Um die Oscars hatte es viel Aufregung gegeben, unter dem Motto #OscarsSoWhite, und der Moderator Chris Rock hatte sich ordentlich darüber lustig gemacht. Zum Teil war es das berühmte im Halse steckenbleibende Lachen, so als er sagte, in den sechziger Jahren hätten sich die Schwarzen nicht beschwert, weil sie andere Probleme hatten (Lynchings usw.), oder dass in der Erinnerungskategorie für Verstorbene dieses Mal an die Schwarzen erinnert würde, die auf dem Weg ins Kino von Polizisten erschossen wurden.
Neben all den weißen Schauspielern und Künstlern (wobei Chris Rock auch thematisierte, warum die Preisvergabe überhaupt in Männer und Frauen unterteilt ist) waren auch weiße Filme nominiert, vor allem „The Revenant“ mit Leonardo di Caprio, wohl ein ziemlich brutaler Kracher. Aber gewonnen hat dann ein anderer Film, der mich schon im Vorfeld interessiert hatte, Spotlight, eine Hollywood-Produktion mit Anspruch und einem ernsten Thema. Spotlight heißt ein Spezialteam der Tageszeitung Boston Globe, das investigative Reportagen verantwortet und dafür monatelang recherchieren darf. (Diese Abteilung gibt es heute noch, mit 7 Mitarbeitern, darunter auch Michael Rezendes, der im Film von Mark Ruffalo gespielt wird.)
Der Film zeigt, wie das Spotlight-Team gerade nach einem neuen Thema sucht, und von dem neuen Chefredakteur, Marty Baron, gleich an seinem ersten Tag auf einen Fall angesetzt wird, der immer mal wieder im Lokalteil auftauchte. Gerade am Wochenende zuvor hatte eine Kolumne über Missbrauchsvorwürfe gegen einen Priester mit den Worten geendet: The truth may never be known. (Die Wahrheit wird wohl nie herauskommen.)
Warum eigentlich, fragte sich Baron, eine Frage, die sich die Einheimischen nie gestellt hatten. Wie sich zeigte, weil die katholische Kirche in Boston so allgegenwärtig und allmächtig ist, dass sie selbst Gerichtsakten verschwinden lassen und Missbrauchsfälle in außergerichtlichen Vergleichen abgelten kann. Der Film zeigt die wochenlange Recherche der Journalisten, das Fordern nach Akteneinsicht, das Herumtelefonieren, Leute zum Reden bringen, die nicht reden wollen, Akten und Jahrbücher durchforsten, Notizen machen, nachdenken, zu wenig essen, zu wenig schlafen, den emotionalen Stress. Das alles wird – wie immer wieder betont wird – treffend und nicht sensationell herübergebracht und ist trotzdem spannend und aufregend. Für ihre Recherche wiederum hatten sich die Filmemacher und Schauspieler mit den Reportern getroffen und einiges abgeguckt. Darüber berichten sie in zwei Interviews auf NPR (in On the Media und Fresh Air) und in verschiedenen Talkshows.
Gleich bei Erscheinen des ersten Artikels einer ganzen Serie, das zeigt der Film, meldeten sich hunderte Missbrauchsopfer, die zum ersten Mal über ihre Erfahrung reden konnten. Und nicht nur das. Die Serie bekam einen Pulitzer-Preis und löste weltweite Untersuchungen aus. In Deutschland allerdings erst 2010 mit dem Brief des Rektors des Berliner Canisius-Kollegs, und wie es scheint, ist da noch gar nicht so sehr viel geschehen.
Was der Film überaus deutlich klar macht, ist die Bedeutung von Zeitungen, ihre Existenzberechtigung, die auch der Chefredakteur anspricht. Die Frage ist doch, was kann die Presse leisten, was digitale Medien nicht so gut können? Wie kann sich die Presse behaupten?
Genau so, davon bin ich überzeugt.
Indem sie Themen thematisiert, die ihre Leser berühren und ihnen am Herzen liegen. Das kann investigativer Journalismus. Und so ist der Boston Globe bis heute eine wichtige überregionale Zeitung, und das Spotlight-Team recherchiert weiter, auch wenn viele Mitarbeiter entlassen wurden. Wie die Washington Post (gegründet 1877) wurde der Boston Globe (gegründet 1872) 2013 an private Unternehmer verkauft, was sich auf die Unternehmungspolitik auswirkte und im Falle der Washington Post, die Jeff Bezos gehört, auch immer mehr in politisch tendenziös wirkender Berichterstattung äußert.
Die New Orleans Times-Picayune (gegründet 1837), die ich lange kannte und liebte, war auch für ihre Rolle nach Hurrikan Katrina Pulitzer-Prize-gekrönt und sorgte später mit einer Serie über das Gefängnissystem in Louisiana für Aufsehen. Darin konnte sie zeigen, dass aufgrund von Korruption und Geschäftsinteressen die (privat betriebenen) Gefängnisse in Louisiana immer gut belegt sind und der kleine Bundesstaat die größte Gefängnispopulation der USA und damit der Welt hat.
Obwohl die Times-Picayune einen sehr treuen Abonnentenstamm hatte, ließen die neuen Besitzer sie ab 2012 nur noch drei Mal die Woche drucken und leiteten damit den bis heute andauernden Untergang des Traditionsblatts ein. Dafür sprang der Advocate aus Baton Rouge mit einer New-Orleans-Ausgabe in die Bresche und wird immer beliebter. Und zeigt, dass es auch anders geht. (Ich hatte 2012 hier im Blog immer wieder berichtet.)
Fazit: Guter, fundierter Journalismus von erfahrenen und lokal verwurzelten Reportern und Reporterinnen macht sich bezahlt! Spotlight: Ansehen! Allerdings: Es spielen nur Weiße mit.
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Dienstag, 15. März 2016
Sonntag, 5. Januar 2014
Treme -- das Ende
Ende Dezember lief die letzte, eine halbe, Staffel der Fernsehserie Treme, die jetzt 38 Monate später wieder einsetzt. Die Serie spielt ja in der Zeit nach Hurrikan Katrina, vor allem in dem historischen kreolischen Viertel Treme gleich neben dem French Quarter, das jetzt hübsch gentrifiziert wird, wie ich bei meinem letzten Besuch beobachten konnte.
Es ist eine Serie, in der die Stadt, New Orleans, die sehr kantige Hauptrolle spielt und die Musik die Ecken wieder glättet. Der Times-Picayune-Filmkritiker Dave Walker stellte sich vor (in diesem Artikel), wie die Filmemacher David Simon und Eric Overmyer (bekannt für The Wire) dem Sender HBO ihr Serienkonzept vorgestellt haben mögen (die Figurennamen in Klammern sind von mir):
-- Eine unserer Hauptfiguren ist ein ruppiger R&B-Musiker, der immer wieder Probleme mit seiner Vaterrolle hat. Er spielt Posaune. (Wendell Pierce als Antoine Batiste)
-- Eine andere Figur ist ein Schwarzer, der sich selbst als Indian(er) bezeichnet und sich für Straßenumzüge als eine Art Las-Vegas-Showgirl verkleidet, zum Beat von afrikanischen Trommeln. In jeder Staffel zeigen wir das in einer Folge. Die übrige Zeit näht er. (Clarke Peters als Albert Lambreaux)
-- Eine weitere Figur ist ein Universitätsprofessor und Schriftsteller mit Schreibblockade, der seine Wut über das Internet herauslässt. Er wird von einem Film. und Fernsehstar gespielt, aber wir lassen ihn gleich nach Mardi Gras sterben. (John Goodman als Creighton Bernette) Seine Frau ist Anwältin und vertritt Leute, die sie nicht bezahlen können. (Melissa Leo als Toni Bernette)
-- Der bestaussehende junge Mann unter den Figuren ist garstig zu Wiederaufbaufreiwilligen und misshandelt die liebe junge Frauenfigur. Er hat auch ein Drogenproblem. (Michiel Huisman als Sonny, Lucia Micarelli als Annie)
-- Wir bringen die Zuschauer dazu, Steve Zahn zu hassen. (als Musikmöchtegernimpressario Davis McAlary)
-- Khandi Alexander verbringt die ganze erste Staffel damit, ihrem Bruder nachzuspüren, der im post-Katrina-Gefängnissystem verschollen ist, das Kafka das Fürchten gelernt hätte. Dann findet sie bei den Emmy Awards keine Beachtung. Die folgenden Staffeln werden noch viel schlimmer für sie.
-- Wir haben eine Köchin, die einen Hubig's Pie aufmotzen und als hohe Kochkunst präsentieren kann... Die meiste Zeit ist sie nicht in der Stadt. (Kim Dickens als Janette Desautel)
-- Wir machen Hunderte von Anspielungen auf Dinge wie Hubig's Pies und Leute wie Dave Bartholomew und erklären sie nicht.
-- Es gibt mehrere tolle Beerdigungen.
-- In den Straßen wird oft wild getanzt, meistens scheinbar ohne Grund.
-- Tolle Musik aus New Orleans wird eine Hauptrolle spielen, aber das meiste davon haben sie noch nie gehört.
Er schließt die Aufzählung mit den Worten: "Es ist ein Wunder, dass die Serie gemacht wurde und so lange lief."
Nicht alle Figuren sind sympathisch und selbst die sympathischen machen immer wieder die Art Fehler, wo man als Zuschauer zusammenzuckt. Eine der direktesten und besten Figuren für mich ist Antoine Batistes Lebensgefährtin Desiree, gespielt von der Laienschauspielerin Phyllis Montana LeBlanc, die als eine der Interviewpartnerinnen in Spike Lees Dokumentar-Epos When the levees broke auf sich aufmerksam machte.
Mich fasziniert vor allem die Atmosphäre der Serie, die einen förmlich einsaugt, und natürlich New Orleans, das absolut wiederzuerkennen ist. Für das "es richtig treffen" sorgten sicher die mitarbeitenden lokalen Autoren wie Lolis Eric Elie, der sogar noch ein Kochbuch zur Serie herausgebracht hat.
Die Serie hatte viele Fans und wenige Zuschauer. Manche New Orleanser haben sie nicht gesehen, weil sie Angst hatten, es würde ihnen zu nahe gehen. Doch wenn man die Kommentare liest, hat sie Einheimische und vor allem auch Auswärtige tief berührt. Wie einer schreibt, mehr als Spike-Lees Katrina-Requiem.
Was Treme so besonders und so wichtig macht, ist, dass es das lebendige New Orleans zeigt, wie und warum die Leute immer noch oder wieder oder überhaupt erst hier wohnen und leben wollen. Schade, dass es vorbei ist. Gut, dass es es gibt (in 36 Folgen).
Mehrere Soundtrack-Alben sind erhältlich und ab Ende Januar gibt es die DVDs (wie es scheint nur auf Englisch und vorerst nur für den amerikanischen Markt).
Vorschauen, Videos, Zusammenfassungen finden sich hier.
In der Times-Picayune werden die Anspielungen und Hintergründe der einzelnen Folgen erklärt, Treme explained.
Es ist eine Serie, in der die Stadt, New Orleans, die sehr kantige Hauptrolle spielt und die Musik die Ecken wieder glättet. Der Times-Picayune-Filmkritiker Dave Walker stellte sich vor (in diesem Artikel), wie die Filmemacher David Simon und Eric Overmyer (bekannt für The Wire) dem Sender HBO ihr Serienkonzept vorgestellt haben mögen (die Figurennamen in Klammern sind von mir):
-- Eine unserer Hauptfiguren ist ein ruppiger R&B-Musiker, der immer wieder Probleme mit seiner Vaterrolle hat. Er spielt Posaune. (Wendell Pierce als Antoine Batiste)
-- Eine andere Figur ist ein Schwarzer, der sich selbst als Indian(er) bezeichnet und sich für Straßenumzüge als eine Art Las-Vegas-Showgirl verkleidet, zum Beat von afrikanischen Trommeln. In jeder Staffel zeigen wir das in einer Folge. Die übrige Zeit näht er. (Clarke Peters als Albert Lambreaux)
-- Eine weitere Figur ist ein Universitätsprofessor und Schriftsteller mit Schreibblockade, der seine Wut über das Internet herauslässt. Er wird von einem Film. und Fernsehstar gespielt, aber wir lassen ihn gleich nach Mardi Gras sterben. (John Goodman als Creighton Bernette) Seine Frau ist Anwältin und vertritt Leute, die sie nicht bezahlen können. (Melissa Leo als Toni Bernette)
-- Der bestaussehende junge Mann unter den Figuren ist garstig zu Wiederaufbaufreiwilligen und misshandelt die liebe junge Frauenfigur. Er hat auch ein Drogenproblem. (Michiel Huisman als Sonny, Lucia Micarelli als Annie)
-- Wir bringen die Zuschauer dazu, Steve Zahn zu hassen. (als Musikmöchtegernimpressario Davis McAlary)
-- Khandi Alexander verbringt die ganze erste Staffel damit, ihrem Bruder nachzuspüren, der im post-Katrina-Gefängnissystem verschollen ist, das Kafka das Fürchten gelernt hätte. Dann findet sie bei den Emmy Awards keine Beachtung. Die folgenden Staffeln werden noch viel schlimmer für sie.
