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Dienstag, 29. Oktober 2019

New Orleans: ein Fragebogen mit Maurice Carlos Ruffin

Maurice Carlos Ruffin schreibt Kurzgeschichten und Essays. 2019 erschien sein erster, viel gelobter Roman We Cast A Shadow. Bis Frühjahr 2019 arbeitete er auch als Anwalt.
Hier seine Antworten:

New Orleans ist... schön, schwierig, seltsam.

Mein Lieblingsplatz in New Orleans: An der Straßenbahn auf der St. Charles Avenue. Ich jogge  gern dort. Ich schaue mir die Leute an und mag es, die feuchte Luft auf der Haut zu spüren.*

Mein Lieblingsgebäude in New Orleans: Der First Bank and Trust Tower ist eine Stilmischung. Ein bisschen Art Deco, ein bisschen Bauhaus.**

Mein Lieblingsessen aus New Orleans: Gumbo. Es schmeckt und verbindet mich mit meinen Vorfahren.***

Mein Lieblingsmusiker aus New Orleans: Kermit Ruffins (keine Verbindung).

Mein Lieblingstext über New Orleans: Sarah Brooms The Yellow House ist über den Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin. Niemand sonst hat so leidenschaftlich und prägnant darüber geschrieben.****

Mein Lieblingsfilm über New Orleans: Girls Trip. Die Frauen sind witzig!

Mein Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: ya heard.

Treffendster Spitzname für New Orleans: The Big Easy.

Liebste, hier nicht genannte Sache aus New Orleans: Wir haben im Sommer die besten Snowballs.*****

Wer sollte Bürgermeister von New Orleans sein? Präsident Obama. Es würde ihm hier gefallen.

Wie kann die Mordrate in der Stadt gesenkt werden? Schluss mit der Masseninhaftierung, bessere Bildung und Zugang zu finanziellen Ressourcen.

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Wir brauchen lange, bis sich was ändert.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Es ist weltberühmt, aber eigentlich ist es ziemlich klein. 

Warum ich in New Orleans lebe: Ich bin von hier. Ich liebe meine Stadt.

Meine New-Orleans-Expertise: Ich bin hier geboren.

*Die St. Charles Avenue ist vielleicht die schönste Straße in New Orleans und führt von Downtown über das Central Business District (CBD), das Garden District, bis zur Carollton Street. Sie soll 7 Meilen lang sein (11 Kilometer). Auf dem Mittelstreifen (neutral) fährt die Straßenbahn mit einem historischen Wagen. In Uptown laufen dort viele Jogger.
** Im CBD, 909 Poydras Street. Das Gebäude wurde 1987 fertiggestellt, ist 481 Meter hoch und hat 36 Stockwerke.
*** Meine Erklärung von 2011: Gumbo (sprich Gambo): Manche nennen es Cajun Bouillabaisse. Eine dicke Suppe mit frischem Gemüse und Meeresfrüchten, meistens mit Okraschoten und meistens auf der Basis von roux. Sehr würzig, mit Tabasco-Sauce und Kräutern. Außerdem filé, zermahlene Sassafras-Blätter. Das Wort Gumbo soll von dem afrikanischen Wort für Okra stammen.
**** Sarah Brooms Memoir ist im August erschienen und für den National Book Award in Non-Fiction nominiert.
***** Geschabtes Eis mit Fruchtsirup. Sehr erfrischend.

New Orleans Questionnaire: Maurice Carlos Ruffin

Maurice Carlos Ruffin is author of a novel, We Cast A Shadow, that came out in 2019. He writes short stories and essays and worked as a lawyer until this year.

New Orleans is... beautiful, challenging, strange.

Favorite place in New Orleans: The St. Charles Avenue Streetcar line. I love to jog it. It's great for people watching and feeling the humid air on my skin.

Favorite building: The First Bank and Trust Tower is a mixture of styles. It's a litte art deco, a little Bauhaus.* 

Favorite New Orleans food: Gumbo. It's delicious and connects me to my ancestors.

Favorite New Orleans musician/s: Kermit Ruffins (no relation).

