Für alle, die es noch nicht wissen, National Public Radio hat seit einigen Jahren einen eigenen Sender in Berlin auf 104,1 und produziert auch einige kleine Berlin-spezifische Segmente, die ich persönlich meistens nicht so reizvoll finde. Aber es hat die meisten anderen tollen Programme, die ich schon in den USA über Jahre hinweg an verschiedenen Orten liebte: Fresh Air, All Things Considered usw.
Der heutige Morgen war auf NPR Berlin besonders New-Orleans-intensiv. Zuerst lief eine Wiederholung der Sendung State of the Re:Union - New Orleans: The Big Easy vom Herbst. Darin ging es um Bürgerinitiativen gegen die hohe Kriminalität nach Hurrikan Katrina, um die jungen zugewanderten Helfer und das Anwachsen der Latinobevölkerung nach Katrina und die dort entstandene Hiphop-Richtung Bounce und viele andere Dinge. Auf der Webseite kann man sich die Sendung anhören und findet viele andere Quellen und Links.
Danach lief Ira Glass' This American Life, heute unter dem Titel "Held Hostage" (In Geiselhaft). Darin kamen auch einige Hausbesitzer in New Orleans vor, die irgendein Verrückter mit selbst gefälschten gerichtlichen Dokumenten immer wieder aus ihren Häusern drängen wollte, so dass sie ständig ihr Recht einklagen mussten.
Anschließend lief Le Show von Harry Shearer, der manchmal auch aus New Orleans sendet und immer wieder auf seinen preisgekrönten Film The Big Uneasy aufmerksam macht, in dem er die mangelhafte Arbeit des für die Deiche zuständigen Army Corps of Engineers anprangert. Eine Sendung, wie sie bei uns unmöglich wäre, weil sie nur aus dem meist satirischen Monolog des Moderators und gelegentlichen Dialogen mit verstellten Stimmen besteht. Heute gratulierte Harry Shearer dem New Orleanser Autor Lolis Eric Elie zum Erhalt des 43. NAACP Image Awards in der Kategorie "Outstanding Writing in a Dramatic Series" (Hervorragendes Skript für eine dramatische Fernsehserie) für seine Mitarbeit an Treme. Der NAACP ist die National Association for the Advancement of Colored People, die seit 1909 bestehende Bürgerrechtsorganisation, die vor allem Afroamerikaner fördert und eigentlich nur noch in der Abkürzung benannt wird, da die Bezeichnung "colored people" heute überholt und unangemessen ist. Zu meiner Zeit war Lolis Eric Elie noch ein junger Kolumnist bei der New Orleans Times-Picayune. Jetzt gibt es von ihm Bücher, einen Dokumentarfilm über das Faubourg Treme, und das Journalismus-Institut der New Yorker Columbia University ernannte ihn zum Alumnus of the Year.
Eine Sendung vermisse ich hier in Berlin ganz besonders: American Routes, die von dem New Orleanser NPR-Sender WWNO produziert wird. Hiermit lege ich NPR Berlin diese tolle Musiksendung mit und von dem Ethnomusikologen Nick Spitzer wieder einmal ans Herz. Ich werde auch ganz bald wieder etwas spenden...
Montag, 27. Februar 2012
Sonntag, 26. Februar 2012
Lucky Dogs
Eine der Arbeitsstellen, auf der sich Ignatius Reilly in The Confederacy of Dunces versucht (siehe meine Besprechung vom 3. Februar), ist als Verkäufer bei Paradise Vendors, die eigentlich Lucky Dogs heißen. Es handelt sich dabei um Hotdogs, die an einem hotdog-ähnlichen Wägelchen im Straßenverkauf fertiggestellt und verkauft werden. Diese gibt es auch heute noch, vor allem im French Quarter. Die Lucky Dogs sind eine Institution und sie gehören einfach zu New Orleans.
Vor einiger Zeit habe ich das Buch Managing Ignatius von Jerry E. Strahan gelesen, der um die 25 Jahre Geschäftsführer von Lucky Dogs, Inc., war. Der Untertitel des Buches lautet The Lunacy of Lucky Dogs and Life in the Quarter (Der Wahnsinn von Lucky Dogs und das Leben im French Quarter) und so ist diese informelle Firmengeschichte auch eine Beschreibung der "Halbwelt" in diesem malerisch-historischen Stadtviertel, für das man New Orleans vor allem kennt. Denn bei Lucky Dogs arbeiten allerlei Gestrauchelte, denen dieser Job manchmal wieder auf die Füße hilft, aber manchmal auch nicht.
Dieser Tage, so hieß es in der Zeitung Times-Picayune, wurde ein Lucky-Dogs-Verkäufer für seine Rolle in einem Mordkomplott gegen einen wohlhabenden Geschäftsmann verhaftet, der zum Mardi Gras beraubt und getötet werden sollte (was zum Glück vereitelt wurde). Der Verkäufer hatte seinen Wagen an der Ecke der Bourbon und der Canal Street.
Ignatius Reilly, der Held bei John Kennedy Toole, hat es übrigens nicht lange bei Paradise Vendors, alias Lucky Dogs, ausgehalten. Denn er legte sich mit potentiellen Käufern an und fühlte sich von Passanten angegriffen, so dass er schließlich alles Hotdogs selber essen musste, um sein problematisches Magenventil zu beruhigen. Aber trotzdem endete ja der Roman bekanntlich mit einer Art Happy End. So wie übrigens auch einige der Schicksale bei den wirklichen Lucky Dogs.
Vor einiger Zeit habe ich das Buch Managing Ignatius von Jerry E. Strahan gelesen, der um die 25 Jahre Geschäftsführer von Lucky Dogs, Inc., war. Der Untertitel des Buches lautet The Lunacy of Lucky Dogs and Life in the Quarter (Der Wahnsinn von Lucky Dogs und das Leben im French Quarter) und so ist diese informelle Firmengeschichte auch eine Beschreibung der "Halbwelt" in diesem malerisch-historischen Stadtviertel, für das man New Orleans vor allem kennt. Denn bei Lucky Dogs arbeiten allerlei Gestrauchelte, denen dieser Job manchmal wieder auf die Füße hilft, aber manchmal auch nicht.
Dieser Tage, so hieß es in der Zeitung Times-Picayune, wurde ein Lucky-Dogs-Verkäufer für seine Rolle in einem Mordkomplott gegen einen wohlhabenden Geschäftsmann verhaftet, der zum Mardi Gras beraubt und getötet werden sollte (was zum Glück vereitelt wurde). Der Verkäufer hatte seinen Wagen an der Ecke der Bourbon und der Canal Street.
Ignatius Reilly, der Held bei John Kennedy Toole, hat es übrigens nicht lange bei Paradise Vendors, alias Lucky Dogs, ausgehalten. Denn er legte sich mit potentiellen Käufern an und fühlte sich von Passanten angegriffen, so dass er schließlich alles Hotdogs selber essen musste, um sein problematisches Magenventil zu beruhigen. Aber trotzdem endete ja der Roman bekanntlich mit einer Art Happy End. So wie übrigens auch einige der Schicksale bei den wirklichen Lucky Dogs.
Dienstag, 21. Februar 2012
This just in
Ein Freund aus Baton Rouge sandte mir diesen Hinweis: Schon wieder eine Sendung über New Orleans, diesmal im Saarländischen Rundfunk, letzten Mittwoch, 15.2.2012, 21 Uhr, unter dem Titel weitweitweg - Karneval in New Orleans. Die 45-minütige Sendung ist insgesamt sieben Tage lang in der Mediathek anzusehen, also vielleicht heute und morgen noch.
Die Sendung und der Begleittext finden sich hier. Im dazugehörigen Blog lese ich, dass es sich um den Film von Karl Teuschl handelt, der am 2. Januar als New Orleans - zwischen Rhythmus und Ruin auf 3sat lief und den ich am 14. Januar hier besprochen habe.
Happy Mardi Gras everyone!
Die Sendung und der Begleittext finden sich hier. Im dazugehörigen Blog lese ich, dass es sich um den Film von Karl Teuschl handelt, der am 2. Januar als New Orleans - zwischen Rhythmus und Ruin auf 3sat lief und den ich am 14. Januar hier besprochen habe.
Happy Mardi Gras everyone!
Montag, 20. Februar 2012
Mardi Gras
In New Orleans und Südlouisiana ist heute Lundi Gras, der Tag vor Mardi Gras, Französisch für "Fetter Dienstag", also Fastnachtsdienstag, der auch dem ganzen Karneval seinen Namen gab. Gestern fanden mindestens vier Paraden nur in New Orleans selbst statt, ganz abgesehen von den Vororten, heute drei, und morgen ist der Höhepunkt mit der sehr beliebten afroamerikanischen Parade Zulu und der traditionellen Rex-Parade. Ich konnte auf die Schnelle nicht herausfinden, wer dieses Jahr King Zulu ist, aber bei Bacchus am Sonntag war der Schauspieler Will Ferrell König. Es gäbe so viel zu berichten, auch über die Mardi Gras Indians, den Cajun Mardi Gras auf dem Lande, die gestern leider verregnete, wilde Spanish Town Parade in Baton Rouge mit Rasenmäherballett, über die Touristen und die protestierenden Christen im French Quarter...
Aber meine Fernberichterstattung muss auf die Schnelle bleiben, denn am Sonnabend, 18.2.2012, gab es bei mir den Karneval der Literaturen. Zum 5. Mal habe ich hier im urlutherischen, wie ein Besucher meinte, "karnevalskargen" Berlin eine kostümierte Karnevalslesung und -feier veranstaltet. Das war lange Zeit nicht einfach, da oft nur sehr wenige Besucher kamen (einmal waren wir zu dritt). Doch seit ich im letzten Jahr ausdrücklich auch Karnevalsmuffel einlade, setzt es sich langsam durch. Auch dieses Jahr lasen wir Texte zum Karneval, darunter mit verteilten Rollen Tennessee Williams' Lord Byron's Love Letter; die besten literarischen Kostüme wurden prämiert, tja und jetzt greift der Ernst des Lebens wieder um sich. Spätestens am Aschermittwoch ist auch in New Orleans alles vorbei, aber bis dahin Laissez les bons temps rouler!, wie es dort heißt, Lasst die guten Zeiten rollen!
Aber meine Fernberichterstattung muss auf die Schnelle bleiben, denn am Sonnabend, 18.2.2012, gab es bei mir den Karneval der Literaturen. Zum 5. Mal habe ich hier im urlutherischen, wie ein Besucher meinte, "karnevalskargen" Berlin eine kostümierte Karnevalslesung und -feier veranstaltet. Das war lange Zeit nicht einfach, da oft nur sehr wenige Besucher kamen (einmal waren wir zu dritt). Doch seit ich im letzten Jahr ausdrücklich auch Karnevalsmuffel einlade, setzt es sich langsam durch. Auch dieses Jahr lasen wir Texte zum Karneval, darunter mit verteilten Rollen Tennessee Williams' Lord Byron's Love Letter; die besten literarischen Kostüme wurden prämiert, tja und jetzt greift der Ernst des Lebens wieder um sich. Spätestens am Aschermittwoch ist auch in New Orleans alles vorbei, aber bis dahin Laissez les bons temps rouler!, wie es dort heißt, Lasst die guten Zeiten rollen!
