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Mittwoch, 23. Dezember 2015

Weihnachten in New Orleans 1877

Hier eine kleine Meldung über Weihnachten in New Orleans von Lafcadio Hearn. Ich habe es übersetzt.

7. Januar 1878

Heiligabend kam von Westen her mit glühend orangefarbener Pracht, und über dem Sonnenuntergang türmten sich Massen von zitronengelben Wolken. Die ganze Stadt war in orangefarbenes Licht getaucht, kurz bevor die Sonne verschwand, und zwischen den zitronengelben Wolken und dem Blau waren zarte Grüntöne. Wie von Zauberhand nahm das Farbenspiel dieses Sonnenuntergangs die Farben der Obststände überall in der Stadt wieder auf, wo sich die goldenen Früchte zu üppigen Bergen türmten und wo statt der Markisen aus weißer Leinwand jetzt lange Arkadengänge aus Orangenzweigen geflochten waren, an denen immer noch die Früchte glänzten. Es war eine orangene Weihnacht.

Und das Original:
January 7, 1878

Christmas Eve came in with a blaze of orange glory in the West, and masses of lemon-colored clouds piled up above the sunset. The whole city was filled with orange-colored light, just before the sun went down; and between the lemon-hued clouds and the blue were faint tints of green. The colors of that sunset seemed a fairy mockery of the colors of the fruit booths throughout the city; where the golden fruit lay piled up in luxuriant heaps, and where the awnings of white canvas had been replaced by long archways of interwoven orange branches with the fruit still glowing upon them. It was an Orange Christmas.

Merry Christmas and Happy Holidays everyone!

Freitag, 10. Juli 2015

Nicholas Christopher: Tiger Rag

New Orleans/Louisiana ist als Sujet und Schauplatz ein Dauerbrenner. Hier meine Rezension von Tiger Rag von Nicholas Christopher, Übersetzt von Pociao,  DTV 2014.
In dieser Kritik auf Spiegel Online hieß es mehr oder weniger: Ist eben ein Unterhaltungsroman. Außerdem schreibe der Autor sehr leidenschaftlich und verliere so manchmal den Faden. Und er versuche, Musik in Literatur zu übertragen. „Und so ist Tiger Rag als Roman nur zu empfehlen für Menschen, die viel Ahnung von Musik haben - und nicht allzu viel Ahnung von Literatur.“ 

Genau das ist für mich der Widerspruch: Für einen Unterhaltungsroman muss man zu viel mitdenken, und andererseits ist er einfach, na ja, nicht unterhaltend genug. Es gibt nämlich Zeitsprünge, Vor- und Rückblenden, unterschiedliche Schriftarten, zwei parallel laufende Handlungsstränge, die am Schluss etwas gezwungen zusammengeführt werden. Es gibt unglaublich viele Namen und Personen, die schwer auseinanderzuhalten sind. Aber es wird viel Geschichte erzählt und mit der Handlung verwoben, so dass ich mich fast die ganze Zeit gefragt habe, was wohl wahr ist und was fiktiv.
Aber vielleicht mal konkret: Es fängt an in New Orleans, mit Charles Bolden (genannt Buddy oder King Bolden), offenbar unter Jazzmusikern eine wahre Legende, auch weil nichts Konkretes überliefert ist, außer sein Einfluss auf die Musiker, die mit ihm gearbeitet haben oder ihm nachgefolgt sind. Bolden spielte Kornett, war gutaussehend, hatte Stil, liebte viele Frauen – und endete relativ jung in einer Nervenheilanstalt, in der er die restlichen Jahrzehnte seines Lebens verbrachte.
Das Buch öffnet mit einer Aufnahmesession in einem Hotel (das es übrigens nicht gibt). Die Buddy Bolden-Band spielt drei Mal, und alle drei Male werden auf sogenannten Edison-Walzen aufgezeichnet. Alle drei gehen verloren, müssen verloren gehen, denn im Internet steht, dass es keine Aufzeichnungen gibt. D.h. eine bleibt doch übrig, und wo es zuerst um den Verlust der beiden ersten geht, ist der Rest des Buches dem Weg der letzten Walze gewidmet, die immer wieder in vertrauensvolle Hände weitergegeben, aber dann gestohlen wird.
Die zweite Handlung ist die um Ruby Cardillo, eine Anästhesistin Ende vierzig, deren Mann sich gerade scheiden lassen und eine Krankenschwester im Alter seiner Tochter geheiratet hat. Rubys Gegenreaktion: Sie schlägt völlig über die Stränge, schläft und isst nicht, trinkt, ist hyperaktiv und bereitet eine Rede für einen Kongress vor, wo sie den einzigen Vortrag hält. Erzählt wird auch von Rubys unsteter Kindheit, mit einer Mutter, die sich eher um den jeweiligen Mann in ihrem Leben und wenig um ihr Kind gekümmert hat. Dann kommt auch Rubys Tochter Devon ins Spiel, Mitte zwanzig ein gestrauchelte Jazzpianistin, die getrunken, Drogen genommen, gestohlen hat und dafür im Gefängnis war.
Rubys Vater war ein Taugenichts-Möchtegernmusiker namens Valentine Owen, der das Bindeglied zwischen den beiden Handlungssträngen bildet. Außerdem hat Ruby als Jugendliche
in New Orleans bei einer entfernten Tante, Marielle, gelebt, die eines Tages spurlos verschwindet und am Ende als Joan Neptune wieder auftaucht. Sie ist das zweite Bindeglied. Devon, die Tochter, begleitet ihre Mutter auf einer mehrtägigen Autofahrt nach New York, wo beide auch ein paar Tage bleiben. Sie suchen dort einen Musik- und Instrumentensammler auf, der ihnen von der Walze erzählt und die Tochter auf die Suche schicken will. Es gibt noch einige Verwicklungen, aber dann taucht die Walze auf, und Devon wird sie veröffentlichen, über Buddy Bolden schreiben und damit irgendwie wieder ins Leben zurückfinden. Es ist ein Happy End, ganz ohne Liebesgeschichte, eins, bei dem die Frauen einer Familie zueinander und in ihrem Zusammensein Kraft und Heilung finden. 
Leider bleiben die Figuren blutleer, schematisch, durchgehend gut oder schlecht, ohne dass wir ihre Motive nachvollziehen können. Ruby ist ein Klischee einer Geschiedenen, die ihr Leben wieder für sich zurückgewinnen will. Auch Devon, aus deren Sicht einige Teile geschrieben sind, bleibt blass. Aber am schlimmsten fällt Rubys Vater aus, eben jener Valentine Owen, der einfach nur durch und durch mies und mickrig und niedrig ist. Das ist unglaubwürdig, denn, wie ich aus Erfahrung weiß, halten sich auch die schlimmsten Schurken tief innen drin für gut oder wenigstens stark. 
Gelernt habe ich auch so einiges, zum Beispiel über den Unterschied zwischen einem Kornett und einer Trompete (Mundstück, Schalltrichter, Ton, Kornett ist schwerer zu spielen; interessanterweise wurde ja früher mehr Kornett gespielt), wie wichtig das Vorhandensein von Zähnen für das Spielen eines Blasinstruments ist und dass man (wie Leonard Bechet, der Bruder von Sidney) zwar ein guter Zugposaunist sein, aber eben mit den Ventilen nicht klar kommen kann.
New York im dicken Schnee wird sehr plastisch (es ist kurz vor Weihnachten), aber New Orleans besteht nur aus Straßennamen und Orten und wird einfach nicht lebendig. Und die Übersetzung? Übersetzt hat es die legendäre Pociao, die viel und offenbar gut übersetzt, denn welche Übersetzerin hat schon einen Künstlernamen? Hier scheint das Original nicht so sehr viel zu bieten: Ortsnamen und Anspielungen sind brav durchexerziert; nur einmal bin ich aufgeschreckt, nämlich bei dem Wort Eintopf. 

