Dienstag, 30. Juli 2013

Gescheitert: Ich und Interview mit einem Vampir


Okay, Leute, ich hab’s wirklich versucht. Ungefähr eine halbe Stunde lang habe ich durchgehalten, länger ging’s nicht. Interview mit einem Vampir (von 1994) nach dem Bestseller von Anne Rice spielt zum Teil in New Orleans, denn da leben die Vampire auf den Friedhöfen. Tom Cruise ist der Obervampir (Lestat), der Brad Pitt zum Vampir beißt, indem sie dann beide beißend/gebissen werdend durch die Luft fliegen! (Da tat mir Brad Pitt ein bisschen Leid.) Beiden hatte man einen super-porzellanigen Teint gemalt, mit durchscheinenden Adern, und ihre Augen sahen so seltsam glasig aus (gelbe Haftschalen, soll sich Brad Pitt später beklagt haben). Die Eckzähne waren spitz und der Mund innen drin blutig. Es tropft und spritzt sehr viel Blut.
Der Film spielt, jedenfalls die erste halbe Stunde lang, hauptsächlich im Dunkeln. Sie sitzen auf dem St. Louis Cemetary herum oder auf Brad Pitts Anwesen, das eigentlich die Oak Alley Plantation ist. Dieser Teil der Handlung spielt im 18. Jahrhundert, deshalb auch hübsche Kostüme und lange Haare und gelegentlich Französisch. Auch unter seinen Sklaven sterben rätselhafterweise immer mehr Menschen (Tom Cruise war's!), obwohl Brad Pitt sich zuerst aus Menschenliebe? Scham? Pietät? nur an Ratten und Pudel hält. Dabei sieht seine mulattische Bedienstete eigentlich auch ganz appetitlich... Die Sklaven halten natürlich Voodoo-Zeremonien ab, opfern dabei Hähne usw., um den Tod zu bannen.
In der Rahmenhandlung wird Brad Pitt von Christian Slater in San Francisco interviewt, der eigentlich wie immer großartig sich selbst spielt. Später macht Brad aus der damals noch kleinen Kirsten Dunst einen Vampir, und es geht nach London usw., aber das habe ich nur im Internet gelesen. Was Antonio Banderas genau dort macht, weiß ich leider nicht.
In der Times-Picayune heißt es, dass der Film für heute zu überkandidelt ist und nicht funktioniert. Brad Pitt redet auch nicht gut darüber, aber er hat sich während der Dreharbeiten, wo er tagsüber immer mit dem Fahrrad herumgekurvt ist, in New Orleans verliebt und wohin das geführt hat, wissen wir ja. (Vom Fahrrad zum Privatjet, den er Angelina dieser Tage geschenkt hat.) Der Film wurde in New Orleans gedreht, bevor es noch mehr in wurde und bevor der Bundesstaat mit jeder Menge Filmförderung gelockt hat, und der Film wurde gedreht, bevor Vampire in waren. Aber irgendwie reicht das eben nicht.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Rerun: Riding a Bike


Monday, 16 January 2012
Riding a bike

The League of American Bicyclists has brought out a new map of the USA, which lists the ten most important bicycle cities in the US. The criterion for this is not leisure-time cycling but the number of “bicycle commuters” each place has. These are the people who really use their bicycles as serious means of transport, for instance travelling to and from work. The places leading the list are Portland, Minneapolis and Seattle, but number six—and this is something of a surprise—is New Orleans, coming ahead of Washington D.C., Philadelphia and Boston.
I had heard of friends there who ride bicycles, and it certainly makes sense: the terrain is wonderfully flat and the traffic unhurried. So when I am in New Orleans I ride my bike as well. But most of the other cyclists, I note, are not en route to anywhere in particular but, in an almost anarchistic way, are just cycling around the area. So I am both surprised and pleased by that, because New Orleans is known above all for its respected culture and traditions, and rather less for the modernity and creativity that it also has, cycling being for me a part of this.
The daily New Orleans Times Picayune has now again run a little photo competition under the motto “NOLA from your bike,” open until 31st January 2012. And for this there is also a photo gallery here, one of the items included being a photo of the park bearing the name “the Fly.”
But today, also in New Orleans, there will not actually be too many casual cyclists riding around because it is Martin Luther King Day, one of the few national holidays, when federal, state and other public institutions, schools, universities and so on are closed.

Translated by John Manning

Montag, 15. Juli 2013

Fotos vom San Fermin-Stierlauf in New Orleans

Heute in der Times-Picayune: Tolle Fotos vom Running of the Bulls vom Wochenende. Garantiert ohne tote Stiere und aufgeschlitzte Menschen... Siehe hier.
Mehr über den Encierro vom letzten Jahr hier.

Sonntag, 14. Juli 2013

Nachtrag


Langston Hughes’ Simpel spricht sich aus habe ich in der Übersetzung von Günther Klotz jetzt noch einmal gelesen und finde es auf die Dauer schon anstrengend, so eine verschliffene Sprache zu lesen, bei der Umgangssprache durch falsche Grammatik wiedergegeben wird wie sie auch im Dialekt niemand verwendet. Auch der Duktus der Figur Simpel ist nicht durchweg liebenswert.
Auffallend ist die enorme Sachkenntnis des Übersetzers, die sich auch im Glossar zeigt. Zum Beispiel erklärt er die Formel „taxation without representation“ (Besteuerung ohne parlamentarische Vertretung ist Tyrannei) als eine Losung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, da eben Kolonien zwar besteuert wurden, aber nicht politisch vertreten waren. Diese Losung wird übrigens heute auch von Bewohnern des District of Columbia (d.h. der Hauptstadt Washington) gepflegt, denn auch sie sind nicht im Kongress vertreten, müssen aber Steuern zahlen. Aber da sie nicht politisch vertreten sind, fehlt wohl der politische Wille, ihre parlamentarische Vertretung durchzusetzen. In dem Buch bezog sich der Satz auf die damalige Situation der Afroamerikaner.
Auch sehr schön gelöst ist das Wortspiel mit „Bar“, pass the bar heißt ja die Anwaltsprüfung bestehen, aber bar heißt eben auch Bar. Mir hat man vor langer Zeit mal einen Anstecker geschenkt: I passed the bar and stayed there – Ich bin an der Bar vorbeikommen und gleich geblieben. 
Hier der Dialog aus dem Buch:
„...du solltest Redner werden.“
„Hm, ich hab Angst vor den Publikum. Mein Platz ist bei der Bar.“
„Bei der Gerichts-Bar-keit als redefleißiger Anwalt?“
„Bein Gericht haben se keine richtige Bar.“
Auch interessant fand ich die Lösung für das Wort bitch, das eigentlich Hündin heißt, aber auch als Schimpfwort für (unangenehme) Frauen verwendet wird. „Petze“ heißt es bei Günther Klotz und im Duden fand ich „Petze“ in der Bedeutung als Hündin in bestimmten Landstrichen (allerdings nicht in meinem). Auch so ein Dauerbrenner der Übersetzungsschwierigkeiten.
Vor allem das Nachwort, das gar nicht so vordergründig sozialistisch ist, sondern gut auf die Situation der Afroamerikaner und die Entstehung des Buches eingeht, datiert aber das Buch. Es ist von 1960, also noch vor dem Mauerbau, und dort werden Wörter wie „Negerzeitung“, „Negerkirche“ usw. wertneutral verwendet. Das geht natürlich heute nicht, aber für die Verwendung des Wortes in historischen Texten selbst ist die Diskussion angestoßen und nicht beendet, sowohl in den USA wie auch hier.
Auf ironische, aber treffende Weise thematisiert Simpel die ungerechte Behandlung der Schwarzen, und in diesen Tagen zeigt sich besonders deutlich, wie weit das Land noch von wahrer Emanzipation entfernt ist. Der Neighborhood-Watch-Eiferer George Zimmerman ist heute freigesprochen worden, obwohl er den jungen Trayvon Martin ohne Not getötet hat. Viele Facebook-Kommentare weisen darauf hin, dass es sicher anders ausgegangen wäre, wenn George Zimmerman schwarz und Trayvon Martin weiß gewesen wäre. Auf der Titelseite von http://www.washingtonpost.com/ ist ein junger Schwarzer namens Will Reese zu sehen, der in Harlem mit einem Schild an der Straße steht. Darauf heißt es: Honk! Justice for Trayvon Martin! (Hupen! Gerechtigkeit für Trayvon Martin!) 
Noch ein Wort zu Robert Hemenway (*1941), dem Wiederentdecker von Zora Neale Hurston. Neben ihrer Biographie, einem Klassiker, schrieb er noch andere Bücher und Artikel zu afroamerikanischer Literatur und unterrichtete weiter als Professor für Englisch. 16 Jahre lang war er auch der sehr erfolgreiche Kanzler der University of Kentucky in Lexington, Kentucky und dann von 1995 bis 2009 Kanzler der University of Kansas mit mehreren Campussen.
Heute ist übrigens Bastille Day... Vive la République!

