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Dienstag, 17. Februar 2015

Verschiedenes


Was wir dieses Jahr schon alles verpasst haben:
1. Den 200. Jahrestag der Schlacht von New Orleans am 8. Januar 1815, die im ein paar Kilometer entfernten Chalmette am Mississippi gefochten wurde. Es war eine der letzten Schlachten des Britisch-Amerikanischen Krieges, des vielleicht ersten Krieges, den die junge USA 1812 angefangen hatte. Auf britischer Seite waren sehr hohe Verluste (2700, gegenüber 71 Amerikanern) zu beklagen, weil die Soldaten in klassischer Gefechtsformation antraten und reihenweise niedergemäht wurden. Nach Ende der Schlacht erfuhren die Kriegsparteien, dass bereits am 24. Dezember 1814 der Friedensvertrag von Gent geschlossen worden war, der erst im Februar 1815 durch die USA ratifiziert wurde. Andrew Jackson war der erfolgreiche Befehlshaber, der schließlich 1829 siebenter Präsident der USA wurde. An ihn erinnert auch die Reiterstatue auf dem Jackson Square, dem früheren Place d’Armes, im French Quarter. Die Originalstatue befindet sich im Lafayette Park in Washington, D.C., unweit des Weißen Hauses, ein weiterer Abguss in Nashville, Tennessee, und schließlich wurde 1987 noch einer für Jacksonville, Florida angefertigt. Jackson ist besonders auch für sein grausames Vorgehen gegen die Indianer bekannt. Eine wichtige Rolle in diesem Krieg spielte auch der Pirat Jean Lafitte, nach dem zum Beispiel ein State Park benannt ist. 
2. Heute ist schon wieder der letzte Tag der Mardi Gras-Saison (der Fat Tuesday), an dem besonders viele Paraden stattfinden, u.a. Rex und Zulu. Vor einigen Wochen hatte jemand auf Facebook ein Heimvideo aus den 1950er Jahren eingestellt, das beim Mardi Gras gefilmt worden war. Ohne Ton sah man Bilder aus dem French Quarter, wo sogar das Publikum aufwändig und phantasievoll verkleidet war. Auch das hat sich sehr geändert, denn heute wird Karneval eher konsumiert. Es gibt die Krewes, die die Gefährte (meist riesige LKW) schmücken und sich selbst maskieren. Die Maskierten werfen von den Wagen Plasteperlenketten, bedruckte Becher, Doubloons (eine Art Münzen) und anderen Tinnef in die Menge, die darum heftig kämpft, und selbst fast nie verkleidet ist. Ein aktuelles Video zeigt die 610 Stompers, die am Sonntag in der ganz und gar männlichen Krewe of Toth-Parade in hellblauen Shorts getanzt haben und nach eigener Erklärung als Männer Freude in die Welt bringen wollen. Gerade in New Orleans ein guter und wichtiger Vorsatz. Während der ganz und gar weiblichen Muses-Parade am Donnerstag kam es am Rande zu einer Auseinandersetzung, bei der zwei junge Männer erschossen wurden. Ein 19-Jähriger war der Täter. Manchmal tanzt beim Mardi Gras sogar die Polizei mit, hier
3. In Louisiana gibt es weitgehend noch eine sehr lebendige Volkskultur, die natürlich vor allem auf dem Lande betrieben wird: Cajun Mardi Gras, Festivals mit Musik, Tanz, Essen und wöchentliche Tanzveranstaltungen, bei denen alles von 8 bis 80 Cajun-Tänze tanzt, immer im Kreis durch den Raum und mit wechselnden Partnern. Man nennt das Fais Do Do, eigentlich ein beschwichtigender Spruch in der Babysprache zum Einschlafen, weil die Frauen ihre kleinen Kinder oft zu den Bällen mitbrachten, die dann dort in einem extra Raum (parc aux petits) schlafen sollten. Das ist die traditionelle Erklärung. Eine andere führt den Begriff auf Dos à Dos, einen Ruf für einen Tanzschritt im Contra Dance zurück. (Hier.) Jetzt gibt es eine Webseite, die an viele, auch heute nicht mehr existierende Dancehalls erinnert, eingerichtet vom Center for Louisiana Studies. Aufgelistet sind dort auch die noch heute geöffneten Dancehalls, davon, und das ist keine Überraschung, die meisten in Lafayette, Eunice, Breaux Bridge, Mamou, wo die Cajun-Tradition noch gepflegt wird. Sehr schön und interessant. 

Sonntag, 3. August 2014

Coonass


Politisch korrekte oder inklusive Sprache ist etwas in Misskredit geraten, vor allem bei sich für besonders unangepasst haltenden Kritikern, die sich an bestimmten Ausartungen festbeißen. Ich persönlich bin ein großer Fan davon, mit oder über Leute(n) so zu sprechen, wie sie es gern möchten und dass sie sich respektiert fühlen. Deshalb gibt es für meine Studentinnen auch immer eine Seminarsitzung zu dem Thema, und die Geschichte vom Vater und seinem Sohn und ihrem Unfall zeigt, dass sich seit 1992, als ich sie kennengelernt habe, nicht viel geändert hat.
Auf dem Arbeitsblatt zu meinem Seminar heißt eine Frage: “When is it okay to use the N-Word” in English or a word like “Tunte” in German?” Die richtige Antwort heißt natürlich nie, es sei denn, man ist selbst schwarz oder schwul. Ein Wort könnte ich noch hinzufügen: Coonass als Bezeichnung für Cajun.
Cajuns heißen die Nachfahren französischer Einwanderer, die im 18. Jahrhundert von den Engländern aus Nova Scotia in Kanada vertrieben wurden und vorwiegend auf dem Land leben. Aus verschiedenen Gründen sprechen sie heute im Alltag kaum noch ihr archaisches Französisch, aber sie haben sich eine reiche und lebendige Kultur bewahrt. Und auch wenn sie sich im 20. Jahrhundert vielleicht manchmal dafür geschämt haben und es für ihr Französisch, das ja kein “richtiges” Französisch ist, immer noch tun, so sind sie heute auch stolz. 
Für “Coonass” gibt es verschiedene Herkunftserklärungen: eine führt es auf das moderne französische Wort „connasse“ zurück, das im 2. Weltkrieg von den Franzosen für alliierte Cajuns verwendet worden sei. Ich halte das schon deshalb für abwegig, weil es eine abwertende Bezeichnung für eine Frau ist und deshalb ganz sicher nicht für Soldaten verwendet wurde und weil das Französische wie auch das Deutsche niemals eine grammatisch eindeutig weibliche Form für einen Mann verwenden würde. Andere assoziieren es mit dem coon von raccoon (Waschbär), was eine sehr abwertende Bezeichnung für einen Afroamerikaner ist, und der „ass“ wäre dann dessen Hinterteil.
Egal, woher es kommt, man sollte es vielleicht kennen, um Postkarten oder T-Shirts wie „You know you’re a coonass when...“ zu verstehen, aber verwenden sollte man es nicht. Das wurde jetzt einem Abgeordneten in Texas ziemlich unmissverständlich auch von Mit-Republikanern klar gemacht. Dennis Bonnen hatte den Begriff in einer Anhörung zum Umgang mit den vielen unbegleiteten Einwandererkindern für Kinder aus Louisiana verwendet, die nach Hurrikan Katrina nach Texas kamen und dort in die Schulen integriert werden mussten. Besonders auf Kinder angewendet, stießen sich viele an dem Wort und warfen ihm u.a. vor, dass er keine Vorstellung von „Inklusion“ habe (hier und hier). Eine Umfrage auf nola.com (der Webseite der New Orleans Times-Picayune) hat wiederum gezeigt, dass einige das Wort mit Stolz für sich verwenden (hier).
Für Shane Bernard, der Autor von The Cajuns: Americanization of a People zeichnet sich je nach Klassenzugehörigkeit eine unterschiedliche Haltung zu dem Wort ab, wo die mittleren und oberen Schichten es strikt ablehnen, während die Arbeiterklasse damit stolz auf die ethnische Herkunft verweist. Aber für uns Ausländer, die vermutlich nicht von Cajuns abstammen, wäre es (politisch) korrekt und auf der sicheren Seite, das Wort nicht zu verwenden (hier). Warum also nicht einfach Cajun?