Freitag, 17. Februar 2012
Global Salon: New Orleans 2
Ich habe mir gerade den Podcast angesehen, hier. Das Terence Blanchard Quintet spielte, Susan Bernofsky las aus einem Romanmanuskript, das in New Orleans nach Katrina anfängt. Der Gastgeber Eddie Robinson zeigte ein paar Videoclips und führte durch ein faszinierendes Gespräch mit klugen und denkenden Teilnehmern. Sehenswert.
Mittwoch, 15. Februar 2012
Global Salon: New Orleans - heute in New York
Prominente aus New Orleans, das sind vielleicht Musiker oder Schriftsteller, oft auch schon tot, dann noch die Komikerin Ellen DeGeneres, die Journalistin Cokie Roberts und ein paar andere, aber sonst? Und meistens leben sie dann auch nicht mehr in New Orleans, wenn sie berühmt werden.
Eine aus New Orleans stammende Prominente unter Übersetzern und Kennern deutscher Literatur ist Susan Bernofsky, Übersetzerin von Robert Walser, Yoko Tawada und anderen modernen Klassikern ins Englische. Letzte Woche, kurz bevor sie das Festival Neue Literatur mit jungen deutschsprachigen Schriftstellern in New York ausrichtete, wurde bekannt, dass sie den mit 15.000 Euro dotierten Calwer Hermann-Hesse-Übersetzerpreis erhält, für ihre Übersetzung von Siddharta und für ihr Gesamtwerk. Sie ist auch Vorsitzende des Übersetzungskomitees des PEN, lehrt am Queens College, schreibt selbst Bücher, Essays und Artikel und betreibt den den Blog translationista.
Susan Bernofsky reist viel, auch gern nach Berlin, und ist überhaupt äußerst aktiv. Heute Abend (19 Uhr) tritt sie im New Yorker The Greene Space in einem Global Salon: New Orleans auf, zusammen mit dem Musiker Terence Blanchard und dem Terence Blanchard Quintet.
Terence Blanchard ist Trompeter und Komponist und spätestens aus Spike Lees bewegendem Dokumentarfilm When the Levees Broke (2006) bekannt (hier und hier), wo zu sehen ist, wie er mit seiner Mutter in ihr während Katrina überflutetes und verwüstetes Haus zurückkehrt. Seitdem hat er an verschiedenen Filmen mitgewirkt und 2010 einen Grammy für Best Instrumental Jazz Solo Performance erhalten, für den Titel "Dancin' 4 Chicken'. Er komponierte auch die Musik für eine aktuelle Aufführung von Tennessee Williams' A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht) auf dem Broadway. Auch er lebt nicht mehr in New Orleans.
Mit diesem Global Salon endet heute eine Reihe, in der es u.a. um Japan, Ägypten und Schweden ging. Der Abend soll eine explosive Reise mit Musik, Kultur, Kunst und Film sein, wobei der Wiederaufbau und Umweltinitiativen die Grundlage des Salons bieten sollen. Das Ganze in 1,5 Stunden für 30 Dollar. Und: "Evening includes a complimentary glass of wine or beer and snacks that honor the country of exploration." (An dem Abend wird ein Glas Wein oder Bier gereicht und Snacks, die das zu erkundende Land würdigen.)
Na, dann wünsche ich New Yorkern und Gästen ein mundendes Erkunden von New Orleans, diesem fremden Land...
Eine aus New Orleans stammende Prominente unter Übersetzern und Kennern deutscher Literatur ist Susan Bernofsky, Übersetzerin von Robert Walser, Yoko Tawada und anderen modernen Klassikern ins Englische. Letzte Woche, kurz bevor sie das Festival Neue Literatur mit jungen deutschsprachigen Schriftstellern in New York ausrichtete, wurde bekannt, dass sie den mit 15.000 Euro dotierten Calwer Hermann-Hesse-Übersetzerpreis erhält, für ihre Übersetzung von Siddharta und für ihr Gesamtwerk. Sie ist auch Vorsitzende des Übersetzungskomitees des PEN, lehrt am Queens College, schreibt selbst Bücher, Essays und Artikel und betreibt den den Blog translationista.
Susan Bernofsky reist viel, auch gern nach Berlin, und ist überhaupt äußerst aktiv. Heute Abend (19 Uhr) tritt sie im New Yorker The Greene Space in einem Global Salon: New Orleans auf, zusammen mit dem Musiker Terence Blanchard und dem Terence Blanchard Quintet.
Terence Blanchard ist Trompeter und Komponist und spätestens aus Spike Lees bewegendem Dokumentarfilm When the Levees Broke (2006) bekannt (hier und hier), wo zu sehen ist, wie er mit seiner Mutter in ihr während Katrina überflutetes und verwüstetes Haus zurückkehrt. Seitdem hat er an verschiedenen Filmen mitgewirkt und 2010 einen Grammy für Best Instrumental Jazz Solo Performance erhalten, für den Titel "Dancin' 4 Chicken'. Er komponierte auch die Musik für eine aktuelle Aufführung von Tennessee Williams' A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht) auf dem Broadway. Auch er lebt nicht mehr in New Orleans.
Mit diesem Global Salon endet heute eine Reihe, in der es u.a. um Japan, Ägypten und Schweden ging. Der Abend soll eine explosive Reise mit Musik, Kultur, Kunst und Film sein, wobei der Wiederaufbau und Umweltinitiativen die Grundlage des Salons bieten sollen. Das Ganze in 1,5 Stunden für 30 Dollar. Und: "Evening includes a complimentary glass of wine or beer and snacks that honor the country of exploration." (An dem Abend wird ein Glas Wein oder Bier gereicht und Snacks, die das zu erkundende Land würdigen.)
Montag, 13. Februar 2012
Neues vom Wochenende
Dieses Wochenende liefen wieder mehrere Paraden, wegen der kurzen Karnevalssaison in diesem Jahr etwas geballt. Gestern war dabei wieder die Barkus-Parade (Anspielung auf die berühmte Bacchus-Parade, die am 19.2. marschiert). "To bark" heißt natürlich "bellen", tja und so ist es denn auch eine Hundeparade. Einen kleinen Film findet man auf nola.com rechts unten unter Krewe of Barkus. Fotos finden sich hier.
Auch an diesem Wochenende fand die Verleihung der Grammy Awards statt, überschattet von Whitney Houstons Tod. Die britische Sängerin Adele und einige andere haben ziemlich viele Preise abgeräumt. Aber einen großen Erfolg für New Orleans gab es auch: Die heißgeliebte, ur-New-Orleansische Rebirth Brass Band erhielt einen Grammy in der Kategorie "Regional Music", die, und das war nicht ganz unumstritten, neu aus den früheren Kategorien Cajun/Zydeco, Polka, hawaiische und indianische Musik geschaffen wurde. Der Sousaphon-Spieler Phil Frazier hatte früher einmal gesagt, er möchte lieber einen Grammy gewinnen als reich sein, was ja schon mal geklappt hat. Und auf dem Weg zur Bühne meinte er wohl, hoffentlich falle ich nicht in Ohnmacht, ist er aber wohl nicht.
Die Band wird jetzt schnell wieder aus Los Angeles zurückkehren, um ihren traditionellen Dienstagsgig im Maple Leaf in New Orleans zu spielen und vom 16. bis 18. Februar im Howlin' Wolf. Siehe auch meinen früheren Eintrag zum Sousaphon und zur Rebirth Brass Band. Und auf diesem Youtube-Video vom Aufwärmen vor einem Konzert sieht man den Sousaphonisten besonders gut.
Auch an diesem Wochenende fand die Verleihung der Grammy Awards statt, überschattet von Whitney Houstons Tod. Die britische Sängerin Adele und einige andere haben ziemlich viele Preise abgeräumt. Aber einen großen Erfolg für New Orleans gab es auch: Die heißgeliebte, ur-New-Orleansische Rebirth Brass Band erhielt einen Grammy in der Kategorie "Regional Music", die, und das war nicht ganz unumstritten, neu aus den früheren Kategorien Cajun/Zydeco, Polka, hawaiische und indianische Musik geschaffen wurde. Der Sousaphon-Spieler Phil Frazier hatte früher einmal gesagt, er möchte lieber einen Grammy gewinnen als reich sein, was ja schon mal geklappt hat. Und auf dem Weg zur Bühne meinte er wohl, hoffentlich falle ich nicht in Ohnmacht, ist er aber wohl nicht.
Die Band wird jetzt schnell wieder aus Los Angeles zurückkehren, um ihren traditionellen Dienstagsgig im Maple Leaf in New Orleans zu spielen und vom 16. bis 18. Februar im Howlin' Wolf. Siehe auch meinen früheren Eintrag zum Sousaphon und zur Rebirth Brass Band. Und auf diesem Youtube-Video vom Aufwärmen vor einem Konzert sieht man den Sousaphonisten besonders gut.
Sonntag, 12. Februar 2012
Die Elektrische
Tennessee Williams’ Theaterstück oder vielmehr dessen Titel „Endstation Sehnsucht“ ist allgemein bekannt, vielleicht auch noch der Originaltitel „A Streetcar Named Desire“ (Eine Straßenbahn namens Sehnsucht), aber dass in New Orleans seit dem 19. Jahrhundert fast ununterbrochen eine Straßenbahn fährt, das weiß man wohl weniger.
In den Stadtteil Desire, der jetzt eher für problematische Sozialwohnprojekte (projects) bekannt ist, fährt seit 1948 nur noch ein Bus. Aber besonders auf der alleenhaften St. Charles Avenue fährt die Straßenbahn regelmäßig, zuverlässig und treu wie eh und je, und so war es ein besonderer Einschnitt als sie von August 2005 bis Dezember 2006 nach Hurrikan Katrina wegen zerstörter Oberleitungen usw. gar nicht verkehrte, danach nur auf Teilstücken, und schließlich seit Juni 2008 wieder vollständig.
Dabei handelt es sich nicht um eine Straßenbahn wie wir sie hier kennen, sondern jeweils um einen einzigen historischen Waggon (ein streetcar eben), auf hohen Rädern, nicht klimatisiert und mit Mechaniklärm nicht nur, wenn die Fahrer mit riesigen Hebeln manövrieren. Es zieht durch die auf beiden Seiten geöffneten Fenster, die Bänke sind eng, hart und etwas abschüssig, und sie fährt auch scheinbar nicht nach einem festen Fahrplan, sondern eben immer mal wieder. Es sind die alten, historischen Wagen im immer gleichen grün-rostfarbenen Anstrich. So wie vielleicht ganz früher hier in Berlin die Elektrische fuhr (die hier erfunden wurde). Wunderbar!
Die Elektrische wird nicht nur von Touristen benutzt, sondern ist ein richtiges, wichtiges Verkehrsmittel. Eine reine Touristenattraktion ist die kurze Riverfront-Linie in Rot und Gelb. Wie überall gab es in New Orleans früher sehr viele Straßenbahnen, von mindestens sechs Betreibern, doch sie wurden ab spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts abgeschafft. Unmotiviert liegende Straßenbahnschienen auf verschiedenen Straßen kunden davon. Seit einigen Jahren gibt es eine kleine Renaissance. Die Canal Street-Linie, die lange nur von Bussen befahren wurde, wurde 2004 wieder eingerichtet. Die New Orleans Regional Transit Authority (RTA) plant noch zwei Erweiterungen, von der Canal Street zum Bus- und Eisenbahnhof und eine Linie entlang des French Quarters, die 2012 bzw. 2013 in Betrieb genommen werden sollen.
