Der New-Orleans-Science-Fiction-Roman The Not Yet der Autorin Moira Crone ist auf der Shortlist für den Philip K. Dick Award, einen nationalen Preis für das beste Science-Fiction-Buch im Paperback.
Ihr Roman zeigt eine zunächst verwirrende, dann faszinierende Schreckensvision einer Menschenkaste, die sich durch Biotechnik unsterblich gemacht hat und alle anderen dominiert und ausbeutet, dabei natürlich Sinnesgenüssen wie der Liebe, auch der körperlichen, völlig entfremdet ist. Die jugendliche Hauptfigur Malcolm, die eigentlich nach beflissener Anpassung strebt, erfährt dabei -- gerade weil er sich verliebt -- letztlich einen Sinneswandel mit unbestimmtem Ausgang.
Das Ganze spielt in der ersten Hälfte des 22. Jahrhunderts in einem auf Inseln reduzierten New Orleans und Umgebung und ist damit auch eine subtile Verarbeitung des Hurrikans Katrina. Hier meine Besprechung des Romans, hier Moira Crones Antworten auf meinen New-Orleans-Fragebogen (auf Englisch und auf Deutsch) und hier ein paar Auszüge aus dem Roman.
Philip K. Dick (1928-1982) war übrigens ein großer Science-Fiction-Schriftsteller, dessen Bücher zumeist im Paperback erschienen. Die Preisverleihung findet am 29. März 2013 in Seattle statt. Der Preis wird von der Philadelphia Science Fiction Society ausgeschrieben und scheint dotiert zu sein. Zeit, dass die deutschen Verleger den Roman entdecken?
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Samstag, 26. Januar 2013
Mittwoch, 29. August 2012
Stimmen aus dem Sturm
Meine Freundin Lil auf Facebook: vor 10 Stunden
Uns geht's gut. Wir sitzen den ganzen Tag herum und warten, dass der Wind stärker wird. Der Sturm ist nicht annähernd so schlimm, wie sie angekündigt hatten.
We're fine. We've been sitting around all day, waiting for the wind to pick up. The storm is not nearly as bad as they thought it would be.
Bill Lavender (der kürzlich aus Budgetgründen geschasste, von vielen geschätzte Direktor von UNO Press): vor 9 Stunden
Wie ich es liebe, wenn die Stadt heruntergefahren und stillgelegt wird, an Schulzonen die Ampeln auf die leeren Straßen blinken. Dann fällt der Strom aus und alles wird dunkel. Ich glaube, was uns wirklich trennt, ist nicht links gegenüber konservativ, sondern die Kluft zwischen denen, die sich nach diesen Momenten sehnen, und denen, die sie fürchten.
how I love it when the city shuts down, school zone lights blinking on empty streets. then the power goes off and all goes dark. i think the real division among us isn't liberal vs conservative but the gulf between those who yearn for these moments and those who fear them.
Schriftstellerin Moira Crone: vor 8 Stunden
Was die New Orleanser über Sturmzeiten für sich behalten: was für ein Wunder es ist. Der Strom geht, das elektrische Sirren verstummt, das Essen im Kühlschrank wird nur ein paar Tage halten, all der persönliche Kram ist eigentlich ein großes Hindernis für das spirituelle Überleben -- Wir müssen uns auf alte Lebensweisen zurückbesinnen, außerhalb unseres modernen Kokons -- Jetzt ist es die Güte von Freunden und in ein paar Tagen vielleicht die Güte Fremder, wir können es nicht wissen -- die uns weitermachen lässt. Das riesige, geraunte, Geheimnis -- unsere phänomenale Verwundbarkeit, das ganze Risiko des Am-Leben-Seins. Diese Stadt lehrt und lehrt und lehrt uns immer wieder -- (Ich muss los -- jetzt kommt der Wind, die Lichter werden schwächer...)
The thing New Orleanians keep to themselves about storm times: the wonder of it. The power leaves, the electric buzz dissolves, the food in the fridge is only going to last a few days, all your stuff is really a great impediment to your spirit's survival--We have to retreat to the old modes of living, outside the modern cocoon--now it's the kindness of friends, and in a few days, it might be the kindness of strangers, we don't know--that will keep us going. The vast, whispered, secret-- our phenomenal vulnerability, the whole risk of being alive. This place teaches and teaches and teaches us--(have to go--here comes the wind, there the lights dim...)
Hier ein paar Fotos von Menschen im Sturm, tagsüber, und auf diesen Live-Webcams kann man im Moment meditative Regen- und Nachtbilder sehen (solange der Strom nicht ausfällt): am French Quarter, an der Mississippi-Brücke, am Fluss.
Erste Nachrichten melden überflutete Straßen und auf Stromleitungen geknickte Bäume. Im Landkreis Plaquemines Parish ist das Dach des Hauses von Landkreispräsident Billy Nungesser abgedeckt worden.
Uns geht's gut. Wir sitzen den ganzen Tag herum und warten, dass der Wind stärker wird. Der Sturm ist nicht annähernd so schlimm, wie sie angekündigt hatten.
We're fine. We've been sitting around all day, waiting for the wind to pick up. The storm is not nearly as bad as they thought it would be.
Bill Lavender (der kürzlich aus Budgetgründen geschasste, von vielen geschätzte Direktor von UNO Press): vor 9 Stunden
Wie ich es liebe, wenn die Stadt heruntergefahren und stillgelegt wird, an Schulzonen die Ampeln auf die leeren Straßen blinken. Dann fällt der Strom aus und alles wird dunkel. Ich glaube, was uns wirklich trennt, ist nicht links gegenüber konservativ, sondern die Kluft zwischen denen, die sich nach diesen Momenten sehnen, und denen, die sie fürchten.
how I love it when the city shuts down, school zone lights blinking on empty streets. then the power goes off and all goes dark. i think the real division among us isn't liberal vs conservative but the gulf between those who yearn for these moments and those who fear them.