Samstag, 14. Dezember 2013

Rerun: The Awakening by Kate Chopin: a Glossary


Grand Isle: Literally “great island,” is the biggest of the so-called barrier islands in the Gulf of Mexico, some three hours by car from New Orleans. The island mostly subsists on tourists, who come here to fish (there is a small marina), to camp out in the state park and watch pelicans and possibly dolphins, or attend some festival or other. Therefore it may be hard to find information on the Internet about the oil refinery also located on the island. There are also myriad private vacation homes, propped up on stilts several feet high. As a barrier island, Grand Isle basically serves the purpose of taking the brunt of hurricanes and absorbing them. According to Wikipedia, the island suffers a hurricane every 2.68 years, and receives direct hits every 7.88 years. When I last visited Grand Isle, in 2009, the effects of Katrina and Rita (both 2005) were all too visible: Many businesses and hotels no longer exist, and the geographical shape of the island was completely changed. It was also much smaller. Also, an entirely new access road to the island had been built, offering a view of the changed environment.

Chénière Caminada: The French word chêne means oak, but the word chénière does not exist in France but is a typical Cajun French variation, meaning something along the lines of “ridge with oak trees growing on them.” Chénière Caminada is another one of the barrier islands, although technically speaking it’s really a peninsula. I have unwittingly driven across it many times, for State Road 1 traverses it on the way to Grand Isle. Chénière Caminada was severely affected by a hurricane in 1893, which Kate Chopin also mentioned. It is located to the west of Grand Isle and is connected to the island by a bridge that is just over a mile long. For about the last hour on the way to Grand Isle the drive is through marshes, where water is interspersed with trees and tufts of grass. The landscape seems static, yet is actually lively—and bizarre.

Piroge: simple wooden dugout barge, preferred by Cajuns. The word came from Spanish (piragua) via French to English and German (Pirogue).

Quadroon: from the Spanish word cuarterón, from Latin quartus. Designates a person with a quarter black ancestry. Accordingly, an octoroon would be someone with one-eighth black ancestry, usually the offspring of extramarital relationships between blacks and whites. In New Orleans prior to the 1803 Louisiana Purchase, quadroons and octoroons were often free. These terms are used only in historical contexts today.

Griffe: designates a person with three-quarters black ancestry and a quarter white or Indian ancestry. See above.

Bayou Brulow: It is not listed in my atlas of Louisiana, and I have found no mention of it on the Internet. Maybe, after all those hurricanes, it no longer exists? A bayou is an extremely slow-moving stream or river that flows through marshes and swamps into a lake, river, or gulf. The term seems to originate from Choctaw and is only used in Louisiana and adjoining areas. Hence, bayou invokes an exotic, rural, but also backward area, where Cajuns live. In the seventies, Linda Ronstadt and Paola (for the German version) popularized the Roy Orbison hit “Blue Bayou.”

Grand Terre: Literally “great land,” a barrier island adjoining Grand Isle to the northeast. These two islands also delimit the Barataria Bay toward the Gulf of Mexico. On the island there are ruins of Fort Livingston as well as a marine laboratory of the Louisiana Department of Wildlife and Fishery. Today it is reachable only by boat. In the beginning of the 1800s legendary pirate Jean Lafitte (along with his brother Pierre) was active on this and other islands, and many places still bear his name today, including the Jean Lafitte National Historical Park and Preserve. This is not so much to celebrate pirates (although they can be fun in movies and cartoons), but because he apparently helped Andrew Jackson in the Battle of New Orleans (1815) against the British. All of the islands, naturally, were also affected by the BP oil spill.

Louisianamoos: I have just learned this German word for Spanish moss (tillandsia usneoides) from the German translation of The Awakening. It grows on trees in the South, in places where it is humid, and it looks like long beards or witches’ or princesses’ hair blowing in the wind. It makes landscapes look like fairylands, sometimes even “gothic.” Spanish moss used to be used for upholstery and packaging, for mulching or for stuffing voodoo dolls (cf. Wikipedia). Legends abound, and there are stories and songs about it. It used to be important for the construction of Cajun homes, when it was used for making bousillage (a mixture of Spanish moss and clay earth) as building material to fill in the space between wooden posts for walls. The usage of bousillage in Louisiana has been documented since the early 1700s.

Acadian: From the French acadien, today Cajun. Descendants of French settlers from Acadia (the Canadian provinces Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island), who were deported by the British between 1755 and 1763 and settled for the most part in French-speaking Louisiana, where they were able to maintain their rural, fishing-based culture. The Cajun language has seen a revival since the sixties, though Cajun culture (music, dances, food, Mardi Gras) has stayed alive all along. Today some 5 percent of the population still speaks French or Cajun French at home.

