Hier eine kleine Meldung über Weihnachten in New Orleans von Lafcadio Hearn. Ich habe es übersetzt.
7. Januar 1878
Heiligabend kam von Westen her mit glühend orangefarbener Pracht, und über dem Sonnenuntergang türmten sich Massen von zitronengelben Wolken. Die ganze Stadt war in orangefarbenes Licht getaucht, kurz bevor die Sonne verschwand, und zwischen den zitronengelben Wolken und dem Blau waren zarte Grüntöne. Wie von Zauberhand nahm das Farbenspiel dieses Sonnenuntergangs die Farben der Obststände überall in der Stadt wieder auf, wo sich die goldenen Früchte zu üppigen Bergen türmten und wo statt der Markisen aus weißer Leinwand jetzt lange Arkadengänge aus Orangenzweigen geflochten waren, an denen immer noch die Früchte glänzten. Es war eine orangene Weihnacht.
Und das Original:
January 7, 1878
Christmas Eve came in with a blaze of orange glory in the West, and masses of lemon-colored clouds piled up above the sunset. The whole city was filled with orange-colored light, just before the sun went down; and between the lemon-hued clouds and the blue were faint tints of green. The colors of that sunset seemed a fairy mockery of the colors of the fruit booths throughout the city; where the golden fruit lay piled up in luxuriant heaps, and where the awnings of white canvas had been replaced by long archways of interwoven orange branches with the fruit still glowing upon them. It was an Orange Christmas.
Merry Christmas and Happy Holidays everyone!
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Mittwoch, 23. Dezember 2015
Freitag, 10. Juli 2015
Nicholas Christopher: Tiger Rag
New Orleans/Louisiana ist als Sujet und Schauplatz ein Dauerbrenner. Hier meine Rezension von Tiger Rag von Nicholas Christopher, Übersetzt von Pociao, DTV 2014.
In dieser Kritik auf Spiegel Online hieß es mehr oder weniger: Ist eben ein Unterhaltungsroman. Außerdem schreibe der Autor sehr leidenschaftlich und verliere so manchmal den Faden. Und er versuche, Musik in Literatur zu übertragen. „Und so ist Tiger Rag als Roman nur zu empfehlen für Menschen, die viel Ahnung von Musik haben - und nicht allzu viel Ahnung von Literatur.“
Genau das ist für mich der Widerspruch: Für einen Unterhaltungsroman muss man zu viel mitdenken, und andererseits ist er einfach, na ja, nicht unterhaltend genug. Es gibt nämlich Zeitsprünge, Vor- und Rückblenden, unterschiedliche Schriftarten, zwei parallel laufende Handlungsstränge, die am Schluss etwas gezwungen zusammengeführt werden. Es gibt unglaublich viele Namen und Personen, die schwer auseinanderzuhalten sind. Aber es wird viel Geschichte erzählt und mit der Handlung verwoben, so dass ich mich fast die ganze Zeit gefragt habe, was wohl wahr ist und was fiktiv.
Aber vielleicht mal konkret: Es fängt an in New Orleans, mit Charles Bolden (genannt Buddy oder King Bolden), offenbar unter Jazzmusikern eine wahre Legende, auch weil nichts Konkretes überliefert ist, außer sein Einfluss auf die Musiker, die mit ihm gearbeitet haben oder ihm nachgefolgt sind. Bolden spielte Kornett, war gutaussehend, hatte Stil, liebte viele Frauen – und endete relativ jung in einer Nervenheilanstalt, in der er die restlichen Jahrzehnte seines Lebens verbrachte.
Das Buch öffnet mit einer Aufnahmesession in einem Hotel (das es übrigens nicht gibt). Die Buddy Bolden-Band spielt drei Mal, und alle drei Male werden auf sogenannten Edison-Walzen aufgezeichnet. Alle drei gehen verloren, müssen verloren gehen, denn im Internet steht, dass es keine Aufzeichnungen gibt. D.h. eine bleibt doch übrig, und wo es zuerst um den Verlust der beiden ersten geht, ist der Rest des Buches dem Weg der letzten Walze gewidmet, die immer wieder in vertrauensvolle Hände weitergegeben, aber dann gestohlen wird.
Die zweite Handlung ist die um Ruby Cardillo, eine Anästhesistin Ende vierzig, deren Mann sich gerade scheiden lassen und eine Krankenschwester im Alter seiner Tochter geheiratet hat. Rubys Gegenreaktion: Sie schlägt völlig über die Stränge, schläft und isst nicht, trinkt, ist hyperaktiv und bereitet eine Rede für einen Kongress vor, wo sie den einzigen Vortrag hält. Erzählt wird auch von Rubys unsteter Kindheit, mit einer Mutter, die sich eher um den jeweiligen Mann in ihrem Leben und wenig um ihr Kind gekümmert hat. Dann kommt auch Rubys Tochter Devon ins Spiel, Mitte zwanzig ein gestrauchelte Jazzpianistin, die getrunken, Drogen genommen, gestohlen hat und dafür im Gefängnis war.
Rubys Vater war ein Taugenichts-Möchtegernmusiker namens Valentine Owen, der das Bindeglied zwischen den beiden Handlungssträngen bildet. Außerdem hat Ruby als Jugendliche in New Orleans bei einer entfernten Tante, Marielle, gelebt, die eines Tages spurlos verschwindet und am Ende als Joan Neptune wieder auftaucht. Sie ist das zweite Bindeglied. Devon, die Tochter, begleitet ihre Mutter auf einer mehrtägigen Autofahrt nach New York, wo beide auch ein paar Tage bleiben. Sie suchen dort einen Musik- und Instrumentensammler auf, der ihnen von der Walze erzählt und die Tochter auf die Suche schicken will. Es gibt noch einige Verwicklungen, aber dann taucht die Walze auf, und Devon wird sie veröffentlichen, über Buddy Bolden schreiben und damit irgendwie wieder ins Leben zurückfinden. Es ist ein Happy End, ganz ohne Liebesgeschichte, eins, bei dem die Frauen einer Familie zueinander und in ihrem Zusammensein Kraft und Heilung finden.
Leider bleiben die Figuren blutleer, schematisch, durchgehend gut oder schlecht, ohne dass wir ihre Motive nachvollziehen können. Ruby ist ein Klischee einer Geschiedenen, die ihr Leben wieder für sich zurückgewinnen will. Auch Devon, aus deren Sicht einige Teile geschrieben sind, bleibt blass. Aber am schlimmsten fällt Rubys Vater aus, eben jener Valentine Owen, der einfach nur durch und durch mies und mickrig und niedrig ist. Das ist unglaubwürdig, denn, wie ich aus Erfahrung weiß, halten sich auch die schlimmsten Schurken tief innen drin für gut oder wenigstens stark.
Gelernt habe ich auch so einiges, zum Beispiel über den Unterschied zwischen einem Kornett und einer Trompete (Mundstück, Schalltrichter, Ton, Kornett ist schwerer zu spielen; interessanterweise wurde ja früher mehr Kornett gespielt), wie wichtig das Vorhandensein von Zähnen für das Spielen eines Blasinstruments ist und dass man (wie Leonard Bechet, der Bruder von Sidney) zwar ein guter Zugposaunist sein, aber eben mit den Ventilen nicht klar kommen kann.
New York im dicken Schnee wird sehr plastisch (es ist kurz vor Weihnachten), aber New Orleans besteht nur aus Straßennamen und Orten und wird einfach nicht lebendig. Und die Übersetzung? Übersetzt hat es die legendäre Pociao, die viel und offenbar gut übersetzt, denn welche Übersetzerin hat schon einen Künstlernamen? Hier scheint das Original nicht so sehr viel zu bieten: Ortsnamen und Anspielungen sind brav durchexerziert; nur einmal bin ich aufgeschreckt, nämlich bei dem Wort Eintopf.
Damit ist vermutlich ein Gumbo gemeint und sollte im Fall von New Orleans unbedingt dort stehen. Als Ruby bei Marielle lebt, wird sie mit Shrimps in zehn verschiedenen Zubereitungen verwöhnt, mit „Okragemüse, Löwenzahnsuppe und Gumbo mit Krebsfleisch“ (S. 110). Später wird die Reaktion von Kollegen und Kritikern auf Buddy Boldens Musik beschrieben. Dort heißt es: „Archimedes Robinson, ein junger Journalist mit schwülstigem Stil, bezeichnete es [Buddy Boldens Art zu Musizieren] im Parade Magazine als 'Delta-Mischung', einen musikalischen Eintopf, den Bolden als erster aufgetischt habe.“ (S. 173)
In meiner kürzlich in Bücher 4/2015 erschienen„Botschaft aus Babel“ zum Thema „New Orleans Übersetzen“ (S. 62) habe ich dazu geschrieben:
„Zur legendären Esskultur von New Orleans gehört Gumbo – eine mit dunkler Mehlschwitze angedickte, scharfe Suppe mit Okraschoten, Fleisch und vielen anderen Zutaten. Wie Okra ist auch der Name Gumbo afrikanischen Ursprungs, und es ist so viel mehr als nur ein Gericht: Es steht für den besonderen Schmelztiegel New Orleans, mit seinen afrikanischen, karibischen, französischen und vielen anderen Einflüssen. Eintopf mag die knappste Beschreibung dafür sein, aber das Hybride, das für New Orleans so typisch ist, die ganze Feinheit und Würze in einen so urdeutschen Begriff zu zwängen, das funktioniert irgendwie nicht.“ (Wird vermutlich in Bälde ins Internet gestellt, andere Kolumnen siehe hier.) Der „musikalischene Eintopf“ mag bei uns eingebürgert sein, aber in New Orleans sollte man in jedem Fall einen „Gumbo“ servieren.
