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Dienstag, 29. Oktober 2019

New Orleans: ein Fragebogen mit Maurice Carlos Ruffin

Maurice Carlos Ruffin schreibt Kurzgeschichten und Essays. 2019 erschien sein erster, viel gelobter Roman We Cast A Shadow. Bis Frühjahr 2019 arbeitete er auch als Anwalt.
Hier seine Antworten:

New Orleans ist... schön, schwierig, seltsam.

Mein Lieblingsplatz in New Orleans: An der Straßenbahn auf der St. Charles Avenue. Ich jogge  gern dort. Ich schaue mir die Leute an und mag es, die feuchte Luft auf der Haut zu spüren.*

Mein Lieblingsgebäude in New Orleans: Der First Bank and Trust Tower ist eine Stilmischung. Ein bisschen Art Deco, ein bisschen Bauhaus.**

Mein Lieblingsessen aus New Orleans: Gumbo. Es schmeckt und verbindet mich mit meinen Vorfahren.***

Mein Lieblingsmusiker aus New Orleans: Kermit Ruffins (keine Verbindung).

Mein Lieblingstext über New Orleans: Sarah Brooms The Yellow House ist über den Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin. Niemand sonst hat so leidenschaftlich und prägnant darüber geschrieben.****

Mein Lieblingsfilm über New Orleans: Girls Trip. Die Frauen sind witzig!

Mein Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: ya heard.

Treffendster Spitzname für New Orleans: The Big Easy.

Liebste, hier nicht genannte Sache aus New Orleans: Wir haben im Sommer die besten Snowballs.*****

Wer sollte Bürgermeister von New Orleans sein? Präsident Obama. Es würde ihm hier gefallen.

Wie kann die Mordrate in der Stadt gesenkt werden? Schluss mit der Masseninhaftierung, bessere Bildung und Zugang zu finanziellen Ressourcen.

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Wir brauchen lange, bis sich was ändert.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Es ist weltberühmt, aber eigentlich ist es ziemlich klein. 

Warum ich in New Orleans lebe: Ich bin von hier. Ich liebe meine Stadt.

Meine New-Orleans-Expertise: Ich bin hier geboren.

*Die St. Charles Avenue ist vielleicht die schönste Straße in New Orleans und führt von Downtown über das Central Business District (CBD), das Garden District, bis zur Carollton Street. Sie soll 7 Meilen lang sein (11 Kilometer). Auf dem Mittelstreifen (neutral) fährt die Straßenbahn mit einem historischen Wagen. In Uptown laufen dort viele Jogger.
** Im CBD, 909 Poydras Street. Das Gebäude wurde 1987 fertiggestellt, ist 481 Meter hoch und hat 36 Stockwerke.
*** Meine Erklärung von 2011: Gumbo (sprich Gambo): Manche nennen es Cajun Bouillabaisse. Eine dicke Suppe mit frischem Gemüse und Meeresfrüchten, meistens mit Okraschoten und meistens auf der Basis von roux. Sehr würzig, mit Tabasco-Sauce und Kräutern. Außerdem filé, zermahlene Sassafras-Blätter. Das Wort Gumbo soll von dem afrikanischen Wort für Okra stammen.
**** Sarah Brooms Memoir ist im August erschienen und für den National Book Award in Non-Fiction nominiert.
***** Geschabtes Eis mit Fruchtsirup. Sehr erfrischend.

New Orleans Questionnaire: Maurice Carlos Ruffin

Maurice Carlos Ruffin is author of a novel, We Cast A Shadow, that came out in 2019. He writes short stories and essays and worked as a lawyer until this year.

New Orleans is... beautiful, challenging, strange.

Favorite place in New Orleans: The St. Charles Avenue Streetcar line. I love to jog it. It's great for people watching and feeling the humid air on my skin.

Favorite building: The First Bank and Trust Tower is a mixture of styles. It's a litte art deco, a little Bauhaus.* 

Favorite New Orleans food: Gumbo. It's delicious and connects me to my ancestors.

Favorite New Orleans musician/s: Kermit Ruffins (no relation).

Favorite piece of writing on New Orleans: Sarah Broom's The Yellow House is about the neighborhood where I grew up. No one has written about it with such a passionate, keen eye.

Favorite New Orleans movie: Girls Trip. Those ladies are so funny.

Favorite New Orleans word or expression: ya heard.

Most apt New Orleans nickname: The Big Easy. 

Favorite New Orleans thing not mentioned here: We have the best snowballs in summer.

Who should be mayor of New Orleans? President Obama. He'd like it here.

How can the city lower its murder rate? Stop with the mass incarcerations, improve education, and grant access to financial resources.

The thing I like least about New Orleans: We take a long time to change.

What people don't know about New Orleans is: It is world famous, but it is really a small town.

Why I live in New Orleans: It's where I'm from. I love it.

My expertise on New Orleans: I'm a native.



* The First Bank and Trust Tower is located on 909 Poydras Street in the Central Business District (CBD). It is 36 stories and 481 feet high and was completed in 1987.

Montag, 18. Juli 2016

Baton Rouge, Louisiana

Ein paar Fakten:
Hauptstadt des Bundesstaats Lousiana, am Ostufer des Mississippi
ca. 230.000 Einwohner, 17 Meter über dem Meeresspiegel
Gegründet 1699, besiedelt 1719, aus dem Französischen für „Roter Stock“
Religion: vor allem Baptisten und Methodisten, dann Katholiken
Größte Universität: Louisiana State University, meine Alma Mater. Amerikaner denken dabei an das Football Team LSU Tigers. Ein lebender Tiger, Mike, lebt als Maskottchen auf dem Campus und wird bei Heimspielen aufs Spielfeld gefahren.
Von Spanish Town und anderen alten Vierteln abgesehen, ist die Infrastruktur ganz aufs Auto ausgerichtet. Die Autobahnen I-10 und I-12 führen mitten durch die typische zersiedelte amerikanische Stadt.


Vor 26 Jahren, im Herbst 1990, kam ich auf meiner Greyhound-Reise durch die USA auch nach Baton Rouge. Ich blieb ein paar Stunden, schlug mit Mühe die Zeit tot. Damals war nämlich im Stadtzentrum fast nix, nur das Louisiana State Capitol aus den 30er-Jahren, ein Wolkenkratzerchen (137 Meter) im Art-Deco-Stil, irgendwo zwischen Völkerschlachtdenkmal und dem Warschauer Palac Kultury. Der Bau des neuen Capitol Building war die Idee des legendären Gouverneurs (1928-1932) und späteren Senators Huey P. Long, eine Art populistischer Südstaaten-Kennedy, der 1935 in seinem Capitol erschossen wurde. Um ihn geht es in dem wunderbaren Roman All the King’s Men von Robert Penn Warren, deutsch Das Spiel der Macht, auch als Film mit Sean Penn von 2006.

Von der Aussichtsplattform auf dem Dach blickte ich auf die menschenleere Innenstadt und sah auf dem Mississippi in Ufernähe Baumstämme treiben. Als ich 1995 nach Baton Rouge zog, war das Flussufer inzwischen zur Promenade (Riverwalk) ausgebaut worden.
Ich lebte vier Jahre lang in der Stadt, drei davon in einem charmanten Holzhäuschen  in einem Viertel, das Freunde wegen der Straßennamen die „Philosophy Neighborhood“ nannten. Es lag gleich gegenüber des verwunschenen Garden Districts, wo ich an warmen Nächten spazieren ging. Es war eine schöne Zeit, in der ich viel erlebt, geliebt, gelernt habe, nur dass in einem Sommer hinter meinem Haus jemand angeschossen und ein Jahr später, am Abend vor der Gerichtsverhandlung, getötet wurde. Ansonsten war ich mit Franzosen, Künstlern, Schriftstellern befreundet und hatte einen sehr zuverlässigen persischen Automechaniker, Mark.
Mein Leben spielte sich vor allem im südlichen Teil der Stadt ab, in der Gegend um die Uni, mit luxuriösen Häusern für die Professoren, einfacheren Vierteln für junge Familien und einer Partystadt aus doppelstöckigen Mietshäusern für die Undergraduates (Tiger Town). Wir fuhren sonnabends ins Stadtzentrum zum kargen Wochenmarkt, wo die meist schwarzen Bauern aus der Umgebung Mustard oder Collard Greens und Tomaten verkauften. Wir gingen in Bars und Klubs, trafen uns zu Partys und wöchentliche Tafelrunden. Ich studierte französische Literatur und Creative Writing, lernte louisianische Tänze, Essen und Kultur, genoss das subtropische Klima. Kurzzeitig wollten wir ein leerstehendes Gebäude zu einem Kunstzentrum aufbauen. Heute steht an der Stelle das schicke Shaw-Center mit Museum, Theater und Dachrestaurant Tsunami fast direkt am Mississippi.