Creoles: Really the descendants of French or Spanish ancestors born in America, such as Kate Chopin and her husband. Today the term Creole also designates the descendants of French-speaking blacks who came from Haiti or other countries in the Caribbean, or were culturally French for other reasons. Creoles with European roots often repudiate this usage of the term.

Kate Chopin: Writer (1850-1904) from St. Louis, Missouri, which was then mostly Creole, but where the German influence has since come to dominate. In 1870 she married Oscar Chopin and lived in New Orleans with him, but after his bankruptcy moved to Cloutierville, Louisiana. She had six children. In 1882 her husband died, and two years later she moved back to St. Louis, where she took up writing (mostly about Louisiana) and hosted a literary salon. The Awakening caused an outcry, and Kate Chopin died without reaping her much-deserved recognition. Her former home and the museum in Cloutierville burned down a few years ago. 

(Thanks to Donna Stonecipher for proofreading.)

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Louisiana --> DDR und zurück

In der MDR-Mediathek ist vermutlich nur noch für kurze Zeit der Mitschnitt eines Konzerts mit Louis Armstrong & His All Stars zu sehen (hier noch mehr). Das Besondere: Es ist vom 22. März 1965 im Friedrichstadt in Berlin (Hauptstadt der DDR). Ich war da noch nicht geboren, aber ich habe viel darüber gehört, weil mein Vater nämlich da war, da sein musste, weil er ein großer Fan war. Es ist die Art Jazz, die viele Leute heute noch mit New Orleans assoziieren, und den es immer noch gibt und immer geben wird, aber nicht nur. Es war ganz sicher noch im alten Friedrichstadtpalast gleich neben dem Berliner Ensemble, der in den achtziger Jahren abgerissen wurde. Die Aufnahmen sind schwarz-weiß, die Band ist es auch, sie tritt nach und nach vor einen glitzernden weißen Vorhang und alles sieht irgendwie klein und altmodisch aus. Und dann holt Armstrong seine Trompete hervor und bläst los und es ist unglaublich, rein, klassisch, grandios!
Zwischendurch ist er immer wieder der liebenswürdige Teddybär-Entertainer, der niemandem etwas zu Leide tun kann. Das hat man ihm oft vorgeworfen: In den USA fanden Afroamerikaner, dass er sich zu sehr anbiedert und nicht für ihre Sache eintritt, und als er in 17 Städten in der DDR spielte (und in anderen sozialistischen Ländern), da warfen ihm westliche Journalisten vor, dass er so unpolitisch sei. Darauf sagt er im Interview: "Ich geh da hin und spiele, wo mich mein Manager hinschickt, und immer bin ich willkommen." Und genau so einfach ist es. Der Jazzmusiker und Musikjournalist Karlheinz Drechsel, der ihn damals begleitet hat, erzählt (Interview hier), dass er sich nicht nur in die Herzen der Menschen gespielt hat, sondern auch dem Jazz die Türen in der DDR geöffnet hat. Was viele Leute sich nämlich nicht vorstellen können, ist, dass niemand möchte, dass jemand von weit her kommt und einem sagt, wie beschissen man es hat, denn letztendlich ist alles Leben, und in der DDR hatte man Frieden und Arbeit und zu essen und das war damals noch seeehr viel wert. Als später in den achtziger Jahren Bob Dylan zum Konzert kam, da wollten wir auch nicht, dass er uns erzählt, wie doof es bei uns ist, aber wir hätten uns gefreut, wenn er irgendetwas gesagt hätte, irgendwie erwähnt hätte, wie besonders es war, dass er überhaupt bei uns war und spielen konnte. 
Im Interview mit Louis Armstrong hört man, dass er nicht besonders gebildet ist und vermutlich auch nicht in komplexen Zusammenhängen dachte, aber das brauchte er auch nicht. Er war Musiker. Er spielte mit einer Lebensfreude und tiefen Wertschätzung für das Leben und für andere Menschen, und das übertrug sich in seiner Musik und, wenn man es will, erreicht es uns heute noch.
Themenwechsel: Vor kurzem habe ich mal wieder den Film Schultze gets the Blues gesehen, mit Horst Krause in der Hauptrolle. Er ist einer der Schauspieler, die nur eine Rolle beherrschen, glaube ich, und die spielt er sehr gut, als Landpolizist zum Beispiel. In diesem Film ist sie ein wenig abgewandelt, denn es ist einer dieser deutschen Filme mit langen, schweigsamen Einstellungen, die bedeutungsschwer die Geschichte vorantreiben. Aber vieles ist auch außergewöhnlich. Zum Beispiel, dass der Film in Sachsen-Anhalt spielt und das Leben dieser einfachen Bergmänner mit leichtem Humor gezeigt wird, ohne sie zu denunzieren. Horst Krause (hier Schultze) ist also einer von drei Männern, die in den Vorruhestand geschickt werden, und dann nicht so recht etwas mit sich anfangen können. Immerhin spielt Schultze gelegentlich Akkordion, mindestens einmal im Jahr auf dem Dorffest, immer dasselbe Stück, das schon sein Vater gespielt hat.
Doch eines Abends hört er im Radio Zydeco, die schnelle, rhythmische Musik der kreolisch-afroamerikanischen Landbevölkerung in Louisiana, bei der ein Akkordion immer mitspielt (sehr ähnlich der Musik der Cajuns, die allerdings langsamer ist.). Allerdings hört er nur ein paar Riffe und schaltet dann wieder aus, aber diese spielt er schnell nach und übt sie immer wieder. Zum Befremden der meisten im Dorf spielt er sie auch auf dem Dorffest. Er kocht Jambalaya für seine beiden Kumpels und jobbt nebenher für einen Flug nach Louisiana. Dann wird er für den Austausch mit der Partnerstadt New Braunfels in Texas ausgesucht, wo er sich allerdings nur kurz aufhält und schnell vor der dort praktizierten Deutschtümelei flüchtet.
Er nimmt sich ein kleines Boot und fährt durch die Sümpfe und Bayous nach Louisiana (auf der Karte sieht man, dass das von New Braunfels aus nicht so ohne weiteres geht, aber es ist ein Film, Mensch!). Dort wird er von der freundlichen Küstenwache abgeschleppt, gerät in einen Cajun-Tanzabend auf dem Lande, wo er auch gleich tanzt, und schließlich, wie im Traum, trifft er in den Sümpfen auf ein großes Boot mit einer sanften schwarzen Frau und ihrer Tochter, die gerade Krabben kocht und ihn zum Essen einlädt. Dann, beim Tanzen im Rock 'n' Bowl in New Orleans bricht er zusammen und stirbt später ganz still auf dem großen Boot in den Sümpfen. Das ist traurig und berührend, aber es ist auch schön, zeigt die raue und unpolierte Schönheit Louisianas, das schöne Licht, die lauten Grillen- und andere Geräusche in der Luft. Ein Louisiana, das zwar auch märchenhaft ist, aber abseits von Klischees.
In der Schlussszene sieht man die Beerdigung. Die Blaskapelle spielt einen Trauermarsch und bricht dann in genau den Zydeco-Riff aus, mit dem seine Faszination begann. Und dann marschiert sie vor dem Horizont mit seinen trostlosen Windrädern von rechts nach links und die Trauernden ziehen und tanzen hinter her. Und ganz plötzlich hat das was von einer Second Line in New Orleans und Schultze ist nicht nur in das verlockende Märchenland gereist, sondern hat es seltsamerweise durch seinen Tod mit in sein Leben zu Hause gebracht. 
Und auf irgendeine Weise schließt sich hier für mich ein Kreis aus Musik und Louisiana und dem Osten.