Schriftstellerin Moira Crone: vor 8 Stunden
Was die New Orleanser über Sturmzeiten für sich behalten: was für ein Wunder es ist. Der Strom geht, das elektrische Sirren verstummt, das Essen im Kühlschrank wird nur ein paar Tage halten, all der persönliche Kram ist eigentlich ein großes Hindernis für das spirituelle Überleben -- Wir müssen uns auf alte Lebensweisen zurückbesinnen, außerhalb unseres modernen Kokons -- Jetzt ist es die Güte von Freunden und in ein paar Tagen vielleicht die Güte Fremder, wir können es nicht wissen -- die uns weitermachen lässt. Das riesige, geraunte, Geheimnis -- unsere phänomenale Verwundbarkeit, das ganze Risiko des Am-Leben-Seins. Diese Stadt lehrt und lehrt und lehrt uns immer wieder -- (Ich muss los -- jetzt kommt der Wind, die Lichter werden schwächer...)
The thing New Orleanians keep to themselves about storm times: the wonder of it. The power leaves, the electric buzz dissolves, the food in the fridge is only going to last a few days, all your stuff is really a great impediment to your spirit's survival--We have to retreat to the old modes of living, outside the modern cocoon--now it's the kindness of friends, and in a few days, it might be the kindness of strangers, we don't know--that will keep us going. The vast, whispered, secret-- our phenomenal vulnerability, the whole risk of being alive. This place teaches and teaches and teaches us--(have to go--here comes the wind, there the lights dim...)
Hier ein paar Fotos von Menschen im Sturm, tagsüber, und auf diesen Live-Webcams kann man im Moment meditative Regen- und Nachtbilder sehen (solange der Strom nicht ausfällt): am French Quarter, an der Mississippi-Brücke, am Fluss.
Erste Nachrichten melden überflutete Straßen und auf Stromleitungen geknickte Bäume. Im Landkreis Plaquemines Parish ist das Dach des Hauses von Landkreispräsident Billy Nungesser abgedeckt worden.
Montag, 16. Juli 2012
Moira Crone über New Orleans
MOIRA CRONE, die Autorin von
THE NOT YET hat meinen Fragebogen zu New Orleans beantwortet. Hier ihre nachdenklichen und zum Nachdenken anregenden Antworten. Ich habe sie übersetzt und am Ende ein Glossar für Begriffserklärungen hinzugefügt.
New Orleans ist--- hell und
dunkel, sowohl als auch.
Lieblingsort in New Orleans:
Der Musikklub Spotted Cat. Mein eigenes Haus und Grundstück. Die Frenchman
Street und das Faubourg Marigny am Fastnachtsdienstag.
Lieblingsgebäude: Zu viele.
Lieblingsessen: Austern, in jeglicher Zubereitungsform. Auch Butterkrabben, paniert
und frittiert oder gedünstet.
Lieblingsmusiker: Panorama Brass Band, Rebirth Brass Band, Ingrid Lucia hat eine sehr
schöne Stimme, die New Orleans Jazz Vipers, usw.
Lieblingstext: Das Buch Degas in New
Orleans; Das Erwachen mag ich auch sehr. Rising Tide
ist auch hervorragend.
Lieblingsfilm: Die HBO-Serie, Treme, und Benjamin Buttons.
Lieblingswort oder -ausdruck: Second line.
Passendster Spitzname für New
Orleans: Ich kenne keinen. “THE
BIG EASY” und “THE CITY THAT CARE FORGOT” treffen es irgendwie nicht. Dazu gehört viel mehr.
Es sind Sätze, die von Leuten
geprägt werden, die nicht in der Stadt leben, die es von außen betrachten (als
eine Stadt, wo sie sich betrinken können, spielen, sich nicht an das
Ungleichgewicht von Arbeit/Freizeit halten müssen, wie in den restlichen USA.) Für Amerikaner von anderswo ist New
Orleans eine Stadt, wo sie sich gehen lassen können.
Lieblingspersönlichkeit/figur
aus New Orleans: Ich hätte Uncle
Lionel Batiste gesagt, aber der ist gerade gestorben.
Ich mag Kermit Ruffins
sehr. Er ist immer gut gelaunt und
locker und hat eine fantastische Band.
Dave Brinks ist ein ganz
erstaunlicher Mensch: Dichter, Urheber
der Dichterszene (Die Serie 17 Poets im Goldmine Saloon), Impresario, Verleger,
Historiker und Unterstützer der Künste und Künstler von überall her. Ihm gehört
eine Bar im French Quarter, die das Herz des Dichterlebens in der Stadt
ist. Er ist das, was man einen
großzügigen Mann nennt, einzigartig, ein New-Orleans-Original.
Lieblings, hier nicht erwähnte -sache in New Orleans: Die wenigen
Male, die es geschneit hat (zwei Mal, im Dezember) ---der Schnee auf den
Ingwerpflanzen und Palmen war völlig surreal. Sazerac-Cocktails in der Carousel
Bar an einem kalten Dezembertag.
Wer sollte der Bürgermeister
von New Orleans sein? Landrieu ist
gut, aber er hat die Polizeikultur nicht im Griff. Sonst weiß ich niemanden.
Wie kann die Stadt ihre
Mordrate senken? Ein Anfang: Gut
bezahlte Polizisten, die gezwungen sind auf der Straße und sichtbar zu sein,
wie in den Neunzigern, als die Kriminalitätsrate stark gesunken war. Den
Polizisten war es zu beschwerlich, die ganze Zeit auf der Straße zu sein, wie
das in der Zeit von Bürgermeister Morial in den Neunzigern war. Sein
Polizeipräsident war Pennington.
Er war aus Washington D.C., und hatte eine “Null-Toleranz”-Linie wie damals
in New York. Die Kriminalität ist gesunken. Jetzt haben wir wieder die Politik der Ära vor Morial.