-- Wir haben eine Köchin, die einen Hubig's Pie aufmotzen und als hohe Kochkunst präsentieren kann... Die meiste Zeit ist sie nicht in der Stadt. (Kim Dickens als Janette Desautel)
-- Wir machen Hunderte von Anspielungen auf Dinge wie Hubig's Pies und Leute wie Dave Bartholomew und erklären sie nicht.
-- Es gibt mehrere tolle Beerdigungen.
-- In den Straßen wird oft wild getanzt, meistens scheinbar ohne Grund.
-- Tolle Musik aus New Orleans wird eine Hauptrolle spielen, aber das meiste davon haben sie noch nie gehört.
Er schließt die Aufzählung mit den Worten: "Es ist ein Wunder, dass die Serie gemacht wurde und so lange lief."
Nicht alle Figuren sind sympathisch und selbst die sympathischen machen immer wieder die Art Fehler, wo man als Zuschauer zusammenzuckt. Eine der direktesten und besten Figuren für mich ist Antoine Batistes Lebensgefährtin Desiree, gespielt von der Laienschauspielerin Phyllis Montana LeBlanc, die als eine der Interviewpartnerinnen in Spike Lees Dokumentar-Epos When the levees broke auf sich aufmerksam machte.
Mich fasziniert vor allem die Atmosphäre der Serie, die einen förmlich einsaugt, und natürlich New Orleans, das absolut wiederzuerkennen ist. Für das "es richtig treffen" sorgten sicher die mitarbeitenden lokalen Autoren wie Lolis Eric Elie, der sogar noch ein Kochbuch zur Serie herausgebracht hat.
Die Serie hatte viele Fans und wenige Zuschauer. Manche New Orleanser haben sie nicht gesehen, weil sie Angst hatten, es würde ihnen zu nahe gehen. Doch wenn man die Kommentare liest, hat sie Einheimische und vor allem auch Auswärtige tief berührt. Wie einer schreibt, mehr als Spike-Lees Katrina-Requiem.
Was Treme so besonders und so wichtig macht, ist, dass es das lebendige New Orleans zeigt, wie und warum die Leute immer noch oder wieder oder überhaupt erst hier wohnen und leben wollen. Schade, dass es vorbei ist. Gut, dass es es gibt (in 36 Folgen).
Mehrere Soundtrack-Alben sind erhältlich und ab Ende Januar gibt es die DVDs (wie es scheint nur auf Englisch und vorerst nur für den amerikanischen Markt).
Vorschauen, Videos, Zusammenfassungen finden sich hier.
In der Times-Picayune werden die Anspielungen und Hintergründe der einzelnen Folgen erklärt, Treme explained.
Mittwoch, 4. Dezember 2013
Louisiana --> DDR und zurück
In der MDR-Mediathek ist vermutlich nur noch für kurze Zeit der Mitschnitt eines Konzerts mit Louis Armstrong & His All Stars zu sehen (hier noch mehr). Das Besondere: Es ist vom 22. März 1965 im Friedrichstadt in Berlin (Hauptstadt der DDR). Ich war da noch nicht geboren, aber ich habe viel darüber gehört, weil mein Vater nämlich da war, da sein musste, weil er ein großer Fan war. Es ist die Art Jazz, die viele Leute heute noch mit New Orleans assoziieren, und den es immer noch gibt und immer geben wird, aber nicht nur. Es war ganz sicher noch im alten Friedrichstadtpalast gleich neben dem Berliner Ensemble, der in den achtziger Jahren abgerissen wurde. Die Aufnahmen sind schwarz-weiß, die Band ist es auch, sie tritt nach und nach vor einen glitzernden weißen Vorhang und alles sieht irgendwie klein und altmodisch aus. Und dann holt Armstrong seine Trompete hervor und bläst los und es ist unglaublich, rein, klassisch, grandios!
Zwischendurch ist er immer wieder der liebenswürdige Teddybär-Entertainer, der niemandem etwas zu Leide tun kann. Das hat man ihm oft vorgeworfen: In den USA fanden Afroamerikaner, dass er sich zu sehr anbiedert und nicht für ihre Sache eintritt, und als er in 17 Städten in der DDR spielte (und in anderen sozialistischen Ländern), da warfen ihm westliche Journalisten vor, dass er so unpolitisch sei. Darauf sagt er im Interview: "Ich geh da hin und spiele, wo mich mein Manager hinschickt, und immer bin ich willkommen." Und genau so einfach ist es. Der Jazzmusiker und Musikjournalist Karlheinz Drechsel, der ihn damals begleitet hat, erzählt (Interview hier), dass er sich nicht nur in die Herzen der Menschen gespielt hat, sondern auch dem Jazz die Türen in der DDR geöffnet hat. Was viele Leute sich nämlich nicht vorstellen können, ist, dass niemand möchte, dass jemand von weit her kommt und einem sagt, wie beschissen man es hat, denn letztendlich ist alles Leben, und in der DDR hatte man Frieden und Arbeit und zu essen und das war damals noch seeehr viel wert. Als später in den achtziger Jahren Bob Dylan zum Konzert kam, da wollten wir auch nicht, dass er uns erzählt, wie doof es bei uns ist, aber wir hätten uns gefreut, wenn er irgendetwas gesagt hätte, irgendwie erwähnt hätte, wie besonders es war, dass er überhaupt bei uns war und spielen konnte.
Im Interview mit Louis Armstrong hört man, dass er nicht besonders gebildet ist und vermutlich auch nicht in komplexen Zusammenhängen dachte, aber das brauchte er auch nicht. Er war Musiker. Er spielte mit einer Lebensfreude und tiefen Wertschätzung für das Leben und für andere Menschen, und das übertrug sich in seiner Musik und, wenn man es will, erreicht es uns heute noch.
Themenwechsel: Vor kurzem habe ich mal wieder den Film Schultze gets the Blues gesehen, mit Horst Krause in der Hauptrolle. Er ist einer der Schauspieler, die nur eine Rolle beherrschen, glaube ich, und die spielt er sehr gut, als Landpolizist zum Beispiel. In diesem Film ist sie ein wenig abgewandelt, denn es ist einer dieser deutschen Filme mit langen, schweigsamen Einstellungen, die bedeutungsschwer die Geschichte vorantreiben. Aber vieles ist auch außergewöhnlich. Zum Beispiel, dass der Film in Sachsen-Anhalt spielt und das Leben dieser einfachen Bergmänner mit leichtem Humor gezeigt wird, ohne sie zu denunzieren. Horst Krause (hier Schultze) ist also einer von drei Männern, die in den Vorruhestand geschickt werden, und dann nicht so recht etwas mit sich anfangen können. Immerhin spielt Schultze gelegentlich Akkordion, mindestens einmal im Jahr auf dem Dorffest, immer dasselbe Stück, das schon sein Vater gespielt hat.
Doch eines Abends hört er im Radio Zydeco, die schnelle, rhythmische Musik der kreolisch-afroamerikanischen Landbevölkerung in Louisiana, bei der ein Akkordion immer mitspielt (sehr ähnlich der Musik der Cajuns, die allerdings langsamer ist.). Allerdings hört er nur ein paar Riffe und schaltet dann wieder aus, aber diese spielt er schnell nach und übt sie immer wieder. Zum Befremden der meisten im Dorf spielt er sie auch auf dem Dorffest. Er kocht Jambalaya für seine beiden Kumpels und jobbt nebenher für einen Flug nach Louisiana. Dann wird er für den Austausch mit der Partnerstadt New Braunfels in Texas ausgesucht, wo er sich allerdings nur kurz aufhält und schnell vor der dort praktizierten Deutschtümelei flüchtet.
Er nimmt sich ein kleines Boot und fährt durch die Sümpfe und Bayous nach Louisiana (auf der Karte sieht man, dass das von New Braunfels aus nicht so ohne weiteres geht, aber es ist ein Film, Mensch!). Dort wird er von der freundlichen Küstenwache abgeschleppt, gerät in einen Cajun-Tanzabend auf dem Lande, wo er auch gleich tanzt, und schließlich, wie im Traum, trifft er in den Sümpfen auf ein großes Boot mit einer sanften schwarzen Frau und ihrer Tochter, die gerade Krabben kocht und ihn zum Essen einlädt. Dann, beim Tanzen im Rock 'n' Bowl in New Orleans bricht er zusammen und stirbt später ganz still auf dem großen Boot in den Sümpfen. Das ist traurig und berührend, aber es ist auch schön, zeigt die raue und unpolierte Schönheit Louisianas, das schöne Licht, die lauten Grillen- und andere Geräusche in der Luft. Ein Louisiana, das zwar auch märchenhaft ist, aber abseits von Klischees.
In der Schlussszene sieht man die Beerdigung. Die Blaskapelle spielt einen Trauermarsch und bricht dann in genau den Zydeco-Riff aus, mit dem seine Faszination begann. Und dann marschiert sie vor dem Horizont mit seinen trostlosen Windrädern von rechts nach links und die Trauernden ziehen und tanzen hinter her. Und ganz plötzlich hat das was von einer Second Line in New Orleans und Schultze ist nicht nur in das verlockende Märchenland gereist, sondern hat es seltsamerweise durch seinen Tod mit in sein Leben zu Hause gebracht.
Und auf irgendeine Weise schließt sich hier für mich ein Kreis aus Musik und Louisiana und dem Osten.
Zwischendurch ist er immer wieder der liebenswürdige Teddybär-Entertainer, der niemandem etwas zu Leide tun kann. Das hat man ihm oft vorgeworfen: In den USA fanden Afroamerikaner, dass er sich zu sehr anbiedert und nicht für ihre Sache eintritt, und als er in 17 Städten in der DDR spielte (und in anderen sozialistischen Ländern), da warfen ihm westliche Journalisten vor, dass er so unpolitisch sei. Darauf sagt er im Interview: "Ich geh da hin und spiele, wo mich mein Manager hinschickt, und immer bin ich willkommen." Und genau so einfach ist es. Der Jazzmusiker und Musikjournalist Karlheinz Drechsel, der ihn damals begleitet hat, erzählt (Interview hier), dass er sich nicht nur in die Herzen der Menschen gespielt hat, sondern auch dem Jazz die Türen in der DDR geöffnet hat. Was viele Leute sich nämlich nicht vorstellen können, ist, dass niemand möchte, dass jemand von weit her kommt und einem sagt, wie beschissen man es hat, denn letztendlich ist alles Leben, und in der DDR hatte man Frieden und Arbeit und zu essen und das war damals noch seeehr viel wert. Als später in den achtziger Jahren Bob Dylan zum Konzert kam, da wollten wir auch nicht, dass er uns erzählt, wie doof es bei uns ist, aber wir hätten uns gefreut, wenn er irgendetwas gesagt hätte, irgendwie erwähnt hätte, wie besonders es war, dass er überhaupt bei uns war und spielen konnte.
Im Interview mit Louis Armstrong hört man, dass er nicht besonders gebildet ist und vermutlich auch nicht in komplexen Zusammenhängen dachte, aber das brauchte er auch nicht. Er war Musiker. Er spielte mit einer Lebensfreude und tiefen Wertschätzung für das Leben und für andere Menschen, und das übertrug sich in seiner Musik und, wenn man es will, erreicht es uns heute noch.