Vor allem in den ersten Jahren fuhren wir einmal die Woche zu Tabby’s Blues Box am North Boulevard. Der Besitzer, der schwarze Bluesmusiker Tabby Thomas spielte den Blues, manchmal mit Gästen, dann saß er da und hörte zu. Die Besucher waren Schwarze, immer dieselben, und eine wechselnde Handvoll College-Kids. Alles war sehr schlicht, das Bier war billig und die Musik toll, Swamp-Blues, wie ich später erfuhr. Der Klub war am North Boulevard, inmitten vieler leerer Grundstücke. Auch das Haus nebenan fehlte, und auf der Fläche gegenüber parkten wir, und immer stand dort jemand, der auf die Autos und die heimkehrenden Gäste aufpasste. Im Jahr 2000 zog die Blues Box in die Innenstadt und blieb dort bis zur Schließung 2004. Tabby Thomas hatte auch eine Radiosendung am Sonntagmorgen. Er starb 2014.
Tabby’s Blues Box befand sich am Anfang einer anderen Welt, die man nur am Rande registrierte, wenn man zum Flughafen fuhr oder irgendwie durch eines der armen, schwarzen Viertel kam. Dort im Norden der Stadt befinden sich die Ölraffinerien, die mit den Flammen aus den Schornsteinen und dem Gestank, wie sie in Bitterfeld gleich nach der Wende geschlossen wurden. Der „Petrochemical Corridor“ am Mississippi von Baton Rouge nach New Orleans heißt im Volksmund Cancer Alley. Das ist sarkastisch, aber wahr. Meine Freundin Esra Özdenerol promovierte mit einer Arbeit in Geografie, in der sie mit Hilfe von modernen Verfahren Krebsstatistiken räumlich auswertete (A Spatial Inquiry of Infant Low Birth Weight and Cancer Mortality in East Baton Rouge Parish, Louisiana), mit einem erschreckenden und äußerst brisanten Ergebnis: In der Nähe der Chemiebetriebe, dort wo die armen Schwarzen wohnen, sind die Krebsraten um ein Vielfaches höher als anderswo.
Baton Rouge liegt nur etwa 150 Kilometer nordwestlich von New Orleans, und trotz gleicher Flora und Fauna ähneln sich die Städte nicht. Baton Rouge ist nicht kreolisch, Cajun oder katholisch geprägt wie der Rest Südlouisianas, sondern eher ein Ausläufer des Bible Belt, eine All-American-City mit etwas schärferem Essen und riesigen Kakerlaken. 

Es ist eine Industriestadt, die zur Staatshauptstadt wurde, mit einer Flagship-University, die trotz der einschneidenden und verheerenden Bush- und Bobby-Jindal-Jahre dominiert. Nach Hurrikan Katrina war es Hauptzufluchtsort, als sich die Bevölkerung kurzzeitig verdoppelte und die Baton Rouger über die schrecklichen Fahrer aus New Orleans klagten. Ein Teil der Bevölkerung wollte sich letztes Jahr durch eine eigene Stadtgründung (St. George) vom ärmeren Teil der Stadt lossagen (hier).
In Baton Rouge ist vor knapp zwei Wochen Alton Sterling erschossen worden (und ich glaube, wir lebten beide zwar in derselben, aber nicht in der gleichen Stadt). Es ist die Stadt, in der  die Polizei brutal gegen Protestierende vorging und doch von einer einzelnen Iesha Evans  in den Bann geschlagen wurde, wie auf dem viel kommentierten Foto von Jonathan Bachmann zu sehen (hier). Und es ist die Stadt, in der gestern drei Polizisten erschossen wurden, darunter Montrell Jackson, der in einem Tweet vor 10 Tagen darüber schrieb, wie schwer es ist, Polizist zu sein, aber auch, vor allem privat, schwarz zu sein, der über die Müdigkeit, die Schwere schrieb, die er empfand und zu Liebe aufrief und gegen Hass (hier). Sein winziger Sohn wird ohne ihn aufwachsen. 

Ich bin nur von fern betroffen, aber auch ich finde es ermüdend, zehrend, unerträglich. Vor ein paar Tagen hieß es in einem Artikel, die USA seien auf der Prämisse begründet worden, dass bestimmte Leben nicht so wichtig, also verzichtbar sind. Ich glaube, da ist etwas dran. Es ist bis heute unterschwellig vorhanden. Obwohl einer im Weißen Haus regiert, lebt man als schwarzer Mann in den USA immer noch mordsgefährlich. Die Tatsache, dass Obama schwarz ist und noch dazu klug, warmherzig und witzig, hat, so scheint es mir, dazu beigetragen, dass der Rassismus neue Blüten treibt, dass politische Differenzen in der Regierung in vorher unbekanntem Maße und auf radikale und respektlose Weise ausgetragen werden. Unausgesprochen (abgesehen von den Anschuldigen wegen seines Geburtsorts und dass er angeblich Muslim wäre) ist das fast immer Teil der Opposition gegen ihn. Vielleicht ein letztes, gewaltiges Aufbäumen der alten Klasse, die weiß, dass sie nicht mehr unumschränkt das Sagen hat.
In den letzten zwei Jahren sind viele Fälle bekannt geworden, in denen Afroamerikaner durch Polizeigewalt ums Leben kamen. Dass es trotz der Öffentlichkeit und trotz der Proteste jetzt wieder geschehen ist, mag auch damit zu tun haben, dass sowohl Alton Sterling als auch Philandro Castile, der zwei Tage später in St. Paul erschossen wurde, Waffen trugen. Sie haben ihnen nichts genützt; sie haben ihnen auf fatale Weise geschadet. In einem Radiobericht habe ich etwas gehört, was wir hier in Europa intuitiv wissen und verstehen: Statistisch gesehen, sterben in Bundesstaaten mit einer ausgeprägten Waffenkultur mehr Mensch durch Schusswaffen als in anderen Staaten, wo die Gesetze strenger sind. Natürlich ist das so. Aber kann man das den alten weißen Männern in der überaus mächtigen Waffenlobbyorganisation (National Rifle Association) irgendwie vermitteln? Solange auf Facebook hämische Kommentare auftauchen, mit dem Tenor „Tja, vielleicht einfach mal an die Gesetze halten“, glaube ich nicht so recht daran. 
Ich weiß nicht wie, aber bitte hört auf mit dem Töten. Denkt daran, dass alle Menschen Träume und Wünsche haben und Menschen, die sie lieben. Denkt daran, dass jedes Leben schützenswert ist.  
Hier noch ein interessanter Artikel von einem Afroamerikaner, der in Baton Rouge aufgewachsen ist und dort lebt und lehrt.

Montag, 7. September 2015

10 Jahre nach Katrina

Wie ein Hurrikan sind die Katrina-Erinnerungsartikel, -filme und andere Beiträge über uns hinweggezogen. Aus der Flut möchte ich zwei Sendungen empfehlen, die mich berührt haben. Auf Arte noch ein paar Tage lang zu sehen ist ein sehr aktueller Dokumentarfilm Only New Orleans, in dem es um damals und heute geht. Es kommen viele Musiker zu Wort, u.a. auch Davis Rogan, das Vorbild für die von Steve Zahn gespielte Rolle des Davis McAlary in der Serie Treme, Irma Thomas, Familienmitglieder der Andrews/Hill-Dynastie, von denen Trombone Shorty vielleicht der bekannteste und kommerziell erfolgreichste ist, und -- wie immer der vollendete Gentleman -- der große Allen Toussaint, der berichtet, dass die Zeit nach Katrina ihm auch Chancen eröffnet hat. Vom Mann hinter den Kulissen, dem Komponisten und Produzenten, hat er sich nämlich zum Performer entwickelt, der auch selbst mit seinen Liedern auftritt. Gezeigt werden übrigens auch Bilder aus der Ninth Ward, u.a. des Make It Right NOLA-Projekts von Brad Pitt, über das ich kürzlich gelesen habe, dass viele der Entwürfe doch nicht gebaut wurden, weil sie zu teuer waren und das erforderliche Geld nicht aufgetrieben werden konnte. Aber das Viertel wiederbelebt und aufgewertet hat das Projekt allemal. Der Film wurde erst in diesem Sommer fertiggestellt. Ich kenne den Ausspruch übrigens als "Only in New Orleans".
Dann habe ich auf NPR noch eine Folge von This American Life gehört, Nr. 565, Lower 9 +10. Darin geht es um die völlig zerstörte und weggeschwemmte Lower Ninth Ward, deren Bilder damals um die Welt gingen. Thematisiert wird, dass die Bewohner sich dagegen verwahrt haben, dass die Reisebusse zum Gaffen durch ihr Viertel fuhren, und es geht um alte und neue Bewohner, z.B. einen Postangestellten, der ein Cafe mit Kopierladen und anderen Dingen eröffnet hat, um das Viertel wieder zu beleben, um das Ringen einer zugezogenen jungen weißen Familie um Akzeptanz, um Anklänge an einen früheren Hurrikan von 1927, bei dem auch ein Viertel geopfert wurde, um die Innenstadt zu retten. Für mich am beeindruckendsten war die letzte kleine Geschichte um einen jungen Mann, der damals 23 war und seitdem versucht hat, seinen besten Freund von damals wiederzufinden, Samuel, von dem er hofft, dass er noch lebt. Wie durch ein Wunder bringen die Radioleute die beiden per Telefon wieder zusammen. Beide sind sehr bewegt, beide hatten gehofft und nacheinander gesucht, und man hört die alte Vertrautheit und Zuneigung in ihren Stimmen. In ihrer Sprache aber hört man auch die Welten, die sich inzwischen zwischen ihnen aufgetan haben. Der eine ist in New Orleans geblieben und klingt wie jemand von der Straße, und der andere lebt nach einer Odyssee in einem anderen Bundesstaat und hört sich sehr erwachsen und gebildet an. Auch das hat also der Hurrikan gemacht. Verlinkt ist auch eine frühere Sendung, die vor zehn Jahren gleich nach dem Unglück aufgenommen und gesendet wurde.

