Ende Dezember lief die letzte, eine halbe, Staffel der Fernsehserie Treme, die jetzt 38 Monate später wieder einsetzt. Die Serie spielt ja in der Zeit nach Hurrikan Katrina, vor allem in dem historischen kreolischen Viertel Treme gleich neben dem French Quarter, das jetzt hübsch gentrifiziert wird, wie ich bei meinem letzten Besuch beobachten konnte.
Es ist eine Serie, in der die Stadt, New Orleans, die sehr kantige Hauptrolle spielt und die Musik die Ecken wieder glättet. Der Times-Picayune-Filmkritiker Dave Walker stellte sich vor (in diesem Artikel), wie die Filmemacher David Simon und Eric Overmyer (bekannt für The Wire) dem Sender HBO ihr Serienkonzept vorgestellt haben mögen (die Figurennamen in Klammern sind von mir):
-- Eine unserer Hauptfiguren ist ein ruppiger R&B-Musiker, der immer wieder Probleme mit seiner Vaterrolle hat. Er spielt Posaune. (Wendell Pierce als Antoine Batiste)
-- Eine andere Figur ist ein Schwarzer, der sich selbst als Indian(er) bezeichnet und sich für Straßenumzüge als eine Art Las-Vegas-Showgirl verkleidet, zum Beat von afrikanischen Trommeln. In jeder Staffel zeigen wir das in einer Folge. Die übrige Zeit näht er. (Clarke Peters als Albert Lambreaux)
-- Eine weitere Figur ist ein Universitätsprofessor und Schriftsteller mit Schreibblockade, der seine Wut über das Internet herauslässt. Er wird von einem Film. und Fernsehstar gespielt, aber wir lassen ihn gleich nach Mardi Gras sterben. (John Goodman als Creighton Bernette) Seine Frau ist Anwältin und vertritt Leute, die sie nicht bezahlen können. (Melissa Leo als Toni Bernette)
-- Der bestaussehende junge Mann unter den Figuren ist garstig zu Wiederaufbaufreiwilligen und misshandelt die liebe junge Frauenfigur. Er hat auch ein Drogenproblem. (Michiel Huisman als Sonny, Lucia Micarelli als Annie)
-- Wir bringen die Zuschauer dazu, Steve Zahn zu hassen. (als Musikmöchtegernimpressario Davis McAlary)
-- Khandi Alexander verbringt die ganze erste Staffel damit, ihrem Bruder nachzuspüren, der im post-Katrina-Gefängnissystem verschollen ist, das Kafka das Fürchten gelernt hätte. Dann findet sie bei den Emmy Awards keine Beachtung. Die folgenden Staffeln werden noch viel schlimmer für sie.
-- Wir haben eine Köchin, die einen Hubig's Pie aufmotzen und als hohe Kochkunst präsentieren kann... Die meiste Zeit ist sie nicht in der Stadt. (Kim Dickens als Janette Desautel)
-- Wir machen Hunderte von Anspielungen auf Dinge wie Hubig's Pies und Leute wie Dave Bartholomew und erklären sie nicht.
-- Es gibt mehrere tolle Beerdigungen.
-- In den Straßen wird oft wild getanzt, meistens scheinbar ohne Grund.
-- Tolle Musik aus New Orleans wird eine Hauptrolle spielen, aber das meiste davon haben sie noch nie gehört.
Er schließt die Aufzählung mit den Worten: "Es ist ein Wunder, dass die Serie gemacht wurde und so lange lief."
Nicht alle Figuren sind sympathisch und selbst die sympathischen machen immer wieder die Art Fehler, wo man als Zuschauer zusammenzuckt. Eine der direktesten und besten Figuren für mich ist Antoine Batistes Lebensgefährtin Desiree, gespielt von der Laienschauspielerin Phyllis Montana LeBlanc, die als eine der Interviewpartnerinnen in Spike Lees Dokumentar-Epos When the levees broke auf sich aufmerksam machte.
Mich fasziniert vor allem die Atmosphäre der Serie, die einen förmlich einsaugt, und natürlich New Orleans, das absolut wiederzuerkennen ist. Für das "es richtig treffen" sorgten sicher die mitarbeitenden lokalen Autoren wie Lolis Eric Elie, der sogar noch ein Kochbuch zur Serie herausgebracht hat.
Die Serie hatte viele Fans und wenige Zuschauer. Manche New Orleanser haben sie nicht gesehen, weil sie Angst hatten, es würde ihnen zu nahe gehen. Doch wenn man die Kommentare liest, hat sie Einheimische und vor allem auch Auswärtige tief berührt. Wie einer schreibt, mehr als Spike-Lees Katrina-Requiem.
Was Treme so besonders und so wichtig macht, ist, dass es das lebendige New Orleans zeigt, wie und warum die Leute immer noch oder wieder oder überhaupt erst hier wohnen und leben wollen. Schade, dass es vorbei ist. Gut, dass es es gibt (in 36 Folgen).