Themenwechsel: Vor kurzem habe ich mal wieder den Film Schultze gets the Blues gesehen, mit Horst Krause in der Hauptrolle. Er ist einer der Schauspieler, die nur eine Rolle beherrschen, glaube ich, und die spielt er sehr gut, als Landpolizist zum Beispiel. In diesem Film ist sie ein wenig abgewandelt, denn es ist einer dieser deutschen Filme mit langen, schweigsamen Einstellungen, die bedeutungsschwer die Geschichte vorantreiben. Aber vieles ist auch außergewöhnlich. Zum Beispiel, dass der Film in Sachsen-Anhalt spielt und das Leben dieser einfachen Bergmänner mit leichtem Humor gezeigt wird, ohne sie zu denunzieren. Horst Krause (hier Schultze) ist also einer von drei Männern, die in den Vorruhestand geschickt werden, und dann nicht so recht etwas mit sich anfangen können. Immerhin spielt Schultze gelegentlich Akkordion, mindestens einmal im Jahr auf dem Dorffest, immer dasselbe Stück, das schon sein Vater gespielt hat.
Doch eines Abends hört er im Radio Zydeco, die schnelle, rhythmische Musik der kreolisch-afroamerikanischen Landbevölkerung in Louisiana, bei der ein Akkordion immer mitspielt (sehr ähnlich der Musik der Cajuns, die allerdings langsamer ist.). Allerdings hört er nur ein paar Riffe und schaltet dann wieder aus, aber diese spielt er schnell nach und übt sie immer wieder. Zum Befremden der meisten im Dorf spielt er sie auch auf dem Dorffest. Er kocht Jambalaya für seine beiden Kumpels und jobbt nebenher für einen Flug nach Louisiana. Dann wird er für den Austausch mit der Partnerstadt New Braunfels in Texas ausgesucht, wo er sich allerdings nur kurz aufhält und schnell vor der dort praktizierten Deutschtümelei flüchtet.
Er nimmt sich ein kleines Boot und fährt durch die Sümpfe und Bayous nach Louisiana (auf der Karte sieht man, dass das von New Braunfels aus nicht so ohne weiteres geht, aber es ist ein Film, Mensch!). Dort wird er von der freundlichen Küstenwache abgeschleppt, gerät in einen Cajun-Tanzabend auf dem Lande, wo er auch gleich tanzt, und schließlich, wie im Traum, trifft er in den Sümpfen auf ein großes Boot mit einer sanften schwarzen Frau und ihrer Tochter, die gerade Krabben kocht und ihn zum Essen einlädt. Dann, beim Tanzen im Rock 'n' Bowl in New Orleans bricht er zusammen und stirbt später ganz still auf dem großen Boot in den Sümpfen. Das ist traurig und berührend, aber es ist auch schön, zeigt die raue und unpolierte Schönheit Louisianas, das schöne Licht, die lauten Grillen- und andere Geräusche in der Luft. Ein Louisiana, das zwar auch märchenhaft ist, aber abseits von Klischees.
In der Schlussszene sieht man die Beerdigung. Die Blaskapelle spielt einen Trauermarsch und bricht dann in genau den Zydeco-Riff aus, mit dem seine Faszination begann. Und dann marschiert sie vor dem Horizont mit seinen trostlosen Windrädern von rechts nach links und die Trauernden ziehen und tanzen hinter her. Und ganz plötzlich hat das was von einer Second Line in New Orleans und Schultze ist nicht nur in das verlockende Märchenland gereist, sondern hat es seltsamerweise durch seinen Tod mit in sein Leben zu Hause gebracht.
Und auf irgendeine Weise schließt sich hier für mich ein Kreis aus Musik und Louisiana und dem Osten.
Dienstag, 26. November 2013
Abgedreht!
Auf Arte habe ich diese abgedrehte Sendung gesehen, mit dem Untertitel "ungewöhnlicher Blick auf Kunst und Kultur". Die Verbindung zwischen den einzelnen Beiträgen war etwas willkürlich; lose bezog es sich auf den Mississippi, den gleichnamigen Bundesstaat, Louisiana und New Orleans, aber die einzelnen Teile waren ganz interessant. Es ging um die Darstellung der Sümpfe in verschiedenen Filmen ("Bayou im Film"), um Schall und Wahn von William Faulkner, um "Die Verschwörung der Idioten" von John Kennedy Toole, Jerry Lee Lewis (zum Beispiel Great Balls of Fire), von dem ich nicht wusste, dass er aus Louisiana stammt und dass er noch lebt, die Fernsehserie Treme und die lebendige Musikszene von New Orleans (kurzes Interview mit Trombone Shorty) und schließlich den Rapper Lil Wayne, der inzwischen mehr Hits in den Charts gehabt haben soll als Elvis Presley. Wie das aufgemacht ist, ist tatsächlich bizarr und der kleine Beitrag über Oprah Winfrey ist nichtssagend und gemein, aber ansonsten kann man sich die Sendung in der Mediathek ansehen (wiederholt wird sie am 27. November 2013 um 6.45 Uhr).
Freitag, 22. November 2013
Silicon Bayou
Seit in den neunziger Jahren eine Freundin von mir bei der damals noch winzig kleinen Louisiana Film Commission gearbeitet hat, ist New Orleans und Louisiana ein bedeutender Filmstandort geworden, zumindest ein beliebter Drehort, nach Hollywood und New York an dritter Stelle. Das hat mit Steuervorteilen und anderen Anreizen zu tun. Was zart und mickrig anfing, trägt jetzt dicke, saftige Früchte. So sehr, dass sich inzwischen der Name Hollywood South für Louisiana als Filmort durchgesetzt hat.
Inzwischen hat sich noch ein anderer Vergleich mit Kalifornien eingebürgert: Silicon Bayou, denn auch immer mehr Computerfirmen siedeln sich hier an. Die BBC hat einen kleinen Beitrag dazu hier. Neben den Steuervorteilen sind es die geringen Lebenskosten und die Lebensqualität, die junge Tech-Menschen nach New Orleans ziehen. Es mangelt zwar noch ein bisschen an Kapital, heißt es in dem Beitrag, aber wie in Silicon Valley ist die Konzentration für die Branche inspirierend. Vor allem aber kommen die Leute nach New Orleans und verlieben sich in die Stadt. Und dass die viel mehr zu bieten hat, als die Straßenmusiker am Jackson Square, mit denen der Beitrag beginnt und schließt, das merkt man nicht immer als Tourist, aber das merkt man, wenn man dort lebt. Hier ein Link zu der Webseite Silicon Bayou News.
Interessant ist übrigens, dass viele dieser Entwicklungen nach Hurrikan Katrina begonnen haben, der nicht nur ein Riesenvakuum herbei gefegt hat, sondern auch in mancher Hinsicht eine Art tabula rasa hinterließ. Nach dem Motto "schöner, schneller, sauberer". Das hat viel Positives, aber nicht nur, wie alle schon länger ansässigen Berliner wissen.
Inzwischen hat sich noch ein anderer Vergleich mit Kalifornien eingebürgert: Silicon Bayou, denn auch immer mehr Computerfirmen siedeln sich hier an. Die BBC hat einen kleinen Beitrag dazu hier. Neben den Steuervorteilen sind es die geringen Lebenskosten und die Lebensqualität, die junge Tech-Menschen nach New Orleans ziehen. Es mangelt zwar noch ein bisschen an Kapital, heißt es in dem Beitrag, aber wie in Silicon Valley ist die Konzentration für die Branche inspirierend. Vor allem aber kommen die Leute nach New Orleans und verlieben sich in die Stadt. Und dass die viel mehr zu bieten hat, als die Straßenmusiker am Jackson Square, mit denen der Beitrag beginnt und schließt, das merkt man nicht immer als Tourist, aber das merkt man, wenn man dort lebt. Hier ein Link zu der Webseite Silicon Bayou News.
Interessant ist übrigens, dass viele dieser Entwicklungen nach Hurrikan Katrina begonnen haben, der nicht nur ein Riesenvakuum herbei gefegt hat, sondern auch in mancher Hinsicht eine Art tabula rasa hinterließ. Nach dem Motto "schöner, schneller, sauberer". Das hat viel Positives, aber nicht nur, wie alle schon länger ansässigen Berliner wissen.
Freitag, 1. November 2013
Was du nicht siehst -- Dans tes yeux
Gestern habe ich einen kleinen Film auf Arte gesehen. Sophie Massieu, eine Blinde, bereist in einer kleinen Serie (mit dem Titel Was du nicht siehst -- Dans tes yeux) die Welt und versucht, ungewöhnliche Blickwinkel auf die Orte zu zeigen, indem sie sich Einheimische als Reiseführer aussucht.
New Orleans und Louisiana überhaupt besuchen Franzosen gern, so wie auch andere frühere Kolonien, vielleicht, weil es exotisch und trotzdem vertraut ist, vielleicht auch, weil man an eine für manche "glorreiche" Vergangenheit erinnert wird.
Wie bei Arte so üblich, kann man den Film auf Deutsch oder Französisch sehen. Sophie Massieu lässt sich durch New Orleans von Charmaine Neville führen, der Tochter von einem der Neville Brothers, die selbst Musikerin ist und berichtet, dass ihre Familie seit acht Generationen Musiker sind. Sie nimmt sie mit zum Gottesdienst in eine afroamerikanische Kirche, zeigt ihr das Musician's Village und fährt mit ihr zu einem leer stehenden, verlassenen, umzäunten Viertel, an dem man seit Hurrikan Katrina nichts gemacht hat.
Dann geht sie noch zu einer Voodoopriesterin, lässt sich die Zukunft voraussagen, einen GrisGris anfertigen und einen Tanz mit Musik aufführen.
Am nächsten Tag fährt Sophie mit einem richtigen Cajun, Norbert LeBlanc, hinaus in die Sümpfe, wo sie Reiher und Alligatoren sichten und er ihr eine Lotusblüte pflückt. Mit ihm spricht sie Französisch, und ich war überrascht, wie fließend und normal er Französisch sprach, obwohl er -- trotz weißem Rauschebart -- noch gar nicht so alt war.
Abends geht es dann noch zu einem Konzert, wie ich glaube, in den Snug Harbor-Klub in the Marigny, gleich neben dem French Quarter. Gesungen hat Charmaine Neville, und Sophie war mit einer Art Rassel auch beteiligt.
Sehenswert fand ich das, vermittelt liebenswerte kleine Eindrücke. Was mir ein bisschen fehlte, waren die genauen Bezeichnungen der Orte (ich hätte gern gewusst, wo die Kirche, das verlassene Viertel, der Sumpf war, Snug Harbor habe ich mir von der Tür umgedreht zusammengereimt), und dass z.B. Charmaine, Charmaine Neville war, habe ich nur kurz im Abspann erhaschen können. Der Film dauert eine halbe Stunde und läuft noch ein paar Tage lang hier.
New Orleans und Louisiana überhaupt besuchen Franzosen gern, so wie auch andere frühere Kolonien, vielleicht, weil es exotisch und trotzdem vertraut ist, vielleicht auch, weil man an eine für manche "glorreiche" Vergangenheit erinnert wird.
Wie bei Arte so üblich, kann man den Film auf Deutsch oder Französisch sehen. Sophie Massieu lässt sich durch New Orleans von Charmaine Neville führen, der Tochter von einem der Neville Brothers, die selbst Musikerin ist und berichtet, dass ihre Familie seit acht Generationen Musiker sind. Sie nimmt sie mit zum Gottesdienst in eine afroamerikanische Kirche, zeigt ihr das Musician's Village und fährt mit ihr zu einem leer stehenden, verlassenen, umzäunten Viertel, an dem man seit Hurrikan Katrina nichts gemacht hat.
Dann geht sie noch zu einer Voodoopriesterin, lässt sich die Zukunft voraussagen, einen GrisGris anfertigen und einen Tanz mit Musik aufführen.
Am nächsten Tag fährt Sophie mit einem richtigen Cajun, Norbert LeBlanc, hinaus in die Sümpfe, wo sie Reiher und Alligatoren sichten und er ihr eine Lotusblüte pflückt. Mit ihm spricht sie Französisch, und ich war überrascht, wie fließend und normal er Französisch sprach, obwohl er -- trotz weißem Rauschebart -- noch gar nicht so alt war.
Abends geht es dann noch zu einem Konzert, wie ich glaube, in den Snug Harbor-Klub in the Marigny, gleich neben dem French Quarter. Gesungen hat Charmaine Neville, und Sophie war mit einer Art Rassel auch beteiligt.