So wie es jetzt ist,
verdienen die Polizisten in einer Ära mit hoher Kriminalität sogar mehr, weil
sie mehr “details” haben, also private Verdienstmöglichkeiten als
Sicherheitsbeamte nebenbei. Das ist für Polizeibeamte eine
Haupteinnahmequelle. Dieses System
ist so eingefahren, dass Landrieu es scheinbar nicht durchbrechen kann – oder,
da er seitens der Polizei viel Unterstützung erfährt, keine Motivation hat zu
durchbrechen. Wegen der Korruption hat das Justizministerium die Polizeibehörde
übernommen und besteht darauf, dass diese “details” aufhören – die Polizisten
vergeben diese zusätzlichen Aufträge innerhalb ihrer Abteilungen und erweisen
einander Gefallen usw. mit solchen „Boni“. Korruption, Bestechung und
Nachlässigkeit sind das Ergebnis.
Außerdem brauchen wir mehr
Mentoren und Hilfe für junge Männer, damit sie nicht zu Drogendealern werden.
Immer mehr Schulen und Ausbildungsprogramme, um jungen Männern andere
Möglichkeiten zu eröffnen. Drogen sollten auch legalisiert werden, so dass das
Dealen nicht mehr lukrativ ist.
In den letzten zwei Jahren
war ich drei Mal Geschworene. In zwei Fällen waren es Verbrechen im
Zusammenhang mit Drogen, und einmal ein Mord unter sehr jungen Männern. Der
Mörder hatte den Drogendealer hauptsächlich aus Übermut und Angst angegriffen.
Keiner der Geschworenen, egal von welcher sozialen Klasse oder Rasse, war der
Meinung, dass die Drogengesetze so bleiben sollten, wie sie sind. Zu viele
Gefängnisstrafen, zu viele Verhaftungen für Bagatellverbrechen, zu viele
Anreize, Drogen zu verkaufen und Teil dieser Subkultur zu werden.
Warum ich in New Orleans
lebe: Vor allem lebe ich in New Orleans, weil die Leute hier von Natur aus
kreativ sind. Egal, wen man
trifft, alle betreiben irgendeine Kunst. Der Baufirmenbesitzer hat eine Band,
der Augenarzt ist ein guter Fotograf, die reiche Dame ist Freiluftmalerin, der
Bezirksstaatsanwalt ist Jazzmusiker, der Barkeeper schreibt Krimis, der
Kneipenbesitzer ist Dichter, der junge Mann, der im Supermarkt arbeitet, ist
Rapper. Kreativ zu sein ist hier nicht mit Stigma behaftet, eine „Kunst“ zu
betreiben oder eine „re“kreative Beschäftigung, wie Mitglied in einer
Karnevalskrewe zu sein, sich zu maskieren, in Karnevalsumzügen mitzulaufen. Man
wird hier dazu animiert, bei Festlichkeiten völlig seine Persönlichkeit
abzulegen. Allgemein sind ja die Südstaaten sehr protestantisch geprägt, ich
meine hier den Bible Belt
(Bibelgürtel): sehr sittsam. Ich bin im Mittleren Süden aufgewachsen und dort
assoziierte man das Künstlerdasein mit emotionaler Instabilität, usw., als
verrückt, unnormal. Vielleicht ändert sich das gerade, aber in New Orleans gab
es diese Ansicht noch nie. Man kann auch Amateur sein, das ist kein
Problem. Mehr als eine Kunst zu
betreiben, ist auch gut.
In New Orleans gibt es auch
ein sehr tiefes afrikanisches Akzeptieren des Todes und man besteht darauf, dass
Leben zu feiern, was ja das Thema des Second-Line-Tanzens nach den Beerdigungen
ist. Dieses Verständnis, dass jeder Moment einen neuen Tanz braucht und das
Annehmen und Bestehen auf Freude und etwas Neuem – Improvisation – im Angesicht
des Verfalls und des Todes, das ist die Grundidee in New Orleans.
Was ich an New Orleans am
wenigsten mag: Dieses Gefühl der Ausweglosigkeit von manchen, die in Armut
leben, die tief verankerte Verzweiflung, die manche Menschen empfinden. Die
Gewalt, die das mit sich bringt. Die Afroamerikaner sind zutiefst
traumatisierte Menschen, die manchmal keine Hoffnung haben. Sie können in einen
absoluten Nihilismus verfallen, wegen der Vergangenheit: das kann natürlich
jeden betreffen, aus jeder Bevölkerungsgruppe, aber unter den Schwarzen in New
Orleans ist das sehr latent. Die Sklaverei war ein furchtbarer Anschlag gegen
das Menschsein und überall finden sich noch die Narben. Die Auswirkungen der
starken Traumatisierung einer ganzen Bevölkerung, die über Generationen vererbt
wird, bringt viele soziale Probleme mit sich – denn das Familiengedächtnis, die
Narben der eigenen Eltern und Großeltern, die extrem entwürdigende und absolut
grausame Behandlung in der Vergangenheit, darüber wurde noch nie gesprochen,
das wurde nicht aufgedeckt und nicht verarbeitet. Wut und Paranoia überkommen
Schwarze manchmal in Situationen, die Weiße gar nicht wahrnehmen, weil sie
nicht auf diese Weise verletzt sind. Das führt zu vielen Missverständnissen.
Die Weißen müssen das sehen,
nicht einfach nur behaupten, dass Schwarze grundlos labil oder ängstlich oder
gewalttätig sind, und die Schwarzen müssen die Wurzeln für den Zorn, den
Selbsthass und die Angst besser verstehen, die manchmal ihre Sicht auf die Welt
prägen. Durch die Gewalt bleiben diese anderen Traumata immer weiter
bestehen—auch das muss aufhören.
Was mir an New Orleans auch
nicht gefällt, ist die Einstellung der Touristen und wie sie sie zeigen – dass
die Stadt nur zu ihrem Vergnügen da ist, dass sie ein Witz ist, ein alberne
Stadt, nicht ernsthaft, eine Stadt zum Trinken und Pissen.
Was die meisten nicht über
New Orleans wissen: Gegenüber den restlichen USA ist es oft nicht
rückschrittlich – wie alle immer sagen – sondern einen Schritt voraus. Damit
meine ich, dass Dinge, die im Rest des Landes kulturell und politisch
geschehen, in New Orleans und Louisiana zuerst geschehen, nicht zuletzt. Das
betrifft natürlich die Musik – Jazz – aber auch in der Politik und beim Essen.
