Seit ich mir einen Google-Alert eingerichtet habe, erfahre ich über erstaunlich viele New-Orleans-Themenveranstaltungen in deutschen Kleinstädten, gern auch Jazz und Gospel in der Weihnachtszeit, und über viele Sportergebnisse. Aber kürzlich haben einige längere Berichte auf New Orleans aufmerksam gemacht. Der Fernsehsender sixx hatte eine Sendung mit Jamie Oliver in New Orleans, die ich mir allerdings wegen der aufgedrehten Synchronisation nicht ansehen konnte. In der FAZ gab es einen Artikel von Arnold Bartetzky über das Make It Right NOLA-Projekt von Brad Pitt und die jetzige Brigitte hat auch einen kleinen Bericht mit Hochglanzfotos und Reisetipps von Till Raether. Fast könnte man meinen, es sei eine kleine Rehabilitationskampagne im Gange (Tenor: Vielleicht ist ja so eine Katastrophe manchmal gar nicht so schlecht), nachdem New Orleans ausgiebig kritisiert und totgesagt worden war. Brad Pitt, der Begründer des Projekts in der Lower Ninth Ward ist dabei zur Lichtgestalt erklärt worden, vielleicht das deutsche Architekturbüro Graft da mit drin hängt?
Tatsächlich habe ich New Orleans bei meinem letzten Besuch zwiespältig wahrgenommen. Einerseits war die rege Aktivität, das neuere, sauberere Image, die Professionalisierung, Kommerzialisierung beeindruckend und versöhnte mich fast mit ebenjenen Tendenzen hier in Berlin. Und andererseits schließt es, ebenso wie hier, immer wieder Alteingesessene aus, zerstört auch Gewachsenes, was vorher da war.
Dem Brad-Pitt-Projekt hatte ich sehr kritisch gegenüber gestanden, da es für mich auf einem Tabula-Rasa-Prinzip beruhte, nämlich davon ausging, dass man in der Lower Ninth Ward auf dem Nichts aufbauen konnte, weil viele Häuser fast völlig zerstört waren. Und so abgehoben und utopisch sehen einige der Hausentwürfe auch aus, die fast nichts von der langen und breiten Architekturtradition der Stadt berücksichtigten, außer vielleicht Begriffe wie Terrasse abhakten. Als wir aber dann vor ein paar Jahren dort vorbeifuhren, standen die ersten paar Häuser inmitten einer Freifläche und davor standen ein paar glückliche Bewohner und winkten uns zu und das ganze Projekt mit seiner Nachhaltigkeit und Umweltfreundlichkeit beeindruckte uns vor allem auch im Vergleich zu den eng gedrängten Holzhäusern im Musician's Village, das die christliche Freiwilligenorganisation Habitat for Humanity erbaut hat.
Dieses Mal standen noch mehr verrückte, bunte Häuser in diesem Nichts und als wir so mit touristischem Blick langsam vorbeifuhren, kam hinter uns eine junge Frau wild hupend angefahren und brauste wütend und mit absurd überhöhter Geschwindigkeit an uns vorbei -- road rage inmitten der Pampa. Meine Begleiterin meinte, sie hätte auch gern so ein Haus, denn die Leute hätten ausgesorgt. All das klingt dann wieder nicht ganz so nachhaltig für mich, und die Nachbarn, Schulen, Läden, Apotheken und was man so braucht, kann auch Brad Pitt nicht herbeizaubern.
Sollte er vielleicht auch nicht, denn die Lower Ninth Ward ist an zwei Seiten von Wasser umgeben und eines der verwundbarsten Viertel der Stadt; deshalb wurde sie auch als eines der letzten Viertel besiedelt... Andere Viertel wie Treme sind lebendig und bunt und gentrifiziert geworden. Im Faubourg Marigny hatte diese Entwicklung schon vor ca. 10 Jahren begonnen, nicht erst nach Katrina, wie der Brigitte-Autor schreibt.
All dies lässt mich auch an Berlin denken, um dessen Zukunft (und noch mehr: um dessen Seele) ich im wild entfesselten Kapitalismus bange. So vieles hat Berlin schon überlebt: den Krieg, dessen Wunden zumindest im Osten noch bis vor Kurzem sichtbar waren, die Teilung, die Wiedervereinigung... Also wird es wohl auch das Schloss und die ausländischen Immobilienhaie überleben? Und New Orleans überlebt sowieso, wenn auch immer anders.
Allerdings: Mit den Jahren ist das Restaurant Coop's Place (mit den besten Creole Green Beans) ohnehin immer touristischer geworden, aber jetzt, wo es selbst in der Brigitte erwähnt wird, kann man da wohl wirklich nicht mehr hingehen...
Sonntag, 6. Januar 2013
Freitag, 4. Januar 2013
Mardi Gras in der Straßenbahn
Kaum sind die Jahresendfestivitäten vorbei, beginnt in New Orleans schon die schönste Festsaison, der Karneval, der dieses Jahr nur bis 12. Februar dauert. Los geht es in der 12. Nacht, also am Dreikönigstag, 6. Januar, mit zwei Umzügen, der Krewe de Jeanne d'Arc, die seit einigen Jahren am Geburtstag derselben mit mittelalterlichen Kostümen und Zubehör der Schutzpatronin der Stadt gedenkt. Ein anderer Verein sind die Phunny Phorty Phellows (Funny Forty Fellows -- Lustige vierzig Typen), die seit den 1980er Jahren ihren Umzug in der Straßenbahn auf der Canal Street vollführen. Das nenne ich nachhaltig und umweltfreundlich!. Ihre Leib- und Magenband sind die Storyville Stompers. Hier ein Video und mehr Details.
Als ich im September in New Orleans war, habe ich für meinen Freund Tino Kotte vom Verkehrsclub Deutschland ein paar Fotos zur Verkehrssituation gemacht.
Hier die neuen Straßenbahnen, die seit ein paar Jahren wieder auf der Canal Street fahren.
Ein Exemplar der alten Straßenbahn, die auf der St. Charles Avenue fahren. Hier nahe der Endstation auf der Carrollton Street mit kleiner Statue einer Straßenbahn daneben. Diese gibt es auch erst seit ein paar Jahren, aber ich finde diese Miniaturen herzallerliebst.
Fotografiert habe ich auch diese sharrows (zusammengesetzt aus share + arrow, teilen + Pfeil), die seit ein paar Jahren in Louisiana eingeführt wurden, damit Autofahrer darauf aufmerksam gemacht werden, dass sie die Straße mit den Radfahrern teilen müssen. Mir gefällt der Gedanke sehr, Tino Kotte war skeptisch, dass das funktioniert. Ich habe mehr Radfahrer gesehen als sonst ohnehin schon, auch auf den Straßen mit sharrow. Hier Magazine Street im Warehouse District.
Auf der Carrollton St. habe ich auch diesen Mann mit Rollstuhl auf dem Fahrradstreifen gesehen. Nun hat ja New Orleans im Gegensatz zu anderen amerikanischen Städten fast durchgehend Bürgersteige, aber oft sind sie schmal, und der Beton ist durch die alten Bäume und möglicherweise auch Überschwemmungen aufgebrochen und sehr unwegsam.
An der Carrollton St. /Ecke S. Claiborne habe ich diesen Bus gesehen und wie der junge Mann sein Fahrrad in den Ständer vorn eingehängt hat und dann eingestiegen ist. Ich war begeistert und mir gefiel auch, dass so ein Bus nicht immer ganz nagelneu sein muss. Tino Kotte war wieder skeptisch und meinte, das widerspräche dem Prinzip des Öffentlichen Nahverkehrs, denn am besten sollte er die ganze Strecke mit dem Fahrrad fahren und nicht sein Fahrrad transportieren lassen. Andererseits weiß ich auch, dass die Busse im allgemeinen nicht sehr zuverlässig und oft auch keine Fahrpläne ausgehängt sind. Als ganz früher auf der Canal St. noch Busse statt Straßenbahnen fuhren, kamen die allerdings ziemlich oft.
Als ich im September in New Orleans war, habe ich für meinen Freund Tino Kotte vom Verkehrsclub Deutschland ein paar Fotos zur Verkehrssituation gemacht.
Hier die neuen Straßenbahnen, die seit ein paar Jahren wieder auf der Canal Street fahren.
Ein Exemplar der alten Straßenbahn, die auf der St. Charles Avenue fahren. Hier nahe der Endstation auf der Carrollton Street mit kleiner Statue einer Straßenbahn daneben. Diese gibt es auch erst seit ein paar Jahren, aber ich finde diese Miniaturen herzallerliebst.
Auf der Carrollton St. habe ich auch diesen Mann mit Rollstuhl auf dem Fahrradstreifen gesehen. Nun hat ja New Orleans im Gegensatz zu anderen amerikanischen Städten fast durchgehend Bürgersteige, aber oft sind sie schmal, und der Beton ist durch die alten Bäume und möglicherweise auch Überschwemmungen aufgebrochen und sehr unwegsam.
An der Carrollton St. /Ecke S. Claiborne habe ich diesen Bus gesehen und wie der junge Mann sein Fahrrad in den Ständer vorn eingehängt hat und dann eingestiegen ist. Ich war begeistert und mir gefiel auch, dass so ein Bus nicht immer ganz nagelneu sein muss. Tino Kotte war wieder skeptisch und meinte, das widerspräche dem Prinzip des Öffentlichen Nahverkehrs, denn am besten sollte er die ganze Strecke mit dem Fahrrad fahren und nicht sein Fahrrad transportieren lassen. Andererseits weiß ich auch, dass die Busse im allgemeinen nicht sehr zuverlässig und oft auch keine Fahrpläne ausgehängt sind. Als ganz früher auf der Canal St. noch Busse statt Straßenbahnen fuhren, kamen die allerdings ziemlich oft.
Montag, 31. Dezember 2012
Beasts of the Southern Wild
In den letzten arbeitswütigen Tagen habe ich für das Museum
of Modern Art übersetzt, dessen Sammlung auch virtuell besucht werden kann,
unter diesem Link. Auch aus (oder über) Louisiana finden sich dort Werke, vor
allem auch Fotografien aus New Orleans von Henri Cartier-Bresson, Lee
Friedlander und Walker Evans und natürlich von E.J.Bellocq, der für seine Fotos
aus Storyville Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt ist. Etwas Malerei ist auch
dabei und – Film, so Robert Flahertys (1884-1955) Dokudrama-Klassiker Louisiana Story von 1948. In diesem Schwarzweißfilm zeigt die Kamera die wilde und
exotische, damals noch unberührte, Landschaft Louisianas und die wilden und
exotischen Cajuns, die sie bewohnen. Aus ihrer Armut und ihrem autarken Leben
werden diese durch die Ankunft der Ölindustrie herausgerissen, die
Erkundungsbohrungen durchführt. Natürlich sind die Ölarbeiter alle freundlich
und helfen den naiven Cajuns aus ihrem Elend (der Film wurde von Standard Oil
gesponsort). Zu sehen ist die aufregende Beziehung zwischen moderner Technik
und Fortschritt und dem Naturreichtum der Region, aber es gibt auch einen
Moment der Wehmut, denn es ist auch ein Abschied und ein Eintritt in eine neue
Welt.