Sehenswert fand ich das, vermittelt liebenswerte kleine Eindrücke. Was mir ein bisschen fehlte, waren die genauen Bezeichnungen der Orte (ich hätte gern gewusst, wo die Kirche, das verlassene Viertel, der Sumpf war, Snug Harbor habe ich mir von der Tür umgedreht zusammengereimt), und dass z.B. Charmaine, Charmaine Neville war, habe ich nur kurz im Abspann erhaschen können. Der Film dauert eine halbe Stunde und läuft noch ein paar Tage lang hier.
Montag, 14. Oktober 2013
Das seltsame Leben des Benjamin Button (The Curious Case of Benjamin Button)
Ich habe den Film zu Recherchezwecken gesehen: Es geht um Benjamin Button, der als winziger alter Mann geboren wird und im Laufe seines Lebens immer jünger wird. Hier ein paar andere Gründe, warum man sich den Film ansehen könnte.
1. New Orleans
Der Film spielt, das hat mich überrascht, zu großen Teilen in New Orleans. Auch die Filmemacher sollen überrascht gewesen sein, die sich wegen der Steuer- und anderer Begünstigungen entschieden hatten, dort zu drehen -- darüber, wie gut alles zu erreichen ist usw. Auch die Rahmenhandlung, in der die große Liebe von Benjamin Button als alte Frau in einem Krankenhaus stirbt, während Hurrikan Katrina herannaht, fügt sich ganz gut in die Geschichte. Zu sehen gibt es: natürlich die Bäume und die louisianische Landschaft, majestätische Häuser auch in Innenansichten, Blicke auf den Lake Pontchartrain, meist bei Sonnenuntergang, Straßenszenen aus dem French Quarter, immer wieder die Straßenbahn auf der St. Charles Avenue, einmal fahren Cate Blanchett und Brad Pitt auch ganz verliebt damit, ein Spielplatz an der Napoleon Avenue und Magazine Street, wo ich gleich um die Ecke gewohnt habe und die bizarren Südstaatenakzente der Schauspieler (wobei viele den von Brad Pitt sehr liebenswürdig finden, aber die finden bestimmt alles an Brad Pitt liebenswürdig).
1. New Orleans
Der Film spielt, das hat mich überrascht, zu großen Teilen in New Orleans. Auch die Filmemacher sollen überrascht gewesen sein, die sich wegen der Steuer- und anderer Begünstigungen entschieden hatten, dort zu drehen -- darüber, wie gut alles zu erreichen ist usw. Auch die Rahmenhandlung, in der die große Liebe von Benjamin Button als alte Frau in einem Krankenhaus stirbt, während Hurrikan Katrina herannaht, fügt sich ganz gut in die Geschichte. Zu sehen gibt es: natürlich die Bäume und die louisianische Landschaft, majestätische Häuser auch in Innenansichten, Blicke auf den Lake Pontchartrain, meist bei Sonnenuntergang, Straßenszenen aus dem French Quarter, immer wieder die Straßenbahn auf der St. Charles Avenue, einmal fahren Cate Blanchett und Brad Pitt auch ganz verliebt damit, ein Spielplatz an der Napoleon Avenue und Magazine Street, wo ich gleich um die Ecke gewohnt habe und die bizarren Südstaatenakzente der Schauspieler (wobei viele den von Brad Pitt sehr liebenswürdig finden, aber die finden bestimmt alles an Brad Pitt liebenswürdig).
In Russland beginnt Brad Pitt eine Affäre mit Tilda Swinton,
Frau eines britischen Diplomaten oder Geschäftsmannes.
Als sie ihn fragt, wo er
herkomme, sagt er: „New Orleans. Louisiana.“
Und sie: „I didn’t know there was
another.“
Indeed!
2. Francis Scott Fitzgerald
Falls man schon immer mal eine Geschichte von ihm lesen
wollte und es nicht geklappt hat, wäre das ein Einstieg. Allerdings
unterscheidet sich die Vorlage, die ich noch nicht kenne, sehr vom Film, bis auf
den Titel und die generelle Idee. Wie ich Fitzgerald kenne, ist seine
Kurzgeschichte sicherlich wesentlich lakonischer und weniger sentimental.
Fitzgerald selbst stammte aus Minnesota und lebte im Januar 1920 für ein paar Wochen in New Orleans, in der 2900 Prytania Street. (Seine Geschichte spielt 1860 in Neuengland.) Von dort aus besucht er seine zukünftige Frau Zelda Sayre, später Fitzgerald, die nicht nur viele seiner Werke inspirierte, sondern selbst tolle
Kurzgeschichten schrieb (manche sagen, er hätte bei ihr abgeschrieben). Sie war
eine richtige Southern Belle aus Alabama nur zwei Bundesstaaten weiter und war
bestimmt mal in New Orleans.
3. Die Handlung
Im Film hat alles ein bisschen Märchencharakter. Es
beginnt damit, dass ein Uhrmacher in New Orleans nach dem 1. Weltkrieg 1918
eine Uhr baut, die rückwärts geht, in der Hoffnung, dass sein im Krieg
gefallener Sohn und andere wieder zurückkommen. Das hat mit der eigentlichen
Filmhandlung wenig zu tun. Der daraufhin als winziger alter Mann geborene Benjamin wird
von seinem leiblichen Vater ausgesetzt und von der schwarzen Betreiberin eines Altersheims und ihrem Lebensgefährten aufgenommen. Manche der schnellen Handlungswechsel und die
warmen und bunten Farben haben mich ein bisschen an den Film Amélie erinnert.
Ansonsten ist der Film vor allem eine Liebesgeschichte, natürlich einer großen
Liebe, die das ganze Leben andauert, aber eben nicht so sein kann. Wenn
man „große Gefühle“ nicht scheut und gern mal ein bisschen weint, ist das sehr
schön.
4. Die Schauspieler
Cate Blanchett – hat einfach immer Klasse. Brad Pitt – sieht
nett aus und ist nett. Tilda Swinton – wie immer ungewöhnlich. Im Film hat sie
übrigens ein besonderes Hobby: Langstreckenschwimmen. Mir gefielen auch die
Darsteller der Ersatzeltern von Benjamin: Taraji P. Henson und Mahershalalhashbaz
Ali.
5. Die Musik...
war auch ganz schön.
Ein Grund, den Film nicht zu sehen, ist sicherlich die Länge, knapp 160 Minuten.
Ansonsten gar nicht schlecht.
Dienstag, 24. September 2013
Rerun: Beasts of the Southern Wild
Monday, 31 December 2012
Beasts
of the Southern Wild
Over the past few workaholic days, I have been
doing some translations for the Museum of Modern Art, whose collection you can also visit virtually through this link. It includes pieces from (or about) Louisiana, especially photographs of
New Orleans by Henri Cartier-Bresson, Lee Friedlander, Walker Evans, and of
course E.J.Bellocq, best known for his images of early twentieth-century
Storyville. There are some paintings as well and even film, such as Robert
Flaherty's (1884-1955) classic docudrama, Louisiana Story
(1948). The black-and-white movie points the camera at the rugged, exotic, and
still pristine Louisiana landscape, along with its rugged and exotic Cajun
inhabitants. The latter are brought out of their impoverished, subsistent lives
by the arrival of the oil industry, which comes to perform exploratory
drilling. Of course the film—commissioned by Standard Oil—portrays all the oil
workers as friendly, helping the naïve Cajuns rise above their hardship. You
can see the excitement inherent in the relationship between modern
technological progress and the region's natural riches, and yet there is also a
moment of wistfulness, as it means a farewell to an old world and an entry into
a new one.
Sixty-five years later,
that is all old news. Not long ago, the BP oil disaster polluted broad
stretches of the Gulf of Mexico, and the consequences are still palpable. On
top of that, Louisiana continues to lose land, more and more with each
hurricane, in part because the oil companies' exploratory canals are destroying
the marshes, and the saltwater flowing in is eating away at the land's natural
defenses (animals as well as plants).
Along these lines, the
must-see movie Beasts of the Southern Wild
is a modern follow-up to the Louisiana Story.
It centers precisely around people who are losing the place they call home to
floodwaters, but will not leave it for anything. The film was shot on-site with
amateur actors and is likewise political in its way, with a message the viewer
cannot ignore. Ambitious, disturbing, and full of gripping images, the film
fits the life of a young girl named Hushpuppy into the contexts of the country
that has forgotten her, the effects of global warming, and the sweep of human
history.
That is quite a feat for
a directorial debut (Benh Zeitlin—keep your eyes peeled), and somehow he does pull
it off. The experimental, independent
film manages to steer clear of cynicism or sarcasm, but approaches the subject
with passion and, okay, perhaps also melodrama. To be sure, the portrayal of
Louisiana is not an authentic one. The people there do not live in shacks so
squalid they look no different after being ravaged in a rage. But the film does
not rest on cliché either, more so on particular cultural practices that may
need some explanation for foreign viewers.
My companion at the movie
theater, who had even visited me once in Louisiana years ago, first perceived
the film as a glorification of the underclass. This may owe partly to a
translation error in the subtitles (the point was not that the residents have
more free time or work less than other places, but that they have more
festivals—exemplified by the lackluster Mardi Gras parade in the background).
The crawfish and crabs are not eaten raw as it may seem, but cooked—in big pots
with potatoes, vegetables, and spicy seasonings—then served by dumping them
onto tables covered in newspaper. You eat them with your hands, which is not
exactly dainty. The toughest even suck out the heads. After my first crawfish
boil, I had a dream that the critters were crawling through the legs of my
jeans.
The village the film is
set in, “The Bathtub,” is an invented one, though indeed New Orleans was
referred to after Katrina as a “bathtub metropolis without a plug.” Yet the
story was also inspired by the small island of Isle de Jean Charles in
Terrebonne Parish, an Indian reservation that has been continually sinking into
the water with each passing year but whose inhabitants still refuse to leave. Click here for an excerpt from a current documentary on it: Last Stand on the
Island.
As for the beasts invoked
in the title, there are a number of them. First there are the creatures
constantly tromping through the dreams of the young protagonist, Hushpuppy.
Throughout the movie, I took them for oversized wild boars, but they were
apparently meant to be aurochses. Then there are the actual animals that the
people live with and eat. Finally, the people themselves are also somehow
treated as animals, at least in the eyes of the authorities, who want to rescue
them. This is hinted at by one scene in which Hushpuppy struggles to crack open
a crawfish she is eating, and her father and soon all the other villagers cheer
her on, chanting “Beast it!” (In other words, go at it with brute force.)
Friends of mine said they
considered it a film about the longing for freedom and the desire for
self-sufficiency. But for me, I see it as a film largely about the place one
calls home, a film that situates this home in a broader context and celebrates
the power of its gathering interrelationships and commonalities. With all its
imagery, the film is best seen on a big screen, and it won't be out in theaters
for much longer. Both of the lead actors, who followed the movie to Sundance
and Cannes, have since returned to everyday life. Little Quvenzhané Wallis has
grown into a glamorous young lady, and the man who played her father, Dwight
Henry, runs a successful bakery in New Orleans.
Gambit Weekly selected the film as one of the best of 2012 (and I agree). In their
words: “New Orleans filmmaker Benh Zeitlin and his ragtag crew made history
with a magical and utterly original work of Louisiana art.”
Happy New Year, everyone!
-- Translated
by Jake Schneider
For interviews with the two protagonists click here.
Dienstag, 30. Juli 2013
Gescheitert: Ich und Interview mit einem Vampir
Okay, Leute, ich hab’s wirklich versucht. Ungefähr
eine halbe Stunde lang habe ich durchgehalten, länger ging’s nicht. Interview mit einem Vampir (von 1994) nach dem Bestseller von Anne
Rice spielt zum Teil in New Orleans, denn da leben die Vampire auf den
Friedhöfen. Tom Cruise ist der Obervampir (Lestat), der Brad Pitt zum Vampir
beißt, indem sie dann beide beißend/gebissen werdend durch die Luft fliegen!
(Da tat mir Brad Pitt ein bisschen Leid.) Beiden hatte man einen
super-porzellanigen Teint gemalt, mit durchscheinenden Adern, und ihre Augen
sahen so seltsam glasig aus (gelbe Haftschalen, soll sich Brad Pitt
später beklagt haben). Die Eckzähne waren spitz und der Mund innen drin blutig. Es tropft und spritzt sehr viel Blut.