Damit ist vermutlich ein Gumbo gemeint und sollte im Fall von New Orleans unbedingt dort stehen. Als Ruby bei Marielle lebt, wird sie mit Shrimps in zehn verschiedenen Zubereitungen verwöhnt, mit „Okragemüse, Löwenzahnsuppe und Gumbo mit Krebsfleisch“ (S. 110).  Später wird die Reaktion von Kollegen und Kritikern auf Buddy Boldens Musik beschrieben. Dort heißt es: „Archimedes Robinson, ein junger Journalist mit schwülstigem Stil, bezeichnete es [Buddy Boldens Art zu Musizieren] im Parade Magazine als 'Delta-Mischung', einen musikalischen Eintopf, den Bolden als erster aufgetischt habe.“ (S. 173)
In meiner kürzlich in Bücher 4/2015 erschienen
Botschaft aus Babel zum Thema New Orleans Übersetzen (S. 62) habe ich dazu geschrieben:
„Zur legendären Esskultur von New Orleans gehört Gumbo – eine mit dunkler Mehlschwitze angedickte, scharfe Suppe mit Okraschoten, Fleisch und vielen anderen Zutaten. Wie Okra ist auch der Name Gumbo afrikanischen Ursprungs, und es ist so viel mehr als nur ein Gericht: Es steht für den besonderen Schmelztiegel New Orleans, mit seinen afrikanischen, karibischen, französischen und vielen anderen Einflüssen. Eintopf mag die knappste Beschreibung dafür sein, aber das Hybride, das für New Orleans so typisch ist, die ganze Feinheit und Würze in einen so urdeutschen Begriff zu zwängen, das funktioniert irgendwie nicht.“ (Wird vermutlich in Bälde ins Internet gestellt, andere Kolumnen siehe hier.) Der „musikalischene Eintopf“ mag bei uns eingebürgert sein, aber in New Orleans sollte man in jedem Fall einen „Gumbo“ servieren.

Was das Leben von Buddy Bolden und den Jazz angeht, ist das Buch äußerst informativ. Zum gleichen Thema gibt es übrigens noch einen früheren, ebenfalls sehr kompliziert aufgebauten Roman von Michael Ondaatje, Buddy Boldens Blues, übersetzt von Adelheid Dormagen, Hanser Verlag 1995.

Montag, 20. Januar 2014

Tatwort. Die Übersetziade. -- Alle Einsendungen


Tatwort. Die Übersetziade
Am 29. November 2013 war unser erster Entscheid für Tatwort. Die Übersetziade, ein feines, warmes und fröhliches Fest des Übersetzens. Wir hatten elf Einsendungen erhalten. Zu übersetzen war ein Prosagedicht aus Donna Stoneciphers preisgekröntem Gedichtband The Cosmopolitan (Coffee House Press 2008, National Poetry Award). Donna Stonecipher hatte anonym den Gewinner des Autorinnenpreises ausgewählt und der Publikumspreis wurde nach Abstimmung vergeben.

Das Original:
Donna Stonecipher
Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)

1. In Cologne we bought cologne. In Morocco we bought morocco. In Kashmir we bought cashmere. Then, our suitcases stuffed, we flew back home to New York City, where we drank manhattan after manhattan until ill-advisedly late into the evening.

2. “I’m an anarchist,” said the poet. “You’re spoiled,” said his girlfriend. A line of people in masks paraded by. And then the lights dimmed, and the one true anarchist was suddenly spot-lit in the crowd: a little girl with an ice cream sandwich melting in her bag.

3. The beautiful people wanted to go only to places where there were other beautiful people, in cafés and restaurants and bars, and puffed nervously on their cigarettes when the number of ugly people shown to tables seemed to be reaching critical mass.
           
4. You like to be told what to do. You like to be shown to your plug and to glow in it like a nightlight. You like to be clued in, strapped on, knuckled under. You like to be held down and liquored up. You like to be scooped out, bowled over, seen through.
“Trust is fine, but control is better”
5. Forking over our dollars, we hatched a grand plan for the overlapping economy: Let the French take care of the perfumes; the Dutch of the tulips; and the Italians of the leather shoes. Each would be a department in the department store in the Great Mall.

6. She wrote, I want to be seen through. He wrote, But you are deliberately opaque. She wrote, I want people to want to work hard to see through my (really quite superficial) opacity. He wrote nothing back. She waited, but he wrote nothing back.

7. You like to go from room to room drowning yourself in dahlias. You like to stand in a crowd and implode and implode till all your individuality melts. You like to be underneath, on top, afloat. But it thrills you to hear your name in a stranger’s mouth.

8. Was it good or bad when the foreigner was said to be “more French than the French”? She of the huge hats and humble origins was “more bourgeois than the bourgeois.” And the cosmopolitan was more cosmopolitan than the cosmos itself.

9. We bought china in China. We bought tangerines in Tangier. You bought turquoise in Turkey, and I bought an afghan in Afghanistan. I bought india ink in India, and you bought an indiaman in India. But nowhere did we relinquish any little bit of ourselves.

Der Autorinnenpreis:

Lars-Arvid Brischke:              Einlage 22 (Elfriede Jelinek, ursprünglich von Lenin)

1. In Köln kauften wir Kölsch. In Marokko kauften wir Moloko. In Kashmir kauften wir Kasimir. Dann flogen wir mit vollgestopften Taschen zurück nach Hause nach New York und tranken bis der Doktor kam einen Manhattan nach dem anderen.
           
2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verdorben“, sagte seine Dirne. Eine Reihe Maskierter paradierte vorbei. Dann dunkelte es und die einzige echte Anarchistin in der Menge stand plötzlich im Rampenlicht: Ein Dirndl mit einem schmelzenden Sandwich-Eis im Säckel.

3. Die Schönen wollten nur an Orte gehen wo es andere Schöne gab, in Cafes und Restaurants und Bars, und zogen nervös an ihren Zigaretten wenn die Zahl der Hässlichen, denen Tische gezeigt wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.            

4. Du magst es, wenn dir einer sagt wo’s langgeht. Du magst es, wenn dir einer deinen Stecker zeigt, in dem du glimmst wie ein Nachtlicht. Du willst im Bilde sein, angeschnallt, untergebuttert. Du magst dich  ausgebremst und schnapserfüllt. Willst ausgehöhlt sein, umgestoßen, durchschaut. 
                                                „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“
5. Wir hauten unsre Dollars auf den Kopf und schmiedeten den Plan für eine überlappende  Ökonomie: Sollen sich die Franzosen um Parfums, die Holländer um Tulpen und die Italiener um schicke Lederschuhe kümmern. Jeder wäre eine Ware eines Warenhauses in der großen Einkaufszone.

6. Sie schrieb, ich will durchschaut werden. Er schrieb, du bist absichtlich undurchsichtig. Sie schrieb, ich möchte, dass Leute sich bemühen mögen, bei meiner (eigentlich echt nur oberflächlichen) Undurchsichtigkeit durchzublicken. Er antwortete nichts. Sie wartete, doch er antwortete nichts.

7. Du gehst so gern von Raum zu Raum, ertränkst dich in Dahlien. Du stehst gern in der Menge, brichst zusammen, brichst zusammen bis dein ganzes Wesen schmilzt. Du bist gern unter uns, obenauf, im Fluss. Doch es erregt dich, deinen Namen aus fremdem Mund zu hören.

8. War es gut oder schlecht, den Ausländer „französischer als einen Franzosen“ zu nennen? Sie mit ihren großen Hüten und ihren bescheidenen Wurzeln war „spießiger als die Spießer“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos.

9. Wir kauften Kobaltblau in China. Wir kauften Orange in Tanger. Du kauftest Türkis in der Türkei und ich kaufte einen Affen in Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien und du kauftest ein Individuum in Indien. Aber nirgends gaben wir auch nur das Mindeste von uns preis.

Der Publikumspreis:

Sven Scheer: nach Donna Stonecipher (entschuldige)
Durchschuss 22 (Elfriede Jelinek mit Lenin im Beiwagen)

1. In Gouda kauften wir Gouda. In Roquefort kauften wir Roquefort. In Cheddar kauften wir Cheddar. Dann, der Koffer miefend, ging’s heim nach Pilsen, wo wir Pilsener auf Pilsener tranken, bis sich der Sternenhimmel vor unseren Augen drehte.

2. „Ich bin ein Spießer“, sagte der Dichter. „Bild dir bloß nichts ein“, sagte seine Freundin. Eine Polonaise der Masken zog vorüber. Die Lichter verloschen, und die Aura des Dichters spießte ein unschuldiges kleines Mädchen auf. Unschuldig? Aus ihrer Tasche tropfte Eiscreme.