Es gibt in New Orleans eine progressive Strömung, die ganz und gar nicht
typisch für die Südstaaten ist.
Zum Beispiel, die Bemühungen,
die Rassentrennung (die Jim-Crow-Gesetze) aufzuheben, der erste zivile
Ungehorsam in diesem langen Kampf, fand in New Orleans statt und führte zu dem
Urteil Plessy vs. Ferguson, „separate but equal“ (getrennt aber gleichwertig),
das natürlich die Bürgerrechte um Generationen zurückgeworfen hat. Aber es war
der erste Versuch, das erste Mal, dass die Rassentrennung in einem
vorsätzlichen, geplanten Akt des Widerstands in Frage gestellt wurde – um ein
Urteil zu einem Gesetz herauszufordern. Das passierte in New Orleans.
Vieles, was später
uramerikanisch wurde, Dinge, die die Sicht der USA auf sich selbst geändert
haben, gab es zuerst in New Orleans.
Meine New
Orleans-Expertise: Ich bin 1995
nach New Orleans gezogen und lebe seit 17 Jahren dort. In Louisiana lebe sich
seit 1981 und von 1983 bis 2009 habe ich an der Louisiana State University
Kreatives Schreiben unterrichtet.
Glossar:
Faubourg Marigny: Französisch
für Marigny-Vorstadt, ein Stadtteil gleich neben dem French Quarter. Spotted
Cat und Frenchmen Street sind im Faubourg Marigny (the Marigny).
Degas in New Orleans: von Rosary Hartel O’Neill
Das Erwachen: The Awakening von Kate Chopin, siehe meine Rezension.
Rising Tide: The Great
Mississippi Flood of 1927 and How it changed America von John Barry
Treme: Serie von David Simon und Eric Overmyer, deren
dritte Saison ab 23. September ausgestrahlt wird. Ab August soll die Serie auf
Deutsch bei Sky Atlantic HD gezeigt werden.
Benjamin Buttons: Film nach einer Kurzgeschichte von Francis Scott
Fitzgerald mit Brad Pitt und Cate Blanchett (2008).
Second line: eigentlich
„zweite Reihe“ ist das Marschieren und Tanzen hinter einer Marching Band, die
zum Beispiel bei einer Jazzbeerdigung aufspielt. Typisch und nur in New
Orleans.
Carousel Bar: im historischen
Hotel Monteleone im French Quarter
Sonntag, 15. Juli 2012
Moira Crone on New Orleans
MOIRA CRONE, Author of THE NOT YET has answered my New Orleans Questionnaire. Read her thoughtful and thought-provoking answers here:
New Orleans is--- light and dark, both.
Favorite place in New Orleans: Spotted Cat Music Club. My own house and
backyard. Frenchman Street
and Faubourg Marigny on Mardi Gras Day.
Favorite building: Too many to choose.
Favorite New Orleans food: oysters, all preparations. Also, soft shell
crab, fried or sautéed.
Favorite New Orleans musician/s: Panorama Brass Band, Rebirth Brass
Band, Ingrid Lucia has a very beautiful voice, the New Orleans Jazz Vipers,
etc.
Favorite piece of writing on New Orleans: The book, Degas in New Orleans, also love The
Awakening. Rising Tide is brilliant, as
well.
Favorite New Orleans movie:
The HBO Series, Treme, and Benjamin Buttons.
Favorite New Orleans word or expression: Second line.
Most apt New Orleans nickname: I don’t know of any. “THE BIG EASY” and “THE CITY THAT CARE
FORGOT” seem to miss the point.
There is much more to it.
Those are phrases from people who don’t live in the city, who see it
from the outside (as a place where they can get drunk, play, not adhere to the
imbalanced work/play ratio the rest of America has.) Americans from other places view New Orleans as a place to
be a slob.
Favorite New Orleans personality/character: I would have said Uncle Lionel Batiste, but he has just
died.
I love Kermit Ruffins. He
is always cheerful and casual and has a fantastic band.
Dave Brinks is a very amazing human being: poet, poetry-scene creator (The Goldmine Saloon 17 Poets
Series) impresario, publisher, historian, and supporter of the arts and artists
from all over. He owns a bar
in the French Quarter, which is the heart of the city’s poetry life. He is the definition of a generous man,
sui generis, New Orleans original.
Favorite New Orleans thing not mentioned here: The few times it has snowed (twice, in December) ---the snow
on the ginger plants and palm trees is completely surreal. Sazeracs at the Carousel Bar on a cold
day in December.
Who should be the mayor of New Orleans? Landrieu is good, but he has not got a grip on the police
culture. I don’t know who else.
How can the city lower its murder rate? A start: Police that are well paid, and forced to be on the
street and visible, as they were in the 90’s, when the crime rate fell
profoundly. The police did not like the rigors of being on the streets all the
time during Morial’s terms in the 1990’s.
His police chief was Pennington.
He was from Washington D.C., and had “zero tolerance” policies such as
those in NYC at the time. Crime
went down. Now we have reverted to
policies of the pre-Morial era.
The way it is now, the police actually make more money during high crime
eras, because they have more “details,” which are private opportunities to work
as security guards off hours. This is a primary income stream for police,
again. This practice is so
ingrained, that Landrieu cannot seem to break it—or, since he has support in
the police community, he has no motivation to break it. The Department of Justice
has taken over the police department because of their corruption, and they
insist that these “details,” be stopped— police themselves assign this extra
work within their departments, and give favors, etc. to each other with these
“bonuses.” Corruption, bribery,
and laxity are the results.
Also, there is a need for more mentors and help for young men so they
don’t get into drug dealing. More
and more schools and training programs to give young men more options. Drugs should be made legal, also. The
profit in drug dealing has to be taken out.
I have sat on three juries in the last two years. Drug related crimes in two cases, and
one murder trial among very young men. The killer attacked a drug dealer mostly
out of bravado and fear. No one on these juries, from any social class, or
race, believed drugs laws should remain as they are today. Too much incarceration, too many
arrests for minor crimes, too many incentives in the system to sell drugs and
become part of that sub culture.