65 Jahre später ist das alles längst Alltag. Vor kurzem hat
die BP-Ölkatastrophe weite Teile des Golfs von Mexiko verseucht und die Folgen
sind immer noch spürbar. Abgesehen davon verliert Louisiana ständig an Boden,
mit jedem Hurrikan noch viel mehr, unter anderem weil die Explorationskanäle
der Ölfirmen die Marschen zerstören und das eindringende Salzwasser die
rettende Natur (Pflanzen und auch Tiere) auffrisst.
Insofern ist der Film Beasts of the Southern Wild, den Ihr
auch alle sehen müsst, eine moderne Fortsetzung der Louisiana Story, denn hier geht es genau darum, dass die Menschen ihre Heimat an das Wasser verlieren und aber partout nicht gehen wollen.. Auch vor
Ort mit Laiendarstellern gedreht und ebenso ein gewissermaßen politischer Film,
mit einer Aussage, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Vor allem aber
ist ein großer, aufwühlender Film mit packenden Bildern, in dem ein kleines
Mädchen namens Hushpuppy ihr Leben in den Kontext ihres Landes, das sie
vergessen hat, in den globalen Kontext mit Erderwärmung und aber auch in die
Menschheitsgeschichte einordnet.
Das ist für einen Debütfilm (von Benh Zeitlin – sollte man
sich merken) ein starkes Stück und gelingt irgendwie auch. Der Film ist experimentell und independent, ohne
zynisch oder sarkastisch zu sein, sondern leidenschaftlich und ja, vielleicht
auch pathetisch. Das Bild von Louisiana ist nicht authentisch: nein, auch dort
wohnen die Menschen nicht in Verschlägen, die nach einem Tobsuchtanfall genauso
aussehen wie vorher usw. Aber er baut auch nicht auf Klischees, sondern
vielmehr auf kulturelle Praktiken, die man für den hiesigen Zuschauer
vielleicht erklären müsste.
Mein Begleiter, der mich sogar vor langen Jahren in
Louisiana besucht hat, empfand den Film zunächst wie eine Glorifizierung der
Unterschicht, auch weil in den Untertiteln ein Übersetzungsfehler war (es ging
nicht darum, dass man dort mehr frei hat und ergo weniger arbeitet als irgendwo
auf der Welt, sondern darum, dass es mehr Feste gibt -- im Hintergrund war ein
glanzloser Mardi-Gras-Umzug zu sehen). Die Krebse und Krabben werden natürlich
vor dem Verzehr gekocht, in großen Töpfen mit Kartoffeln und Gemüsen und
scharfen Gewürzen, und dann auf mit Zeitungen bedeckten Tischen aufgehäuft, man
isst mit der Hand und das ist nicht fein. Die ganz Harten saugen auch den Kopf
aus. Nach meinem ersten Crawfish boil träumte ich, dass mir Krebse innerhalb
meiner Jeans an den Beinen entlangliefen.
Der Schauplatz The Bathtub (Die Badewanne) ist ein
erfundener Ort, doch nach Katrina wurde auch New Orleans als „Metropole in Form
einer Badewanne, ohne Stöpsel“ bezeichnet. Inspiriert wurde die Geschichte aber
auch von der kleinen Insel Isle de Jean Charles in Terrebonne Parish, einem
Indianerreservat, das mit jedem Jahr mehr im Wasser versinkt und wo die Einwohner
sich trotzdem nicht vertreiben lassen. Hier ein Ausschnitt aus einem aktuellen
Dokumentarfilm darüber, Last Stand on the Island.
Biester oder Bestien, wie im Titel genannt, gibt es
verschiedene. Zunächst wären da die Kreaturen, die immer laut schnaufend durch
die Träume der kleinen Hauptfigur Hushpuppy ziehen; ich hielt sie den ganzen
Film lang für überdimensionierte Wildschweineber, aber es sollten wohl doch
Auerochsen sein. Dann wären da die Tiere, mit und von denen die Menschen dort
leben und dann sind sie aber auch selbst irgendwie Tiere, zumindest in den
Augen der Behörden, die sie retten wollen. Ein Hinweis darauf ist auch die eine Szene, in der die kleine Hushpuppy versucht, beim Essen eine Krabbe zu zerteilen, und ihr Vater und schließlich auch die anderen Dorfbewohner sie anfeuern, indem sie ihr "Beast it" zubrüllen, (also in etwa: Mach's mit roher Gewalt).
Freunde meinten zu mir, es sei ein Film über den
Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Autarkie. Für mich ist es aber auch
gewissermaßen ein Heimatfilm, der die eigene bedrohte Heimat in
einen größeren Kontext stellt und der die Kraft von gewachsenen Beziehungen und
Gemeinschaften besingt. Wegen der Bilder sollte man den Film auf einer großen
Leinwand sehen und sehr lange läuft er wohl nicht mehr. Für die beiden
Hauptdarsteller, die auch in Sundance und in Cannes dabei waren, ist jetzt
wieder Normalität eingekehrt. Die winzige Quvenzhané Wallis ist eine kleine
Glamourdame geworden und ihr Filmvater Dwight Henry betreibt eine gut gehende
Bäckerei in New Orleans. Hier und hier Interviews mit ihnen.
Im Gambit Weekly wurde der Film zu einem der besten von 2012 gekürt (und für mich ist er das auch). Dort heißt es: New Orleans filmmaker Benh
Zeitlin and his ragtag crew made history with a magical and utterly original
work of Louisiana art.
Happy New Year allerseits!
Montag, 24. Dezember 2012
Weihnachtsfeuer
Wenn man in diesen Tagen westlich von New Orleans auf der
River Road entlangfährt, wird man vor allem in St. James Parish, der früher
so genannten German Coast, am Ufer des Mississippi steil aufgeschichtete, tipiförmige
Holzkegel sehen. Diese dürfen nicht höher als 18 Fuß oder 6 Meter sein und
müssen offiziell angemeldet werden. Am Heiligabend um 19 Uhr werden sie alle
gleichzeitig angezündet, mehr als 100 sollen es sein. Der Effekt ist dramatisch
und bewegend, eine beinah existentielle Erfahrung. Ein Brauch
der Cajuns mit ungeklärten Wurzeln, der sich inzwischen auch als
Touristenattraktion herumgesprochen hat.
In diesem Jahr allerdings ist so schlechtes Wetter angesagt
(zwar um die 20 Grad, aber Regen, Tornados), dass die Feuer möglicherweise
ausfallen oder auf Silvester verschoben werden müssen.
Wo Ihr auch seid: Joyeux Noël und Frohe Weihnachten! (Fotos auch unter "Cajun Bonfire")
Sonntag, 23. Dezember 2012
Das Eine-Million-Dollar-Block-Projekt
Ein Grund, warum ich meinen Beruf so liebe, ist, dass ich
unfreiwillig die interessantesten Sachen lerne. Das Museum of Modern Art in New
York zum Beispiel, für das ich gerade (ja, leider auch am Sonntag vor Weihnachten)
Auszüge aus dem Katalog übersetze, hat die ungewöhnlichsten und aufregendsten
Ausstellungsstücke. Dazu gehört auch ein Ausdruck des
Eine-Million-Dollar-Block-Projekts des Instituts für Architektur, Planung und
Erhaltung (Graduate School of Architecture, Planning and Preservation) der New
Yorker Columbia University.
Das Million Dollar Block-Projekt visualisiert Daten des
Strafjustizsystems pro „Block“, d.h. pro von Straßen an allen Seiten
eingegrenzter Straßenzug. Wenn man nämlich auf diese Weise visualisiert, woher
die ca. 2 Millionen Gefängnisinsassen in den USA stammen, dann leuchten einige
Viertel knallrot auf. Zugleich sind das die Blocks, in denen der Staat
statistisch gesehen mehr als eine Million Dollar ausgibt, um dessen Bürger hinter Gitter zu sperren. Und das ist ausnahmslos immer mehr
Geld, als in diesem Viertel in Infrastrukturmaßnahmen und öffentliche Einrichtungen investiert wird. Somit, so die leitende Professorin Laura Kurgan,
überlässt man die öffentliche Sicherheit in jenen Vierteln der Justiz, und das
funktioniert natürlich nicht.
Der Projektausdruck im MoMA stammt schon von 2006. Seitdem
hat das Projekt auch schon etwas bewirkt, zum Beispiel in New Haven,
Connecticut, wo ehemalige Häftlinge durch Wiedereingliederungsmaßnahmen eine
temporäre Wohnung und eine Berufsausbildung erhalten und damit eine Chance für
einen Neuanfang erhalten.
Im Stadtteil Central City in New Orleans werden sogar 5 Millionen
Dollar für das Einsperren der jungen Männer investiert. Mit 316 Morden auf
100.000 Einwohner im Jahr 2007 sind ganze Straßenzüge dort die tödlichsten Gebiete
der USA. Im selben Jahr kamen 55 Einwohner ins Gefängnis und 211 brachen die
Schule ab. Noch 2009 hatte Central City gehofft, einer der 20 „Promise
Neighborhoods“ (Vielversprechenden Kieze) zu werden, die für Bildungs- und
andere Programme Geld aus Washington bekommen. Das hat nicht geklappt. Zwar gibt es inzwischen einige andere Projekte, aber noch lange nicht genügend. Dafür gibt es Kirchen, in denen man für einen Job beten kann, und es gibt die Bauunternehmerin Candice McMillian, die sich aus der Armut hochgearbeitet hat und immer noch in Central City lebt, um Jobs gleich den Bedürftigen geben zu können. Und das funktioniert, wie sie erzählt. Hier.
Veröffentlicht hat das Million Dollar Block-Projekt seine Ergebnisse übrigens in einer Broschüre mit dem Titel Architecture and Justice. Ich überlege noch, was hier die richtige Übersetzung ist: Architektur und Justiz oder Architektur und Gerechtigkeit... ?
Samstag, 22. Dezember 2012
Chanukka-Bounce
Als ich vor Jahren in Israel war, fiel Chanukka genau um
Weihnachten, so dass ich den Heiligabend auf einer Chanukka-Party verbringen
konnte. Dieses Jahr war Chanukka schon vom 8. bis 16. Dezember. Es ist das Fest, bei dem an acht aufeinander folgenden Tagen jeweils eine Kerze angezündet
wird, bis alle acht brennen. Dieses Lichterfest erinnert daran, dass bei der
Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem das Öl nur für einen Tag
ausreichte und dann wunderbarerweise doch acht Tage brannte. Man isst Latkes
(Kartoffelpuffer) und die Kinder spielen mit dem kleinen Dreidel (Kreisel), der
auf seinen vier Seiten je ein hebräisches Schriftzeichen hat.
Vor dem Brandenburger Tor leuchtet um diese Zeit immer
eine Menorah, von der chassidischen jüdischen Vereinigung Chabad Lubawitsch
aufgestellt. Das erste Mal über die Chabad Lubawitsch gehört habe ich vor langer Zeit auf dem Campus der Tulane University, wo sie zum Laubhüttenfest
(Sukkot) im September eine kleine Laubhütte aufgestellt hatten. Dort erzählten
sie mir, dass sie sich gerade auch in Berlin niedergelassen hätten.