3. Die Schönen sagten: O Herr, lass strahlend Schöne neben mir sein. Überall, im Café, im Restaurant und in der Bar. Nervös aßen sie ihre Zigaretten auf, als mehr und mehr Hässliche neben ihnen Platz nahmen. Die Apokalypse nahte.
           
4. Du willst ständigen Empfang. Du willst in die Steckdose gesteckt werden und wie ein Smartphone leuchten. Du willst chatten, whats-appen, twittern. Du willst eins aufs Maul und abgefüllt werden. Du willst, dass deine Festplatte ausgebaut, gelöscht, re-booted wird.
„Vertrauen gut und schön, Kontrolle besser und schöner.“
5. Wir packten die Euro auf den Tresen und erklärten der Wirtschaft dahinter unseren Masterplan: Erst mal ein Jever aus Jever, dann eine Berliner Bulette, zum Schluss einen kurzen Klaren aus Nordhausen. Und das alles, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen.

6. Sie schrieb: Vertrau mir nicht. Er schrieb: Das hatte ich auch nicht vor. Sie schrieb: Du spinnst wohl, vertrau mir jetzt sofort. Er schrieb nicht mehr. Es klopfte, und sie erschrak, als ein Lichtstrahl durch den Türspalt drang.

7. Noch bevor er dich erreicht, ertrinkt er im Dahlienmeer deines Zimmers. Du stiefelst auf ihm herum, bis er ein einziger Brei ist, Persönlichkeit und alles. Du hast die volle Kontrolle und beseitigst alle Spuren, bis nichts mehr übrig ist als dein Name auf seinem Mund.

8. War es gut oder schlecht, als man von dem Fremden sagte, er sei angeschickerterer als die Schickeria? Und sie aus der Bettenburg, sie mit den Zahnkronen, blauer als jedes Blaublut, rief: Der Cosmopolitan hier ist der beste der Milchstraße!

9. Wir kauften eine blaue Briefmarke in Mauritius. Wir kauften Indianer in Amerika. Du kauftest eine Wiener in Frankfurt, und ich kaufte eine Frankfurter in Wien. Dazu Dijon du weißt schon woher. Und trotz allem blieb es dabei: Mia san mia, alles andere ist Käse.

Die übrigen Übersetzungen in der Reihenfolge des Einsendedatums:

Thies Thiessen:   Einlegearbeit 22 (Elfriede Jelinek, über Lenin)

 1. In Köln kauften wir Echt Kölnisch. In Marokko maroquinisch. In Kaschmir Kaschmir. Dann waren die Koffer voll und wir flogen heim, nach New York City, Manhattan. Mann, hätten wir das bloß nicht bis in den Abend getrunken, uns war übel.

2. „Ich bin ein Anarchist“ sagte der  Dichter. “Du bist verzogen” sagte seine Freundin. Hintereinanderweg paradierten Menschen in Masken vorbei. Es wurde dunkel, und auf einmal erstrahlte der einzig echte Anarchist in der Menge: ein kleines Mädchen mit einer Eiscremewaffel, die in seiner Tasche schmolz. 

3. Die Schönen wollten nur dahin, wo auch andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants und Bars, und sie zogen nervöser an ihren Zigaretten, sobald die sichtbar Hässlichen bedrohlich mehr wurden und die kritische Masse zu erreichen schienen.
           
4. Du magst, dass man Dir sagt, was du tun sollst. Du möchtest gefasst sein, in deiner Fassung still glimmen wie ein Nachtlicht. Du magst, wenn man dich hinweist, festmacht, beugt. Du möchtest runtergehalten werden und saufgebaut. Leergelöffelt, überschüsselt, durchgesichtet, das willst Du sein.
“Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.”
5. Wir gaben unsere Dollars aus und brüteten einen Plan aus für eine allumfassende Wirtschaft: Lasst die Franzosen sich ums Parfum kümmern,  die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Für jeden eine Abteilung im Angebot des Großen Warenhauses.
 
6. Sie schrieb: „Ich möchte durchsichtig werden“. Er schrieb: „Aber du bist nun einmal undurchschaubar“. Sie  schrieb: „Die Menschen sollen sich bemühen, dass sie meine (wirklich oberflächige) Oberfläche durchschauen. Er schrieb nichts. Sie wartete, aber er schrieb nichts.

7. Du möchtest von Raum zu Raum gehen, dich in Dahlien versenken, ertränken. Du möchtest in der Menge stehen und implodieren, implodieren, bis alles was du bist, dahinschmilzt. Du möchtest drunter sein und drüber, schwimmen. Aber es erregt dich, deinen Namen zu hören aus eines Unbekannten Mund. 

8. War das gut oder schlecht, als es hieß, der Fremde wäre „französischer als die Franzosen“? Die mit den übergroßen Hüten und der niedrigen Herkunft „spießiger als jeder Spießer?“  Und der in aller Welt Gewandte weltgewandter als die Welt? 

9. In China kauften wir Chinoiserien.  Perser kauften wir in Persien. Du kauftest Türkise in der Türkei, und ich einen Afghanen in Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien,  und du als Indienfahrer einen Indienfahrer. Aber nirgends haben wir gaben wir von uns auch nur das kleinste bisschen preis.

Alexander Zuckschwerdt:  Intarsie 22 (Lenin, über Elfriede Jelinek)

1. In Köln haben wir Kölnischwasser gekauft. In Marokko haben wir Maroquin gekauft. In Kaschmir haben wir Kaschmir gekauft. Dann, mit vollbeladenen Koffern, sind wir nach New York zurückgeflogen, wo wir bis unvernünftig spät Manhattan um Manhattan tranken.

2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verzogen“, sagte seine Freundin. Eine Reihe Menschen in Masken marschierte vorbei. Und dann wurden die Lampen gedimmt, und das Rampenlicht fiel plötzlich auf den wahren Anarchisten in der Menge: ein kleines Mädchen, in dessen Täschchen ein Waffeleis dahinschmolz.

3. Die Schönen wollten nur dort hingehen, wo auch andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants und Bars, und zogen nervös an ihren Zigaretten, als die Zahl der Hässlichen, die man an den umstehenden Tischen platzierte, eine kritische Höhe zu erreichen schien.

4. Du magst es, wenn man dir sagt, was du zu tun hast. Du magst es, wenn man dich an deine Dose führt, wo du dann glimmen kannst wie ein Nachtlicht. Du magst es, aufgeklärt, angebunden, unterworfen zu werden. Du magst es, niedergehalten und abgefüllt zu werden. Du magst es, ausgenommen, umgehauen, durchschaut zu werden.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

5. Wir klaubten unser Geld zusammen und heckten einen grandiosen Plan für die übergreifende Wirtschaft aus: Lasst die Franzosen sich um die Duftwässer kümmern, die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Jeder wäre eine Abteilung innerhalb des großen Konsumtempels.

6. Sie schrieb: Ich will durchschaut werden. Er schrieb: Aber du bist so verschlossen. Sie schrieb: Ich will, dass die Menschen etwas dafür tun wollen, meine (wirklich nur oberflächliche) Verschlossenheit zu durchschauen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, doch er schrieb nichts zurück.

7. Du magst es, von Raum zu Raum zu gehen, in Dahlien zu versinken. Du magst es, in einer Menge zu stehen und zu implodieren und zu implodieren, bis deine gesamte Individualität zusammenschmilzt. Du magst es, untendrunter, obenauf, über Wasser zu sein. Aber du liebst es, deinen Namen aus dem Munde eines Fremden zu hören.

8. War es gut oder schlecht, wenn man von dem Ausländer sagte, er sei „französischer als ein Franzose“? Die mit den großen Hüten und dem bescheidenen Hintergrund war „großbürgerlicher als ein Großbürger“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.

9. Wir haben Chili in Chile gekauft. Wir haben einen USB-Stick in Usbekistan gekauft. Du hast Türkis in der Türkei gekauft, und ich habe ein Mosaik in Mosambik gekauft. Ich habe Tsatsiki in Tadschikistan gekauft, und du hast Maronen in Marokko gekauft. Aber nirgends haben wir auch nur ein winziges Stück von uns gelassen.