Was das Leben von Buddy Bolden und den Jazz angeht, ist das Buch äußerst informativ. Zum gleichen Thema gibt es übrigens noch einen früheren, ebenfalls sehr kompliziert aufgebauten Roman von Michael Ondaatje, Buddy Boldens Blues, übersetzt von Adelheid Dormagen, Hanser Verlag 1995.
In dieser Kritik auf Spiegel Online hieß es mehr oder weniger: Ist eben ein Unterhaltungsroman. Außerdem schreibe der Autor sehr leidenschaftlich und verliere so manchmal den Faden. Und er versuche, Musik in Literatur zu übertragen. „Und so ist Tiger Rag als Roman nur zu empfehlen für Menschen, die viel Ahnung von Musik haben - und nicht allzu viel Ahnung von Literatur.“
Genau das ist für mich der Widerspruch: Für einen Unterhaltungsroman muss man zu viel mitdenken, und andererseits ist er einfach, na ja, nicht unterhaltend genug. Es gibt nämlich Zeitsprünge, Vor- und Rückblenden, unterschiedliche Schriftarten, zwei parallel laufende Handlungsstränge, die am Schluss etwas gezwungen zusammengeführt werden. Es gibt unglaublich viele Namen und Personen, die schwer auseinanderzuhalten sind. Aber es wird viel Geschichte erzählt und mit der Handlung verwoben, so dass ich mich fast die ganze Zeit gefragt habe, was wohl wahr ist und was fiktiv.
Aber vielleicht mal konkret: Es fängt an in New Orleans, mit Charles Bolden (genannt Buddy oder King Bolden), offenbar unter Jazzmusikern eine wahre Legende, auch weil nichts Konkretes überliefert ist, außer sein Einfluss auf die Musiker, die mit ihm gearbeitet haben oder ihm nachgefolgt sind. Bolden spielte Kornett, war gutaussehend, hatte Stil, liebte viele Frauen – und endete relativ jung in einer Nervenheilanstalt, in der er die restlichen Jahrzehnte seines Lebens verbrachte.
Das Buch öffnet mit einer Aufnahmesession in einem Hotel (das es übrigens nicht gibt). Die Buddy Bolden-Band spielt drei Mal, und alle drei Male werden auf sogenannten Edison-Walzen aufgezeichnet. Alle drei gehen verloren, müssen verloren gehen, denn im Internet steht, dass es keine Aufzeichnungen gibt. D.h. eine bleibt doch übrig, und wo es zuerst um den Verlust der beiden ersten geht, ist der Rest des Buches dem Weg der letzten Walze gewidmet, die immer wieder in vertrauensvolle Hände weitergegeben, aber dann gestohlen wird.
Die zweite Handlung ist die um Ruby Cardillo, eine Anästhesistin Ende vierzig, deren Mann sich gerade scheiden lassen und eine Krankenschwester im Alter seiner Tochter geheiratet hat. Rubys Gegenreaktion: Sie schlägt völlig über die Stränge, schläft und isst nicht, trinkt, ist hyperaktiv und bereitet eine Rede für einen Kongress vor, wo sie den einzigen Vortrag hält. Erzählt wird auch von Rubys unsteter Kindheit, mit einer Mutter, die sich eher um den jeweiligen Mann in ihrem Leben und wenig um ihr Kind gekümmert hat. Dann kommt auch Rubys Tochter Devon ins Spiel, Mitte zwanzig ein gestrauchelte Jazzpianistin, die getrunken, Drogen genommen, gestohlen hat und dafür im Gefängnis war.
Rubys Vater war ein Taugenichts-Möchtegernmusiker namens Valentine Owen, der das Bindeglied zwischen den beiden Handlungssträngen bildet. Außerdem hat Ruby als Jugendliche in New Orleans bei einer entfernten Tante, Marielle, gelebt, die eines Tages spurlos verschwindet und am Ende als Joan Neptune wieder auftaucht. Sie ist das zweite Bindeglied. Devon, die Tochter, begleitet ihre Mutter auf einer mehrtägigen Autofahrt nach New York, wo beide auch ein paar Tage bleiben. Sie suchen dort einen Musik- und Instrumentensammler auf, der ihnen von der Walze erzählt und die Tochter auf die Suche schicken will. Es gibt noch einige Verwicklungen, aber dann taucht die Walze auf, und Devon wird sie veröffentlichen, über Buddy Bolden schreiben und damit irgendwie wieder ins Leben zurückfinden. Es ist ein Happy End, ganz ohne Liebesgeschichte, eins, bei dem die Frauen einer Familie zueinander und in ihrem Zusammensein Kraft und Heilung finden.
Leider bleiben die Figuren blutleer, schematisch, durchgehend gut oder schlecht, ohne dass wir ihre Motive nachvollziehen können. Ruby ist ein Klischee einer Geschiedenen, die ihr Leben wieder für sich zurückgewinnen will. Auch Devon, aus deren Sicht einige Teile geschrieben sind, bleibt blass. Aber am schlimmsten fällt Rubys Vater aus, eben jener Valentine Owen, der einfach nur durch und durch mies und mickrig und niedrig ist. Das ist unglaubwürdig, denn, wie ich aus Erfahrung weiß, halten sich auch die schlimmsten Schurken tief innen drin für gut oder wenigstens stark.
Gelernt habe ich auch so einiges, zum Beispiel über den Unterschied zwischen einem Kornett und einer Trompete (Mundstück, Schalltrichter, Ton, Kornett ist schwerer zu spielen; interessanterweise wurde ja früher mehr Kornett gespielt), wie wichtig das Vorhandensein von Zähnen für das Spielen eines Blasinstruments ist und dass man (wie Leonard Bechet, der Bruder von Sidney) zwar ein guter Zugposaunist sein, aber eben mit den Ventilen nicht klar kommen kann.
New York im dicken Schnee wird sehr plastisch (es ist kurz vor Weihnachten), aber New Orleans besteht nur aus Straßennamen und Orten und wird einfach nicht lebendig. Und die Übersetzung? Übersetzt hat es die legendäre Pociao, die viel und offenbar gut übersetzt, denn welche Übersetzerin hat schon einen Künstlernamen? Hier scheint das Original nicht so sehr viel zu bieten: Ortsnamen und Anspielungen sind brav durchexerziert; nur einmal bin ich aufgeschreckt, nämlich bei dem Wort Eintopf.
Damit ist vermutlich ein Gumbo gemeint und sollte im Fall von New Orleans unbedingt dort stehen. Als Ruby bei Marielle lebt, wird sie mit Shrimps in zehn verschiedenen Zubereitungen verwöhnt, mit „Okragemüse, Löwenzahnsuppe und Gumbo mit Krebsfleisch“ (S. 110). Später wird die Reaktion von Kollegen und Kritikern auf Buddy Boldens Musik beschrieben. Dort heißt es: „Archimedes Robinson, ein junger Journalist mit schwülstigem Stil, bezeichnete es [Buddy Boldens Art zu Musizieren] im Parade Magazine als 'Delta-Mischung', einen musikalischen Eintopf, den Bolden als erster aufgetischt habe.“ (S. 173)
In meiner kürzlich in Bücher 4/2015 erschienen„Botschaft aus Babel“ zum Thema „New Orleans Übersetzen“ (S. 62) habe ich dazu geschrieben:
„Zur legendären Esskultur von New Orleans gehört Gumbo – eine mit dunkler Mehlschwitze angedickte, scharfe Suppe mit Okraschoten, Fleisch und vielen anderen Zutaten. Wie Okra ist auch der Name Gumbo afrikanischen Ursprungs, und es ist so viel mehr als nur ein Gericht: Es steht für den besonderen Schmelztiegel New Orleans, mit seinen afrikanischen, karibischen, französischen und vielen anderen Einflüssen. Eintopf mag die knappste Beschreibung dafür sein, aber das Hybride, das für New Orleans so typisch ist, die ganze Feinheit und Würze in einen so urdeutschen Begriff zu zwängen, das funktioniert irgendwie nicht.“ (Wird vermutlich in Bälde ins Internet gestellt, andere Kolumnen siehe hier.) Der „musikalischene Eintopf“ mag bei uns eingebürgert sein, aber in New Orleans sollte man in jedem Fall einen „Gumbo“ servieren.
Was das Leben von Buddy Bolden und den Jazz angeht, ist das Buch äußerst informativ. Zum gleichen Thema gibt es übrigens noch einen früheren, ebenfalls sehr kompliziert aufgebauten Roman von Michael Ondaatje, Buddy Boldens Blues, übersetzt von Adelheid Dormagen, Hanser Verlag 1995.
Montag, 20. Januar 2014
Tatwort. Die Übersetziade. -- Alle Einsendungen
Tatwort. Die Übersetziade
Am 29. November 2013 war
unser erster Entscheid für Tatwort. Die Übersetziade, ein feines, warmes und
fröhliches Fest des Übersetzens. Wir hatten elf Einsendungen erhalten. Zu
übersetzen war ein Prosagedicht aus Donna Stoneciphers preisgekröntem
Gedichtband The Cosmopolitan (Coffee House Press 2008, National Poetry Award).
Donna Stonecipher hatte anonym den Gewinner des Autorinnenpreises ausgewählt
und der Publikumspreis wurde nach Abstimmung vergeben.
Das Original:
Donna Stonecipher
Inlay 22 (Elfriede Jelinek,
by way of Lenin)
1. In Cologne we bought
cologne. In Morocco we bought morocco. In Kashmir we bought cashmere. Then, our
suitcases stuffed, we flew back home to New York City, where we drank manhattan
after manhattan until ill-advisedly late into the evening.
2. “I’m an anarchist,” said
the poet. “You’re spoiled,” said his girlfriend. A line of people in masks
paraded by. And then the lights dimmed, and the one true anarchist was suddenly
spot-lit in the crowd: a little girl with an ice cream sandwich melting in her
bag.