Why I live in New Orleans:
I live in New Orleans because people there are naturally creative. Everyone you meet, practically, has an
art that they do. The contractor
has a band, the eye doctor is a fine art photographer, the rich matron is a
plein-air painter, the district attorney is a jazz musician, the bartender
writes mysteries, the saloon owner is a poet, the boy stocking the groceries is
a rapper. There is no stigma around being creative, around having an “art,” or
a “re”creative activity, such as being in a Krewe, masking, being in parades,
etc. People are encouraged to
completely discard their personas for festivals. The South in general in
America is very Protestant, I mean the Bible Belt: straight-laced. I grew up on the Middle South, and
being an artist was associated with being un-balanced, etc. crazy, deviant.
This may be changing but there was never such a view in New Orleans. You can be
an amateur, no problem with that, either.
Having more than one art is also encouraged.
There is also, in New Orleans, a deeply African acceptance of the fact
of death, and the insistence that we celebrate life, which is the theme of the
second line dance after funerals.
This understanding that every moment requires a new dance, and the
embrace of, and insistence on, joy and something new---improvisation--- in the
face of decay and death, are the basics in New Orleans.
The thing I like least about New Orleans: The no-way-out feeling among some in poverty, the thoroughly
ingrained despair some people feel.
The violence associated with this. The African American population is an
extremely traumatized group of people who sometimes do not have hope. They can descend into a place of
absolute nihilism because of past history: this is true of anyone, of any group, of course, but there
is a large undercurrent of this in the black community in New Orleans. Slavery was a horrible assault on
human nature and its scars are still everywhere. The effects of serious trauma
on a whole group, passed down through generations, involve many social problems
---because the family memory, the scars of your own parents and grandparents,
the extremely degrading and profoundly cruel treatment in the past, are things
that have not been addressed, not really exposed, and worked through. Anger and paranoia flare up among black
people in situations that white people don’t even perceive, because they are
not scarred in the same way. There
is a lot of misunderstanding about this.
White people need to see it, not just claim that black people are
unstable or fearful or violent for no reason, and black people need to
understand, more, the roots of the anger, self-hatred, and fear that are part
of their worldview at times. The
violence of course perpetuates all these other traumas---it also must stop.
Another thing I don’t like about New Orleans is the attitude tourists
have about it and the way they exhibit that attitude—that the city is just
there for their amusement, that it is some kind of big joke of a place, a silly
place, not serious, a place to drink and piss.
What people don’t know about New Orleans: It is often, vis-à-vis the
rest of America, not backward---as everyone always says---but a step
ahead. I mean by this, sometimes
things that happen in the rest of the nation, culturally, and politically,
happen in New Orleans and Louisiana first, not last. Of course this is true in music---jazz--- but it is also
true in politics, and in food ways.
There is a progressive streak in New Orleans that is definitely not
Southern.
For example, the whole attempt to outlaw Jim Crow, the first civil
disobedience in that long fight, took place in New Orleans, and resulted in the
Plessy vs. Ferguson decision, which of course set back Civil Rights for
generations. But that was the
first attempt, the first time segregation was challenged in a deliberate act of
planned defiance---to force a decision on a law. This happened in New Orleans.
Many things that eventually become quintessentially American, things
that changed America’s view of itself, were New Orleanian first.
My expertise on New Orleans:
I moved to New Orleans in 1995.
I have lived there 17 years.
I have lived in Louisiana since 1981, and I taught creative writing at
LSU from 1983 until 2009.
Freitag, 13. Juli 2012
The Not Yet von Moira Crone: Auszüge
Hier einige Auszüge, in meiner Übersetzung:
1
Nach ungefähr einer Meile kamen wir an ein bewohntes Haus, dann ein zweites, dann fünf hinter einander. Eigentlich waren es nur die obersten Etagen von alten Zwei- und Dreigeschossern... Verrottete, fächerförmige Dachfenster von hohen viktorianischen Häuser und die Buckel der Camelbackhäuser waren zu sehen. Die Bewohner waren wohl aus den überfluteten, unteren Geschossen ausgezogen und hatten sie irgendwie abgedichtet. Jetzt bewohnten sie die oberen Zimmer, hatten die Dachböden zu Wohnzimmern umfunktioniert und die oberen Balkone zu Eingangsveranden. Mit den Geländern und Toren drum herum, die als Liegewiese, Dock und Sicherheitszone dienten, hätte man die verfallenen Häuser für Hausboote halten können. Am Torpfosten des einen hing ein Schild: „Mach Flutwellen, dann machst du nie wieder Wellen.“ Und das Totenkopfzeichen.
Als ich das letzte Mal hier entlang gekommen war, hatten diese Häuser noch auf schlammigen Landfetzen gestanden und dem Meer standgehalten. Jetzt waren sie ihm zum Opfer gefallen. Doch die Bewohner hatten nicht das Weite gesucht. In gewisser Weise war ihre Existenz illegal - verfolgt wurden sie hier nicht, aber helfen tat man ihnen auch nicht.
2
Die Pflasterstraße, die ich gesehen hatte, war gar keine Straße, und ein Ufer war es eigentlich auch nicht, sondern die breite Oberkante einer riesigen, runden Einfassung. Wir hatten am oberen Rand eines Amphitheaters angelegt, einer Glasschüssel, der unregelmäßigen äußeren Begrenzung, die den Alten Fluss abhielt.
Unter uns, ein Wunder.
Zunächst sah ich die bronzenen Dächer mit den steilen Gauben. Daneben Palmenkronen, die ich noch nie von oben gesehen hatte - üppige, grüne Blüten. Darunter Gebäude mit bunten Fensterläden. Die alte Kathedrale, ein historischer Bau, in der Mitte. Ihre Turmspitze durchbohrte den Himmel und ragte als einzige über den Kai hinaus. Das Tageslicht spiegelte sich darin. Alles andere in diesem ins Wasser eingelassenen Tal war in eine nahezu grelle, elektrifizierte Nacht versunken und schimmerte, denn es war mit einer Glasur überzogen. Die Stadt selbst wirkte wie aus Porzellan, als bewahrte man sie einem Riesen zuliebe in einer Vitrine auf. Irgendwie war mir, als verstieß ich gegen irgendein Gesetz: einfach hierher kommen und das Quarter besichtigen, über das man in meiner Kindheit nur im Flüsterton gesprochen hatte.