Im Bevölkerungsmix von New Orleans sind die Juden eine
bedeutende Gruppe. Die Stadt beherbergt die älteste Gemeinde des Südens der
USA; das Touro-Hospital, das JCC (Jüdische Gemeindezentrum) sind wichtige
Institutionen: ein kleiner Friedhof steht mitten in Uptown und daneben seit 1922 Langenstein's Supermarket. Durch Katrina sind viele Juden weggezogen, so auch die jüdischen
Mitglieder der New Orleans Klezmer All-Stars, die Klezmer sozusagen mit Jazz versetzten und sich dazu schwarze Musiker
aus Jazz- und Funkkapellen an Bord holten.
Die transgender Bounce-Musikerin Katey Red hat den Spieß
jetzt sozusagen umgedreht und zu Chanukka einen "Dreidel-Song" aufgenommen.
Bounce ist die schnelle, aggressive, sexuell aufgeladene Form des Hiphop, die
für New Orleans seit Jahrzehnten typisch ist und sich aber darüber hinaus wohl kaum verbreitet hat. Laut Internet sollen die Ruf-und-Antwort-Tradition und auch Gesänge der
Mardi Gras Indians darin eingeflossen sein. Neben Katey Red sind auch Big Freedia und andere Künstlerinnen transgender (was für den Hiphop mit seinem Machismus doch selten ist); die tatsächlich
weibliche Künstlerin Magnolia Shorty wurde 2010 erschossen. Bewundernswert ist beim Bounce das typische schnelle Hinternschütteln der Frauen. Dabei, habe ich
gelesen, kommt es gar nicht so sehr auf den Hintern selbst an, sondern viel mehr auf die Knie
und die Beine. Hier also Katey Red mit dem Dreidel-Song (gerade noch so jugendfrei). Hier das Original.
Only in New Orleans...
Donnerstag, 20. Dezember 2012
Geschenktipps
Kurz vor Weihnachten auch vor mir ein paar Geschenktipps, zum Verschenken, aber vielleicht auch
zum Beschenkenlassen. Bücher, Filme, CDs.
Essays für jung gebliebene, an amerikanischer Kultur
Interessierte und solche, die wissen wollen, was genau amerikanische Kultur
ist:
John Jeremiah Sullivan: Pulphead. Übersetzt von Thomas
Pletzinger und Kirsten Riesselmann. Suhrkamp. Meine Rezension --> hier.
Klassiker für jeden Haushalt (wer Madame Bovary oder Effi
Briest im Regal hat, sollte dieses Buch unbedingt dazu stellen, wo es mit seinem roten Einband toll zur Geltung kommen wird):
Kate Chopin: Das Erwachen. Übersetzt von Barbara Becker et. al.
Überarbeitet von Karen Nölle und Christine Gräbe. Edition Fünf. Meine Rezension --> hier.
Urkomische Vignetten des Alltags aus dem New Orleans der
90er und 2000er Jahre (auf Englisch):
Andrei Codrescu: New Orleans, Mon Amour. Algonquin Press.
Romantischer, rasanter Krimi aus den Achtzigern:
The Big Easy. New
Orleans in den Achtzigern und eine Liebesbeziehung, wo die Frau (Ellen Barkin)
eher unkonventionell und rätselhaft schön ist und der Körper des jungen Dennis
Quaid von der Kamera gefeiert wird.
Biografie und Zeitgeschichte in einem (auf Englisch):
Alice Kessler-Harris: A Difficult Woman. Bloombury Press. Meine Rezension --> hier.
Musik für Kinder, zum Tanzen, Rumalbern, auf dem Teppich
herumliegen und genießen:
New Orleans Playground (Putumayo). Zusammenstellung von
New-Orleans-Klassikern, die auch Kinder gern hören.
Sprachwitziger Krimi:
Sara Gran: Die Stadt der Toten. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer. Meine Rezension --> hier.
Spannung für Seitenfresser:
Stephen King: Der Anschlag. Übersetzt von Wulf Bergner. Heyne. Meine Rezension --> hier.
Katrina-Dokumentarroman:
Dave Eggers: Zeitoun. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus
Timmermann. Kiepenheuer & Witsch. Meine Rezension --> hier.
Spröder, witziger New-Orleans-Klassiker:
John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten. Übersetzt
von Alex Capus. Klett-Cotta. Meine Rezension --> hier.
Kleine Geschichte der freien Schwarzen und damit einer
Besonderheit der Stadt (auf Englisch):
Mary Gehman: The Free People of Color of New Orleans. Margaret Media.
Großer amerikanischer Weihnachtsfilmklassiker, den ich diese
Woche mit meinen Studenten vier Mal gesehen habe und immer noch mag:
It's a Wonderful Life. (Ist das Leben nicht wundervoll?) mit
James Stewart.
Und hier noch ein Buch, das ich mir wünsche:
Richard Sexton, Randy Harelson, Brian Costello: New Roads
and Old Rivers. LSU Press.
Prachtvoller Bildband über den historischen und malerischen
Landkreis Point Coupee westlich des Mississippi, 1-2 Stunden nördlich von New
Orleans. Bei der Lesung im September kam ich mit den Autoren ins Gespräch,
während andere Besucher meist fünf oder mehr signierte Bücher mit nach Hause
nahmen. Kostet 45 Dollar.
Sonntag, 16. Dezember 2012
John Jeremiah Sullivan: Pulphead
Im deutschen Feuilleton wird John Jeremiah Sullivan als neuer amerikanischer Starautor gefeiert. Dabei ist Pulphead erst sein zweites Buch und sein erstes, Blood Horses. Notes of a Sportswriter’s Son, war zwar auch in
den USA ein Erfolg, ist aber auf Deutsch noch nicht erschienen. Sullivans Texte
entstammen Magazinen wie dem Gentlemen Quarterly, Harper’s und dem Oxford
American und sind für den Band noch einmal intensiv überarbeitet worden. Besonders in ihrem Zusammenwirken eröffnen die Essays dem deutschen Leser ein interessantes,
unbekanntes, komplexes Panorama amerikanischer Kultur.
Der Autor schreibt gewissermaßen vom Rande her, nicht von den geografischen Rändern, der
Ost- und der Westküste, die das eigentliche Zentrum der USA darstellen,
sondern vom Inland, aus der Provinz, tief aus dem Herzen Amerikas, aus dem alten Süden. Sullivan ist in dem Dreieck
von Indiana (na gut, Mittelwesten), Kentucky und Tennessee aufgewachsen, wo er
an der University of the South in Sewanee studierte. Jetzt lebt er in
Wilmington, North Carolina, und somit doch an der Küste. Wenn man von New Orleans aus guckt, ist das mit dem Süden natürlich so eine
Sache, denn zwar gehört Kentucky, woher die alteingesessene, verzweigte, tief verwurzelte Familie Sullivans seit langer Zeit stammt, historisch und politisch auch zum
Süden, aber es ist sozusagen geografisch gesehen der Norden des Südens, mit
einer Ehrwürdigkeit und Traditionalität, die in Südlouisiana immer mit
Fluidität und Hybridität, dem Kreolischen also, einhergeht.
Sullivans Texte sind eine Mischung aus Reportage, Essay und
Artikel, versetzt mit autobiografischem Erleben. Das „Ich“-Sagen trauten sich Autoren hierzulande nicht, habe ich in einer Kritik gelesen. Aber
vielmehr verarbeitet er doch das Persönliche kunstvoll und mit einem gewissen
Lehrmodus zu einer größeren Aussage (statt beispielsweise
fiktional) und das ist das Besondere, denn „Ich“ sagen auch unzählige deutsche Zeitgeist-Kolumnen. Die Themenwahl ist ungewöhnlich: Popmusik,
Naturgeschichte, Fernsehen, Literatur... und alle werden mit demselben geschliffenen Stil beschrieben, der Beitrag über
den letzten der Wailers ebenso wie der über den Naturforscher Rafinesque aus
dem 19. Jahrhundert.
Als Übersetzerin habe ich das Deutsche natürlich besonders
aufmerksam gelesen und meine seitenlangen Notizen in eine knappe
Übersetzungskritik (meine Kolumne Botschaft aus Babel) für die Ausgabe 2/2012
der Zeitschrift Bücher kondensiert, aber einiges will ich hier noch ergänzen. Sullivans
Essays basieren auf persönlichem Erleben und auf Recherche, und somit einer
sinnlichen Anschaulichkeit, die dem Übersetzer natürlich fehlt, der
üblicherweise auch nicht mit dem spezifischen Erfahrungsgemenge aus
Christlichem Rock, Botanik, Fernsehserien usw. ausgestattet ist. Deshalb waren
am Deutschen vielleicht so viele beteiligt: Übersetzt haben Thomas Pletzinger
und Kirsten Riesselmann unter teilweiser Mitarbeit von Tobias Schnettler;
lektoriert haben Heinrich Geiselberger und Karsten Kredel. Die Übersetzung ist
gut, hat tolle Lösungen gefunden (von denen ich einige in dem Bücher-Artikel nenne), und ich habe so einiges gelernt.
Und doch scheint sich die deutsche Ausgabe
eher an Leser einer bestimmten Altersgruppe zu richten, vermutlich die der Lektoren und Übersetzer selbst: Mittdreißiger, gebildet, mit den USA durchaus
vertraut. Das ist schade und im Englischen nicht so eindeutig. Gut, für den Titel Pulphead* wäre mir auch
nichts eingefallen. Doch das Deutsche klingt immer wieder flapsiger,
umgangssprachlicher, auch vulgärer als das Original, das höchstens durch die Themenwahl eine gewisse Vorauswahl trifft. Auch die Reihenfolge der Essays ist verändert worden.
Während die britische Version der amerikanischen Abfolge folgt (die mir am schlüssigsten erscheint) und am Ende
noch "Hey Mickey!" (den Disney-World-Text) als Epilog mit hineinbringt, nimmt
das Deutsche diesen in die Mitte mit hinein, bringt Axl Rose weiter vorn und
ordnet anderweitig um, auch womöglich in dem Bestreben, ein jüngeres
Publikum zu erreichen. Dabei hat gerade der Axl-Rose-Artikel mir zum Beispiel den
weiteren Einstieg in den Band schwergemacht.
Interessant ist auch die Gestaltung des Buches. Im Amerikanischen in gediegenen Tarnuniformfarben, mit vagen, lichtdurchfluteten Bäumen im Hintergrund und einem hängenden Schildchen mit einer Wolfszeichnung drauf. Die britische Aufgabe ist knallorange, mit rot-weißer, geometrischer Schrift, das Deutsche von der Form her ganz ähnlich, aber in Blau-Rot-Weiß, also poppiger.