Mehrere Soundtrack-Alben sind erhältlich und ab Ende Januar gibt es die DVDs (wie es scheint nur auf Englisch und vorerst nur für den amerikanischen Markt).
Vorschauen, Videos, Zusammenfassungen finden sich hier.
In der Times-Picayune werden die Anspielungen und Hintergründe der einzelnen Folgen erklärt, Treme explained.
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Sonntag, 5. Januar 2014
Donnerstag, 5. April 2012
Auch in Zürich...
...liest man über New Orleans. Heute findet sich in der Neuen Zürcher Zeitung eine Rezension zu John Kennedy Tooles Die Verschwörung der Idioten.
Anfang der Woche gab es ein Interview mit David Simon, der gerade in New Orleans an der Fortsetzung von Treme dreht. Er ist auch der Autor von Homicide und The Corner (auf Deutsch im Antje-Kunstmann-Verlag).
Anfang der Woche gab es ein Interview mit David Simon, der gerade in New Orleans an der Fortsetzung von Treme dreht. Er ist auch der Autor von Homicide und The Corner (auf Deutsch im Antje-Kunstmann-Verlag).
Sonntag, 20. November 2011
Congo Square
Im Louis Armstrong Park in New Orleans befand sich die eigentliche Wiege des Jazz, der legendäre Congo Square. Auf dem Kongo-Platz trafen sich im 18. und 19. Jahrhundert die Sklaven an ihren arbeitsfreien Sonntagen und tanzten und musizierten mit Trommeln, Tambourins, Flöten, Violinen, Banjos und vielen anderen Instrumenten. Als dann die strengen Amerikaner von den Franzosen und Spanier die Macht übernahmen, war es mit diesen Festen erst einmal vorbei. Doch Ende des 19. Jahrhundert versammelten sich Kreolen hier und musizierten mit Blasinstrumenten und Orchestern. Jazz, so heißt es, entstand ja aus der Kombination von afrikanischen Rhythmen und europäischen Instrumenten.
Der Louis Armstrong Park wurde am Freitag nach Reparaturen und Verschönerungen offiziell wieder neu eröffnet. Der Park ist im Viertel Tremé, westlich des French Quarters, und so spielte die Tremé Brass Band (ansehen, anhören), deren Schlagzeuger Lionel Batiste in einem Haus aufwuchs, das in den sechziger Jahren für die Einrichtung des Parks abgerissen worden war. Der Park musste renoviert werden, so heißt es, weil er bei Katrina in Mitleidenschaft gezogen wurde. Tatsächlich gehörte es schon seit ich New Orleans kenne zu den nie überprüften Regeln, dass man in den Louis Armstrong Park eben nicht geht, weil es zu gefährlich ist, wegen Drogendeals, Morden und so weiter. Erst im August diesen Jahres wurde dort eine Frauenleiche gefunden.
Ich war 2007 einmal zum ersten Congo Square Festival im Louis Armstrong Park, zu einer Zeit, als jedes Festival, jede neue oder wiederbelebte Tradition ein Zeichen der Hoffnung war, die man so sehr benötigte. Das Festival war toll, mit Musik, Essen und Verkaufsständen. Ich bin dann noch ein bisschen im Park herumgelaufen, der irgendwie futuristisch angelegt war, aber sehr heruntergekommen. Die Renovierung des Parks wurde dann ein Prestigeprojekt des scheidenden Bürgermeisters Ray Nagin, wurde aber nach vielen Debatten und Kontroversen dieses Jahr endlich fertig.
Ich war 2007 einmal zum ersten Congo Square Festival im Louis Armstrong Park, zu einer Zeit, als jedes Festival, jede neue oder wiederbelebte Tradition ein Zeichen der Hoffnung war, die man so sehr benötigte. Das Festival war toll, mit Musik, Essen und Verkaufsständen. Ich bin dann noch ein bisschen im Park herumgelaufen, der irgendwie futuristisch angelegt war, aber sehr heruntergekommen. Die Renovierung des Parks wurde dann ein Prestigeprojekt des scheidenden Bürgermeisters Ray Nagin, wurde aber nach vielen Debatten und Kontroversen dieses Jahr endlich fertig.
Congo Square Festivals gibt es übrigens auch in Chicago (organisiert von der Congo Square Theatre Company), nächstes Wochenende in Kalkutta, 2004 im Haus der Kulturen der Welt in Berlin und vielleicht noch anderswo? (Gebt mir Bescheid!) Die Tremé Brass Band spielt das nächste Mal am 26. November 2011 im Maple Leaf in New Orleans.