Zu der Zeit als Tennessee Williams im French Quarter lebte, fuhr übrigens ein einsamer Straßenbahnwagen mit dem Ziel und der Aufschrift Desire (Verlangen, Sehnsucht) linienmäßig durch das French Quarter und gab dem Stück den Titel. Der Wagen Nr. 453 dieser Linie ist konserviert und zu besichtigen.
Diesen und viele andere historische Fakten (warum die New Orleanser Straßenbahn olivgrün ist, wer die erste Straßenbahnfahrerin war usw.) über New Orleans kann man von Blake Pontchartrain erfahren (nach dem Lake Pontchartrain, dem riesigen Salzwassersee im Norden der Stadt), der in der wöchentlichen Programmzeitung Gambit eine Kolumne hat.
Dienstag, 7. Februar 2012
Only in New Orleans
Die Saison der Mardi Gras-Umzüge wurde am Sonnabend mit dem der Krewe du Vieux (Kru de Viu) eingeleitet, deren Name sich auf das French Quarter (Vieux Carré) bezieht, durch die sie als einzige Mardi-Gras-Parade zieht. Oder zog, denn über die Krewe de Joan of Arc habe ich schon berichtet und wie ich hörte, folgte der Krewe du Vieux die Krewe Delusion auf dem Fuße. Im French Quarter sind die Straßen eng, so dass die floats (Karnevalswagen) nicht von Traktoren oder Sattelschleppern gezogen werden, sondern von Menschenhand oder mit Maultierkraft und man läuft zu Fuß. Die Krewe du Vieux ist immer satirisch, dieses Jahr mit dem Thema Crimes against Nature (Verbrechen gegen die Natur) und ihr gehören 16 oder 17 Untervereine (Subkrewes) an, darunter auch Comatose, Krewe of Space Age Love und Underwear. Vor langer Zeit bin ich einmal in der Krewe de Vieux mitgelaufen, wo wir als Einkaufende verkleidet waren, denn das Thema war der Unfall eines libanesischen Frachters, der 1996 in das Riverwalk-Einkaufszentrum gerammt war, das sich direkt am Mississippi befindet. Danach gab es auch einen tollen Ball mit der Musikerin Irma Thomas.
Die Krewe du Vieux ist natürlich eine alternative und junge Krewe, während die altehrwürdigen 140 Jahre alten Krewes geheime Männervereine sind, in die man nicht hineinkommt, und seit es die Gesetzgebung seit 1991 verlangt, dass sie sich auch Minderheiten öffnen müssen, veranstalten einige von ihnen gar keine Paraden und Bälle mehr.
Was hier aber womöglich einmalig ist, „only in New Orleans“ eben, ist die Existenz zweier jüdischer Krewes: der Krewe de Mishigas in der Krewe de Vieux und die Krewe de Jieux (Kru de Dshu; von Jew=Jude; seit 1996) als Teil der Krewe Delusion. Von der schwarzen Zulu-Parade inspiriert karikiert die Krewe de Jieux jüdische Stereotypen mit Hörnern, riesigen Plastiknasen und Davidsternen. Es wird der King of the Jieux (König der Juden) und eine Jewish-American Princess (jüdisch-amerikanische Prinzessin) gewählt; vor einigen Jahren waren dies der Schriftsteller Rodger Kamenetz und seine Frau Moira Crone, ebenfalls Schriftstellerin. In diesem Jahr war David Freedman, Geschäftsführer des unabhängigen Radiosenders WWOZ, König der Krewe. Es werden Bagels in die Menge geworfen und es gibt, von Borat inspiriert, ein Running of the Jews.
Dabei mangelt es den Juden natürlich nicht an eigenen Festlichkeiten: Purim, dieses Jahr im März, ist auch so eine Fest der Maskerade. Aber so ist eben New Orleans...
Freitag, 3. Februar 2012
John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten
Seit Monaten liegt es hier und will rezensiert werden: Die Verschwörung der Idioten von John Kennedy Toole in der Neuübersetzung von Alex Capus. Doch es verschworen sich die Umstände und ich und dieser große New-Orleans-Klassiker – tja, wir haben es nicht leicht miteinander.
Im Sommer 1989 verliebte ich mich in einen Amerikaner, dem ich von meiner Sehnsucht nach New Orleans berichtet haben muss, denn im Herbst ’89 legte er mir dieses Buch per Post ans Herz. Als DDR-Bürgerin der Wendezeit las ich es mit der zart entstehenden, Schwindel erregenden Hoffnung, New Orleans, die USA und vieles Andere tatsächlich einmal erleben zu dürfen. Vieles an dem Buch war fremd und bizarr für mich, doch ich las mich durch den klamaukigen Humor mit dem schallend lachenden Amerikaner vor Augen.
Das Vorwort zu meiner Ausgabe von A Confederacy of Dunces stammt von Walker Percy, einem der großen katholischen und New-Orleans-Autoren, der auch ins Deutsche übersetzt ist. 1976, als er Professor an der Loyola-Universität in New Orleans war, vertraute ihm die Mutter des Autors hartnäckig das Manuskript ihres Sohnes an. John Kennedy Toole (1937-1969) hatte das Buch Anfang der sechziger Jahre verfasst. Dass es ihm nicht gelang, einen Verleger dafür zu finden, muss u.a. zu seinen schweren Depressionen und zu seinem Selbstmord geführt haben. Auf Betreiben von Walker Percy erschien das Buch schließlich 1980 und wurde schnell zum Kultbuch und Bestseller.
Für Percy ist das Buch eine commedia und die Hauptfigur Ignatius J. Reilly zugleich „ein außergewöhnlicher Chaot, ein verrückter Oliver Hardy, ein fetter Don Quixote, ein perverser Thomas von Aquin“. Diesen Ignatius, hoch gebildet, Boethius und andere Klassiker zitierend, aber letztendlich lebensuntüchtig, plagt ein sich öffnendes und schließendes Magenventil, das ihn zwingt, ganze Tage lesend im Bett oder in der Badewanne zu verbringen. Seine Mutter, bei der er lebt, drängt ihn zur Arbeitssuche. Was er dabei erlebt, ist ein Panorama an Charakteren und Schauplätzen von New Orleans und der Region, die ihn letztendlich alle unberührt lassen. Wäre da nicht Myrna Minkoff, eine radikale, feministische, jüdische Freundin aus New York, mit der er einen intellektuell-engagierten Briefwechsel führt, der sich ebenso wie seine hochtrabenden, herablassenden gelehrten Traktate organisch in den Erzählfluss einfügt. Interessant ist auch Tooles liebevolle und doch nicht verklärende Darstellung der Schwarzen, und wie Ignatius sich einerseits auf ihre Seite stellt und andererseits mit Gemeinplätzen, wie den gern Melone essenden Schwarzen, spielt.
Insgesamt ist es eine karnevaleske, groteske Eugenspiegelgeschichte mit witzigen Dialogen und Momentaufnahmen der Stadt und ihrer Bewohner, eine Gesellschaftssatire (siehe taz, siehe auch Zeit). New Orleanser lieben das Buch, weil es die Stadt und den lokalen Akzent getreu wiedergibt, von kleinen augenzwinkernden Irreführungen abgesehen, wie der, dass die Sonne am Fuße der Canal Street, also Richtung West Bank untergeht, die in New Orleans östlich liegt. (Im Film sprechen New Orleanser mit nachgemachtem Südstaatenakzent, was sich genau so falsch anhört, wie wenn Schauspieler berlinern – das kann man nicht auf der Schule lernen.)
In Westdeutschland war, soweit ich weiß, schon die erste deutsche Fassung Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten (1982 bei Klett-Cotta) von Peter Marginter ein Renner. Jetzt hat Klett-Cotta es in einer Neuübersetzung von Alex Capus als Die Verschwörung der Idioten aufgelegt.
Ich habe mir natürlich die Übersetzungen angesehen. Einige Anspielungen bleiben dem deutschen Leser wohl verborgen, zum Beispiel in den Namen: Der ältere Verehrer der Mutter, Claude Robichaux, verweist auf einen echten Cajun, d.h. ein Land-Ei im Vergleich zu den urbanen New Orleansern (Dave Robichaux heißt auch der Detective in James Lee Burkes Krimis), die Hosenfabrikanten Levy erinnern nicht nur an Levi Strauss, sondern auch an eine typisch jüdische Familie, und mit Wachmann Mancuso, der sich durch das gesamte Buch zieht, entsteht sofort das Bild der Italiener von New Orleans.
Ich habe mir natürlich die Übersetzungen angesehen. Einige Anspielungen bleiben dem deutschen Leser wohl verborgen, zum Beispiel in den Namen: Der ältere Verehrer der Mutter, Claude Robichaux, verweist auf einen echten Cajun, d.h. ein Land-Ei im Vergleich zu den urbanen New Orleansern (Dave Robichaux heißt auch der Detective in James Lee Burkes Krimis), die Hosenfabrikanten Levy erinnern nicht nur an Levi Strauss, sondern auch an eine typisch jüdische Familie, und mit Wachmann Mancuso, der sich durch das gesamte Buch zieht, entsteht sofort das Bild der Italiener von New Orleans.
Auch der englische Titel A Confederacy of Dunces ist wunderbar vielschichtig, denn die „confederacy“ erinnert an die Südstaatenkonföderation im Bürgerkrieg gegen den Norden und es schwingt ein Zusammenschluss oder auch eine Seilschaft mit. „Dunce“ ist ein altmodisches Wort, wie es der überkanditelte Ignatius verwenden würde, und die Jägerkappe, die er trägt, ist gewissermaßen eine eigene Version der Narrenkappe (dunce cap).
Peter Marginters Version liest sich gut, aber die neue Fassung von Alex Capus ist noch gefälliger und an einigen Stellen mehr am Original orientiert. Einige kleine sachliche und sprachliche Fehler tauchen in beiden Übersetzungen auf: Bay St. Louis ist der Name eines kleines Städtchens und einer kleinen Bucht am Golf von Mexiko in Mississippi östlich von New Orleans, und "Bucht von St. Louis" erinnert mich eher an die Großstadt St. Louis in Missouri. Carrollton ist kein Bezirk von New Orleans, solche gibt es dort nämlich nicht, sondern einfach ein Viertel in der Nähe der Carrollton Road. An einer anderen Stelle heißt es im Original, dass Ignatius langsam watschelte, während bei beiden von „gemessenem Schritt“ die Rede ist. Jones, der wirklich witzige Schwarze, spickt seine Sprache mit dem Ausruf „Whoa!“, was bei Marginter gar nicht und bei Capus als „Boah!“ (für mich Ruhrgebiet der neunziger Jahre) wiedergegeben ist. Kleinigkeiten, die mir auffallen, aber dem normalen Leser nicht den Lesespaß verderben.
Wenn ich all die kleinen New-Orleans-Typischkeiten aufzähle, durch die bei Toole die Stadt in 3D entsteht – und dabei habe ich die Lucky Dogs noch gar nicht erwähnt – dann ist A Confederacy of Dunces irgendwie doch berührend. Dass Klett-Cotta das Buch mit einer Neuübersetzung beehrt, ist mutig und hochlobenswert. Inspiriert von der Übersetzerin Christa Schuenke heißt das für mich: Spätestens jetzt wird es auch auf Deutsch ein Klassiker.
