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Dienstag, 10. September 2013

Alice Dunbar-Nelson


Im Februar habe ich hier eine Karnevalsgeschichte eingestellt, in meiner Übersetzung, die zwar etwas melodramatisch ist, aber doch einen kleinen Eindruck des New Orleans am Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Titel: Odalie, geschrieben hatte sie die junge Alice Dunbar-Nelson (1875-1935). Siehe hier.
Inzwischen habe ich mich etwas mehr mit der Autorin beschäftigt und möchte sie hier vorstellen. Geboren wurde sie als Alice Ruth Moore in New Orleans. Sie war Kreolin und gehörte somit zur „multiracial“, traditionell französischsprachigen Gruppe der „Farbigen“ („people of color“), obwohl sie auch fälschlicherweise als Afroamerikanerin geführt wird.  Ich habe hier schon erwähnt, dass in New Orleans fast nichts einfach schwarz-weiß ist und es historisch bedingt viele freie Schwarze gab und viele dunkelhäutige Kreolen (siehe Mary Gehmans Buch Free People of Color). Diese ethnisch-rassische Unbestimmtheit und Fragen der Identität sowie die damit verbundene Anerkennungshierarchie innerhalb der Minderheit thematisiert Alice Dunbar-Nelson in einigen ihrer Texte (darunter „The Stones of the Village“ -- „Die Steine des Dorfs": über einen hellhäutigen Aufsteiger, der seine afroamerikanischen Wurzeln verleugnet, „Brass Ankles Speaks“ -- „Messingknöchel spricht sich aus" -- autobiografischer Bericht über ihre Kindheit als fast weißes Mädchen unter Schwarzen).
Alice Dunbar-Nelson studierte an der Straight University (heute Dillard) und arbeitete ab 1892 als Lehrerin. Sie gründete in Brooklyn eine Mädchenschule. Sie lebte in New York, Washington D.C. und Wilmington, Delaware. Sie war politisch aktiv, setzte sich für die Rechte der Afroamerikaner und Frauen ein, für Bildung und das Frauenwahlrecht, gegen Lynching usw. 1898 heiratete sie den Lyriker Paul Dunbar, wurde aber nach vier Jahren geschieden. Sie heiratete dann den Arzt Henry A. Callis und schließlich Robert J. Nelson, einen Lyriker und Bürgerrechtler. Wie Paul Dunbar wird sie zur Harlem Renaissance gezählt.
Mit 20 erschien ihre erste Kurzgeschichtensammlung Violets and Other Tales; die zweite The Goodness of St. Rocque and Other Stories kam 1899 heraus. Neben Gedichten und Kurzgeschichten begann sie mindestens drei Romane zu schreiben. Sie verfasste zahlreiche politische Essays und Kolumnen, akademische Artikel und ein ausführliches Tagebuch.
Einige ihrer Kurzgeschichten, u. a. „Odalie“ und eine weitere Karnevalsgeschichte „A Carnival Jangle“ sind sehr sentimental, aber in dieser Sentimentalität gelingt es ihr oft, anhand eines einzelnen Schicksals ein bestimmtes Problem zu thematisieren.
Mir gefallen vor allem Essays wie „The Woman“, wo sie darüber nachdenkt, warum berufstätige Frauen eigentlich heiraten sollten. Sie verfasste auch eine Zeitungskolumne unter dem Titel „From A Woman’s Point of View“, dann umbenannt in „Une Femme dit“. Interessant ist für mich in ihren früheren Geschichten auch der Bezug auf New Orleans mit seiner französisch-kreolischen Prägung.
Auf dieser Webseite finden sich einige ihrer Essays, auf Deutsch ist leider noch nichts erschienen.

Dienstag, 12. Februar 2013

Odalie

Es ist Fastnacht, Mardi Gras, und in New Orleans, Südlouisiana, in Teilen von Mississippi und Alabama wird heute die Post abgehen! Wir hier in Berlin essen aus Anlass des Tages einen Pfannkuchen.
Aber damit Ihr nicht völlig darben müsst, biete ich Euch hier ein Schmankerl, so hoffe ich: Meine Übersetzung einer Karnevalsgeschichte von Alice Dunbar-Nelson (1875-1935), einer auf Deutsch noch unentdeckten kreolischen Autorin, Journalistin, politischen Aktivistin aus New Orleans, die u.a. mit der Harlem Renaissance verbandelt war.
Die Geschichte „Odalie“ veröffentlichte sie im Alter von 20 Jahren, deshalb mag man ihr die Melodramatik nachsehen. Sie beschreibt einen Karneval ihrer Zeit im French Quarter von New Orleans und erzählt von einem jungen Mädchen noch vor ihrer Zeit, für die zum Karneval und auch an den anderen Tagen definitiv nicht die Post abging (und das Leben von Frauen thematisiert sie auch in ihren späteren Texten. Hier also eine Weltpremiere: „Odalie von Alice Dunbar-Nelson erstmals auf Deutsch. Das Original findet sich hier.