Mittwoch, 20. Mai 2015

Familienbands/bande

Um die Jahrtausendwende gab es in Baton Rouge, Louisiana, eine junge Band namens Red Stick Ramblers (red stick, roter Stab oder Stock, ist die wörtliche Übersetzung von baton rouge und ein Spitzname für die Stadt), Collegestudenten der Louisiana State University, die Cajun und Louisiana Traditionals, Western Swing und Anderes spielten, unbekümmert und natürlich und mit einer gekonnt sparsamen Instrumentierung, bei der jedes Instrument Gehör fand (zum Beispiel im "Main Street Blues"). Den Kern der Band bildeten damals die beiden Freunde Linzay Young und Joel Savoy, wobei Linzay der Sänger und Frauenschwarm war und der zurückhaltendere Joel die Fiddel virtuos bediente. (Es gibt von 2009 eine CD nur mit den beiden und hier ein Lied auf Youtube). Joel war damals bei einer Kollegin von mir im Französischkurs und sein kleiner Bruder Wilson Savoy, der irgendwie auch überall mitspielte (vor allem Akkordeon), war ein äußerst talentierter Student in meinem Deutschkurs. Mit in der Band war auch Ricky Rees am Großmutterbass, der jetzt in Austin, Texas, bei den Soul Supporters spielt. Linzay Young führte die Band noch bis 2013 weiter, brachte in der Koch-Reise-Sendung No Reservations Anthony Bourdain echtes Cajun-Essen nahe (siehe auch hier im Blog) und weihte in der Fernsehserie Treme die Geigerin Lucia Micarelli ins Fiddelspielen ein (auch hier im Blog).
Die beiden Savoy-Brüder entstammen einer Cajun-Musikerfamilie und spielen auch heute noch mit ihren Eltern Marc und Ann Savoy in der Savoy Family Cajun Band (in dem Video auf ihrer Webseite mit einer wunderbaren akustischen Version links Wilson und rechts daneben Joel). Das Ehepaar spielt seit 1977 zusammen und immer wieder auch mit dem berühmten Michael Doucet von Beausoleil.
Als ich mir jetzt meine Red Stick Ramblers-CD wieder einmal angehört habe, fing ich auch ein bisschen an zu gugeln. Und siehe da, Wilson Savoy hat eine Band namens Pine Leaf Boys und ist auch Filmemacher. Joel Savoy hat ein Plattenlabel namens Valcour Records und das Aufnahmestudio SavoyFaire. Er ist mit Kelli Jones-Savoy verheiratet, die aus einer Musikerfamilie in North Carolina stammt, und musiziert auch mit ihr, und Linzay Young ist mit Emma verheiratet und spielt jetzt auch gemeinsam mit ihr und ihren Eltern in der Good & Young Band. Die beiden Paare spielen auch zusammen als Double Date, hier ihre Aufnahme von "I’m Tyin’ Up The Blues". Sehr hübsch auch "I’ll Be There". Irgendwie klingt das ziemlich nach Happy End.
Jetzt hier und heute in Berlin habe ich auch eine Lieblingsband, die überhaupt nichts mit Louisiana zu tun hat, ganz andere Musik macht, aber im weitesten Sinne auch eine Familienband ist: Yellow Bird (benannt nach dem gleichnamigen Lied von Harry Belafonte). Zum ersten Mal erlebt habe ich sie bei einem Konzert 2012 in der Kugelbahn im Wedding, das auch ihre kanadische Ein-Mann-Vorband Martin Gallop bei ihrem CD-Release-Konzert im Februar erwähnte. Angefangen hat die Band mit dem Paar Manon Kahle und Uli Kempendorff, sie Amerikanerin aus den Appalachen in Vermont, er Berliner mit einschlägiger USA-Erfahrung. Manon mit glockenklarer Stimme, die auch Ukulele spielt, singt in close harmony mit der samtdunkel klingenden Schweizerin Lucia Cadotsch; es spielen an der Gitarre Ronny Graupe, an verschiedenen Klarinetten Uli Kempendorff und am Schlagzeug Michael Griener. Die Band spielt Americana, Country und Folk mit Spielfreude, Witz und einer klar aus dem Jazz kommenden Haltung, durch die alles irgendwie frisch und zugleich tief und echt klingt und einen Alte-Welt-Touch bekommt. Schön und toll instrumentiert sind sie alle, doch meine Favoriten sind "I Don't Believe You've Met My Baby" und "Hello Stranger". Inzwischen rückt Yellow Bird auch mit neuen, eigenen Liedern heraus, die Tolles für die Zukunft erahnen lassen. Es gibt eine sehr aktuelle Webseite, die eingehendes Surfen verdient, von Manon Kahle gestaltete Videos, und immer wieder Live-Konzerte, zum Beispiel am 5. Juni auf dem Stolze Openair-Festival in Zürich und am 6. Juni auf dem Stadtfest Eberswalde. Vielleicht fliegt ja spätestens dort neuen Fans ein gelbes Vögelchen zu.

Montag, 29. September 2014

Geopolitisches

Als ich vor ein paar Wochen in Hamburg war, zu einer tollen Übersetzersause auf einer Barkasse im Hamburger Hafen, war ich ziemlich überrascht, wie breit die Elbe dort ist. "Wenigstens ein richtiger Fluss," meinte meine beherbergende Kollegin. Das Schiff zog Runde um Runde durch den abendlichen, dann nächtlichen Hafen, und eigentlich war es einfach nur unglaublich und unvergleichlich schön. Aber als eine Urberliner Kollegin zu mir sagte: "So was hat Berlin nicht," rutschte mir spontan heraus: "Aber New Orleans," und das vielleicht auch, aber nicht nur, weil es so ein lauer, feuchter, atmosphärischer Abend war.
Tatsächlich erinnerte mich der Hamburger Hafen ein kleines bisschen an New Orleans, obwohl Hamburg als alte Handels- und Kaufmannsstadt majestätischer und reicher und größer ist. Hier ein paar Fakten, in Annäherungswerten:
Breite der Elbe in Hamburg: 500-600 Meter
Breite des Mississippi in New Orleans: 800 Meter
Entfernung von Hamburg bis zur Mündung der Elbe: 115 Kilometer bzw. 70 Seemeilen
Entfernung von New Orleans bis zur Mündung des Mississippi: 160 Kilometer
Hafen Hamburg: größter deutscher Seehafen mit 132,2 Millionen Tonnen Güterumschlag jährlich
Hafen New Orleans: 5. größter US-Hafen mit 84 Millionen Tonnen Güterumschlag jährlich
Einwohnerzahl Hamburg: 1,75 Millionen
Einwohnerzahl New Orleans: 360.000
Eine U-Bahn hat New Orleans auch nicht (lohnt nicht und es ist zu sumpfig).

Kürzlich habe ich diese "Judgmental Map" von New Orleans gefunden, eine satirische "urteilende" Karte, in der die Stadt nach verschiedenen Gesichtspunkten unterteilt ist: Geld, Kriminalität, Ethnien usw. New Orleans ist ja streng genommen, nur das, was sich in Orleans Parish befindet, aber hier ist die New Orleans Metropolitan Area abgebildet, mit Metairie, das sich im Westen nahtlos anschließt und in Jefferson Parish liegt, und New Orleans East und Teilen von St. Bernard Parish sowie auch der Westbank (ja so heißt es). Dort, wo steht: "Brad Pitt Houses" befindet sich die Lower Ninth Ward, die durch Hurrikan Katrina besonders schlimm getroffen wurde. Die Karte findet sich hier (interessant sind allerdings auch die Kommentare).
Auch treffend, aber böse ist eine satirische Parodie auf ein Promotionsvideo der New Orleans Tourism Marketing Corporation für den Stadtteil Bywater, der sich gleich östlich an das Faubourg Marigny anschließt, das wiederum gleich neben dem French Quarter am Mississippi und am Industrial Canal liegt. Zu Bywater gehört das Bywater Historic District. Historisch gesehen war Bywater eines der "Creole Faubourgs" (kreolischen Vorstädte), wo Free People of Color, kreolische Arbeiterfamilien, Einwanderer aus Santo Domingo (Haiti) und Europa, vor allem Irland und Deutschland, lebten. Mehr Fakten und Fotos hier. Seit mehreren Jahren wird hier kräftig gentrifiziert, und genau das nimmt das Satirevideo auf die Schippe (hier; oben die Parodie, unten das Original).
In Bywater lebt auch die feministische und offen bisexuelle Singer/Songwriterin Ani DiFranco mit Familie, die ursprünglich aus Buffalo, New York, stammt. Dass einem auch nach mehreren Jahren vor Ort noch gewisse lokale Sensibilitäten abgehen können, musste sie feststellen, als sie Ende letzten Jahres ein "Righteous Retreat" auf der Nottoway Plantation in White Castle am Mississippi veranstalten wollte (wo ich fast täglich auf dem Weg von Donaldsonville nach Baton Rouge vorbeigefahren bin), also eine Art "rechtschaffenen" Workshop mit ihr, 1000 Dollar pro Person für vier Tage. (Ein Wort wie "righteous" haben wir nicht, aber es bedeutet in etwa Gerechtigkeit fordernd oder suchend).
Dabei war nicht der Preis das Problem, sondern der Veranstaltungsort. Es ist tatsächlich ein besonders beeindruckendes Herrenhaus (daher der Name White Castle) direkt am Ufer des Mississippi. Auf der Nottoway-Plantage lebten und schufteten aber natürlich früher auch hunderte Sklaven, auch wenn das heute eher am Rande erwähnt oder romantisiert wird. Das Plantagenhaus ist jetzt zu besichtigen, und man kann auf dem Gelände auch luxuriös nächtigen, heiraten und Konferenzen abhalten (hier). "Typisch weiße Feministin"und "offenkundigen Rassismus" warf man Ani DiFranco vor, die sich zunächst noch damit verteidigte, dass der besondere Ort sicher auch thematisiert und in die Arbeit eingeflossen wäre. Zum Glück hat sie es dann doch abgesagt. Hier. Auf ihrem neuesten (am 14. Oktober erscheinenden) Album Allergic to Water haben übrigens Ivan Neville und andere New Orleanser Größen mitgespielt (hier).