3
Durch das Glas hatte ich eine gute Sicht auf Re-New Orleans. Es war frisch und pastellfarben und mit Türmchen und Veranden und Pergolas - makellos, sauber, glänzend und modern. Die Häuser standen dicht beieinander und dahinter erkannte man kleine ummauerte Gärten.
4
Es war fast Sonnenuntergang. Der Kanal stank und die von den Dächern bellenden Hunde fanden sich im Chor zusammen: Wenn einer zu heulen anfing, kläfften die anderen als Antwort. Der Lärm der Generatoren mischte sich mit Stimmen und Gelächter. Einige der Besetzer saßen auf ihren Decks und Terrassen. Die Wohnungen sahen improvisiert und provisorisch aus. Wenn man hier wohnt, dachte ich mir, muss man zu jeder Jahreszeit die Bedingungen neu bewerten und mit den Nachbarn andere Möglichkeiten besprechen – Hausboote, trockenes Land nördlich der Enklave. Ich sah ein paar Frauen in der Dunkelheit rauchen, roch gegrilltes Fleisch. Eine der Frauen rief zu mir herüber: „Hey, mach aus,“ sie meinte meinen Motor. „Siehst du nicht, dass wir hier wohnen?“ Dann: „Was willst du denn, Junge? Was guckst du so?“
Es war, als wäre in den letzten einhundertfünfundzwanzig Jahren nichts geschehen – ich kannte ja die Geschichte, jetzt, wo ich kein kleiner Junge mehr war – ich wusste, wie das alles vor langer Zeit ausgesehen hatte, in dunklen Zeiten, der Vor-Enthüllung. Ein paar Kinder winkten mir zu, begeistert von dem Boot und weil sie wohl dachten, es machte mir Spaß, ein verwittertes Schiff durch die Kanäle und Sümpfe und die überschwemmten Häuser zu lenken, dem einzigen, was von einer großartigen Stadt übrig geblieben war. Sie dachten wohl, es wäre ein Abenteuer – ich kenne das. Aber ich hatte genug von Abenteuern. Irgendwie hatte es aber auch etwas Glitzerndes, Niedliches, dieses Viertel und wie seine Einwohner daran hingen. Als ich klein war, hatte ich das nicht gesehen, und auch nicht, als ich vor ein paar Tagen mit Serpenthead hier entlang gekommen war. Aber jetzt fühlte ich, wie das Leben damals war, als alle noch auf demselben wässrigen, unsicheren Boden standen, als alle wussten, dass sich von einem Moment auf den anderen alles ändern konnte, dass alles angreifbar war, und nicht etwa manches völlig angreifbar und manches überhaupt nicht angreifbar. ... In den Augen der Behörden war es ein Ort am Rand, wo man die Vergangenheit verwerfen, vergessen, ignorieren und gelegentlich für einen exotischen Kick aufsuchen konnte. Eine Stadt, die das Glück hatte, oder verdammt dazu war, nicht bedeutend zu sein.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
1
Nach ungefähr einer Meile kamen wir an ein bewohntes Haus, dann ein zweites, dann fünf hinter einander. Eigentlich waren es nur die obersten Etagen von alten Zwei- und Dreigeschossern... Verrottete, fächerförmige Dachfenster von hohen viktorianischen Häuser und die Buckel der Camelbackhäuser waren zu sehen. Die Bewohner waren wohl aus den überfluteten, unteren Geschossen ausgezogen und hatten sie irgendwie abgedichtet. Jetzt bewohnten sie die oberen Zimmer, hatten die Dachböden zu Wohnzimmern umfunktioniert und die oberen Balkone zu Eingangsveranden. Mit den Geländern und Toren drum herum, die als Liegewiese, Dock und Sicherheitszone dienten, hätte man die verfallenen Häuser für Hausboote halten können. Am Torpfosten des einen hing ein Schild: „Mach Flutwellen, dann machst du nie wieder Wellen.“ Und das Totenkopfzeichen.
Als ich das letzte Mal hier entlang gekommen war, hatten diese Häuser noch auf schlammigen Landfetzen gestanden und dem Meer standgehalten. Jetzt waren sie ihm zum Opfer gefallen. Doch die Bewohner hatten nicht das Weite gesucht. In gewisser Weise war ihre Existenz illegal - verfolgt wurden sie hier nicht, aber helfen tat man ihnen auch nicht.
2
Die Pflasterstraße, die ich gesehen hatte, war gar keine Straße, und ein Ufer war es eigentlich auch nicht, sondern die breite Oberkante einer riesigen, runden Einfassung. Wir hatten am oberen Rand eines Amphitheaters angelegt, einer Glasschüssel, der unregelmäßigen äußeren Begrenzung, die den Alten Fluss abhielt.
Unter uns, ein Wunder.
Zunächst sah ich die bronzenen Dächer mit den steilen Gauben. Daneben Palmenkronen, die ich noch nie von oben gesehen hatte - üppige, grüne Blüten. Darunter Gebäude mit bunten Fensterläden. Die alte Kathedrale, ein historischer Bau, in der Mitte. Ihre Turmspitze durchbohrte den Himmel und ragte als einzige über den Kai hinaus. Das Tageslicht spiegelte sich darin. Alles andere in diesem ins Wasser eingelassenen Tal war in eine nahezu grelle, elektrifizierte Nacht versunken und schimmerte, denn es war mit einer Glasur überzogen. Die Stadt selbst wirkte wie aus Porzellan, als bewahrte man sie einem Riesen zuliebe in einer Vitrine auf. Irgendwie war mir, als verstieß ich gegen irgendein Gesetz: einfach hierher kommen und das Quarter besichtigen, über das man in meiner Kindheit nur im Flüsterton gesprochen hatte.
3
Durch das Glas hatte ich eine gute Sicht auf Re-New Orleans. Es war frisch und pastellfarben und mit Türmchen und Veranden und Pergolas - makellos, sauber, glänzend und modern. Die Häuser standen dicht beieinander und dahinter erkannte man kleine ummauerte Gärten.