3. The beautiful people
wanted to go only to places where there were other beautiful people, in cafés
and restaurants and bars, and puffed nervously on their cigarettes when the
number of ugly people shown to tables seemed to be reaching critical mass.
4. You like to be told what
to do. You like to be shown to your plug and to glow in it like a nightlight.
You like to be clued in, strapped on, knuckled under. You like to be held down
and liquored up. You like to be scooped out, bowled over, seen through.
“Trust is fine, but control
is better”
5. Forking over our dollars,
we hatched a grand plan for the overlapping economy: Let the French take care
of the perfumes; the Dutch of the tulips; and the Italians of the leather
shoes. Each would be a department in the department store in the Great Mall.
6. She wrote, I want to be
seen through. He wrote, But you are deliberately opaque. She wrote, I want
people to want to work hard to see through my (really quite superficial)
opacity. He wrote nothing back. She waited, but he wrote nothing back.
7. You like to go from room
to room drowning yourself in dahlias. You like to stand in a crowd and implode
and implode till all your individuality melts. You like to be underneath, on
top, afloat. But it thrills you to hear your name in a stranger’s mouth.
8. Was it good or bad when
the foreigner was said to be “more French than the French”? She of the huge
hats and humble origins was “more bourgeois than the bourgeois.” And the
cosmopolitan was more cosmopolitan than the cosmos itself.
9. We bought china in China.
We bought tangerines in Tangier. You bought turquoise in Turkey, and I bought
an afghan in Afghanistan. I bought india ink in India, and you bought an
indiaman in India. But nowhere did we relinquish any little bit of ourselves.
Der Autorinnenpreis:
Lars-Arvid Brischke: Einlage
22 (Elfriede Jelinek, ursprünglich von Lenin)
1. In Köln kauften wir
Kölsch. In Marokko kauften wir Moloko. In Kashmir kauften wir Kasimir. Dann
flogen wir mit vollgestopften Taschen zurück nach Hause nach New York und
tranken bis der Doktor kam einen Manhattan nach dem anderen.
2. „Ich bin ein Anarchist“,
sagte der Dichter. „Du bist verdorben“, sagte seine Dirne. Eine Reihe Maskierter
paradierte vorbei. Dann dunkelte es und die einzige echte Anarchistin in der
Menge stand plötzlich im Rampenlicht: Ein Dirndl mit einem schmelzenden
Sandwich-Eis im Säckel.
3. Die Schönen wollten nur an
Orte gehen wo es andere Schöne gab, in Cafes und Restaurants und Bars, und
zogen nervös an ihren Zigaretten wenn die Zahl der Hässlichen, denen Tische
gezeigt wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.
4. Du magst es, wenn dir
einer sagt wo’s langgeht. Du magst es, wenn dir einer deinen Stecker zeigt, in
dem du glimmst wie ein Nachtlicht. Du willst im Bilde sein, angeschnallt,
untergebuttert. Du magst dich
ausgebremst und schnapserfüllt. Willst ausgehöhlt sein, umgestoßen,
durchschaut.
„Vertrauen
ist gut, Kontrolle ist besser“
5. Wir hauten unsre Dollars
auf den Kopf und schmiedeten den Plan für eine überlappende Ökonomie: Sollen sich die Franzosen um
Parfums, die Holländer um Tulpen und die Italiener um schicke Lederschuhe
kümmern. Jeder wäre eine Ware eines Warenhauses in der großen Einkaufszone.
6. Sie schrieb, ich will
durchschaut werden. Er schrieb, du bist absichtlich undurchsichtig. Sie
schrieb, ich möchte, dass Leute sich bemühen mögen, bei meiner (eigentlich echt
nur oberflächlichen) Undurchsichtigkeit durchzublicken. Er antwortete nichts.
Sie wartete, doch er antwortete nichts.
7. Du gehst so gern von Raum
zu Raum, ertränkst dich in Dahlien. Du stehst gern in der Menge, brichst
zusammen, brichst zusammen bis dein ganzes Wesen schmilzt. Du bist gern unter
uns, obenauf, im Fluss. Doch es erregt dich, deinen Namen aus fremdem Mund zu
hören.
8. War es gut oder schlecht,
den Ausländer „französischer als einen Franzosen“ zu nennen? Sie mit ihren
großen Hüten und ihren bescheidenen Wurzeln war „spießiger als die Spießer“.
Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos.
9. Wir kauften Kobaltblau in
China. Wir kauften Orange in Tanger. Du kauftest Türkis in der Türkei und ich
kaufte einen Affen in Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien und du kauftest
ein Individuum in Indien. Aber nirgends gaben wir auch nur das Mindeste von uns
preis.
Der Publikumspreis:
Sven Scheer: nach Donna
Stonecipher (entschuldige)
Durchschuss 22 (Elfriede
Jelinek mit Lenin im Beiwagen)
1. In Gouda kauften wir
Gouda. In Roquefort kauften wir Roquefort. In Cheddar kauften wir Cheddar.
Dann, der Koffer miefend, ging’s heim nach Pilsen, wo wir Pilsener auf Pilsener
tranken, bis sich der Sternenhimmel vor unseren Augen drehte.
2. „Ich bin ein Spießer“,
sagte der Dichter. „Bild dir bloß nichts ein“, sagte seine Freundin. Eine
Polonaise der Masken zog vorüber. Die Lichter verloschen, und die Aura des
Dichters spießte ein unschuldiges kleines Mädchen auf. Unschuldig? Aus ihrer
Tasche tropfte Eiscreme.
3. Die Schönen sagten: O
Herr, lass strahlend Schöne neben mir sein. Überall, im Café, im Restaurant und
in der Bar. Nervös aßen sie ihre Zigaretten auf, als mehr und mehr Hässliche
neben ihnen Platz nahmen. Die Apokalypse nahte.
4. Du willst ständigen
Empfang. Du willst in die Steckdose gesteckt werden und wie ein Smartphone
leuchten. Du willst chatten, whats-appen, twittern. Du willst eins aufs Maul
und abgefüllt werden. Du willst, dass deine Festplatte ausgebaut, gelöscht,
re-booted wird.
„Vertrauen gut und schön,
Kontrolle besser und schöner.“
5. Wir packten die Euro auf
den Tresen und erklärten der Wirtschaft dahinter unseren Masterplan: Erst mal
ein Jever aus Jever, dann eine Berliner Bulette, zum Schluss einen kurzen
Klaren aus Nordhausen. Und das alles, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen.
6. Sie schrieb: Vertrau mir
nicht. Er schrieb: Das hatte ich auch nicht vor. Sie schrieb: Du spinnst wohl,
vertrau mir jetzt sofort. Er schrieb nicht mehr. Es klopfte, und sie erschrak,
als ein Lichtstrahl durch den Türspalt drang.
7. Noch bevor er dich
erreicht, ertrinkt er im Dahlienmeer deines Zimmers. Du stiefelst auf ihm
herum, bis er ein einziger Brei ist, Persönlichkeit und alles. Du hast die
volle Kontrolle und beseitigst alle Spuren, bis nichts mehr übrig ist als dein
Name auf seinem Mund.
8. War es gut oder schlecht,
als man von dem Fremden sagte, er sei angeschickerterer als die Schickeria? Und
sie aus der Bettenburg, sie mit den Zahnkronen, blauer als jedes Blaublut,
rief: Der Cosmopolitan hier ist der beste der Milchstraße!
9. Wir kauften eine blaue Briefmarke
in Mauritius. Wir kauften Indianer in Amerika. Du kauftest eine Wiener in
Frankfurt, und ich kaufte eine Frankfurter in Wien. Dazu Dijon du weißt schon
woher. Und trotz allem blieb es dabei: Mia san mia, alles andere ist Käse.
Die übrigen Übersetzungen in
der Reihenfolge des Einsendedatums:
Thies Thiessen: Einlegearbeit 22 (Elfriede
Jelinek, über Lenin)
1. In Köln kauften wir Echt Kölnisch. In Marokko
maroquinisch. In Kaschmir Kaschmir. Dann waren die Koffer voll und wir flogen
heim, nach New York City, Manhattan. Mann, hätten wir das bloß nicht bis in den
Abend getrunken, uns war übel.
2. „Ich bin ein Anarchist“
sagte der Dichter. “Du bist
verzogen” sagte seine Freundin. Hintereinanderweg paradierten Menschen in
Masken vorbei. Es wurde dunkel, und auf einmal erstrahlte der einzig echte
Anarchist in der Menge: ein kleines Mädchen mit einer Eiscremewaffel, die in
seiner Tasche schmolz.
3. Die Schönen wollten nur
dahin, wo auch andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants und Bars, und sie zogen
nervöser an ihren Zigaretten, sobald die sichtbar Hässlichen bedrohlich mehr
wurden und die kritische Masse zu erreichen schienen.
4. Du magst, dass man Dir
sagt, was du tun sollst. Du möchtest gefasst sein, in deiner Fassung still
glimmen wie ein Nachtlicht. Du magst, wenn man dich hinweist, festmacht, beugt.
Du möchtest runtergehalten werden und saufgebaut. Leergelöffelt, überschüsselt,
durchgesichtet, das willst Du sein.
“Vertrauen ist gut. Kontrolle
ist besser.”
5. Wir gaben unsere Dollars
aus und brüteten einen Plan aus für eine allumfassende Wirtschaft: Lasst die
Franzosen sich ums Parfum kümmern,
die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Für
jeden eine Abteilung im Angebot des Großen Warenhauses.
6. Sie schrieb: „Ich möchte
durchsichtig werden“. Er schrieb: „Aber du bist nun einmal undurchschaubar“.
Sie schrieb: „Die Menschen sollen
sich bemühen, dass sie meine (wirklich oberflächige) Oberfläche durchschauen.
Er schrieb nichts. Sie wartete, aber er schrieb nichts.