Interessant ist auch die Gestaltung des Buches. Im Amerikanischen in gediegenen Tarnuniformfarben, mit vagen, lichtdurchfluteten Bäumen im Hintergrund und einem hängenden Schildchen mit einer Wolfszeichnung drauf. Die britische Aufgabe ist knallorange, mit rot-weißer, geometrischer Schrift, das Deutsche von der Form her ganz ähnlich, aber in Blau-Rot-Weiß, also poppiger.
Der Untertitel Dispatches (Depeschen) from the other side of America bzw. Notes from..., also von der anderen Seite Amerikas, wird im
Deutschen Vom Ende Amerikas, eine
Wertung, die erstens das Original nicht vornimmt, wie übrigens auch der
„heruntergekommene Süden“ im
Klappentext, zweitens wie der Spiegel schreibt, nach typisch „old Europe“ klingt,
drittens nach dem latenten Antiamerikanismus, der in deutschen Medien so präsent ist.
Über Rafinesque heißt es an einer Stelle, er habe sich die
leichte Ungenauigkeit seines ausländischen Tonfalls zunutze gemacht „und fand
wirkungsvolle Bilder, auf die Muttersprachler nicht gekommen wären“. Ähnlich
schafft ja auch die Übersetzung manchmal fast ungewollt schöne, literarische
Effekte. Mir hat zum Beispiel diese Passage gefallen, unter anderem wegen der
schönen Umlauthäufung im Deutschen, die auch fürs Auge ein kleines Fest ist. Es geht um
Audubon und Rafinesque:
Er führte ihn zur Schnepfenjagd
in ein kilometertiefes Schilfdickicht, wo es dunkel und stürmisch wurde, wo sie
von einem Jungbären gestreift wurden, das Schilf in der drückenden Schwüle wie
Gewehrschüsse knallte und wo „sich verwelkte, am Röhricht hängende Blatt- und
Rindenpartikel an unsere Kleidung hefteten“ (S. 395).
Aufmerksam gemacht hat man mich auf das Buch wegen des „NOLA
content“ (New Orleans, Louisiana, -Inhalt), wie es in der Adresszeile hieß. Das stimmt in dem Sinne nicht.
Natürlich taucht der Name New Orleans immer wieder auf, denn Künstler des
Südens, und Musiker erst recht, kommen um die Stadt nicht herum. Es gibt auch einen kurzen, impressionistischen Essay über die Situation kurz nach Katrina,
aber der spielt an der Golfküste in Mississippi, die den Hurrikan direkt mit
der Breitseite abbekommen hat und zum Teil einfach unauffindbar weggeschwemmt
wurde (ich jedenfalls habe einige vertraute Häuser nicht wieder finden können,
nicht einmal die Stelle, an der sie standen). Das war furchtbar und Sullivan
schreibt einfühlsam über den Überlebungswillen, den Erfindergeist und auch die
Demut der Katrinaopfer in einer Notunterkunft. (Mit diesen Worten versuche ich
hier das schöne Wort „resilience“ zu erklären, das in einem Trailer für den
lang erwarteten Film Beasts of the Southern Wild mit „Sturheit“ übersetzt wird.)
Der Essay endet mit der ausführlichen Schilderung eines Zwischenfalls auf der Rückfahrt, beim Anstehen nach Benzin, als man Sullivan beschuldigte, sich vorgedrängelt zu haben. Im Kontrast zu der Solidarität der wirklichen Opfer untereinander, die alles verloren haben, zeigt sich hier, wo die Amerikaner, die vielleicht gar nicht direkt von der Katastrophe betroffen waren, wirklich fuchtig werden: wenn das Benzin knapp ist.
Der Essay endet mit der ausführlichen Schilderung eines Zwischenfalls auf der Rückfahrt, beim Anstehen nach Benzin, als man Sullivan beschuldigte, sich vorgedrängelt zu haben. Im Kontrast zu der Solidarität der wirklichen Opfer untereinander, die alles verloren haben, zeigt sich hier, wo die Amerikaner, die vielleicht gar nicht direkt von der Katastrophe betroffen waren, wirklich fuchtig werden: wenn das Benzin knapp ist.
Kurzum: Sullivan analysiert, beschreibt, schildert schonungslos, auch mit Witz, sein Land und
dessen Realität, ohne es jedoch zu denunzieren. Und deshalb kann man dieses Buch gern
jemandem unterm Baum bescheren.
* Zur Bedeutung: „Pulpheads“ sind fanatische Anhänger von „pulp fiction“, d.h. nicht dem Quentin-Tarantino-Film der 1990er Jahre, sondern des Genres. Eigentlich bedeutet „pulp“ auch Fruchtfleisch oder eben die Pulpe, der Brei bei der Papierherstellung. Diese Art reißerischen Groschenromane wurden auf unfertigem, stark holzhaltigem Papier gedruckt, Raymond Chandlers Romane zum Beispiel. Bei „pulphead“ schwingt für mich auch eine gewisse Selbstironie mit, als ob der Konsum solcher Literatur, oder wie bei Sullivan solcher Kultur, das Gehirn ein wenig aufgeweicht hätte.
* Zur Bedeutung: „Pulpheads“ sind fanatische Anhänger von „pulp fiction“, d.h. nicht dem Quentin-Tarantino-Film der 1990er Jahre, sondern des Genres. Eigentlich bedeutet „pulp“ auch Fruchtfleisch oder eben die Pulpe, der Brei bei der Papierherstellung. Diese Art reißerischen Groschenromane wurden auf unfertigem, stark holzhaltigem Papier gedruckt, Raymond Chandlers Romane zum Beispiel. Bei „pulphead“ schwingt für mich auch eine gewisse Selbstironie mit, als ob der Konsum solcher Literatur, oder wie bei Sullivan solcher Kultur, das Gehirn ein wenig aufgeweicht hätte.
Dienstag, 11. Dezember 2012
Ich und Janis Joplin
1977 bekamen wir unseren STERN-Rekorder, ein schweres, aber tragbares Gerät mit hölzernem Holzfurniergehäuse. Er hat uns viele Jahre lang gute Dienste getan und eröffnete uns die Welt der Pop- und Rockmusik. Man konnte Hits aus dem Westradio (SFBeat) aufnehmen, meist ohne Anfang, oder manchmal auch bei den Armeesendern AFN und BFBS. Bei Duett - Musik für den Rekorder im Berliner Rundfunk konnte man ganze (West-)Schallplatten aufnehmen, sorgsam vorher angesagt, oder man hatte Freunde, die einem Platten überspielten, die sie von ihren Westverwandten bekommen hatten. Am Anfang bin ich beim Aufnehmen auf Zehenspitzen herumgetappt, und bis
heute sind moderne Tonträger ein großes Wunder für mich.
Dann gab es noch das Problem der Texte. Selten konnte man sie von den Originalplatten abschreiben, oder jemand, der auch Gitarre spielte, hatte sie von irgendwo mit Griffen. Meistens war es die klassische Methode, vor- und zurückspulen, aufschreiben, im winzigen Wörterbuch meiner Eltern nachschlagen, und nicht immer passte es. Trotzdem eine gute Art, Englisch zu lernen.
Auf diese Weise wurde ich also ein zaghafter Ost-Hippie mit schlapprigen Klamotten und Gedanken für die Sorgen und Probleme dieser Welt. Ich wurde Janis-Joplin-Fan, lange nachdem sie tot war, und die Beatles entdeckte ich erst so richtig nach John Lennons Tod 1980.
Gestern Abend habe ich mir im Internet zwei kurze Sendungen des ZDF angesehen. Die eine, History, befasste sich mit jung gestorbenen Kultkünstlern, darunter auch Janis Joplin (1943-1970). Auf Wikipedia las ich dann, dass sie aus Texas stammte und in Louisiana gearbeitet hat, bevor sie ihre Karriere startete. Und so sang ich "Me and Bobby McGee" vor mich hin... und verstand einige Worte zum ersten Mal . Bei "I took my harpoon out of my dirty red bandanna" habe ich mich zum Beispiel immer gefragt, wie sie ihre Mundharmonika aus ihrem Stirnband nehmen konnte. Aber natürlich kann ein Bandanna fast alles, das Haar zurückhalten, Halstuch sein, Taschentuch oder man kann eben seine Mundharmonika darin einwickeln. "Busted flat in Baton Rouge" hatte man mir damals gesagt, hieße "abgebrannt", und irgendwo stimmt das sicher auch, aber vor allem höre ich darin auch den "busted flat" (tire), also einen geplatzten Reifen, einen Platten. Und offenbar gab es in Baton Rouge Ende der 60er/Anfang der 70er noch einen Bahnhof. Die hohen Gleise durchziehen zwar immer noch die ganze Stadt, aber der historische Bahnhof ist jetzt ein Kunst- und Wissenschaftsmuseum. Hier die erste Strophe:
Busted flat in Baton Rouge,
Waiting for the train,
Feeling nearly as faded as my jeans.
Bobby thumbed a Diesel down,
Just before it rained,
Took us all the way to New Orleans.
Die Sendung über die Beatles zeigte sie vor allem als Tourband: die schreckliche Kreischkulisse, die überall ihre Musik übertönte, die Nachstellungen der Fans, die dilettantisch-gefährliche Durchführung der Tourneen, drei Mal auch in den USA. Spielort Nr. 16 der zweiten Tour war New Orleans, wo sie am 16. September 1964 im City Park Stadium vor 12000 Fans spielten, 200 davon brachen vor Aufregung und Erschöpfung zusammen.
In New Orleans waren sie keine 24 Stunden und haben wahrscheinlich keinen guten Eindruck bekommen. Der Hubschrauber, der sie vom Flughafen abholen sollte, hatte einen Platten. Während des Konzerts brachen Fans durch die Absperrungen und rannten auf das Spielfeld. Ein Fan gelangte sogar hinter die Bühne ganz nah an Ringo Starr heran. Untergebracht waren sie in einem Motel am Chef Menteur Highway, auch belagert von den Fans. Nach ihrer Abreise wurde, wie in den anderen Städten auch, ihre Bettwäsche in Stücke geschnitten und als Souvenir verscherbelt, und nicht nur das, sondern auch die Mikrofonkabel und Mikrofone. Es gab das Gerücht, das Konzert in New Orleans wäre finanziell ein Reinfall gewesen. Der Veranstalter hat das aber dementiert, noch dazu hatte er sich die Regenversicherung gespart, und tatsächlich sammelten sich zwar die Wolken, aber erst nach dem Konzert fing es an, heftig zu gewittern.
Ein paar nette Begegnungen hatten sie aber doch: Der damalige Bürgermeister Victor Schiro hatte den Tag zum Beatles Day erklärt und überreichte ihnen einen Schlüssel für die Stadt. Ihr Idol Fats Domino besuchte sie vor dem Konzert kurz in der Garderobe. Paul McCartney meinte: "Er trug eine sehr große sternförmige Diamantuhr, die uns sehr beeindruckt hat." Artikel hier und hier und ein Foto mit Fats Domino, auf dem sogar die Sternenuhr zu erkennen ist.