Dienstag, 16. September 2014

The New Orleans Sound


Musik aus New Orleans ist nicht nur Dixielandjazz. Jazz, Hiphop (Bounce), R & B und Funk in New Orleans ist meistens schwarz und immer lauter, heftiger, dreckiger, ja vielleicht ursprünglicher als anderswo.
Letzte Woche ist der Schöpfer des „New Orleans Sound“, Cosimo Matassa, im Alter von 88 Jahren gestorben. Noch nie von ihm gehört? Tja, er war eben „nur“ der Toningenieur, mit dem sie alle zusammengearbeitet und sich gern haben fotografieren lassen: Fats Domino, Allen Toussaint, Dave Bartholomew, Professor Longhair, Irma Thomas und Dr. John. 
Dr. John beschreibt den typischen Cosimo-Sound, der zum New Orleans Sound des R&B und Rock ‚n’ Roll wurde, so: „strong drums, heavy bass, light piano, heavy guitar and light horn sound with a strong vocal lead.“
Cosimo Matassa wurde in New Orleans geboren und war sizilianischer Abstammung (und gehört damit zur wichtigen Gruppe der Italians in New Orleans, denen auch das Muffuletta-Sandwich zu verdanken ist). Seiner Familie gehört der kleine Lebensmittelladen im French Quarter Ecke Dauphine und St. Philip Street, Matassa’s Market, in dem es irgendwie alles gibt, was man gerade so braucht, auch Wein, wenn man zum Beispiel ins Mona Lisa in der Royal Street essen gehen will, wo man sich zu der tollen Pasta und Pizza seinen Wein selbst mitbringt, weil es jedenfalls früher BYOB (Bring Your Own Beverage) war, d.h. ohne Alkoholausschank. 
Die Matassas hatten aber noch ein anderes Geschäft: Musikboxen, und als Cosimo merkte, das sein Chemiestudium an der Tulane University doch nicht das Richtige für ihn war, fing er an, dort zu arbeiten. Bald fiel ihm auf, dass die Leute auch Platten kaufen wollten, und 1945 richtete er im Hinterzimmer ein kleines Aufnahmestudio ein, wo man zunächst vor allem privat Schallplatten aufnehmen konnte. Dann erweiterte er und zog mehrmals um, schließlich in die 748 Camp Street, wo er den Laden Jazz City nannte. Lange war seines das einzige Musikstudio in der Stadt und die besten Musiker gingen bei ihm ein und aus.
Matassa wurde in die Louisana Music Hall of Fame aufgenommen und 2012 in die Rock ‚n’ Roll Hall of Fame für „Musical Excellence“. Cosimo Matassa meinte dazu, er habe einfach Glück gehabt, dass so viele gute Leute zu ihm kamen: „It’s not hard to make a good performer look good.“ (Es ist nicht schwer, einen guten Künstler gut aussehen zu lassen.“
Mehr dazu hier.

Samstag, 22. Februar 2014

Vom Schreiben und Zugfahren


Dieser Tage habe ich Das Wagnis, die Welt in Worte zu fassen zu Ende gelesen, das Skript einer dreiteiligen Vortragsserie der Schriftstellerin Eudora Welty an der Harvard University. Der englische Titel One Writer’s Beginnings drückt besser aus, worum es geht: um ihre kurzweilige Kindheitsgeschichte, die Herkunft der Eltern und ihre Reifung zur Schriftstellerin. Eudora Welty (1909-2001) ist vor allem für ihre Kurzgeschichten und den Pulitzer Prize-prämierten Kurzroman The Optimist’s Daughter bekannt, war allerdings auch eine begabte Photographin (das Ogden Museum of Southern Art in New Orleans hatte letztes Jahr eine Ausstellung mit Podiumsdiskussion dazu). 
Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie in ihrem Elternhaus in Jackson, Mississippi, der Hauptstadt des Bundesstaats, die ich als selten hässliche Stadt in Erinnerung habe. Diesen Essay über ihren schriftstellerischen Ursprung endet sie mit den Worten: „Wie sie gesehen haben, bin ich eine Schriftstellerin, die einem behüteten Leben entstammt. Auch ein behütetes Leben kann abenteuerlich sein. Denn jedes echte Wagnis geht von innen aus.“ (In der leichtfüßigen Übersetzung von Karen Nölle in der Edition Fünf von 2011.) Der letzte Satz ist zum geflügelten Wort geworden, und im Original klingt er noch etwas wagehalsiger: „All serious daring starts from within“. 
The Optimist’s Daughter spielt zum Teil in einem Krankenhaus in New Orleans, und auch die Kurzgeschichte „No place for you, my love“ von 1952, über die sie berichtet, spielt in der Stadt. Sie zitiert auch eine Passage aus The Optimist’s Daughter, in der die Hauptfigur von einer Zugfahrt von Chicago nach Mississippi träumt und schreibt über eigene Zugfahrten, die sie von Jackson nach New York unternahm, um ihre Kurzgeschichten dort vorzustellen. Von Meridian, Mississippi, fuhr ein Zug für 17,50 Dollar von New Orleans kommend nach New York, zwei Nächte und drei Tage.
Dieser Zug fährt auch heute noch täglich, the Crescent, der 30 Stunden unterwegs ist. Ich bin damit schon mal nach Tuscaloosa, Alabama, gefahren, was wegen Überschwemmungen 8 oder 10 statt 6 Stunden dauerte. Es gibt auch noch den Sunset Limited von New Orleans nach Los Angeles über Texas, New Mexico und Arizona, der dreimal die Woche verkehrt und 48 Stunden unterwegs ist. Der berühmteste aber ist der City of New Orleans nach Chicago über Memphis, Tennessee. Er fährt täglich, die Fahrt dauert 19 Stunden, und es gibt mehrere Lieder gleichen Titels, eins davon in der Interpretation von Arlo Guthrie.
Die Eisenbahn, Amtrak, ist im Autofahrerland USA nicht besonders ausgebaut, sondern verkehrt nur auf großen, wichtigen Überlandstrecken oder auch als commuter trains, Pendlerzüge, in den Ballungsgebieten an der Ost- und Westküste. Dabei ist Eisenbahnfahren in den USA ein echtes Erlebnis: diese hohen, wuchtigen, schweren Wagen, in die man über ein Treppchen steigt, das einem der Schaffner bereitstellt, die Geräumigkeit und Stille und Kühle in den Waggons, und natürlich die wilden amerikanischen Landschaften, die man am besten aus dem Panoramawaggon gemächlich vorbeiziehen sieht, nix da mit unangenehmen ICE- oder gar TGV-Geschwindigkeiten.
Gerade heute habe ich gelesen, dass Amtrak bald „writer’s residencies“ an Bord einiger Züge anbieten wird, wo Schriftsteller umsonst über Land fahren dürfen und schreiben. (Hier.) Ich finde das eine tolle Idee. Und irgendwie denke ich mir, Eudora Welty hätte das auch gut gefunden.