7. Du möchtest von Raum zu
Raum gehen, dich in Dahlien versenken, ertränken. Du möchtest in der Menge
stehen und implodieren, implodieren, bis alles was du bist, dahinschmilzt. Du
möchtest drunter sein und drüber, schwimmen. Aber es erregt dich, deinen Namen
zu hören aus eines Unbekannten Mund.
8. War das gut oder schlecht,
als es hieß, der Fremde wäre „französischer als die Franzosen“? Die mit den
übergroßen Hüten und der niedrigen Herkunft „spießiger als jeder Spießer?“ Und der in aller Welt Gewandte
weltgewandter als die Welt?
9. In China kauften wir
Chinoiserien. Perser kauften wir
in Persien. Du kauftest Türkise in der Türkei, und ich einen Afghanen in
Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien,
und du als Indienfahrer einen Indienfahrer. Aber nirgends haben wir
gaben wir von uns auch nur das kleinste bisschen preis.
Alexander Zuckschwerdt: Intarsie 22 (Lenin, über Elfriede
Jelinek)
1. In Köln haben wir
Kölnischwasser gekauft. In Marokko haben wir Maroquin gekauft. In Kaschmir
haben wir Kaschmir gekauft. Dann, mit vollbeladenen Koffern, sind wir nach New
York zurückgeflogen, wo wir bis unvernünftig spät Manhattan um Manhattan
tranken.
2. „Ich bin ein Anarchist“,
sagte der Dichter. „Du bist verzogen“, sagte seine Freundin. Eine Reihe
Menschen in Masken marschierte vorbei. Und dann wurden die Lampen gedimmt, und
das Rampenlicht fiel plötzlich auf den wahren Anarchisten in der Menge: ein
kleines Mädchen, in dessen Täschchen ein Waffeleis dahinschmolz.
3. Die Schönen wollten nur
dort hingehen, wo auch andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants und Bars,
und zogen nervös an ihren Zigaretten, als die Zahl der Hässlichen, die man an
den umstehenden Tischen platzierte, eine kritische Höhe zu erreichen schien.
4. Du magst es, wenn man dir
sagt, was du zu tun hast. Du magst es, wenn man dich an deine Dose führt, wo du
dann glimmen kannst wie ein Nachtlicht. Du magst es, aufgeklärt, angebunden,
unterworfen zu werden. Du magst es, niedergehalten und abgefüllt zu werden. Du
magst es, ausgenommen, umgehauen, durchschaut zu werden.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle
ist besser.“
5. Wir klaubten unser Geld
zusammen und heckten einen grandiosen Plan für die übergreifende Wirtschaft
aus: Lasst die Franzosen sich um die Duftwässer kümmern, die Holländer um die
Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Jeder wäre eine Abteilung
innerhalb des großen Konsumtempels.
6. Sie schrieb: Ich will
durchschaut werden. Er schrieb: Aber du bist so verschlossen. Sie schrieb: Ich
will, dass die Menschen etwas dafür tun wollen, meine (wirklich nur
oberflächliche) Verschlossenheit zu durchschauen. Er schrieb nichts zurück. Sie
wartete, doch er schrieb nichts zurück.
7. Du magst es, von Raum zu
Raum zu gehen, in Dahlien zu versinken. Du magst es, in einer Menge zu stehen
und zu implodieren und zu implodieren, bis deine gesamte Individualität
zusammenschmilzt. Du magst es, untendrunter, obenauf, über Wasser zu sein. Aber
du liebst es, deinen Namen aus dem Munde eines Fremden zu hören.
8. War es gut oder schlecht,
wenn man von dem Ausländer sagte, er sei „französischer als ein Franzose“? Die
mit den großen Hüten und dem bescheidenen Hintergrund war „großbürgerlicher als
ein Großbürger“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.
9. Wir haben Chili in Chile
gekauft. Wir haben einen USB-Stick in Usbekistan gekauft. Du hast Türkis in der
Türkei gekauft, und ich habe ein Mosaik in Mosambik gekauft. Ich habe Tsatsiki
in Tadschikistan gekauft, und du hast Maronen in Marokko gekauft. Aber nirgends
haben wir auch nur ein winziges Stück von uns gelassen.
Karen Braun: Intarsie
22 (Elfriede Jelinek, unter Zuhilfenahme von Lenin)
1. In Köln erwarben wir
Duftwasser. In Marokko genarbtes Leder. In Kaschmir die zarteste Wolle der
Ziegen. Mit berstenden Koffern flogen wir hinterher heim nach New York, tranken
dort massenweise Manhattans, unbesonnen, bis tief in die Nacht.
2. „Ich bin Anarchist“,
sprach der Dichter. „Du bist ein verzogener Fratz“, sagte seine Freundin. Dann
schritt bei gedämpfter Beleuchtung ein Aufzug von Masken vorbei; ein
Scheinwerfer holte aus der Menge die einzige echte Gesetzlose ans Licht: ein
kleines Mädchen, dem im Rucksack das Eis aus der Waffel schmolz.
3. Die strahlend Schönen
strebten stets nur an Orte, wo ihresgleichen sich aufhielt, in Cafés, Restaurants
und Bars. Voller Unmut zogen sie an ihren Zigaretten, sobald die Anzahl der
Hässlichen das ihnen genehme Maß zu übersteigen drohte.
4. Du liebst
Handlungsanweisungen. Du möchtest die Hand spüren, die den Stecker in die Dose
schiebt, die Tischlampe sein, das dann leuchtet. Du wirst gerne eingeführt,
vorgeführt, abgeführt. Niedergehalten, hochgeputscht. Erschöpft, überwältigt,
durchschaut.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle
ist besser“
5. Beim Bezahlen schmiedeten
wir den ultimativen Plan für eine übergreifende Ökonomie: Sollen sich die
Franzosen um die Düfte kümmern, die Holländer um die Tulpen und die Italiener
um die ledernen Schuhe. Für jeden eine Abteilung im großen Kaufhaus des
Westens.
6. Sie schrieb: Ich möchte
durchschaut werden. Er schrieb: Du bist aber aus Milchglas, absichtlich. Sie
schrieb: Ich will, dass man sich Mühe gibt mit meiner Undurchsichtigkeit. Die
ist doch bloß im Vordergrund. Er antwortete nicht. Sie wartete, aber er schrieb
nicht zurück.
7. Gern gehst du von Zimmer
zu Zimmer, ertränkst dich in Dahlien. Stehst inmitten von Menschen, zerbirst
und zerspringst in dir, bis alles zerfließt, was dich ausmacht. Bist mit
Vorliebe drunter und drüber, im Oberwasser. Doch erregt dich der Klang deines
Namens im Mund eines Fremden.
8. War es gut oder schlecht,
als man den Ausländer einen „besseren Deutschen“ hieß? Die Dame mit Tellerhut,
niedriger Herkunft, war „edler als alle von Adel“. Und der Weltbürger in mehr
Welten daheim als das Weltall selbst.
9. Wir kauften Chinarinde in
China. Granatäpfel in Granada. Du Türkise in der Türkei, ich einen
Perserteppich in Persien. In Indien erstand ich die typische Tusche, du
besorgtest das Schiff für die Heimfahrt. An keinem Ort allerdings gaben wir
auch nur einen Hauch von uns selbst preis.
Marion Oechsler:
Zwischenspiel 22 (Lenin, entdeckt bei Elfriede Jelinek)
1. In Köln kauften wir
Kölnisch Wasser. In Marokko kauften wir Maroquin. In Kaschmir kauften wir
Kaschmir. Und als unsere Koffer schließlich vollgestopft waren, flogen wir
zurück nach New York City, wo wir einen Manhattan nach dem anderen tranken, bis
alles zu spät war.
2. „Ich bin Anarchist“, sagte
der Dichter. „Du bist verwöhnt“, sagte seine Freundin. Eine Parade von Menschen
in Masken zog vorüber. Dann wurden die Lichter gedimmt, und die eine wahre
Anarchistin stach plötzlich hell erleuchtet aus der Menge hervor: ein kleines
Mädchen mit einem Eis, das in ihrer Tüte vor sich hin schmolz.
3. Die schönen Menschen
wollten sich nur an Orten aufhalten, an denen auch andere schöne Menschen waren,
in Cafés, Restaurants und Bars. Nervös zogen sie an ihren Zigaretten, sobald
sich die Zahl der hässlichen Menschen, die an ihre Tische gewiesen wurden, zu
einem Mob auszuwachsen drohte.
4. Du hast es gern, wenn man
dir sagt, was du zu tun hast. Wenn man dir zeigt, wo du dich einstöpseln
kannst, um wie ein Nachtlämpchen in seiner Steckdose zu glühen. Du lässt dich
gern einweihen, aufbuckeln, unterbuttern. Du magst es, dich überrennen und
volllaufen zu lassen. Es gefällt dir, wenn du ausgekratzt, umgehauen,
durchschaut wirst.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle
ist besser.“
5. Während wir unwillig
unsere Scheine rausrückten, brüteten wir einen Masterplan für die übergreifende
Wirtschaft aus: Sollten sich die Franzosen doch um die Parfums kümmern, die
Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Sie würden dann
jeweils einen Verkaufsraum im Kaufhaus im Großen Einkaufszentrum bekommen.
6. Sie schrieb Ich will
durchschaut werden. Er schrieb Aber du bist doch absichtlich undurchsichtig.
Sie schrieb Ich will, dass die Leute sich anstrengen wollen, meine
(zugegebenermaßen ziemlich oberflächliche) Undurchsichtigkeit zu durchschauen.
Darauf schrieb er nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.
7. Es gefällt dir, von einem
Zimmer ins nächste zu gehen und dabei in Dahlien zu ertrinken. Du magst es, in
einer Menschenmenge zu stehen und zu implodieren, immer weiter, bis der letzte
Funke deiner Individualität erlischt. Du bewegst dich gern unterhalb, obenauf,
mit dem Strom. Aber du bist hin und weg, wenn du deinen Namen aus dem Mund
eines Fremden hörst.