Dienstag, 23. August 2011
NOPD
Diese Abkürzung steht für New Orleans Police Department oder im Volksmund auch für „Not Our Problem, Dude“ (Nicht unser Problem, Alter). New Orleans und Louisiana sind ja generell für Korruption und Filz berüchtigt, doch um die New Orleanser Polizei steht es am schlimmsten. Anfang der 2000er Jahre bis 2004 kam eine Untersuchungskommission des US-Justizministeriums in die Stadt um aufzuräumen, denn in den neunziger Jahren haben Polizisten in New Orleans gemordet, bestochen, gekidnappt, Brände gelegt, vergewaltigt, mit Drogen gehandelt, in der Mittagspause Banken überfallen. New Orleans hat regelmäßig die höchste Mordrate des Landes, so auch 2010. Zustände also wie in dem Film The Big Easy von 1987, mit dem sehenswerten Dennis Quaid.
Nach dem Hurrikan Katrina 2005 kam es zum allgemeinen Chaos und Zusammenbruch der Zivilisation in der Stadt, manche würden sagen Anarchie. Niemand, auch die Polizei nicht, wusste was geschieht und wer die Verantwortung hat; es gab keinerlei Anweisungen oder Unterstützung von oben.
In einem Dokumentarfilm über Katrina hört man einen Anruf an die Notrufnummer 911, wo eine Frau verzweifelt berichtet, wie das Wasser immer höher steigt und dass sie ertrinken würde. Die Stimme am anderen Ende der Leitung wiederholte, nicht abgebrüht, aber doch neutral ruhig immer wieder: „Es tut mir Leid, aber es kann niemand kommen.“
Sicherlich haben in den Tagen gleich nach Katrina auch viele Polizisten versucht, Menschen zu helfen. Einige (ca. 200) sind allerdings desertiert und andere, um die 400-500, erschienen einfach nicht zum Dienst, wohl auf der Suche nach Familienmitgliedern oder um ihr Haus abzusichern. Mindestens zwei Polizisten begingen in der Zeit Selbstmord.
Und dann gab es Polizeikräfte, die laut Berichten eine Wir-gegen-die-Anderen-Haltung einnahmen (wie übrigens auch die später eingesetzten National Guard-Truppen, eine Art Kampfgruppen aus anderen Bundesstaaten) und unglaublich brutal und offensiv vorgingen, sicherlich auch angestachelt von den Medienberichten über Plünderungen, Morde, Vergewaltigungen.
Einer der berüchtigsten Fälle geschah am 4. September 2005 auf der Danziger Bridge in East New Orleans, einer riesigen Hubbrücke über den Industrial Canal. Zwei Gruppen von Männern, alles Afroamerikaner, waren zu Fuß auf der Brücke unterwegs. Eine Einheit des NOPD kreuzte auf, die über Funk gehört hatten, dass dort auf einen Kollegen geschossen worden sei. In der folgenden Schießerei auf die unbewaffneten Männer gab es zwei Tote und vier Schwerverletzte. Einer der Toten James Brissette war 17 Jahre alt; dem anderen, Ronald Madison, 40, geistig behindert, wurde in den Rücken geschossen und im Sterben auf ihm herumgetrampelt. In der nachfolgenden Untersuchung wurde vertuscht, gemauschelt und gelogen, und ein erster Prozess blieb erfolglos.
2008 übernahmen das FBI und das US-Justizministerium die Untersuchung; 2010 lud Bürgermeister Mitch Landrieu die beiden Behörden wieder zu einem Reformversuch in die Stadt. Am 5. August 2011 wurden fünf Polizisten für schuldig erklärt, weitere als in die Vertuschung verwickelt; das Strafmaß wird im Dezember bekannt gegeben. Laut National Public Radio wurde der Anklagevertreterin von der Abteilung Bürgerrechte des Justizministeriums, Barbara Bernstein, dafür auf der Straße gratuliert.
Filme wie Bad Lieutenant—Port of Call New Orleans mit Nicholas Cage und die Fernsehserie Treme befassen sich auch mit der Polizeigewalt in den Tagen nach dem Hurrikan. Auf der Webseite des NOPD stehen jetzt in leuchtenden Farben aufrechte Polizisten stramm, und die Überschriften berichten von neuen Einstellungsstandards, einer neuen Führung und „einem neuen Tag“ im NOPD. Deren Zentrale befindet sich übrigens mitten im French Quarter in einem eleganten, historischen, quadratischen weißen Gebäude, das auch in „Treme“, wo man sich u.a. auch mit dem Danziger-Bridge-Fall befasste, schön zur Geltung kommt.
Filme wie Bad Lieutenant—Port of Call New Orleans mit Nicholas Cage und die Fernsehserie Treme befassen sich auch mit der Polizeigewalt in den Tagen nach dem Hurrikan. Auf der Webseite des NOPD stehen jetzt in leuchtenden Farben aufrechte Polizisten stramm, und die Überschriften berichten von neuen Einstellungsstandards, einer neuen Führung und „einem neuen Tag“ im NOPD. Deren Zentrale befindet sich übrigens mitten im French Quarter in einem eleganten, historischen, quadratischen weißen Gebäude, das auch in „Treme“, wo man sich u.a. auch mit dem Danziger-Bridge-Fall befasste, schön zur Geltung kommt.
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