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Dienstag, 15. März 2016

Spotlight

Um die Oscars hatte es viel Aufregung gegeben, unter dem Motto #OscarsSoWhite, und der Moderator Chris Rock hatte sich ordentlich darüber lustig gemacht. Zum Teil war es das berühmte im Halse steckenbleibende Lachen, so als er sagte, in den sechziger Jahren hätten sich die Schwarzen nicht beschwert, weil sie andere Probleme hatten (Lynchings usw.), oder dass in der Erinnerungskategorie für Verstorbene dieses Mal an die Schwarzen erinnert würde, die auf dem Weg ins Kino von Polizisten erschossen wurden.
Neben all den weißen Schauspielern und Künstlern (wobei Chris Rock auch thematisierte, warum die Preisvergabe überhaupt in Männer und Frauen unterteilt ist) waren auch weiße Filme nominiert, vor allem „The Revenant“ mit Leonardo di Caprio, wohl ein ziemlich brutaler Kracher. Aber gewonnen hat dann ein anderer Film, der mich schon im Vorfeld interessiert hatte, Spotlight, eine Hollywood-Produktion mit Anspruch und einem ernsten Thema. Spotlight heißt ein Spezialteam der Tageszeitung Boston Globe, das investigative Reportagen verantwortet und dafür monatelang recherchieren darf. (Diese Abteilung gibt es heute noch, mit 7 Mitarbeitern, darunter auch Michael Rezendes, der im Film von Mark Ruffalo gespielt wird.)
Der Film zeigt, wie das Spotlight-Team gerade nach einem neuen Thema sucht, und von dem neuen Chefredakteur, Marty Baron, gleich an seinem ersten Tag auf einen Fall angesetzt wird, der immer mal wieder im Lokalteil auftauchte. Gerade am Wochenende zuvor hatte eine Kolumne über Missbrauchsvorwürfe gegen einen Priester mit den Worten geendet: The truth may never be known. (Die Wahrheit wird wohl nie herauskommen.)
Warum eigentlich, fragte sich Baron, eine Frage, die sich die Einheimischen nie gestellt hatten. Wie sich zeigte, weil die katholische Kirche in Boston so allgegenwärtig und allmächtig ist, dass sie selbst Gerichtsakten verschwinden lassen und Missbrauchsfälle in außergerichtlichen Vergleichen abgelten kann. Der Film zeigt die wochenlange Recherche der Journalisten, das Fordern nach Akteneinsicht, das Herumtelefonieren, Leute zum Reden bringen, die nicht reden wollen, Akten und Jahrbücher durchforsten, Notizen machen, nachdenken, zu wenig essen, zu wenig schlafen, den emotionalen Stress. Das alles wird – wie immer wieder betont wird – treffend und nicht sensationell herübergebracht und ist trotzdem spannend und aufregend. Für ihre Recherche wiederum hatten sich die Filmemacher und Schauspieler mit den Reportern getroffen und  einiges abgeguckt. Darüber berichten sie in zwei Interviews auf NPR (in On the Media und Fresh Air) und in verschiedenen Talkshows.
Gleich bei Erscheinen des ersten Artikels einer ganzen Serie, das zeigt der Film, meldeten sich hunderte Missbrauchsopfer, die zum ersten Mal über ihre Erfahrung reden konnten. Und nicht nur das. Die Serie bekam einen Pulitzer-Preis und löste weltweite Untersuchungen aus. In Deutschland allerdings erst 2010 mit dem Brief des Rektors des Berliner Canisius-Kollegs, und wie es scheint, ist da noch gar nicht so sehr viel geschehen.
Was der Film überaus deutlich klar macht, ist die Bedeutung von Zeitungen, ihre Existenzberechtigung, die auch der Chefredakteur anspricht. Die Frage ist doch, was kann die Presse leisten, was digitale Medien nicht so gut können? Wie kann sich die Presse behaupten?
Genau so, davon bin ich überzeugt.
Indem sie Themen thematisiert, die ihre Leser berühren und ihnen am Herzen liegen. Das kann investigativer Journalismus. Und so ist der Boston Globe bis heute eine wichtige überregionale Zeitung, und das Spotlight-Team recherchiert weiter, auch wenn viele Mitarbeiter entlassen wurden. Wie die Washington Post (gegründet 1877) wurde der Boston Globe (gegründet 1872) 2013 an private Unternehmer verkauft, was sich auf die Unternehmungspolitik auswirkte und im Falle der Washington Post, die Jeff Bezos gehört, auch immer mehr in politisch tendenziös wirkender Berichterstattung äußert.
Die New Orleans Times-Picayune (gegründet 1837), die ich lange kannte und liebte, war auch für ihre Rolle nach Hurrikan Katrina Pulitzer-Prize-gekrönt und sorgte später mit einer Serie über das Gefängnissystem in Louisiana für Aufsehen. Darin konnte sie zeigen, dass aufgrund von Korruption und Geschäftsinteressen die (privat betriebenen) Gefängnisse in Louisiana immer gut belegt sind und  der kleine Bundesstaat die größte Gefängnispopulation der USA und damit der Welt hat.
Obwohl die Times-Picayune einen sehr treuen Abonnentenstamm hatte, ließen die neuen Besitzer sie ab 2012 nur noch drei Mal die Woche drucken und leiteten damit den bis heute andauernden Untergang des Traditionsblatts ein. Dafür sprang der Advocate aus Baton Rouge mit einer New-Orleans-Ausgabe in die Bresche und wird immer beliebter. Und zeigt, dass es auch anders geht. (Ich hatte 2012 hier im Blog immer wieder berichtet.)
Fazit: Guter, fundierter Journalismus von erfahrenen und lokal verwurzelten Reportern und Reporterinnen macht sich bezahlt! Spotlight: Ansehen! Allerdings: Es spielen nur Weiße mit.

