf der Fähre nach Algiers.

Wer sollte Bürgermeister von New Orleans sein? Morgus der Prächtige

Wie kann die Stadt ihre Mordrate senken? Drogen und Feuerwaffen legalisieren, das NOPD (Polizei) und die Schulverwaltung auflösen und mit Außenseitern in den wichtigsten Positionen neu anfangen.

Warum ich (nicht) in New Orleans lebe: Die Kriminellen und die Polizei, ohne besondere Reihenfolge

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Nie wird etwas zu Ende gemacht, weil es schon ein paar Jahre dauert, bis man sieht, wie im Arsch alles ist.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Wir hatten einen viel produktiveren und ekelhafteren Serienmörder als Jeffrey Dahmer, aber niemand hat es richtig mitbekommen.

Meine New Orleans-Expertise: Ich habe sieben Jahre lang in einer Bar Austern geöffnet und in heimischen Klubs gespielt.

Cheers!

* Was ich an diesen Fragebögen so mag, ist, dass ich immer etwas Neues lerne. Auf meine Nachfrage schrieb Rex: „Es ist an der Ecke von St. Peter und Royal Street und dort wohnte eine wichtige Kerngruppe von Bohème-Beatnik-Leuten. Es wurde so genannt, weil es das einzige vierstöckige Gebäude im French Quarter war.“ Das Gebäude stammt von 1807. Hier ein Foto.
** Zombie vs. Mardi Gras: ein Horrorfilm. Hier.
*** Wortspiel auf den berühmten Spruch: The city that care forgot (Die Stadt, die die Sorge vergaß)
****Morgus der Prächtige: Von dem Schauspieler Sid Noel dargestellter verrückter Wissenschaftler, der in seiner Spätabendsendung von 1959-1989 Horror- und Sciene-Fiction-Filme zeigte. Es gibt auch einen Film The Wacky World of Dr. Morgus (Die abgefahrene Welt des Dr. Morgus) und ein Comeback in den 2000er Jahren, unterbrochen durch Hurrikan Katrina.