Der Film spielt, jedenfalls die erste halbe Stunde lang,
hauptsächlich im Dunkeln. Sie sitzen auf dem St. Louis Cemetary herum oder auf
Brad Pitts Anwesen, das eigentlich die Oak Alley Plantation ist. Dieser Teil
der Handlung spielt im 18. Jahrhundert, deshalb auch hübsche Kostüme und lange
Haare und gelegentlich Französisch. Auch unter seinen Sklaven sterben
rätselhafterweise immer mehr Menschen (Tom Cruise war's!), obwohl Brad Pitt sich zuerst aus
Menschenliebe? Scham? Pietät? nur an Ratten und Pudel hält. Dabei sieht seine mulattische
Bedienstete eigentlich auch ganz appetitlich... Die Sklaven halten natürlich
Voodoo-Zeremonien ab, opfern dabei Hähne usw., um den Tod zu bannen.
In der Rahmenhandlung wird Brad Pitt von Christian Slater in San Francisco interviewt, der eigentlich wie immer großartig sich selbst spielt. Später macht Brad aus der damals noch kleinen Kirsten Dunst
einen Vampir, und es geht nach London usw., aber das habe ich nur im Internet
gelesen. Was Antonio Banderas genau dort macht, weiß ich leider nicht.
In der Times-Picayune heißt es, dass der Film für heute zu
überkandidelt ist und nicht funktioniert. Brad Pitt redet auch nicht gut
darüber, aber er hat sich während der Dreharbeiten, wo er tagsüber immer mit
dem Fahrrad herumgekurvt ist, in New Orleans verliebt und wohin das geführt
hat, wissen wir ja. (Vom Fahrrad zum Privatjet, den er Angelina dieser Tage
geschenkt hat.) Der Film wurde in New Orleans gedreht, bevor es noch mehr in wurde und bevor der Bundesstaat mit jeder Menge
Filmförderung gelockt hat, und der Film wurde gedreht, bevor Vampire in waren. Aber irgendwie reicht das eben nicht.
Sonntag, 12. Mai 2013
Gnadenlos
Der Film Gnadenlos (No Mercy) von 1986 is tatsächlich gnadenlos...
Es spielen Richard Gere und Kim Basinger als die Guten und Schönen und der Niederländer Jeroen Krabbé als der wirklich unglaublich böse Bösewicht, der am Ende stirbt, als alles gut wird. Richard Gere (Eddie Jillette) ist Polizist in Chicago und durch irgendwelche Verwicklungen, die ich nicht ganz verstanden habe, wird sein Partner ermordet, und er macht sich auf nach New Orleans, wo die Mörder herkommen, um ihn zu rächen. Kim Basinger ist die Gespielin des Bösewichts, die alles miterlebt hat.
Es kommt zu wilden Verfolgungsjagden und Schießereien. Eddie Jillette kennt natürlich keine Angst und kidnappt Kim Basinger, flieht mit ihr durch die Sümpfe, und kann alle auftauchenden Gefahren (alle, nämlich wirklich alle, stehen unter der Fuchtel des Bösewichts, selbst die Polizei) aus dem Weg räumen. Das Ganze spielt zum größten Teil im French Quarter (sehr schön authentisch das Polizeigebäude) und in Algiers auf der anderen Seite des Mississippi, das hier genauso wie das French Quarter aussieht.
Die Hinterwäldler in den Sümpfen sind natürlich völlig stumpfsinnige Cajuns, die kein Englisch können, doch Kim Basinger, armes Geschöpf, das ihre Mutter mit 13 an den Gangster verkauft hat, ist zwar Analphabetin, spricht aber ein paar Sätze Französisch und macht sich so nicht nur durch gutes Aussehen nützlich. Gleich am Anfang haben sich die beiden in einander verliebt und nach einer Schieß- und Brandorgie als Höhepunkt können sie endlich in Friede Freude Eierkuchen zusammen sein (obwohl sie kurz vorher schon eine ordentliche Hollywood-Verführungsszene zusammengeschweißt hat). Der Film hat einen gewissen achtziger Jahre-Charme: Frisuren, Klamotten, die ganze Ästhetik.
Wenn man die beiden Hauptdarsteller mag und sinnloser Ballerei etwas abgewinnen kann, sollte man sich den Film unbedingt ansehen. Oder eben wie ich zu Studienzwecken. Auf imbd heißt es: "New Orleans may never be the same again." (New Orleans wird wohl nie wieder sein wie zuvor.)
Es spielen Richard Gere und Kim Basinger als die Guten und Schönen und der Niederländer Jeroen Krabbé als der wirklich unglaublich böse Bösewicht, der am Ende stirbt, als alles gut wird. Richard Gere (Eddie Jillette) ist Polizist in Chicago und durch irgendwelche Verwicklungen, die ich nicht ganz verstanden habe, wird sein Partner ermordet, und er macht sich auf nach New Orleans, wo die Mörder herkommen, um ihn zu rächen. Kim Basinger ist die Gespielin des Bösewichts, die alles miterlebt hat.
Es kommt zu wilden Verfolgungsjagden und Schießereien. Eddie Jillette kennt natürlich keine Angst und kidnappt Kim Basinger, flieht mit ihr durch die Sümpfe, und kann alle auftauchenden Gefahren (alle, nämlich wirklich alle, stehen unter der Fuchtel des Bösewichts, selbst die Polizei) aus dem Weg räumen. Das Ganze spielt zum größten Teil im French Quarter (sehr schön authentisch das Polizeigebäude) und in Algiers auf der anderen Seite des Mississippi, das hier genauso wie das French Quarter aussieht.
Die Hinterwäldler in den Sümpfen sind natürlich völlig stumpfsinnige Cajuns, die kein Englisch können, doch Kim Basinger, armes Geschöpf, das ihre Mutter mit 13 an den Gangster verkauft hat, ist zwar Analphabetin, spricht aber ein paar Sätze Französisch und macht sich so nicht nur durch gutes Aussehen nützlich. Gleich am Anfang haben sich die beiden in einander verliebt und nach einer Schieß- und Brandorgie als Höhepunkt können sie endlich in Friede Freude Eierkuchen zusammen sein (obwohl sie kurz vorher schon eine ordentliche Hollywood-Verführungsszene zusammengeschweißt hat). Der Film hat einen gewissen achtziger Jahre-Charme: Frisuren, Klamotten, die ganze Ästhetik.
Wenn man die beiden Hauptdarsteller mag und sinnloser Ballerei etwas abgewinnen kann, sollte man sich den Film unbedingt ansehen. Oder eben wie ich zu Studienzwecken. Auf imbd heißt es: "New Orleans may never be the same again." (New Orleans wird wohl nie wieder sein wie zuvor.)
Freitag, 10. Mai 2013
Bonnie und Clyde in Donaldsonville
Seit ein paar Tagen ist die Railroad Avenue in Donaldsonville für Filmaufnahmen gesperrt: Sony Productions dreht eine zweiteilige Miniserie, The Story of Bonnie und Clyde, die auf A & E, Lifetime und History gesendet werden soll. Es spielen Emile Hirsch und Holliday Grainger in den Hauptrollen (nachdem Hilary Duff schwanger geworden war, angeblich 100.000 Dollar Ablöse erhalten und sich die ursprüngliche Bonnie, Faye Dunaway, über sie lustig gemacht hatte). In Nebenrollen spielen William Hurt und Holly Hunter. Es soll auch in St. Gabriel, Port Allen und St. Francisville gedreht werden.
Donaldsonville, unweit der Sunshine Bridge über den Mississippi, ist ein Städtchen an der River Road zwischen Baton Rouge und New Orleans gelegen (in der sogenannten Cancer Alley in den River Parishes, wo wegen der vielen petrochemischen Fabriken die Krebsrate besonders hoch ist). Auch Donaldsonville hat eine Chemiefabrik, einen Golfplatz und seit ein paar Jahren einen Riverwalk, ein befestigtes Stück Uferpromenade mit Bänken und Laternen und Blick auf den Mississippi, wo man sich früher durch wildwachsende Bäume und Dickicht und Unkraut den Weg an den Fluss bahnen musste. Es leben etwa 7.600 Einwohner in der Stadt, meist verstreut, sehr viele davon sind Afroamerikaner.
Das Besondere an Donaldsonville ist, dass es dort nicht nur viel Geschichte sondern auch ein winziges historisches Stadtzentrum gibt, eben entlang der Railroad Avenue, die den früheren Bahnhof mit der River Road verbindet. Es gibt ein historisches Gerichtsgebäude (die Stadt war von 1830-31 Louisianas Hauptstadt), alte Läden und Restaurants, von denen viele jetzt geschlossen sind, aber The Grapevine, das im Jahr 2001 eröffnet wurde, scheint zu florieren (mir hat es jedenfalls im Herbst dort geschmeckt).
Unweit vom Zentrum steht auch die riesige katholische Kirche. An einem Ende der Railroad Avenue gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof, die Synagoge überlebt als Handwerkermarkt und das traditionelle Lehman Kaufhaus fungiert seit Jahren als Touristenzentrum und Museum, ist aber immer geschlossen, wenn ich da bin. Ein paar Straßen weiter gibt es jetzt auch ein kleines River Road African American Museum. Mary Gehmans Verlag Margaret Media ist hier angesiedelt und seit einiger Zeit veranstaltet sie eine wöchentliche Talenteshow, die jetzt gerade Pause macht.
Hier fand also am Dienstag Abend eine wilde Filmschießerei statt, die man bei einer Party im Victorian Bed & Breakfast auf der Railroad Avenue beobachten konnte. So viel Aufregung erlebt Donaldsonville nicht oft. Auch unser The River-Festival mit Malerei, Musik, Lesungen, das wir 2001 in unserer River Road Residence veranstaltet haben, kann da sicher nicht mithalten.
Donaldsonville, unweit der Sunshine Bridge über den Mississippi, ist ein Städtchen an der River Road zwischen Baton Rouge und New Orleans gelegen (in der sogenannten Cancer Alley in den River Parishes, wo wegen der vielen petrochemischen Fabriken die Krebsrate besonders hoch ist). Auch Donaldsonville hat eine Chemiefabrik, einen Golfplatz und seit ein paar Jahren einen Riverwalk, ein befestigtes Stück Uferpromenade mit Bänken und Laternen und Blick auf den Mississippi, wo man sich früher durch wildwachsende Bäume und Dickicht und Unkraut den Weg an den Fluss bahnen musste. Es leben etwa 7.600 Einwohner in der Stadt, meist verstreut, sehr viele davon sind Afroamerikaner.
Das Besondere an Donaldsonville ist, dass es dort nicht nur viel Geschichte sondern auch ein winziges historisches Stadtzentrum gibt, eben entlang der Railroad Avenue, die den früheren Bahnhof mit der River Road verbindet. Es gibt ein historisches Gerichtsgebäude (die Stadt war von 1830-31 Louisianas Hauptstadt), alte Läden und Restaurants, von denen viele jetzt geschlossen sind, aber The Grapevine, das im Jahr 2001 eröffnet wurde, scheint zu florieren (mir hat es jedenfalls im Herbst dort geschmeckt).
Unweit vom Zentrum steht auch die riesige katholische Kirche. An einem Ende der Railroad Avenue gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof, die Synagoge überlebt als Handwerkermarkt und das traditionelle Lehman Kaufhaus fungiert seit Jahren als Touristenzentrum und Museum, ist aber immer geschlossen, wenn ich da bin. Ein paar Straßen weiter gibt es jetzt auch ein kleines River Road African American Museum. Mary Gehmans Verlag Margaret Media ist hier angesiedelt und seit einiger Zeit veranstaltet sie eine wöchentliche Talenteshow, die jetzt gerade Pause macht.
Hier fand also am Dienstag Abend eine wilde Filmschießerei statt, die man bei einer Party im Victorian Bed & Breakfast auf der Railroad Avenue beobachten konnte. So viel Aufregung erlebt Donaldsonville nicht oft. Auch unser The River-Festival mit Malerei, Musik, Lesungen, das wir 2001 in unserer River Road Residence veranstaltet haben, kann da sicher nicht mithalten.