Freitag, 1. November 2013

Was du nicht siehst -- Dans tes yeux

Gestern habe ich einen kleinen Film auf Arte gesehen. Sophie Massieu, eine Blinde, bereist in einer kleinen Serie (mit dem Titel Was du nicht siehst -- Dans tes yeux) die Welt und versucht, ungewöhnliche Blickwinkel auf die Orte zu zeigen, indem sie sich Einheimische als Reiseführer aussucht.
New Orleans und Louisiana überhaupt besuchen Franzosen gern, so wie auch andere frühere Kolonien, vielleicht, weil es exotisch und trotzdem vertraut ist, vielleicht auch, weil man an eine für manche "glorreiche" Vergangenheit erinnert wird. 
Wie bei Arte so üblich, kann man den Film auf Deutsch oder Französisch sehen. Sophie Massieu lässt sich durch New Orleans von Charmaine Neville führen, der Tochter von einem der Neville Brothers, die selbst Musikerin ist und berichtet, dass ihre Familie seit acht Generationen Musiker sind. Sie nimmt sie mit zum Gottesdienst in eine afroamerikanische Kirche, zeigt ihr das Musician's Village und fährt mit ihr zu einem leer stehenden, verlassenen, umzäunten Viertel, an dem man seit Hurrikan Katrina nichts gemacht hat.
Dann geht sie noch zu einer Voodoopriesterin, lässt sich die Zukunft voraussagen, einen GrisGris anfertigen und einen Tanz mit Musik aufführen.
Am nächsten Tag fährt Sophie mit einem richtigen Cajun, Norbert LeBlanc, hinaus in die Sümpfe, wo sie Reiher und Alligatoren sichten und er ihr eine Lotusblüte pflückt. Mit ihm spricht sie Französisch, und ich war überrascht, wie fließend und normal er Französisch sprach, obwohl er -- trotz weißem Rauschebart -- noch gar nicht so alt war.
Abends geht es dann noch zu einem Konzert, wie ich glaube, in den Snug Harbor-Klub in the Marigny, gleich neben dem French Quarter. Gesungen hat Charmaine Neville, und Sophie war mit einer Art Rassel auch beteiligt.
Sehenswert fand ich das, vermittelt liebenswerte kleine Eindrücke. Was mir ein bisschen fehlte, waren die genauen Bezeichnungen der Orte (ich hätte gern gewusst, wo die Kirche, das verlassene Viertel, der Sumpf war, Snug Harbor habe ich mir von der Tür umgedreht zusammengereimt), und dass z.B. Charmaine, Charmaine Neville war, habe ich nur kurz im Abspann erhaschen können. Der Film dauert eine halbe Stunde und läuft noch ein paar Tage lang hier.

Montag, 24. Dezember 2012

Weihnachtsfeuer


Wenn man in diesen Tagen westlich von New Orleans auf der River Road entlangfährt, wird man vor allem in St. James Parish, der früher so genannten German Coast, am Ufer des Mississippi steil aufgeschichtete, tipiförmige Holzkegel sehen. Diese dürfen nicht höher als 18 Fuß oder 6 Meter sein und müssen offiziell angemeldet werden. Am Heiligabend um 19 Uhr werden sie alle gleichzeitig angezündet, mehr als 100 sollen es sein. Der Effekt ist dramatisch und bewegend, eine beinah existentielle Erfahrung. Ein Brauch der Cajuns mit ungeklärten Wurzeln, der sich inzwischen auch als Touristenattraktion herumgesprochen hat.
In diesem Jahr allerdings ist so schlechtes Wetter angesagt (zwar um die 20 Grad, aber Regen, Tornados), dass die Feuer möglicherweise ausfallen oder auf Silvester verschoben werden müssen.
Wo Ihr auch seid: Joyeux Noël und Frohe Weihnachten! (Fotos auch unter "Cajun Bonfire")