Sonntag, 24. Februar 2013

Chicago



Ende Januar wurde in Chicago die 15-jährige Hadiya Pendleton erschossen. Einfach so auf der Straße geriet sie, gemeinsam mit anderen, vermutlich in die Schusslinie einer Fehde zwischen konkurrierenden Gangs. Schlagzeilen machte ihr Tod nicht nur, weil Hadiya eine Bestschülerin mit vielen Träumen und Ambitionen war. Sie war auch wenige Tage zuvor mit der marching band (Marschorchester) ihrer Schule bei der Amtseinführung von Präsident Obama aufgetreten und stammte aus der Heimatstadt der Obamas, aus Chicago (hier). Michelle Obama flog zu ihrer Beerdigung. Als Präsident Obama Mitte Februar in der Hyde Park Career Academy im Süden von Chicago unter anderem über Hadiya Pendleton und über seine Bemühungen zur Verschärfung der Waffengesetze sprach, saß unweit von ihm die 14-jährige Schwester von Janay McFarlane, einer 18-jährigen Mutter, die am selben Abend „aus Versehen“ erschossen wurde (hier). Allein im Januar sind in Chicago mehr als 40 Menschen durch Schusswaffen getötet worden.
So ist es auch kein Wunder, dass im Radio plötzlich ständig über die Gewalt in Chicago gesprochen wird. Zum Beispiel habe ich in einem Beitrag über ein Programm gehört, das einkommensschwachen Familien hilft, in bessere Viertel zu ziehen, um damit die Zukunftschancen für die Kinder zu verbessern -- und sehr oft ist das erfolgreich. In der Sendung This American Life, die in Chicago produziert wird, läuft derzeit eine interessante zweiteilige Serie über die Harper High School in einem armen Teil der South Side of Chicago. Dort werden viele Schüler Opfer von Waffengewalt; ein Schüler hat aus Versehen seinen kleinen Bruder erschossen. Es wird berichtet, dass man, ob man es will oder nicht, einer Gang angehört, einfach abhängig davon, wo man wohnt. Dass man nicht allein von der Schule nach Hause gehen kann, weil es zu gefährlich ist, aber auch nicht zu zweit, sondern am besten mit zwei Mädchen ein paar Meter hinter einem. Dass ein Schüler sich deshalb, abgesehen von der Schule, nicht mehr aus dem Haus traut. Wie sich die engagierte Direktorin und die Sozialarbeiterinnen an der Schule um Normalität bemühen. Dass sogar ein Polizist einsieht, dass man gar nicht umhin kommt, in einer Gang Mitglied zu sein. In diesen Tagen läuft der zweite Teil.
Auch Michelle Obama betont gern, dass sie von der South Side kommt, „the real side of Chicago“ (der wirklichen Seite von Chicago). Allerdings wuchs sie in zwar einfachen, aber doch in Verhältnissen der Mittelklasse auf. Vor vielen Jahren hatte ich mal einen jungen Studenten von der South Side, Kevin, der in Ohio bei mir Deutsch lernte. Einmal, als ich vor Weihnachten zu einer Konferenz nach Chicago fuhr, habe ich ihn im Auto mitgenommen. Kevin wollte nicht nach Hause gefahren, sondern an einer Straßenecke abgesetzt werden, vielleicht weil er nicht mit mir gesehen werden wollte? Weil ich sein Zuhause und Umfeld nicht sehen sollte? In so einem ausgedehnten, armen, afroamerikanischen Viertel war ich noch nie gewesen, in New Orleans nicht und selbst in St. Louis nicht.
Forbes-Magazine hat gerade wieder eine Rangliste der schrecklichsten Städte der USA veröffentlicht. Auf Platz 1 steht Detroit, Michigan; Chicago ist auf Platz 4, auch wegen der langen Arbeitswege, Wetter und anderen Parametern. Dann gibt es noch weitere Listen: wo jetzt alle hinziehen, die gefährlichsten Städte und die besten Städte für Business und Karriere. New Orleans taucht in keiner dieser Listen auf.
Dafür hat es den traurigen Ruhm immer regelmäßig und konstant als die Stadt mit der meisten Gewalt die Statistiken anzuführen (hier). Laut Centers for Disease Control (Zentren für Krankheitsbekämpfung) beträgt die Rate von Toden durch Schusswaffen 69,1 auf 100.000 Menschen im Vergleich zu 41,4 in Detroit. Bei Selbstmorden mit Schusswaffen taucht New Orleans nicht unter den ersten auf (es führt Las Vegas), aber bei Tötungsverbrechen sind es 62,1 auf 100.000 Menschen, dahinter wieder abgeschlagen Detroit mit 35,9. Chicago erscheint in diesen Statistiken nicht unter den ersten Plätzen.
Als ich im Herbst mit einer Kreolin sprach, die im Besucherzentrum der Kirche Our Lady of St. Guadelupe arbeitet, sagte sie mir, dass New Orleans die beste Stadt sei. Trotz der Gewalt? Die Gewalt betreffe nur Drogen und Schwarz auf Schwarz, mit uns habe das nichts zu tun. Als sie nach Katrina einige Zeit in Las Vegas gelebt habe, habe sie mehr Angst gehabt.
Insgesamt stehen die USA bei den Toden durch Schusswaffen auf Platz 9 weltweit, bei den (demokratischen) Industrieländern ganz vorn (hier). 2012 nahm die Gewalt in Chicago und Detroit rapide zu, in New York und Washington, D.C. hingegen ab (hier). Dabei war DC bis vor einigen Jahren auch noch für seine Gewalt berüchtigt.
Der New Yorker-Autor Malcolm Gladwell vertritt übrigens in seinem Buch Outliers (Überflieger) die These, dass Fehden und Ehrenmorde besonders in Kulturen verankert sind, die ehemals Hirten waren und Vieh zu bewachen und verteidigen hatten, zum Beispiel aber nicht unter Ackerbauern. Doch auch zwischen den Gangs in Chicago und anderswo wird aus Rache und verletzter Ehre und wegen schiefen Blicken gemordet, und manche der jungen Menschen dort denken, dass sie ohnehin nicht alt werden und machen sich also keine Gedanken und auch keine Hoffnungen über die Zukunft. Wie erklären Sie das, Herr Gladwell? Und vor allem: Was kann man dagegen tun?

Sonntag, 10. Februar 2013

Nachrichten vom Mardi Gras

Am Sonnabend kam es auf der Bourbon Street im French Quarter zu einer Schießerei, bei der zwei Frauen und zwei Männer verletzt wurden, einer davon schwer. Die Polizei vermutet, dass es zwischen Touristen zu Auseinandersetzungen kam. (Amerika: Noch Fragen, warum die Beschränkung von Schusswaffen eine gute Idee sein könnte?) Das ist natürlich im French Quarter besonders beängstigend, weil sich dort in den engen Straßen die Massen drängen wie sonst vielleicht in Rio. Im zweiten Teil des Videos ein Bericht über eine Massenpanik beim Karneval in Rio. Hier.
Bei der Endymion-Parade am Sonnabend Abend kam es zu einem kleinen Zwischenfall. Das viel erwartete Mega-Float "Pontchartrain Beach Then and Now", 111 Meter lang und aus 9 Teilen bestehend, kam an der Kreuzung Orleans Avenue und North Carrollton Avenue nicht um die enge Ecke und musste in zwei Teile zerlegt werden, was den Umzug um 15 bis 20 Minuten verzögerte. Hier.
Hier noch die Möglichkeit per Livecam einige Paraden mitzuverfolgen, wenn gerade welche sind. Den nervigen Audiokommentar kann man zum Glück herunterdrehen.
Ich erinnere mich übrigens noch daran, dass zur Fastnacht im French Quarter auch immer Demonstranten unterwegs waren, die die Ausschweifenden mit ihren Transparenten daran erinnerten, dass Jesus sie liebt usw. Aber am Aschermittwoch ist doch sowieso alles vorbei...