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Es war fast Sonnenuntergang. Der Kanal stank und die von den Dächern bellenden Hunde fanden sich im Chor zusammen: Wenn einer zu heulen anfing, kläfften die anderen als Antwort. Der Lärm der Generatoren mischte sich mit Stimmen und Gelächter. Einige der Besetzer saßen auf ihren Decks und Terrassen. Die Wohnungen sahen improvisiert und provisorisch aus. Wenn man hier wohnt, dachte ich mir, muss man zu jeder Jahreszeit die Bedingungen neu bewerten und mit den Nachbarn andere Möglichkeiten besprechen – Hausboote, trockenes Land nördlich der Enklave. Ich sah ein paar Frauen in der Dunkelheit rauchen, roch gegrilltes Fleisch. Eine der Frauen rief zu mir herüber: „Hey, mach aus,“ sie meinte meinen Motor. „Siehst du nicht, dass wir hier wohnen?“ Dann: „Was willst du denn, Junge? Was guckst du so?“
Es war, als wäre in den letzten einhundertfünfundzwanzig Jahren nichts geschehen – ich kannte ja die Geschichte, jetzt, wo ich kein kleiner Junge mehr war – ich wusste, wie das alles vor langer Zeit ausgesehen hatte, in dunklen Zeiten, der Vor-Enthüllung. Ein paar Kinder winkten mir zu, begeistert von dem Boot und weil sie wohl dachten, es machte mir Spaß, ein verwittertes Schiff durch die Kanäle und Sümpfe und die überschwemmten Häuser zu lenken, dem einzigen, was von einer großartigen Stadt übrig geblieben war. Sie dachten wohl, es wäre ein Abenteuer – ich kenne das. Aber ich hatte genug von Abenteuern. Irgendwie hatte es aber auch etwas Glitzerndes, Niedliches, dieses Viertel und wie seine Einwohner daran hingen. Als ich klein war, hatte ich das nicht gesehen, und auch nicht, als ich vor ein paar Tagen mit Serpenthead hier entlang gekommen war. Aber jetzt fühlte ich, wie das Leben damals war, als alle noch auf demselben wässrigen, unsicheren Boden standen, als alle wussten, dass sich von einem Moment auf den anderen alles ändern konnte, dass alles angreifbar war, und nicht etwa manches völlig angreifbar und manches überhaupt nicht angreifbar. ... In den Augen der Behörden war es ein Ort am Rand, wo man die Vergangenheit verwerfen, vergessen, ignorieren und gelegentlich für einen exotischen Kick aufsuchen konnte. Eine Stadt, die das Glück hatte, oder verdammt dazu war, nicht bedeutend zu sein.
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
Dienstag, 10. Juli 2012
Moira Crone: The Not Yet
Vor allem seit Hurrikan Katrina gibt es eine wahre Flut an
Erinnerungsberichten, Essays und literarischen Verarbeitungen (so Tom Piazza: Why
New Orleans Matters als eines der ersten, dann kam Chris Rose: 1 Dead in Attic, auch Dave Eggers’ Zeitoun, das ich hier schon besprochen habe). Schon immer gab es auch neue historische Bücher über New Orleans, selten aber ein
Blick in die Zukunft. Mir fällt da eigentlich nur ein Satz von Ex-Bürgermeister Ray
Nagin ein, der 2006 meinte: „This city will be chocolate at the end of the day“
(Letztendlich wird unsere Stadt aus Schokolade sein), eine Aussage, die nun
wirklich nichts Neues erzählt und ihm von seinen vielen weißen Wählern einigen
Ärger einbrachte.
Die New Orleanser Schriftstellerin Moira Crone hat in ihrem Roman The Not Yet eine Zukunftsvision vorgelegt, die zeigt, wie es auch kommen könnte, eine
ernüchternde Dystopie, in der sie auch ihr Katrina-Trauma verarbeitet:
Es ist die Zeit zwischen dem Jahr 2111 und 2121. Wo New
Orleans einmal war, liegt ein riesiges Meer, in dem die Stadt in
Teilen erhalten ist. Die Menschen leben nur noch in den oberen Stockwerken
ihrer Häuser, und es ist liebenswert-bemitleidenswürdig, wie sie daran
festhalten. So sind sie, die New Orleanser, und dabei ist ihre Stadt doch schon
lange nicht mehr so wie vorher.
Erzählt wird aus der Sicht der jugendlichen Hauptfigur, dem
Findelkind Malcolm, ganz von der Warte seiner Zeit aus und das ist für uns
heutige Leser auf den ersten fünfzig Seiten recht verwirrend. Das 22. Jahrhundert
in New Orleans ist nämlich eine bizarre Welt, die sich nicht nur physisch, als Umwelt verändert hat, sondern – und das ist fast noch entscheidender –
auch politisch, und das hängt mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt
zusammen. Die United States of America (USA) sind durch eine United Authority
ersetzt worden, die alles kontrolliert, auch das biologische Über/Leben und
letztlich alle Aspekte des Lebens.
Überlebens-/lebensverlängernde Technologien haben sich
durchgesetzt und eine Art biologische Elite geschaffen – die Heirs (Erben). Das ist eine Kaste von Menschen, die
sozusagen das ewige Leben für sich entdeckt haben, was bedeutet, dass sie sich
eine äußere Schutzhülle zulegen müssen, die sich mit der Mode wandelt und
regelmäßig erneuert werden muss - ich hatte dabei Außerirdische aus Science-Fiction-Filmen vor Augen. Diese Schutzhülle brauchen sie
zum Schutz vor UV-Strahlen und anderen schädlichen Dingen; essen können sie auch nicht ordentlich, sondern sich nur mit künstlicher Nahrung, Brosia, ernähren, die sich im Mund gleich auflöst.
Natürlich muss auch die Fortpflanzung reguliert werden, damit es keine
Überbevölkerung gibt. Kein Nicht-Heir darf sie berühren. Dann gibt es da noch die Anderen, die Nats (von natural), Altereds
(Veränderte), Yeareds (Bejahrte)
und die Not Yets (Not Yet treated
– noch nicht behandelt).