8. War es gut oder schlecht,
als sie von dem Ausländer meinten, er sei „französischer als die Franzosen“?
Sie mit den riesigen Hüten und ihrer niederen Herkunft war „bürgerlicher als
alles Bürgerliche“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos
selbst.
9. Wir kauften Chinos in
China. Wir kauften Seetang in Tanger. Du kauftest Türkis in der Türkei, ich
kaufte einen Afghanen in Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien, du kauftest einen
Indienfahrer in Indien. Aber nirgends haben wir auch nur einen winzigen
Bruchteil unserer selbst abgetreten.
Dusty-Anne Rhodes und Agnes
Bethke: Intarsie 22 (Elfriede
Jelinek nach Lenin)
1. In Panama kauften wir Panamas. In
Norwegen kauften wir Norweger. In Kaschmir kauften wir Kaschmir.
Mit vollgestopften Koffern
flogen wir dann nachhause, zurück nach New York City, wo wir Manhattan auf
Manhattan tranken bis unvernünftig spät in die Nacht.
2. „Ich bin Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verwöhnt“,
sagte seine Freundin. Eine Reihe von Menschen in Masken zog vorbei. Und dann
wurden die Lichter gedimmt, und der eine wahre Anarchist wurde plötzlich in der
Menge angestrahlt: ein kleines Mädchen mit einem Sandwich-Eis, das in seiner
Tasche schmolz.
3. Die schönen Leute wollten
nur an Orte gehen, wo andere schöne Leute waren, in Cafés und Restaurants und
Bars, und sie zogen nervös an ihren Zigaretten, wenn die Anzahl hässlicher
Leute, die an Tische geführt wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.
4. Du magst, wenn man Dir
sagt, was Du tun sollst. Du magst, wenn man dich zu deiner Steckdose führt und darin zu
glimmen wie ein Schlummerlicht.
Du magst, ins Bild gesetzt, unterworfen zu werden. Du magst, festgehalten
und abgefüllt zu werden. Du magst, ausgehöhlt, umgehauen
und durchschaut zu werden.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle
ist besser.“
5. Während wir unsere Dollars
hinblätterten, heckten wir
einen grandiosen Plan für die eng verzahnte Wirtschaft aus: Lass
die Franzosen sich ums Parfum kümmern, die Holländer um Tulpen, und die
Italiener um Lederschuhe. Jeder wäre eine eigene Abteilung im Kaufhaus in der großen Shopping Mall der Welt.
6. Sie schrieb, Ich will
durchschaut werden. Er schrieb, Aber du bist gewollt undurchsichtig.
Sie schrieb, Ich will, dass
Menschen sich richtig anstrengen wollen, durch meine (doch recht
oberflächliche) Undurchdringlichkeit hindurchzuschauen.
Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.
7. Du magst es, von Raum zu
Raum zu gehen und in Edelpelargonien zu ertrinken. Du magst, in einer Menschenmenge zu stehen und zu implodieren und
zu implodieren, bis all Deine Einzigartigkeit schmilzt. Du magst es unten
drunter, obenauf, im Wasser treibend. Aber
es gibt Dir einen Kick, wenn du deinen Namen aus dem Mund eines Fremden hörst.
8. War es gut oder schlecht,
als vom Ausländer gesagt wurde, er sei „französischer als die Franzosen“? Sie
mit den großen Hüten und den bescheidenen
Anfängen war
„spießiger als die Spießbürger“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als
der Kosmos selbst.
9. Wir kauften Chinin in
ChinaWir kauften Tabak in Tobago. Du kauftest
Türkise in der Türkei und ich kaufte einen Perser in Persien. Ich kaufte arabische
Gewürze und Du kauftest einen Araber. Aber nirgendwo gaben wir auch nur ein bisschen
von uns selbst preis.
Michael
Karjalainen-Dräger: Inlay
twenty-two (Elfriede Jelinek via Lenin)
1. In Köln kauften wir
Kölnischwasser. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Dann flogen wir mit
vollgestopften Koffern heim nach New York City, wo wir einen Manhattan nach dem
anderen soffen bis idiotisch lang in die Nacht hinein.
2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte
der Dichter. „Du bist verdorben“, sagte seine Freundin. Eine Reihe maskierten
Volks marschierte vorbei. Und dann wurden die Lichter gedimmt, und die
Scheinwerfer fielen auf den einzig wahren Anarchisten im Gedränge: ein kleines
Mädchen mit einem Eiscreme-Sandwich, das in ihrer Tasche schmolz.
3. Die Schönen wollten
ausschließlich an Orten sein, wo andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants
und Bars; sie pafften nervös ihre Zigaretten während die Zahl der Hässlichen,
die an die Tische geführt wurden, die kritische Masse zu erreichen schien.
4. Du liebst es, wenn man dir
sagt, wo’s langgeht. Du liebst es, wenn man deinen Zündschlüssel dreht und dich
zum Vorglühen bringt. Du liebst es, wenn man dir Anweisungen gibt, wenn du
festgeschnallt wirst und kuschen musst. Du liebst es, wenn man dich klein hält
und dir einschenkt. Du liebst es, wenn man dich schlaucht, wenn du sprachlos
bist und wenn du durchschaut wirst.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle
ist besser.“
5. Während wir unser Geld beim Fenster hinaus warfen,
brüteten wir einen großartigen
Plan für die überbordende Wirtschaft aus: die Franzosen sollen sich um die
Parfums kümmern; die Niederländer um die Tulpen; und die Italiener um die
Lederschuhe. Für jeden ein Laden an der Great Mall.
6. Sie schrieb, sie wolle
durchschaut werden. Er schrieb, sie würde sich mit voller Absicht
undurchschaubar geben. Sie schrieb, sie wolle, dass sich Menschen anstrengten,
um ihre (wirklich total oberflächliche) Undurchschaubarkeit zu durchschauen. Er
schrieb nicht zurück. Sie wartete, er aber schrieb nicht zurück.
7. Du liebst es, wenn du von
Raum zu Raum gehst, dich im Duft von Dahlien ertränkst. Du liebst es, wenn
du in der Menge stehst und
implodierst und implodierst bis deine ganze Individualität ausgelöscht ist. Du
liebst es, wenn du unten-drunter, über-drüber, obenauf bist. Aber es erregt
dich, wenn ein Unbekannter auf seinen Lippen deinen Namen trägt.
8. Ist es gut oder schlecht,
wenn von Fremden gesagt wird, dass sie „französischer als die Franzosen“ wären?
Sie war, mit ihren gigantischen Hüten und ihrer niedrigen Abstammung
„bürgerlicher als die Bürger“. Und der Weltbürger war weltbürgerlicher als die
Welt selbst.
9. Wir kauften
China-Porzellan in China. Wir kauften Tangerinen in Tanger. Du kauftest Türkis
in der Türkei und ich kaufte eine Afghan-Decke in Afghanistan. Ich kaufte
indische Tinte in Indien, und du kauftest dort einen Indienfahrer. Aber
nirgendwo gaben wir auch nur ein kleines bisschen von uns selbst preis.
Jan Imgrund: Intarsie 22 (Elfriede Jelinek,
ursprünglich Lenin)
1. In Köln kauften wir
Kölnisch Wasser. In Shiraz kauften wir Shiraz. In Kaschmir kauften wir
Kaschmir. Dann flogen wir mit Übergepäck heim nach New York City, und dort
tranken wir einen Manhattan nach dem anderen, bis tief in die Nacht.
2. „Ich bin Anarchist“, sagte
der Dichter. „Du bist verwöhnt“, sagte seine Freundin. Maskierte Menschen zogen
vorbei. Dann dimmte das Licht herunter, und plötzlich richtete sich ein
Scheinwerfer auf den einzigen echten Anarchisten in der Menge: es war ein
kleines Mädchen, und in ihrer Tasche schmolz ein Eiskonfekt.
3. Die Beautiful People
wollten nur in Locations gehen, wo andere Beautiful People waren, Cafés und
Restaurants und Bars, und zogen nervös an ihren Zigaretten, wenn der Anteil
Ugly People, die man zu ihren Tischen geleitete, eine kritische Masse zu
erreichen schien.
4. Dir gefällt, wenn man dir
sagt, was du tun sollst. Du gefällt es, wenn man dich zu deinem Stecker führt, dass du in ihm glühen
kannst wie ein Lämpchen. Dir gefällt es, betippt, angeschnallt, unterjocht zu
sein. Dir gefällt es, niedergedrückt und eingeflößt zu sein. Dir gefällt es,
abgeschöpft, überwältigt, durchschaut zu sein.
„Vertrauen ist gut, aber
Kontrolle ist besser.“
5. Unsere Dollars
rüberschiebend heckten wir einen Plan für die übergreifende Wirtschaft aus: Die
Franzosen kümmern sich um Parfum, die Holländer um die Tulpen, und die
Italiener um die Lederschuhe.
Jeder hätte seinen Platz in einer Abteilung im Großen Kaufhaus.
6. Sie schrieb: Ich will
durchschaut werden. Er schrieb: aber du bist mit Absicht opak. Sie schrieb: ich
möchte, dass die Leute durch meine (eigentlich recht oberflächliche)
Undurchsichtigkeit hindurchsehen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber
er schrieb nichts zurück.
7. Dir gefällt es, Zimmer
über Zimmer zu durchschreiten, in Dahlien ertrinkend. Dir gefällt es, in einer Menschenmenge zu stehen und zu
implodieren und zu implodieren, bis all deine Individualität schmilzt. Dir
gefällt es, zuunterst zu sein, zuoberst, zu schwimmen. Aber du bist aufgeregt,
wenn ein Fremder deinen Namen in den Mund nimmt.