Sonntag, 5. Januar 2014

Treme -- das Ende

Ende Dezember lief die letzte, eine halbe, Staffel der Fernsehserie Treme, die jetzt 38 Monate später wieder einsetzt. Die Serie spielt ja in der Zeit nach Hurrikan Katrina, vor allem in dem historischen kreolischen Viertel Treme gleich neben dem French Quarter, das jetzt hübsch gentrifiziert wird, wie ich bei meinem letzten Besuch beobachten konnte.
Es ist eine Serie, in der die Stadt, New Orleans, die sehr kantige Hauptrolle spielt und die Musik die Ecken wieder glättet. Der Times-Picayune-Filmkritiker Dave Walker stellte sich vor (in diesem Artikel), wie die Filmemacher David Simon und Eric Overmyer (bekannt für The Wire) dem Sender HBO ihr Serienkonzept vorgestellt haben mögen (die Figurennamen in Klammern sind von mir):
-- Eine unserer Hauptfiguren ist ein ruppiger R&B-Musiker, der immer wieder Probleme mit seiner Vaterrolle hat. Er spielt Posaune. (Wendell Pierce als Antoine Batiste)
-- Eine andere Figur ist ein Schwarzer, der sich selbst als Indian(er) bezeichnet und sich für Straßenumzüge als eine Art Las-Vegas-Showgirl verkleidet, zum Beat von afrikanischen Trommeln. In jeder Staffel zeigen wir das in einer Folge. Die übrige Zeit näht er. (Clarke Peters als Albert Lambreaux)
-- Eine weitere Figur ist ein Universitätsprofessor und Schriftsteller mit Schreibblockade, der seine Wut über das Internet herauslässt. Er wird von einem Film. und Fernsehstar gespielt, aber wir lassen ihn gleich nach Mardi Gras sterben. (John Goodman als Creighton Bernette) Seine Frau ist Anwältin und vertritt Leute, die sie nicht bezahlen können. (Melissa Leo als Toni Bernette)
-- Der bestaussehende junge Mann unter den Figuren ist garstig zu Wiederaufbaufreiwilligen und misshandelt die liebe junge Frauenfigur. Er hat auch ein Drogenproblem. (Michiel Huisman als Sonny, Lucia Micarelli als Annie)
-- Wir bringen die Zuschauer dazu, Steve Zahn zu hassen. (als Musikmöchtegernimpressario Davis McAlary)
-- Khandi Alexander verbringt die ganze erste Staffel damit, ihrem Bruder nachzuspüren, der im post-Katrina-Gefängnissystem verschollen ist, das Kafka das Fürchten gelernt hätte. Dann findet sie bei den Emmy Awards keine Beachtung. Die folgenden Staffeln werden noch viel schlimmer für sie.
-- Wir haben eine Köchin, die einen Hubig's Pie aufmotzen und als hohe Kochkunst präsentieren kann... Die meiste Zeit ist sie nicht in der Stadt. (Kim Dickens als Janette Desautel)
-- Wir machen Hunderte von Anspielungen auf Dinge wie Hubig's Pies und Leute wie Dave Bartholomew und erklären sie nicht.
-- Es gibt mehrere tolle Beerdigungen.
-- In den Straßen wird oft wild getanzt, meistens scheinbar ohne Grund.
-- Tolle Musik aus New Orleans wird eine Hauptrolle spielen, aber das meiste davon haben sie noch nie gehört.
Er schließt die Aufzählung mit den Worten: "Es ist ein Wunder, dass die Serie gemacht wurde und so lange lief." 
Nicht alle Figuren sind sympathisch und selbst die sympathischen machen immer wieder die Art Fehler, wo man als Zuschauer zusammenzuckt. Eine der direktesten und besten Figuren für mich ist Antoine Batistes Lebensgefährtin Desiree, gespielt von der Laienschauspielerin Phyllis Montana LeBlanc, die als eine der Interviewpartnerinnen in Spike Lees Dokumentar-Epos When the levees broke auf sich aufmerksam machte.
Mich fasziniert vor allem die Atmosphäre der Serie, die einen förmlich einsaugt, und natürlich New Orleans, das absolut wiederzuerkennen ist. Für das "es richtig treffen" sorgten sicher die mitarbeitenden lokalen Autoren wie Lolis Eric Elie, der sogar noch ein Kochbuch zur Serie herausgebracht hat. 
Die Serie hatte viele Fans und wenige Zuschauer. Manche New Orleanser haben sie nicht gesehen, weil sie Angst hatten, es würde ihnen zu nahe gehen. Doch wenn man die Kommentare liest, hat sie Einheimische und vor allem auch Auswärtige tief berührt. Wie einer schreibt, mehr als Spike-Lees Katrina-Requiem. 
Was Treme so besonders und so wichtig macht, ist, dass es das lebendige New Orleans zeigt, wie und warum die Leute immer noch oder wieder oder überhaupt erst hier wohnen und leben wollen. Schade, dass es vorbei ist. Gut, dass es es gibt (in 36 Folgen).
Mehrere Soundtrack-Alben sind erhältlich und ab Ende Januar gibt es die DVDs (wie es scheint nur auf Englisch und vorerst nur für den amerikanischen Markt).
Vorschauen, Videos, Zusammenfassungen finden sich hier.
In der Times-Picayune werden die Anspielungen und Hintergründe der einzelnen Folgen erklärt, Treme explained.