Dann gab es noch das Problem der Texte. Selten konnte man sie von den Originalplatten abschreiben, oder jemand, der auch Gitarre spielte, hatte sie von irgendwo mit Griffen. Meistens war es die klassische Methode, vor- und zurückspulen, aufschreiben, im winzigen Wörterbuch meiner Eltern nachschlagen, und nicht immer passte es. Trotzdem eine gute Art, Englisch zu lernen.
Auf diese Weise wurde ich also ein zaghafter Ost-Hippie mit schlapprigen Klamotten und Gedanken für die Sorgen und Probleme dieser Welt. Ich wurde Janis-Joplin-Fan, lange nachdem sie tot war, und die Beatles entdeckte ich erst so richtig nach John Lennons Tod 1980.
Gestern Abend habe ich mir im Internet zwei kurze Sendungen des ZDF angesehen. Die eine, History, befasste sich mit jung gestorbenen Kultkünstlern, darunter auch Janis Joplin (1943-1970). Auf Wikipedia las ich dann, dass sie aus Texas stammte und in Louisiana gearbeitet hat, bevor sie ihre Karriere startete. Und so sang ich "Me and Bobby McGee" vor mich hin... und verstand einige Worte zum ersten Mal . Bei "I took my harpoon out of my dirty red bandanna" habe ich mich zum Beispiel immer gefragt, wie sie ihre Mundharmonika aus ihrem Stirnband nehmen konnte. Aber natürlich kann ein Bandanna fast alles, das Haar zurückhalten, Halstuch sein, Taschentuch oder man kann eben seine Mundharmonika darin einwickeln. "Busted flat in Baton Rouge" hatte man mir damals gesagt, hieße "abgebrannt", und irgendwo stimmt das sicher auch, aber vor allem höre ich darin auch den "busted flat" (tire), also einen geplatzten Reifen, einen Platten. Und offenbar gab es in Baton Rouge Ende der 60er/Anfang der 70er noch einen Bahnhof. Die hohen Gleise durchziehen zwar immer noch die ganze Stadt, aber der historische Bahnhof ist jetzt ein Kunst- und Wissenschaftsmuseum. Hier die erste Strophe:
Busted flat in Baton Rouge,
Waiting for the train,
Feeling nearly as faded as my jeans.
Bobby thumbed a Diesel down,
Just before it rained,
Took us all the way to New Orleans.
Die Sendung über die Beatles zeigte sie vor allem als Tourband: die schreckliche Kreischkulisse, die überall ihre Musik übertönte, die Nachstellungen der Fans, die dilettantisch-gefährliche Durchführung der Tourneen, drei Mal auch in den USA. Spielort Nr. 16 der zweiten Tour war New Orleans, wo sie am 16. September 1964 im City Park Stadium vor 12000 Fans spielten, 200 davon brachen vor Aufregung und Erschöpfung zusammen.
In New Orleans waren sie keine 24 Stunden und haben wahrscheinlich keinen guten Eindruck bekommen. Der Hubschrauber, der sie vom Flughafen abholen sollte, hatte einen Platten. Während des Konzerts brachen Fans durch die Absperrungen und rannten auf das Spielfeld. Ein Fan gelangte sogar hinter die Bühne ganz nah an Ringo Starr heran. Untergebracht waren sie in einem Motel am Chef Menteur Highway, auch belagert von den Fans. Nach ihrer Abreise wurde, wie in den anderen Städten auch, ihre Bettwäsche in Stücke geschnitten und als Souvenir verscherbelt, und nicht nur das, sondern auch die Mikrofonkabel und Mikrofone. Es gab das Gerücht, das Konzert in New Orleans wäre finanziell ein Reinfall gewesen. Der Veranstalter hat das aber dementiert, noch dazu hatte er sich die Regenversicherung gespart, und tatsächlich sammelten sich zwar die Wolken, aber erst nach dem Konzert fing es an, heftig zu gewittern.
Ein paar nette Begegnungen hatten sie aber doch: Der damalige Bürgermeister Victor Schiro hatte den Tag zum Beatles Day erklärt und überreichte ihnen einen Schlüssel für die Stadt. Ihr Idol Fats Domino besuchte sie vor dem Konzert kurz in der Garderobe. Paul McCartney meinte: "Er trug eine sehr große sternförmige Diamantuhr, die uns sehr beeindruckt hat." Artikel hier und hier und ein Foto mit Fats Domino, auf dem sogar die Sternenuhr zu erkennen ist.
Mittwoch, 5. Dezember 2012
Rafinesque in Louisiana?
John Jeremiah Sullivans Essayband Pulphead (Rezension demnächst an dieser Stelle) enthält einen
Essay über den Naturforscher Constantine Rafinesque, der Anfang des 19.
Jahrhunderts vor allem auch in Kentucky unterwegs war. Er war Franzose,
brillant, schillernd, schrullig, aber waren sie das nicht alle (Humboldt zum
Beispiel?)? Er reiste umher und bestimmte Pflanzen, beschrieb Indianersprachen
und rituelle Hügel und traf mit dem berühmten Vogelzeichner John James Audubon
zusammen, mit dem er auf Französisch parlieren konnte.
Audubon war in Louisiana, aber Rafinesque? Das hat mich interessiert, und so habe ich
wieder einmal meine heiß geliebte Staatsbibliothek Unter den Linden bemüht, die
allerdings ab dieser Woche für drei Monate geschlossen wird. Gefunden habe ich Florula
Ludoviciana or A Flora of the State of Louisiana translated, revised and improved from the French of C. C. Robin by C.
S. Rafinesque (übersetzt, bearbeitet und verbessert aus dem Französischen),
New York, Published by C. Wiley + Co., No.3 Wall Street, 1817, Price One
Dollar. Rätselhafterweise steht auf dem Titelblatt auch dieser Satz: Quand les
matériaux sont imparfaits, l’édifice ne peut pas être complet (Wenn das
Material unvollkommen ist, kann das Gebäude nicht vollständig sein).
C. C. Robin, den die Staatsbibliothek als Charles Robin
bezeichnet, der laut Internet um jene Zeit in Kanada verbürgt ist, war also 1802-06 in
Louisiana, Westflorida und den Westindischen Inseln unterwegs und beschrieb wohl etwas laienhaft Pflanzen, die Rafinesque umklassifiziert und systematisiert
hat. Dabei war er begeistert von den 196 Arten, die Robin neu entdeckt hat, und
vermutet, dass Louisiana, wenn es schon in Georgia so viele gibt, eine Fülle
von unbekannten Pflanzen bergen muss, die es sicherlich zum Teil mit Mexiko gemeinsam
hat.
Am Ende des Buches bietet Rafinesque andere seiner
Schriften zum Tausch an und spricht diese Einladung aus: "Sollte jemand ihm ein Präparat aus Louisiana oder von
anderswo schicken, wird er sich im Gegenzug mit dessen Namen oder Pflanzen aus
dem Norden erkenntlich zeigen. Er lädt in Louisiana und den westlichen Staaten
residierende Herren dazu ein, alles zu sammeln, dem sie begegnen, es zwischen
Blättern rauen Papiers zu trocken: Sollten sie nur oberflächlich mit der
Botanik vertraut sein, können sie Duplikate ihrer Präparate senden und auf
diese Weise unmittelbar bestimmen, was in ihrer Umgebung wächst und viele
Entdeckungen machen. Solche Präparate, oder Päckchen und Briefe jeglicher Art,
müssen mit Privattransport befördert werden und können in New York, im Büro des
American Monthly Magazine in der Wall-street, abgegeben werden."
Ob's geklappt hat?
(Should any one send him specimens of plants from Louisiana
or elsewhere, he will furnish in return their proper names or northern plants
in exchange. He invites gentlemen residing in Louisiana and the western states,
to collect every thing they meet, drying the specimens between sheets of coarse
paper: should they only be superficially acquainted with Botany, by sending
duplicates of their specimens, they may ascertain at once what grows in their
neighborhood and make many discoveries. Such specimens, or any package and
letters, must be send by private conveyances, and may be left in New York, at
the office of the American Monthly Magazine, Wall-street.)
Freitag, 30. November 2012
Die Polente
Das NYPD, die New Yorker Polizei, hat eine Facebook-Seite. Dort und anderswo wurde gestern ein Foto eingestellt, das eine Touristin aus Arizona, selbst Polizistin, vor ein paar Tagen gemacht hat. Es zeigt einen New Yorker Polizisten (jetzt als der 25jährige Larry DePrimo identifiziert), der einem barfüßigen Obdachlosen ein Paar warme Winterstiefel und Socken gekauft hat und ihm sie gleich anziehen helfen wird. Larry DePrimo meinte dazu später: "Ich habe mir nichts weiter dabei gedacht."
Irgendjemand im NOPD, der New Orleanser Polizei, die nicht bei Facebook ist, hat sich aber wohl etwas dabei gedacht, als er dieses Überwachungsvideo hollywoodesk "bearbeitete", bevor er es als Pressemeldung herausgab (filmstudioähnliches Logo, Zwischentitel, schnelle Schnitte, rasante Musik). Gesucht wird ein Laptopdieb. Berichtet hat dies der Gambit Weekly; auf der Presseseite des NOPD habe ich das Video nicht gefunden. Sachdienliche Hinweise werden dort aber sicherlich gern entgegengenommen.
PS Ein Sprecher des NOPD sagte gegenüber der Times-Picayune: "Nicht alle Videos werden in Zukunft so aussehen. Es war ein einmaliges Experiment." Inzwischen ist das Video von allen Quellen entfernt worden, nur hier sieht man noch ein Bild. Ach, schade.
Irgendjemand im NOPD, der New Orleanser Polizei, die nicht bei Facebook ist, hat sich aber wohl etwas dabei gedacht, als er dieses Überwachungsvideo hollywoodesk "bearbeitete", bevor er es als Pressemeldung herausgab (filmstudioähnliches Logo, Zwischentitel, schnelle Schnitte, rasante Musik). Gesucht wird ein Laptopdieb. Berichtet hat dies der Gambit Weekly; auf der Presseseite des NOPD habe ich das Video nicht gefunden. Sachdienliche Hinweise werden dort aber sicherlich gern entgegengenommen.
PS Ein Sprecher des NOPD sagte gegenüber der Times-Picayune: "Nicht alle Videos werden in Zukunft so aussehen. Es war ein einmaliges Experiment." Inzwischen ist das Video von allen Quellen entfernt worden, nur hier sieht man noch ein Bild. Ach, schade.
Mittwoch, 28. November 2012
Vom Winde verweht
Um gewisse Meilensteine der amerikanischen (Pop)-Kultur
kommt man eigentlich nicht herum: Pollyanna,
Dr. Seuss, The Sound of Music, Saturday
Night Live... Und doch habe ich mich um
einige bisher erfolgreich gedrückt, Star Wars zum Beispiel. Football habe ich nur einmal live und
von Anfang bis Ende gesehen, wobei mich das tailgating (d.h. das Grillen,
Feiern, auch Zelten auf dem Parkplatz am Stadion) am meisten beeindruckt hat. Baseball kenne ich nur als Softball
für Schulmädchen und beim Training. Auch um Vom Winde verweht habe ich lange einen Bogen gemacht, bis es letzte
Woche so weit war.