Samstag, 6. Juli 2013

Zora Neale Hurston: Their Eyes Were Watching God


Es war einmal ein junger weißer Englischprofessor aus Nebraska namens Robert Hemenway, der las so gegen Ende der sechziger Jahre Their Eyes Were Watching God und war hingerissen. Also wollte er mehr über die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston (1891-1960) in Erfahrung bringen. Doch er merkte schnell, dass sie nicht nur nahezu vergessen war, sondern dass auch viele widersprüchliche Informationen über ihr Leben kursierten. So packte er seine Sachen, kaufte sich einen Pickup-Camper (einen Pickup-Truck mit Schlafaufsatz) und reiste kreuz und quer durch die östliche Hälfte der USA auf den Spuren seiner Autorin. 1977 erschien dann seine wegweisende Biografie über sie, die eine ganze Welle der Wiederentdeckung auslöste.
(Mich erinnert diese Geschichte ein klein wenig an den großartigen Film Sugarman, den ich vor ein paar Wochen gesehen habe, nur dass es dort um einen mexikanischstämmigen Musiker aus Detroit ging, der sogar noch lebte, und durch seine Wiederentdeckung und dann noch mal durch den Film einen späten Ruhm und Anerkennung erleben durfte. Zora Neale Hurston war eine schwarze Frau, noch dazu aus dem Süden, interessierte sich für die einfachen Menschen und ihre Sprache und Bräuche. Sie starb verarmt und unbekannt.)
Zunächst einmal begannen die African American Studies-Leute, sich für sie zu interessieren, allen voran die noch heute sehr aktive Koryphäe, der Harvardprofessor Henry Louis Gates. Dann machte sich die Schriftstellerin Alice Walker auf die Suche, die sich aus womanistischer Sicht für sie interessierte. In ihrem Essayband In Search of Our Mother’s Gardens von 1973 berichtet Walker über ihre fast erfolglose Suche nach dem verwilderten Grab von Zora Neale Hurston in Florida. (Darin erwähnt sie auch, wie sie bei ihrem Anflug auf Orlando vom Fenster aus Sanford, Florida sah. Das ist der Ort, in dem vor einem Jahr der Jugendliche Trayvon Martin erschossen wurde und wo jetzt der viel beachtete und kontroverse Prozess gegen George Zimmerman läuft, der seinen Tod auf dem Gewissen hat.) Dieser Essay ist übrigens in der deutschen Ausgabe Auf der Suche nach den Gärten unserer Mütter (Übersetzt von Gertraude Krueger, Frauenbuchverlag 1987) nicht enthalten, dafür in einen zweitem Band, Die Erfahrung des Südens. Good Morning Revolution (Übersetzt von Thomas Lindquist und Helga Pfetsch, Frauenbuchverlag 1988 bzw. Goldmann), in dem es zwei Essays zu der Autorin gibt. Es sind "Zora Neale Hurston: Eine Geschichte mit Moral und eine parteiische Ansicht" und "Auf der Suche nach Zora".
Seitdem also steht Zora Neale Hurston bei den African American Studies, bei den Frauen und bei den American Literature-Leuten auf der Leseliste. Zu Recht. Doch in den offiziellen Kanon der amerikanischen Literatur hat sie es noch nicht geschafft, so scheint es mir: zu schwarz, zu eigenwillig, zu südlich.
Zora Neale Hurston war ja nicht nur Autorin der Harlem Renaissance und Schriftstellerin, sondern auch Ethnologin, und so reiste sie durch die Gegend und sammelte Geschichten und Sprache „ihrer“ Leute. Sie tat das mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie auch heute noch nicht unbedingt selbstverständlich ist. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass sie in Eatonville, Florida, aufwuchs, einer der wenigen ausdrücklich afroamerikanischen Gründungen, wo ihr Vater lange Zeit Bürgermeister war und wo man sich lange Zeit nur unter Schwarzen bewegte und mit Weißen gar nicht groß abgeben musste. Heute gibt es in Eatonville ein Zora Neale Hurston National Museum of Fine Arts.
Hurston studierte an der renommierten schwarzen Howard University in Washington, D.C., dann bei Columbia in New York. Sie lebte in New York, forschte zum Hoodoo in New Orleans, reiste durch die Karibik und veröffentlichte Kurzgeschichten, Romane und ethnologische Studien und Sammlungen. In Their Eyes Were Watching God (1937) lässt sie ihre afroamerikanischen Figuren in der örtlichen Mundart sprechen. Ihre (männlichen) Kollegen nahmen ihr das übel, hielten es vermutlich für eine Art Verrat an den Schwarzen, allen voran Richard Wright, Autor des Protestromans Native Son (1941), der darin Rassismus, Unterdrückung und Lynchjustiz thematisiert und wo die Gewalt und Stigmatisierung, wie auch in If He Hollers Let Him Go (1946) von Chester Himes, stark sexualisiert ist. Richard Wright also warf dem Roman vor, die Schwarzen wie in einer Minstrel Show lächerlich zu machen. Ein vernichtendes Urteil.
Doch in Their Eyes Were Watching God geht es nicht so sehr um Rassismus, denn Weiße tauchen gar nicht auf, höchstens ein wenig darum, dass unter den Afroamerikanern die Hellhäutigen oft als schöner gelten und andererseits auch dafür verspottet werden. Und es geht auch nicht um Sex, sondern um Liebe. Es geht um die Hauptfigur Janie, die sich nach einer akzeptierenden, ebenbürtigen Liebe sehnt und sie, ohne selbst aktiv zu werden, nach allerlei Hindernissen auch findet, in dem um einiges jüngeren Tea Cake. Mit ihm kann sie das Leben in vollen Zügen genießen, lernt über Eifersucht und Treue, über Sein und Seinlassen. Zerstört wird diese Liebe durch einen verheerenden Hurrikan, den sie am Okeechobee-See in Florida erleben, wo Tea Cake sie in den Fluten vor einem tollwütigen Hund rettet und selbst von ihm gebissen wird. Um ihr Leben zu retten, muss Janie ihre große Liebe erschießen. (Die Darstellung von Hurrikanen in der Literatur ist auch noch mal ein Kapitel für sich, siehe Jesmyn Wards Salvage the Bones.)
In der Rahmenhandlung kehrt Janie danach in ihren Heimatort Eatonville zurück, wo die Nachbarn reden und sich das Maul zerreißen. Denn einfach eine schwarze Frau zu sein, die wirkliche Liebe sucht und lebt, die sich mit nicht weniger zufrieden geben will und die sich so anzieht, wie sie möchte, das passt bis heute nicht so recht in das allgemein vorgesehene Rollenmuster für schwarze Frauen. Und so ist Zora Neale Hurstons Liebesroman auch schon revolutionär.
Dialekt, Umgangssprache, Mundart in der Literatur ist immer ungewöhnlich und problematisch. Aber im Deutschen noch viel mehr, wo solche Sprache nach wie vor stark regional markiert ist und deshalb leicht lächerlich oder ironisch oder verniedlichend klingen kann. Was macht man also damit in der Übersetzung? Eines der ersten Beispiele, an das ich mich erinnern konnte, war Simple Speaks His Mind von Hurstons Harlem-Renaissance-Kollegen Langston Hughes aus den vierziger Jahren. Darin ist die Gossensprache auch wieder Stilmittel, denn sie charakterisiert einerseits die Hauptfigur als einfach gestrickt, aber doch mit Weisheit und Kritikvermögen gerüstet, so dass er soziale Missstände scheinbar unbedarft karikiert und in Frage stellt. 1960 erschien das Buch zum ersten Mal in der deutschen Übersetzung von Günther Klotz als Simpel spricht sich aus im Aufbauverlag in der DDR. Günther Klotz ist mir sonst weiter kein Begriff, aber in seinem Nachwort thematisiert er auch die Übersetzung: „Mehr als bei anderen Büchern muß die Übersetzung Ersatz sein, denn sie kann mit der leichten Verschleifung der Hochsprache die eigentümliche Qualität des Originals nur andeuten.“ Das klingt bescheiden, aber in meiner Erinnerung tat er das ganz geschickt und lesbar; die Neuübersetzung von Evelyn Steinthaler im Milena-Verlag scheint neutraler zu sein.
Their Eyes Were Watching God wurde zunächst 1993 von Barbara Henninges für den Ammann-Verlag übersetzt, als Und ihre Augen schauten Gott. Wie alle Erstübersetzungen ist auch diese verdienstvoll, denn sie erschließt diesen schwierigen und eigentümlichen Text furchtlos und korrekt fürs Deutsche, ergänzt ihn durch ein informatives Glossar. Immer wieder bewundere ich wie Übersetzer das früher ohne Internet gemacht haben (besonders auch in der DDR ohne Reisemöglichkeiten), denn so gebildet, belesen und weit gereist man auch sein mag, jeder Text stellt einen doch immer wieder vor neue Schwierigkeiten. Die Mundart bringt die Übersetzerin als Dialekt in unsere Sprache, für mich liest sie sich nach Ruhrpott, andere sehen sie als rheinischen Kunstdialekt. Es mag dafür Rechtfertigungen geben -- auch eine Redeweise armer Leute, regional geprägt usw. -- doch irgendwie macht man so etwas heute nicht mehr und für mich funktioniert es einfach nicht.
Für die Edition Fünf, die persönliche Lieblingsbücher von Frauen nicht nur für Frauen verlegt, hat sich ein Mann der Neuübersetzung angenommen, Hans-Ulrich Möhring, und noch dazu bekennt er, dass dieses Buch, Vor ihren Augen sahen sie Gott, ein Traumprojekt war und damit eines seiner am Horizont fahrenden Schiffe in den Hafen eingelaufen ist. Beides ist ungewöhnlich. Auch er berichtet in einem Nachwort über das Buch und die Autorin und über sein Verfahren. Die Verlegerin Silke Weniger hat mir das so zusammengefasst (und mich damit neugierig gemacht): Er übersetzt, indem er einzelne Sätze im Original stehen lässt. Er selbst beschreibt den Blues als sein leitendes Prinzip. Das liest sich dann zum Beispiel so: „Ah was skeered. Ich hatte Schiss.“ (Bei Barbara Henninges steht: Ich hatte Anx.) oder „Dann musst du ihnen sagen, dass die Liebe nicht so was ist wie ein Schleifstein, der überall gleich ist und mit allem das Gleiche macht, wo er mit in Berührung kommt. Love is lak de sea. Wie das Meer ist die Liebe, immer in Bewegung, aber seine Form kriegt es erst von der Küste, an die es trifft, und die ist von Küste zu Küste anders.“ Für mich entsteht durch diese Doppelung eine interessante Intensität. Es ist, als ob sich die Figuren selbst dolmetschen, selbst erklären und noch kompetenter über sich selbst sprechen.
Überhaupt die Liebe. In meiner kleinen Bücher-Kolumne habe ich sie als grundlegende Übersetzungsmethode für diesen Text ausgemacht, denn das Deutsche stattet die Figuren mit einem besonderen, warmen Witz aus, zeichnet sie mit viel Liebe. Auch in Möhrings eigenem Roman, Vom Schweigen meines Übersetzers (Fahrenheit-Verlag 2008), geht es nicht nur um einen amerikanischen Schriftsteller, der in Deutschland seinem Übersetzer und seiner eigenen Familiengeschichte begegnet, sondern auch um das Übersetzen und Schreiben und die Liebe: „Liebe“, sagt er. „Wirst du deswegen Übersetzer? Vielleicht. Du hast eine Zeitlang im Ausland gelebt, die Lebensweise gefällt dir, die andere Art der Menschen, die Landschaft, das Klima, die Sitten und Gebräuche – die Sprache. Oder du liebst die Literatur eines Landes, einer Epoche, eines Milieus, wünschst dir einen weiteren Horizont – oder wenigstens eine andere Enge als die gewohnte. Wie kannst du, in der Form eines Berufs, deiner Liebe nahe blieben? Andere mag motivieren was will, aber du, Liebestäterin die du bist, kannst du die Liebe bewahren? Wenn du merkst, dass du mit deiner Arbeit keine Karriere machen kannst, kaum die Butter aufs Brot verdienst. Du sagst dir die Wichtigkeit deiner Arbeit vor: du bist Kulturvermittler, Völkerverbinder, was weiß ich. Du engagierst dich in deinem Berufsverband. Vielleicht gewinnst du ein bescheidenes Ansehen. Vielleicht nicht. Aber du musst den Alltag ertragen. Alle müssen das.“
Das klingt ziemlich ernüchternd, aber das Traumprojekt kam erst nach diesem Roman. In der Zeitschrift Übersetzen 01/13 haben übrigens Lektorin Karen Nölle und der Übersetzer über ihre enge Zusammenarbeit berichtet. Und für mich ist es auch diese besondere Konstellation, die Liebe zwischen Lektorat und Übersetzung, die Vor ihren Augen sahen sie Gott auch auf Deutsch so liebens- äh lesenwert macht.
Übrigens: Der Traum ist die Wahrheit, eine lange Nacht über Zora Neale Hurston von Daniela Kletzke und Hans-Ulrich Möhring demnächst im Radio, Deutschlandradio Kultur am 20.7.2013 von 0:05 Uhr bis 3:00 Uhr und Deutschlandfunk am 20.7. um 23:05 Uhr bis 21.7.2013 um 2:00 Uhr.