Sonntag, 5. Januar 2014

Treme -- das Ende

Ende Dezember lief die letzte, eine halbe, Staffel der Fernsehserie Treme, die jetzt 38 Monate später wieder einsetzt. Die Serie spielt ja in der Zeit nach Hurrikan Katrina, vor allem in dem historischen kreolischen Viertel Treme gleich neben dem French Quarter, das jetzt hübsch gentrifiziert wird, wie ich bei meinem letzten Besuch beobachten konnte.
Es ist eine Serie, in der die Stadt, New Orleans, die sehr kantige Hauptrolle spielt und die Musik die Ecken wieder glättet. Der Times-Picayune-Filmkritiker Dave Walker stellte sich vor (in diesem Artikel), wie die Filmemacher David Simon und Eric Overmyer (bekannt für The Wire) dem Sender HBO ihr Serienkonzept vorgestellt haben mögen (die Figurennamen in Klammern sind von mir):
-- Eine unserer Hauptfiguren ist ein ruppiger R&B-Musiker, der immer wieder Probleme mit seiner Vaterrolle hat. Er spielt Posaune. (Wendell Pierce als Antoine Batiste)
-- Eine andere Figur ist ein Schwarzer, der sich selbst als Indian(er) bezeichnet und sich für Straßenumzüge als eine Art Las-Vegas-Showgirl verkleidet, zum Beat von afrikanischen Trommeln. In jeder Staffel zeigen wir das in einer Folge. Die übrige Zeit näht er. (Clarke Peters als Albert Lambreaux)
-- Eine weitere Figur ist ein Universitätsprofessor und Schriftsteller mit Schreibblockade, der seine Wut über das Internet herauslässt. Er wird von einem Film. und Fernsehstar gespielt, aber wir lassen ihn gleich nach Mardi Gras sterben. (John Goodman als Creighton Bernette) Seine Frau ist Anwältin und vertritt Leute, die sie nicht bezahlen können. (Melissa Leo als Toni Bernette)
-- Der bestaussehende junge Mann unter den Figuren ist garstig zu Wiederaufbaufreiwilligen und misshandelt die liebe junge Frauenfigur. Er hat auch ein Drogenproblem. (Michiel Huisman als Sonny, Lucia Micarelli als Annie)
-- Wir bringen die Zuschauer dazu, Steve Zahn zu hassen. (als Musikmöchtegernimpressario Davis McAlary)
-- Khandi Alexander verbringt die ganze erste Staffel damit, ihrem Bruder nachzuspüren, der im post-Katrina-Gefängnissystem verschollen ist, das Kafka das Fürchten gelernt hätte. Dann findet sie bei den Emmy Awards keine Beachtung. Die folgenden Staffeln werden noch viel schlimmer für sie.
-- Wir haben eine Köchin, die einen Hubig's Pie aufmotzen und als hohe Kochkunst präsentieren kann... Die meiste Zeit ist sie nicht in der Stadt. (Kim Dickens als Janette Desautel)
-- Wir machen Hunderte von Anspielungen auf Dinge wie Hubig's Pies und Leute wie Dave Bartholomew und erklären sie nicht.
-- Es gibt mehrere tolle Beerdigungen.
-- In den Straßen wird oft wild getanzt, meistens scheinbar ohne Grund.
-- Tolle Musik aus New Orleans wird eine Hauptrolle spielen, aber das meiste davon haben sie noch nie gehört.
Er schließt die Aufzählung mit den Worten: "Es ist ein Wunder, dass die Serie gemacht wurde und so lange lief." 
Nicht alle Figuren sind sympathisch und selbst die sympathischen machen immer wieder die Art Fehler, wo man als Zuschauer zusammenzuckt. Eine der direktesten und besten Figuren für mich ist Antoine Batistes Lebensgefährtin Desiree, gespielt von der Laienschauspielerin Phyllis Montana LeBlanc, die als eine der Interviewpartnerinnen in Spike Lees Dokumentar-Epos When the levees broke auf sich aufmerksam machte.
Mich fasziniert vor allem die Atmosphäre der Serie, die einen förmlich einsaugt, und natürlich New Orleans, das absolut wiederzuerkennen ist. Für das "es richtig treffen" sorgten sicher die mitarbeitenden lokalen Autoren wie Lolis Eric Elie, der sogar noch ein Kochbuch zur Serie herausgebracht hat. 
Die Serie hatte viele Fans und wenige Zuschauer. Manche New Orleanser haben sie nicht gesehen, weil sie Angst hatten, es würde ihnen zu nahe gehen. Doch wenn man die Kommentare liest, hat sie Einheimische und vor allem auch Auswärtige tief berührt. Wie einer schreibt, mehr als Spike-Lees Katrina-Requiem. 
Was Treme so besonders und so wichtig macht, ist, dass es das lebendige New Orleans zeigt, wie und warum die Leute immer noch oder wieder oder überhaupt erst hier wohnen und leben wollen. Schade, dass es vorbei ist. Gut, dass es es gibt (in 36 Folgen).
Mehrere Soundtrack-Alben sind erhältlich und ab Ende Januar gibt es die DVDs (wie es scheint nur auf Englisch und vorerst nur für den amerikanischen Markt).
Vorschauen, Videos, Zusammenfassungen finden sich hier.
In der Times-Picayune werden die Anspielungen und Hintergründe der einzelnen Folgen erklärt, Treme explained.



Mittwoch, 4. Dezember 2013

Louisiana --> DDR und zurück

In der MDR-Mediathek ist vermutlich nur noch für kurze Zeit der Mitschnitt eines Konzerts mit Louis Armstrong & His All Stars zu sehen (hier noch mehr). Das Besondere: Es ist vom 22. März 1965 im Friedrichstadt in Berlin (Hauptstadt der DDR). Ich war da noch nicht geboren, aber ich habe viel darüber gehört, weil mein Vater nämlich da war, da sein musste, weil er ein großer Fan war. Es ist die Art Jazz, die viele Leute heute noch mit New Orleans assoziieren, und den es immer noch gibt und immer geben wird, aber nicht nur. Es war ganz sicher noch im alten Friedrichstadtpalast gleich neben dem Berliner Ensemble, der in den achtziger Jahren abgerissen wurde. Die Aufnahmen sind schwarz-weiß, die Band ist es auch, sie tritt nach und nach vor einen glitzernden weißen Vorhang und alles sieht irgendwie klein und altmodisch aus. Und dann holt Armstrong seine Trompete hervor und bläst los und es ist unglaublich, rein, klassisch, grandios!
Zwischendurch ist er immer wieder der liebenswürdige Teddybär-Entertainer, der niemandem etwas zu Leide tun kann. Das hat man ihm oft vorgeworfen: In den USA fanden Afroamerikaner, dass er sich zu sehr anbiedert und nicht für ihre Sache eintritt, und als er in 17 Städten in der DDR spielte (und in anderen sozialistischen Ländern), da warfen ihm westliche Journalisten vor, dass er so unpolitisch sei. Darauf sagt er im Interview: "Ich geh da hin und spiele, wo mich mein Manager hinschickt, und immer bin ich willkommen." Und genau so einfach ist es. Der Jazzmusiker und Musikjournalist Karlheinz Drechsel, der ihn damals begleitet hat, erzählt (Interview hier), dass er sich nicht nur in die Herzen der Menschen gespielt hat, sondern auch dem Jazz die Türen in der DDR geöffnet hat. Was viele Leute sich nämlich nicht vorstellen können, ist, dass niemand möchte, dass jemand von weit her kommt und einem sagt, wie beschissen man es hat, denn letztendlich ist alles Leben, und in der DDR hatte man Frieden und Arbeit und zu essen und das war damals noch seeehr viel wert. Als später in den achtziger Jahren Bob Dylan zum Konzert kam, da wollten wir auch nicht, dass er uns erzählt, wie doof es bei uns ist, aber wir hätten uns gefreut, wenn er irgendetwas gesagt hätte, irgendwie erwähnt hätte, wie besonders es war, dass er überhaupt bei uns war und spielen konnte. 
Im Interview mit Louis Armstrong hört man, dass er nicht besonders gebildet ist und vermutlich auch nicht in komplexen Zusammenhängen dachte, aber das brauchte er auch nicht. Er war Musiker. Er spielte mit einer Lebensfreude und tiefen Wertschätzung für das Leben und für andere Menschen, und das übertrug sich in seiner Musik und, wenn man es will, erreicht es uns heute noch.
Themenwechsel: Vor kurzem habe ich mal wieder den Film Schultze gets the Blues gesehen, mit Horst Krause in der Hauptrolle. Er ist einer der Schauspieler, die nur eine Rolle beherrschen, glaube ich, und die spielt er sehr gut, als Landpolizist zum Beispiel. In diesem Film ist sie ein wenig abgewandelt, denn es ist einer dieser deutschen Filme mit langen, schweigsamen Einstellungen, die bedeutungsschwer die Geschichte vorantreiben. Aber vieles ist auch außergewöhnlich. Zum Beispiel, dass der Film in Sachsen-Anhalt spielt und das Leben dieser einfachen Bergmänner mit leichtem Humor gezeigt wird, ohne sie zu denunzieren. Horst Krause (hier Schultze) ist also einer von drei Männern, die in den Vorruhestand geschickt werden, und dann nicht so recht etwas mit sich anfangen können. Immerhin spielt Schultze gelegentlich Akkordion, mindestens einmal im Jahr auf dem Dorffest, immer dasselbe Stück, das schon sein Vater gespielt hat.
Doch eines Abends hört er im Radio Zydeco, die schnelle, rhythmische Musik der kreolisch-afroamerikanischen Landbevölkerung in Louisiana, bei der ein Akkordion immer mitspielt (sehr ähnlich der Musik der Cajuns, die allerdings langsamer ist.). Allerdings hört er nur ein paar Riffe und schaltet dann wieder aus, aber diese spielt er schnell nach und übt sie immer wieder. Zum Befremden der meisten im Dorf spielt er sie auch auf dem Dorffest. Er kocht Jambalaya für seine beiden Kumpels und jobbt nebenher für einen Flug nach Louisiana. Dann wird er für den Austausch mit der Partnerstadt New Braunfels in Texas ausgesucht, wo er sich allerdings nur kurz aufhält und schnell vor der dort praktizierten Deutschtümelei flüchtet.
Er nimmt sich ein kleines Boot und fährt durch die Sümpfe und Bayous nach Louisiana (auf der Karte sieht man, dass das von New Braunfels aus nicht so ohne weiteres geht, aber es ist ein Film, Mensch!). Dort wird er von der freundlichen Küstenwache abgeschleppt, gerät in einen Cajun-Tanzabend auf dem Lande, wo er auch gleich tanzt, und schließlich, wie im Traum, trifft er in den Sümpfen auf ein großes Boot mit einer sanften schwarzen Frau und ihrer Tochter, die gerade Krabben kocht und ihn zum Essen einlädt. Dann, beim Tanzen im Rock 'n' Bowl in New Orleans bricht er zusammen und stirbt später ganz still auf dem großen Boot in den Sümpfen. Das ist traurig und berührend, aber es ist auch schön, zeigt die raue und unpolierte Schönheit Louisianas, das schöne Licht, die lauten Grillen- und andere Geräusche in der Luft. Ein Louisiana, das zwar auch märchenhaft ist, aber abseits von Klischees.
In der Schlussszene sieht man die Beerdigung. Die Blaskapelle spielt einen Trauermarsch und bricht dann in genau den Zydeco-Riff aus, mit dem seine Faszination begann. Und dann marschiert sie vor dem Horizont mit seinen trostlosen Windrädern von rechts nach links und die Trauernden ziehen und tanzen hinter her. Und ganz plötzlich hat das was von einer Second Line in New Orleans und Schultze ist nicht nur in das verlockende Märchenland gereist, sondern hat es seltsamerweise durch seinen Tod mit in sein Leben zu Hause gebracht. 
Und auf irgendeine Weise schließt sich hier für mich ein Kreis aus Musik und Louisiana und dem Osten.