Sonntag, 14. Oktober 2012

Cajun-Gewürzmischung


Ob der Fernsehkoch Alfons Schuhbeck schon mal in Louisiana war? Und dort neugierig Kopfdeckel angehoben oder sogar mitgekocht hat? Ich glaube nicht.
Vor kurzem ist nämlich seine Cajun Gewürzmischung Teil meines Haushalts geworden. Die Namen der Zutaten kenne ich: Knoblauch, Paprika edelsüß, Pfeffer, Zwiebeln, Cumin, Coriander, Chillies, Ingwer, Kümmel, Oregano, Curcuma, Thymian, und das gefällt mir. Auch dass einige extra mit C geschrieben wurden, wohl in Erinnerung an das C in Cajun (und Cnoblauch?). Ich habe es gleich aufgemacht und daran geschnuppert und besonders den Kreuzkümmel herausgerochen, den ich mir kürzlich für ein karibisches Bauch-weg-Rezept aus meinem Sportstudio zugelegt habe. "Cajun" roch es aber nicht.
Auf der Webseite steht dann „Traditionsmischung aus der karibischen Küche. Das Temperament der Karibik: exotisch, sonnig, mit feiner Schärfe.“ Nun gibt es in Südlouisiana zwar Cajuns und karibische Einflüsse, aber sie sind nicht dasselbe. In der Karibik leben vor allem die Nachfahren afrikanischer Sklaven, von denen einige, zum Beispiel Haitianer nach der Befreiung nach Louisiana kamen. Viele von ihnen werden heute zu den Kreolen gezählt
Die Cajuns wiederum sind eigentlich Franzosen, die vor vielen Jahrhunderten (Ende des 16. Jhd.) nach Kanada auswanderten und ihren besonderen altmodischen Dialekt mitnahmen und bewahrten. Ihre Provinz, zu der übrigens auch Teile des Bundesstaates Maine gehörten -- deshalb gibt es dort auch noch eine französischsprachige Minderheit -- nannten sie Acadia. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Region britisch und die Briten forderten, dass sich die Akadier der britischen Krone unterwerfen. Als sie sich weigerten, wurden sie 1755 deportiert, wobei viele starben. Die meisten der Akadier, die es schafften, kamen den Mississippi herunter nach Louisiana, das damals französische Kolonie war. Dort ließen sie sich in den Wäldern und an den Bayous nieder und lebten von der Landwirtschaft und vom Fischfang. (Weil sich auf dem sumpfigen Boden Rinder nicht gut halten lassen, ist – anders als in den übrigen USA -- Schweinefleisch fester Bestandteil der Cajun-Küche.) Aus den Acadiens wurden (durch sprachliche Abschleifung) die Cajuns, die lange Zeit mehr oder weniger ungestört vor sich hin lebten, nicht üppig, aber indem sie ihre Sprache weiter sprachen, die sie mit gelegentlichen englischen Einsprengseln versahen, und eine lebendige Ess-, Musik- und Tanzkultur pflegten.
Karibik stimmt wiederum metaphorisch, denn die Cajuns lebten in einer völlig neuen natürlichen Umgebung in enger Nachbarschaft mit Schwarzen, Indianern und europäischen Einwanderern und wurden natürlich auch von diesen beeinflusst.
Und so hat Herr Schuhbeck dann doch wieder alles richtig gemacht. 
(Zur Information wird hier übrigens vor Essen gewarnt, das sich New Orleans, Cajun usw. nennt.)

Mittwoch, 30. Mai 2012

Am Mississippi

„Hach, du hast es gut, als Freiberufler kannst du dir deine Zeit einteilen,“ höre ich oft von Festangestellten. Dabei vergessen sie aber meistens, dass wir oft keine Feierabende oder Wochenenden haben, und dass man meistens entweder zu viel oder zu wenig (bezahlte) Arbeit hat. (Im Moment etwas zu wenig, schickt Aufträge!)
Letzte Woche habe ich das aber wirklich luxuriös ausgenutzt und bin am Donnerstag Mittag aufs Land zu meinen Eltern gefahren, um mir einen Film anzusehen und hier darüber zu berichten. Ein Freund hatte mich vor ein paar Wochen darauf aufmerksam gemacht: die dreiteilige Dokumentation Am Mississippi (Der tiefe Süden, Blues und Baumwollfelder, Von Elvis zu Mark Twain) von Peter Adler. Inzwischen habe ich verstanden, wie so etwas funktioniert: Die Serie wurde 2010 zum ersten Mal ausgestrahlt und dann immer wieder abwechselnd auf Arte, 3sat oder Phoenix.
Die gesamte erste Folge ist Louisiana gewidmet, während es in der dritten Folge ganz schnell von Memphis, Tennessee, an St. Louis und anderen hunderten von Kilometern vorbei nach Hannibal, Missouri, geht, dem berühmten Geburtsort von Mark Twain, den er in Tom Sawyers Abenteuer beschrieben hat. (Inzwischen ist Hannibal allerdings viel zu touristisch, um wirklich noch an den Heimatort von Tom und Huck zu erinnern. Ich habe mich vielmehr in dem abgelegenen Örtchen Brussels, Illinois, dorthin zurückversetzt gefühlt, wo mein Onkel und ich mal auf einem Dorffest waren.)
Wieder einmal hat hier ein Regisseur interessante Leute ausfindig gemacht und vorgestellt, wenn auch nicht immer direkt am Mississippi. Es beginnt mit dem Cajun David Allemond, der durch das Atchafalaya Basin paddelt, eine riesige, durch menschliches Eingreifen entstandene Sumpflandschaft, sehr meditativ, wenn man mit Mückenspray versehen ist. Der englischsprachige Wikipedia-Artikel zeigt die Veränderung des Flussverlaufs und des Deltas übrigens in einer interaktiven Karte.
Dann geht es in das berühmte Café des Amis in Breaux Bridge, gleich östlich von Lafayette, wo die Cajuns und Kreolen u.a. ihre Musik- und Tanzkultur pflegen. In New Orleans porträtiert er den Schmied Darryl Reeves, der viele der historischen Kunstschmiedearbeiten in der Stadt restauriert. Dann besucht er den Hobbymaler Charles Simms, der seine eigenen Bilder lieber sammelt als verkauft und spricht mit dem berühmten Trompeter Kermit Ruffins.
Im Norden Louisianas wird ausführlich von Flohmärkten, Rodeos und anderen Aktivitäten im Staatsgefängnis in Angola berichtet, wo die Mehrzahl der Häftlinge lebenslang einsitzt, obwohl sich einige von ihnen, wie die aktuellen Recherchen der Times-Picayune zeigen, schon längst rehabilitiert haben. Die letzte Station in Louisiana ist bei der Autorin Anne Butler, die als Familienerbin die Greenwood-Plantage nördlich von St. Francisville bewohnt und aufrechterhält.
Das nächste Mal laufen die drei Folgen am 13., 14. Und 15. Juni jeweils um 9.45 Uhr auf ZDFinfo. Also hier, finde ich, hat das deutsche Fernsehen unsere Rundfunkgebühren mal richtig gut angelegt.