Montag, 30. Januar 2012
Winterwetter
Hier in Berlin rüttelt seit einigen Tagen der sibirische Frost an den Fenstern und begehrt zähnefletschend Einlass. Auf den Straßen schneidet er durch den Mantel ins Fleisch und kneift mit eiserner Faust in die Nase. Doch mit dem Frost kam die Sonne, von Kälte verschleiert, aber eindeutig, nach wochenlangem Regen. Ein Hauch von Schnee liegt auch noch, und so strömten die Berliner gestern wie zum Osterspaziergang ins Freie, kletterten auf die Aussichtspunkte und spielten im Park Boule.
Aus New Orleans erreichten mich letzte Woche Nachrichten über Januarrekordtemperaturen von 25 Grad. Das Winterwetter verläuft dort in kleinen Zyklen: Auf die Wärme folgen Gewitter (letzte Woche mit Warnungen vor Überflutungen und Tornados), danach ist es kalt, sonnig und trocken (am Wochenende waren zwischen 7 und 15 Grad) und dann wird es immer wärmer und feuchter, bis es wieder gewittert und so weiter - und so ist es heute teils bewölkt und die Temperaturen liegen zwischen 12 und 21 Grad.
Nächsten Sonnabend beginnen die Karnevalsumzüge mit der Parade der Krewe de Vieux. Karneval in New Orleans kenne ich sonnig; nur 1991 wateten wir manchmal - danach - über die Canal Street (die aber aus anderen Gründen so heißt).
Aus New Orleans erreichten mich letzte Woche Nachrichten über Januarrekordtemperaturen von 25 Grad. Das Winterwetter verläuft dort in kleinen Zyklen: Auf die Wärme folgen Gewitter (letzte Woche mit Warnungen vor Überflutungen und Tornados), danach ist es kalt, sonnig und trocken (am Wochenende waren zwischen 7 und 15 Grad) und dann wird es immer wärmer und feuchter, bis es wieder gewittert und so weiter - und so ist es heute teils bewölkt und die Temperaturen liegen zwischen 12 und 21 Grad.
Nächsten Sonnabend beginnen die Karnevalsumzüge mit der Parade der Krewe de Vieux. Karneval in New Orleans kenne ich sonnig; nur 1991 wateten wir manchmal - danach - über die Canal Street (die aber aus anderen Gründen so heißt).
Montag, 16. Januar 2012
Mit’m Radel
Die League of American Bicyclists (Liga der Amerikanischen Radler) hat eine neue Karte der USA erstellt, in der die 10 wichtigsten Radfahrstädte der USA verzeichnet sind. Das Kriterium ist hierbei nicht das Freizeitradeln, sondern es geht um die Zahl der „bicycle commuters“, das heißt der Leute, die das Fahrrad tatsächlich als Verkehrsmittel, zum Beispiel zur und von der Arbeit, benutzen. Die ersten Plätze gehen an Portland, Minneapolis und Seattle, aber auf Platz 6 – und das ist doch eine Überraschung – folgt schon New Orleans vor Washington, D.C., Philadelphia und Boston.
Ich hatte von Freunden gehört, die mit dem Fahrrad fahren, und es bietet sich an: Es ist wunderbar flach und der Verkehr gemächlich. Wenn ich in New Orleans bin, fahre ich auch mit dem Fahrrad, doch die meisten anderen Radfahrer, die ich sehe, sind nicht auf dem Weg irgendwohin, sondern kurven ein bisschen anarchisch in der Gegend herum. Also bin ich schon überrascht und erfreut, weil New Orleans vor allem für seine ehrwürdige Kultur und Tradition gefeiert wird, aber selten für Modernität und Kreativität, die es hier auch gibt, und das Radfahren gehört für mich dazu.
Die Tageszeitung New Orleans Times Picayune hat jetzt wieder einen kleinen Fotowettbewerb unter dem Motto „NOLA from your bike“ (New Orleans vom Fahrrad aus) ausgelobt, noch bis 31. Januar 2012. Eine Fotogalerie dazu gibt es hier, u.a. auch mit einem Foto von dem Park namens the Fly.
Heute werden allerdings auch in New Orleans nur wenige Alltagsradler unterwegs sein, denn es ist Martin Luther King Day, einer der wenigen nationalen Feiertage, und da sind die Bundes- und andere öffentliche Einrichtungen, Schulen, Universitäten usw. geschlossen.
Samstag, 14. Januar 2012
New Orleans: Zwischen Rhythmus und Ruin
Alle Jahre wieder, wie es scheint, strahlt das deutsche Fernsehen einen neuen Dokumentarfilm über New Orleans aus. Dieses Mal war es am 2. Januar 2012 um 18.15 Uhr auf 3sat, New Orleans: Zwischen Rhythmus und Ruin in der Reihe Reisen in ferne Welten des Saarländischen Rundfunks, wo sich diese Folge zwischen West-Papua und Sansibar einordnet. Geschrieben von dem Amerikareisenden Karl Teuschl ist es ein angenehmer und informativer Film, der mit ganz wenigen Klischees und ganz ohne Fehler auskommt. Im Film zu sehen ist Ina Fandrich, die offenbar seit 10 Jahren in New Orleans lebt und dort Kuratorin am New Orleans African American Museum ist, das ich noch nicht kenne. Im Internet habe ich gesehen, dass sie auch Spezialistin für die legendäre Voodoo-Königin des 19. Jahrhunderts, Marie Laveau, ist. Frau Fandrich führt also ein bisschen durch das French Quarter und die Geschichte der Stadt, aber dann geht es schnell weiter, zur Musik (Jazz im Treme), zum Make-It-Right-Projekt von Brad Pitt (siehe auch mein Eintrag vom 2. Dezember 2012), aufs Land zu den Cajuns und ihrer Musik, zu einigen Plantagen und schließlich zum Mardi Gras, dem Karneval, der jetzt gerade bis zum 21. Februar in vollem Gange ist.
Der Titel ist ein bisschen dramatisch, und das Café des Amis, das auch gezeigt wird, befindet sich nicht außerhalb von New Orleans, sondern im Cajun Country 200 Kilometer westlich.
Sonntag, 8. Januar 2012
A Lesson Before Dying 2
Den beiden Studentinnen empfahl ich (pädagogisch, pädagogisch!) die Lektüre von Ernest Gaines’ Roman A Lesson Before Dying (wörtlich: Eine Lektion vor dem Tod, auf Deutsch unter dem Titel Jeffersons Würde erschienen). Es ist eine preisgekrönte, bewegende Erzählung der Hinrichtung eines jungen Mannes in einer louisianischen Kleinstadt in den sechziger Jahren, damals noch per elektrischem Stuhl, was in der ganzen Stadt mitzuspüren war. Natürlich keine leichte Kost, doch sehr zu empfehlen und nicht sehr lang und sprachlich nicht schwer!
Ernest Gaines ist ein afroamerikanischer Schriftsteller (geboren 1933) aus Louisiana, der hierzulande durch Volker Schlöndorffs Film Ein Aufstand alter Männer (1987) bekannt ist, der auf Gaines’ Roman A Gathering of Old Men basiert. Ich habe mehrmals die stillgelegte Plantage in der Nähe des False River im malerischen Landkreis Pointe Coupee Parish besucht, auf der Ernest Gaines aufgewachsen ist. Nachdem er lange Zeit in Kalifornien lebte, zog der Autor vor kurzem in die Nähe seines Geburtsortes zurück, wo er auch den Friedhof und die Kirche rettete, die seine Vorfahren erbauten und wo sie begraben sind.
Ernest Gaines dürfte der einzige louisianische Kreole sein, der Weltruhm erlangt hat, und das liegt sicherlich neben seinem Können auch daran, dass er Romane schreibt und keine Lyrik und auf Englisch statt auf Französisch wie seine Kolleginnen. Er fing an zu schreiben, weil es über seine Lebenswelt keine Bücher gab, in dem typischen Dialekt, „dieser Kombination aus Englisch, Kreolisch, Cajun, Schwarz“, über die wirkliche Beziehung zwischen Schwarzen und Weißen, die er kannte, über die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen Cajuns und Schwarzen, aber auch die Nähe und Nachbarschaft von Gruppen jeglicher Couleur.
1996 ernannte ihn die französische Regierung zum Kavalier der Künste und der Literatur, und er lehrte das erste Creative-Writing-Seminar einer französischen Universität in Rennes. Seit 2007 verleiht eine Stiftung in Baton Rouge den mit 10.000 Dollar dotierten Ernest J. Gaines Award for Literary Excellence an einen jungen afroamerikanischen Schriftsteller. Der diesjährige Preis wird am 26. Januar verliehen, wenn ich den heutigen Artikel richtig verstehe, an Dinaw Mengestu für den Roman How to Read the Air.
A Lesson Before Dying 1
Letzten Donnerstag hielten zwei Studentinnen in meinem Englischkurs ein Referat über die Todesstrafe, besonders in den USA. Dort ist die Todesstrafe in über der Hälfte der Bundesstaaten legal und wird in Texas besonders eifrig ausgeführt (477 Hinrichtungen seit 1976) und in Kalifornien besonders oft verordnet (derzeit 721 Verurteilte), siehe Wikipedia. Auch in Louisiana gibt es sie, seit 1991 durch die Giftspritze. Die letzte Exekution fand am 7. Januar 2010 statt. Derzeit sollen sich 86 Gefangene auf der Death Row (im Todestrakt) befinden, wo sie oft lange Jahre auf ihre Hinrichtung warten: Männer im berüchtigten Staatsgefängnis von Louisiana in Angola ca. 2,5 Stunden nordwestlich von New Orleans (unweit der Tunica Hills, wo man wunderbar wandern kann), Frauen im Gefängnis in St. Gabriel, 1 Stunde westlich. In Angola spielt übrigens auch das Buch der Nonne Helen Prejean Dead Man Walking, das 1995 mit Susan Sarandon und Sean Penn in den Hauptrollen verfilmt wurde. (Hier der Trailer im Original.)
Im Sommer zeigte der neue Fernsehkanal von Oprah Winfrey einen Dokumentarfilm über ein besonderes Hospizprogramm im Gefängnis von Angola. Der Titel des Films Serving Life ist zweideutig und bedeutet einerseits „eine lebenslängliche Strafe ableisten“ und andererseits „dem Leben dienen“. Der Ankündigung zufolge beträgt die durchschnittliche Strafe in Angola 90 Jahre, und 85 Prozent der Insassen kommen nie wieder frei und sterben dort. Jetzt gibt es ein Programm, bei dem Schwerverbrecher auf freiwilliger Basis geschult werden, sterbenden Häftlingen zur Seite zu stehen. Oscar-Preisträger Forest Whitaker (bekannt aus The Crying Game und Ghost Dog), Produzent und Sprecher des Films, meinte: „Serving Life zeigt die Menschlichkeit, die in jedem einzelnen von uns steckt. Im Hospiz des Gefängnisses in Angola lernen wir Insassen kennen, die die Möglichkeit zur Sühne ergreifen, was uns an die Verbindung zwischen allen Menschen erinnert.“ (Das steht hier. Hier spricht er selbst.)
Einige Leserkommentare auf der Webseite sind böse und erinnern daran, dass auch die Opfer in ihrer Stunde des Todes völlig allein waren. Daran denke ich oft. Und doch hat niemand, und ein unpersönlicher Staat schon gar nicht, das Recht, Menschen Hilfe zu verweigern, unmenschlich zu behandeln oder gar zu töten.