Dienstag, 26. November 2013

Abgedreht!

Auf Arte habe ich diese abgedrehte Sendung gesehen, mit dem Untertitel "ungewöhnlicher Blick auf Kunst und Kultur". Die Verbindung zwischen den einzelnen Beiträgen war etwas willkürlich; lose bezog es sich auf den Mississippi, den gleichnamigen Bundesstaat, Louisiana und New Orleans, aber die einzelnen Teile waren ganz interessant. Es ging um die Darstellung der Sümpfe in verschiedenen Filmen ("Bayou im Film"), um Schall und Wahn von William Faulkner, um "Die Verschwörung der Idioten" von John Kennedy Toole, Jerry Lee Lewis (zum Beispiel Great Balls of Fire), von dem ich nicht wusste, dass er aus Louisiana stammt und dass er noch lebt, die Fernsehserie Treme und die lebendige Musikszene von New Orleans (kurzes Interview mit Trombone Shorty) und schließlich den Rapper Lil Wayne, der inzwischen mehr Hits in den Charts gehabt haben soll als Elvis Presley. Wie das aufgemacht ist, ist tatsächlich bizarr und der kleine Beitrag über Oprah Winfrey ist nichtssagend und gemein, aber ansonsten kann man sich die Sendung in der Mediathek ansehen (wiederholt wird sie am 27. November 2013 um 6.45 Uhr).

Freitag, 1. November 2013

Was du nicht siehst -- Dans tes yeux

Gestern habe ich einen kleinen Film auf Arte gesehen. Sophie Massieu, eine Blinde, bereist in einer kleinen Serie (mit dem Titel Was du nicht siehst -- Dans tes yeux) die Welt und versucht, ungewöhnliche Blickwinkel auf die Orte zu zeigen, indem sie sich Einheimische als Reiseführer aussucht.
New Orleans und Louisiana überhaupt besuchen Franzosen gern, so wie auch andere frühere Kolonien, vielleicht, weil es exotisch und trotzdem vertraut ist, vielleicht auch, weil man an eine für manche "glorreiche" Vergangenheit erinnert wird. 
Wie bei Arte so üblich, kann man den Film auf Deutsch oder Französisch sehen. Sophie Massieu lässt sich durch New Orleans von Charmaine Neville führen, der Tochter von einem der Neville Brothers, die selbst Musikerin ist und berichtet, dass ihre Familie seit acht Generationen Musiker sind. Sie nimmt sie mit zum Gottesdienst in eine afroamerikanische Kirche, zeigt ihr das Musician's Village und fährt mit ihr zu einem leer stehenden, verlassenen, umzäunten Viertel, an dem man seit Hurrikan Katrina nichts gemacht hat.
Dann geht sie noch zu einer Voodoopriesterin, lässt sich die Zukunft voraussagen, einen GrisGris anfertigen und einen Tanz mit Musik aufführen.
Am nächsten Tag fährt Sophie mit einem richtigen Cajun, Norbert LeBlanc, hinaus in die Sümpfe, wo sie Reiher und Alligatoren sichten und er ihr eine Lotusblüte pflückt. Mit ihm spricht sie Französisch, und ich war überrascht, wie fließend und normal er Französisch sprach, obwohl er -- trotz weißem Rauschebart -- noch gar nicht so alt war.
Abends geht es dann noch zu einem Konzert, wie ich glaube, in den Snug Harbor-Klub in the Marigny, gleich neben dem French Quarter. Gesungen hat Charmaine Neville, und Sophie war mit einer Art Rassel auch beteiligt.
Sehenswert fand ich das, vermittelt liebenswerte kleine Eindrücke. Was mir ein bisschen fehlte, waren die genauen Bezeichnungen der Orte (ich hätte gern gewusst, wo die Kirche, das verlassene Viertel, der Sumpf war, Snug Harbor habe ich mir von der Tür umgedreht zusammengereimt), und dass z.B. Charmaine, Charmaine Neville war, habe ich nur kurz im Abspann erhaschen können. Der Film dauert eine halbe Stunde und läuft noch ein paar Tage lang hier.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

David Bowie und New Orleans


Der Londoner Independent hat gestern eine Liste von David Bowies hundert Lieblingsbüchern veröffentlicht. Erstaunlich, nicht nur weil man bei nicht allen Popstars davon ausgehen kann, dass sie lesen, sondern auch, weil er mehr als hundert gelesen hat und einige davon richtig anspruchsvoll, auch theoretisch, sind! Noch dazu sagt Bowie, wenn er nicht Musiker geworden wäre, dann wäre er Schriftsteller geworden, und er verstehe seine Lieder als kleine Romane. Die Liste wurde von seinem Kurator für eine Ausstellung mit dem Titel David Bowie Is zusammengestellt, die vom Victoria and Albert Museum in London jetzt nach Kanada in die Art Gallery of Ontario in Toronto gewandert ist, wo sie bis zum 27. November 2013 zu sehen ist. Auch die Münchener Abendzeitung berichtete darüber. Als er jung war, soll Bowie immer mit demonstrativ herumgetragenen Büchern in der U-Bahn angegeben haben, und bei Dreharbeiten in der Wüste hatte er eine ganze Truhe voller Bücher mit. Ob er jetzt E-Bücher liest, ist nicht erwähnt, aber angeben konnte man damit wirklich nur ganz kurz vor ein paar Jahren, als sie noch neu waren, finde ich.
Auf der Liste finden sich die Klassiker wie Camus’ Der Fremde oder George Orwells’ 1984, aber auch Überraschungen wie Christa Wolfs Nachdenken über Christa T. oder Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Auch auf der Liste sind einige Bücher oder Autoren, die ich hier schon rezensiert habe: On the Road von Jack Kerouac und Kaltblütig von Truman Capote, aber auch African American Studies-Klassiker wie Richard Wrights Autobiografie Black Boy und Nella Larsons Passing (auf Deutsch unter dem Titel Seitenwechsel), über ihr ganz persönliches Thema einer Mulattin, die als weiß „durchgeht“. Außerdem sind einige von meinen Lieblingsbüchern dabei, zum Beispiel Room at the Top  (Der Weg nach oben) von dem Angry Young Man John Braine.
Überrascht hat mich aber vor allem John Kennedy Tooles Confederacy of Dunces (Die Verschwörung der Idioten), das Bowie Anfang der 2000er Jahre gelesen hat, vielleicht ja in Vorbereitung auf ein Konzert in New Orleans? Auf mehreren Touren ist er dort aufgetreten, und man findet im Internet die Setlisten für die Konzerte am 30. April 2004 im Saenger Performing Arts Theater an der Canal Street (hier) und am 6. Oktober 1987 im Louisiana Superdome (hier). Bowies Titel Time ist wohl 1974 während eines Tourneestops in New Orleans entstanden. 
Übrigens war das wunderschöne Saenger, wo ich vor langer Zeit mal den Fiedler auf dem Dach gesehen habe, seit Hurrikan Katrina geschlossen. Heute wird es mit einer Gala eröffnet und noch im Oktober kommen Garrison Keillor mit dem Prairie Home Companion, Wynton Marsalis und Orchester, Diana Ross usw. Für die folgenden Monate sind auch der Satiriker Bill Maher und der Musiker Dave Matthews angekündigt. Und wer weiß, vielleicht schaut David Bowie jetzt auch mal wieder vorbei.