Dienstag, 1. Mai 2012

Festival International de Louisiane

Letzte Woche sind meine Facebookfreunde aus Austin, Texas, mal wieder in ihr heimatliches Louisiana gefahren sind und zeigten sporadische Fotos von Konzerten mit den Red Stick Ramblers und Andre Thierry. Eigentlich hätte ich selbst darauf kommen müssen: Na klar, das Festival International in Lafayette, der Hauptstadt der Cajuns, ca. 240 Kilometer westlich von New Orleans – wirklich, so weit? In den USA verliert man einfach die Dimensionen.
Das Festival läuft über vier Tage und trifft immer auf das erste Wochenende von Jazz Fest, so dass die Entscheidung manchmal nicht leicht fällt. Und eigentlich ist sie doch ganz leicht. Das Festival International ist nämlich etwas ganz Besonderes. Es ist nicht kommerziell und es verteilt sich über das ganze Stadtzentrum von Lafayette, mit mehreren Bühnen, Kunstmärkten und Fressständen usw. Es ist privat, ungezwungen und immer unglaublich heiß. Die Konzerte sind kostenlos und das Festival wird von der ganzen Stadt und von Freiwilligen organisiert, so dass die Stimmung immer entspannt und sehr freundlich ist.
Aber das Allerbesonderste ist, dass es ein vorwiegend frankophones Festival ist, wo die gesamte musikalische Creme des ländlichen Louisianas spielt, Cajun und Zydeco-Bands und zugleich so eine Art Weltmusikfestival, mit Musikern aus dem frankophonen Kanada, aus Afrika, aus der Karibik, selbst aus Kuba. Sie eint das Lateinische/Französische und zugleich spielen sie eine eigene authentische Musik, die, und diesen Eindruck vermittelt das Festival, fast universeller ist, mehr „Welt“, als das globalisierte Musikbusiness.
In Lafayette spielten unter anderem die Red Stick Ramblers (nächsten Sonntag auch beim Jazz Fest), die auch in Anthony Bourdains No Reservations über Essen in Louisiana auftauchten (siehe hier), eine Cajun Swing Band, die sich in den 90er Jahren in Baton Rouge gründete (eben jener texanische Freund spielte dort Bass). Einer der Mitbegründer ist der junge Joel Savoy, aus der berühmten Savoy Family Cajun Band. Seine Eltern Marc und Ann Savoy musizieren seit 1977 zusammen. Der jüngere Sohn Wilson Savoy, der einmal in einem meiner Deutschkurse ein äußerst talentierter Schüler war, spielt auch bei den Lost Bayou Ramblers und den Pine Leaf Boys.
Beim Festival International war ich auch mit französischen Freunden und es bringt mein kleines französisches Ich auf eine Art zum Schwingen, die so ganz anders ist als in Paris oder Frankreich. Denn obwohl das 20. Jahrhundert das Französische der Cajuns und der Kreolen im Alltag fast völlig ausgemerzt hat, außer bei sehr alten Menschen, ist die französische Seele Louisianas lebendig, bewahrt vor allem in der melancholischen und doch auch lebensfrohen Musik, die lebt und sich entwickelt und weitervererbt wird. Durch das Festival steht sie in Verbindung mit anderen frankophonen Kulturen der Welt, wo allerdings wie in Kanada auch die Sprache noch Teil der Identität und Kultur ist.
Auch die 17 Hippies versuchen sich manchmal an Cajun-Musik und viele Nachahmer in Las Vegas, Atlantic City, Branson, Missouri, oder auch auf der Bourbon Street in New Orleans. 2009 war ich zufällig zum Wassermusik-Festival im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Als aus dem Tanzsaal Cajun-Musik klang, war ich deshalb erst einmal sehr skeptisch. Aber dann zog mich die Musik hinein und näher und verzauberte mich. Da war sie die Cajun-Musik ganz pur, einfach nur ein paar Männer mit strahlend weißen Hemden, Akkordeon, Gitarre, Stimmen – Ray Abshire, von dem ich noch nie gehört hatte. Das war es. So muss es sein. Und jetzt seufze ich ganz tief: Vielleicht schaffe ich es ja nächstes Jahr, live vom Festival International zu berichten.