Mittwoch, 4. Dezember 2013

Louisiana --> DDR und zurück

In der MDR-Mediathek ist vermutlich nur noch für kurze Zeit der Mitschnitt eines Konzerts mit Louis Armstrong & His All Stars zu sehen (hier noch mehr). Das Besondere: Es ist vom 22. März 1965 im Friedrichstadt in Berlin (Hauptstadt der DDR). Ich war da noch nicht geboren, aber ich habe viel darüber gehört, weil mein Vater nämlich da war, da sein musste, weil er ein großer Fan war. Es ist die Art Jazz, die viele Leute heute noch mit New Orleans assoziieren, und den es immer noch gibt und immer geben wird, aber nicht nur. Es war ganz sicher noch im alten Friedrichstadtpalast gleich neben dem Berliner Ensemble, der in den achtziger Jahren abgerissen wurde. Die Aufnahmen sind schwarz-weiß, die Band ist es auch, sie tritt nach und nach vor einen glitzernden weißen Vorhang und alles sieht irgendwie klein und altmodisch aus. Und dann holt Armstrong seine Trompete hervor und bläst los und es ist unglaublich, rein, klassisch, grandios!
Zwischendurch ist er immer wieder der liebenswürdige Teddybär-Entertainer, der niemandem etwas zu Leide tun kann. Das hat man ihm oft vorgeworfen: In den USA fanden Afroamerikaner, dass er sich zu sehr anbiedert und nicht für ihre Sache eintritt, und als er in 17 Städten in der DDR spielte (und in anderen sozialistischen Ländern), da warfen ihm westliche Journalisten vor, dass er so unpolitisch sei. Darauf sagt er im Interview: "Ich geh da hin und spiele, wo mich mein Manager hinschickt, und immer bin ich willkommen." Und genau so einfach ist es. Der Jazzmusiker und Musikjournalist Karlheinz Drechsel, der ihn damals begleitet hat, erzählt (Interview hier), dass er sich nicht nur in die Herzen der Menschen gespielt hat, sondern auch dem Jazz die Türen in der DDR geöffnet hat. Was viele Leute sich nämlich nicht vorstellen können, ist, dass niemand möchte, dass jemand von weit her kommt und einem sagt, wie beschissen man es hat, denn letztendlich ist alles Leben, und in der DDR hatte man Frieden und Arbeit und zu essen und das war damals noch seeehr viel wert. Als später in den achtziger Jahren Bob Dylan zum Konzert kam, da wollten wir auch nicht, dass er uns erzählt, wie doof es bei uns ist, aber wir hätten uns gefreut, wenn er irgendetwas gesagt hätte, irgendwie erwähnt hätte, wie besonders es war, dass er überhaupt bei uns war und spielen konnte. 
Im Interview mit Louis Armstrong hört man, dass er nicht besonders gebildet ist und vermutlich auch nicht in komplexen Zusammenhängen dachte, aber das brauchte er auch nicht. Er war Musiker. Er spielte mit einer Lebensfreude und tiefen Wertschätzung für das Leben und für andere Menschen, und das übertrug sich in seiner Musik und, wenn man es will, erreicht es uns heute noch.