Malcolm ist ein Not Yet
und trägt als Zeichen dafür einen besonderen Halsreifen. Von Kind an arbeitet
er als Schauspieler, um in seinem Trust (Fonds) genügend Geld für die teure
Umwandlung zum Heir anzusparen.
Doch er erfährt, dass sein Trust leer ist und begibt sich auf eine
abenteuerliche Heimreise, bei der er angeschossen und verhaftet wird. Der Roman wird in vielen Rückblenden erzählt und in einer solchen wird Malcolm für seine Umwandlung in einer Art Sanatorium „programmiert“ und schockartig
gebildet und erzogen. Aber dort erlebt er auch zum ersten Mal eine magische
Anziehung und das Verliebtsein zu Camille, die aus der Welt da draußen kommt, aus
einer Enklave, und ganz natürlich und impulsiv ist, sich den Gesetzen der Heirs zu verweigern versucht, ein bisschen die schöne
Wilde.
Ihre Rivalin-Feindin, die Wissenschaftlerin Lydia Greenmore,
die für Malcolms Ausbildung verantwortlich ist, entlässt Camille, doch Malcolm
wird ihr später wieder begegnen. Dr. Greenmore erforscht die
Verfallserscheinungen bei den Heirs und
nimmt Malcolm dafür als Vertrauten und Assistenten bei sich auf. Zwischen den
beiden entwickelt sich eine innige Beziehung, die sich später auf
wunderliche Weise erklärt. Kurzzeitig interessiert sich Dr. Greenmore auch für
alte spirituelle Praktiken und Religion, doch Malcolm, der immer konform ist,
bringt sie wieder auf den rechten Weg.
Malcolm wird Zeuge einer Inszenierung, die die Heirs in Verzücken versetzt: dem Tod einer Frau auf großer
Bühne. Erst später wird ihm klar, dass sie alle dem tatsächlichen Sterben der
Tochter eines der Mitarbeiter des Findelhauses beigewohnt haben, da die Familie
das Geld brauchte. Und so versteht auch Malcolm langsam, wie die Gesellschaft wirklich funktioniert.
Immer wieder taucht Ariel auf,
der sein großer Bruder sein will, da sie zusammen gefunden wurden. Anders als Malcolm stellt Ariel die Regeln in Frage und rebelliert dagegen. Selbst ihr Ziehvater Lazarus stellt sich schließlich gegen
die Konventionen, doch Malcolm arbeitet weiter zielstrebig auf seine Umwandlung
zu. Und doch ist er zwischen Camille und Dr. Greenmore und ihren verschiedenen
Welten hin und her gerissen. Am Ende entscheidet er sich für Camille, doch wird
er es schaffen, vor dem drohenden, vielleicht letzten Hurrikan zu ihr zu gelangen?
New Orleans existiert nur noch in einzelnen Bestandteilen,
wie dem Sunken Quarter (dem versunkenen Viertel), also dem French Quarter, das
wie in einem riesigen Goldfischglas erhalten und als touristische Attraktion
konserviert ist. Das Findelhaus befindet sich auf der Audubon-Insel, vielleicht einer der kleinen Inseln im heutigen Audubon-Park. Dann gibt es noch die Outer Orleans Islands (Äußere Orleans-Inseln), Museum City (Museumsstadt) und vor allem Re-New Orleans, auch ein schönes Wortspiel mit der Reproduktion und der Wiedererneuerung.
Um alle
Details zu verstehen, müsste ich das Buch wohl noch einmal lesen (oder eben übersetzen, würde ich gern! Gebt Bescheid, wenn
Ihr einen geneigten deutschsprachigen Verlag wisst). Nach dem etwas beschwerlichen
Anfang wird es richtig spannend, wegen der kleinen Liebe zu Camille (ja, auch ich bin
romantisch) und weil der Ausgangspunkt und die Initialzündung glasklar
wird, nämlich Hurrikan Katrina.
Denn wie damals steht New Orleans unter Wasser und sinkt
weiter. Präsident Bush ist einer der ersten, wenn schon nicht Klone, dann doch Heirs, und Katrina war nur der Anlass für die immer
größere Verschärfung der sozialen Unterschiede und Gegensätze, die durch das
Eingreifen des Menschen in die Natur eine Bedrohung für die Zukunft und das
Überleben der Menschheit darstellt. (Das erinnert mich an ein Thema, das eine meiner Studentinnen kürzlich ansprach, nämlich, dass der verbreitete Einsatz der pränatalen
Diagnostik dazu führen würde, dass es immer weniger Finanzierung, weil
politischen, weil Wählerwillen, für die Förderung und Inklusion von Behinderten gäbe, denn das Zur-Welt-Bringen von behinderten Babies würde dann
gesellschaftlich als persönlicher Eigensinn und Luxus angesehen.)
Schließlich ist das Buch auch eine Überspitzung und damit
Kritik am bestehenden Gesundheitssystem der USA, so lese ich es, in dem sich
bald nur noch Wenige die nötigen Behandlungen leisten können und damit eine
eigene, privilegierte Kaste bilden.
Der Titel The Not Yet
bedeutet Das Noch-Nicht, doch
bald erfährt der Leser natürlich, dass Malcolm gemeint ist, also Der
Noch-Nicht. Aber das Buch beschreibt eben
auch eine Welt kurz vor der ganz großen Katastrophe, auch New Orleans, das bei
Katrina ja immerhin überlebt hat, hier aber eine Katastrophe, die man vielleicht noch
abwenden kann. Es ist
eine amerikanische Schreckensvision der Zukunft, aber
auch ein fesselnder Bildungsroman - Sozialkritik, Warnung, Nachruf in
einem. Es ist Moira Crones Liebenserklärung an New Orleans.
Erschienen ist es bei UNO Press in New Orleans, siehe hier. Von dem Buch inspiriert haben internationale Künstler, u.a. aus Deutschland, Polen, den USA, Brasilien, Großbritannien und Portugal, tolle Grafiken angefertigt, siehe hier.
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