Donnerstag, 5. Januar 2012
Morgen, Kinder, wird’s was geben!
Am 6. Januar ist Twelfth Night oder Epiphany oder eben Epiphanias oder Dreikönigstag und in New Orleans bedeutet das: Die Karnevalssaison beginnt! Der 6. Januar 2012 ist aber auch der 600. Geburtstag von Jeanne d’Arc und so wird der morgige Umzug (parade) der Krewe of Joan of Arc besonders üppig sein (über die Krewe habe ich hier schon berichtet). Er beginnt um 18 Uhr und führt durch das French Quarter, wo er an Johannas Reiterstatue endet. Es gibt Pferde, Fackeln, historische Kostüme und Schwerter und viel Fußvolk. Der hölzerne Umzugswagen (float) wurde im Tischlereiprogramm des Delgado Community College gezimmert. Künstler und Firmen vor Ort haben auch die kleinen zu verteilenden Geschenke (throws) angefertigt oder gespendet: Gebetskarten, Postkarten, Doubloons (einfache Gedenkmedaillen), Ringlutscher und vieles mehr. Der Umzug wird von Mönchen beschützt, die dann auch beim späteren Ball als Rausschmeißer fungieren. Es gibt einen Halt an der St. Louis Cathedral auf dem Jackson Square und nach der Parade eine King Cake Ceremony (Königskuchenzeremonie). Die king cakes isst man während der ganzen Mardi-Gras-Saison, ein sehr gezuckerter, ringförmiger Hefeteigkuchen, mit Kollegen, Freunden und Familie. Darin befindet sich ein plastenes Jesus-Baby (in Frankreich: fève) und wer das findet, muss den nächsten Königskuchen kaufen. Abgeleitet ist das natürlich von der französischen galette des Rois, die, sagen wir mal, differenzierter im Geschmack ist und in Frankreich nur am 6. Januar gegessen wird. In Louisiana kann man bis zum eigentlichen Fat Tuesday (Fastnachtsdienstag) am 21. Februar Königskuchen essen (hier der Countdown) und bis dahin gibt es noch viele Umzüge. Ich werde morgen versuchen, mit einer galette des Rois auch hier ein wenig Festtags- und Feierstimmung zu verbreiten...
Montag, 2. Januar 2012
New Orleans --> Havanna und zurück
Für manche ist New Orleans das Tor zur Karibik, und der Autor Lafcadio Hearn schrieb Ende des 19. Jahrhundert über seine Lage am Spanish Main (dem spanischen Meer?). Das Spanish Main umfasste alle Küsten der ehemaligen spanischen Kolonien am Golf von Mexiko und in der Karibik und erinnert ein wenig romantisierend an die Zeiten, als dort Piraten und Freibeuter unterwegs waren. Zum Spanish Main gehörten auch Kuba und Puerto Rico, und ein Bekannter meinte einmal, dass das French Quarter der puertorikanischen Hauptstadt San Juan sehr ähnlich sehe.
Die kubanische Hauptstadt Havanna liegt etwa 170 Kilometer von Key West entfernt, wo sich Ernest Hemingway gern aufhielt. Es ist die größte der Florida Keys, der über 200 Koralleninseln ganz im Süden von Florida, und die Fahrt dorthin führt auf einer erhöhten Straße stundenlang über strahlend türkisfarbenes Wasser, mit dem Golf von Mexiko auf der rechten und dem Atlantik auf der linken Seite. Das Wort „key“ kommt übrigens von dem spanischen Wort „cayo“ für eine kleine flache Insel der Antillen und im Golf von Mexiko. Wegen der relativen Nähe gibt es in Florida auch so viele kubanische Einwanderer, inzwischen in der zweiten und dritten Generation, die nach der Revolution in die USA strömten und hier seit langem politisch und wirtschaftlich sehr einflussreich sind.
Von New Orleans aus liegt Havanna circa 1075 Kilometer südöstlich, und eventuelle Beziehungen gehen etwas weiter zurück. Im 18. Jahrhundert hatten die Franzosen diesen renitenten, anstrengenden* Landstrich eine Zeitlang den Spaniern zur Verwaltung überlassen hatten, aber ob New Orleans wirklich von Havanna aus regiert wurde, wie ein anderer Bekannter behauptet, weiß ich nicht. Vor der Revolution war New Orleans der größte Handelspartner Kubas in den USA, während man in den letzten Jahrzehnten nur von Los Angeles, New York und Miami nach Havanna fliegen konnte. Jetzt hat unter anderem auch New Orleans wieder die Erlaubnis bekommen, Flüge nach Havanna durchzuführen, im März 2011 von der Obama-Administration sowie im Herbst 2011 von der kubanischen Regierung. Wann diese Flüge aufgenommen werden, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen, aber der nach Katrina etwas überdimensionierte Louis-Armstrong-International-Flughafen und andere Unternehmen in New Orleans hoffen auf natürlich Gewinne. Derzeit fliegt man für mindestens 1000 Euro mit zwei Mal umsteigen ca. 10 Stunden bis Havanna.
Der Jazztrompeter und Hobbyjazzhistoriker Wynton Marsalis war übrigens auch schon mal in Havanna. In diesem kleinen Videoclip von dort demonstriert er ohne viele Worte ein paar musikalische Zusammenhänge zwischen den beiden Kulturen.
Happy New Year everyone!
* Nur ein paar Stichworte: Sümpfe, Schwüle, Mücken und anderes Ungeziefer, Prostituierte, Gefangene und Nonnen.
Freitag, 23. Dezember 2011
Happy holidays!
Auf meinen kleinen nächtlichen Erholungsspaziergängen komme ich hier an einer interessanten Mischung von Läden vorbei: Balkan-Imbiss, Süßes Café, Raucherkneipe Pascha, verschiedene andere neue alternative Läden und der Friseur Salon Al-Hadi. Als ich letztens etwas genauer hinsah, fiel mir der Untertitel auf: Herren Kinder.
Und da dachte ich, wie komisch, dass es in den USA auch Barbershops gibt, die auch nur für Herren sind (und Kinder), die sie sich dort rasieren und anderweitig zurechtstutzen können. Für New Orleans habe ich jetzt spezifisch keinen im Kopf, aber vor langer langer Zeit, im Dezember 1992, als ich noch jung und wild und in Texas auf der Durchreise war, habe ich mir mal in einem Barbershop in El Paso-Texas die Haare etwas kürzen lassen. Der Friseur hatte keinen Topf, hat es aber trotzdem preiswert und ganz ordentlich hinbekommen, und die Herren im Shop und ich haben uns köstlich amüsiert.
Es war übrigens klirrend kalt in El Paso, sehr kontinental, und als Grenzstadt mit Ciudad Juarez sehr mexikanisch geprägt. In der Mitte der Stadt gab es einen quadratischen Platz mit einem großen Weihnachtsbaum drauf. Damals sind wir von dort aus durch den Norden Mexikos gekurvt.
An dieser Stelle geht es bald weiter über das weiche, warme New Orleans.
Schöne Feiertage erst mal...
Und da dachte ich, wie komisch, dass es in den USA auch Barbershops gibt, die auch nur für Herren sind (und Kinder), die sie sich dort rasieren und anderweitig zurechtstutzen können. Für New Orleans habe ich jetzt spezifisch keinen im Kopf, aber vor langer langer Zeit, im Dezember 1992, als ich noch jung und wild und in Texas auf der Durchreise war, habe ich mir mal in einem Barbershop in El Paso-Texas die Haare etwas kürzen lassen. Der Friseur hatte keinen Topf, hat es aber trotzdem preiswert und ganz ordentlich hinbekommen, und die Herren im Shop und ich haben uns köstlich amüsiert.
Es war übrigens klirrend kalt in El Paso, sehr kontinental, und als Grenzstadt mit Ciudad Juarez sehr mexikanisch geprägt. In der Mitte der Stadt gab es einen quadratischen Platz mit einem großen Weihnachtsbaum drauf. Damals sind wir von dort aus durch den Norden Mexikos gekurvt.
An dieser Stelle geht es bald weiter über das weiche, warme New Orleans.
Schöne Feiertage erst mal...
Mittwoch, 14. Dezember 2011
Vernissage am 17.12.2011
Das Studio in the Woods kündigt an: Am Sonnabend, 17.12.2011, 14-16 Uhr, wird die Kunstinstallation eines derzeitigen Stipendiaten eingeweiht. Es handelt sich um ortspezifische Umweltkunst von Ron Staab. Diese Installation befindet sich im Bayou Bievenue, dem einzigen Sumpf- und Feuchtgebiet innerhalb von Orleans Parish, d.h. im eigentlichen New Orleans ohne angrenzende Vororte. Von einem frisch gebauten Podest aus kann man die Installation und die einzigartige Landschaft beschauen. Vielleicht lieber Gummistiefel statt Hackenschuhe.
Heute 24 Grad, Wettervorhersage für Sonnabend 17 Grad und sonnig. Treffpunkt: Ecke Caffin und Florida Avenue in der Lower Ninth Ward.
Wenn ich könnte, würde ich mir so wie Ron Staab vor Ort einen sanften Wind ins Gesicht wehen lassen.
Heute 24 Grad, Wettervorhersage für Sonnabend 17 Grad und sonnig. Treffpunkt: Ecke Caffin und Florida Avenue in der Lower Ninth Ward.
Wenn ich könnte, würde ich mir so wie Ron Staab vor Ort einen sanften Wind ins Gesicht wehen lassen.
Mittwoch, 7. Dezember 2011
Sonntag, 4. Dezember 2011
Freitag, 2. Dezember 2011
Brangelina in New Orleans
Im Jahr 2007 kauften Brangelina für 3,75 Millionen Dollar im French Quarter eine Villa, mit zwei Parkplätzen, absoluter Luxus. Und als sie dort so in New Orleans waren, fiel Brad Pitt auf, dass die Lower Ninth Ward, die ungefähr 7 Kilometer und viele Lichtjahre von dort entfernt liegt, nach dem Hurrikan Katrina 2005 immer noch in Trümmern lag. Die Lower Ninth Ward ist das Viertel, das im Osten der Stadt direkt am Industrial Canal liegt und unmittelbaren von den brechenden Dämmen betroffen war. Das Viertel wurde praktisch in den Fluten weggeschwemmt, Häuser angehoben und auf Autos wieder abgesetzt, in einander geschoben, völlig zerschmettert. Als ich vier Monate später das erste Mal dort war, lag auch der eiserne Schleppkahn noch da, der den Damm durchbrochen hatte und auf einem kleinen Schulbus zum Liegen gekommen war. Die Lower Ninth Ward wurde symbolisch für den vermeintlichen Untergang von New Orleans, den manche, die die Stadt nicht kennen, immer noch süffisant beschwören.
Möglicherweise wäre es das Ende von Teilen der Lower Ninth Ward gewesen. Es ist ein abgelegenes Viertel, ein schwarzes Arbeiterviertel, in dem vielen Leuten ihr Haus gehörte, die aber keine Versicherung hatten oder nicht die Mittel zurückzukehren, wieder aufzubauen, und vielleicht als einzige in einer Brache zu leben?