Samstag, 22. Juni 2013

Die Huey P. Long Bridge


Wenn man in dem „Fly“ genannten Teil des Audubon Park auf der Kante am Ufer sitzt, das dort mit drahtverhauenem Geröll befestigt ist, dann kann man ganz weit rechts am Rande in der Ferne eine Brücke sehen. Vor einem fließt der Mississippi vorbei und diese Brücke steht in einem so eigenartigen Winkel, dass einem schlagartig klar wird, wie sehr sich der Fluss hier windet. Es ist eine mit Stahlstrebenaufbau versehene Brücke, eine cantilevered steel through truss bridge, auf Deutsch: eine Ausleger-Fachwerkbrücke aus Stahl (hier). Erbaut wurde sie von 1932 bis 1935 und benannt ist sie nach Huey P. Long, dem legendären, flamboyanten Gouverneur von Louisiana (1893-1935).
Huey P. Long, der legendäre Kingfish, war nur von 1928 bis 1932 Gouverneur, ein Demokrat, der sich für Bildung einsetzte und 111 Brücken und das State Capitol in Baton Rouge erbauen ließ, einen irgendwie stalinistisch aussehenden Wolkenkratzer mit tollem Blick auf den Fluss. 1932 wurde er Senator und am 10. September 1935 im Foyer eben jenes State Capitols erschossen. Heutzutage bezeichnet man Leute wie ihn als Populisten, aber für mich war er eher ein Mann aus dem Volk fürs Volk mit viel Energie und Ideen.
Robert Penn Warren machte ihn als Willie Stark zur Hauptfigur seines brillanten Romans All the King’s Men von 1946 (auf Deutsch: Das Spiel der Macht), für den er den Pulitzer Preis erhielt. In dem Roman wird die Rastlosigkeit, das Visionäre und vielleicht Manipulative dieser Figur sehr deutlich. Durch seine Infrastrukturprojekte, u.a. Autobahnen, wirkte er der Isolierung der Landbevölkerung entgegen, was ein Faktor beim Verschwinden des Cajun-Französischen ist.
Auch die Huey P. Long-Brücke (eine Auto- und Eisenbahnbrücke etwas außerhalb von New Orleans) ist ihm zu verdanken, wurde allerdings erst im Dezember 1935 eingeweiht. Jetzt ist sie erweitert worden, mit breiteren Fahrspuren. Letzten Sonntag wurde sie nach dem Umbau wieder eingeweiht (hier), mit Band zerschneiden und Zeremonie, Bands und Bier und einem 5km-Lauf, dem in der großen Hitze ein 59-Jähriger zum Opfer fiel (hier). Besonders gefällt mir, dass auch die „35er“ eingeladen waren, die über zwanzig Bürger, davon einige weit über 80, die auch bei der Eröffnung im Dezember 1935 über die Brücke gelaufen waren.
Die Brücke, die Baton Rouge und Port Allen verbindet, ähnelt übrigens dieser Brücke und heißt auch Huey P. Long Bridge, eröffnet wurde sie 1940 (hier). Irgendwann in den neunziger Jahren sind die beiden Maler Mitchell Long und Robin Durand an meinem Geburtstag dort hingegangen und habe die Brücke für mich gemalt. Mitchells Bild hängt hier bei mir an der Wand, Robins war in New Orleans gelagert und ist bei Hurrikan Katrina in den Fluten versunken. Sehr schade.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Rerun: Dear Universe


This is an entry I wrote on a sunny, louvered porch in Donaldsonville, Louisiana, last fall.