Favorite piece of writing on New Orleans: Sarah Broom's The Yellow House is about the neighborhood where I grew up. No one has written about it with such a passionate, keen eye.

Favorite New Orleans movie: Girls Trip. Those ladies are so funny.

Favorite New Orleans word or expression: ya heard.

Most apt New Orleans nickname: The Big Easy. 

Favorite New Orleans thing not mentioned here: We have the best snowballs in summer.

Who should be mayor of New Orleans? President Obama. He'd like it here.

How can the city lower its murder rate? Stop with the mass incarcerations, improve education, and grant access to financial resources.

The thing I like least about New Orleans: We take a long time to change.

What people don't know about New Orleans is: It is world famous, but it is really a small town.

Why I live in New Orleans: It's where I'm from. I love it.

My expertise on New Orleans: I'm a native.



* The First Bank and Trust Tower is located on 909 Poydras Street in the Central Business District (CBD). It is 36 stories and 481 feet high and was completed in 1987.

Mittwoch, 6. März 2013

New Orleans – ein Fragebogen mit Rex Rose


Rex Rose ist Autor, Lehrer und gebürtiger New Orleanser.

New Orleans ist... Spaß.  Sinkend.  Gefährlich.  Böse.  Freundlich.  Schön.  Dumm.

Lieblingsort in New Orleans:  Das Café, das jeweils gerade am meisten „bohème“ ist.

Lieblingsgebäude: The Skyscraper. (Der Wolkenkratzer)*

Lieblingsessen aus New Orleans: Heiße-Wurst-Po-Boy mit Mayonnaise und Senf zusammengemischt.

Lieblingsmusiker/in aus New Orleans: The Sluts. (Hardcore-Punk-Band der achtziger Jahre)

Lieblingstext über New Orleans: Toast (Roman von Rex Rose)

Lieblingsfilm über New Orleans: Zombie vs. Mardi Gras **

Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: Where you stay? (Wo übernachtest du?)

Passendster Spitzname für New Orleans: The city that forgot to care. (Die Stadt, die vergaß, etwas wichtig zu finden.) ***

Lieblingspersönlichkeit/-figur: Morgus the Magnificent (Morgus der Prächtige) ****

Liebste, hier nicht erwähnte Sache in New Orleans: Kostenlose Fahrt auf der Fähre nach Algiers.

Wer sollte Bürgermeister von New Orleans sein? Morgus der Prächtige

Wie kann die Stadt ihre Mordrate senken? Drogen und Feuerwaffen legalisieren, das NOPD (Polizei) und die Schulverwaltung auflösen und mit Außenseitern in den wichtigsten Positionen neu anfangen.

Warum ich (nicht) in New Orleans lebe: Die Kriminellen und die Polizei, ohne besondere Reihenfolge

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Nie wird etwas zu Ende gemacht, weil es schon ein paar Jahre dauert, bis man sieht, wie im Arsch alles ist.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Wir hatten einen viel produktiveren und ekelhafteren Serienmörder als Jeffrey Dahmer, aber niemand hat es richtig mitbekommen.

Meine New Orleans-Expertise: Ich habe sieben Jahre lang in einer Bar Austern geöffnet und in heimischen Klubs gespielt.

Cheers!

* Was ich an diesen Fragebögen so mag, ist, dass ich immer etwas Neues lerne. Auf meine Nachfrage schrieb Rex: „Es ist an der Ecke von St. Peter und Royal Street und dort wohnte eine wichtige Kerngruppe von Bohème-Beatnik-Leuten. Es wurde so genannt, weil es das einzige vierstöckige Gebäude im French Quarter war.“ Das Gebäude stammt von 1807. Hier ein Foto.
** Zombie vs. Mardi Gras: ein Horrorfilm. Hier.
*** Wortspiel auf den berühmten Spruch: The city that care forgot (Die Stadt, die die Sorge vergaß)
****Morgus der Prächtige: Von dem Schauspieler Sid Noel dargestellter verrückter Wissenschaftler, der in seiner Spätabendsendung von 1959-1989 Horror- und Sciene-Fiction-Filme zeigte. Es gibt auch einen Film The Wacky World of Dr. Morgus (Die abgefahrene Welt des Dr. Morgus) und ein Comeback in den 2000er Jahren, unterbrochen durch Hurrikan Katrina.