Alice Dunbar-Nelson
ODALIE
Dann und wann kommt der Karneval zur Zeit des guten Sankt Valentin und manchmal kommt er erst spät in den warmen Märztagen, wenn der Frühling schon da ist und das Grün des Grases das Grün der königlichen Standarten aussticht.
Viele Tage vor dem eigentlichen Karneval gewandet sich New Orleans in sein Festkleid. Hier und dort erscheinen die Karnevalsflaggen mit ihrem leuchtenden Grün, Violett und Gelb, und dann, wie von Zauberhand, erflammen die Straßen und Gebäude und platzen aus den Knospen wie der Mohn, in ein herrliches Feuerwerk der Farben, das die Sinne in eine wohlige Akzeptanz von Wärme und Schönheit tunkt.
Am Fastnachtsdienstag, wie Sie wissen, ist es eine Stadt, die von all der Narretei toll geworden ist. Ein riesiger Maskenball, der sich bei Tageslicht auf die Straßen ergießt, eine Stelldichein aller Nationen auf gemeinsamen Boden, ein Potpourri aus jeder erdenklichen menschlichen Zutat – all das kann es nur vage beschreiben. Es gibt Musik und Blumen, Schreie und Gelächter und Lieder und Frohsinn, und niemals ein schmerzendes Herz, das seinen Kummer zeigt oder das Glück der Straßen trübt. Eine wundersame Sache, dieser Karneval!
Aber die alten Freunde da im Französischen Viertel, die alles wissen und manch eine Geschichte kennen, berichten von einem trauernden Herzen zur Fastnacht vor vielen Jahren. Natürlich war es ein Frauenherz, denn „Il est toujours les femmes qui sont malheureuses“* geht ein altes Sprichwort, und vielleicht stimmt das. Diese Frau – anderswo würde man sie ein Kind nennen, außer in diesem Land der tropischen Fülle und der Frühreife – verlor ihr Herz an einen, der nichts davon wusste, übrigens durchaus eine übliche Geschichte, die aber ihr Vater, der hochmütige Richter, für ziemlich geschmacklos gehalten hätte, hätte er davon gewusst.
Odalie war schön. Odalie war auch stolz, aber gütig genug gegen jene, die ihrem zarten Gemüt gefielen. In dem alten französischen Haus auf der Royal Street, mit seinen altertümlichen Fenstern und dem spanischen Hof, grün und kühl und durch das Plätschern einer Fontäne und das Trillern von Vögeln in ihren Käfigen mit Musik erfüllt, lebte Odalie in klosterähnlicher Abgeschiedenheit. Monsieur le Juge war darauf bedacht, dass kein Falke in den Käfig eindringen und sein Täubchen stehlen konnte, und so gab es zwar keine Mutter, doch eine strenge Tante wachte als Anstandsdame über das Mädchen.
Ach, die Vorkehrungen der Tante! Leuchtende Augen auf der Suche nach anderen leuchtenden Augen, in denen der Geist der Jugend und des Übermuts lauert, halten überall Ausschau, selbst in der Kirche. Pflichtbewusst brachte man Odalie jeden Sonntag zur Messe in die Kathedrale, und Tante Louise, die über ihren Perlen fromm mit dem Kopf nickte, bemerkte das Erröten und die bedeutungsvollen Blicke nicht, einen ganzen Code aus Signalen, die zwischen Odalie und Pierre, dem mittellosen, jungen Gerichtsbeamten, hin und hergingen.
Vielleicht liebte Odalie, weil es nicht viel Anderes zu tun gab. Wenn man in einem großen französischen Haus mit der grimmigen, schläfrigen Tante und ohne Kameraden seines Alters eingeschlossen ist, wird das Leben stumpf und man wartet auf irgendein neues Gefühl, vor allem wenn in den Adern das ungestüme spanisch-französische Blut tost, auf das Monsieur le Juge so stolz war. Also hielt Odalie an den Wochentagen das Traumbild ihres Pierre fest in den Armen und spielte ihm bebende, kleine Liebeslieder, wenn la Tante in der Dämmerung über ihrem Andachtsbuch döste, und sonntags bei der Messe gab es wieder Blicke und Erröten und vielleicht in einem besonders in Erinnerung gebliebenen Augenblick, während la Tante ihren letzten Kniefall machte, das Berühren von Fingerspitzen am Weihwasserbecken.