Dienstag, 22. Januar 2013

Aktuelles


1
Letzten Freitag ist Ex-Bürgermeister Ray Nagin der Korruption angeklagt worden. Als er 2002 ins Amt gewählt wurde, war er ein großer Hoffnungsträger gewesen: relativ jung, elegant, gut aussehend, und als einer der erfolgreichen Manager der Kabelfirma Cox Communications – so hoffte man – unbelastet von den Verstrickungen und Mauscheleien der politischen Kaste in New Orleans. Eine Art Lichtgestalt. Während der Katrina-Katastrophe war auch er heillos überfordert, machte jedoch auf sich aufmerksam, als er in einem Interview am 3. September 2005 die Bush-Regierung für ihre Tatenlosigkeit beschimpfte. Auch mit seiner Erklärung im Januar 2006, dass New Orleans wieder „chocolate“ werden würde, machte er Schlagzeilen. Obwohl man in New Orleans sagte, dass Katrina ihn „gebrochen“ hätte, wurde er 2006 für eine zweite Amtszeit gewählt.
Nach Katrina war immer vom Ausverkauf der Afroamerikaner die Rede. Spätestens diese Anklage deutet darauf hin, dass Nagin und andere Stadtväter, zumeist selbst Afroamerikaner, an diesem Ausverkauf Teil hatten. (Zu sehen übrigens auch in der Fernsehserie Treme.) Ein Bundesgericht klagt ihn jetzt für die Annahme von Bestechungsgeldern, für Geldwäsche und viele andere Sachverhalte an, was auch der deutschsprachigen Presse fast überall eine kleine Meldung wert ist. Die Times-Picayune hat einige dieser Transaktionen analysiert. Seit 2010 lebt Nagin übrigens in der Umgebung von Dallas.

2
Übernächstes Wochenende (am 3. Februar 2013) findet das Football-Abschlussspiel der Saison 2012, der so genannte Super Bowl, in New Orleans statt. Die Baltimore Ravens spielen gegen die San Francisco 49ers, im Superdome, der während Katrina tagelang als Zuflucht für Tausende Betroffene diente und seit der Renovierung nach einer großen deutschen Automobilfirma benannt ist. Die Stadt bereitet sich seit Längerem auf den Tag vor und hofft vermutlich, dass dies ein weiterer Schritt zur Rehabilitierung ihres Rufs als Touristenattraktion ist und ihr einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, was sich möglicherweise schon ein wenig abzeichnet. Der Flughafen wurde ausgebaut und die Straßen in der Umgebung erweitert und repariert, so dass man dort nur auf Einbahnstraßen im Kreis fahren konnte. Der größte Einschnitt: Die Termine für zahlreiche Mardi-Gras-Paraden mussten verschoben werden, da die Karnevalssaison auf Hochtouren läuft, noch bis zum 12. Februar. Dies betraf zum Beispiel die Krewe de Vieux (zu Fuß, durchs French Quarter), die schon letztes Wochenende umzog.
Alicia Keys wird die Nationalhymne singen; Beyoncé tritt in der Halbzeitpause auf.

3
2012 berichtete die Times-Picayune in der achtteiligen Reportageserie „Louisiana Incarcerated*“ (Louisiana eingesperrt) ausführlich über das korrupte Gefängnissystem Louisianas, in dem mehr Menschen als im Rest der Welt hinter Gittern leben. Am 4. Februar 2013 wird diese Serie mit dem John Jay HF Guggenheim Prize for Excellence in Criminal Justice Reporting 2012-2013 (also für Berichterstattung über das Strafrechtssystem) ausgezeichnet. Allerdings hat sich die Times-Picayune inzwischen auf Digital verlegt und bringt nur noch drei Druckausgaben wöchentlich heraus. Im Zuge dieser Umstruktierung wurden zahlreiche Reporter entlassen, darunter 9 der 20 an der Serie beteiligten Journalisten. Eine davon, Cindy Chang, arbeitet jetzt bei der Los Angeles Times. Das Preisgeld, meinte sie, wird dem DashThirtyDash-Fond gespendet, der entlassene Times-Picayune-Reporter unterstützt. Diese Nachricht habe ich aus dem Gambit und nicht aus der T-P.
* Zwar habe ich letztes Jahr hier über die Serie berichtet, aber erst jetzt ist mir der klevere Titel aufgefallen: Louisiana Incarcerated, wobei „Inc.“ in etwa „GmbH“ bedeutet.