Themenwechsel: Vor kurzem habe ich mal wieder den Film Schultze gets the Blues gesehen, mit Horst Krause in der Hauptrolle. Er ist einer der Schauspieler, die nur eine Rolle beherrschen, glaube ich, und die spielt er sehr gut, als Landpolizist zum Beispiel. In diesem Film ist sie ein wenig abgewandelt, denn es ist einer dieser deutschen Filme mit langen, schweigsamen Einstellungen, die bedeutungsschwer die Geschichte vorantreiben. Aber vieles ist auch außergewöhnlich. Zum Beispiel, dass der Film in Sachsen-Anhalt spielt und das Leben dieser einfachen Bergmänner mit leichtem Humor gezeigt wird, ohne sie zu denunzieren. Horst Krause (hier Schultze) ist also einer von drei Männern, die in den Vorruhestand geschickt werden, und dann nicht so recht etwas mit sich anfangen können. Immerhin spielt Schultze gelegentlich Akkordion, mindestens einmal im Jahr auf dem Dorffest, immer dasselbe Stück, das schon sein Vater gespielt hat.
Doch eines Abends hört er im Radio Zydeco, die schnelle, rhythmische Musik der kreolisch-afroamerikanischen Landbevölkerung in Louisiana, bei der ein Akkordion immer mitspielt (sehr ähnlich der Musik der Cajuns, die allerdings langsamer ist.). Allerdings hört er nur ein paar Riffe und schaltet dann wieder aus, aber diese spielt er schnell nach und übt sie immer wieder. Zum Befremden der meisten im Dorf spielt er sie auch auf dem Dorffest. Er kocht Jambalaya für seine beiden Kumpels und jobbt nebenher für einen Flug nach Louisiana. Dann wird er für den Austausch mit der Partnerstadt New Braunfels in Texas ausgesucht, wo er sich allerdings nur kurz aufhält und schnell vor der dort praktizierten Deutschtümelei flüchtet.
Er nimmt sich ein kleines Boot und fährt durch die Sümpfe und Bayous nach Louisiana (auf der Karte sieht man, dass das von New Braunfels aus nicht so ohne weiteres geht, aber es ist ein Film, Mensch!). Dort wird er von der freundlichen Küstenwache abgeschleppt, gerät in einen Cajun-Tanzabend auf dem Lande, wo er auch gleich tanzt, und schließlich, wie im Traum, trifft er in den Sümpfen auf ein großes Boot mit einer sanften schwarzen Frau und ihrer Tochter, die gerade Krabben kocht und ihn zum Essen einlädt. Dann, beim Tanzen im Rock 'n' Bowl in New Orleans bricht er zusammen und stirbt später ganz still auf dem großen Boot in den Sümpfen. Das ist traurig und berührend, aber es ist auch schön, zeigt die raue und unpolierte Schönheit Louisianas, das schöne Licht, die lauten Grillen- und andere Geräusche in der Luft. Ein Louisiana, das zwar auch märchenhaft ist, aber abseits von Klischees.
In der Schlussszene sieht man die Beerdigung. Die Blaskapelle spielt einen Trauermarsch und bricht dann in genau den Zydeco-Riff aus, mit dem seine Faszination begann. Und dann marschiert sie vor dem Horizont mit seinen trostlosen Windrädern von rechts nach links und die Trauernden ziehen und tanzen hinter her. Und ganz plötzlich hat das was von einer Second Line in New Orleans und Schultze ist nicht nur in das verlockende Märchenland gereist, sondern hat es seltsamerweise durch seinen Tod mit in sein Leben zu Hause gebracht. 
Und auf irgendeine Weise schließt sich hier für mich ein Kreis aus Musik und Louisiana und dem Osten.