Also gründete Brad Pitt, der sich für Architektur interessiert, das Projekt Make it Right, rekrutierte renommierte Architekten aus aller Welt und sammelte Geld, damit die Familien, die es wollten, in hypermoderne, nachhaltige und flutsichere Häuser einziehen können. Dass sie von der Architekturtradition in New Orleans beeinflusst sein sollen, sieht man aber nur daran, das sie länglich und die Räume hinter einander angeordnet sind. Ich war skeptisch, denn im Internet sahen die Entwürfe aus, als wären UFOs in der Pampa gelandet, und in einer so traumatisierten, so traditionsstarken Stadt wie New Orleans, erschien mir das blasphemisch. In meinem Artikel schrieb ich damals:
„Auch Brad Pitts Projekt Make it Right New Orleans will es den ursprünglichen Bewohnern ermöglichen, in ihr Viertel zurückzukehren. Es sieht durch Spenden mitfinanzierte, ökologisch nachhaltige Einfamilienhäuser auf einem ausgedehnten Areal in der Lower Ninth Ward vor, das er als symbolisch für die Seele von New Orleans erachtet. Renommierte Architekten aus aller Welt tragen in ihren Entwürfen der Gefahr von Hurrikanen und Überflutungen Rechnung und, dem Bekenntnis nach, auch örtlich tradierten Baustilen. Die Pläne zeigen hochqualitatives Design nach ökologischen Prinzipien: Häuser auf hohen Stelzen, Solarpaneele, innovative Kühlung und Wärmedämmung, aber auch hohe offene Räume und schräge Wände und Fenster, die sich nur lose an Lokalem orientieren. Pitt wollte die Chance ergreifen, auf einer Art Tabula rasa („blank slate“) etwas Zukunftsweisendes zu schaffen. Die Prämisse vom unbeschriebenen Blatt ist unter einer Schicht von Neubewohnern im Gesundheitswesen, Architektur, Stadtplanung oder Bildung verbreitet, die mit Non-Profit-Organisationen, Stiftungen und Firmen in die Stadt kamen. Doch sie ist anmaßend, denn auch Menschen, die womöglich bei Null beginnen, kommen mit ihrer eigenen Geschichte und Kultur. Der Autor Kalamu Ya Salaam spricht sogar von einem Friedhof: ‚Leute kamen ums Leben, und die bauen auf ihren Gebeinen’. Wohl meinenden Zugezogenen wirft man deshalb auch vor, nur oberflächlich mit den Einheimischen zu interagieren und sie zu bevormunden.“
Doch als ich vor zwei Jahren in New Orleans war und wir zur Besichtigung durch das Viertel fuhren, da standen tatsächlich lachende Hausbesitzer vor den Türen und auf den Veranden und winkten, und so habe ich meine Meinung geändert. Damals standen ungefähr neun Häuser, jetzt sollen es an die fünfundsiebzig sein. Im März 2012 findet übrigens eine große Spendengala statt, an der auch die aus New Orleans gebürtige Komikerin Ellen DeGeneres (sprich: DeDschenneris) teilnehmen wird. Es gibt Skeptiker, die sich zum Beispiel fragen, warum schon wieder Spenden notwendig sind. Ein Internetkommentator nannte das ganze Make It Left (make it right—es etwas berichtigen, make it left, es links zu machen). Natürlich ist es einfach, ökologisch, links und sozial zu sein, wenn man sich eine Sechs-Zimmer-Villa in der 521 Governor Nicholls Street im French Quarter als Wochenendlaube leisten kann. Aber nett ist es doch! Und fünfundsiebzig Familien leben jetzt wieder dort, wo sie heimisch waren.
Übrigens wollten bei den letzten Wahlen zum Bürgermeister 2009 einige Brad Pitt als Kandidaten aufstellen. Er ist es dann aber doch nicht geworden...
Übrigens wollten bei den letzten Wahlen zum Bürgermeister 2009 einige Brad Pitt als Kandidaten aufstellen. Er ist es dann aber doch nicht geworden...
Dienstag, 29. November 2011
Johanna von (New) Orléans
Im French Quarter, unweit des Jackson Square, wo sich die Decatur Street mit der North Peters Street gabelt, ist ein kleiner dreieckiger Platz, auf dem eine Statue der Jeanne d’Arc steht. Der Platz heißt wohl Place de France, und die Statue war 1958 ein Geschenk des französischen Volkes (zum Vergleich: Die New Yorker haben die Freiheitsstatue bekommen und wir Berliner einen bizarren 124,5°-Bogen am Tauentzien).
Die Verbindung zu New Orleans besteht einerseits durch den Namen, (New) Orleans oder auf Französisch La Nouvelle Orléans, und andererseits darin, dass ja Johanna von Orléans gegen die Engländer kämpfte, so wie Andrew Jackson und die Amerikaner gegen die Invasion der Briten am 8. Januar 1815 in der Schlacht von New Orleans.
Seit 2008 gibt es eine Krewe de Jeanne d'Arc, d.h. einen Karnevalsverein, in New Orleans, der auch an die historische Nähe zu Frankreich erinnern will. Laut der Krewe ist die Heilige Johanna die inoffizielle Schutzpatronin der Stadt, und wie es sich so fügt, ist ihr Geburtstag am 6. Januar, Epiphanias, Twelfth Night (dem Weihnachtszwölften) oder Dreikönigstag, dem Tag, an dem in New Orleans offiziell die Karnevalssaison beginnt und der bis vor kurzem noch paradefrei war, denn jetzt findet natürlich die Joan of Arc Parade an dem Tag statt.
Zur Prinzessin des Umzugs wird eine Jungfrau von Orléans (Maid of Orleans) gekürt. Man trägt Kostüme der damaligen Zeit und manchmal auch Pferde. Natürlich sind die meisten Mitglieder Frauen und meine Freundin Lil ist eine davon (auf diesem Blog im lila Gewand). Aber in einem kürzlichen Facebook-Eintrag las ich: „We have found our 8 monk bouncers...“ (Wir haben unsere acht Türstehermönche gefunden...)
Zur Prinzessin des Umzugs wird eine Jungfrau von Orléans (Maid of Orleans) gekürt. Man trägt Kostüme der damaligen Zeit und manchmal auch Pferde. Natürlich sind die meisten Mitglieder Frauen und meine Freundin Lil ist eine davon (auf diesem Blog im lila Gewand). Aber in einem kürzlichen Facebook-Eintrag las ich: „We have found our 8 monk bouncers...“ (Wir haben unsere acht Türstehermönche gefunden...)
An dem hübschen kleinen Platz befinden sich übrigens einige nette Geschäfte. Seit meinem ersten Aufenthalt 1990 liebte ich Kaldi’s Coffee Museum, ein zweistöckiges Café im damals noch ganz neuen Latte-Stil, das leider vor ein paar Jahren geschlossen hat. Und zu Füßen von Johanna habe ich damals auch meine ersten New Orleanser Punks gesehen. So touristisch es nämlich ist, das French Quarter ist auch Heimat für Künstler, Lebenskünstler, Alternative - und eine militante Jungfrau...
Donnerstag, 24. November 2011
Happy Thanksgiving!
In New Orleans wird es heute, wie im übrigen Lande, recht ruhig zugehen, denn alle sind bei der Familie und geben sich der Völlerei hin. Es ist einer der wenigen Feiertage und ein uramerikanischer noch dazu, eigentlich ein Dank an die Indianer für die freundliche Aufnahme der ersten Siedler. Man isst Truthahn mit Stuffing (eigentlich Füllung, die aber meist extra zubereitet und serviert wird), Speisen aus verschiedenen Kürbissorten, Cranberry Sauce, Gravy (sehr dicke Bratensauce) und viele andere Dinge, die für den gewöhnlichen Mitteleuropäer gewöhnungsbedürftig sind. Aber viele sind Hunderte von Kilometern gefahren, um bei der Familie zu sein und später schaut man Football. Neuerdings öffnen viele Geschäfte schon um Mitternacht für den Nach-Thanksgiving-Schlussverkauf, was die Feiertagsruhe etwas stört. Mein bestes Thanksgiving-Essen war mit indischem Einschlag, scharf! Und das schönste Thanksgiving verbrachte ich mit einem deutschen Freund und ein paar Franzosen mit stundenlangem Experimentieren, wann der Truthahn endlich gar ist, und mit köstlichem Pastis...
Mittwoch, 23. November 2011
Straßennamen
Meine letzte Adresse in New Orleans war in der 810 Jena Street (sprich: Djenna) mitten in Uptown. Es war eine lichte Wohnung im ersten Stock, an der Innenseite an drei Seiten von einer gazeeingefassten Veranda umgeben. Zwei winklige, hölzerne Freitreppen führten in mein Reich, das unten von einem sehr bösen, weil sehr unglücklichen Schäferhundmischling bewacht wurde. Die kleine Jena Street führt senkrecht auf den Mississippi zu, den man aber, wie überall in Uptown, hinter Eisenbahngleisen, Gewerbegeländen und Parkplätzen höchstens vermutet.* Manchmal, wenn ich von meinem Schreibtisch aufblickte, konnte ich hinter den Kulissen von Bäumen, Strommasten, Zersiedlung am Horizont Schornsteine und das Oberteil eines riesigen Ozeandampfers ziehen sehen (immer von rechts nach links).
So schneidet die Jena Street die St. Charles Avenue, die Magazine Street und die Tchoupitoulas Street, die sich parallel zu einander durch Uptown ziehen. An der Ecke zur Magazine Street stand der Zeitungsautomat, an dem ich mir sonntags die New Orleans Times Picayune geholt habe, und um die Ecke war die Boulangerie mit den vielleicht besten Croissants der USA. Dazwischen stand eine riesige weiße Villa, wo immer ein großes Boot und andere verrückte Fahrzeuge in der Einfahrt standen und wo angeblich Nine Inch Nails wohnte oder ein Studio hatte.**
Die Jena Street wiederum ist parallel zur Napoleon Avenue und wird gefolgt von der Cadiz St., Valence St. (Valencia), Bordeaux St., Lyons St., alles Städte, in denen Napoleon Schlachten geschlagen oder die er belagert hat. Wie wir wissen, gibt es bei uns keine Straße, die nach Jena benannt ist, denn schließlich haben wir dort und in Auerstedt verloren! Deshalb empfand ich es immer als ein wenig masochistisch, dass sich die deutsche Botschaft und das Goethe-Institut in Paris ausgerechnet in der Avenue d'Iéna (d.h. Jena Avenue) niedergelassen haben. Doch Geschichte heilt Wunden? Dass die Straßen in New Orleans so heißen, verwundert mich doch—denn die Schlachten bei Jena und Auerstedt waren 1806, und schon am 30. April 1803 hatte Napoleon Louisiana an die Amerikaner verkauft.* Die einzige Stelle in Uptown, wo man direkt am Mississippi stehen kann ist the Fly—siehe Eintrag vom 16. August. Die 810 Jena St. lässt sich in Google Streetview finden.
** Jetzt habe ich gesehen, dass Trent Reznor die Villa 2005 nach Katrina verkauft hat.
Sonntag, 20. November 2011
Congo Square
Im Louis Armstrong Park in New Orleans befand sich die eigentliche Wiege des Jazz, der legendäre Congo Square. Auf dem Kongo-Platz trafen sich im 18. und 19. Jahrhundert die Sklaven an ihren arbeitsfreien Sonntagen und tanzten und musizierten mit Trommeln, Tambourins, Flöten, Violinen, Banjos und vielen anderen Instrumenten. Als dann die strengen Amerikaner von den Franzosen und Spanier die Macht übernahmen, war es mit diesen Festen erst einmal vorbei. Doch Ende des 19. Jahrhundert versammelten sich Kreolen hier und musizierten mit Blasinstrumenten und Orchestern. Jazz, so heißt es, entstand ja aus der Kombination von afrikanischen Rhythmen und europäischen Instrumenten.