Sonntag, 23. Dezember 2012

Das Eine-Million-Dollar-Block-Projekt


Ein Grund, warum ich meinen Beruf so liebe, ist, dass ich unfreiwillig die interessantesten Sachen lerne. Das Museum of Modern Art in New York zum Beispiel, für das ich gerade (ja, leider auch am Sonntag vor Weihnachten) Auszüge aus dem Katalog übersetze, hat die ungewöhnlichsten und aufregendsten Ausstellungsstücke. Dazu gehört auch ein Ausdruck des Eine-Million-Dollar-Block-Projekts des Instituts für Architektur, Planung und Erhaltung (Graduate School of Architecture, Planning and Preservation) der New Yorker Columbia University.
Das Million Dollar Block-Projekt visualisiert Daten des Strafjustizsystems pro „Block“, d.h. pro von Straßen an allen Seiten eingegrenzter Straßenzug. Wenn man nämlich auf diese Weise visualisiert, woher die ca. 2 Millionen Gefängnisinsassen in den USA stammen, dann leuchten einige Viertel knallrot auf. Zugleich sind das die Blocks, in denen der Staat statistisch gesehen mehr als eine Million Dollar ausgibt, um dessen Bürger hinter Gitter zu sperren. Und das ist ausnahmslos immer mehr Geld, als in diesem Viertel in Infrastrukturmaßnahmen und öffentliche Einrichtungen investiert wird. Somit, so die leitende Professorin Laura Kurgan, überlässt man die öffentliche Sicherheit in jenen Vierteln der Justiz, und das funktioniert natürlich nicht.
Der Projektausdruck im MoMA stammt schon von 2006. Seitdem hat das Projekt auch schon etwas bewirkt, zum Beispiel in New Haven, Connecticut, wo ehemalige Häftlinge durch Wiedereingliederungsmaßnahmen eine temporäre Wohnung und eine Berufsausbildung erhalten und damit eine Chance für einen Neuanfang erhalten. 
Im Stadtteil Central City in New Orleans werden sogar 5 Millionen Dollar für das Einsperren der jungen Männer investiert. Mit 316 Morden auf 100.000 Einwohner im Jahr 2007 sind ganze Straßenzüge dort die tödlichsten Gebiete der USA. Im selben Jahr kamen 55 Einwohner ins Gefängnis und 211 brachen die Schule ab. Noch 2009 hatte Central City gehofft, einer der 20 „Promise Neighborhoods“ (Vielversprechenden Kieze) zu werden, die für Bildungs- und andere Programme Geld aus Washington bekommen. Das hat nicht geklappt. Zwar gibt es inzwischen einige andere Projekte, aber noch lange nicht genügend. Dafür gibt es Kirchen, in denen man für einen Job beten kann, und es gibt die Bauunternehmerin Candice McMillian, die sich aus der Armut hochgearbeitet hat und immer noch in Central City lebt, um Jobs gleich den Bedürftigen geben zu können. Und das funktioniert, wie sie erzählt. Hier. 
Veröffentlicht hat das Million Dollar Block-Projekt seine Ergebnisse übrigens in einer Broschüre mit dem Titel Architecture and Justice. Ich überlege noch, was hier die richtige Übersetzung ist: Architektur und Justiz oder Architektur und Gerechtigkeit... ? 

Freitag, 29. Juni 2012

Wir haben Lösungen?