Dienstag, 26. November 2013

Abgedreht!

Auf Arte habe ich diese abgedrehte Sendung gesehen, mit dem Untertitel "ungewöhnlicher Blick auf Kunst und Kultur". Die Verbindung zwischen den einzelnen Beiträgen war etwas willkürlich; lose bezog es sich auf den Mississippi, den gleichnamigen Bundesstaat, Louisiana und New Orleans, aber die einzelnen Teile waren ganz interessant. Es ging um die Darstellung der Sümpfe in verschiedenen Filmen ("Bayou im Film"), um Schall und Wahn von William Faulkner, um "Die Verschwörung der Idioten" von John Kennedy Toole, Jerry Lee Lewis (zum Beispiel Great Balls of Fire), von dem ich nicht wusste, dass er aus Louisiana stammt und dass er noch lebt, die Fernsehserie Treme und die lebendige Musikszene von New Orleans (kurzes Interview mit Trombone Shorty) und schließlich den Rapper Lil Wayne, der inzwischen mehr Hits in den Charts gehabt haben soll als Elvis Presley. Wie das aufgemacht ist, ist tatsächlich bizarr und der kleine Beitrag über Oprah Winfrey ist nichtssagend und gemein, aber ansonsten kann man sich die Sendung in der Mediathek ansehen (wiederholt wird sie am 27. November 2013 um 6.45 Uhr).