Tuesday, 18 September 2012
Dear Universe,

You’re probably wondering why my ecological footprint has exploded over the past two weeks, why I’m trampling the environment with gigantic shoes. The answer is simple: I’m in the USA. And because I’m just visiting, I can’t arrange things the way I’d like them.
First, the transportation: airplanes brought me and my baggage here, more than 8,200 kilometers (some 5,100 miles), and hopefully they’ll bring me back the more than 8,500 kilometers (some 5,300 miles) in one piece. In the process, they release incredible amounts of emissions directly into the vulnerable sky. Fortunately I do this very rarely, and the next time I get paid, I’ll make a donation and ask for atonement. 
Then I’ve got a little rental car, which I don’t use every day, since I’m spending time staying with lots of nice people, but it is covering a considerable distance (around 1,000 miles so far). Unfortunately this is essential, because otherwise I’d be dependent on other people chauffeuring me around to an extent that perhaps famous writers could reckon with. And while I’m here I can’t be so strict about my vegetarian diet, and so the airplanes will have a heavier load to take back, and countless animals, above all cows, will have died for my sake, of course not without previously releasing large quantities of methane into the atmosphere. (Forgoing meat and milk products, I recently heard in an episode of Freakonomics on NPR, here, is the surest way to eat an environmentally friendly diet. Unfortunately, this show doesn’t run on NPR Berlin.)
And then the trash: all the disposable cups and silverware and packaging used on the flight alone, even though it supposedly gets recycled! Here all the coffee shops serve everything with paper cups, plates and bags, and when I ask for tap water, I’m given it in a thin, transparent cup that tastes obnoxiously of plastic the very second time you use it. At least I do without the straws now.
Then there’s the air conditioning, always running and usually much too cold for me. At a reading in the Baton Rouge Gallery on Sunday it was set at 71° Fahrenheit, when it was about 96° outside! Now I’m sitting completely un-air conditioned on a screened-in veranda, and after just a few days in Louisiana I feel that I have a sort of fresh glow. Not because of the air conditioning, but despite it…
I admit that there’s also a certain clandestine attraction to living as carelessly and excessively as most Americans. But in just a week, dear Universe, I’ll be good again, saving and recycling, riding my bike, walking, running to the train and riding it and letting countless animals live. See you then!
Translated by Isabel Cole

Dienstag, 4. Juni 2013

Jesmyn Ward: Salvage the Bones


Vor vielen Jahren hatte ich die afroamerikanische Zeitschrift Essence abonniert, las alle schwarzen Autorinnen, derer ich habhaft werden konnte und schrieb gelegentlich auch über sie und ihre Bücher: Sonia Sanchez, Ntozake Shange, Terry McMillan, Maya Angelou, Bebe Moore Campbell, Tina McElroy Ansa, Nikki Giovanni, Marita Golden und viele andere. Damals kam ich zu dem Schluss, dass Toni Morrisons Weltruf und ihr Nobelpreis etwas damit zu tun haben, dass sie eher in einer europäischen oder weißen Tradition schreibt und deshalb ein breiteres, internationales Publikum anspricht. Die meisten dieser Autorinnen, war mein Eindruck, standen in einer ganz anderen, vielleicht eher einer oralen Tradition. Ihre Geschichten waren Frauengeschichten um Liebe, Familie, Selbstbehauptung, Identität, und ihr Stil oft loser, erzählender, vielleicht weniger streng.
Mich sprach das an, auch der Womanism der schwarzen Frauen, den Alice Walker dem weißen Feminismus gegenüber stellte. John Lennon sang 1972 ganz treffend „Woman is the Nigger* of the World“, und man kann sich vorstellen, wo schwarze Frauen in dieser Hierarchie stehen, die sich noch dazu seit über zwanzig Jahren im Rap beschimpfen und objektivieren lassen müssen. Alice Walker, die in Georgia aufwuchs, ist für The Color Purple bekannt, aber mir gefiel auch ihr Roman Meridian, in dem sie über eine junge Aktivistin (sich selbst?) im Universitätsmilieu schreibt, die als Frau in der männerdominierten Bürgerrechtsbewegung aneckt und ihren eigenen Platz finden oder sich schaffen will.
Jesmyn Ward ist eine junge Autorin aus Mississippi und damit aus dem tiefen ländlichen Süden, wo es wirklich nur Schwarz oder Weiß gibt und die allgemeine Armut und Abgelegenheit den Rassismus noch verschärft. In Salvage the Bones hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der armen ländlichen Schwarzen ihrer Heimat darzustellen. Dafür erhielt sie 2011 den National Book Award. 
Es geht um eine Fünfzehnjährige namens Esch, die nur mit ihrem Vater, ihren Brüdern und deren Freunden aufwächst, da ihre Mutter bei der Geburt des jüngsten Bruders Junior gestorben ist. So muss sie selbst die traditionelle weibliche Rolle in der Familie übernehmen und ihren kleinen Bruder mit aufziehen. Als Vorbild der Weiblichkeit hat sie nur verschwommene Erinnerungen an ihre Mutter, den Medea-Mythos, den sie in jenem Sommer liest, und – und das ist im Buch gut nachvollziehbar – China, die Pitbull-Hündin ihres Bruders Skeetah, die gerade Welpen geboren hat.
Die Armut der Familie ist erschütternd, ebenso wie ihre ungeschickten, zum Scheitern förmlich verurteilten Versuche, Geld zu verdienen. Der Alkoholikervater verliert dabei einige Finger, der Bruder Randall die Aussicht auf ein Basketballstipendium und Skeetah eine Welpe nach der anderen und schließlich noch seine geliebte Hündin. Esch ist schwanger, vermutlich von Manny, der mit einer anderen Frau zusammenlebt und wohl genau der unverbindliche, unreife Typ mit gutem Aussehen und jungenhaftem Charme ist, dem Frauen, die es nicht besser wissen – und woher sollte Esch es wissen? –, verfallen. Es ist die Geschichte eines Mädchens, das, im wahrsten Sinne des Wortes, „in einer Welt der Männer“ aufwächst, an einem Ort, wo alle „hungern, streiten und kämpfen“. Aber Esch schläft auch mit anderen, die sie fragen, als wäre das eben ihre natürliche Rolle. Dann ist da einer, der nicht fragt, und das wundert sie. Es ist Big Henry, auch ein Freund ihrer Brüder, der zu ihr hält und auch in Zukunft für sie da sein wird.
Ein kostenloses Rezensionsexemplar bringt sozusagen die Verpflichtung mit sich, eine Rezension zu schreiben, und so muss ich das Buch auch lesen, selbst wenn ich es eigentlich zur Seite legen würde. Meistens ist das zum Glück so. Hier war es die ausweglose und elende Lebenssituation des Mädchens und ihrer Familie, die ich, da ich die Region gut kenne, bildhaft vor Augen hatte. Doch am Ende des Buches gibt es einen Hoffnungsschimmer in Form von Big Henry.
Das Buch ist meisterhaft komponiert und geschrieben und hat auch etwas Universelles, Europäisches, und nicht nur wegen Medea. Natürlich hat man Jesmyn Ward in Interviews nach William Faulkner gefragt, denn thematisch ist es wie bei diesem: Süden, Mississippi, arme Schwarze. Doch ist ihre Perspektive eine ganz andere, einerseits ethnisch (da sie selbst Schwarze ist und über ihre Heimat schreibt), aber dann auch die einer jungen Frau, die über eine noch viel jüngere Frau schreibt, die sie ja mal war. Hier definieren die Männer, was eine Frau ist. Auch wenn Manny und Skeetah sich darüber unterhalten, ob China, die noch säugt, überhaupt Hundekämpfe abhalten kann, dann vergleichen sie Esch und China. Skeetah ist voller Vertrauen in die Stärke der beiden, anders als Manny, der sich immer wieder abfällig äußert.
Der lautlose Soundtrack, das Hintergrundrauschen des Buches, ist der sich ankündigende Hurrikan Katrina. The Pit, das Anwesen der Familie, liegt wie Jesmyn Wards Heimatort Delisle an der Golfküste von Mississippi an der Bucht Bay St. Louis, unweit des gleichnamigen Ortes. Hier ist Katrina direkt aufgetroffen und an Land gegangen, anders als in New Orleans, das erst durch brechende Dämme überflutet wurde. Hier wurden ganze Strände weggeschwemmt und Häuser von den Fluten weggerissen und dem Erdboden gleichgemacht. Hier sind vertraute Straßenzüge und Häuser seit dem Hurrikan gar nicht mehr vorhanden, einfach verschwunden.
Hier also erlebt die Familie den Hurrikan, den sie wie viele Leute, die ihr Leben lang mit Hurrikanwarnungen leben, unterschätzt hatten. Der Vater sieht zum ersten Mal, das seine Tochter schwanger ist, und wirft sie vor Schreck ins Wasser. Skeetah rettet sie, muss aber dafür seine Hündin China loslassen. Am Ende sind alle in Sicherheit, außer China, auf deren Rückkehr Skeetah und Esch ungeduldig warten.
In Interviews spricht sich Jesmyn Ward immer wieder gegen die Behauptung aus, die Wahl von Obama habe gezeigt, dass die USA post-racial seien, dass also die Rasse keine Rolle mehr spiele. Sie sagt: "Als ich aufwuchs, war ich ständig mit Rassismus konfrontiert, nicht etwa mit verdecktem oder institutionellem Rassismus, sondern mit offenkundigem, Ich-nenne-dich-Nigger-Rassismus. Meine Erfahrungswelt war in keiner Hinsicht post-rassisch und ist es auch heute nicht."** Hier.
Das eine ist sicher der offene Rassismus, aber der Roman zeigt auch deutlich die Trennung zwischen Schwarz und Weiß und die strukturelle Ungerechtigkeit der Armut, die unter Afroamerikanern viel stärker verbreitet ist als unter Weißen. Dabei sind die dargestellten Figuren keine harmlosen, lieben, edlen Schwarzen, sondern schon solche, die sich prügeln, Marihuana rauchen, klauen und eben Hundekämpfe veranstalten. Sie sind aus Fleisch und Blut, nicht perfekt, als Vater und als Geschwister hilflos, doch voller Liebe für einander. Ein großes Buch.
Das Original kam bei Bloomsbury heraus; im Herbst erscheint es bei Antje Kunstmann unter dem Titel Vor dem Sturm in der Übersetzung von Ulrike Becker. Der Titel Salvage the Bones heißt wörtlich Die Knochen retten. Es gibt übrigens schon jetzt jede Menge Lesegruppen zu dem Buch und auch in meinem Exemplar sind begleitende Materialien und Fragen zur Diskussion abgedruckt. Auch als Schullektüre könnte ich es mir gut vorstellen.
* Ich persönlich bin eine Verfechterin von Political Correctness, die leider durch alberne Übertreibungen in Verruf geraten ist. Schon aus Höflichkeit möchte ich Menschen so bezeichnen, wie sie gern bezeichnet werden möchten. Deshalb gehört das N-Wort nicht zu meinem Wortschatz.
** It really bothers me when people say we live in a postracial America. Growing up, I encountered racism all the time, and not covert or institutional racism, but in-your-face, I’m-gonna-call-you-a-nigger racism. There was nothing postracial about my experience, and there still isn’t.