Montag, 1. Oktober 2012

New Orleans – ein Fragebogen


Interview mit Martha Pinney, 5. Klasse, Louise Mc Gehee School, New Orleans

New Orleans ist... eine interessante Stadt mit...schönen Bäumen. Ich mag das Essen.

Lieblingsort in New Orleans: Das French Quarter. Ich mag all die Geschäfte, und ich mag das Café du Monde.

Lieblingsgebäude: Ich glaube, das Bradish Johnson House in meiner Schule, weil es schön ist, und weil es mir gefällt, wie man es in eine Schule umgestaltet hat.

Was war es denn, bevor es eine Schule wurde? Es war eine Schule. Das heißt, eigentlich war es so eine Art Haus, für Menschen, ein ganz normales Haus, und dann hat man daraus eine Schule gemacht.

Lieblingsessen aus New Orleans: Beignets, weil die mit Puderzucker überhäuft werden, eine Schicht nach der anderen, und das macht mich glücklich.

Lieblingsmusikerin aus New Orleans: Amanda Shaw, weil ich wegen ihr angefangen habe, Geige zu lernen. Sie macht tolle Musik auf der Fiddel. Sie nennt sich Amanda Shaw and the Cute Guys (…und die hübschen Jungs), weil sie das einzige Mädchen in der Band ist und weil die Jungs im Hintergrund spielen.

Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: Who dat? Einfach, weil es lustig ist, und weil ich die Saints liebe, und Drew Brees. Also, who dat.

Passendster Spitzname für New Orleans: NOLA?

Liebste, hier nicht erwähnte Sache in New Orleans: Die Bäume, im City Park. Ich glaube, es ist die größte Ansammlung von Lebenseichen, und ich klettere gern darauf herum.

Wie kann die Stadt ihre Mordrate senken? Mehr Polizei, und man könnte strenger überwachen, wer in der Drogerie Drogen kauft, wer so etwas kauft, und vielleicht mehr Überwachungskameras.

Warum ich in New Orleans lebe: Erst einmal kann ich ja nichts dafür, aber ich würde auch nicht umziehen wollen, weil... erst einmal mag ich mein Viertel und ich will nicht alle meine Freunde zurücklassen. Ich liebe den Stil der Häuser. Und wie alt die Stadt ist.

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Also, mir gefällt es nicht, dass überall Müll herumliegt, dass ein Teil der Stadt einfach schrecklich aussieht. Da gibt es alte Gebäude, die nicht abgerissen werden, da gibt es Projekte, die mittendrin sind und dann einfach aufhören. Ich wünschte, man könnte das einfach besser handhaben.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Ich weiß eigentlich nur, was alle wissen, also...

Meine New Orleans-Expertise: Ich lebe in New Orleans, und bin schon mein ganzes Leben hier.


Glossar:
Louise McGehee School: Private Mädchenschule im Garden District, von Kinderkrippe bis Highschool. Das Bradish Johnson-Haus ist das Hauptgebäude der Schule.

Café du Monde: Café am Jackson Square im French Quarter, in das jeder Tourist geht, um dort mit Zichorie versetzten Kaffee zu trinken und Beignets zu essen, eine Art Donuts oder Krapfen.

Amanda Shaw... stammt ursprünglich aus Covington, von der Nordküste des Lake Pontchartrain. Sie trat bereits zwei Mal in der McGehee-Schule auf.

Who dat? Wörtlich: Wer issn dis? Lautsprachliche New Orleanser Ausdrucksweise. Jetzt Schlachtruf der Fans der American Football-Mannschaft New Orleans Saints. Der ganze Spruch lautet „Who dat? Who dat? Who dat say dey gonna beat dem Saints?“—Wer issn dis? Wer issn dis? Wer sagt’n, dasser die Saints schlagen wird?