Freitag, 5. April 2013
Whatever Works
Woody Allen-Filme jagen mir immer ein schlechtes Gewissen
ein, weil ich weiß, dass Europa ihm zu Füßen liegt. Eine Handvoll Amerikaner
kennt und mag ihn auch, aber ich... ich werde nicht so richtig warm mit ihm.
Dabei versuche ich es immer wieder: Angefangen hat es mit Purple Rose of
Cairo in den Achtzigern, tolle Idee, dass
der Schauspieler von der Leinwand ins Kinopublikum steigt, aber... Ein Freund
verglich mich mal mit Annie Hall, d.h. Diane Keaton, aus dem gleichnamigen Film
(auf Deutsch: Der Stadtneurotiker),
der ging auch, und es gab noch einige andere. Ich glaube, ich finde es besser,
wenn Woody Allen selbst nicht mitspielt, er ist immer so anstrengend,
neurotisch und zeterig, ein bisschen wie Louis de Funès aus Der
Gendarm von St. Tropez oder auch Fantomas (Oh, die Siebziger!), aber der sah wenigstens
irgendwie niedlich aus. Dann hatte ich noch mal Matchpoint versucht, entsetzlich, und seitdem eigentlich nix
mehr.
Aber dann diese Woche habe ich, abgeschlafft, geguckt, was
so im Fernsehen kommt und habe mir auf Arte Whatever Works (In etwa: Wenn’s funktioniert...!) von Woody Allen
angesehen. Dieses Mal vertritt ihn Larry David, der zwar genauso anstrengend, neurotisch und zeterig ist wie W.A. selbst, aber irgendwie hat der Film trotzdem Charme.
Es geht um die sehr unwahrscheinliche Liebe und Ehe des ältlichen nihilistischen, hypochondrischen, menschenfeindlichen Hauptdarstellers mit einem blutjungen Mädchen aus Mississippi, die von zu Hause ausgerissen ist. Melody heißt sie. Charmant ist der Film einerseits wegen der angenehmen Spielorte (New Yorker Wohnung, Straßenecken, Märkte, Hausboot, schönes Wetter), zweitens wegen Evan Rachel Wood als Melody, die für mich hier ein bisschen eine blonde Audrey Hepburn (Holly Golightly) aus Frühstück bei Tiffany’s gibt, drittens auch wegen ihrer Eltern, die auf der Suche nach ihr und nach einander auch nach New York kommen und, Klischee muss sein, ihre übertriebene Bibelfestigkeit und Prinzipienreiterei in der großen freien Stadt fallen lassen, so wie auch ihre Hüllen und sich selbst entdecken.
Am Schluss haben alle Beteiligten eine neue Liebe und/oder Liebesform für sich gefunden, die für sie funktioniert, und das ist eben auch die Message: Wenn’s funktioniert...
Es geht um die sehr unwahrscheinliche Liebe und Ehe des ältlichen nihilistischen, hypochondrischen, menschenfeindlichen Hauptdarstellers mit einem blutjungen Mädchen aus Mississippi, die von zu Hause ausgerissen ist. Melody heißt sie. Charmant ist der Film einerseits wegen der angenehmen Spielorte (New Yorker Wohnung, Straßenecken, Märkte, Hausboot, schönes Wetter), zweitens wegen Evan Rachel Wood als Melody, die für mich hier ein bisschen eine blonde Audrey Hepburn (Holly Golightly) aus Frühstück bei Tiffany’s gibt, drittens auch wegen ihrer Eltern, die auf der Suche nach ihr und nach einander auch nach New York kommen und, Klischee muss sein, ihre übertriebene Bibelfestigkeit und Prinzipienreiterei in der großen freien Stadt fallen lassen, so wie auch ihre Hüllen und sich selbst entdecken.
Am Schluss haben alle Beteiligten eine neue Liebe und/oder Liebesform für sich gefunden, die für sie funktioniert, und das ist eben auch die Message: Wenn’s funktioniert...
Gefallen hat mir übrigens auch die Mutter, die, da habe ich
aufgehorcht, aus New Orleans stammen sollte. Und siehe da, die Schauspielerin
Patricia Clarkson ist in New Orleans geboren und aufgewachsen. Sie ist die
Tochter der Stadträtin Jaqueline Clarkson, und ihr Vater arbeitete in der
Schulverwaltung. Sie selbst hat an verschiedenen Unis studiert, u.a. auch in
LSU und hat einen Master of Fine Art von der Yale University. Sie spielt
meistens in Independent-Filmen und bekommt dafür auch regelmäßig Preise (Emmy,
Oskar-Nominierung). 2010 ist sie nach der BP-Ölkatastrophe mit einem kleinen
Text und Video an die Öffentlichkeit getreten. Sie spricht darin über ihre
eigene Kindheit und das Leben an der Golfküste und klagt an, dass eine einzige
Firma den Lebensraum so vieler Menschen und Tiere zerstören kann. Sie prangert
die ölschluckende Lebensweise der Amerikaner an und bittet sie, sich an ihre
Senatoren zu wenden.
Ich befürchte, das hat nicht funktioniert. Inzwischen
hat auch Obama wieder Bohrlizenzen für neue Explorationen vor der Küste Louisianas verkauft.
Übrigens lief in dem Film auch immer wieder New Orleans Jazz als Filmmusik. Woody Allen hat ja nach New York allerhand Städtefilme gemacht, London, Paris, Barcelona, Rom. Woody Allens New Orleans würde mich schon seeeehr interessieren.
Sonntag, 24. März 2013
Tennessee Williams' Lache
Heute geht in New Orleans das Tennessee Williams/ New Orleans Literary Festival zu Ende (20. bis 24. März 2013) und wieder gab es unzählige Workshops, Lesungen, Podiumsdiskussionen. Dabei war ein Veranstaltungsort auch die Historic New Orleans Collection, und unter den Vortragenden waren John Biguenet, Moira Crone und John Jeremiah Sullivan, über die ich hier alle schon mal berichtet habe. Heute um 16.15 Uhr findet auch der 27. Stellaaaaa! Shouting Contest auf dem Jackson Square statt, bei dem wie jedes Jahr die Person gekürt wird, die am überzeugendsten Stella! oder auch Stanley! zum Balkon hochschreien kann, in Anlehnung an die bewusste Szene aus Endstation Sehnsucht mit Marlon Brando. Siehe auch hier.
Laut Writer's Almanac wurde Cat on a Hot Tin Roof am heutigen Tag 1955 in New York uraufgeführt. Die Aufführung lief 694 Mal und Williams erhielt für das Stück seinen zweiten Pulitzer-Preis. Es heißt dort auch, dass die Regisseure es immer gar nicht mochten, wenn Herr Williams zu den Premieren kam. Er hatte eine schrille, ansteckende Lache und lachte immer an den falschen Stellen, so dass sich die Leute im Publikum immer nach ihm umdrehten, was wiederum die Schauspieler verwirrte. Eigentlich weiß ich gar nicht, was es da zu lachen geben mag, weil doch seine Stücke immer so existentiell dramatisch sind. Katze auf dem heißen Blechdach war sein Lieblingsstück, aber den Film mit Elizabeth Taylor hasste er.
Hier, ohne Tennessee-Williams-Bezug, noch ein paar Fotos und ein Video, die ich gefunden habe. Zu sehen ist eine Straßenband im French Quarter, aber mir haben es die tollen Tänzer angetan. Swing!
Laut Writer's Almanac wurde Cat on a Hot Tin Roof am heutigen Tag 1955 in New York uraufgeführt. Die Aufführung lief 694 Mal und Williams erhielt für das Stück seinen zweiten Pulitzer-Preis. Es heißt dort auch, dass die Regisseure es immer gar nicht mochten, wenn Herr Williams zu den Premieren kam. Er hatte eine schrille, ansteckende Lache und lachte immer an den falschen Stellen, so dass sich die Leute im Publikum immer nach ihm umdrehten, was wiederum die Schauspieler verwirrte. Eigentlich weiß ich gar nicht, was es da zu lachen geben mag, weil doch seine Stücke immer so existentiell dramatisch sind. Katze auf dem heißen Blechdach war sein Lieblingsstück, aber den Film mit Elizabeth Taylor hasste er.
Hier, ohne Tennessee-Williams-Bezug, noch ein paar Fotos und ein Video, die ich gefunden habe. Zu sehen ist eine Straßenband im French Quarter, aber mir haben es die tollen Tänzer angetan. Swing!
Mittwoch, 6. März 2013
New Orleans – ein Fragebogen mit Rex Rose
Rex Rose ist Autor, Lehrer
und gebürtiger New Orleanser.
New Orleans ist... Spaß.
Sinkend. Gefährlich. Böse. Freundlich.
Schön. Dumm.
Lieblingsort in New
Orleans: Das Café, das jeweils gerade am meisten „bohème“ ist.
Lieblingsgebäude: The Skyscraper. (Der Wolkenkratzer)*
Lieblingsessen aus New
Orleans: Heiße-Wurst-Po-Boy mit
Mayonnaise und Senf zusammengemischt.
Lieblingsmusiker/in aus
New Orleans: The Sluts.
(Hardcore-Punk-Band der achtziger Jahre)
Lieblingstext über New
Orleans: Toast (Roman von Rex Rose)
Lieblingsfilm über New
Orleans: Zombie vs. Mardi Gras **
Lieblingswort oder
-ausdruck aus New Orleans: Where you
stay? (Wo übernachtest du?)
Passendster Spitzname für
New Orleans: The city that forgot to
care. (Die Stadt, die vergaß, etwas wichtig zu finden.) ***
Lieblingspersönlichkeit/-figur:
Morgus the Magnificent (Morgus der
Prächtige) ****
Liebste, hier nicht
erwähnte Sache in New Orleans:
Kostenlose Fahrt auf der Fähre nach Algiers.
Wer sollte Bürgermeister
von New Orleans sein? Morgus der
Prächtige
Wie kann die Stadt ihre
Mordrate senken? Drogen und
Feuerwaffen legalisieren, das NOPD (Polizei) und die Schulverwaltung auflösen
und mit Außenseitern in den wichtigsten Positionen neu anfangen.
Warum ich (nicht) in New
Orleans lebe: Die Kriminellen und die
Polizei, ohne besondere Reihenfolge
Was ich an New Orleans am
wenigsten mag: Nie wird etwas zu Ende
gemacht, weil es schon ein paar Jahre dauert, bis man sieht, wie im Arsch alles
ist.
Was die meisten nicht über
New Orleans wissen: Wir hatten einen
viel produktiveren und ekelhafteren Serienmörder als Jeffrey Dahmer, aber
niemand hat es richtig mitbekommen.
Meine New
Orleans-Expertise: Ich habe sieben
Jahre lang in einer Bar Austern geöffnet und in heimischen Klubs gespielt.
Cheers!
* Was ich an diesen
Fragebögen so mag, ist, dass ich immer etwas Neues lerne. Auf meine Nachfrage
schrieb Rex: „Es ist an der Ecke von St. Peter und Royal Street und dort wohnte
eine wichtige Kerngruppe von Bohème-Beatnik-Leuten. Es wurde so genannt, weil
es das einzige vierstöckige Gebäude im French Quarter war.“ Das Gebäude stammt
von 1807. Hier ein Foto.
** Zombie vs. Mardi Gras: ein Horrorfilm. Hier.
*** Wortspiel auf den berühmten Spruch: The city that care forgot (Die Stadt, die die Sorge vergaß)
****Morgus der Prächtige: Von
dem Schauspieler Sid Noel dargestellter verrückter Wissenschaftler, der in
seiner Spätabendsendung von 1959-1989 Horror- und Sciene-Fiction-Filme zeigte.
Es gibt auch einen Film The Wacky World of Dr. Morgus (Die abgefahrene Welt des Dr. Morgus) und ein Comeback
in den 2000er Jahren, unterbrochen durch Hurrikan Katrina.