Freitag, 24. Mai 2013

Rerun: A Studio in the Woods

This will kick off a series of previous entries in English translation. We did these for my application at A Studio in the Woods. This one was written after my visit last fall. I translated, and Katy Derbyshire was kind enough to make a few suggestions. Here goes:


Sunday, 18 November 2012
A Studio in the Woods

A Studio in the Woods is located over the hills, where the seven dwarfs dwell, or so it seems, even though there are hardly any hills at all in Louisiana. On the half-hour or so drive from New Orleans I cross the long, busy, hill-like Crescent City Connection to the other side of the Mississippi, then hang a right, then left onto General de Gaulle Boulevard through the urban sprawl of the West Bank, then across another tall, curving bridge over the Intracoastal Waterway to a deserted road following one of the generous bends of the Mississippi at the foot of the levee, which, as can be seen on a map, is really shaped like an eyelet here. The road ends in front of the gates of the Audubon Center for Research. Just a few yards before that a weathered sign points right to the overgrown driveway to the Studio in the Woods.
Set into the woods there is a light and airy wooden house with a spacious, screened-in porch. The Studio’s coordinator Cammie Prewitt-Hill welcomes me in flip-flops and a long skirt. We step into a large kitchen with windows on three sides, leading into an exuberant, inviting living room and an office space in the back. I say: This looks like somebody’s house. Cammie says: Well, it is.
And here is how: In 1968 Joe and Lucianne Carmichael had just fallen in love and would sometimes come to this spot to have a picnic, until they were lucky enough to acquire a piece of property here. Besides their “regular” jobs they were both artists—she works in clay, he in wood—and so they gradually built a house, finished in 1977, using the materials found in the surrounding forest and elsewhere. He made a long wooden table for the porch; she made the tiles for the floor. They created a small pond in the backyard, but left the thicket almost untouched, viewing it as inspiration for their work, because they had also built artist’s studios for themselves. They invited school classes on field trips and sometimes granted informal artists' residencies and held workshops.
In 1998 they began looking for a benevolent landlord. In December of 2004 they transferred A Studio in the Woods to the auspices of Tulane University in New Orleans, where it is part of the Center for Bioenvironmental Research. Environmental curator Dave Baker also works at the studio, observing and managing the natural environment, removing Chinese privet for one, which is threatening to overgrow the entire South.
Since 2003 the Studio in the Woods has been offering residencies for artists, after Katrina and Rita mostly restorative stays for artists affected by the storms, among them the composer and musician Michael White. In the documentary The Sound of the Storm he describes how, having lost almost everything in the storm, his stay at the Studio got him back to work. Every year the Studio offers five-week residencies to artists of different fields: sculptors, painters, writers, filmmakers, musicians, etc.
A few days before my visit the young jazz folk singer-songwriter Sarah Quintana from New Orleans had just started her residency. Cammie told us how the whole jury had been immediately mesmerized by the music she submitted. Certainly influenced by her life in France, where she has her fans too, her music is made up of unusual tunes and a lot of space and time. She financed her first album The World Has Changed by crowdfunding.
Sarah explained how she absorbs the sounds of nature, how they make her porous and receptive, how at home she feels surrounded by raccoons, armadillos, and animals of the woods, how the fertile Mississippi inspires her. The Mississippi, she said, is angry with us for the environmental problems we cause. She calls the river “she,” which may have to do with her sad, beautiful song “Mama Mississippi:” Sarah Quintana playing her grandmother’s coffee cup. Listen to it here! Her album featuring the songs written at the Studio in the Woods is scheduled for release in December, The Delta Demitasse.
Industrial noise sort of set the scene for my visit, wafting over from the levee: squealing, squeaking, creaking, pounding sounds, ship and port noises, sounds I remember from when I lived in Donaldsonville right by the Mississippi river. When I climbed up onto the levee later on, I saw them lying there, gigantic ocean freighters, perhaps lying at anchor, one after another, in this completely unromantic riverscape. So the Studio in the Woods is not just a natural oasis for the artist’s soul, but a place where art and reality connect, where the idyll is set off by Chinese privet and industry, where one can be out in nature and yet not out of time.
At the end of my visit I had a brief conversation with Lucianne Carmichael, and she said I should apply for a residency there. Will do, gladly.