Freitag, 24. Mai 2013

Rerun: A Studio in the Woods

This will kick off a series of previous entries in English translation. We did these for my application at A Studio in the Woods. This one was written after my visit last fall. I translated, and Katy Derbyshire was kind enough to make a few suggestions. Here goes:


Sunday, 18 November 2012
A Studio in the Woods

A Studio in the Woods is located over the hills, where the seven dwarfs dwell, or so it seems, even though there are hardly any hills at all in Louisiana. On the half-hour or so drive from New Orleans I cross the long, busy, hill-like Crescent City Connection to the other side of the Mississippi, then hang a right, then left onto General de Gaulle Boulevard through the urban sprawl of the West Bank, then across another tall, curving bridge over the Intracoastal Waterway to a deserted road following one of the generous bends of the Mississippi at the foot of the levee, which, as can be seen on a map, is really shaped like an eyelet here. The road ends in front of the gates of the Audubon Center for Research. Just a few yards before that a weathered sign points right to the overgrown driveway to the Studio in the Woods.
Set into the woods there is a light and airy wooden house with a spacious, screened-in porch. The Studio’s coordinator Cammie Prewitt-Hill welcomes me in flip-flops and a long skirt. We step into a large kitchen with windows on three sides, leading into an exuberant, inviting living room and an office space in the back. I say: This looks like somebody’s house. Cammie says: Well, it is.
And here is how: In 1968 Joe and Lucianne Carmichael had just fallen in love and would sometimes come to this spot to have a picnic, until they were lucky enough to acquire a piece of property here. Besides their “regular” jobs they were both artists—she works in clay, he in wood—and so they gradually built a house, finished in 1977, using the materials found in the surrounding forest and elsewhere. He made a long wooden table for the porch; she made the tiles for the floor. They created a small pond in the backyard, but left the thicket almost untouched, viewing it as inspiration for their work, because they had also built artist’s studios for themselves. They invited school classes on field trips and sometimes granted informal artists' residencies and held workshops.
In 1998 they began looking for a benevolent landlord. In December of 2004 they transferred A Studio in the Woods to the auspices of Tulane University in New Orleans, where it is part of the Center for Bioenvironmental Research. Environmental curator Dave Baker also works at the studio, observing and managing the natural environment, removing Chinese privet for one, which is threatening to overgrow the entire South.
Since 2003 the Studio in the Woods has been offering residencies for artists, after Katrina and Rita mostly restorative stays for artists affected by the storms, among them the composer and musician Michael White. In the documentary The Sound of the Storm he describes how, having lost almost everything in the storm, his stay at the Studio got him back to work. Every year the Studio offers five-week residencies to artists of different fields: sculptors, painters, writers, filmmakers, musicians, etc.
A few days before my visit the young jazz folk singer-songwriter Sarah Quintana from New Orleans had just started her residency. Cammie told us how the whole jury had been immediately mesmerized by the music she submitted. Certainly influenced by her life in France, where she has her fans too, her music is made up of unusual tunes and a lot of space and time. She financed her first album The World Has Changed by crowdfunding.
Sarah explained how she absorbs the sounds of nature, how they make her porous and receptive, how at home she feels surrounded by raccoons, armadillos, and animals of the woods, how the fertile Mississippi inspires her. The Mississippi, she said, is angry with us for the environmental problems we cause. She calls the river “she,” which may have to do with her sad, beautiful song “Mama Mississippi:” Sarah Quintana playing her grandmother’s coffee cup. Listen to it here! Her album featuring the songs written at the Studio in the Woods is scheduled for release in December, The Delta Demitasse.
Industrial noise sort of set the scene for my visit, wafting over from the levee: squealing, squeaking, creaking, pounding sounds, ship and port noises, sounds I remember from when I lived in Donaldsonville right by the Mississippi river. When I climbed up onto the levee later on, I saw them lying there, gigantic ocean freighters, perhaps lying at anchor, one after another, in this completely unromantic riverscape. So the Studio in the Woods is not just a natural oasis for the artist’s soul, but a place where art and reality connect, where the idyll is set off by Chinese privet and industry, where one can be out in nature and yet not out of time.
At the end of my visit I had a brief conversation with Lucianne Carmichael, and she said I should apply for a residency there. Will do, gladly.

Mittwoch, 8. Mai 2013

Polk Salad Annie


Am Anfang stand ein Post auf Facebook mit den Worten Gorgeous - and maybe just right for Ina  (Wunderschön – und vielleicht genau das Richtige für Ina?) und diesem kleinen Video. Es ist ein Lied von 1969, in dem der Sänger Tony Joe White (*1943) Leuten, die sich im Süden nicht so auskennen, eine kleine Geschichte erzählt, von Polk Salad und von Annie, die so arm ist, dass sie sich davon ernähren muss. Ihre Großmutter haben die Alligatoren geholt, heißt es, die Mutter arbeitet in einer chain gang (Sträflingskolonne) und der Vater sagt, er kann nicht arbeiten, weil er Rückenschmerzen hat. 
Der Verfasser und Sänger, Tony Joe White, beschreibt damit ein wenig seine eigene Kindheit, denn er wuchs im Nordosten Louisianas in einfachen Verhältnissen auf, in einem Örtchen namens Oak Grove, das sich unweit des Mississippi in den Sümpfen befindet. 
Was hat es mit diesem Polk-Salat auf sich? Polk salad oder pokeweed sind die jungen Blätter eines Unkrauts names Phytolacca americana (Kermesbeere), das auf den Feldern wächst und hochgiftig ist. Man muss es drei Mal in Wasser kochen, damit es genießbar wird, und, laut Tony Joe White schmeckt es ein bisschen wie Steckrübengrün oder Spinat. Es ist ein echtes Arme-Leute-Essen, und Annie kann sich und ihre Familie nur ernähren, indem sie auf die Wiese geht und ein bisschen Polk Salad pflückt. Kermesbeeren werden bei uns übrigens in der Homöopathie eingesetzt.
Das Lied gehört zu einer Untergattung namens Swamp Rock (Sumpfrock). Elvis Presley hat es gecovert, in sein Standardrepertoire aufgenommen und richtig bekannt gemacht. Da war er dann zwar schon aufgeschwemmt und im strassbesetzten Overall, aber Elvis stammte selbst aus sehr ärmlichen Verhältnissen in Tupelo, Mississippi, nur 300 Kilometer weiter nach Nordosten. (In die Zweizimmerhütte habe ich mal einen Blick hineingeworfen.) 
Tony Joe White hat eine erfüllte Karriere hinter sich, doch bekannt geworden sind seine Lieder meist durch andere, wie auch Rainy Night in Georgia durch Brook Benton, wobei die Fassung von Ray Charles auch sehr schön ist. 
Appetit auf Polk Salad habe ich jetzt zwar nicht bekommen, aber Tony Joe White ist tatsächlich genau das Richtige für mich. Danke, Katy.

Mittwoch, 6. März 2013

New Orleans – ein Fragebogen mit Rex Rose


Rex Rose ist Autor, Lehrer und gebürtiger New Orleanser.

New Orleans ist... Spaß.  Sinkend.  Gefährlich.  Böse.  Freundlich.  Schön.  Dumm.

Lieblingsort in New Orleans:  Das Café, das jeweils gerade am meisten „bohème“ ist.

Lieblingsgebäude: The Skyscraper. (Der Wolkenkratzer)*

Lieblingsessen aus New Orleans: Heiße-Wurst-Po-Boy mit Mayonnaise und Senf zusammengemischt.

Lieblingsmusiker/in aus New Orleans: The Sluts. (Hardcore-Punk-Band der achtziger Jahre)

Lieblingstext über New Orleans: Toast (Roman von Rex Rose)

Lieblingsfilm über New Orleans: Zombie vs. Mardi Gras **

Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: Where you stay? (Wo übernachtest du?)

Passendster Spitzname für New Orleans: The city that forgot to care. (Die Stadt, die vergaß, etwas wichtig zu finden.) ***

Lieblingspersönlichkeit/-figur: Morgus the Magnificent (Morgus der Prächtige) ****

Liebste, hier nicht erwähnte Sache in New Orleans: Kostenlose Fahrt auf der Fähre nach Algiers.

Wer sollte Bürgermeister von New Orleans sein? Morgus der Prächtige

Wie kann die Stadt ihre Mordrate senken? Drogen und Feuerwaffen legalisieren, das NOPD (Polizei) und die Schulverwaltung auflösen und mit Außenseitern in den wichtigsten Positionen neu anfangen.

Warum ich (nicht) in New Orleans lebe: Die Kriminellen und die Polizei, ohne besondere Reihenfolge

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Nie wird etwas zu Ende gemacht, weil es schon ein paar Jahre dauert, bis man sieht, wie im Arsch alles ist.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Wir hatten einen viel produktiveren und ekelhafteren Serienmörder als Jeffrey Dahmer, aber niemand hat es richtig mitbekommen.

Meine New Orleans-Expertise: Ich habe sieben Jahre lang in einer Bar Austern geöffnet und in heimischen Klubs gespielt.

Cheers!

* Was ich an diesen Fragebögen so mag, ist, dass ich immer etwas Neues lerne. Auf meine Nachfrage schrieb Rex: „Es ist an der Ecke von St. Peter und Royal Street und dort wohnte eine wichtige Kerngruppe von Bohème-Beatnik-Leuten. Es wurde so genannt, weil es das einzige vierstöckige Gebäude im French Quarter war.“ Das Gebäude stammt von 1807. Hier ein Foto.
** Zombie vs. Mardi Gras: ein Horrorfilm. Hier.
*** Wortspiel auf den berühmten Spruch: The city that care forgot (Die Stadt, die die Sorge vergaß)
****Morgus der Prächtige: Von dem Schauspieler Sid Noel dargestellter verrückter Wissenschaftler, der in seiner Spätabendsendung von 1959-1989 Horror- und Sciene-Fiction-Filme zeigte. Es gibt auch einen Film The Wacky World of Dr. Morgus (Die abgefahrene Welt des Dr. Morgus) und ein Comeback in den 2000er Jahren, unterbrochen durch Hurrikan Katrina.