Am Montag habe ich mit meinen Studenten ein Experiment gewagt: Ein kleines Projekt zur Kriminalität in New Orleans. Angeregt dazu hatte mich der 5-Punkte-Plan zur Reduzierung der Mordrate in der Stadt, den Bürgermeister Mitch Landrieu am 22. Mai 2012 vorgelegt hat (Zeitungsartikel hier und Interview hier)
Zunächst hatten einzelne Studenten bestimmte Fakten recherchiert (Geografisches, Geschichte, Kultur, Politik, Schulen, Polizei, Kriminalitätsrate, Katrina), die wir zusammentrugen. Dann überlegten sie sich in kleinen Gruppen Strategien zur Senkung der Mordrate, und ich wollte sehen, ob sie mit denen des Bürgermeisters übereinstimmen (aber natürlich sollten sie auch einfach Englisch sprechen).
Hier einige seiner Punkte:
-- die Schaffung eines Spezialistenteams auf Bundesebene zur Strafverfolgung von Drogenkönigen
-- Mentorenprogramme ausbauen
-- Arbeits- und Wohnangebote für ehemalige Straffällige verbessern
-- das öffentliche Vertrauen in die Polizei von New Orleans wiederherstellen
-- Programme zur Konfliktlösung und Traumaberatung anbieten
-- Jugendliche über die Konsequenzen krimineller Handlungen aufklären.
Gestern gab es eine Anhörung vor dem City Council, wo der Polizeipräsident Ronald Serpas meinte, dass er eine Senkung der Mordrate nicht versprechen könne (Artikel hier). Auf Anfrage meinte er, dass die Hälfte der Polizisten auf den Stadtautobahnen im Einsatz sind, wo eigentlich Staatspolizei patrouillieren sollte. Aber, das ist nicht nur meine Meinung, Polizei ist eben längst nicht alles.
Meine Studenten, die sich zum ersten Mal mit der Stadt beschäftigten, sollten in 15 Minuten Patentlösungen erarbeiten, und das Ergebnis ist ganz beeindruckend. Einige Forderungen tauchten mehrmals auf: strengere Waffengesetze, was in den USA von heute wohl aussichtslos ist, und bessere Schulen, obwohl ja in New Orleans viele denken, dass die neu eingeführten Charter schools die beste Lösung sind. Und da die meisten der Studenten Sozialarbeit studieren, forderten viele mehr Sozialarbeiter, insbesondere Streetworker. Von der Finanzierung abgesehen, stelle ich mir Streetworker in einer so losen Stadt wie New Orleans, die an wenigen Stellen richtig urban und großstädtisch wirkt, schwierig vor. Aber diese und andere zum Teil ausgefallene, aber sehr inspirierte Ideen werden wir in einem Brief an den Bürgermeister zusammenstellen.
Am Ende sollte ich erzählen, was denn dort so besonders und so schön sei. Und warum ist es so gewalttätig, wenn es so schön ist? Eine wirklich gute Frage. Und können wir nicht mal was Positives über New Orleans hören? Nächste Woche also gibt es Musik, ein bisschen Film, vielleicht auch was zum Lesen aus Nju Orliens.

Freitag, 8. Juni 2012

Welten

Harry Shearer, Schauspieler, Satiriker, Multitalent, hat New Orleans zu seiner Wahlheimat gemacht und ist Lokalpatriot, ein heftiger Verteidiger, Fürsprecher und Aktivist, so 2011 in dem Dokumentarfilm The Big Uneasy und auch in der Radiosendung Le Show, die auf NPR Berlin immer Sonntag Abend ausgestrahlt wird. Am Mittwoch erläutert er in dem Artikel „The Sometimes Picayune“ im Columbia Journalism Review die besondere Funktion der Tageszeitung für die Stadt, Gegebenheiten, die  der Zeitungseigentümer Advance Publication offenbar nicht versteht, und so der Stadt dasselbe Modell überstülpen will wie Ann Arbor, Michigan, und drei Städten in Alabama. Shearer benennt auch einige Aspekte, die ich mir noch nicht bewusst gemacht hatte und deshalb besonders aufregend finde:
Dass New Orleans eine Großstadt mit menschlichem Maß ist, eine eher zweistöckige Gartenstadt, mit ein paar Hochhäusern im Central Business District und Hotelblöcken an der Canal Street und somit auch ein paar Straßenschluchten, das habe ich hier schon beschrieben. Harry Shearer beschreibt aber eine echte Gemeinschaft, wo die Menschen eine tiefe Verbindung zu ihrer Stadt, zu einander und zur Vergangenheit haben. Vor Hurrikan Katrina war New Orleans die amerikanische Stadt mit der höchsten „Nativitätsrate“, d.h. dem höchsten Anteil von dort geborenen Einwohnern. Die Feiertage (Karneval) und andere besondere Tage strukturieren den Kalender und man schätzt Institutionen wie die Times-Picayune. Diese hätte beispielsweise nach Ende des Amtsenthebungsverfahrens gegen Bill Clinton als einzige Tageszeitung nicht mit diesem sondern mit dem König der Rex-Parade getitelt, schließlich war Mardi Gras! Dazu gehört auch, dass es in der Stadt selbst nur wenige der großen nationalen Handelsketten gibt, dafür aber lokale Läden, Bars, Clubs.
Vor zwei Wochen legte Bürgermeister Mitch Landrieu einen Fünf-Punkte-Plan zur Bekämpfung der Kriminalität vor, die im Jahr 2010 sieben Mal so hoch wie der nationale Durchschnitt war. Dass davon vor allem junge Afroamerikaner betroffen sind, ist ein alter Hut. In der investigativen Serie der Times-Picayune zu Gefängnissen in Louisiana wurde ein Viertel in Central City gezeigt (hier), in dem die Mehrzahl der jungen Männer im Gefängnis sitzt und der Pastor über den Mangel an Chancen und Infrastruktur sprach. 
Da wurde mir schlagartig klar: Die Stadt, über die ich hier im Blog schreibe, ihre Kultur, Tradition, Filme, Essen, Literatur, auch Musik, ist für diese Menschen nicht die Stadt, in der sie leben. Es ist eine völlig andere Welt, die von diesen schönen Dingen abgeschnitten ist, sicher eigene schöne Dinge hat, aber vor allem auch Armut, Überlebenskampf, Gewalt, zerstörte Familien und Beziehungen, Verbrechen, Tod. Es ist eine Welt, mit der ich (und viele andere New Orleanser) fast nie in Kontakt gekommen bin, zum Glück. Eine Welt, die eine alternative Zeitung aus den USA von 1989 als „Dritte Welt“ bezeichnete. Ich wünsche es New Orleans sehr, dass Mitch Landrieus Plan auch in jener Welt etwas bewegen kann. 