Freitag, 16. September 2011

Essen: Ein Glossar

Die Einträge beziehen sich auf „No Reservations oder Essen“ vom 1. September. Einige Erklärungen basieren auf dem Kochbuchheftchen Cookin' with Coop von Coop’s Place, 1109 Decatur Street im etwas abgelegeneren Ende des French Quarters. Rustikales, relativ preiswertes Restaurant mit einheimischer Küche und sehr schmackhaft.
Blackened: Meistens Fisch in Gewürzen paniert und dann sehr heiß und kurz gebraten, so dass es innen zart und saftig bleibt. Scharf! Und sieht schwarz aus. Typisch für die Cajun-Küche.
Boudin (sprich Budän – möglichst mit französischem Nasal): Cajun-Wurst aus Reis, Fleisch und Gewürzen. Oft scharf. Wird gekocht und dann serviert.
La Boulangerie: 4526 Magazine Street in Uptown. Ich habe gleich um die Ecke in der Jena Street gewohnt. Französischer Besitzer bäckt französisch (und spricht mit französischem Akzent). Die besten Croissants und pains au chocolat außerhalb Frankreichs, sage ich.
Creole Creamery: 4924 Prytania Street in Uptown. Eine echte Kiezeisdiele. Eis ist ja in den USA immer viel cremiger und mit mehr Zutaten drin als in Europa. Hier gibt es fast alles, viel mit Pecans. Meine liebste Sorte: Creole Cream Cheese. Als ich 2009 das letzte Mal da war, hingen an den Wänden viele Fotos von dankbaren Kindern, die hier ihr Glück gefunden hatten, aber auch von Feuerwehrmännern und National Guard-Truppen, die nach dem Hurrikan in der Stadt stationiert waren.
Fajita (sprich Fachita): Eine mexikanische oder wohl besser Tex-Mex-Spezialität. Ich mochte sie am liebsten im Superior Grill, einem Tex-Mex-Restaurant. Gegrilltes, sehr dünnes Rindsteak mit Tortillas und Gemüsen.
Grits: Maisgriesbrei. Typisch für die Südstaaten, wo man sie besonders bei einem großen Frühstück isst. Indianischen Ursprungs. Es gibt Abwandlungen wie cheese grits, mit Käse.
Gumbo (sprich Gambo): Manche nennen es Cajun Bouillabaisse. Eine dicke Suppe mit frischem Gemüse und Meeresfrüchten, meistens mit Okraschoten und meistens auf der Basis von roux. Sehr würzig, mit Tabasco-Sauce und Kräutern. Außerdem filé, zermahlene Sassafras-Blätter. Das Wort Gumbo soll von dem afrikanischen Wort für Okra stammen.
Jambalaya (sprich Dschambalaja): Cajun Paella? Reis wird mit Meeresfrüchten und anderem Fleisch, Gemüsen und scharfer Würze gekocht.
King cake: Abgeleitet von der französischen galette des rois (Königskuchen--schmeckt aber nicht ganz so gut wie dort). In Frankreich ist man die galette im Januar, im Wesentlichen um die Zeit von Epiphanias (Dreikönigstag 6. Januar). In Louisiana gehört der king cake zum Mardi Gras/Karneval und wird bis zum Fastnachtstag selbst gegessen. Er ist sehr süß, oft in den Karnevalsfarben Gold-Grün-Lila verziert und darin steckt (statt der fève in Frankreich) ein Plastebaby – Jesus. Wer es in seinem Stück findet, muss den nächsten king cake kaufen. Am liebsten mag ich den Zulu king cake, benannt nach dem gleichnamigen Karnevalsverein und Parade, mit Schokoladenglasur und Kokos, darin natürlich ein schwarzes Baby.
Mustard Greens: Senfblätter, Brassica juncea. Wie auch die noch üblicheren Collard Greens gehören mustard greens zum soul food, der typischen Küche der Afroamerikaner im Süden der USA. Einige der Gebräuche, wie auch die Verwendung von Okraschoten, Reis usw. werden auf westafrikanische Ursprünge zurückgeführt. Ich habe die Blätter einfach in Wasser gedünstet. Dazu Grits und vielleicht ein Setzei. Schmeckt sehr senfig.
Pecans: In Louisiana sagt man Peckaaans, in South Carolina habe ich Pieeekens gehört. Carya illinoinensis. Die weichsten Nüsse der Welt. Sie sind dunkler, schlanker und weicher als unsere Walnüsse und so schmecken sie auch, aber die Schale und äußere Form ist ganz anders. In Donaldsonville hatte ich einen Baum im Garten. Die Nüsse fallen ab, man sammelt die vielen schmalen Hülsen auf und kann dann den ganzen Winter lang knacken. Ich nehme sie gern im Müsli oder im Salat (Spinatblätter, Orangenspalten, Pecans, dazu einen Hauch Sauce aus Joghurt und Rotweinessig, Salz, Pfeffer), und es gibt natürlich Kekse, Pecan Pie und viele andere Süßigkeiten. Auf einer Webseite wird angeregt, dass er auch in Mitteleuropa gut wachsen soll. 
Po’boy: Abgeleitet von poor boy (armer Junge). Ein längliches Sandwich, wie ein „Subway“ (U-Bahn)-Sandwich aussehend, mit Meeresfrüchten o.ä. Der Legende nach entstand der Name 1929 während eines längeren Streiks der Straßenbahnfahrer. Ein Imbissladenbesitzer gab die Sandwiches kostenlos an die Streikenden ab, die als „poor boys“ bezeichnet wurden.
Roux (sprich Rrruh): Kommt natürlich aus dem Französischen. Mehlschwitze, die Basis vieler louisianischer Gerichte. Gleiche Teile Mehl und Fett, in Louisiana meist Pflanzenöl. Coop’s hat sehr detaillierte Anweisungen: ein kontrollierter Verbrennungsprozess. Man nehme eine gusseiserne Pfanne, einen Holzlöffel und rühre 15 Minuten auf dem Feuer, bis er eine Konsistenz wie Honig hat. Vom Feuer nehmen und weitere 2-3 Minuten rühren.
Snowball: auch Snoball (Schneeball). Dünn geschabtes Wassereis in Kugelform, das mit farbigen Sirups benetzt wird. Eine tolle Erfrischung. Bei V. S. Naipaul habe ich gelesen, dass es auch in Trinidad snowballs gibt; in den restlichen USA heißt es snowcones. Einer der besten Läden in New Orleans ist technisch gesehen in dem Vorort Metairie: Sal's Snowballs 
1823 Metairie Road, eine einfache Holzbude am Straßenrand, mit ein paar abgesägten Baumstämmen als Sitzplätzen davor.
Inzwischen weiß ich übrigens, dass das obige Foto ein Établissment namens Déja vu zeigt, Ecke Dauphine und Conti Street. Allerdings weiß ich nicht mehr, ob ich schon mal dort gegessen habe...

Samstag, 10. September 2011

Im Louisiana Kid in Berlin

Gestern war ich im Louisiana Kid in der Alten Schönhauser Straße. Beinahe hätten mich die schlechten Kritiken im Internet davon abgebracht: aufgewärmte Fertigprodukte, lustlose Bedienung, lärmende Touristen aus dem dazugehörigen Hostel, heißt es dort. Tatsächlich ist das Restaurant unten im Wombat’s Hostel (was ein australisches Nagetier ist) und teilt sich mit diesem die Toilette. Als wir gegen halb sieben ankamen, waren wir fast die ersten, und dann füllte sich das Restaurant sehr gemächlich. Die Einrichtung ist gediegen: dunkle Holztische und –stühle, ein paar dunkelgrüne Dinerbänke, viele Fotos, atmosphärisches Licht. Die aubergine-dunklen, zur Seite gerafften Vorhänge erinnern an reichere louisianische Häuser, waren aber zu durchsichtig, um echte Hitze und Sonne abzuhalten. 
Wir bestellten Wein, weil es kein louisianisches Bier gab und die Cocktails recht teuer waren. Und zu speisen: CREOLE CREAMED SPINACH (Lauwarmer Blattspinat in leichter Dijon-Senf-Sahnesauce mit Bananenscheiben und gerösteten Sonnenblumenkernen“) für 7,20 € und BLACKENED CATFISH („Landestypisch, in einer etwas schärferen Gewürzmischung, dunkel gebratener, amerikanischer Wels mit Süßkartoffelpüree und mildem Bananendip“) für 12,80 €. Das Warten hätten wir uns mit etwas pappigem Weißbrot und Becel-Diätmargarine aus kleinen Hotelportionierungen vertreiben können. 
Als das Essen kam, war es schon irgendwie exotisch, aber wie erwartet nicht besonders authentisch. Dabei ist es natürlich schwierig, woanders, wo die Zutaten immer anders sind, wie zu Hause kochen oder backen zu wollen. Und doch: Schon die Kombinationen klingen ungewöhnlich: Bananen? Stimmt, die wachsen in Louisiana, werden aber nie zum Essen reif. Dijon-Senf? Ja, gibt’s dort auch im Supermarkt. Süßkartoffelpüree? Isst man in den ganzen USA zu Thanksgiving, ist aber nicht besonders typisch für den Süden. Der Spinat schmeckte vor allem senfig und der Fisch nach Marjoran. Meine Begleitung meinte, es schmecke, als wenn sich ein paar Studenten überlegt hätten, mal was Anderes auszuprobieren. Etwas bestärkt in dieser Ansicht hat mich auch die Erklärung auf der Speisekarte, dass man die Cajuns auch als Kreolen bezeichnen könnte, aber diesen Unterschied werde ich ein andermal erklären.
Nach dem Essen habe ich die Fotos an den Wänden studiert, aus Neugier, was man mit Louisiana so assoziiert. Es waren durchweg historische Fotos und durchweg von Schwarzen (dabei sind die Cajuns ja europäischer Abstammung). Sehr viele Musiker, meist arm aussehend, darunter auch eine Beale Street Band (wobei die Beale Street in Memphis, Tennessee, ca. 5-6 Stunden entfernt, liegt und als Geburtsstätte des Blues gilt). Eine Wand war vor allem Fotos von Malcolm X, Martin Luther King und Muhammad Ali vorbehalten, Ikonen der Bürgerrechtsbewegung, die aber nichts mit Louisiana zu tun haben, außer das Muhammad Ali mal in New Orleans geboxt (und gewonnen) hat. Nur auf der einen Wand war eine kleine Singlehülle von Louis Armstrong und seinen Hot Five. Ach, und die Musik im Restaurant war zurückhaltend und unbestimmt bluesig.
Der Name Louisana Kid sagt mir erst einmal nichts. Vielleicht ist es eine Abwandlung von Kid Creole, einem Restaurant in Friedrichshagen, oder man kocht nach dem Kinderkochbuch Louisiana Kid's Cookbook: Recipes, How-To, History, Lore & More! von Carole Marsh, das es mal gegeben haben muss?
Und doch ist dies kein Verriss, denn der Abend war nett und das Ambiente angenehm. Besonders reizvoll ist, dass das Restaurant ca. 20-30 Zentimeter tiefer als der Bürgersteig liegt und und die Fenster bis auf diesen reichen, durch die man einen lautlosen, meditativen Blick auf den Freitagabendverkehr mit den strahlenden Ampeln hat. Ein Hund kam auch und schnüffelte ausgiebig vor unserem Fenster.
Also, für eine Phantasiereise in eine Karl-May-mäßig phantasierte, exotische Welt mitten in Berlin ist das Louisiana Kid allemal gut. 