Karen Braun:                        Intarsie 22 (Elfriede Jelinek, unter Zuhilfenahme von Lenin)

1. In Köln erwarben wir Duftwasser. In Marokko genarbtes Leder. In Kaschmir die zarteste Wolle der Ziegen. Mit berstenden Koffern flogen wir hinterher heim nach New York, tranken dort massenweise Manhattans, unbesonnen, bis tief in die Nacht.
2. „Ich bin Anarchist“, sprach der Dichter. „Du bist ein verzogener Fratz“, sagte seine Freundin. Dann schritt bei gedämpfter Beleuchtung ein Aufzug von Masken vorbei; ein Scheinwerfer holte aus der Menge die einzige echte Gesetzlose ans Licht: ein kleines Mädchen, dem im Rucksack das Eis aus der Waffel schmolz.
3. Die strahlend Schönen strebten stets nur an Orte, wo ihresgleichen sich aufhielt, in Cafés, Restaurants und Bars. Voller Unmut zogen sie an ihren Zigaretten, sobald die Anzahl der Hässlichen das ihnen genehme Maß zu übersteigen drohte.
4. Du liebst Handlungsanweisungen. Du möchtest die Hand spüren, die den Stecker in die Dose schiebt, die Tischlampe sein, das dann leuchtet. Du wirst gerne eingeführt, vorgeführt, abgeführt. Niedergehalten, hochgeputscht. Erschöpft, überwältigt, durchschaut.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“
5. Beim Bezahlen schmiedeten wir den ultimativen Plan für eine übergreifende Ökonomie: Sollen sich die Franzosen um die Düfte kümmern, die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die ledernen Schuhe. Für jeden eine Abteilung im großen Kaufhaus des Westens.
6. Sie schrieb: Ich möchte durchschaut werden. Er schrieb: Du bist aber aus Milchglas, absichtlich. Sie schrieb: Ich will, dass man sich Mühe gibt mit meiner Undurchsichtigkeit. Die ist doch bloß im Vordergrund. Er antwortete nicht. Sie wartete, aber er schrieb nicht zurück.
7. Gern gehst du von Zimmer zu Zimmer, ertränkst dich in Dahlien. Stehst inmitten von Menschen, zerbirst und zerspringst in dir, bis alles zerfließt, was dich ausmacht. Bist mit Vorliebe drunter und drüber, im Oberwasser. Doch erregt dich der Klang deines Namens im Mund eines Fremden.
8. War es gut oder schlecht, als man den Ausländer einen „besseren Deutschen“ hieß? Die Dame mit Tellerhut, niedriger Herkunft, war „edler als alle von Adel“. Und der Weltbürger in mehr Welten daheim als das Weltall selbst.
9. Wir kauften Chinarinde in China. Granatäpfel in Granada. Du Türkise in der Türkei, ich einen Perserteppich in Persien. In Indien erstand ich die typische Tusche, du besorgtest das Schiff für die Heimfahrt. An keinem Ort allerdings gaben wir auch nur einen Hauch von uns selbst preis.


Marion Oechsler: Zwischenspiel 22 (Lenin, entdeckt bei Elfriede Jelinek)

1. In Köln kauften wir Kölnisch Wasser. In Marokko kauften wir Maroquin. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Und als unsere Koffer schließlich vollgestopft waren, flogen wir zurück nach New York City, wo wir einen Manhattan nach dem anderen tranken, bis alles zu spät war.

2. „Ich bin Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verwöhnt“, sagte seine Freundin. Eine Parade von Menschen in Masken zog vorüber. Dann wurden die Lichter gedimmt, und die eine wahre Anarchistin stach plötzlich hell erleuchtet aus der Menge hervor: ein kleines Mädchen mit einem Eis, das in ihrer Tüte vor sich hin schmolz.

3. Die schönen Menschen wollten sich nur an Orten aufhalten, an denen auch andere schöne Menschen waren, in Cafés, Restaurants und Bars. Nervös zogen sie an ihren Zigaretten, sobald sich die Zahl der hässlichen Menschen, die an ihre Tische gewiesen wurden, zu einem Mob auszuwachsen drohte.

4. Du hast es gern, wenn man dir sagt, was du zu tun hast. Wenn man dir zeigt, wo du dich einstöpseln kannst, um wie ein Nachtlämpchen in seiner Steckdose zu glühen. Du lässt dich gern einweihen, aufbuckeln, unterbuttern. Du magst es, dich überrennen und volllaufen zu lassen. Es gefällt dir, wenn du ausgekratzt, umgehauen, durchschaut wirst.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
5. Während wir unwillig unsere Scheine rausrückten, brüteten wir einen Masterplan für die übergreifende Wirtschaft aus: Sollten sich die Franzosen doch um die Parfums kümmern, die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Sie würden dann jeweils einen Verkaufsraum im Kaufhaus im Großen Einkaufszentrum bekommen.

6. Sie schrieb Ich will durchschaut werden. Er schrieb Aber du bist doch absichtlich undurchsichtig. Sie schrieb Ich will, dass die Leute sich anstrengen wollen, meine (zugegebenermaßen ziemlich oberflächliche) Undurchsichtigkeit zu durchschauen. Darauf schrieb er nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.

7. Es gefällt dir, von einem Zimmer ins nächste zu gehen und dabei in Dahlien zu ertrinken. Du magst es, in einer Menschenmenge zu stehen und zu implodieren, immer weiter, bis der letzte Funke deiner Individualität erlischt. Du bewegst dich gern unterhalb, obenauf, mit dem Strom. Aber du bist hin und weg, wenn du deinen Namen aus dem Mund eines Fremden hörst.

8. War es gut oder schlecht, als sie von dem Ausländer meinten, er sei „französischer als die Franzosen“? Sie mit den riesigen Hüten und ihrer niederen Herkunft war „bürgerlicher als alles Bürgerliche“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.

9. Wir kauften Chinos in China. Wir kauften Seetang in Tanger. Du kauftest Türkis in der Türkei, ich kaufte einen Afghanen in Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien, du kauftest einen Indienfahrer in Indien. Aber nirgends haben wir auch nur einen winzigen Bruchteil unserer selbst abgetreten.

Dusty-Anne Rhodes und Agnes Bethke:  Intarsie 22 (Elfriede Jelinek nach Lenin)

1. In Panama kauften wir Panamas. In Norwegen kauften wir Norweger. In Kaschmir kauften wir Kaschmir.
Mit vollgestopften Koffern flogen wir dann nachhause, zurück nach New York City, wo wir Manhattan auf Manhattan tranken bis unvernünftig spät in die Nacht.

2.  „Ich bin Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verwöhnt“, sagte seine Freundin. Eine Reihe von Menschen in Masken zog vorbei. Und dann wurden die Lichter gedimmt, und der eine wahre Anarchist wurde plötzlich in der Menge angestrahlt: ein kleines Mädchen mit einem Sandwich-Eis, das in seiner Tasche schmolz.

3. Die schönen Leute wollten nur an Orte gehen, wo andere schöne Leute waren, in Cafés und Restaurants und Bars, und sie zogen nervös an ihren Zigaretten, wenn die Anzahl hässlicher Leute, die an Tische geführt wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.

4. Du magst, wenn man Dir sagt, was Du tun sollst. Du magst, wenn man dich zu deiner Steckdose führt und darin zu glimmen wie ein Schlummerlicht.
Du magst, ins Bild gesetzt, unterworfen zu werden. Du magst, festgehalten und abgefüllt zu werden. Du magst, ausgehöhlt, umgehauen und durchschaut zu werden.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
5. Während wir unsere Dollars hinblätterten, heckten wir einen grandiosen Plan für die eng verzahnte Wirtschaft aus: Lass die Franzosen sich ums Parfum kümmern, die Holländer um Tulpen, und die Italiener um Lederschuhe. Jeder wäre eine eigene Abteilung im Kaufhaus in der großen Shopping Mall der Welt.

6. Sie schrieb, Ich will durchschaut werden. Er schrieb, Aber du bist gewollt undurchsichtig.
Sie schrieb, Ich will, dass Menschen sich richtig anstrengen wollen,  durch meine (doch recht oberflächliche) Undurchdringlichkeit hindurchzuschauen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.