Montag, 16. Juli 2012

Moira Crone über New Orleans

MOIRA CRONE, die Autorin von THE NOT YET hat meinen Fragebogen zu New Orleans beantwortet. Hier ihre nachdenklichen und zum Nachdenken anregenden Antworten. Ich habe sie übersetzt und am Ende ein Glossar für Begriffserklärungen hinzugefügt.

New Orleans ist--- hell und dunkel, sowohl als auch.

Lieblingsort in New Orleans: Der Musikklub Spotted Cat. Mein eigenes Haus und Grundstück. Die Frenchman Street und das Faubourg Marigny am Fastnachtsdienstag.

Lieblingsgebäude: Zu viele.

Lieblingsessen: Austern, in jeglicher Zubereitungsform. Auch Butterkrabben, paniert und frittiert oder gedünstet.

Lieblingsmusiker: Panorama Brass Band, Rebirth Brass Band, Ingrid Lucia hat eine sehr schöne Stimme, die New Orleans Jazz Vipers, usw.

Lieblingstext:  Das Buch Degas in New Orleans; Das Erwachen mag ich auch sehr. Rising Tide ist auch hervorragend.

Lieblingsfilm:  Die HBO-Serie, Treme, und Benjamin Buttons.

Lieblingswort oder -ausdruck: Second line.

Passendster Spitzname für New Orleans: Ich kenne keinen.  “THE BIG EASY” und “THE CITY THAT CARE FORGOT” treffen es irgendwie nicht.  Dazu gehört viel mehr. 
Es sind Sätze, die von Leuten geprägt werden, die nicht in der Stadt leben, die es von außen betrachten (als eine Stadt, wo sie sich betrinken können, spielen, sich nicht an das Ungleichgewicht von Arbeit/Freizeit halten müssen, wie in den restlichen USA.)  Für Amerikaner von anderswo ist New Orleans eine Stadt, wo sie sich gehen lassen können.

Lieblingspersönlichkeit/figur aus New Orleans:  Ich hätte Uncle Lionel Batiste gesagt, aber der ist gerade gestorben.
Ich mag Kermit Ruffins sehr.  Er ist immer gut gelaunt und locker und hat eine fantastische Band. 
Dave Brinks ist ein ganz erstaunlicher Mensch:  Dichter, Urheber der Dichterszene (Die Serie 17 Poets im Goldmine Saloon), Impresario, Verleger, Historiker und Unterstützer der Künste und Künstler von überall her. Ihm gehört eine Bar im French Quarter, die das Herz des Dichterlebens in der Stadt ist.  Er ist das, was man einen großzügigen Mann nennt, einzigartig, ein New-Orleans-Original. 

Lieblings, hier nicht erwähnte -sache in New Orleans:  Die wenigen Male, die es geschneit hat (zwei Mal, im Dezember) ---der Schnee auf den Ingwerpflanzen und Palmen war völlig surreal. Sazerac-Cocktails in der Carousel Bar an einem kalten Dezembertag.

Wer sollte der Bürgermeister von New Orleans sein?  Landrieu ist gut, aber er hat die Polizeikultur nicht im Griff.  Sonst weiß ich niemanden.