Es geht bekanntlich um Scarlett O’Hara, älteste Tochter
eines Plantagenbesitzers in Georgia, der selbst irischer Abstammung ist und mit
irischem Akzent spricht. Am Anfang des Films flirtet Scarlett mit den jungen
Männern der Umgebung, und überhaupt spannt sie mit Vorliebe ihren Freundinnen
und Schwestern die Männer aus. Sie ist falsch und manipulierend, und das machte
sie mir sofort so unsympathisch, dass ich den Film nach 10 Minuten anhielt und
monatelang keines Blickes würdigte. Gespielt wird Scarlett noch dazu von Vivien
Leigh, die schon in Endstation Sehnsucht
als Blanche eine äußerst nervige Figur abgab.
Scarlett liebt eigentlich nichts und niemanden, außer
vielleicht das Anwesen, auf dem sie aufwuchs, Tara, das immer wieder eine Rolle
spielt. Sie ist hübsch und weiß sich in Szene zu setzen, sie ist auch taff,
gerissen, geschäftstüchtig, und – und das ist vermutlich ihre große Stärke – an
Konventionen liegt ihr wenig. Als sie bei Nachbars eingeladen ist, erfährt sie
zu ihrer Enttäuschung, dass der Sohn Ashley Wilkes (damals war Ashley noch ein
Männername) seine Cousine heiraten will und nicht sie. Also macht sie ihm rasch
ein Liebesgeständnis, zufällig mitgehört von Rhett Butler, der wiederum von ihr
gerade wegen ihrer Unverfrorenheit sehr angetan ist. Auf der Party wird auch
beschlossen, dass man gegen den Norden in den Krieg ziehen wird.
Der Bürgerkrieg prägt dann auch den größten Teil des (2 DVDs
umspannenden) Films. Die vielen Verwundeten und Toten, die Zerstörung, die Not
dieses Krieges werden vorstellbar. Scarlett
kümmert sich ihm zuliebe um Ashleys Frau, die ihr eine tiefe Zuneigung und
Dankbarkeit entgegenbringt. Mit Melanie zusammen arbeitet sie auch kurzzeitig
in einem Lazarett, bis sie das Elend dort nicht mehr ertragen will. Zwei Ehen, die
sie aus unlauteren Motiven einging, enden mit dem jeweiligen Tod des Mannes.
Treu an ihrer Seite bleibt vor allem Mammy, ihre schwarze Amme, gespielt von
Hattie McDaniel, die für ihre Darstellung als hörige Sklavin, auch als sie keine
mehr ist, kritisiert wurde. Ob das wirklich so stereotyp ist, wie ihr
vorgeworfen wird? Ammen, die Kinder wie Mütter aufziehen und vielen Fällen auch
stillen, entwickeln doch sicherlich eine starke Loyalität zu diesen Kindern.
Scarlett kehrt auch während des Krieges nach Tara zurück und
verteidigt es gegen alle möglichen Angriffe. Bei Geldknappheit und Hunger schwört
sie sich, nie wieder in eine solche Situation zu kommen.
Rhett Butler, der Schwerenöter und Geschäftemacher, taucht
immer wieder auf und neckt und hofiert sie. Schließlich heiraten
die beiden, und Scarlett scheint auch sexuell erfüllt mit ihm zu
sein, doch immer wieder kommt es zu Streit, Bockigkeit und Missverständnissen
zwischen den beiden, wegen der Tochter, wegen Scarletts Versuchen, Ashley für
sich zu gewinnen usw. Rhett, dessen Charme im Laufe des Films zumindest mein
Herz gewinnen konnte, verlässt sie am Ende mit der Kult gewordenen Bemerkung:
„Frankly, my dear, I don’t give a damn.“ (Ehrlich gesagt, meine Liebe, ist mir
das scheißegal. Die deutsche Synchronfassung lautet „Offen gesagt,
pfeif ich drauf“.) Scarlett zieht sich auf Tara zurück, um sich zu sammeln und
zu planen, wie sie ihn zurückgewinnen kann.
Es gibt auch eine kurze Szene in New Orleans, wohin die
beiden mit einem Raddampfer in die Flitterwochen fahren, bevor Scarlett schnell
nach Tara zurück möchte. Ich hatte immer gedacht, dass der Film auf der
legendären Oak Alley Plantation in Louisiana spielte, aber das war ein Irrtum.
Tara oder Twelve Oaks soll von der Boone Hall Plantage in der Nähe von
Charleston inspiriert sein, während Oak Alley Schauplatz für viele andere Filme
war, siehe hier.
Worin die Faszination des Films besteht? Die Monumentalität,
die erstaunlichen Farben und Effekte und die Musik kann man sicher nur bei einem großen Bildschirm wertschätzen. Doch die Darstellung des Bürgerkriegs war
beeindruckend und plastisch, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Die
Rassenbeziehungen werden nicht sehr vorteilhaft, aber wohl halbwegs akkurat
dargestellt. Neben den schönen Kleidern und der Darstellung eines Südens und einer Zeit, die es nicht mehr gibt, faszinieren vielleicht auch gerade die Beziehungen. Eine schwülstige Liebe „bis an das Ende der Tage“ gibt es hier nicht, denn Ashley und seine Frau verbindet eine tiefe Freundschaft und möglicherweise Seelenverwandtschaft, und Rhett Butler und Scarlett O’Hara teilen eine starke, aber kratzbürstige Anziehung, die zum Teil auch ein Spiel ist, das am Ende aus Dummheit und Eitelkeit scheitert. Es nicht einfach ein Liebesfilm nach altbekanntem
Muster, sondern eher ein Lehrstück über Beziehungen.
Insgesamt ein Schinken, sicher, aber doch ein ungewöhnlicher Schinken mit feinen Nuancen und differenzierten Geschmacksnoten. Einer, den man sich ruhig einmal gönnen kann.
Samstag, 24. November 2012
New Orleans um 1850
Heute habe ich in alten Büchern geblättert. In Cis- und
transatlantische Skizzen Nr. 1 der
„Taschen-Bibliothek der Reise-, Zeit- und Lebensbilder“, Rudolstadt 1854, schreibt Johannes Quendt über den „mexikanischen Meerbusen“ und das „untere
Mississippithal“: „fette Marschen, üppige Sümpfe, starke Sandstrecken und
tropische Vegetation“. Im Westen von Louisiana gäbe es „sumpfige Gegenden mit
wildem Reis bedeckt“ -- deshalb wird dort also auch heute Reis angebaut!
New
Orleans hatte um 1850 145.000 Einwohner und der Hafen, 150 Meilen von der
Mündung am rechten Ufer des Mississippis gelegen, war für die Ausfuhr von
Baumwolle, Taback, Zucker, Mehl, Speck, Salzfleisch, Talg, Heu, Bohnen und
vielen anderen Dingen von Bedeutung.
Die kleine Beschreibung endet so: „Das Klima ist ungesund
und verheerend. Die Bevölkerung setzt sich aus allen Nationen zusammen, doch
halten sich Anglo-Amerikaner und Creolen spanischer und französischer Abkunft
das Gleichgewicht.“
Sonntag, 18. November 2012
A Studio in the Woods
Das Studio im Wald liegt hinter den Bergen bei den sieben
Zwergen, so scheint es, obwohl es in Louisiana kaum Berge gibt. Auf der circa halbstündigen Fahrt von New Orleans geht es über die lange, sehr befahrene,
tatsächlich hügelartige Crescent City Connection-Brücke
(Halbmondstadtverbinder) auf die andere Seite des Mississippi, dann hält man
sich rechts, dann links auf dem General de Gaulle Boulevard durch die
zersiedelte Westbank, dann über eine weitere hohe und in sich geschwungene
Brücke über den Intracoastal Waterway hinweg zu einer verlassenen Straße, die
gleich am Fuße des Deiches einer der großzügigen Kurven des Mississippi folgt,
die hier, das sieht man auf der Landkarte, eigentlich eher eine Öse ist. Die
Straße endet vor den Toren des Audubon Center for Research und einige Meter davor zeigt rechts ein verwittertes
Schild auf die zugewachsene Einfahrt zum Studio in the Woods.
Organisch in die Bäume eingefügt steht ein lichtes hölzernes
Haus mit großzügiger, gazeumzäunter Veranda. Die Koordinatorin Cammie
Prewitt-Hill empfängt mich mit Flipflops und langem fließenden Rock. Wir treten
in eine große Küche mit Fenstern an drei Seiten, die in ein wirres, gemütliches
Wohnzimmer und hinten einen Arbeitsplatz übergeht. Ich sage: Das sieht aus wie
jemandes Haus. Cammie sagt: Ist es ja auch.
Und das kommt so:
Joe und Lucianne Carmichael kamen 1968 als frisch verliebtes
Paar manchmal an diese Stelle zum Picknicken, bis sie 1969 zufällig hier ein
Grundstück erwarben. Neben ihrem „richtigen“ Beruf waren beide Künstler – sie
arbeitet mit Ton, er mit Holz – und so bauten sie aus den im umliegenden Wald
und anderswo anfallenden Materialien bis 1977 nach und nach das Haus. Er
zimmerte einen langen Tisch für die Veranda, sie brannte die Fliesen für den
Fußboden. Dann legten sie einen kleinen Teich an, doch das umliegende Dickicht
ließen sie fast unberührt, sahen es vielmehr als Inspiration für ihre Arbeit,
denn sie hatten sich auch Künstlerstudios gebaut. Sie luden Schulklassen
zu Ausflügen ein und gewährten manchmal informelle Künstleraufenthalte,
leiteten Workshops.
1998 begann die Suche nach einem wohlwollenden Hausbesitzer.
Im Dezember 2004 übergaben sie A Studio in the Woods in die Obhut der Tulane University New Orleans, wo
es zum Center for Bioenvironmental Research (Zentrum für umweltbiologische Forschung) gehört. Zum Studio gehört auch der
Umweltkurator Dave Baker, der die Natur beobachtet und pflegt, zum Beispiel den
Chinesischen Liguster entfernt, der den gesamten Süden der USA zu überwuchern
droht. Seit 2003 werden im Studio in the Woods Aufenthaltsstipendien für
Künstler angeboten, nach Katrina und Rita vor allem auch
Restaurationsaufenthalte für von den Hurrikanen betroffene Künstler, darunter
der Komponist und Musiker Michael White, der in dem Film The Sound of
the Storm beschrieb, wie er hier wieder
anfing zu arbeiten. Jedes Jahr im Januar werden Aufenthaltsstipendien für
jeweils 6 Wochen ausgeschrieben, die an Künstler verschiedener Sparten vergeben
werden: bildende Künstler, Autoren, Filmemacher, Musiker.
Wenige Tage vor meinem Besuch war die junge Jazzfolksingerin, Musikerin und
Liedermacherin Sarah Quintana aus New Orleans gerade als Stipendiatin
eingezogen, von deren Musik, wie Cammie berichtete, die ganze Jury sofort in
den Bann gezogen war. Beeinflusst sicher auch durch ihr Leben in Frankreich, wo
sie auch eine Fangemeinde hat, ist es eine Musik mit ungewöhnlichen Tönen und
viel Raum und Zeit. Ihre erste Platte The World Has Changed hat sie übrigens per Crowdfunding
finanziert.