7. Du magst es, von Raum zu Raum zu gehen und in Edelpelargonien zu ertrinken. Du magst, in einer Menschenmenge zu stehen und zu implodieren und zu implodieren, bis all Deine Einzigartigkeit schmilzt. Du magst es unten drunter, obenauf, im Wasser treibend. Aber es gibt Dir einen Kick, wenn du deinen Namen aus dem Mund eines Fremden hörst.

8. War es gut oder schlecht, als vom Ausländer gesagt wurde, er sei „französischer als die Franzosen“? Sie mit den großen Hüten und den bescheidenen Anfängen war „spießiger als die Spießbürger“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.

9. Wir kauften Chinin in ChinaWir kauften Tabak in Tobago. Du kauftest Türkise in der Türkei und ich kaufte einen Perser in Persien. Ich kaufte arabische Gewürze und Du kauftest einen Araber. Aber nirgendwo gaben wir auch nur ein bisschen von uns selbst preis.

Michael Karjalainen-Dräger:  Inlay twenty-two (Elfriede Jelinek via Lenin)

1. In Köln kauften wir Kölnischwasser. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Dann flogen wir mit vollgestopften Koffern heim nach New York City, wo wir einen Manhattan nach dem anderen soffen bis idiotisch lang in die Nacht hinein.

2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verdorben“, sagte seine Freundin. Eine Reihe maskierten Volks marschierte vorbei. Und dann wurden die Lichter gedimmt, und die Scheinwerfer fielen auf den einzig wahren Anarchisten im Gedränge: ein kleines Mädchen mit einem Eiscreme-Sandwich, das in ihrer Tasche schmolz.

3. Die Schönen wollten ausschließlich an Orten sein, wo andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants und Bars; sie pafften nervös ihre Zigaretten während die Zahl der Hässlichen, die an die Tische geführt wurden, die kritische Masse zu erreichen schien.

4. Du liebst es, wenn man dir sagt, wo’s langgeht. Du liebst es, wenn man deinen Zündschlüssel dreht und dich zum Vorglühen bringt. Du liebst es, wenn man dir Anweisungen gibt, wenn du festgeschnallt wirst und kuschen musst. Du liebst es, wenn man dich klein hält und dir einschenkt. Du liebst es, wenn man dich schlaucht, wenn du sprachlos bist und wenn du durchschaut wirst.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
 5. Während wir unser Geld beim Fenster hinaus warfen, brüteten wir  einen großartigen Plan für die überbordende Wirtschaft aus: die Franzosen sollen sich um die Parfums kümmern; die Niederländer um die Tulpen; und die Italiener um die Lederschuhe. Für jeden ein Laden an der Great Mall.

6. Sie schrieb, sie wolle durchschaut werden. Er schrieb, sie würde sich mit voller Absicht undurchschaubar geben. Sie schrieb, sie wolle, dass sich Menschen anstrengten, um ihre (wirklich total oberflächliche) Undurchschaubarkeit zu durchschauen. Er schrieb nicht zurück. Sie wartete, er aber schrieb nicht zurück.

7. Du liebst es, wenn du von Raum zu Raum gehst, dich im Duft von Dahlien ertränkst. Du liebst es, wenn du  in der Menge stehst und implodierst und implodierst bis deine ganze Individualität ausgelöscht ist. Du liebst es, wenn du unten-drunter, über-drüber, obenauf bist. Aber es erregt dich, wenn ein Unbekannter auf seinen Lippen deinen Namen trägt.

8. Ist es gut oder schlecht, wenn von Fremden gesagt wird, dass sie „französischer als die Franzosen“ wären? Sie war, mit ihren gigantischen Hüten und ihrer niedrigen Abstammung „bürgerlicher als die Bürger“. Und der Weltbürger war weltbürgerlicher als die Welt selbst.

9. Wir kauften China-Porzellan in China. Wir kauften Tangerinen in Tanger. Du kauftest Türkis in der Türkei und ich kaufte eine Afghan-Decke in Afghanistan. Ich kaufte indische Tinte in Indien, und du kauftest dort einen Indienfahrer. Aber nirgendwo gaben wir auch nur ein kleines bisschen von uns selbst preis.

Jan Imgrund:   Intarsie 22 (Elfriede Jelinek, ursprünglich Lenin)
1. In Köln kauften wir Kölnisch Wasser. In Shiraz kauften wir Shiraz. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Dann flogen wir mit Übergepäck heim nach New York City, und dort tranken wir einen Manhattan nach dem anderen, bis tief in die Nacht.
2. „Ich bin Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verwöhnt“, sagte seine Freundin. Maskierte Menschen zogen vorbei. Dann dimmte das Licht herunter, und plötzlich richtete sich ein Scheinwerfer auf den einzigen echten Anarchisten in der Menge: es war ein kleines Mädchen, und in ihrer Tasche schmolz ein Eiskonfekt.
3. Die Beautiful People wollten nur in Locations gehen, wo andere Beautiful People waren, Cafés und Restaurants und Bars, und zogen nervös an ihren Zigaretten, wenn der Anteil Ugly People, die man zu ihren Tischen geleitete, eine kritische Masse zu erreichen schien.
4. Dir gefällt, wenn man dir sagt, was du tun sollst. Du gefällt es, wenn man dich zu deinem  Stecker führt, dass du in ihm glühen kannst wie ein Lämpchen. Dir gefällt es, betippt, angeschnallt, unterjocht zu sein. Dir gefällt es, niedergedrückt und eingeflößt zu sein. Dir gefällt es, abgeschöpft, überwältigt, durchschaut zu sein.
„Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.“
5. Unsere Dollars rüberschiebend heckten wir einen Plan für die übergreifende Wirtschaft aus: Die Franzosen kümmern sich um Parfum, die Holländer um die Tulpen, und die Italiener um  die Lederschuhe. Jeder hätte seinen Platz in einer Abteilung im Großen Kaufhaus.
6. Sie schrieb: Ich will durchschaut werden. Er schrieb: aber du bist mit Absicht opak. Sie schrieb: ich möchte, dass die Leute durch meine (eigentlich recht oberflächliche) Undurchsichtigkeit hindurchsehen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.
7. Dir gefällt es, Zimmer über Zimmer zu durchschreiten, in Dahlien ertrinkend. Dir gefällt es,  in einer Menschenmenge zu stehen und zu implodieren und zu implodieren, bis all deine Individualität schmilzt. Dir gefällt es, zuunterst zu sein, zuoberst, zu schwimmen. Aber du bist aufgeregt, wenn ein Fremder deinen Namen in den Mund nimmt.
8. War es gut oder schlecht wenn es hieß, der Ausländer sei „französischer als die Franzosen“? Die Dame aus bescheidenen Verhältnissen, mit den riesigen Hüten, war „bürgerlicher als die Bourgeoisie“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der gesamte Kosmos.
9. Wir kauften Hamburger in Hamburg. Wir kauften Mandarinen in der Mandschurei. Du kauftest Türkise in der Türkei, und ich kaufte einen Afghanen in Afghanistan. Ich kaufte ein Englischhorn in England, und du kauftest einen Engländerschlüssel in England. Aber wir gaben nirgends auch nur das kleinste Stück von uns preis.
Martina Tichy:  Donna Stonecipher // Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)

1. In Köln kauften wir Kölnisch Wasser. In Muskat kauften wir Muskat. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Mit randvollen Koffern flogen wir zurück nach New York, wo wir bis unklug spät in die Nacht Manhattan um Manhattan tranken.

2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verhätschelt“, sagte seine Freundin. Maskierte zogen im Gänsemarsch vorbei. Dann erloschen die Lichter, und ein Spot zeigte auf die einzig wahre Anarchistin in der Menge: ein kleines Mädchen mit einem dahinschmelzenden Eiscremesandwich in der Tasche.

3. Die Schönen wollten immer nur dorthin, wo noch andere Schöne waren, in Cafés, Restaurants und Bars, und pafften nervös an ihren Zigaretten, wenn die Anzahl der Hässlichen, denen Plätze angewiesen wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.

4. Du lässt dir gern sagen, was du tun sollst. Du lässt dir gern deine Steckdose zuweisen und erglühst darin wie ein Nachtlicht. Du lässt dich gern einweisen, anbinden, unterbuttern. Du lässt dich gern niederhalten und abfüllen. Du lässt dich gern ausschaufeln, umkegeln, durchschauen.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
5. Wir brachten unsere Dollars unters Volk und brüteten einen grandiosen Plan für die überlappende Wirtschaft aus: Die Franzosen kümmern sich um die Parfüms, die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Ein jedes hätte eine Abteilung im Kaufhaus im Großen Einkaufszentrum.