Dienstag, 22. Mai 2012

Hinter Gittern

Die New Orleans Times-Picayune veröffentlicht zur Zeit eine Serie über das Gefängnissystem in Louisiana. Der erste Beitrag, am Sonntag vor einer Woche, begann gleich mit ein paar schockierenden Fakten, hier wörtlich von mir übersetzt:
„Louisiana ist die Gefängnishauptstadt der Welt. Der Bundesstaat hält mehr seiner Einwohner pro Kopf im Gefängnis fest als alle anderen Bundesstaaten der USA. Erster in den USA bedeutet erster auf der Welt. Louisianas Häftlingsrate ist fast drei Mal so hoch wie die im Iran, sieben Mal so hoch wie in China und 10 Mal so hoch wie in Deutschland.“
Der Grund dafür, so die Journalistin Cindy Chang, ist die Kommerzialisierung des Gefängnissystems, das in Louisiana 182 Millionen Dollar wert ist. Das heißt, wenn die Gefängnisse nicht immer gut gefüllt sind, dann geht diese Industrie Bankrott. In Louisiana sind noch dazu einige der Gefängnisbetreiber in abgelegenen Landkreisen (parishes) zugleich Sheriffs und sorgen dafür, dass sie und ihre Kollegen immer gut besetzt sind. Und dank einer starken Gefängnislobby werden auch keine Gefängnisreformen durchgeführt.
Ich hatte letzte Woche Besuch von meinem Cousin und Familie aus St. Louis im Bundesstaat Missouri (11 Stunden nördlich von New Orleans) und sprach mit ihm über diesen Beitrag. Er fragte mich, warum die Kriminalität in den USA denn wohl so viel höher sei als hier (wo er sich auch wirklich sehr sicher fühlte). Als ich ihm sagte, dass ich einen direkten Zusammenhang zwischen der Legalisierung von Waffen und der Kriminalität sehe, war er überrascht, denn auch er hat Schusswaffen und führt sich dadurch in seinem Haus in einer sozial schwachen Gegend sicherer. Er ist wirklich keine Ausnahme.
Der Beitrag in der Times-Picayune ist nur der Anfang einer längeren Serie und einige Artikel wurden bereits von anderen Medien im Lande übernommen. Vielleicht, und ich glaube fest daran, bewirkt er etwas.