Sarah erzählt, wie sie die Geräusche der Natur aufnimmt, die
sie porös und aufnahmefähig machen, wie wohl sie sich in der Nähe der
Waschbären, Armadillos, und Waldtiere fühlt, wie der fruchtbare Mississippi sie
inspiriert. Dass sie den
Mississippi, der wie sie meint, wegen der Umweltprobleme wütend auf uns
ist, konsequent mit dem weiblichen „sie“ bezeichnet, mag mit
ihrem traurigen, aber wunderschönen Lied „Mama Mississippi“ zu tun haben: Sarah
Quintana auf der Kaffeetasse ihrer Großmutter. Hört es Euch hier an! Im Dezember soll ihr Album mit den Stücken aus dem Studio erscheinen, The Delta Demitasse.
Begleitet war mein Besuch von einer Geräuschkulisse aus Industrielärm, der über den Deich drang: Quietschen, Knarren,
Schlagen, Schiffs- und Hafengeräusche, wie ich sie aus Donaldsonville kenne, wo
ich gleich am Mississippi gewohnt habe. Als ich später auf den Deich kletterte,
sah ich sie liegen, die riesigen Ozeanfrachter, vielleicht auf Reede,
einer hinter dem anderen, in der ganz unromantischen Flusslandschaft. Das Studio in the Woods ist also nicht einfach eine Naturoase für die Künstlerseele,
sondern ein Ort, der dem sich Kunst und Realität verbinden, an dem die Idylle
eben auch von chinesischem Liguster und Industrie gebrochen ist, wo man in der
Natur und doch ganz mit der aktuellen Zeit verbunden ist.
Zum Abschluss meines Besuches sprach ich noch kurz mit
Lucianne Carmichael, die meinte, ich solle mich doch einmal auf einen
Aufenthalt bewerben. Mach' ich, sehr gern.
Samstag, 17. November 2012
Öl
Vor zwei Tagen wurde bekannt, dass sich British Petrol für die Deepwater Horizon-Ölkatastrophe im Golf von Mexiko für schuldig erklärt hat (siehe hier), auch für die fahrlässige Tötung und die Behinderung von Ermittlungen seitens des Kongresses. Der Konzern hat sich mit der US-Regierung u.a. auf eine Strafe in Höhe von 3, 5 Milliarden Dollar geeinigt. Weitere Verfahren und Strafen stehen noch aus. Allerdings wurde im Radio bemerkt, dass es BP nicht verboten ist, weiterhin mit der Regierung Ölgeschäfte zu betreiben.
Das Geld ist bereits zugeteilt worden, soll der Behebung der Schäden dienen. Knapp 2,4 Milliarden Dollar sollen an die National Fish and Wildlife Foundation gehen. Die demokratische Senatorin für Louisiana, Mary Landrieu, zeigte sich von deren Arbeit beeindruckt, allerdings auch besorgt darüber, dass nur eine Person in deren Aufsichtsrat von der Golfküste stammt.
Gestern wurde gemeldet, dass auf einer anderen Ölplattform, die nicht von BP sondern von Elk Energy aus Texas betrieben wird, ein Feuer ausgebrochen ist und mehrere Personen vermisst werden. Diese befindet sich auch im Golf von Mexiko 40 Kilometer vor der Küste von Grand Isle. Hier ein kleiner Videobericht mit Kommentar auf Schwyzerdütsch.
Heute habe ich einen kleinen Ausschnitt aus der satirischen Bill-Maher-Show gesehen, wo er Präsident Obama daran erinnert, dass er jetzt keine Angst mehr haben muss, nicht wiedergewählt zu werden und endlich alles umsetzen kann, was er versprochen hatte: Den Krieg beenden, die Truppen abziehen, Windenergie entwickeln...
Windräder im Ozean 40 Kilometer vor der Küste sind sicher sogar im Falle einer Havarie weniger gefährlich als Öl und Feuer. Oder wie heute auf Facebook gesehen (ein Foto mit Solarpaneelen): "Wenn es eine riesige Sonnenpest gibt, dann nennt man das einfach nur einen schönen Tag."
Das Geld ist bereits zugeteilt worden, soll der Behebung der Schäden dienen. Knapp 2,4 Milliarden Dollar sollen an die National Fish and Wildlife Foundation gehen. Die demokratische Senatorin für Louisiana, Mary Landrieu, zeigte sich von deren Arbeit beeindruckt, allerdings auch besorgt darüber, dass nur eine Person in deren Aufsichtsrat von der Golfküste stammt.
Gestern wurde gemeldet, dass auf einer anderen Ölplattform, die nicht von BP sondern von Elk Energy aus Texas betrieben wird, ein Feuer ausgebrochen ist und mehrere Personen vermisst werden. Diese befindet sich auch im Golf von Mexiko 40 Kilometer vor der Küste von Grand Isle. Hier ein kleiner Videobericht mit Kommentar auf Schwyzerdütsch.
Heute habe ich einen kleinen Ausschnitt aus der satirischen Bill-Maher-Show gesehen, wo er Präsident Obama daran erinnert, dass er jetzt keine Angst mehr haben muss, nicht wiedergewählt zu werden und endlich alles umsetzen kann, was er versprochen hatte: Den Krieg beenden, die Truppen abziehen, Windenergie entwickeln...
Windräder im Ozean 40 Kilometer vor der Küste sind sicher sogar im Falle einer Havarie weniger gefährlich als Öl und Feuer. Oder wie heute auf Facebook gesehen (ein Foto mit Solarpaneelen): "Wenn es eine riesige Sonnenpest gibt, dann nennt man das einfach nur einen schönen Tag."
Mittwoch, 14. November 2012
Reisen + Freizeit
Die Zeitschrift Travel + Leisure hat New Orleans in diesem Jahr zur "Besten Stadt Amerikas" (America's Best City) gekürt. Die Stadt rangierte in mehr als der Hälfte der Kategorien unter den ersten fünf. Dazu gehören die "zivilisierten" Vergnügungen wie gepflegtes Essen, Architektur und Antiquitäten, wie auch die "ausgelassenen" Pläsierchen wie Musik und illustre Leute beobachten. Wie es eine Leserin der Zeitschrift bemerkte: New Orleans ist der Inbegriff von Seele: starke Menschen und gutes Essen gemischt mit leidenschaftlichen Melodien. ("New Orleans is the epitome of soul: strong people and satisfying food mixed with passion-fueled tunes.")
Komischerweise zählen die New Orleanser laut dieser Umfrage nicht zu den attraktivsten Bewohnern der USA (während San Juan, Puerto Rico, gar nicht schlecht wegkam. Dabei gibt es in New Orleans auch viele Puertorikaner). Hier kann man übrigens verschiedene Städte der USA ihrer Beliebtheit nach vergleichen.
Komischerweise zählen die New Orleanser laut dieser Umfrage nicht zu den attraktivsten Bewohnern der USA (während San Juan, Puerto Rico, gar nicht schlecht wegkam. Dabei gibt es in New Orleans auch viele Puertorikaner). Hier kann man übrigens verschiedene Städte der USA ihrer Beliebtheit nach vergleichen.
Troubled Water
Letzten Freitag war ich tatsächlich bei der angekündigten Finissage in der Galerie erstererster im Prenzlauer Berg. So fast jedenfalls. Ich kam eine halbe Stunde früher an und gleich mit dem Referenten des Abends, Erik Kiesewetter, und der Fotografin, Constanze Flamme, ins Gespräch. Erik Kiesewetter ist Graphikdesigner und Kulturorganisator einer Agentur namens Constance (was für ein Zufall). Unter anderem hat er die letzte New Orleans Biennale mitbetreut und veranstaltet auch eine Art Kunstmarkt unter dem Namen Avant Garden. Sein Name und seine Herkunft sind übrigens deutsch, und so heißt es auf seiner sehr ästhetischen Webseite "Willkommen y'all".
Constanze Flamme war 2011 und 2012 in New Orleans und Louisiana und hat dort fotografiert. Einige wenige Fotos hingen in der Galerie und ihr Katalog Troubled Water lag aus: farbenfrohe, stimmungsvolle und doch ruhige Bilder, die die Auswirkungen von Katrina und der BP-Ölkatastrophe zeigen. Sie erzählte mir von ihrer Hassliebe für die Stadt, was mir als ein sehr jugendlich ungestümes Gefühl erscheint für eine Region, die man ein paar Mal besucht hat? Üblicherweise scheiden sich an New Orleans die Geister, entweder man hasst es oder man liebt es.
Eigentlich sollte Erik Kiesewetter einen Vortrag über New Orleans halten, und beim Techniktest waren auch einige vielversprechende Abbildungen zu sehen und er war ein kluger und wissender Gesprächspartner. Die Galerie füllte sich langsam, doch eine Stunde nach der angekündigten Anfangszeit musste ich enttäuscht die Segel streichen. Constanze Flamme entschuldigte das mit den Berliner Gegebenheiten, was ich übrigens für ein Missverständnis halte (ebenso wie die Tatsache, dass man die Öffentlichen heute eigentlich nur noch mit einer offenen Bierflasche in der Hand benutzt).
Der größte Teil ihrer Fotos ist noch bis 3. Februar 2013 in einer Privatgalerie zu besichtigen: www.uncommonplace.de (nach vorheriger Anmeldung). Schade war's, aber vielleicht werde ich Erik Kiesewetter bei Gelegenheit in New Orleans erleben können.
Constanze Flamme war 2011 und 2012 in New Orleans und Louisiana und hat dort fotografiert. Einige wenige Fotos hingen in der Galerie und ihr Katalog Troubled Water lag aus: farbenfrohe, stimmungsvolle und doch ruhige Bilder, die die Auswirkungen von Katrina und der BP-Ölkatastrophe zeigen. Sie erzählte mir von ihrer Hassliebe für die Stadt, was mir als ein sehr jugendlich ungestümes Gefühl erscheint für eine Region, die man ein paar Mal besucht hat? Üblicherweise scheiden sich an New Orleans die Geister, entweder man hasst es oder man liebt es.
Eigentlich sollte Erik Kiesewetter einen Vortrag über New Orleans halten, und beim Techniktest waren auch einige vielversprechende Abbildungen zu sehen und er war ein kluger und wissender Gesprächspartner. Die Galerie füllte sich langsam, doch eine Stunde nach der angekündigten Anfangszeit musste ich enttäuscht die Segel streichen. Constanze Flamme entschuldigte das mit den Berliner Gegebenheiten, was ich übrigens für ein Missverständnis halte (ebenso wie die Tatsache, dass man die Öffentlichen heute eigentlich nur noch mit einer offenen Bierflasche in der Hand benutzt).
Der größte Teil ihrer Fotos ist noch bis 3. Februar 2013 in einer Privatgalerie zu besichtigen: www.uncommonplace.de (nach vorheriger Anmeldung). Schade war's, aber vielleicht werde ich Erik Kiesewetter bei Gelegenheit in New Orleans erleben können.