6. Sie schrieb: Ich will durchschaut werden. Er schrieb: Aber du bist doch mit Absicht undurchsichtig. Sie schrieb: Ich will, dass die Leute hart daran arbeiten wollen, meine (nun wirklich reichlich oberflächliche) Undurchsichtigkeit zu durchschauen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.

7. Du gehst gern von Raum zu Raum und ertränkst dich in Dahlien. Du stehst gern in einer Menschenmenge und zerspringst innerlich, bis sich alles auflöst, was dich ausmacht. Du bist gern drunter, drüber, in der Schwebe. Aber du findest es aufregend, wenn ein Fremder dich beim Namen nennt.

8. War es gut oder schlecht, dass es von dem Ausländer hieß, er sei „französischer als die Franzosen“? Die mit den riesigen Hüten und der niederen Herkunft war „gutbürgerlicher als die Gutbürgerlichen.“ Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.

9. Wir kauften Persianer in Persien. Wir kauften Jersey auf Jersey. Du kauftest Türkise in der Türkei, und ich kaufte Sardinen auf Sardinien. Ich kaufte Indigo in Indien, und du kauftest einen Indienfahrer in Indien. Doch nirgendwo gaben wir auch nur das kleinste bisschen von uns preis.

Jenny Merling:    Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)
1. In Köln haben wir uns Kölnisch Wasser gekauft. In Marokko Marokkoleder. In Kaschmir Kaschmirwolle. Dann sind wir mit unseren vollen Koffern zurück nach New York geflogen, haben dort einen Manhattan nach dem anderen getrunken und sind unvernünftig lange aufgeblieben.
2. „Ich bin Anarchist“, sagte der Künstler. „Du bist bloß verwöhnt“, meinte seine Freundin. Menschen mit Masken zogen in einer langen Prozession vorbei. Dann wurde es schummerig im Raum. Und plötzlich leuchtete die einzig wahre Anarchistin inmitten der Menge auf wie von einem Scheinwerfer angestrahlt: ein kleines Mädchen mit einem geschmolzenen Eis am Stiel in der Tasche.
3. Wunderschöne Menschen wollen nur in Cafés und Restaurants und Kneipen sitzen, wo auch alle anderen Menschen wunderschön sind. Fast panisch ziehen sie an ihren Zigaretten, sobald für ihren Geschmack zu viele hässliche Leute an ihnen vorbei zu ihren Tischen geführt werden.

4. Du willst, dass man dir vorschreibt, was du tun sollst. Du willst eine Steckdose zugewiesen bekommen, in die du dich einstöpseln und dann leuchten kannst wie ein Nachtlicht. Du willst wissen, was von dir erwartet wird, willst, dass man dich festschnallt, dich an der kurzen Leine hält. Du willst, dass man dich gegen deinen Willen betrunken macht. Du willst, dass man dich aushöhlt, dich durcheinander kegelt, dich durchschaut.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.”
5. Während wir noch widerwillig für die Fehler der anderen zahlten, hatten wir bereits große Pläne, wie die Wirtschaft zu retten sei: Die Franzosen kennen sich mit Parfum aus, die Holländer haben ihre Tulpen, die Italiener ihre Designerschuhe – also bekommt jede Nation einen eigenen Laden in unserem neuen Einkaufszentrum, das so groß sein wird, dass man es vom Mond aus sehen kann.
6. Sie schrieb: Ich will, dass man mich durchschaut. Er schrieb zurück: Wieso machst du dann immer einen auf undurchschaubar? Sie schrieb: Ich will, dass sich jemand die Mühe macht, meine Undurchschaubarkeit (die ziemlich oberflächlich ist, wenn wir mal ehrlich sind) zu durchschauen. Er schrieb darauf nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts mehr.
7. Du wanderst gern durch die Zimmer und ertrinkst dabei in Dahlien. Du stehst gern in der Menge und zerbrichst, zerbrichst in immer kleinere Teile, bis alles, was dich ausmacht, fort ist. Du gehst den Sachen gern auf den Grund, bist gern oben auf, lässt dich auch gern treiben. Und trotzdem hast du immer noch dieses Kribbeln im Bauch, wenn jemand Fremdes deinen Namen sagt.
8. War das ein Kompliment oder eher ein Vorwurf, als jemand über den Ausländer meinte, er sei „französischer als ein Franzose“? Die Dame aus einfachen Verhältnissen, die mit den großen Hüten, sei „bourgeoiser als bourgeois“? Und der Kosmopolit kosmopolitischer als der Kosmos selbst?
9. Aus China haben wir uns chinesisches Porzellan mitgebracht. Aus der Champagne Champagner. In der Türkei hast du dir türkischen Honig gekauft und ich mir in Afghanistan Schwarzen Afghanen. Aus Indien habe ich Indisch-Blau mit nach Hause gebracht, und du dir einen Ostindienfahrer. Aber im Gegenzug auch von uns selbst etwas dagelassen haben wir nirgendwo.

Sonntag, 20. Oktober 2013

Tatwort. Die Übersetziade

Hier die Einladung zu unserem Übersetzerwettbewerb:


Es ist so weit! Das Übersetzerstudio, unser monatlicher Workshop für Übersetzungen ins Deutsche, feiert mit Tatwort. Die Übersetziade sein drittes Jahr. Wir treten in die Spuren von Translation Idol. Deutschland sucht den Superübersetzer, dem Übersetzungswettbewerb der Online-Zeitschrift www.no-mans-land.org, wo vor kurzem zum fünften Mal die beste Übersetzung eines Textes gekürt wurde.
Wir meinen: Das können wir auf Deutsch doch auch! Noch dazu in der Weltheimat der Übersetzung und der Hauptstadt der deutschsprachigen Übersetzer.
Die Aufgabe:
Um teilzunehmen, sendet uns Eure Übersetzung des unten stehenden Textauszugs (aus The Cosmopolitan von Donna Stonecipher) per E-Mail als Word- oder rtf-Datei an kontakt[AT]inapfitzner.net. Schreibt uns auch Eure Kontaktdaten und ein paar Informationen über Euch selbst. Einsendeschluss ist der 24. November 2013.
Übersetzt, wie Ihr wollt – frei oder treu, spielerisch oder prägnant, laut oder leise, respektvoll oder egoistisch, im Dialekt, in Denglisch, in Versen, nach Goethen oder Jelinek. Ob Greenhorn oder alter Hase: Probiert Euch aus, ganz ohne Lektor, Verlag oder Vertreter.
Der Entscheid selbst ist am 29. November 2013 in der Privatwirtschaft, Immanuelkirchstraße 21 in Prenzlauer Berg, Beginn: 20 Uhr. Im Idealfall tragt Ihr Eure Übersetzung persönlich vor oder Ihr lasst sie uns in irgendeiner elektronisch zu hörenden Form zukommen, sonst lesen wir sie vor. Danach wird über den Publikumspreis abgestimmt, und außerdem vergibt die Autorin Donna Stonecipher den Autorenpreis. Zu gewinnen gibt es jede Menge Ruhm, Ehre, Spaß und ein paar Preise sowie die Veröffentlichung auf der No-Man's-Land-Webseite.
Der Text:
Zu übersetzen ist ein Prosagedicht aus Donna Stoneciphers preisgekröntem Gedichtband The Cosmopolitan (Coffee House Press 2008, National Poetry Award), laut Rückentext: „Ornate miniature travelogues full of adventure and philosophical intrigue.“ Alle Gedichte enthalten ein „inlay“ in Form eines Zitats (in diesem Fall von Lenin, bei Elfriede Jelinek aufgestöbert).
Donna Stonecipher ist auch Autorin von Souvenir de Constantinople (2007) und The Reservoir (2002). Sie lebt in Berlin.
Über die vorhergehenden Translation Idol-Wettbewerbe lest Ihr hier: http://www.no-mans-land.org/ sowie im Blog von Katy Derbyshire http://lovegermanbooks.blogspot.de/



Donna Stonecipher

Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)

            1.
            In Cologne we bought cologne. In Morocco we bought morocco. In Kashmir we bought cashmere. Then, our suitcases stuffed, we flew back home to New York City, where we drank manhattan after manhattan until ill-advisedly late into the evening.