Sonntag, 29. April 2012

Big Easy Justice


Dieser Tage machte man mich auf eine Serie aufmerksam, die auf dem amerikanischen Kabelsender Spike läuft: Big Easy Justice („Big Easy“ ist einer der Beinamen von New Orleans, „justice“ heißt Gerechtigkeit). Darin geht es um einen Kopfgeldjäger, der in New Orleans und Umgebung Leuten auf der Spur ist, die auf Kaution freigelassen wurden und sich dann der Gerichtsbarkeit entzogen haben. Im deutschen Fernsehen habe ich in einem schwachen Moment schon mal so eine Sendung gesehen, die allerdings auf Hawaii spielt – eine Reality TV-Sendung mit viel Action, die sich den Niederungen des menschlichen Daseins widmet.
Der Produzent von Big Easy Justice meint in der New York Times dazu: „Es ist nicht das New Orleans, das man im Kopf hat, wenn man ‚New Orleans’ hört... Es ist die dunklere Seite, die viele Leute nicht besuchen.“ Duh (Na nee): Natürlich geht niemand freiwillig in Problemviertel, warum auch?
Aber dennoch ist es sehr wohl das, was viele Amerikaner auch mit New Orleans assoziieren, denn es wird ihnen in unzähligen Filmen und Serien immer wieder vorgespielt: Armut, Rückschrittlichkeit, Rassismus, Korruption, Kriminalität und eine Unzivilisiertheit, deren feuchtfröhliche Kehrseite sie von Zeit zu Zeit genießen wollen: die Bourbon Street im French Quarter mit Stripklubs, Alkohol und scharfem Essen, und all das mit einer Prise Jazz, bitte. New Orleans, Louisiana ist für viele Amerikaner die Dritte Welt – die herablassende, falsche, skandalisierende Berichterstattung über Hurrikan Katrina hat es gezeigt.
Auf Youtube kann man einen Ausschnitt sehen (auf der Spike-Webseite heißt es, ich lebe in der falschen Region, um die Episoden zu sehen). Einige der Kommentare von Einheimischen dazu sprechen Bände: unanimous300 „Wieder einmal eine Fernsehsendung, die sich mit dem Elend und der Ungerechtigkeit, die anderen Leuten angetan wird, ein paar Dollars verdient... Haut bloß ab aus meiner Stadt. Haben wir nicht genug Sch... durchgemacht?“
blueplanet800 „Wir wollen in Ruhe gelassen werden, damit wir in Ruhe sterben können, gemeinsam mit unserer Kultur. Lasst uns in Ruhe...“
Wie wäre es denn einmal mit einer Reality TV-Sendung über die Leute, die den Snowball-Stand in Metairie betreiben, über die Bibliothekarinnen in der Stadtbibliothek, die Wärter im Audubon-Zoo, die Straßenbahnfahrer, die schwarzen Jugendlichen, die im French Quarter für ein paar Dollar Stepp tanzen oder auch meine Freundin Lil, die Französischlehrerin ist? Nicht so viele Verfolgungsjagden, nicht so viel Action, aber zur Abwechslung wirklich mal „Gerechtigkeit“ für New Orleans.

Donnerstag, 3. November 2011

Helen Hill und Dinerral Shavers

Ich habe heute einen (eigentlich zwei) Kommentar(e) zu einem Artikel in der Zeit geschrieben: "Polizei hält  das multikulturelle Amerika zusammen" von Eva Schweitzer am 29. September 2011. Mein Kommentar geht ungefähr so: Hier noch eine Ergänzung zur besonderen Situation in New Orleans.
Dass gerade der Mord an Helen Hill im Januar 2007 einen Aufschrei zur Folge hatte, lag daran, dass nur eine knappe Woche vorher der 24-jährige Dinerral Shavers erschossen worden war. Shavers, aus der Ninth Ward in New Orleans, war Trommler der beliebten Hot 8 Brass Band und hatte an der gerade wieder eröffneten L.E. Rabouin High School ein Marschorchester gegründet. Musik, glaubte er, ist lehrreich und wer ein Instrument in der Hand hat, kann keine Waffe in der Hand haben.
Helen Hill, Harvard-Absolventin aus South Carolina, war Dozentin am New Orleans Center for Creative Arts (NOCCA), einer Art Kunstgymnasium, aus dem viele bekannte Musiker hervorgegangen sind. Auf Graswurzelebene engagierte sie sich u.a. für den Wiederaufbau. Wie so viele andere Künstler und Intellektuelle hatte es sie und ihren Ehemann, Paul Gailiunas wegen der einzigartigen Kultur und Geschichte in die Stadt gezogen, auch und bewusst wieder nach Katrina. Gailiunas, ursprünglich aus Kanada, hatte als Arzt eine Klinik für Arme mitbegründet.
Im Fall Dinerall Shavers weiß man, dass die Schüsse eigentlich seinem 15jährigen Stiefsohn galten; doch der Fall Helen Hill ist bis heute ungeklärt. Ihre Familie betreibt eine Webseite; Paul Gailiunas hat gerade einen von ihr begonnenen Film fertig gestellt und auf dem New Orleans Film Festival präsentiert. Was Dinerall Shavers und Helen Hill von den „gewöhnlichen“ Morden abhob, war genau, dass sie der in die Höhe geschnellten Kriminalität kulturelle Betätigung, Volkskultur im besten Sinne, entgegensetzen wollten.
Etwas mehr als ein Jahr zuvor, 2005, hatte New Orleans den Hurrikan Katrina und vor allem seine Folgen erlebt und schon deshalb kann es nicht einfach in einer Reihe mit den anderen Problemstädten genannt werden. Der Hurrikan hatte die Bausubstanz letztendlich weniger beeinträchtigt, als man gemeinhin denkt. Aber die Stadt war wochenlang zwangsevakuiert worden, auch die Bewohner der verschont gebliebenen Viertel mussten ihre Häuser räumen, und es patrouillierte Militär und National-Guard-Truppen anderer Bundesstaaten. Müllabfuhr, Elektrizität und andere grundlegende Dienstleistungen funktionierten monatelang nicht; Schulen blieben geschlossen, Versicherungszuständigkeiten unklar, es wurden beschädigte Häuser weggerissen. Monatelang, jahrelang blieb vor allem die untere Mittelschicht, oft Kreolen, darüber im Unklaren, ob sie zurückkehren könnte oder nicht, ob sie ihrer Häuser wieder bewohnen, sie Arbeit finden und ihre Kinder zur Schule schicken können würden. So sind sie in Houston oder Atlanta geblieben. Die Bevölkerungsstruktur wandelte sich, mexikanische Tagelöhner übernahmen jetzt zum Beispiel die Abrissarbeiten. Nach einigen Monaten der Ruhe kehrten Drogen und das organisierte Verbrechen geballt zurück. Die stabilisierende untere Mittelschicht war nicht mehr da, viele Straßen immer nur noch sporadisch bewohnt und somit unsicher.
Dass die Stadt arm ist und manche ihrer Viertel schon in den 1980er Jahren als „3. Welt“ bezeichnet wurden, das ist auch nationale Politik, die nach Katrina fortgesetzt wurde (der republikanische Nachbarstaat Mississippi erhielt zum Beispiel viel schneller Aufbauhilfen). Korruption und Filz in New Orleans sind hausgemacht, und ein Teil davon liegt auch in den Händen von Afroamerikanern und Kreolen, die letztendlich am meisten von der Gewalt betroffen sind. 
New Orleans braucht ganz sicher mehr als eine effektive Polizei. Aber ein Anfang wäre es.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Kriminalität