Sonntag, 11. November 2012
Jackson Square
Der zentrale Platz im French Quarter ist der Jackson Square,
nach einer Seite hin offen, ansonsten gesäumt von den Pontalba Apartment
Buildings, der St. Louis Cathedral, dem Cabildo und dem Presbytère beiderseits
der Kathdrale (Foto). In der Mitte befindet sich ein kleiner gestalteter Park mit
Bänken und einer Statue für General Jackson auf seinem Pferd, das Ganze umgeben von einem
hohen eisernen Zaun. Auf dem umliegenden Pflaster sitzen
Porträtzeichner, Maler, Wahrsagerinnen, Schuhputzer, Musiker für die Touristen, und gelegentlich schlendern Polizisten vorbei.
Der Platz wurde dem Place des Vosges (Vogesenplatz) im Pariser Marais nachempfunden (ist allerdings viel kleiner) und hieß früher
Place d’Armes (Platz der Waffen). Nach der Schlacht von New Orleans, die Andrew Jackson siegreich
gegen die Engländer führte, wurde der Platz nach ihm benannt (1815, die Statue steht seit 1856). Auf der offenen
Seite zum Fluss hin ist die Decatur Street, an der geschmückte Kutschen mit Mauleseln und illuster
bekleideten Stadtführern auf Touristen warten. Im September gingen von dort
auch die neuen Doppelstockbusstadtrundfahrten los, die gerade eingeführt
wurden.
Geht man über die geschwungene Treppe jenseits der Decatur Street weiter, über die Straßenbahngleise und wieder eine Treppe hinauf, dann kommt man zum Moonwalk (Foto), einer befestigten
Flusspromenade, auf der man über den weiten, geschwungenen
Mississippi hinwegblicken kann, benannt nach Bürgermeister Moon Landrieu (geb.
1930, 1960-66), Vater der Senatorin Mary Landrieu und des jetzigen
Bürgermeisters Mitchell Landrieu.
Jener hat jetzt einen Gesetzesentwurf einbringen lassen, dass der Jackson Square von 1 bis 5 Uhr früh zur Reinigung geräumt werden muss, was nachtaktive Wahrsagerinnen und Musiker empört (hier). An den verschiedenen Ecken sind auch die Preservation Hall, das Café du Monde, Pirate’s Alley. 80% der Besucher der Stadt besuchen den Jackson Square, und die genießen es, dass es keine Sperrstunde gibt und man jederzeit auf offener Straße (oder auf dem Platz oder der Promenade am Fluss) Alkohol trinken darf. Mitch Landrieu wird sich doch nicht unbeliebt machen wollen...
Jener hat jetzt einen Gesetzesentwurf einbringen lassen, dass der Jackson Square von 1 bis 5 Uhr früh zur Reinigung geräumt werden muss, was nachtaktive Wahrsagerinnen und Musiker empört (hier). An den verschiedenen Ecken sind auch die Preservation Hall, das Café du Monde, Pirate’s Alley. 80% der Besucher der Stadt besuchen den Jackson Square, und die genießen es, dass es keine Sperrstunde gibt und man jederzeit auf offener Straße (oder auf dem Platz oder der Promenade am Fluss) Alkohol trinken darf. Mitch Landrieu wird sich doch nicht unbeliebt machen wollen...
Sonntag, 4. November 2012
Aktuelles
In der Galerie erstererster in der Pappelallee 69 in Berlin findet noch bis Freitag die Fotoausstellung Troubled Water mit Fotos aus New Orleans statt. Fotografiert hat Constanze Flamme. Am Mittwoch, 7. November, 20 Uhr gibt es dort den Film The Sound after the Storm, ein Dokumentarfilm, der auch vor circa zwei Jahren im Kino lief. Am Freitag 20 Uhr ist eine Finissage mit einem Vortrag des jungen New Orleanser Künstlers Erik Kiesewetter, und Louisiana Cocktails und Funk aus New Orleans werden auch versprochen. Ich habe die Ankündigung gerade erst erhalten, aber vielleicht sehen wir uns dort...
Samstag, 3. November 2012
Im Netz
Die Cajun-Hauptstadt Lafayette, Louisiana, ist eine der
wenigen Städte der USA, die über ein städtisches Breitband-Internet-System
verfügen. LUS Fiber ist eine Tochter von Lafayette Utilities System, dem
stadteigenen Stromanbieter, und bietet neben einer Internetverbindung mit einer
Geschwindigkeit von 100 Megabit pro Sekunde auch Kabelfernsehen und Telefon an.
Das ließ sich nicht ohne massiven Widerstand,
Fehlinformationskampagnen und sogar Klagen vor Gericht seitens zweier privater
Anbieter durchsetzen, doch 2007 entschied das Oberste Gericht von Louisiana
zugunsten der Stadt. Mehr als 1.200 Kilometer Glasfaserkabel wurden dazu unter
der 120.000 Einwohner-Stadt verlegt. Anders als bei anderen Anbietern ist die angekündigte Übertragungsgeschwindigkeit hier gewährleistet. Damit ist
Lafayette nicht nur eine der Cyber-Avantgarde-Städte, sondern es haben sich
auch Firmen neu angesiedelt, wie zum Beispiel Skyscraper Holding, die wegen der
entstehenden Kostenersparnis von Los Angeles nach Lafayette gezogen sind.
Die Gastroenterology Clinic of Acadiana konnte fast völlig in eine
elektronische Klinik umgewandelt werden und gestattet Internet-Konsultationen
zwischen Krankenpflegern und Ärzten in verschiedenen Teilen der Stadt. Noch ist nicht sicher, ob sich das System finanziell tragen wird, doch
heißt es, dass schon der Firmenzuzug und der schnelle Internetzugang für Schulen, Bibliotheken und
private Haushalte die Sache wert sind. Siehe hier.
New Orleans ist in anderer Hinsicht wegweisend. Die Stadt,
die für ihre Korruption und Vetternwirtschaft berühmt-berüchtigt ist/war,
bemüht sich seit Hurrikan Katrina um Behebung des Problems, durch neue
Strukturen bei der Polizei, die Auflösung der Schulbehörde usw. Bürgermeister
Mitch Landrieu setzt sich seit seiner Amtseinführung für mehr Transparenz und
Effektivität der Arbeit der Stadtregierung ein. Eine Mittel dazu ist die
Webseite data.nola.gov, die seit August 2011 Budgetdaten usw. veröffentlicht.
Noch ist die Auflistung im Entstehen, doch die Benutzer können Anregungen
dafür geben, welche Daten genau sie sich wünschen.
Die aus Spenden finanzierte Organisation Code for America setzt sich ebenfalls für
mehr Transparenz ein, die das Verhältnis von Bürgern und Regierenden verbessern soll. Dazu werden bestimmte
Städte ausgewählt und dann Fellows rekrutiert, also junge Programmierer
und Webdesigner. In New Orleans wurde auf diese Weise mit OpenSource-Programmen eine Webseite erstellt, die verlassenen
und verkommenen Häusern gewidmet ist. Diese können nicht nur das Stadtbild verschandeln,
sondern wie wir über die Theorie der zerschlagenen Fenster (Broken windows
theory) wissen, Vandalismus und schwerwiegendere Kriminalität zur Folge haben, und deshalb wird das eigentlich auch geahndet. Auf blightstatus.nola.gov lässt
sich jetzt der Status solcher Adressen einsehen; aktualisiert wird jeden Dienstag,
17 Uhr Ortszeit. Gelesen hatte ich darüber u.a. hier in der taz.
Ein
wenig erinnert mich das an eine andere Webseite, besser gesagt einen Blog
namens Squandered Heritage (Vergeudetes Erbe), auf dem die Begründerin Karen
Gadbois Häuser dokumentierte, die nach Katrina abgerissen wurden oder zum
Abriss vorgesehen waren, manchmal für die Eigentümer im Exil die einzige
Informationsquelle. Inzwischen hat sie eine preisgekrönte Webseite gegründet, The Lens (Die Linse), die sich mit Politik,
Umwelt, Schulen, Bebauungsplanung, Strafjustiz, investigativem Journalismus
beschäftigt, auf der Squandered Heritage als Rubrik fortgeführt wird. Seit der Entkernung der Tageszeitung Times-Picayune, die seit Oktober nur noch drei Mal wöchentlich als Druckausgabe erscheint, ist The Lens noch wichtiger geworden.
Hier noch ein Hinweis auf eine kleine Aktion, über die ich
auf Facebook erfahren habe. Hurrikan-Katrina-Veteranen haben kleine Weisheiten
und Wünsche für von Hurrikan Sandy betroffene New Yorker geschrieben und sich
damit fotografieren lassen. Von Herzen, und das ist sehr berührend. Hier.
Irgendwie ist eben doch alles verbunden.
Donnerstag, 1. November 2012
Louisiana Book Festival
Vergangenen Sonnabend fand in Baton Rouge das diesjährige
Louisiana Book Festival statt, bei dem 145 Autoren lasen oder über ihre Bücher
sprachen. Den Louisiana Writer Award (Schriftstellerpreis) für 2012 erhielt
John Biguenet, ein aus New Orleans gebürtiger Autor, der dort sehr präsent ist, von dem ich bisher aber nur kurze Sachen gelesen habe. Er übersetzt auch
aus dem Französischen und sein Roman Oyster
ist in französischer Übersetzung erschienen (als Le Secret du Bayou, ohne Übersetzer). In einer
Berliner Bibliothek findet sich sein Werk zu Übersetzungstheorien, doch er ist
vor allem auch Theaterautor und eines seiner Hörspiele (Wundmale) soll im WDR bzw. im
Österreichischen Rundfunk gelaufen sein. Mir gefällt auch sein präziser und
sachlicher Blog, den er nach Katrina für die New York Times verfasst hat. Ein
Autor, der für uns Deutschsprachige noch zu entdecken ist.
Beim Louisiana Book Festival gab es auch eine
Kunstausstellung, Essen, Geschichtenerzähler für Kinder und „Wordshops“ für
Schreibende. Beeindruckt hat mich, dass sich gleich auf der ersten Seite eine Rubrik mit dem Titel „Special Needs“
(Besondere Bedürfnisse) befindet, mit Hinweisen auf barrierefreie Parkplätze
und Transportservice. Dort ist auch ein Foto mit einer Gebärdendolmetscherin für
Gehörlose zu sehen, denn kostenloses Gebärdendolmetschen wurde gewährleistet. Außerdem bot das Programm eine „Lesung aus Braille“, organisiert
vom Nationalen Blindenverband in Louisiana. Man mag das als Politische
Korrektheit verteufeln (die ich persönlich für richtig und wichtig halte),
doch ist es nicht denkbar, dass man sich als Betroffene mit diesem Begriff besser und gleichberechtigter
angesprochen fühlen könnte? Abgesehen von Begrifflichkeiten scheint es mir, dass die
Berliner Literaturfestivals bezüglich der Einbeziehung von Menschen mit
Behinderungen (oder mit besonderen Bedürfnissen) noch Nachholbedarf haben.
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