            2.
            “I’m an anarchist,” said the poet. “You’re spoiled,” said his girlfriend. A line of people in masks paraded by. And then the lights dimmed, and the one true anarchist was suddenly spot-lit in the crowd: a little girl with an ice cream sandwich melting in her bag.

            3.
            The beautiful people wanted to go only to places where there were other beautiful people, in cafés and restaurants and bars, and puffed nervously on their cigarettes when the number of ugly people shown to tables seemed to be reaching critical mass.
           
4.
            You like to be told what to do. You like to be shown to your plug and to glow in it like a nightlight. You like to be clued in, strapped on, knuckled under. You like to be held down and liquored up. You like to be scooped out, bowled over, seen through.


“Trust is fine, but control is better”


            5.
            Forking over our dollars, we hatched a grand plan for the overlapping economy: Let the French take care of the perfumes; the Dutch of the tulips; and the Italians of the leather shoes. Each would be a department in the department store in the Great Mall.

            6.
            She wrote, I want to be seen through. He wrote, But you are deliberately opaque. She wrote, I want people to want to work hard to see through my (really quite superficial) opacity. He wrote nothing back. She waited, but he wrote nothing back.

7.
            You like to go from room to room drowning yourself in dahlias. You like to stand in a crowd and implode and implode till all your individuality melts. You like to be underneath, on top, afloat. But it thrills you to hear your name in a stranger’s mouth.

8.
            Was it good or bad when the foreigner was said to be “more French than the French”? She of the huge hats and humble origins was “more bourgeois than the bourgeois.” And the cosmopolitan was more cosmopolitan than the cosmos itself.

            9.
            We bought china in China. We bought tangerines in Tangier. You bought turquoise in Turkey, and I bought an afghan in Afghanistan. I bought india ink in India, and you bought an indiaman in India. But nowhere did we relinquish any little bit of ourselves.



Sonntag, 14. Juli 2013

Nachtrag


Langston Hughes’ Simpel spricht sich aus habe ich in der Übersetzung von Günther Klotz jetzt noch einmal gelesen und finde es auf die Dauer schon anstrengend, so eine verschliffene Sprache zu lesen, bei der Umgangssprache durch falsche Grammatik wiedergegeben wird wie sie auch im Dialekt niemand verwendet. Auch der Duktus der Figur Simpel ist nicht durchweg liebenswert.
Auffallend ist die enorme Sachkenntnis des Übersetzers, die sich auch im Glossar zeigt. Zum Beispiel erklärt er die Formel „taxation without representation“ (Besteuerung ohne parlamentarische Vertretung ist Tyrannei) als eine Losung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, da eben Kolonien zwar besteuert wurden, aber nicht politisch vertreten waren. Diese Losung wird übrigens heute auch von Bewohnern des District of Columbia (d.h. der Hauptstadt Washington) gepflegt, denn auch sie sind nicht im Kongress vertreten, müssen aber Steuern zahlen. Aber da sie nicht politisch vertreten sind, fehlt wohl der politische Wille, ihre parlamentarische Vertretung durchzusetzen. In dem Buch bezog sich der Satz auf die damalige Situation der Afroamerikaner.
Auch sehr schön gelöst ist das Wortspiel mit „Bar“, pass the bar heißt ja die Anwaltsprüfung bestehen, aber bar heißt eben auch Bar. Mir hat man vor langer Zeit mal einen Anstecker geschenkt: I passed the bar and stayed there – Ich bin an der Bar vorbeikommen und gleich geblieben. 
Hier der Dialog aus dem Buch:
„...du solltest Redner werden.“
„Hm, ich hab Angst vor den Publikum. Mein Platz ist bei der Bar.“
„Bei der Gerichts-Bar-keit als redefleißiger Anwalt?“
„Bein Gericht haben se keine richtige Bar.“
Auch interessant fand ich die Lösung für das Wort bitch, das eigentlich Hündin heißt, aber auch als Schimpfwort für (unangenehme) Frauen verwendet wird. „Petze“ heißt es bei Günther Klotz und im Duden fand ich „Petze“ in der Bedeutung als Hündin in bestimmten Landstrichen (allerdings nicht in meinem). Auch so ein Dauerbrenner der Übersetzungsschwierigkeiten.
Vor allem das Nachwort, das gar nicht so vordergründig sozialistisch ist, sondern gut auf die Situation der Afroamerikaner und die Entstehung des Buches eingeht, datiert aber das Buch. Es ist von 1960, also noch vor dem Mauerbau, und dort werden Wörter wie „Negerzeitung“, „Negerkirche“ usw. wertneutral verwendet. Das geht natürlich heute nicht, aber für die Verwendung des Wortes in historischen Texten selbst ist die Diskussion angestoßen und nicht beendet, sowohl in den USA wie auch hier.
Auf ironische, aber treffende Weise thematisiert Simpel die ungerechte Behandlung der Schwarzen, und in diesen Tagen zeigt sich besonders deutlich, wie weit das Land noch von wahrer Emanzipation entfernt ist. Der Neighborhood-Watch-Eiferer George Zimmerman ist heute freigesprochen worden, obwohl er den jungen Trayvon Martin ohne Not getötet hat. Viele Facebook-Kommentare weisen darauf hin, dass es sicher anders ausgegangen wäre, wenn George Zimmerman schwarz und Trayvon Martin weiß gewesen wäre. Auf der Titelseite von http://www.washingtonpost.com/ ist ein junger Schwarzer namens Will Reese zu sehen, der in Harlem mit einem Schild an der Straße steht. Darauf heißt es: Honk! Justice for Trayvon Martin! (Hupen! Gerechtigkeit für Trayvon Martin!) 
Noch ein Wort zu Robert Hemenway (*1941), dem Wiederentdecker von Zora Neale Hurston. Neben ihrer Biographie, einem Klassiker, schrieb er noch andere Bücher und Artikel zu afroamerikanischer Literatur und unterrichtete weiter als Professor für Englisch. 16 Jahre lang war er auch der sehr erfolgreiche Kanzler der University of Kentucky in Lexington, Kentucky und dann von 1995 bis 2009 Kanzler der University of Kansas mit mehreren Campussen.
Heute ist übrigens Bastille Day... Vive la République!

Dienstag, 12. Februar 2013

Odalie

Es ist Fastnacht, Mardi Gras, und in New Orleans, Südlouisiana, in Teilen von Mississippi und Alabama wird heute die Post abgehen! Wir hier in Berlin essen aus Anlass des Tages einen Pfannkuchen.
Aber damit Ihr nicht völlig darben müsst, biete ich Euch hier ein Schmankerl, so hoffe ich: Meine Übersetzung einer Karnevalsgeschichte von Alice Dunbar-Nelson (1875-1935), einer auf Deutsch noch unentdeckten kreolischen Autorin, Journalistin, politischen Aktivistin aus New Orleans, die u.a. mit der Harlem Renaissance verbandelt war.
Die Geschichte „Odalie“ veröffentlichte sie im Alter von 20 Jahren, deshalb mag man ihr die Melodramatik nachsehen. Sie beschreibt einen Karneval ihrer Zeit im French Quarter von New Orleans und erzählt von einem jungen Mädchen noch vor ihrer Zeit, für die zum Karneval und auch an den anderen Tagen definitiv nicht die Post abging (und das Leben von Frauen thematisiert sie auch in ihren späteren Texten. Hier also eine Weltpremiere: „Odalie von Alice Dunbar-Nelson erstmals auf Deutsch. Das Original findet sich hier.