8. War es gut oder schlecht
wenn es hieß, der Ausländer sei „französischer als die Franzosen“? Die Dame aus
bescheidenen Verhältnissen, mit den riesigen Hüten, war „bürgerlicher als die
Bourgeoisie“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der gesamte Kosmos.
9. Wir kauften Hamburger in
Hamburg. Wir kauften Mandarinen in der Mandschurei. Du kauftest Türkise in der
Türkei, und ich kaufte einen Afghanen in Afghanistan. Ich kaufte ein
Englischhorn in England, und du kauftest einen Engländerschlüssel in England.
Aber wir gaben nirgends auch nur das kleinste Stück von uns preis.
Martina Tichy: Donna Stonecipher // Inlay 22 (Elfriede
Jelinek, by way of Lenin)
1. In Köln kauften wir
Kölnisch Wasser. In Muskat kauften wir Muskat. In Kaschmir kauften wir
Kaschmir. Mit randvollen Koffern flogen wir zurück nach New York, wo wir bis
unklug spät in die Nacht Manhattan um Manhattan tranken.
2. „Ich bin ein Anarchist“,
sagte der Dichter. „Du bist verhätschelt“, sagte seine Freundin. Maskierte
zogen im Gänsemarsch vorbei. Dann erloschen die Lichter, und ein Spot zeigte
auf die einzig wahre Anarchistin in der Menge: ein kleines Mädchen mit einem
dahinschmelzenden Eiscremesandwich in der Tasche.
3. Die Schönen wollten immer
nur dorthin, wo noch andere Schöne waren, in Cafés, Restaurants und Bars, und
pafften nervös an ihren Zigaretten, wenn die Anzahl der Hässlichen, denen
Plätze angewiesen wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.
4. Du lässt dir gern sagen,
was du tun sollst. Du lässt dir gern deine Steckdose zuweisen und erglühst
darin wie ein Nachtlicht. Du lässt dich gern einweisen, anbinden, unterbuttern.
Du lässt dich gern niederhalten und abfüllen. Du lässt dich gern ausschaufeln,
umkegeln, durchschauen.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle
ist besser.“
5. Wir brachten unsere
Dollars unters Volk und brüteten einen grandiosen Plan für die überlappende
Wirtschaft aus: Die Franzosen kümmern sich um die Parfüms, die Holländer um die
Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Ein jedes hätte eine Abteilung im
Kaufhaus im Großen Einkaufszentrum.
6. Sie schrieb: Ich will
durchschaut werden. Er schrieb: Aber du bist doch mit Absicht undurchsichtig.
Sie schrieb: Ich will, dass die Leute hart daran arbeiten wollen, meine (nun
wirklich reichlich oberflächliche) Undurchsichtigkeit zu durchschauen. Er
schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.
7. Du gehst gern von Raum zu
Raum und ertränkst dich in Dahlien. Du stehst gern in einer Menschenmenge und
zerspringst innerlich, bis sich alles auflöst, was dich ausmacht. Du bist gern
drunter, drüber, in der Schwebe. Aber du findest es aufregend, wenn ein Fremder
dich beim Namen nennt.
8. War es gut oder schlecht,
dass es von dem Ausländer hieß, er sei „französischer als die Franzosen“? Die
mit den riesigen Hüten und der niederen Herkunft war „gutbürgerlicher als die
Gutbürgerlichen.“ Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos
selbst.
9. Wir kauften Persianer in
Persien. Wir kauften Jersey auf Jersey. Du kauftest Türkise in der Türkei, und
ich kaufte Sardinen auf Sardinien. Ich kaufte Indigo in Indien, und du kauftest
einen Indienfahrer in Indien. Doch nirgendwo gaben wir auch nur das kleinste
bisschen von uns preis.
Jenny Merling: Inlay 22 (Elfriede Jelinek,
by way of Lenin)
1. In Köln haben wir uns
Kölnisch Wasser gekauft. In Marokko Marokkoleder. In Kaschmir Kaschmirwolle.
Dann sind wir mit unseren vollen Koffern zurück nach New York geflogen, haben
dort einen Manhattan nach dem anderen getrunken und sind unvernünftig lange
aufgeblieben.
2. „Ich bin Anarchist“, sagte
der Künstler. „Du bist bloß verwöhnt“, meinte seine Freundin. Menschen mit
Masken zogen in einer langen Prozession vorbei. Dann wurde es schummerig im
Raum. Und plötzlich leuchtete die einzig wahre Anarchistin inmitten der Menge
auf wie von einem Scheinwerfer angestrahlt: ein kleines Mädchen mit einem
geschmolzenen Eis am Stiel in der Tasche.
3. Wunderschöne Menschen
wollen nur in Cafés und Restaurants und Kneipen sitzen, wo auch alle anderen
Menschen wunderschön sind. Fast panisch ziehen sie an ihren Zigaretten, sobald
für ihren Geschmack zu viele hässliche Leute an ihnen vorbei zu ihren Tischen
geführt werden.
4. Du willst, dass man dir
vorschreibt, was du tun sollst. Du willst eine Steckdose zugewiesen bekommen,
in die du dich einstöpseln und dann leuchten kannst wie ein Nachtlicht. Du
willst wissen, was von dir erwartet wird, willst, dass man dich festschnallt,
dich an der kurzen Leine hält. Du willst, dass man dich gegen deinen Willen
betrunken macht. Du willst, dass man dich aushöhlt, dich durcheinander kegelt,
dich durchschaut.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle
ist besser.”
5. Während wir noch
widerwillig für die Fehler der anderen zahlten, hatten wir bereits große Pläne,
wie die Wirtschaft zu retten sei: Die Franzosen kennen sich mit Parfum aus, die
Holländer haben ihre Tulpen, die Italiener ihre Designerschuhe – also bekommt
jede Nation einen eigenen Laden in unserem neuen Einkaufszentrum, das so groß
sein wird, dass man es vom Mond aus sehen kann.
6. Sie schrieb: Ich will,
dass man mich durchschaut. Er schrieb zurück: Wieso machst du dann immer einen
auf undurchschaubar? Sie schrieb: Ich will, dass sich jemand die Mühe macht,
meine Undurchschaubarkeit (die ziemlich oberflächlich ist, wenn wir mal ehrlich
sind) zu durchschauen. Er schrieb darauf nichts zurück. Sie wartete, aber er
schrieb nichts mehr.
7. Du wanderst gern durch die
Zimmer und ertrinkst dabei in Dahlien. Du stehst gern in der Menge und
zerbrichst, zerbrichst in immer kleinere Teile, bis alles, was dich ausmacht,
fort ist. Du gehst den Sachen gern auf den Grund, bist gern oben auf, lässt
dich auch gern treiben. Und trotzdem hast du immer noch dieses Kribbeln im
Bauch, wenn jemand Fremdes deinen Namen sagt.
8. War das ein Kompliment
oder eher ein Vorwurf, als jemand über den Ausländer meinte, er sei
„französischer als ein Franzose“? Die Dame aus einfachen Verhältnissen, die mit
den großen Hüten, sei „bourgeoiser als bourgeois“? Und der Kosmopolit
kosmopolitischer als der Kosmos selbst?
9. Aus China haben wir uns
chinesisches Porzellan mitgebracht. Aus der Champagne Champagner. In der Türkei
hast du dir türkischen Honig gekauft und ich mir in Afghanistan Schwarzen
Afghanen. Aus Indien habe ich Indisch-Blau mit nach Hause gebracht, und du dir
einen Ostindienfahrer. Aber im Gegenzug auch von uns selbst etwas dagelassen
haben wir nirgendwo.
Sonntag, 20. Oktober 2013
Tatwort. Die Übersetziade
Hier die Einladung zu unserem Übersetzerwettbewerb:
Es ist so weit! Das Übersetzerstudio, unser monatlicher
Workshop für Übersetzungen ins Deutsche, feiert mit Tatwort. Die Übersetziade
sein drittes Jahr. Wir treten in die Spuren von Translation Idol. Deutschland
sucht den Superübersetzer, dem Übersetzungswettbewerb der Online-Zeitschrift www.no-mans-land.org, wo vor kurzem zum
fünften Mal die beste Übersetzung eines Textes gekürt wurde.
Wir meinen: Das können wir auf Deutsch doch auch! Noch dazu
in der Weltheimat der Übersetzung und der Hauptstadt der deutschsprachigen
Übersetzer.
Die Aufgabe:
Um teilzunehmen, sendet uns Eure Übersetzung des unten
stehenden Textauszugs (aus The Cosmopolitan von Donna Stonecipher) per E-Mail
als Word- oder rtf-Datei an kontakt[AT]inapfitzner.net. Schreibt uns auch Eure
Kontaktdaten und ein paar Informationen über Euch selbst. Einsendeschluss ist
der 24. November 2013.
Übersetzt, wie Ihr wollt – frei oder treu, spielerisch oder
prägnant, laut oder leise, respektvoll oder egoistisch, im Dialekt, in
Denglisch, in Versen, nach Goethen oder Jelinek. Ob Greenhorn oder alter Hase:
Probiert Euch aus, ganz ohne Lektor, Verlag oder Vertreter.
Der Entscheid selbst ist am 29. November 2013 in der Privatwirtschaft,
Immanuelkirchstraße 21 in Prenzlauer Berg, Beginn: 20 Uhr. Im Idealfall tragt
Ihr Eure Übersetzung persönlich vor oder Ihr lasst sie uns in irgendeiner
elektronisch zu hörenden Form zukommen, sonst lesen wir sie vor. Danach wird
über den Publikumspreis abgestimmt, und außerdem vergibt die Autorin Donna
Stonecipher den Autorenpreis. Zu gewinnen gibt es jede Menge Ruhm, Ehre, Spaß
und ein paar Preise sowie die Veröffentlichung auf der No-Man's-Land-Webseite.