Wie kann die Stadt ihre Mordrate senken?  Ein Anfang: Gut bezahlte Polizisten, die gezwungen sind auf der Straße und sichtbar zu sein, wie in den Neunzigern, als die Kriminalitätsrate stark gesunken war. Den Polizisten war es zu beschwerlich, die ganze Zeit auf der Straße zu sein, wie das in der Zeit von Bürgermeister Morial in den Neunzigern war. Sein Polizeipräsident war Pennington.  Er war aus Washington D.C., und hatte eine “Null-Toleranz”-Linie wie damals in New York. Die Kriminalität ist gesunken.  Jetzt haben wir wieder die Politik der Ära vor Morial. 
So wie es jetzt ist, verdienen die Polizisten in einer Ära mit hoher Kriminalität sogar mehr, weil sie mehr “details” haben, also private Verdienstmöglichkeiten als Sicherheitsbeamte nebenbei. Das ist für Polizeibeamte eine Haupteinnahmequelle.  Dieses System ist so eingefahren, dass Landrieu es scheinbar nicht durchbrechen kann – oder, da er seitens der Polizei viel Unterstützung erfährt, keine Motivation hat zu durchbrechen. Wegen der Korruption hat das Justizministerium die Polizeibehörde übernommen und besteht darauf, dass diese “details” aufhören – die Polizisten vergeben diese zusätzlichen Aufträge innerhalb ihrer Abteilungen und erweisen einander Gefallen usw. mit solchen „Boni“. Korruption, Bestechung und Nachlässigkeit sind das Ergebnis. 
Außerdem brauchen wir mehr Mentoren und Hilfe für junge Männer, damit sie nicht zu Drogendealern werden. Immer mehr Schulen und Ausbildungsprogramme, um jungen Männern andere Möglichkeiten zu eröffnen. Drogen sollten auch legalisiert werden, so dass das Dealen nicht mehr lukrativ ist.
In den letzten zwei Jahren war ich drei Mal Geschworene. In zwei Fällen waren es Verbrechen im Zusammenhang mit Drogen, und einmal ein Mord unter sehr jungen Männern. Der Mörder hatte den Drogendealer hauptsächlich aus Übermut und Angst angegriffen. Keiner der Geschworenen, egal von welcher sozialen Klasse oder Rasse, war der Meinung, dass die Drogengesetze so bleiben sollten, wie sie sind. Zu viele Gefängnisstrafen, zu viele Verhaftungen für Bagatellverbrechen, zu viele Anreize, Drogen zu verkaufen und Teil dieser Subkultur zu werden. 

Warum ich in New Orleans lebe: Vor allem lebe ich in New Orleans, weil die Leute hier von Natur aus kreativ sind.  Egal, wen man trifft, alle betreiben irgendeine Kunst. Der Baufirmenbesitzer hat eine Band, der Augenarzt ist ein guter Fotograf, die reiche Dame ist Freiluftmalerin, der Bezirksstaatsanwalt ist Jazzmusiker, der Barkeeper schreibt Krimis, der Kneipenbesitzer ist Dichter, der junge Mann, der im Supermarkt arbeitet, ist Rapper. Kreativ zu sein ist hier nicht mit Stigma behaftet, eine „Kunst“ zu betreiben oder eine „re“kreative Beschäftigung, wie Mitglied in einer Karnevalskrewe zu sein, sich zu maskieren, in Karnevalsumzügen mitzulaufen. Man wird hier dazu animiert, bei Festlichkeiten völlig seine Persönlichkeit abzulegen. Allgemein sind ja die Südstaaten sehr protestantisch geprägt, ich meine hier den Bible Belt (Bibelgürtel): sehr sittsam. Ich bin im Mittleren Süden aufgewachsen und dort assoziierte man das Künstlerdasein mit emotionaler Instabilität, usw., als verrückt, unnormal. Vielleicht ändert sich das gerade, aber in New Orleans gab es diese Ansicht noch nie. Man kann auch Amateur sein, das ist kein Problem.  Mehr als eine Kunst zu betreiben, ist auch gut.
In New Orleans gibt es auch ein sehr tiefes afrikanisches Akzeptieren des Todes und man besteht darauf, dass Leben zu feiern, was ja das Thema des Second-Line-Tanzens nach den Beerdigungen ist. Dieses Verständnis, dass jeder Moment einen neuen Tanz braucht und das Annehmen und Bestehen auf Freude und etwas Neuem – Improvisation – im Angesicht des Verfalls und des Todes, das ist die Grundidee in New Orleans. 