Dienstag, 26. Februar 2013

Fats Domino

Fats Domino wird heute 85 Jahre alt (hier im Südkurier). Bekannt ist er wohl vor allem für Titel wie "Blueberry Hill" oder "I'm Walkin'". Eigentlich heißt er Antoine, ist kreolischer Abkunft und wie der Name sagt ein wenig rundlich. Während Hurrikan Katrina hatte man ihn für tot gehalten, bis er mit dem Hubschrauber aus seinem überfluteten Haus in der Lower Ninth Ward gerettet wurde. Nach Katrina veröffentlichte er die Platte Alive and Kickin' (Mopsfidel?), deren Erlöse der Tipitina Foundation zugute kommen. 
In der dritten Staffel der Fernsehserie Treme hat er einen kleinen improvisierten Auftritt in seinem Bürogebäude. Sein durch Katrina ramponierter Flügel ist jetzt im Louisiana State Museum im Cabildo im French Quarter ausgestellt, siehe hier (wo in den Eingangsarkaden auch ein Boot steht, mit dem jemand Katrinaopfer gerettet hat; wer habe ich leider vergessen).
Im Herbst habe ich ein Foto von seinem Haus gemacht, das vielleicht doch nur sein Büro ist. Es heißt, dass er jetzt in einem Vorort lebt.


Donnerstag, 7. Februar 2013

Gottschalk


Die amerikanischen Künste sind genial, wegweisend und frisch, wenn sie aus ihrem eigenen Kulturhumus schöpfen, der reich an Einflüssen und Zutaten und Dünger ist und deshalb schneller reift (ja, ich denke hier an einen Komposthaufen in Louisiana, der innerhalb weniger Monate „durch“ ist, während er hierzulande mehr als ein Jahr braucht). In einigen amerikanischen Kunstmuseen findet man auch das, was herauskommt, wenn amerikanische Künstler versucht haben, europäisch zu malen – altmodisch und in der Ausführung nicht präzise. Doch als sie anfingen, mit Selbstbewusstsein und einer gewissen Unbekümmertheit zu schöpfen, wurden sie auf allen Gebieten Weltklasse. Außer vielleicht bei der klassischen Musik.
Möglicherweise gilt ja der Komponist Louis Moreau Gottschalk hier in der Nation Bachs und Beethovens gar nicht so recht als klassische Musik, sondern als Salonmusik; jedenfalls genügte seine Herkunft aus der Neuen Welt, um ihm die Aufnahme ins Pariser Konservatorium zu verwehren. Ein guter Komponist wurde er trotzdem und war mit Bizet, Saint-Saëns, Chopin, Offenbach, Meyerbeer bekannt. Für mich ist er eine Entdeckung, eine Musik, die mich tief bewegt.
Geboren wurde Gottschalk 1829 in New Orleans, wo er auch aufwuchs. Sein Vater war ein von spanischen Juden abstammender Engländer, seine Mutter Französin, deren Familie über Santo Domingo in die Stadt kam. In der Familie wurde, so wie in New Orleans überhaupt, Französisch gesprochen, und das Umfeld bot reichlich kreolische, afrikanische und spanische Inspirationen. Gottschalk verbrachte viele Jahre in Frankreich und Spanien, lebte in der Karibik und fünf Jahre in Kuba. Als er 1862 nach New York zurückkehrte, war der amerikanische Bürgerkrieg ausgebrochen und er stellte sich klar auf die Seite der Union, also der Nordstaaten.
Es scheint, dass er ein Tausendsassa und Frauenheld war, aber auch ein viel beschäftigter und innovativer Künstler, der mit ungewöhnlichen Konzertanordnungen experimentierte, z.B. mit 14 Klavieren oder einem Orchester und Chor aus 900 Personen. In seinem Stück „The Union“ hat er „The Star-Spangled Banner“ und andere Lieder verarbeitet; seine Komposition „Banjo“ wird sogar als Vorläufer des Jazz gehandelt. Ich habe hier eine CD „Classiques des Amériques“ mit Musik von Ignatio Cervantes, Manuel Saumell und Gottschalk, die man mir mit den Worten schenkte: „Du weißt doch, dass Louisiana mal von Havanna aus regiert wurde“, und es stimmt, dass die Spanier für einige Jahrzehnte die Verwaltung von den Franzosen übernommen hatten. Die Stücke auf der CD tragen so neuweltliche Namen wie „Le bananier“ (Der Bananenbaum), „Les yeux créoles“ (Kreolische Augen), „Bamboula“ usw. Eines der bewegendsten heißt „Morte!“ und soll seinem kleinen verstorbenen Sohn oder einer verstorbenen Geliebten gewidmet sein.
Gottschalk selbst starb mit erst 40 Jahren 1869 in Rio de Janeiro, an Malaria und Chininüberdosis.
Berlioz lobte ihn u.a. mit diesen Worten: „Alle Welt in Europa kennt die 'Bamboula', den 'Bananenbaum'... und zwanzig weitere geistreiche Phantasien, wo die Unbekümmertheit der Melodien der Tropen so sanft unsere Unruhe und unersättliche Gier nach Neuem stillt...“
Auf Youtube finden sich verschiedene Aufnahmen und Interpretationen, „The Banjo“, „Grande Tarantelle“ und viele andere. Das letzte Werk des Romanautors Howard Breslin Concert Grand von 1963 basiert auf dem Leben von Louis Moreau Gottschalk. Etwas ausführlichere Biografien auf Deutsch hier und auf Englisch hier. Im österreichischen Radio OE1 gab es vor einem Jahr eine Sendung über ihn unter dem Titel Chopin der Kreolen


Freitag, 11. Januar 2013

Tchoupitoulas


Dieser Tage erreichte mich noch dieser Hinweis: 

Am Montag abend haben O. und ich (O. ist der Freund, der auch in New Orleans wohnte und die Stadt liebt, jetzt wohnt er leider in Missouri) einen halb Doku/half Spielfilm über drei junge Brüder in New Orleans gesehen -- im Babylon-Mitte (in den kleinen Studio-Räumen). Der Titel ist Tchoupitoulas (it's named after a big street in New Orleans).
Überraschend schön, nice cinematography, ein Abend in New Orleans auf den Straßen. A wandering film. Es ist Teil des "American Indie Film"-Filmfestivals im Babylon. You should see it if you get a chance! (It probably won't play many places.)
Die New York Times beschreibt den Film übrigens als „heady hybrid of documentary and dream“. Wenn Ihr mich und/oder den Film sehen wollt und es Euch im englischen Original recht ist, dann kommt am Sonntag, 13. Januar 2013 um 19.45 Uhr ins Babylon in Berlin-Mitte. 
Die Tchoupitoulas Street schwingt sich über einige Kilometer entlang der Kurve des Mississippi durch Uptown New Orleans und wird auf der Flussseite von Eisenbahnschienen, Lagergebäuden und Supermärkten gesäumt. Dann gibt es auch das Gericht Chicken Tchoupitoulas, wobei das Hähnchen scharf und mit Weißwein und Gemüsen zubereitet wird. In Coop's Place schmeckt es hervorragend, aber die Rezepte der New Orleanser Fernsehköche Paul Prudhomme und Emeril Lagasse sind sicherlich auch nicht schlecht. 
Eigentlich waren die Tchoupitoulas ein Indianerstamm in der Gegend, die allerdings ausgestorben sind. Den Namen erhielten sie wohl von den Franzosen. Vor dem geistigen Auge sieht man Indianer ja immer auf den trockenen Weiten im Wilden Westen, nicht in den Sümpfen Louisianas, und tatsächlich sind es nicht mehr sehr viele hier und vor allem in kleinen Reservaten. Bei den Mardi Gras Indians (d.h. Afroamerikanern in New Orleans mit farbenprächtigen Federkostümen, die zum Karneval tanzen und Umzüge aufführen) gibt es den „Stamm“ der Wild Tchoupitoulas. Die GEMA gestattet es uns leider nicht, deren Videos hier zu sehen. 
Na dann, vielleicht bis Sonntag. 

In der Schweiz, im Stern

Wer in diesen Tagen in der Schweiz ist, vor allem in der Nähe von Bern, könnte sich virtuell und doch sinnlich nach New Orleans begeben -- auf dem 4. Norient-Musikfestival in der Reitschule, noch bis 13. Januar 2013. 
Norient steht für Network for Local and Global Sounds and Media Culture. Auf dem Festival werden zwei Musikfilme gezeigt, Bury the Hatchet über die Mardi Gras Indians und Liquid Land Michelle Ettlin. Darin ist der Musiker Simon Berz zu sehen, der in New Orleans aus Abfall Instrumente gebaut hat und lokale Musiker einlud, darauf zu improvisieren. In der Berner Zeitung gibt es über all das einen Artikel mit dem schönen Titel „Tonspur von Afrika nach New Orleans“ und der SRF berichtet darüber mit kleinen Hörbeispielen.
Dass in New Orleans alles improvisiert ist, ist natürlich ein bisschen übertrieben, aber mir gefällt, dass hier die Stadt auch als moderne, offene Stadt begriffen wird. Musik gibt es natürlich auch, u.a. mit der Bounce-Musikerin Big Freedia, die in Bern und Zürich auftreten wird, hier rechts ihr Video „Excuse“ mit kleiner Bounce-Tanzstunde und hier mehr über die Künstlerin.
Im Stern gab es auch eine gute Nachricht aus New Orleans: Sandra Bullock erhält den People Choice Award für die Unterstützung der traditionsreichen Warren Easton-Schule auf der Canal Street, jetzt eine Charterschule. Die Abschlussquote soll jetzt bei 100% liegen.