Dann kam die Karnevalszeit und ein kleines Herz schlug schneller, als das graue Haus auf der Royal Street seine bunten Fahnen heraushängte und die trostlose Fassade mit leuchtenden Farben schmückte. Es sollte eine Zeit der Freude und der Muße werden, wo alle überall hingehen konnten und man auf der Straße sprechen konnte, mit wem man wollte. Unbewusst wurden Pläne formuliert und die kleine Odalie war glücklich, je näher die Zeit rückte.
„Stell dir doch mal vor, Tante Louise,“ rief sie, „was das für eine glückliche Zeit sein wird!“
Aber Tante Louise brummte nur irgendetwas, wie es ihre Art war.
Endlich war Fastnacht gekommen und schon früh hörte Odalie durch das Fenster das Klingeln der närrischen Glocken an den Kostümen der Maskierten, das Klimpern von Musik und den Widerhall von Liedern. Hoch zu ihren Ohren drang das Gelächter der älteren Maskierten und das Kreischen der kleinen Kinder, die sich vor ihrem eigenen Anblick unter der Maske und dem Dominomantel fürchteten. Was für eine Aufregung, draußen in dem kunterbunten, fröhlichen Gedränge zu sein, die Royal Street zur Canal Street hinabzuschreiten, wo das Leben und die Welt war!
Es waren müde Augen, mit denen Odalie schließlich auf das heitere Treiben blickte, müde, Pulk über Pulk Maskierter und Unmaskierter zu beobachten, in die Wagenladungen singender Musikanten und in die Kutschen der Feiernden zu schielen, in der Hoffnung auf einen Blick auf Pierre den Treuen. Die Umzugswagen mit ihren rot drapierten Pferden rumpelten vorbei und verloren langsam ihren Charme, die Kostüme sahen billig aus, sogar die Fahnen in fröhlichen Farben flatterten Odalie traurig zu.
Fastnacht war doch ein ermüdender Tag, seufzte sie, und Tante Louise stimmte ihr ausnahmsweise zu.
Es war sechs Uhr, die Zeit, wo alle Masken abgenommen werden müssen. Die langen roten Strahlen der untergehenden Sonne funkelten quer über die bunten Kostüme der Karnevalisten, die demaskiert Richtung Heim zogen, um sich vor dem letzten wilden Tollen der Nacht auszuruhen.
Die Toulouse Street herunter kam die fröhlichste aller Scharen. Junge Männer und Frauen im zarten, feenhaften Gewand, Tänzer und Kleider des malerischen Empires, ein oder zwei Schmetterlinge und ab und zu eine Dame mit gepudertem Haar und der Anmut alter Zeiten. Mit unmaskierten Gesichtern sangen sie, tanzten Richtung Tante Louise und Odalie. Da stand sie mit glänzenden und tränenschweren Augen, denn ganz vorn lief Pierre, Pierre der Treulose, die Arme um die schlanke Taille eines Schmetterlings geschlungen, dessen flitterndes gepudertes Haar über die Spitzenrüschen seines Empirerocks floss.
“Pierre!” rief Odalie leise. Niemand hörte sie, denn es war nur ein schwacher Hauch, der unbeachtet verhallte. Die lachende Schar bewarf sie mit Blumen und Naschereien und ging ihres Wegs, und selbst Pierre sah sie nicht.
Wissen Sie, wenn man hinter den düsteren Wänden eines Hauses auf der Royal Street eingesperrt ist, mit niemandem außer einer Tante Louise und einem verbitterten Richter, wie soll man da lernen, dass es auf der Welt Treulose gibt, die einem bei der Messe zärtlich in die Augen schauen und mit liebkosenden Fingern das Weihwasser reichen, ohne Hals über Kopf verliebt zu sein? Es gab niemanden, der das Odalie hätte erklären können, und so saß sie an diesen matten ersten Tagen der Fastenzeit zu Hause und hätschelte ihre kostbare tote Liebe und trauerte, wie es Frauen seit undenklichen Zeiten immer wieder tun, über die Untreue eines Mannes. Und als sie eines Tages darum bat, ins Ursulinenkloster zurückkehren zu dürfen, wo sie ihre Kindheitstage verbracht hatte, allerdings jetzt als Nonne, da befanden es Monsieur le Juge und Tante Louise durchaus als das Schicklichste und Günstigste für sie; denn wie sollten Sie um das Geheimnis jener Fastennacht wissen?
Übersetzt von Ina Pfitzner

* Es sind immer die Frauen, die unglücklich sind.
** Monsieur le Juge: der Herr Richter