Freitag, 18. Januar 2013
Eine Liebeserklärung
Nach den Katastrophenberichten mit Selbstprofilierung, den anklagenden
Dokumentarfilmen danach, den Fiktionalisierungen von Katrina ist jetzt die
Phase der Liebeserklärungen an New Orleans und Louisiana gekommen, wie mir
scheint. Eine solche ist der Film Tchoupitoulas der Gebrüder Ross, ein Dokumentarfilm in Form einer Meditation, eine
Schleife aus Bildern, die assoziiert werden und in die der Film ohne rechte
Dramaturgie ein- und am Ende ausblendet. Als Kinder waren die Rosses
offensichtlich öfter in der Stadt und so ist auch der Film aus dem Blickwinkel
dreier Brüder mit Hund gedreht, die aus Algiers am gegenüberliegenden
Mississippiufer kommend das French Quarter erkunden, wobei vor allem der Kleine,
William Zanders, kommentiert und scheinbar ohne Zusammenhang vor sich hin
philosophiert. Sie beobachten Musiker, Striptänzerinnen, Transvestiten,
Austernverkäufer, Obdachlose und Perle Noire (die schwarze Perle), eine recht kräftige
Burlesktänzerin, die vage an Josephine Baker erinnert und mit ihrer
Gelenkigkeit und fast völligen Nacktheit sehr beeindruckend und irgendwie auch
erotisch ist.
Auf die Tchoupitoulas Street kommen die Jungen vielleicht,
als sie nachts in einen Luxusdampfer einsteigen und diesen besichtigen, doch
ich habe gelesen, dass der Titel des Film gewählt wurde, weil es diesen
Straßennamen nur in New Orleans gibt. Ein schöner Film, der scheinbar hier
nicht in den allgemeinen Verleih kommt. Hier.
Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Amerika sich jetzt, seit Katrina, dessen bewusst wird, was es an New Orleans hat und dieses zelebriert. So auch in
diesem Film. Mir gefällt das.
Samstag, 12. Januar 2013
Oskarverdächtig
Beasts of the Southern Wild ist jetzt für vier Oskars nominiert worden: für den besten Film, die beste Darstellerin, den besten Regisseur und das beste adaptierte Drehbuch. Das ist ganz beachtlich für einen Debütfilm, der mit einem Budget von 1,5 Millionen Dollar produziert wurde. Der Regisseur Benh Zeitlin, den es aus New York nach New Orleans zog, meinte dazu, dass dies hoffentlich Louisiana etwas mehr Prestige bringen wird. „Von
Anfang an wollte ich dazu beitragen, eine Infrastruktur für den Film in
Louisiana aufzubauen. Ich arbeite wirklich gern in Louisiana. Ich plane, den
Rest meines Lebens in Louisiana zu verbringen und Filme zu machen.“ Das merkt man dem Film übrigens an und so macht er auch noch diese Unterscheidung: „Es
besteht ein großer Unterschied, zwischen Filmen, die in Louisiana gedreht
werden, und Filmen, die aus Louisiana stammen. Ich hoffe, der zweiten Kategorie
anzugehören. Und ich hoffe mehr Leute werden auf die Leute von hier
aufmerksam... Es gibt so viel Talent hier...“
Die Hauptdarstellerin Quvenzhané Wallis ist zwar jetzt schon neun Jahre alt, damit aber immer noch die jüngste Oskarnominierte. Inzwischen war sie auch im Fernsehen: in einer Serie und in der Jay Leno Show. Gemeinsam mit ihrem Filmvater Dwight Henry spielt sie auch in dem Film Twelve Years a Slave, der im Herbst 2013 herauskommen soll, in der Regie des mir noch unbekannten Steve McQueen aus England.
Auch für einen Oskar nominiert ist Tony Kushner für das beste adaptierte Drehbuch für Lincoln in der Regie von Steven Spielberg. Tony Kushner entstammt einer jüdischen Familie aus New York, wuchs aber in Lake Charles im Westen Louisianas auf. Zwar zog er zum Studium gleich nach New York, doch als Master-Student führte er in den Sommern 1978 bis 1981 auch Regie bei eigenen Stücken und Shakespeares Midsummer Night's Dream, die er mit Schülern des Talentiertenprogramms des Gouverneurs an der McNeese University in Lake Charles aufführte. Für sein Theaterstück Angels in America: A Gay Fantasia on National Themes erhielt er 1993 den Pulitzer-Preis. Noch so ein Talent aus Louisiana...
Viele der Informationen hier habe ich übrigens aus der New-Orleans-Ausgabe des Advocate aus Baton Rouge.
Die Hauptdarstellerin Quvenzhané Wallis ist zwar jetzt schon neun Jahre alt, damit aber immer noch die jüngste Oskarnominierte. Inzwischen war sie auch im Fernsehen: in einer Serie und in der Jay Leno Show. Gemeinsam mit ihrem Filmvater Dwight Henry spielt sie auch in dem Film Twelve Years a Slave, der im Herbst 2013 herauskommen soll, in der Regie des mir noch unbekannten Steve McQueen aus England.
Auch für einen Oskar nominiert ist Tony Kushner für das beste adaptierte Drehbuch für Lincoln in der Regie von Steven Spielberg. Tony Kushner entstammt einer jüdischen Familie aus New York, wuchs aber in Lake Charles im Westen Louisianas auf. Zwar zog er zum Studium gleich nach New York, doch als Master-Student führte er in den Sommern 1978 bis 1981 auch Regie bei eigenen Stücken und Shakespeares Midsummer Night's Dream, die er mit Schülern des Talentiertenprogramms des Gouverneurs an der McNeese University in Lake Charles aufführte. Für sein Theaterstück Angels in America: A Gay Fantasia on National Themes erhielt er 1993 den Pulitzer-Preis. Noch so ein Talent aus Louisiana...
Viele der Informationen hier habe ich übrigens aus der New-Orleans-Ausgabe des Advocate aus Baton Rouge.
Freitag, 11. Januar 2013
Tchoupitoulas
Dieser Tage erreichte mich noch dieser Hinweis:
Am Montag abend haben O. und ich (O. ist der Freund, der
auch in New Orleans wohnte und die Stadt liebt, jetzt wohnt er leider in
Missouri) einen halb Doku/half Spielfilm über drei junge Brüder in New Orleans
gesehen -- im Babylon-Mitte (in den kleinen Studio-Räumen). Der Titel ist
Tchoupitoulas (it's named after a big street in New Orleans).
Überraschend schön, nice cinematography, ein Abend in New
Orleans auf den Straßen. A wandering film. Es ist Teil des "American Indie
Film"-Filmfestivals im Babylon. You should see it if you get a chance! (It
probably won't play many places.)
Die New York Times beschreibt den Film übrigens als „heady hybrid of documentary
and dream“. Wenn Ihr mich und/oder den Film sehen wollt und es Euch im
englischen Original recht ist, dann kommt am Sonntag, 13. Januar 2013 um 19.45
Uhr ins Babylon in Berlin-Mitte.
Die Tchoupitoulas Street schwingt sich über einige Kilometer
entlang der Kurve des Mississippi durch Uptown New Orleans und wird auf der
Flussseite von Eisenbahnschienen, Lagergebäuden und Supermärkten gesäumt. Dann
gibt es auch das Gericht Chicken Tchoupitoulas, wobei das Hähnchen scharf und
mit Weißwein und Gemüsen zubereitet wird. In Coop's Place schmeckt es
hervorragend, aber die Rezepte der New Orleanser Fernsehköche Paul Prudhomme
und Emeril Lagasse sind sicherlich auch nicht schlecht.
Eigentlich waren die Tchoupitoulas ein Indianerstamm in der
Gegend, die allerdings ausgestorben sind. Den Namen erhielten sie wohl von den
Franzosen. Vor dem geistigen Auge sieht man Indianer ja immer auf den trockenen
Weiten im Wilden Westen, nicht in den Sümpfen Louisianas, und tatsächlich
sind es nicht mehr sehr viele hier und vor allem in kleinen Reservaten. Bei den
Mardi Gras Indians (d.h. Afroamerikanern in New Orleans mit farbenprächtigen
Federkostümen, die zum Karneval tanzen und Umzüge aufführen) gibt es den „Stamm“
der Wild Tchoupitoulas. Die GEMA gestattet es uns leider nicht, deren Videos
hier zu sehen.
Na dann, vielleicht bis Sonntag.
Montag, 31. Dezember 2012
Beasts of the Southern Wild
In den letzten arbeitswütigen Tagen habe ich für das Museum
of Modern Art übersetzt, dessen Sammlung auch virtuell besucht werden kann,
unter diesem Link. Auch aus (oder über) Louisiana finden sich dort Werke, vor
allem auch Fotografien aus New Orleans von Henri Cartier-Bresson, Lee
Friedlander und Walker Evans und natürlich von E.J.Bellocq, der für seine Fotos
aus Storyville Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt ist. Etwas Malerei ist auch
dabei und – Film, so Robert Flahertys (1884-1955) Dokudrama-Klassiker Louisiana Story von 1948. In diesem Schwarzweißfilm zeigt die Kamera die wilde und
exotische, damals noch unberührte, Landschaft Louisianas und die wilden und
exotischen Cajuns, die sie bewohnen. Aus ihrer Armut und ihrem autarken Leben
werden diese durch die Ankunft der Ölindustrie herausgerissen, die
Erkundungsbohrungen durchführt. Natürlich sind die Ölarbeiter alle freundlich
und helfen den naiven Cajuns aus ihrem Elend (der Film wurde von Standard Oil
gesponsort). Zu sehen ist die aufregende Beziehung zwischen moderner Technik
und Fortschritt und dem Naturreichtum der Region, aber es gibt auch einen
Moment der Wehmut, denn es ist auch ein Abschied und ein Eintritt in eine neue
Welt.
65 Jahre später ist das alles längst Alltag. Vor kurzem hat
die BP-Ölkatastrophe weite Teile des Golfs von Mexiko verseucht und die Folgen
sind immer noch spürbar. Abgesehen davon verliert Louisiana ständig an Boden,
mit jedem Hurrikan noch viel mehr, unter anderem weil die Explorationskanäle
der Ölfirmen die Marschen zerstören und das eindringende Salzwasser die
rettende Natur (Pflanzen und auch Tiere) auffrisst.
Insofern ist der Film Beasts of the Southern Wild, den Ihr
auch alle sehen müsst, eine moderne Fortsetzung der Louisiana Story, denn hier geht es genau darum, dass die Menschen ihre Heimat an das Wasser verlieren und aber partout nicht gehen wollen.. Auch vor
Ort mit Laiendarstellern gedreht und ebenso ein gewissermaßen politischer Film,
mit einer Aussage, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Vor allem aber
ist ein großer, aufwühlender Film mit packenden Bildern, in dem ein kleines
Mädchen namens Hushpuppy ihr Leben in den Kontext ihres Landes, das sie
vergessen hat, in den globalen Kontext mit Erderwärmung und aber auch in die
Menschheitsgeschichte einordnet.
Das ist für einen Debütfilm (von Benh Zeitlin – sollte man
sich merken) ein starkes Stück und gelingt irgendwie auch. Der Film ist experimentell und independent, ohne
zynisch oder sarkastisch zu sein, sondern leidenschaftlich und ja, vielleicht
auch pathetisch. Das Bild von Louisiana ist nicht authentisch: nein, auch dort
wohnen die Menschen nicht in Verschlägen, die nach einem Tobsuchtanfall genauso
aussehen wie vorher usw. Aber er baut auch nicht auf Klischees, sondern
vielmehr auf kulturelle Praktiken, die man für den hiesigen Zuschauer
vielleicht erklären müsste.
Mein Begleiter, der mich sogar vor langen Jahren in
Louisiana besucht hat, empfand den Film zunächst wie eine Glorifizierung der
Unterschicht, auch weil in den Untertiteln ein Übersetzungsfehler war (es ging
nicht darum, dass man dort mehr frei hat und ergo weniger arbeitet als irgendwo
auf der Welt, sondern darum, dass es mehr Feste gibt -- im Hintergrund war ein
glanzloser Mardi-Gras-Umzug zu sehen). Die Krebse und Krabben werden natürlich
vor dem Verzehr gekocht, in großen Töpfen mit Kartoffeln und Gemüsen und
scharfen Gewürzen, und dann auf mit Zeitungen bedeckten Tischen aufgehäuft, man
isst mit der Hand und das ist nicht fein. Die ganz Harten saugen auch den Kopf
aus. Nach meinem ersten Crawfish boil träumte ich, dass mir Krebse innerhalb
meiner Jeans an den Beinen entlangliefen.