Dienstag, 21. Mai 2013

Schießerei in der Second Line 2


Aktualisierung zur Muttertagsschießerei. Zwei Verdächtige, die Brüder Akein und Shawn Scott, 19 und 24 Jahre alt, wurden einige Tage später verhaftet. Die beiden sollen der Frenchmen und Derbigny Gang angehören, nach der entsprechenden Straßenkreuzung benannt. Der ältere war schon mehrmals wegen Drogen verurteilt worden und auf Bewährung frei. 
Die beiden hatten von gegenüberliegenden Seiten auf die Menge geschossen und wollten vor allem einen Mann treffen, der auch mehrere Schusswunden in den Oberkörper erlitt. Eines der Opfer ist die 48-Jährige Deborah „Big Red“ Cotton, die erst 2005 nach New Orleans gezogen war und sich gegen Gewalt engagierte. Ihr musste eine Niere entfernt werden. Den zehnjährigen  Ka’Nard Allen traf ein Streifschuss im Gesicht. Bei seinem zehnjährigen Geburtstag vor knapp einem Jahr wurde seine 5-jährige Cousine Briana von einer verirrten Kugel erschossen; sein Vater wurde im Herbst von seiner Stiefmutter in Notwehr erstochen. Hier eine Grafik mit den verschiedenen Verletzungen.
Am 23. Mai wird im Tipitina’s ein Benefizkonzert für die Opfer gespielt. Der Club wiederholt die Muttertagsparade am 1. Juni 2013 und sammelt noch Spenden für die Bezahlung der Bands.
In deutschsprachigen Medien wurde fast täglich über die Entwicklungen berichtet, aber nicht so in den USA. Das bemängelte u.a. dieser Kommentator im Guardian, der auch anmerkt, dass anders als bei den Schießereien in Newtown usw. hier die Täter noch frei herumliefen und es trotzdem keine Nachricht wert war. Er sah da einen Zusammenhang zu Schießereien an der South Side von Chicago. Was nicht mit der weißen Mittelklasse zu tun hat, schließt er, ist für Amerikas Mainstream einfach nicht vermittelbar. Irgendwie ist da sicher was dran.
Die Guardian-Leserin samantha44 nannte ein paar mögliche Gründe, hier nur eine Auswahl:
3. Für viele Amerikaner liegt New Orleans in Mittelamerika.
5. Angelina war in den Nachrichten.

Dienstag, 14. Mai 2013

Schießerei in der Second Line

Der Original Big 7 Social Aid and Pleasure Club (hier auf Facebook) gründete sich 1996 in einer Sozialwohnsiedlung in New Orleans, um, wie alle diese Klubs (manche davon sind auch Mardi Gras Indians), etwas Positives für das Viertel und die Menschen zu bewirken. Seit 2001 veranstalten sie zum Muttertag eine Second-Line-Parade. (Hier ein Videoclip vom Anfang der Parade.)
Eine Second Line (zweite Reihe) kennt man aus dem Fernsehen von Jazzbeerdigungen, allerdings normalerweise ohne den tragisch-trauernden Teil. Eine Kapelle zieht spielend durch die Straßen und die Menschen tanzen hinterher, einige bunt angezogen und mit Sonnenschirmen.
Bei der Parade am Sonntag sollen 300-400 Menschen mitgetanzt haben. Als dann auf der Frenchman Street, ca. 2 km vom French Quarter entfernt, scharf geschossen wurde, waren es noch 200. 19 Menschen wurden verletzt, zum Glück starb niemand. Zahlreiche deutschsprachige Medien berichteten.
Inzwischen wurde ein 19-jähriger Verdächtiger per Überwachungsvideo identifiziert und wird gesucht. Montagabend gab es eine Demonstration und Mahnwache.
Jetzt werden auch Stimmen laut, dass die großen US-Medien nicht darüber berichtet hätten und Obama nicht gekommen ist, wohl, weil es New Orleans ist und die Betroffenen schwarz und arm. Weil die Gewalt hier oft „black on black“ (Schwarze gegen Schwarze) ist, wie mir eine kreolische Dame letztes Jahr versicherte.
Die Washington Post rückt das Ganze in den größeren Kontext von Armut und Verwahrlosung bestimmter Viertel und einer immer noch stark kritisierten, wenn auch inzwischen etwas weniger korrupten Polizeigewalt in der Stadt. Anwohner berichten, dass sie ihre Kinder nicht mehr auf die Straße lassen und dass verfallende Häuser Drogendealern als Unterschlupf dienen.
Insgesamt hat sich die Mordrate zwar etwas verringert, 2012 nur 193 Morde und damit 7 weniger als im Jahr davor. Doch auch bei der Martin Luther King Jr.-Parade im Januar kam es zu einem Drive-by-Shooting und zum Mardi Gras wurde im French Quarter geschossen.
Gewalt in der Second Line ist offenbar nichts Neues. Chris Rose, der Times-Picayune-Reporter, der für seine ungeschliffenen, herzzerreißenden Kolumnen in der Zeit unmittelbar nach Katrina berühmt wurde (zusammengefasst in dem Buch 1 Dead in Attic. After Katrina -- 1 Toter auf dem Dachboden. Nach Katrina), schrieb schon damals darüber, wie er im August 1995 zum ersten Mal eine Schießerei bei einer Second Line erlebte. Dann, 2006, versuchte er es wieder, nahm sogar seine Kinder mit. „Die Stadt ist jetzt anders“, sagte er sich. Doch auch diese Parade endete mit Schüssen, Blut, Sirenen.  „Wenn man auf der Straße tanzt, dann ist die Freiheit spürbar. Ich frage sie: Gibt es einen besseren öffentlichen Ausdruck der Freude? Wo sonst auf der Welt wachen Bläser und Trommler am Morgen auf, schnallen sich die Instrumente an und laufen herum, um einen heillosen Aufruhr zu veranstalten und Hunderte, Tausende Lemminge tanzen hinterher?“*
Mich bestürzt das zutiefst. Mardi Gras, Second Lines, Musik, Feste, Geselligkeit, kostenlos und draußen, sind hier überlebenswichtig, halten die Menschen trotz enormer Unannehmlichkeiten, Probleme, Ängste in der Stadt. Diese Traditionen haben New Orleans nach Katrina überhaupt erst wieder auf die Beine gebracht. Was wenn sie nicht mehr gelebt werden können, weil es zu gefährlich ist?
Robin Bevans, Mitorganisatorin der Mahnwache und Mitglied in der Social Aid Task Force, meint: „Der Code des Schweigens muss enden. Wenn wir aufstehen und uns Gehör verschaffen, dann wird so etwas vielleicht aufhören.“ Vielleicht. Hoffentlich. Was sonst?
Siehe auch NOLA Shooting American Voices, Times-Picayune.
* S. 223/24 Meine Übersetzung.
„There is a tangible freedom in dancing in the street. I ask you: What better public expression of joy exists? Where else in the world do horn players and drummers just wake up in the morning, strap on their instruments, and start wandering around making an unholy racket and then hundreds, thousands of dancing lemmings fall in and follow them to the sea?“

Sonntag, 12. Mai 2013

Gnadenlos

Der Film Gnadenlos (No Mercy) von 1986 is tatsächlich gnadenlos... 
Es spielen Richard Gere und Kim Basinger als die Guten und Schönen und der Niederländer Jeroen Krabbé als der wirklich unglaublich böse Bösewicht, der am Ende stirbt, als alles gut wird. Richard Gere (Eddie Jillette) ist Polizist in Chicago und durch irgendwelche Verwicklungen, die ich nicht ganz verstanden habe, wird sein Partner ermordet, und er macht sich auf nach New Orleans, wo die Mörder herkommen, um ihn zu rächen. Kim Basinger ist die Gespielin des Bösewichts, die alles miterlebt hat.
Es kommt zu wilden Verfolgungsjagden und Schießereien. Eddie Jillette kennt natürlich keine Angst und kidnappt Kim Basinger, flieht mit ihr durch die Sümpfe, und kann alle auftauchenden Gefahren (alle, nämlich wirklich alle, stehen unter der Fuchtel des Bösewichts, selbst die Polizei) aus dem Weg räumen. Das Ganze spielt zum größten Teil im French Quarter (sehr schön authentisch das Polizeigebäude) und in Algiers auf der anderen Seite des Mississippi, das hier genauso wie das French Quarter aussieht. 
Die Hinterwäldler in den Sümpfen sind natürlich völlig stumpfsinnige Cajuns, die kein Englisch können, doch Kim Basinger, armes Geschöpf, das ihre Mutter mit 13 an den Gangster verkauft hat, ist zwar Analphabetin, spricht aber ein paar Sätze Französisch und macht sich so nicht nur durch gutes Aussehen nützlich. Gleich am Anfang haben sich die beiden in einander verliebt und nach einer Schieß- und Brandorgie als Höhepunkt können sie endlich in Friede Freude Eierkuchen zusammen sein (obwohl sie kurz vorher schon eine ordentliche Hollywood-Verführungsszene zusammengeschweißt hat). Der Film hat einen gewissen achtziger Jahre-Charme: Frisuren, Klamotten, die ganze Ästhetik.
Wenn man die beiden Hauptdarsteller mag und sinnloser Ballerei etwas abgewinnen kann, sollte man  sich den Film unbedingt ansehen. Oder eben wie ich zu Studienzwecken. Auf imbd heißt es: "New Orleans may never be the same again." (New Orleans wird wohl nie wieder sein wie zuvor.)