Der Text:
Zu übersetzen ist ein Prosagedicht aus Donna Stoneciphers
preisgekröntem Gedichtband The Cosmopolitan (Coffee House Press 2008, National
Poetry Award), laut Rückentext: „Ornate miniature travelogues full of adventure
and philosophical intrigue.“ Alle Gedichte enthalten ein „inlay“ in Form eines
Zitats (in diesem Fall von Lenin, bei Elfriede Jelinek aufgestöbert).
Donna Stonecipher ist auch Autorin von Souvenir de
Constantinople (2007) und The Reservoir (2002). Sie lebt in Berlin.
Über die vorhergehenden Translation Idol-Wettbewerbe lest
Ihr hier: http://www.no-mans-land.org/
sowie im Blog von Katy Derbyshire http://lovegermanbooks.blogspot.de/
Donna Stonecipher
Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)
1.
In
Cologne we bought cologne. In Morocco we bought morocco. In Kashmir we bought
cashmere. Then, our suitcases stuffed, we flew back home to New York City,
where we drank manhattan after manhattan until ill-advisedly late into the
evening.
2.
“I’m
an anarchist,” said the poet. “You’re spoiled,” said his girlfriend. A line of
people in masks paraded by. And then the lights dimmed, and the one true
anarchist was suddenly spot-lit in the crowd: a little girl with an ice cream
sandwich melting in her bag.
3.
The
beautiful people wanted to go only to places where there were other beautiful
people, in cafés and restaurants and bars, and puffed nervously on their
cigarettes when the number of ugly people shown to tables seemed to be reaching
critical mass.
4.
You
like to be told what to do. You like to be shown to your plug and to glow in it
like a nightlight. You like to be clued in, strapped on, knuckled under. You
like to be held down and liquored up. You like to be scooped out, bowled over,
seen through.
“Trust is fine, but control is better”
5.
Forking
over our dollars, we hatched a grand plan for the overlapping economy: Let the
French take care of the perfumes; the Dutch of the tulips; and the Italians of
the leather shoes. Each would be a department in the department store in the
Great Mall.
6.
She
wrote, I want to be seen through. He wrote, But you are deliberately opaque.
She wrote, I want people to want to work hard to see through my (really quite
superficial) opacity. He wrote nothing back. She waited, but he wrote nothing
back.
7.
You
like to go from room to room drowning yourself in dahlias. You like to stand in
a crowd and implode and implode till all your individuality melts. You like to
be underneath, on top, afloat. But it thrills you to hear your name in a
stranger’s mouth.
8.
Was
it good or bad when the foreigner was said to be “more French than the French”?
She of the huge hats and humble origins was “more bourgeois than the
bourgeois.” And the cosmopolitan was more cosmopolitan than the cosmos itself.
9.
We
bought china in China. We bought tangerines in Tangier. You bought turquoise in
Turkey, and I bought an afghan in Afghanistan. I bought india ink in India, and
you bought an indiaman in India. But nowhere did we relinquish any little bit
of ourselves.
Sonntag, 14. Juli 2013
Nachtrag
Langston Hughes’ Simpel spricht sich aus habe ich in der Übersetzung von Günther Klotz jetzt noch einmal gelesen und finde es auf die Dauer schon anstrengend, so eine verschliffene Sprache zu lesen, bei der
Umgangssprache durch falsche Grammatik wiedergegeben wird wie sie auch im Dialekt niemand verwendet. Auch der Duktus der Figur Simpel ist nicht durchweg
liebenswert.
Auffallend ist die enorme Sachkenntnis des Übersetzers, die
sich auch im Glossar zeigt. Zum Beispiel erklärt er die Formel „taxation
without representation“ (Besteuerung ohne parlamentarische Vertretung ist
Tyrannei) als eine Losung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, da eben
Kolonien zwar besteuert wurden, aber nicht politisch vertreten waren. Diese Losung wird übrigens heute auch von Bewohnern des District of Columbia (d.h. der
Hauptstadt Washington) gepflegt, denn auch sie sind nicht im Kongress
vertreten, müssen aber Steuern zahlen. Aber da sie nicht politisch
vertreten sind, fehlt wohl der politische Wille, ihre parlamentarische Vertretung
durchzusetzen. In dem Buch bezog sich der Satz auf die damalige Situation der Afroamerikaner.
Auch sehr schön gelöst ist das Wortspiel mit „Bar“, pass the
bar heißt ja die Anwaltsprüfung bestehen, aber bar heißt eben auch Bar. Mir hat
man vor langer Zeit mal einen Anstecker geschenkt: I passed the bar and stayed there – Ich bin an der Bar vorbeikommen und
gleich geblieben.
Hier der Dialog aus dem Buch:
Hier der Dialog aus dem Buch:
„...du solltest Redner werden.“
„Hm, ich hab Angst vor den Publikum. Mein Platz ist bei der
Bar.“
„Bei der Gerichts-Bar-keit
als redefleißiger Anwalt?“
„Bein Gericht haben se keine richtige Bar.“
Auch interessant fand ich die Lösung für das Wort bitch, das
eigentlich Hündin heißt, aber auch als Schimpfwort für (unangenehme) Frauen
verwendet wird. „Petze“ heißt es bei Günther Klotz und im Duden fand ich „Petze“ in der Bedeutung als Hündin in bestimmten Landstrichen (allerdings nicht in meinem). Auch so ein Dauerbrenner der Übersetzungsschwierigkeiten.
Vor allem das Nachwort, das gar nicht so vordergründig
sozialistisch ist, sondern gut auf die Situation der Afroamerikaner und die
Entstehung des Buches eingeht, datiert aber das Buch. Es ist von 1960, also
noch vor dem Mauerbau, und dort werden Wörter wie „Negerzeitung“, „Negerkirche“
usw. wertneutral verwendet. Das geht natürlich heute nicht, aber für
die Verwendung des Wortes in historischen Texten selbst ist die Diskussion
angestoßen und nicht beendet, sowohl in den USA wie auch hier.
Auf ironische, aber treffende Weise thematisiert Simpel die ungerechte Behandlung der Schwarzen, und in diesen Tagen zeigt sich besonders deutlich, wie weit das Land noch von wahrer Emanzipation entfernt ist. Der Neighborhood-Watch-Eiferer George Zimmerman ist heute freigesprochen worden, obwohl er den jungen Trayvon Martin ohne Not getötet hat. Viele Facebook-Kommentare weisen darauf hin, dass es sicher anders ausgegangen wäre, wenn George Zimmerman schwarz und Trayvon Martin weiß gewesen wäre. Auf der Titelseite von http://www.washingtonpost.com/ ist ein junger Schwarzer namens Will Reese zu sehen, der in Harlem mit einem Schild an der Straße steht. Darauf heißt es: Honk! Justice for Trayvon Martin! (Hupen! Gerechtigkeit für Trayvon Martin!)
Auf ironische, aber treffende Weise thematisiert Simpel die ungerechte Behandlung der Schwarzen, und in diesen Tagen zeigt sich besonders deutlich, wie weit das Land noch von wahrer Emanzipation entfernt ist. Der Neighborhood-Watch-Eiferer George Zimmerman ist heute freigesprochen worden, obwohl er den jungen Trayvon Martin ohne Not getötet hat. Viele Facebook-Kommentare weisen darauf hin, dass es sicher anders ausgegangen wäre, wenn George Zimmerman schwarz und Trayvon Martin weiß gewesen wäre. Auf der Titelseite von http://www.washingtonpost.com/ ist ein junger Schwarzer namens Will Reese zu sehen, der in Harlem mit einem Schild an der Straße steht. Darauf heißt es: Honk! Justice for Trayvon Martin! (Hupen! Gerechtigkeit für Trayvon Martin!)
Noch ein Wort zu Robert Hemenway (*1941), dem
Wiederentdecker von Zora Neale Hurston. Neben ihrer Biographie, einem
Klassiker, schrieb er noch andere Bücher und Artikel zu afroamerikanischer
Literatur und unterrichtete weiter als Professor für Englisch. 16 Jahre lang
war er auch der sehr erfolgreiche Kanzler der University of Kentucky in
Lexington, Kentucky und dann von 1995 bis 2009 Kanzler der University of Kansas
mit mehreren Campussen.
Heute ist übrigens Bastille Day... Vive la République!
Heute ist übrigens Bastille Day... Vive la République!
Dienstag, 12. Februar 2013
Odalie
Es ist Fastnacht, Mardi Gras, und in New Orleans, Südlouisiana, in Teilen von Mississippi und Alabama wird heute die Post abgehen! Wir hier in Berlin essen aus Anlass des Tages einen Pfannkuchen.
Aber damit Ihr nicht völlig darben müsst, biete ich Euch hier ein Schmankerl, so hoffe ich: Meine Übersetzung einer Karnevalsgeschichte von Alice Dunbar-Nelson (1875-1935), einer auf Deutsch noch unentdeckten kreolischen Autorin, Journalistin, politischen Aktivistin aus New Orleans, die u.a. mit der Harlem Renaissance verbandelt war.
Die Geschichte „Odalie“ veröffentlichte sie im Alter von 20 Jahren, deshalb mag man ihr die Melodramatik nachsehen. Sie beschreibt einen Karneval ihrer Zeit im French Quarter von New Orleans und erzählt von einem jungen Mädchen noch vor ihrer Zeit, für die zum Karneval und auch an den anderen Tagen definitiv nicht die Post abging (und das Leben von Frauen thematisiert sie auch in ihren späteren Texten. Hier also eine Weltpremiere: „Odalie“ von Alice Dunbar-Nelson erstmals auf Deutsch. Das Original findet sich hier.
Alice Dunbar-Nelson
* Es sind immer die Frauen, die unglücklich sind.
Aber damit Ihr nicht völlig darben müsst, biete ich Euch hier ein Schmankerl, so hoffe ich: Meine Übersetzung einer Karnevalsgeschichte von Alice Dunbar-Nelson (1875-1935), einer auf Deutsch noch unentdeckten kreolischen Autorin, Journalistin, politischen Aktivistin aus New Orleans, die u.a. mit der Harlem Renaissance verbandelt war.