In der letzten Woche wurde die Polizei allein am Mittwoch innerhalb von sechs Stunden zu vier Mordopfern gerufen. Somit erhöhte sich die Zahl der Morde in jener Woche auf neun. In der Nacht zum Sonntag war der Augenarzt Brent Hachfeld aus dem Vorort Slidell im French Quarter niedergeschlagen und wahrscheinlich beraubt worden, bevor er im Krankenhaus verstarb. Jetzt glaubt die Polizei auf einem Überwachungsvideo einen Verdächtigen gesehen zu haben und bittet um Mithilfe. Gestern wurden eine 36-jährige Frau und ihr 13-jähriger Sohn in ihrem Haus in der 7th Ward erschossen aufgefunden, verhaftet wurde ihr 45-jähriger Exfreund, bei dem man sechs Schusswaffen und eine Kiste mit Munition zu Hause gefunden hatte.
Sonnabend vor einer Woche wurde Curtis Matthews erschossen, der aus South Carolina nach New Orleans gekommen war, um für seinen Bruder dessen Jazz Daiquiri Lounge weiter zu führen. Auf den Bruder, John Matthews, war vor einem Jahr zu Hause siebzehn Mal geschossen worden, da er Hauptzeuge in einem Mordfall vor der Daiquiri Lounge war. Durch seine Aussage wurde letzte Woche Telly Hankton verurteilt, der 2008 einen Mann nach einer Autojagd mit 8 Kugeln getötet hatte. Diesen und einen anderen Mann, den er erschoss, als er auf Kaution frei war, hatte er wiederum als Rache für den Mord an seinem Cousin 2007 getötet. Für die Schüsse auf John Matthews wurde Thomas Hankton, der Cousin des Verurteilten angeklagt, nach dem Mörder von Curtis Matthews wird noch gesucht. 
Am Dienstag schaltete sich Bürgermeister Mitch Landrieu ein und erklärte bei einer kleinen Pressekonferenz auf dem neutral (Mittelstreifen) vor der Daiquiri Lounge, dass er 10.000 Dollar aus seinem Kampagnenfonds als Belohnung für die Ergreifung des Mörders stellen würde. Dabei warnte er ausdrücklich die ausgedehnte Familie von Telly Hankton und erklärte, er sei ein Symbol für Leute geworden, die meinten, sie könnten die Kids auf der Straße einschüchtern.
Als ich noch in Baton Rouge wohnte, wurde ich bei einer kleinen Party in meinem Garten Ohrenzeugin einer Schießerei, ohne--anders als meine amerikanischen Freunde, die sich sofort in Sicherheit brachten--gleich zu wissen, dass es Schüsse waren, die ich hörte. Man erzählte mir später, dass es das Ende eines misslungenen Drogendeals gewesen war. Ein Jahr später war ich als Zeugin vor Gericht geladen. Nach einigem Warten erklärte man mir dort, dass ich nach Hause gehen könnte, da der Hauptzeuge, das gelähmte Opfer, in der Nacht zuvor erschossen worden wahr. Irgendwie ist das schon ganz schön einschüchternd.