Freitag, 10. Mai 2013

Bonnie und Clyde in Donaldsonville

Seit ein paar Tagen ist die Railroad Avenue in Donaldsonville für Filmaufnahmen gesperrt: Sony Productions dreht eine zweiteilige Miniserie, The Story of Bonnie und Clyde, die auf A & E, Lifetime und History gesendet werden soll. Es spielen Emile Hirsch und Holliday Grainger in den Hauptrollen (nachdem Hilary Duff schwanger geworden war, angeblich 100.000 Dollar Ablöse erhalten und sich die ursprüngliche Bonnie, Faye Dunaway, über sie lustig gemacht hatte). In Nebenrollen spielen William Hurt und Holly Hunter. Es soll auch in St. Gabriel, Port Allen und St. Francisville gedreht werden.
Donaldsonville, unweit der Sunshine Bridge über den Mississippi, ist ein Städtchen an der River Road zwischen Baton Rouge und New Orleans gelegen (in der sogenannten Cancer Alley in den River Parishes, wo wegen der vielen petrochemischen Fabriken die Krebsrate besonders hoch ist). Auch Donaldsonville hat eine Chemiefabrik, einen Golfplatz und seit ein paar Jahren einen Riverwalk, ein befestigtes Stück Uferpromenade mit Bänken und Laternen und Blick auf den Mississippi, wo man sich früher durch wildwachsende Bäume und Dickicht und Unkraut den Weg an den Fluss bahnen musste. Es leben etwa 7.600 Einwohner in der Stadt, meist verstreut, sehr viele davon sind Afroamerikaner.
Das Besondere an Donaldsonville ist, dass es dort nicht nur viel Geschichte sondern auch ein winziges historisches Stadtzentrum gibt, eben entlang der Railroad Avenue, die den früheren Bahnhof mit der River Road verbindet. Es gibt ein historisches Gerichtsgebäude (die Stadt war von 1830-31 Louisianas Hauptstadt), alte Läden und Restaurants, von denen viele jetzt geschlossen sind, aber The Grapevine, das im Jahr 2001 eröffnet wurde, scheint zu florieren (mir hat es jedenfalls im Herbst dort geschmeckt).
Unweit vom Zentrum steht auch die riesige katholische Kirche. An einem Ende der Railroad Avenue gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof, die Synagoge überlebt als Handwerkermarkt und das traditionelle Lehman Kaufhaus fungiert seit Jahren als Touristenzentrum und Museum, ist aber immer geschlossen, wenn ich da bin. Ein paar Straßen weiter gibt es jetzt auch ein kleines River Road African American Museum. Mary Gehmans Verlag Margaret Media ist hier angesiedelt und seit einiger Zeit veranstaltet sie eine wöchentliche Talenteshow, die jetzt gerade Pause macht.
Hier fand also am Dienstag Abend eine wilde Filmschießerei statt, die man bei einer Party im Victorian Bed & Breakfast auf der Railroad Avenue beobachten konnte. So viel Aufregung erlebt Donaldsonville nicht oft. Auch unser The River-Festival mit Malerei, Musik, Lesungen, das wir 2001 in unserer River Road Residence veranstaltet haben, kann da sicher nicht mithalten.

Mittwoch, 8. Mai 2013

Polk Salad Annie


Am Anfang stand ein Post auf Facebook mit den Worten Gorgeous - and maybe just right for Ina  (Wunderschön – und vielleicht genau das Richtige für Ina?) und diesem kleinen Video. Es ist ein Lied von 1969, in dem der Sänger Tony Joe White (*1943) Leuten, die sich im Süden nicht so auskennen, eine kleine Geschichte erzählt, von Polk Salad und von Annie, die so arm ist, dass sie sich davon ernähren muss. Ihre Großmutter haben die Alligatoren geholt, heißt es, die Mutter arbeitet in einer chain gang (Sträflingskolonne) und der Vater sagt, er kann nicht arbeiten, weil er Rückenschmerzen hat. 
Der Verfasser und Sänger, Tony Joe White, beschreibt damit ein wenig seine eigene Kindheit, denn er wuchs im Nordosten Louisianas in einfachen Verhältnissen auf, in einem Örtchen namens Oak Grove, das sich unweit des Mississippi in den Sümpfen befindet. 
Was hat es mit diesem Polk-Salat auf sich? Polk salad oder pokeweed sind die jungen Blätter eines Unkrauts names Phytolacca americana (Kermesbeere), das auf den Feldern wächst und hochgiftig ist. Man muss es drei Mal in Wasser kochen, damit es genießbar wird, und, laut Tony Joe White schmeckt es ein bisschen wie Steckrübengrün oder Spinat. Es ist ein echtes Arme-Leute-Essen, und Annie kann sich und ihre Familie nur ernähren, indem sie auf die Wiese geht und ein bisschen Polk Salad pflückt. Kermesbeeren werden bei uns übrigens in der Homöopathie eingesetzt.
Das Lied gehört zu einer Untergattung namens Swamp Rock (Sumpfrock). Elvis Presley hat es gecovert, in sein Standardrepertoire aufgenommen und richtig bekannt gemacht. Da war er dann zwar schon aufgeschwemmt und im strassbesetzten Overall, aber Elvis stammte selbst aus sehr ärmlichen Verhältnissen in Tupelo, Mississippi, nur 300 Kilometer weiter nach Nordosten. (In die Zweizimmerhütte habe ich mal einen Blick hineingeworfen.) 
Tony Joe White hat eine erfüllte Karriere hinter sich, doch bekannt geworden sind seine Lieder meist durch andere, wie auch Rainy Night in Georgia durch Brook Benton, wobei die Fassung von Ray Charles auch sehr schön ist. 
Appetit auf Polk Salad habe ich jetzt zwar nicht bekommen, aber Tony Joe White ist tatsächlich genau das Richtige für mich. Danke, Katy.

Freitag, 3. Mai 2013

Wieder da!

Manchmal gibt es so Phasen, wo sich die Arbeit über alles andere legt, wie der chinesische Liguster, der den ganzen Süden der USA langsam überwuchert oder wie vielleicht die Lava, die sich über Pompei legte. Dann nimmt mich die Arbeit in Beschlag, so dass für andere Gedanken (und Gefühle) kaum Platz ist. Jetzt ist es vorbei.
In New Orleans ist derweil das erste Jazzfestwochenende gekommen und gegangen ebenso wie das Festival International in Lafayette, ein Deutscher (Andreas Raelert) hat knapp den Ironman gewonnen, die junge Lehrerin, die seit Anfang März vermisst wird, ist immer noch nicht gefunden worden, ein um fünf Uhr früh im French Quarter mit einem Gewehr bedrohter Passant hat dieses einfach umgedreht und den Gangster in die Flucht gejagt, wie ein Video zeigt. Es gab Tornadowarnungen und Tornados, Hagel und der Gouverneur Bobby Jindal setzt sich immer noch für Kreationismus an louisianischen Schulen ein.
Mit meinen Studenten habe ich letzte Woche über den Zusammenhang von Baumbestand und Einkommensstruktur eines Stadtviertels diskutiert, den eine Studie der University of Vermont an Hand von Satellitenphotos für Washington, D.C. herstellte (das trifft auch auf andere Städte zu, zum Beispiel New Orleans, weiß ich aus Erfahrung, aber mit Satellitenphotos macht es mehr her). Wir sprachen darüber, ob also Baumpflanzen das Einkommen verbessern würde (wohl nur wenig und langfristig) und warum manche Leute gar nicht mehr Bäume in ihrem Viertel haben wollen (Blätter harken, Pollen für Allergiker, Schatten für Drogenhändler, Angst vor Gentrifizierung). Hier.
Wir haben auch einen Text gelesen, in dem es darum ging, dass nach den Bombenanschlägen in Boston übereifrige Internetsurfer aus den Fotos zwei dunkelhäutige junge Männer mit Baseballkappen und Sporttaschen (fälschlicherweise) als mögliche Täter identifiziert haben, die New York Post hat das auf der Titelseite abgedruckt, und der eine junge Mann erzählte, dass er nicht nur angesprochen und auf Facebook beschuldigt wurde, sondern tatsächlich auch Angst um sein Leben hatte. Wir sprachen also über die Gefahren der sozialen Medien und ob man so etwas hätte verhindern können. Hier.
Ich musste dann noch an etwas Anderes denken. Die Tageszeitung Boston Globe, so wird berichtet, war in diesen Tagen der Angst und Hysterie eine seriöse, unermüdliche Informationsquelle für die Bostoner und stellte seine Internetinhalte kostenlos zur Verfügung. Am 22. April 2013 wurden 60 Kartons mit Pizza an die Nachrichtenabteilung geliefert, als kleiner Akt der Solidarität seitens der Chicago Tribune, die sich für die gute Arbeit bedankten und schrieben: "Ihr macht uns als Journalisten stolz."
Das erinnerte mich an die heldenhafte Arbeit der New Orleans Times-Picayune während Katrina, die in einem Keller rund um die Uhr natürlich nur im Internet publizierten, und den Geflüchteten, Verstreuten und Traumatisierten Informationen und Halt gab. Das kann Journalismus, das kann das Internet -- wenn man es lässt. 
Übrigens sollen sowohl der Boston Globe als auch die Chicago Tribune verkauft werden. Die Times-Picayune ist immer noch die seriöseste Informationsquelle, aber man hat sie minimiert, ausgenommen, seelenlos gemacht. Wenn ich jetzt dort Artikel sehen will, tauchen kleine Fenster mit schreienden Werbefilmen auf Deutsch auf (Haarprodukte usw.), die sich nicht ausschalten lassen.