Donnerstag, 1. September 2011

No Reservations oder: Essen!

Die louisianische Küche nimmt in der ansonsten eher farblosen US-amerikanischen Kochtradition einen gepfefferten Platz ein. Seit den sechziger Jahren hat sie sich im ganzen Land verbreitet und seitdem wird Vieles, was man zu scharf würzt, mit dem Vorsatz Cajun versehen. Dabei besteht natürlich ein Unterschied zwischen der ländlichen Kultur und Küche der Cajuns (sprich Kejdschins) und dem multikulturellen Büffet namens New Orleans.
Der Fernseh-Starkoch Anthony Bourdain reist mit seiner Sendung No Reservations* im Travel Channel jedes Mal an einen anderen Ort auf der Welt. 2008 war er schon einmal in New Orleans, wo er über den Wiederaufbau und die Wiedereröffnung nach Katrina berichtete. Jetzt hat er es wieder getan: Er ist nach New Orleans gefahren, traf sich mit Mitarbeitern der Fernsehserie Treme, wo er an der zweiten Staffel mitgeschrieben hatte. Und dann ging es weiter aufs Land, ins Cajun Country. In seinem dazugehörigen Blog schreibt er, dass die beste Küche oft aus den ärmsten Landstrichen kommt, und dazu gehört das Land der Cajuns ganz gewiss. Aus den Südstaaten und besonders Louisiana komme die eigentliche amerikanische Küche, die woanders so nicht hätte entstehen können. Wie Jazz, schreibt er, ist sie das Ergebnis von magischen und bizarren Kreuzungen und Umständen und entstanden nach langen Reisen, viel Kummer und einfachen Vergnügungen. Der Süden, fasst er zusammen, hat uns allen beigebracht, wie man kocht.
Auf der Webseite sieht man auch einiges nicht verwendetes Material, wie seine Fahrt durch eine Drive-Thru Daiquiri Bar in New Orleans: Stimmt ja!, nirgendwo anders in den USA darf man mit offenen Alkoholbehältern auf der Straße angetroffen werden, aber am Steuer ist es natürlich auch hier nicht erlaubt. Oder von seinem Besuch auf dem Land, wo er kräftig bei einer „boucherie“, einem Schlachtfest, mitgeholfen hat. (Dazu siehe auch New York Times.)„Alle kochen,“ schreibt er, „Männer, Frauen, sogar die Kinder helfen mit.“ Wenn man sich allerdings die Fotos ansieht, wird da für meinen Geschmack ein bisschen zu nonchalant über das arme Schwein - Anthony Boudin (wie die Cajun-Wurstspezialität) - gewitzelt, das er eigenhändig mit zwei Kugeln erlegt. Aber es ist natürlich wahr - louisianische Küche ist fleischlastig und besteht fast immer aus Tieren: Austern, Krabben, Krebse, Fisch, Schwein, Huhn, ganz selten auch mal Alligator. Da geht doch sicher noch was...
Eine weitere Rundfunkpersönlichkeit - Peter Sagal, Moderator der Kult-Nachrichtenquizsendung Wait wait don’t tell me auf National Public Radio - schrieb im April in seinem Blog über seinen kulinarischen Besuch in New Orleans, ein paar Tage zwischen touristisch bekannten Adressen (wie dem Cafe du Monde im French Quarter) und bei Einheimischen beliebten Etablissements. Und wie er es schildert, klingt es durchaus nach einer kleinen Entdeckungsreise.
Hier in Berlin (wo Anthony Bourdain übrigens auch schon mit der Sendung war) gibt es mindestens vier louisianisch angehauchte Restaurants. Also ist wohl wirklich etwas dran?
Schon in Louisiana habe ich sehr selten Fleisch gegessen, aber ein Jambalaya, einen Gumbo, einen Halb-und-Halb Austern und Shrimp Po’Boy oder auch eine mexikanische Fajita habe ich mir schon gelegentlich mal geleistet. Aber was mir wirklich fehlt, sind so Dinge wie Mustard Greens und Grits, wirkliche Arme-Leute-Küche, die es im Restaurant nicht gibt. Dann die französische Boulangerie mit echten Croissants gleich um die Ecke. King cake zu Mardi Gras. Frische reife Mangos. Snowballs. Das Eis in der Creole Creamery. Alles mit Pecans. Hmmmmmmmm. Ach! Aber darüber ein andermal mehr.
* No Reservations ist ein netter Titel für die Sendung, denn es bedeutet einerseits "ohne Reservierung" und andererseits "vorbehaltlos" und "keine Zurückhaltung".