Die Geschichte „Odalie“ veröffentlichte sie im Alter von 20 Jahren, deshalb mag man ihr die Melodramatik nachsehen. Sie beschreibt einen Karneval ihrer Zeit im French Quarter von New Orleans und erzählt von einem jungen Mädchen noch vor ihrer Zeit, für die zum Karneval und auch an den anderen Tagen definitiv nicht die Post abging (und das Leben von Frauen thematisiert sie auch in ihren späteren Texten. Hier also eine Weltpremiere: „Odalie“ von Alice Dunbar-Nelson erstmals auf Deutsch. Das Original findet sich hier.
Alice Dunbar-Nelson
ODALIE
Dann und wann kommt der Karneval zur Zeit des guten Sankt
Valentin und manchmal kommt er erst spät in den warmen Märztagen, wenn der
Frühling schon da ist und das Grün des Grases das Grün der königlichen
Standarten aussticht.
Viele Tage vor dem eigentlichen Karneval gewandet sich New
Orleans in sein Festkleid. Hier und dort erscheinen die Karnevalsflaggen mit
ihrem leuchtenden Grün, Violett und Gelb, und dann, wie von Zauberhand,
erflammen die Straßen und Gebäude und platzen aus den Knospen wie der Mohn, in
ein herrliches Feuerwerk der Farben, das die Sinne in eine wohlige Akzeptanz
von Wärme und Schönheit tunkt.
Am Fastnachtsdienstag, wie Sie wissen, ist es eine Stadt,
die von all der Narretei toll geworden ist. Ein riesiger Maskenball, der sich
bei Tageslicht auf die Straßen ergießt, eine Stelldichein aller Nationen auf
gemeinsamen Boden, ein Potpourri aus jeder erdenklichen menschlichen Zutat –
all das kann es nur vage beschreiben. Es gibt Musik und Blumen, Schreie und
Gelächter und Lieder und Frohsinn, und niemals ein schmerzendes Herz, das
seinen Kummer zeigt oder das Glück der Straßen trübt. Eine wundersame Sache,
dieser Karneval!
Aber die alten Freunde da im Französischen Viertel, die
alles wissen und manch eine Geschichte kennen, berichten von einem trauernden
Herzen zur Fastnacht vor vielen Jahren. Natürlich war es ein Frauenherz, denn
„Il est toujours les femmes qui sont malheureuses“* geht ein altes Sprichwort,
und vielleicht stimmt das. Diese Frau – anderswo würde man sie ein Kind nennen,
außer in diesem Land der tropischen Fülle und der Frühreife – verlor ihr Herz
an einen, der nichts davon wusste, übrigens durchaus eine übliche Geschichte,
die aber ihr Vater, der hochmütige Richter, für ziemlich geschmacklos gehalten
hätte, hätte er davon gewusst.
Odalie war schön. Odalie war auch stolz, aber gütig genug
gegen jene, die ihrem zarten Gemüt gefielen. In dem alten französischen Haus
auf der Royal Street, mit seinen altertümlichen Fenstern und dem spanischen
Hof, grün und kühl und durch das Plätschern einer Fontäne und das Trillern von
Vögeln in ihren Käfigen mit Musik erfüllt, lebte Odalie in klosterähnlicher
Abgeschiedenheit. Monsieur le Juge war darauf bedacht, dass kein Falke in den
Käfig eindringen und sein Täubchen stehlen konnte, und so gab es zwar keine
Mutter, doch eine strenge Tante wachte als Anstandsdame über das Mädchen.
Ach, die Vorkehrungen der Tante! Leuchtende Augen auf der
Suche nach anderen leuchtenden Augen, in denen der Geist der Jugend und des
Übermuts lauert, halten überall Ausschau, selbst in der Kirche. Pflichtbewusst
brachte man Odalie jeden Sonntag zur Messe in die Kathedrale, und Tante Louise,
die über ihren Perlen fromm mit dem Kopf nickte, bemerkte das Erröten und die
bedeutungsvollen Blicke nicht, einen ganzen Code aus Signalen, die zwischen
Odalie und Pierre, dem mittellosen, jungen Gerichtsbeamten, hin und hergingen.
Vielleicht liebte Odalie, weil es nicht viel Anderes zu tun
gab. Wenn man in einem großen französischen Haus mit der grimmigen, schläfrigen
Tante und ohne Kameraden seines Alters eingeschlossen ist, wird das Leben
stumpf und man wartet auf irgendein neues Gefühl, vor allem wenn in den Adern
das ungestüme spanisch-französische Blut tost, auf das Monsieur le Juge so
stolz war. Also hielt Odalie an den Wochentagen das Traumbild ihres Pierre fest
in den Armen und spielte ihm bebende, kleine Liebeslieder, wenn la Tante in der
Dämmerung über ihrem Andachtsbuch döste, und sonntags bei der Messe gab es
wieder Blicke und Erröten und vielleicht in einem besonders in Erinnerung
gebliebenen Augenblick, während la Tante ihren letzten Kniefall machte, das
Berühren von Fingerspitzen am Weihwasserbecken.
Dann kam die Karnevalszeit und ein kleines Herz schlug
schneller, als das graue Haus auf der Royal Street seine bunten Fahnen
heraushängte und die trostlose Fassade mit leuchtenden Farben schmückte. Es
sollte eine Zeit der Freude und der Muße werden, wo alle überall hingehen
konnten und man auf der Straße sprechen konnte, mit wem man wollte. Unbewusst
wurden Pläne formuliert und die kleine Odalie war glücklich, je näher die Zeit
rückte.
„Stell dir doch mal vor, Tante Louise,“ rief sie, „was das
für eine glückliche Zeit sein wird!“
Aber Tante Louise brummte nur irgendetwas, wie es ihre Art
war.
Endlich war Fastnacht gekommen und schon früh hörte Odalie
durch das Fenster das Klingeln der närrischen Glocken an den Kostümen der
Maskierten, das Klimpern von Musik und den Widerhall von Liedern. Hoch zu ihren
Ohren drang das Gelächter der älteren Maskierten und das Kreischen der kleinen
Kinder, die sich vor ihrem eigenen Anblick unter der Maske und dem Dominomantel
fürchteten. Was für eine Aufregung, draußen in dem kunterbunten, fröhlichen
Gedränge zu sein, die Royal Street zur Canal Street hinabzuschreiten, wo das
Leben und die Welt war!
Es waren müde Augen, mit denen Odalie schließlich auf das
heitere Treiben blickte, müde, Pulk über Pulk Maskierter und Unmaskierter zu
beobachten, in die Wagenladungen singender Musikanten und in die Kutschen der
Feiernden zu schielen, in der Hoffnung auf einen Blick auf Pierre den Treuen. Die
Umzugswagen mit ihren rot drapierten Pferden rumpelten vorbei und verloren
langsam ihren Charme, die Kostüme sahen billig aus, sogar die Fahnen in
fröhlichen Farben flatterten Odalie traurig zu.
Fastnacht war doch ein ermüdender Tag, seufzte sie, und
Tante Louise stimmte ihr ausnahmsweise zu.
Es war sechs Uhr, die Zeit, wo alle Masken abgenommen werden
müssen. Die langen roten Strahlen der untergehenden Sonne funkelten quer über
die bunten Kostüme der Karnevalisten, die demaskiert Richtung Heim zogen, um
sich vor dem letzten wilden Tollen der Nacht auszuruhen.
Die Toulouse Street herunter kam die fröhlichste aller
Scharen. Junge Männer und Frauen im zarten, feenhaften Gewand, Tänzer und Kleider
des malerischen Empires, ein oder zwei Schmetterlinge und ab und zu eine Dame
mit gepudertem Haar und der Anmut alter Zeiten. Mit unmaskierten Gesichtern
sangen sie, tanzten Richtung Tante Louise und Odalie. Da stand sie mit
glänzenden und tränenschweren Augen, denn ganz vorn lief Pierre, Pierre der
Treulose, die Arme um die schlanke Taille eines Schmetterlings geschlungen,
dessen flitterndes gepudertes Haar über die Spitzenrüschen seines Empirerocks
floss.
“Pierre!” rief Odalie leise. Niemand hörte sie, denn es war
nur ein schwacher Hauch, der unbeachtet verhallte. Die lachende Schar bewarf
sie mit Blumen und Naschereien und ging ihres Wegs, und selbst Pierre sah sie
nicht.
Wissen Sie, wenn man hinter den düsteren Wänden eines Hauses
auf der Royal Street eingesperrt ist, mit niemandem außer einer Tante Louise
und einem verbitterten Richter, wie soll man da lernen, dass es auf der Welt
Treulose gibt, die einem bei der Messe zärtlich in die Augen schauen und mit
liebkosenden Fingern das Weihwasser reichen, ohne Hals über Kopf verliebt zu
sein? Es gab niemanden, der das Odalie hätte erklären können, und so saß sie an
diesen matten ersten Tagen der Fastenzeit zu Hause und hätschelte ihre kostbare
tote Liebe und trauerte, wie es Frauen seit undenklichen Zeiten immer wieder
tun, über die Untreue eines Mannes. Und als sie eines Tages darum bat, ins
Ursulinenkloster zurückkehren zu dürfen, wo sie ihre Kindheitstage verbracht
hatte, allerdings jetzt als Nonne, da befanden es Monsieur le Juge und Tante Louise durchaus als das Schicklichste und Günstigste für sie; denn wie sollten Sie um das Geheimnis jener Fastennacht wissen?
Übersetzt von Ina Pfitzner
Übersetzt von Ina Pfitzner
* Es sind immer die Frauen, die unglücklich sind.
** Monsieur le Juge: der Herr Richter
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