Der Louis Armstrong Park wurde am Freitag nach Reparaturen und Verschönerungen offiziell wieder neu eröffnet. Der Park ist im Viertel Tremé, westlich des French Quarters, und so spielte die Tremé Brass Band (ansehen, anhören), deren Schlagzeuger Lionel Batiste in einem Haus aufwuchs, das in den sechziger Jahren für die Einrichtung des Parks abgerissen worden war. Der Park musste renoviert werden, so heißt es, weil er bei Katrina in Mitleidenschaft gezogen wurde. Tatsächlich gehörte es schon seit ich New Orleans kenne zu den nie überprüften Regeln, dass man in den Louis Armstrong Park eben nicht geht, weil es zu gefährlich ist, wegen Drogendeals, Morden und so weiter. Erst im August diesen Jahres wurde dort eine Frauenleiche gefunden.
Ich war 2007 einmal zum ersten Congo Square Festival im Louis Armstrong Park, zu einer Zeit, als jedes Festival, jede neue oder wiederbelebte Tradition ein Zeichen der Hoffnung war, die man so sehr benötigte. Das Festival war toll, mit Musik, Essen und Verkaufsständen. Ich bin dann noch ein bisschen im Park herumgelaufen, der irgendwie futuristisch angelegt war, aber sehr heruntergekommen. Die Renovierung des Parks wurde dann ein Prestigeprojekt des scheidenden Bürgermeisters Ray Nagin, wurde aber nach vielen Debatten und Kontroversen dieses Jahr endlich fertig.
Ich war 2007 einmal zum ersten Congo Square Festival im Louis Armstrong Park, zu einer Zeit, als jedes Festival, jede neue oder wiederbelebte Tradition ein Zeichen der Hoffnung war, die man so sehr benötigte. Das Festival war toll, mit Musik, Essen und Verkaufsständen. Ich bin dann noch ein bisschen im Park herumgelaufen, der irgendwie futuristisch angelegt war, aber sehr heruntergekommen. Die Renovierung des Parks wurde dann ein Prestigeprojekt des scheidenden Bürgermeisters Ray Nagin, wurde aber nach vielen Debatten und Kontroversen dieses Jahr endlich fertig.
Congo Square Festivals gibt es übrigens auch in Chicago (organisiert von der Congo Square Theatre Company), nächstes Wochenende in Kalkutta, 2004 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin und vielleicht noch anderswo? (Gebt mir Bescheid!) Die Tremé Brass Band spielt das nächste Mal am 26. November 2011 im Maple Leaf in New Orleans.
Freitag, 18. November 2011
Die Digedags in New Orleans
Ich war dieser Tage zu Besuch im Südlouisiana meiner Kindheit. Wie die meisten normalen Menschen in der DDR konnte ich natürlich bis zur Wende nicht in den Westen reisen. Ich hatte zwar schon damals meinen Onkel in Amerika und amerikanische Mal- und Märchenbücher, die ich nicht lesen konnte, und Farbfotos mit lächelnden Cousins und Cousinen auf Pferden, mit Autos, in Fantasieuniformen, echt amerikanisch eben. Aber die leben alle in St. Louis, Missouri, ca. 11 Autostunden von New Orleans.
Dass mich eine tiefe Sehnsucht nach New Orleans und Louisiana erfüllte, die später in wahre Liebe umschlagen sollte, das kommt sicher von den Digedags. Wir hatten nämlich ein Abonnement der Comic-Zeitschrift Mosaik. Und im Mosaik reisten die Digedags, die unzertrennlichen Koboldbrüder Dig, Dag und Digedag, ins Weltall, in den Orient, ins Mittelalter, und schließlich in die USA des 19. Jahrhunderts und erlebten die tollsten Abenteuer. Sprachlich vielleicht etwas hölzern, ohne Sprechblasen und Lautmalereien, aber die Handlung ist spannend und ungemein lehrreich. In den USA waren die Digedags Reporter und hatten Gold gefunden, dass sie nach New Orleans bringen und zur Befreiung von Sklaven (die damals noch Neger hießen) einsetzen wollten. Die Figuren und Orte haben amerikanisch anmutende Namen (Jeremy Joker, Turtleville); die Kostüme entsprechen der Zeit, man fährt Schaufelraddampfer und die Häuser sehen anders aus als bei uns. Aber sie sehen auch anders aus als dort, und wenn es immer wieder am Mississippi spielt, sieht das alles in Weitwinkeleinstellungen doch wie ein kleines europäisches Legoland aus und nicht wild und ungestüm, wie die Natur in den USA und vielleicht besonders im Süden ist. Ein imaginäres Louisiana eben, wie so oft. Nebenbei lernt man etwas Geschichte—der Sklavenexpress, die damaligen Bundesstaaten, der anstehende Bürgerkrieg... Natürlich waren die Digedags immer auf der Seite der Guten und Schwachen, und ihre Gegenspieler trugen schwarz und sahen böse aus (Mr. Coffins!).
Irgendwann gab es die Digedags nicht mehr und dafür kamen die Abrafaxe, aber das war einfach nicht dasselbe. Jetzt gibt es das Mosaik wieder und immer noch in Büchern zusammengefasst, so wie diesen Band Die Digedags in New Orleans. Inzwischen gibt es auch eine Mosapedia, die auch eine tolle Wissensquelle ist.
Wie immer ging auch in New Orleans im Mosaik alles gut aus, die Guten haben gesiegt und ich bin beruhigt wieder nach Berlin zurückgekehrt. Doch die nächsten Abenteuer kommen bestimmt.
Montag, 14. November 2011
New Orleans Fringe Festival
Eigentlich ist New Orleans keine Theaterstadt, würde ich sagen. Ein paar Stücke und Einakter von Tennessee Williams spielen hier, unter anderem Endstation Sehnsucht und Die Glasmenagerie, und es ist ein beliebter Schauplatz für Filme (vor allem Krimis und Unheimliches), Literatur und Fantasyromane. Aber Theater?
Da gab es doch eigentlich nur Le Petit Théâtre du Vieux Carré (Das kleine Theater im French Quarter, seit 1916) und das Saenger Theatre, ein großes varietéartiges Haus, wo ich mal „The Fiddler on the Roof“ (Der Fiedler auf dem Dach) gesehen habe. Beide Theater wurden vom Hurrikan Katrina betroffen und sind derzeit geschlossen.
Diese Woche findet jedoch schon zum vierten Mal das New Orleans Fringe Festival statt, das Theater in die ganze Stadt bringen wird, vor allem in die Viertel Bywater und Marigny gleich beim French Quarter. An fünf Tagen, vom 16. bis 20. November 2011, treten 70 Theatergruppen auf. Am Wochenende sind Familientage, es finden Maskenumzüge statt, Kunst wird gezeigt, und es gibt die Aktion BYOV (Bring your own venue - Bring deinen eigenen Veranstaltungsort), bei der an ungewöhnlichen Orten Theater gespielt wird, wie zum Beispiel im Aquarium, im Zeitgeist-Kino, in einem Kampfsportstudio...
Zu gern würde ich New Orleans mal als Theaterstadt erleben.
Freitag, 11. November 2011
Für kurzentschlossene Berliner
Mehr Tennessee Williams. Noch bis 13. November jeweils 20 Uhr im Tisch-Theater im Schokohof in der Ackerstraße: Fracture, drei Einakter von Tennessee Williams (This Property Is Condemned, Moony's Kid Don't Cry, The Lady of Larkspur Lotion). Tolle internationale Schauspieler, tolles Bühnenbild. Auf Englisch, mit deutschen Übertiteln.
Donnerstag, 10. November 2011
Liebe Kurzentschlossene,
sollte es mir gestern gelungen sein, Euch von einer Stippvisite beim Faulkner-Festival zu überzeugen, dann hoffe ich sehr, dass Ihr Euch schon auf dem amerikanischen Festland befandet, noch besser im Süden, in Texas, im Mittelwesten, an der Ostküste. Jedenfalls nicht in Berlin. Es ist nämlich gar nicht so einfach, nach New Orleans zu kommen.
1. Es dauert immer noch circa 15-16 Stunden, man muss zwei Mal umsteigen, also zwei Anschlüsse schaffen. Eine schnelle Suche ergab ab 730 Euro hin und zurück, meistens etwas mehr.
2. Wo steigt man um? In London Heathrow kann es passieren, dass einem ein attraktiver Sikh das Gepäck durchforstet, ansonsten—viel zu groß, zu lange Wege, zu riskant. Paris Charles de Gaulle ist in Ordnung, aber war da nicht vor ein paar Jahren ein Dach eingestürzt? In Frankfurt ist einmal meine ganze Maschine zu spät abgeflogen (Der nächste Anschluss! Der nächste Anschluss!), weil im US-Flügel des Flughafens nur ein Sicherheitsband geöffnet war—die anderen hatten ihre gesetzliche Mittagspause. Bleibt Amsterdam, groß, perfekt organisiert, und bei KLM gibt es einen sanften, blonden Service an Bord.
3. Wo macht man die Einreise? New York John F. Kennedy—viel zu lange Schlangen. Dann muss man nach Newark oder La Guardia zum Weiterflug, und bei so einer Fahrt quer durch New York kann viel passieren. Atlanta oder Washington, DC, kann man machen. Houston, Texas, mache ich aus Prinzip nicht, weil man dann erst mal zu weit nach Westen fliegt und dann noch mal zurück. Zu KLM und Amsterdam gehört aber Memphis als Umsteigeflughafen, aaah, klein, überschaubar, und man riecht und fühlt schon den Süden.
2. Wo steigt man um? In London Heathrow kann es passieren, dass einem ein attraktiver Sikh das Gepäck durchforstet, ansonsten—viel zu groß, zu lange Wege, zu riskant. Paris Charles de Gaulle ist in Ordnung, aber war da nicht vor ein paar Jahren ein Dach eingestürzt? In Frankfurt ist einmal meine ganze Maschine zu spät abgeflogen (Der nächste Anschluss! Der nächste Anschluss!), weil im US-Flügel des Flughafens nur ein Sicherheitsband geöffnet war—die anderen hatten ihre gesetzliche Mittagspause. Bleibt Amsterdam, groß, perfekt organisiert, und bei KLM gibt es einen sanften, blonden Service an Bord.
3. Wo macht man die Einreise? New York John F. Kennedy—viel zu lange Schlangen. Dann muss man nach Newark oder La Guardia zum Weiterflug, und bei so einer Fahrt quer durch New York kann viel passieren. Atlanta oder Washington, DC, kann man machen. Houston, Texas, mache ich aus Prinzip nicht, weil man dann erst mal zu weit nach Westen fliegt und dann noch mal zurück. Zu KLM und Amsterdam gehört aber Memphis als Umsteigeflughafen, aaah, klein, überschaubar, und man riecht und fühlt schon den Süden.
Hat man all das geschafft, dann erreicht man irgendwann den Louis Armstrong International Airport in New Orleans. Ein Flughafen also, der nach einem legendären Jazzmusiker benannt ist. In dem neu erweiterten, meist ziemlich leeren Gebäude klingt leise Jazz aus den Lautsprechern. Manchmal spielt vielleicht sogar eine live Band zur Begrüßung der Touristen.