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Dieses Gefühl der Ausweglosigkeit von manchen, die in Armut leben, die tief verankerte Verzweiflung, die manche Menschen empfinden. Die Gewalt, die das mit sich bringt. Die Afroamerikaner sind zutiefst traumatisierte Menschen, die manchmal keine Hoffnung haben. Sie können in einen absoluten Nihilismus verfallen, wegen der Vergangenheit: das kann natürlich jeden betreffen, aus jeder Bevölkerungsgruppe, aber unter den Schwarzen in New Orleans ist das sehr latent. Die Sklaverei war ein furchtbarer Anschlag gegen das Menschsein und überall finden sich noch die Narben. Die Auswirkungen der starken Traumatisierung einer ganzen Bevölkerung, die über Generationen vererbt wird, bringt viele soziale Probleme mit sich – denn das Familiengedächtnis, die Narben der eigenen Eltern und Großeltern, die extrem entwürdigende und absolut grausame Behandlung in der Vergangenheit, darüber wurde noch nie gesprochen, das wurde nicht aufgedeckt und nicht verarbeitet. Wut und Paranoia überkommen Schwarze manchmal in Situationen, die Weiße gar nicht wahrnehmen, weil sie nicht auf diese Weise verletzt sind. Das führt zu vielen Missverständnissen.
Die Weißen müssen das sehen, nicht einfach nur behaupten, dass Schwarze grundlos labil oder ängstlich oder gewalttätig sind, und die Schwarzen müssen die Wurzeln für den Zorn, den Selbsthass und die Angst besser verstehen, die manchmal ihre Sicht auf die Welt prägen. Durch die Gewalt bleiben diese anderen Traumata immer weiter bestehen—auch das muss aufhören.
Was mir an New Orleans auch nicht gefällt, ist die Einstellung der Touristen und wie sie sie zeigen – dass die Stadt nur zu ihrem Vergnügen da ist, dass sie ein Witz ist, ein alberne Stadt, nicht ernsthaft, eine Stadt zum Trinken und Pissen.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Gegenüber den restlichen USA ist es oft nicht rückschrittlich – wie alle immer sagen – sondern einen Schritt voraus. Damit meine ich, dass Dinge, die im Rest des Landes kulturell und politisch geschehen, in New Orleans und Louisiana zuerst geschehen, nicht zuletzt. Das betrifft natürlich die Musik – Jazz – aber auch in der Politik und beim Essen. Es gibt in New Orleans eine progressive Strömung, die ganz und gar nicht typisch für die Südstaaten ist.
Zum Beispiel, die Bemühungen, die Rassentrennung (die Jim-Crow-Gesetze) aufzuheben, der erste zivile Ungehorsam in diesem langen Kampf, fand in New Orleans statt und führte zu dem Urteil Plessy vs. Ferguson, „separate but equal“ (getrennt aber gleichwertig), das natürlich die Bürgerrechte um Generationen zurückgeworfen hat. Aber es war der erste Versuch, das erste Mal, dass die Rassentrennung in einem vorsätzlichen, geplanten Akt des Widerstands in Frage gestellt wurde – um ein Urteil zu einem Gesetz herauszufordern. Das passierte in New Orleans.
Vieles, was später uramerikanisch wurde, Dinge, die die Sicht der USA auf sich selbst geändert haben, gab es zuerst in New Orleans.

Meine New Orleans-Expertise: Ich bin 1995 nach New Orleans gezogen und lebe seit 17 Jahren dort. In Louisiana lebe sich seit 1981 und von 1983 bis 2009 habe ich an der Louisiana State University Kreatives Schreiben unterrichtet.

Glossar:
Faubourg Marigny: Französisch für Marigny-Vorstadt, ein Stadtteil gleich neben dem French Quarter. Spotted Cat und Frenchmen Street sind im Faubourg Marigny (the Marigny).

Degas in New Orleans: von Rosary Hartel O’Neill

Das Erwachen: The Awakening von Kate Chopin, siehe meine Rezension.

Rising Tide: The Great Mississippi Flood of 1927 and How it changed America von John Barry

Treme: Serie von David Simon und Eric Overmyer, deren dritte Saison ab 23. September ausgestrahlt wird. Ab August soll die Serie auf Deutsch bei Sky Atlantic HD gezeigt werden.

Benjamin Buttons: Film nach einer Kurzgeschichte von Francis Scott Fitzgerald mit Brad Pitt und Cate Blanchett (2008).

Second line: eigentlich „zweite Reihe“ ist das Marschieren und Tanzen hinter einer Marching Band, die zum Beispiel bei einer Jazzbeerdigung aufspielt. Typisch und nur in New Orleans.

Carousel Bar: im historischen Hotel Monteleone im French Quarter