Der Schauplatz The Bathtub (Die Badewanne) ist ein
erfundener Ort, doch nach Katrina wurde auch New Orleans als „Metropole in Form
einer Badewanne, ohne Stöpsel“ bezeichnet. Inspiriert wurde die Geschichte aber
auch von der kleinen Insel Isle de Jean Charles in Terrebonne Parish, einem
Indianerreservat, das mit jedem Jahr mehr im Wasser versinkt und wo die Einwohner
sich trotzdem nicht vertreiben lassen. Hier ein Ausschnitt aus einem aktuellen
Dokumentarfilm darüber, Last Stand on the Island.
Biester oder Bestien, wie im Titel genannt, gibt es
verschiedene. Zunächst wären da die Kreaturen, die immer laut schnaufend durch
die Träume der kleinen Hauptfigur Hushpuppy ziehen; ich hielt sie den ganzen
Film lang für überdimensionierte Wildschweineber, aber es sollten wohl doch
Auerochsen sein. Dann wären da die Tiere, mit und von denen die Menschen dort
leben und dann sind sie aber auch selbst irgendwie Tiere, zumindest in den
Augen der Behörden, die sie retten wollen. Ein Hinweis darauf ist auch die eine Szene, in der die kleine Hushpuppy versucht, beim Essen eine Krabbe zu zerteilen, und ihr Vater und schließlich auch die anderen Dorfbewohner sie anfeuern, indem sie ihr "Beast it" zubrüllen, (also in etwa: Mach's mit roher Gewalt).
Freunde meinten zu mir, es sei ein Film über den
Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Autarkie. Für mich ist es aber auch
gewissermaßen ein Heimatfilm, der die eigene bedrohte Heimat in
einen größeren Kontext stellt und der die Kraft von gewachsenen Beziehungen und
Gemeinschaften besingt. Wegen der Bilder sollte man den Film auf einer großen
Leinwand sehen und sehr lange läuft er wohl nicht mehr. Für die beiden
Hauptdarsteller, die auch in Sundance und in Cannes dabei waren, ist jetzt
wieder Normalität eingekehrt. Die winzige Quvenzhané Wallis ist eine kleine
Glamourdame geworden und ihr Filmvater Dwight Henry betreibt eine gut gehende
Bäckerei in New Orleans. Hier und hier Interviews mit ihnen.
Im Gambit Weekly wurde der Film zu einem der besten von 2012 gekürt (und für mich ist er das auch). Dort heißt es: New Orleans filmmaker Benh
Zeitlin and his ragtag crew made history with a magical and utterly original
work of Louisiana art.
Happy New Year allerseits!
Donnerstag, 20. Dezember 2012
Geschenktipps
Kurz vor Weihnachten auch vor mir ein paar Geschenktipps, zum Verschenken, aber vielleicht auch
zum Beschenkenlassen. Bücher, Filme, CDs.
Essays für jung gebliebene, an amerikanischer Kultur
Interessierte und solche, die wissen wollen, was genau amerikanische Kultur
ist:
John Jeremiah Sullivan: Pulphead. Übersetzt von Thomas
Pletzinger und Kirsten Riesselmann. Suhrkamp. Meine Rezension --> hier.
Klassiker für jeden Haushalt (wer Madame Bovary oder Effi
Briest im Regal hat, sollte dieses Buch unbedingt dazu stellen, wo es mit seinem roten Einband toll zur Geltung kommen wird):
Kate Chopin: Das Erwachen. Übersetzt von Barbara Becker et. al.
Überarbeitet von Karen Nölle und Christine Gräbe. Edition Fünf. Meine Rezension --> hier.
Urkomische Vignetten des Alltags aus dem New Orleans der
90er und 2000er Jahre (auf Englisch):
Andrei Codrescu: New Orleans, Mon Amour. Algonquin Press.
Romantischer, rasanter Krimi aus den Achtzigern:
The Big Easy. New
Orleans in den Achtzigern und eine Liebesbeziehung, wo die Frau (Ellen Barkin)
eher unkonventionell und rätselhaft schön ist und der Körper des jungen Dennis
Quaid von der Kamera gefeiert wird.
Biografie und Zeitgeschichte in einem (auf Englisch):
Alice Kessler-Harris: A Difficult Woman. Bloombury Press. Meine Rezension --> hier.
Musik für Kinder, zum Tanzen, Rumalbern, auf dem Teppich
herumliegen und genießen:
New Orleans Playground (Putumayo). Zusammenstellung von
New-Orleans-Klassikern, die auch Kinder gern hören.
Sprachwitziger Krimi:
Sara Gran: Die Stadt der Toten. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer. Meine Rezension --> hier.
Spannung für Seitenfresser:
Stephen King: Der Anschlag. Übersetzt von Wulf Bergner. Heyne. Meine Rezension --> hier.
Katrina-Dokumentarroman:
Dave Eggers: Zeitoun. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus
Timmermann. Kiepenheuer & Witsch. Meine Rezension --> hier.
Spröder, witziger New-Orleans-Klassiker:
John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten. Übersetzt
von Alex Capus. Klett-Cotta. Meine Rezension --> hier.
Kleine Geschichte der freien Schwarzen und damit einer
Besonderheit der Stadt (auf Englisch):
Mary Gehman: The Free People of Color of New Orleans. Margaret Media.
Großer amerikanischer Weihnachtsfilmklassiker, den ich diese
Woche mit meinen Studenten vier Mal gesehen habe und immer noch mag:
It's a Wonderful Life. (Ist das Leben nicht wundervoll?) mit
James Stewart.
Und hier noch ein Buch, das ich mir wünsche:
Richard Sexton, Randy Harelson, Brian Costello: New Roads
and Old Rivers. LSU Press.
Prachtvoller Bildband über den historischen und malerischen
Landkreis Point Coupee westlich des Mississippi, 1-2 Stunden nördlich von New
Orleans. Bei der Lesung im September kam ich mit den Autoren ins Gespräch,
während andere Besucher meist fünf oder mehr signierte Bücher mit nach Hause
nahmen. Kostet 45 Dollar.
Mittwoch, 28. November 2012
Vom Winde verweht
Um gewisse Meilensteine der amerikanischen (Pop)-Kultur
kommt man eigentlich nicht herum: Pollyanna,
Dr. Seuss, The Sound of Music, Saturday
Night Live... Und doch habe ich mich um
einige bisher erfolgreich gedrückt, Star Wars zum Beispiel. Football habe ich nur einmal live und
von Anfang bis Ende gesehen, wobei mich das tailgating (d.h. das Grillen,
Feiern, auch Zelten auf dem Parkplatz am Stadion) am meisten beeindruckt hat. Baseball kenne ich nur als Softball
für Schulmädchen und beim Training. Auch um Vom Winde verweht habe ich lange einen Bogen gemacht, bis es letzte
Woche so weit war.
Es geht bekanntlich um Scarlett O’Hara, älteste Tochter
eines Plantagenbesitzers in Georgia, der selbst irischer Abstammung ist und mit
irischem Akzent spricht. Am Anfang des Films flirtet Scarlett mit den jungen
Männern der Umgebung, und überhaupt spannt sie mit Vorliebe ihren Freundinnen
und Schwestern die Männer aus. Sie ist falsch und manipulierend, und das machte
sie mir sofort so unsympathisch, dass ich den Film nach 10 Minuten anhielt und
monatelang keines Blickes würdigte. Gespielt wird Scarlett noch dazu von Vivien
Leigh, die schon in Endstation Sehnsucht
als Blanche eine äußerst nervige Figur abgab.
Scarlett liebt eigentlich nichts und niemanden, außer
vielleicht das Anwesen, auf dem sie aufwuchs, Tara, das immer wieder eine Rolle
spielt. Sie ist hübsch und weiß sich in Szene zu setzen, sie ist auch taff,
gerissen, geschäftstüchtig, und – und das ist vermutlich ihre große Stärke – an
Konventionen liegt ihr wenig. Als sie bei Nachbars eingeladen ist, erfährt sie
zu ihrer Enttäuschung, dass der Sohn Ashley Wilkes (damals war Ashley noch ein
Männername) seine Cousine heiraten will und nicht sie. Also macht sie ihm rasch
ein Liebesgeständnis, zufällig mitgehört von Rhett Butler, der wiederum von ihr
gerade wegen ihrer Unverfrorenheit sehr angetan ist. Auf der Party wird auch
beschlossen, dass man gegen den Norden in den Krieg ziehen wird.
Der Bürgerkrieg prägt dann auch den größten Teil des (2 DVDs
umspannenden) Films. Die vielen Verwundeten und Toten, die Zerstörung, die Not
dieses Krieges werden vorstellbar. Scarlett
kümmert sich ihm zuliebe um Ashleys Frau, die ihr eine tiefe Zuneigung und
Dankbarkeit entgegenbringt. Mit Melanie zusammen arbeitet sie auch kurzzeitig
in einem Lazarett, bis sie das Elend dort nicht mehr ertragen will. Zwei Ehen, die
sie aus unlauteren Motiven einging, enden mit dem jeweiligen Tod des Mannes.
Treu an ihrer Seite bleibt vor allem Mammy, ihre schwarze Amme, gespielt von
Hattie McDaniel, die für ihre Darstellung als hörige Sklavin, auch als sie keine
mehr ist, kritisiert wurde. Ob das wirklich so stereotyp ist, wie ihr
vorgeworfen wird? Ammen, die Kinder wie Mütter aufziehen und vielen Fällen auch
stillen, entwickeln doch sicherlich eine starke Loyalität zu diesen Kindern.
Scarlett kehrt auch während des Krieges nach Tara zurück und
verteidigt es gegen alle möglichen Angriffe. Bei Geldknappheit und Hunger schwört
sie sich, nie wieder in eine solche Situation zu kommen.
Rhett Butler, der Schwerenöter und Geschäftemacher, taucht
immer wieder auf und neckt und hofiert sie. Schließlich heiraten
die beiden, und Scarlett scheint auch sexuell erfüllt mit ihm zu
sein, doch immer wieder kommt es zu Streit, Bockigkeit und Missverständnissen
zwischen den beiden, wegen der Tochter, wegen Scarletts Versuchen, Ashley für
sich zu gewinnen usw. Rhett, dessen Charme im Laufe des Films zumindest mein
Herz gewinnen konnte, verlässt sie am Ende mit der Kult gewordenen Bemerkung:
„Frankly, my dear, I don’t give a damn.“ (Ehrlich gesagt, meine Liebe, ist mir
das scheißegal. Die deutsche Synchronfassung lautet „Offen gesagt,
pfeif ich drauf“.) Scarlett zieht sich auf Tara zurück, um sich zu sammeln und
zu planen, wie sie ihn zurückgewinnen kann.
Es gibt auch eine kurze Szene in New Orleans, wohin die
beiden mit einem Raddampfer in die Flitterwochen fahren, bevor Scarlett schnell
nach Tara zurück möchte. Ich hatte immer gedacht, dass der Film auf der
legendären Oak Alley Plantation in Louisiana spielte, aber das war ein Irrtum.
Tara oder Twelve Oaks soll von der Boone Hall Plantage in der Nähe von
Charleston inspiriert sein, während Oak Alley Schauplatz für viele andere Filme
war, siehe hier.
Worin die Faszination des Films besteht? Die Monumentalität,
die erstaunlichen Farben und Effekte und die Musik kann man sicher nur bei einem großen Bildschirm wertschätzen. Doch die Darstellung des Bürgerkriegs war
beeindruckend und plastisch, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Die
Rassenbeziehungen werden nicht sehr vorteilhaft, aber wohl halbwegs akkurat
dargestellt. Neben den schönen Kleidern und der Darstellung eines Südens und einer Zeit, die es nicht mehr gibt, faszinieren vielleicht auch gerade die Beziehungen. Eine schwülstige Liebe „bis an das Ende der Tage“ gibt es hier nicht, denn Ashley und seine Frau verbindet eine tiefe Freundschaft und möglicherweise Seelenverwandtschaft, und Rhett Butler und Scarlett O’Hara teilen eine starke, aber kratzbürstige Anziehung, die zum Teil auch ein Spiel ist, das am Ende aus Dummheit und Eitelkeit scheitert. Es nicht einfach ein Liebesfilm nach altbekanntem
Muster, sondern eher ein Lehrstück über Beziehungen.
Insgesamt ein Schinken, sicher, aber doch ein ungewöhnlicher Schinken mit feinen Nuancen und differenzierten Geschmacksnoten. Einer, den man sich ruhig einmal gönnen kann.
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