Und wenn man dann nach etwa 16 Stunden Klimatisierung ins Freie tritt, dann mögen andere das Gefühl haben, dass man ihnen ein feuchtheißes Tuch vors Gesicht schlägt. Ich aber treibe Knospen und beginne zu erblühen...
Mittwoch, 9. November 2011
Words & Music: A Literary Feast
Gleich hinter der St. Louis Cathedral am Jackson Square im French Quarter, also drei Minuten vom Mississippi entfernt, befindet sich die „Piratengasse“, die Pirate’s Alley.
William Faulkner (1897-1962) stammte aus dem hübschen Städtchen Oxford im Bundesstaat Mississippi, Heimat von Ole Miss, der University of Mississippi. Oxford liegt ca. 580 km oder 5-6 Autostunden nördlich von New Orleans und wenn man einen Teil der Strecke auf dem Natchez Trace Parkway fährt, einer malerischen historischen Landstraße, dann dauert es natürlich noch länger. (Man könnte zum Beispiel bis Tupelo, Mississippi, fahren und sich das winzige Holzhäuschen ansehen, in dem Elvis Presley geboren und aufgewachsen ist. Westlich von Tupelo, verkehrsmäßig etwas abgeschnitten, liegt Oxford.)
1925 zog William Faulkner für einige Monate in die Piratengasse, verkehrte bei dem Schriftsteller Sherwood Anderson in den Pontalba Apartments gleich um die Ecke, der ihn ermunterte, Romane und über seine Heimat zu schreiben. So entstand sein erster Roman Soldier’s Pay (Soldatenlohn) sowie Sherwood Anderson and Other Famous Creoles gemeinsam mit William Spratling. Und dann verließ er New Orleans und wurde Nobelpreisträger.
William Faulkner (1897-1962) stammte aus dem hübschen Städtchen Oxford im Bundesstaat Mississippi, Heimat von Ole Miss, der University of Mississippi. Oxford liegt ca. 580 km oder 5-6 Autostunden nördlich von New Orleans und wenn man einen Teil der Strecke auf dem Natchez Trace Parkway fährt, einer malerischen historischen Landstraße, dann dauert es natürlich noch länger. (Man könnte zum Beispiel bis Tupelo, Mississippi, fahren und sich das winzige Holzhäuschen ansehen, in dem Elvis Presley geboren und aufgewachsen ist. Westlich von Tupelo, verkehrsmäßig etwas abgeschnitten, liegt Oxford.)
1925 zog William Faulkner für einige Monate in die Piratengasse, verkehrte bei dem Schriftsteller Sherwood Anderson in den Pontalba Apartments gleich um die Ecke, der ihn ermunterte, Romane und über seine Heimat zu schreiben. So entstand sein erster Roman Soldier’s Pay (Soldatenlohn) sowie Sherwood Anderson and Other Famous Creoles gemeinsam mit William Spratling. Und dann verließ er New Orleans und wurde Nobelpreisträger.
Viele Jahre später kauften die Schriftstellerin Rosemary James und ihr Mann Joe DiSalvo das Haus in der Piratengasse und eröffneten einen feinen kleinen Buchladen. Ihre Pirate’s Alley Faulkner Society organisiert seit den 90er Jahren das jährliche Festival Words & Music: A Literary Feast (ein literarisches Fest/Festschmaus). Es findet hauptsächlich im edlen Hotel Monteleone statt (an das mich hier noch ein Silberlöffelchen erinnert) und bedeutet fünf Tage voller Lesungen, Werkstätten, Theateraufführungen, einem Schreibwettbewerb für verschiedene Sparten, Musik und Tanz. Teilnehmen werden Andrei Codrescu und Rodger Kamenetz, bei denen ich u. a. studiert habe, weitere New Orleanser Größen wie Robert Olen Butler und John Biguenet und viele Autoren von anderswo. Die Gewinnerbeiträge des Wettbewerbs werden in der Zeitschrift The Double Dealer Redux veröffentlicht, die jährlich erscheint, neu gegründet nach dem Vorbild der gleichnamigen Zeitschrift der 20er Jahre, die zuerst Faulkner und Hemingway veröffentlichte.
Das Festival beginnt heute und dauert bis 13. November; heute bei 20 Grad mit etwas Regen. Liebe Kurzentschlossene, es ist ein FEST!
Sonntag, 6. November 2011
George Porter Jr. and the Running Pardners
Eigentlich sollte es heute darum gehen, dass Gouverneur Bobby Jindal am 22. Oktober 2011 im ersten Wahlgang wieder gewählt wurde, und zwar mit knapp 66 % gegenüber der demokratischen Kandidatin Tara Hollis mit knapp 18% der Stimmen. Im zweiten Wahlgang am 19. November wird er also nicht bangen müssen, weil für ihn gar keiner stattfinden wird, sondern nur für diverse andere Posten.
Auch Billy Nungesser (sprich: Nandshesser), der den amtierenden Lieutenant Governeur (Vizegouverneur) Jay Dardenne ablösen wollte, braucht nicht mehr bangen, denn er hat es nicht geschafft. Er ist der äußerst beliebte Präsident von Plaquemines Parish, einem Landkreis gleich südlich von New Orleans, wo Katrina direkt an Land ging. Einen Namen gemacht hat sich Nungesser vor allem 2010, als er sich lautstark und medienwirksam für die Aufklärung und Beseitigung der Schäden der BP-Ölkatastrophe einsetzte.
Darum sollte es also gehen, aber dann wurde ich hungrig und schaltete in der Küche NPR Berlin ein, und es lief die Sendung Beale Street Caravan. (Die Beale Street ist, wie man vielleicht weiß, die legendäre Bluesmeile in Memphis, Tennessee. Allerdings heute mehr Legende als Blues.) In der heutigen Sendung ging es um George Porter Jr. aus New Orleans, der bei den Meters und den Funky Meters mit Art Neville mitspielt(e), aber vor allem auch als George Porter and the Running Pardners bekannt ist. Purer Funk aus New Orleans. Fast die gesamte Sendung bestand aus einem Konzertmitschnitt mit ihm (man muss sich anmelden, um den Podcast hören zu können). Ansonsten gibt es noch Youtube. Ich muss jetzt aber erst mal kosten, ob ein wild tanzend gekochtes Abendessen anders schmeckt als ein normales.
Donnerstag, 3. November 2011
Helen Hill und Dinerral Shavers
Ich habe heute einen (eigentlich zwei) Kommentar(e) zu einem Artikel in der Zeit geschrieben: "Polizei hält das multikulturelle Amerika zusammen" von Eva Schweitzer am 29. September 2011. Mein Kommentar geht ungefähr so: Hier noch eine Ergänzung zur besonderen Situation in New Orleans.
Dass gerade der Mord an Helen Hill im Januar 2007 einen Aufschrei zur Folge hatte, lag daran, dass nur eine knappe Woche vorher der 24-jährige Dinerral Shavers erschossen worden war. Shavers, aus der Ninth Ward in New Orleans, war Trommler der beliebten Hot 8 Brass Band und hatte an der gerade wieder eröffneten L.E. Rabouin High School ein Marschorchester gegründet. Musik, glaubte er, ist lehrreich und wer ein Instrument in der Hand hat, kann keine Waffe in der Hand haben.
Dass gerade der Mord an Helen Hill im Januar 2007 einen Aufschrei zur Folge hatte, lag daran, dass nur eine knappe Woche vorher der 24-jährige Dinerral Shavers erschossen worden war. Shavers, aus der Ninth Ward in New Orleans, war Trommler der beliebten Hot 8 Brass Band und hatte an der gerade wieder eröffneten L.E. Rabouin High School ein Marschorchester gegründet. Musik, glaubte er, ist lehrreich und wer ein Instrument in der Hand hat, kann keine Waffe in der Hand haben.
Helen Hill, Harvard-Absolventin aus South Carolina, war Dozentin am New Orleans Center for Creative Arts (NOCCA), einer Art Kunstgymnasium, aus dem viele bekannte Musiker hervorgegangen sind. Auf Graswurzelebene engagierte sie sich u.a. für den Wiederaufbau. Wie so viele andere Künstler und Intellektuelle hatte es sie und ihren Ehemann, Paul Gailiunas wegen der einzigartigen Kultur und Geschichte in die Stadt gezogen, auch und bewusst wieder nach Katrina. Gailiunas, ursprünglich aus Kanada, hatte als Arzt eine Klinik für Arme mitbegründet.
Im Fall Dinerall Shavers weiß man, dass die Schüsse eigentlich seinem 15jährigen Stiefsohn galten; doch der Fall Helen Hill ist bis heute ungeklärt. Ihre Familie betreibt eine Webseite; Paul Gailiunas hat gerade einen von ihr begonnenen Film fertig gestellt und auf dem New Orleans Film Festival präsentiert. Was Dinerall Shavers und Helen Hill von den „gewöhnlichen“ Morden abhob, war genau, dass sie der in die Höhe geschnellten Kriminalität kulturelle Betätigung, Volkskultur im besten Sinne, entgegensetzen wollten.
Etwas mehr als ein Jahr zuvor, 2005, hatte New Orleans den Hurrikan Katrina und vor allem seine Folgen erlebt und schon deshalb kann es nicht einfach in einer Reihe mit den anderen Problemstädten genannt werden. Der Hurrikan hatte die Bausubstanz letztendlich weniger beeinträchtigt, als man gemeinhin denkt. Aber die Stadt war wochenlang zwangsevakuiert worden, auch die Bewohner der verschont gebliebenen Viertel mussten ihre Häuser räumen, und es patrouillierte Militär und National-Guard-Truppen anderer Bundesstaaten. Müllabfuhr, Elektrizität und andere grundlegende Dienstleistungen funktionierten monatelang nicht; Schulen blieben geschlossen, Versicherungszuständigkeiten unklar, es wurden beschädigte Häuser weggerissen. Monatelang, jahrelang blieb vor allem die untere Mittelschicht, oft Kreolen, darüber im Unklaren, ob sie zurückkehren könnte oder nicht, ob sie ihrer Häuser wieder bewohnen, sie Arbeit finden und ihre Kinder zur Schule schicken können würden. So sind sie in Houston oder Atlanta geblieben. Die Bevölkerungsstruktur wandelte sich, mexikanische Tagelöhner übernahmen jetzt zum Beispiel die Abrissarbeiten. Nach einigen Monaten der Ruhe kehrten Drogen und das organisierte Verbrechen geballt zurück. Die stabilisierende untere Mittelschicht war nicht mehr da, viele Straßen immer nur noch sporadisch bewohnt und somit unsicher.
Dass die Stadt arm ist und manche ihrer Viertel schon in den 1980er Jahren als „3. Welt“ bezeichnet wurden, das ist auch nationale Politik, die nach Katrina fortgesetzt wurde (der republikanische Nachbarstaat Mississippi erhielt zum Beispiel viel schneller Aufbauhilfen). Korruption und Filz in New Orleans sind hausgemacht, und ein Teil davon liegt auch in den Händen von Afroamerikanern und Kreolen, die letztendlich am meisten von der Gewalt betroffen sind.
New Orleans braucht ganz sicher mehr als eine effektive Polizei. Aber ein Anfang wäre es.
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