Alice Dunbar-Nelson
ODALIE
Dann und wann kommt der Karneval zur Zeit des guten Sankt Valentin und manchmal kommt er erst spät in den warmen Märztagen, wenn der Frühling schon da ist und das Grün des Grases das Grün der königlichen Standarten aussticht.
Viele Tage vor dem eigentlichen Karneval gewandet sich New Orleans in sein Festkleid. Hier und dort erscheinen die Karnevalsflaggen mit ihrem leuchtenden Grün, Violett und Gelb, und dann, wie von Zauberhand, erflammen die Straßen und Gebäude und platzen aus den Knospen wie der Mohn, in ein herrliches Feuerwerk der Farben, das die Sinne in eine wohlige Akzeptanz von Wärme und Schönheit tunkt.
Am Fastnachtsdienstag, wie Sie wissen, ist es eine Stadt, die von all der Narretei toll geworden ist. Ein riesiger Maskenball, der sich bei Tageslicht auf die Straßen ergießt, eine Stelldichein aller Nationen auf gemeinsamen Boden, ein Potpourri aus jeder erdenklichen menschlichen Zutat – all das kann es nur vage beschreiben. Es gibt Musik und Blumen, Schreie und Gelächter und Lieder und Frohsinn, und niemals ein schmerzendes Herz, das seinen Kummer zeigt oder das Glück der Straßen trübt. Eine wundersame Sache, dieser Karneval!
Aber die alten Freunde da im Französischen Viertel, die alles wissen und manch eine Geschichte kennen, berichten von einem trauernden Herzen zur Fastnacht vor vielen Jahren. Natürlich war es ein Frauenherz, denn „Il est toujours les femmes qui sont malheureuses“* geht ein altes Sprichwort, und vielleicht stimmt das. Diese Frau – anderswo würde man sie ein Kind nennen, außer in diesem Land der tropischen Fülle und der Frühreife – verlor ihr Herz an einen, der nichts davon wusste, übrigens durchaus eine übliche Geschichte, die aber ihr Vater, der hochmütige Richter, für ziemlich geschmacklos gehalten hätte, hätte er davon gewusst.
Odalie war schön. Odalie war auch stolz, aber gütig genug gegen jene, die ihrem zarten Gemüt gefielen. In dem alten französischen Haus auf der Royal Street, mit seinen altertümlichen Fenstern und dem spanischen Hof, grün und kühl und durch das Plätschern einer Fontäne und das Trillern von Vögeln in ihren Käfigen mit Musik erfüllt, lebte Odalie in klosterähnlicher Abgeschiedenheit. Monsieur le Juge war darauf bedacht, dass kein Falke in den Käfig eindringen und sein Täubchen stehlen konnte, und so gab es zwar keine Mutter, doch eine strenge Tante wachte als Anstandsdame über das Mädchen.
Ach, die Vorkehrungen der Tante! Leuchtende Augen auf der Suche nach anderen leuchtenden Augen, in denen der Geist der Jugend und des Übermuts lauert, halten überall Ausschau, selbst in der Kirche. Pflichtbewusst brachte man Odalie jeden Sonntag zur Messe in die Kathedrale, und Tante Louise, die über ihren Perlen fromm mit dem Kopf nickte, bemerkte das Erröten und die bedeutungsvollen Blicke nicht, einen ganzen Code aus Signalen, die zwischen Odalie und Pierre, dem mittellosen, jungen Gerichtsbeamten, hin und hergingen.
Vielleicht liebte Odalie, weil es nicht viel Anderes zu tun gab. Wenn man in einem großen französischen Haus mit der grimmigen, schläfrigen Tante und ohne Kameraden seines Alters eingeschlossen ist, wird das Leben stumpf und man wartet auf irgendein neues Gefühl, vor allem wenn in den Adern das ungestüme spanisch-französische Blut tost, auf das Monsieur le Juge so stolz war. Also hielt Odalie an den Wochentagen das Traumbild ihres Pierre fest in den Armen und spielte ihm bebende, kleine Liebeslieder, wenn la Tante in der Dämmerung über ihrem Andachtsbuch döste, und sonntags bei der Messe gab es wieder Blicke und Erröten und vielleicht in einem besonders in Erinnerung gebliebenen Augenblick, während la Tante ihren letzten Kniefall machte, das Berühren von Fingerspitzen am Weihwasserbecken.
Dann kam die Karnevalszeit und ein kleines Herz schlug schneller, als das graue Haus auf der Royal Street seine bunten Fahnen heraushängte und die trostlose Fassade mit leuchtenden Farben schmückte. Es sollte eine Zeit der Freude und der Muße werden, wo alle überall hingehen konnten und man auf der Straße sprechen konnte, mit wem man wollte. Unbewusst wurden Pläne formuliert und die kleine Odalie war glücklich, je näher die Zeit rückte.
„Stell dir doch mal vor, Tante Louise,“ rief sie, „was das für eine glückliche Zeit sein wird!“
Aber Tante Louise brummte nur irgendetwas, wie es ihre Art war.
Endlich war Fastnacht gekommen und schon früh hörte Odalie durch das Fenster das Klingeln der närrischen Glocken an den Kostümen der Maskierten, das Klimpern von Musik und den Widerhall von Liedern. Hoch zu ihren Ohren drang das Gelächter der älteren Maskierten und das Kreischen der kleinen Kinder, die sich vor ihrem eigenen Anblick unter der Maske und dem Dominomantel fürchteten. Was für eine Aufregung, draußen in dem kunterbunten, fröhlichen Gedränge zu sein, die Royal Street zur Canal Street hinabzuschreiten, wo das Leben und die Welt war!
Es waren müde Augen, mit denen Odalie schließlich auf das heitere Treiben blickte, müde, Pulk über Pulk Maskierter und Unmaskierter zu beobachten, in die Wagenladungen singender Musikanten und in die Kutschen der Feiernden zu schielen, in der Hoffnung auf einen Blick auf Pierre den Treuen. Die Umzugswagen mit ihren rot drapierten Pferden rumpelten vorbei und verloren langsam ihren Charme, die Kostüme sahen billig aus, sogar die Fahnen in fröhlichen Farben flatterten Odalie traurig zu.
Fastnacht war doch ein ermüdender Tag, seufzte sie, und Tante Louise stimmte ihr ausnahmsweise zu.
Es war sechs Uhr, die Zeit, wo alle Masken abgenommen werden müssen. Die langen roten Strahlen der untergehenden Sonne funkelten quer über die bunten Kostüme der Karnevalisten, die demaskiert Richtung Heim zogen, um sich vor dem letzten wilden Tollen der Nacht auszuruhen.
Die Toulouse Street herunter kam die fröhlichste aller Scharen. Junge Männer und Frauen im zarten, feenhaften Gewand, Tänzer und Kleider des malerischen Empires, ein oder zwei Schmetterlinge und ab und zu eine Dame mit gepudertem Haar und der Anmut alter Zeiten. Mit unmaskierten Gesichtern sangen sie, tanzten Richtung Tante Louise und Odalie. Da stand sie mit glänzenden und tränenschweren Augen, denn ganz vorn lief Pierre, Pierre der Treulose, die Arme um die schlanke Taille eines Schmetterlings geschlungen, dessen flitterndes gepudertes Haar über die Spitzenrüschen seines Empirerocks floss.
“Pierre!” rief Odalie leise. Niemand hörte sie, denn es war nur ein schwacher Hauch, der unbeachtet verhallte. Die lachende Schar bewarf sie mit Blumen und Naschereien und ging ihres Wegs, und selbst Pierre sah sie nicht.
Wissen Sie, wenn man hinter den düsteren Wänden eines Hauses auf der Royal Street eingesperrt ist, mit niemandem außer einer Tante Louise und einem verbitterten Richter, wie soll man da lernen, dass es auf der Welt Treulose gibt, die einem bei der Messe zärtlich in die Augen schauen und mit liebkosenden Fingern das Weihwasser reichen, ohne Hals über Kopf verliebt zu sein? Es gab niemanden, der das Odalie hätte erklären können, und so saß sie an diesen matten ersten Tagen der Fastenzeit zu Hause und hätschelte ihre kostbare tote Liebe und trauerte, wie es Frauen seit undenklichen Zeiten immer wieder tun, über die Untreue eines Mannes. Und als sie eines Tages darum bat, ins Ursulinenkloster zurückkehren zu dürfen, wo sie ihre Kindheitstage verbracht hatte, allerdings jetzt als Nonne, da befanden es Monsieur le Juge und Tante Louise durchaus als das Schicklichste und Günstigste für sie; denn wie sollten Sie um das Geheimnis jener Fastennacht wissen?
Übersetzt von Ina Pfitzner

* Es sind immer die Frauen, die unglücklich sind.
** Monsieur le Juge: der Herr Richter