Samstag, 6. April 2013

Venezuela in New Orleans

Nächstes Wochenende, am 14. April 2013, sind in Venezuela Neuwahlen, denn es wird ein Nachfolger für den verstorbenen Hugo Chavez gebraucht. Zur Wahl stehen sein Parteigenosse Nicolás Maduro und die Opposition in Person von Henrique Capriles Radonski. Natürlich wollen auch dieses Mal die Auslandsvenezolaner die Geschicke ihres Landes mitbestimmen. Schon seit dem letzten Jahr geht das aber nicht mehr von dem Konsulat in Miami aus, denn es wurde 2012 geschlossen, nachdem das State Department den Konsul wegen der möglichen Verwicklung in eine iranische Cyberattacke auf die USA ausgewiesen hatte. 
Das kam sicherlich sehr gelegen, denn Miami war natürlich der Bezugspunkt und Wohnort für viele Venezolaner, die in den USA leben, und wie auch die Exilkubaner setzen sie sich massiv für einen Regimewechsel in ihrem Heimatland ein.
Das Konsulat in New Orleans ist aber geöffnet und laut Berichten sollen 19.500 Venezolaner die 860 Meilen (1400 Kilometer)-Reise von  Miami planen, die viele schon bei den letzten Wahlen im Oktober auf sich genommen haben. Oppositionskandidat Capriles hat in New Orleans sogar einen eigenen Kampagnenchef, der gute Chancen für diesen voraussagt. Schon für die Wahl am 7. Oktober waren fast alle Flüge nach New Orleans ausgebucht, 50 Busse, viele andere Transportmittel waren unterwegs, um die Wähler ins Ernest Morial Convention Center zu bringen, wo die Wahl stattfand. Siehe hier und hier. 
Neben Venezuela unterhalten auch andere lateinamerikanische Länder Konsulate in New Orleans: die Dominikanische Republik (okay Karibik), Ecuador, Bolivien, Uruguay, Estland, Argentinien...
Der Argentinier Federico Fracchia hat drei kurze, aussagekräftige Filme in und über New Orleans gedreht, einen appetitanregenden über das Essen, einen über das Nachtleben und einen über Jazzfest. Reiselustverstärker nannte eine Webseite diese.

Freitag, 5. April 2013

Whatever Works


Woody Allen-Filme jagen mir immer ein schlechtes Gewissen ein, weil ich weiß, dass Europa ihm zu Füßen liegt. Eine Handvoll Amerikaner kennt und mag ihn auch, aber ich... ich werde nicht so richtig warm mit ihm. Dabei versuche ich es immer wieder: Angefangen hat es mit Purple Rose of Cairo in den Achtzigern, tolle Idee, dass der Schauspieler von der Leinwand ins Kinopublikum steigt, aber... Ein Freund verglich mich mal mit Annie Hall, d.h. Diane Keaton, aus dem gleichnamigen Film (auf Deutsch: Der Stadtneurotiker), der ging auch, und es gab noch einige andere. Ich glaube, ich finde es besser, wenn Woody Allen selbst nicht mitspielt, er ist immer so anstrengend, neurotisch und zeterig, ein bisschen wie Louis de Funès aus Der Gendarm von St. Tropez oder auch Fantomas (Oh, die Siebziger!), aber der sah wenigstens irgendwie niedlich aus. Dann hatte ich noch mal Matchpoint versucht, entsetzlich, und seitdem eigentlich nix mehr.
Aber dann diese Woche habe ich, abgeschlafft, geguckt, was so im Fernsehen kommt und habe mir auf Arte Whatever Works (In etwa: Wenn’s funktioniert...!) von Woody Allen angesehen. Dieses Mal vertritt ihn Larry David, der zwar genauso anstrengend, neurotisch und zeterig ist wie W.A. selbst, aber irgendwie hat der Film trotzdem Charme. 
Es geht um die sehr unwahrscheinliche Liebe und Ehe des ältlichen nihilistischen, hypochondrischen, menschenfeindlichen Hauptdarstellers mit einem blutjungen Mädchen aus Mississippi, die von zu Hause ausgerissen ist. Melody heißt sie. Charmant ist der Film einerseits wegen der angenehmen Spielorte (New Yorker Wohnung, Straßenecken, Märkte, Hausboot, schönes Wetter), zweitens wegen Evan Rachel Wood als Melody, die für mich hier ein bisschen eine blonde Audrey Hepburn (Holly Golightly) aus Frühstück bei Tiffany’s gibt, drittens auch wegen ihrer Eltern, die auf der Suche nach ihr und nach einander auch nach New York kommen und, Klischee muss sein, ihre übertriebene Bibelfestigkeit und Prinzipienreiterei in der großen freien Stadt fallen lassen, so wie auch ihre Hüllen und sich selbst entdecken. 
Am Schluss haben alle Beteiligten eine neue Liebe und/oder Liebesform für sich gefunden, die für sie funktioniert, und das ist eben auch die Message: Wenn’s funktioniert...
Gefallen hat mir übrigens auch die Mutter, die, da habe ich aufgehorcht, aus New Orleans stammen sollte. Und siehe da, die Schauspielerin Patricia Clarkson ist in New Orleans geboren und aufgewachsen. Sie ist die Tochter der Stadträtin Jaqueline Clarkson, und ihr Vater arbeitete in der Schulverwaltung. Sie selbst hat an verschiedenen Unis studiert, u.a. auch in LSU und hat einen Master of Fine Art von der Yale University. Sie spielt meistens in Independent-Filmen und bekommt dafür auch regelmäßig Preise (Emmy, Oskar-Nominierung). 2010 ist sie nach der BP-Ölkatastrophe mit einem kleinen Text und Video an die Öffentlichkeit getreten. Sie spricht darin über ihre eigene Kindheit und das Leben an der Golfküste und klagt an, dass eine einzige Firma den Lebensraum so vieler Menschen und Tiere zerstören kann. Sie prangert die ölschluckende Lebensweise der Amerikaner an und bittet sie, sich an ihre Senatoren zu wenden. 
Ich befürchte, das hat nicht funktioniert. Inzwischen hat auch Obama wieder Bohrlizenzen für neue Explorationen vor der Küste Louisianas verkauft. 
Übrigens lief in dem Film auch immer wieder New Orleans Jazz als Filmmusik. Woody Allen hat ja nach New York allerhand Städtefilme gemacht, London, Paris, Barcelona, Rom. Woody Allens New Orleans würde mich schon seeeehr interessieren.
Hier Patricia Clarksons Beitrag. Hier noch für ein paar Tage der Woody-Allen-Film Whatever Works.