Freitag, 22. November 2013

Silicon Bayou

Seit in den neunziger Jahren eine Freundin von mir bei der damals noch winzig kleinen Louisiana Film Commission gearbeitet hat, ist New Orleans und Louisiana ein bedeutender Filmstandort geworden, zumindest ein beliebter Drehort, nach Hollywood und New York an dritter Stelle. Das hat mit Steuervorteilen und anderen Anreizen zu tun. Was zart und mickrig anfing, trägt jetzt dicke, saftige Früchte. So sehr, dass sich inzwischen der Name Hollywood South für Louisiana als Filmort durchgesetzt hat.
Inzwischen hat sich noch ein anderer Vergleich mit Kalifornien eingebürgert: Silicon Bayou, denn auch immer mehr Computerfirmen siedeln sich hier an. Die BBC hat einen kleinen Beitrag dazu hier. Neben den Steuervorteilen sind es die geringen Lebenskosten und die Lebensqualität, die junge Tech-Menschen nach New Orleans ziehen. Es mangelt zwar noch ein bisschen an Kapital, heißt es in dem Beitrag, aber wie in Silicon Valley ist die Konzentration für die Branche inspirierend. Vor allem aber kommen die Leute nach New Orleans und verlieben sich in die Stadt. Und dass die viel mehr zu bieten hat, als die Straßenmusiker am Jackson Square, mit denen der Beitrag beginnt und schließt, das merkt man nicht immer als Tourist, aber das merkt man, wenn man dort lebt. Hier ein Link zu der Webseite Silicon Bayou News.
Interessant ist übrigens, dass viele dieser Entwicklungen nach Hurrikan Katrina begonnen haben, der nicht nur ein Riesenvakuum herbei gefegt hat, sondern auch in mancher Hinsicht eine Art tabula rasa hinterließ. Nach dem Motto "schöner, schneller, sauberer". Das hat viel Positives, aber nicht nur, wie alle schon länger ansässigen Berliner wissen.

Freitag, 1. November 2013

Was du nicht siehst -- Dans tes yeux

Gestern habe ich einen kleinen Film auf Arte gesehen. Sophie Massieu, eine Blinde, bereist in einer kleinen Serie (mit dem Titel Was du nicht siehst -- Dans tes yeux) die Welt und versucht, ungewöhnliche Blickwinkel auf die Orte zu zeigen, indem sie sich Einheimische als Reiseführer aussucht.
New Orleans und Louisiana überhaupt besuchen Franzosen gern, so wie auch andere frühere Kolonien, vielleicht, weil es exotisch und trotzdem vertraut ist, vielleicht auch, weil man an eine für manche "glorreiche" Vergangenheit erinnert wird. 
Wie bei Arte so üblich, kann man den Film auf Deutsch oder Französisch sehen. Sophie Massieu lässt sich durch New Orleans von Charmaine Neville führen, der Tochter von einem der Neville Brothers, die selbst Musikerin ist und berichtet, dass ihre Familie seit acht Generationen Musiker sind. Sie nimmt sie mit zum Gottesdienst in eine afroamerikanische Kirche, zeigt ihr das Musician's Village und fährt mit ihr zu einem leer stehenden, verlassenen, umzäunten Viertel, an dem man seit Hurrikan Katrina nichts gemacht hat.
Dann geht sie noch zu einer Voodoopriesterin, lässt sich die Zukunft voraussagen, einen GrisGris anfertigen und einen Tanz mit Musik aufführen.
Am nächsten Tag fährt Sophie mit einem richtigen Cajun, Norbert LeBlanc, hinaus in die Sümpfe, wo sie Reiher und Alligatoren sichten und er ihr eine Lotusblüte pflückt. Mit ihm spricht sie Französisch, und ich war überrascht, wie fließend und normal er Französisch sprach, obwohl er -- trotz weißem Rauschebart -- noch gar nicht so alt war.
Abends geht es dann noch zu einem Konzert, wie ich glaube, in den Snug Harbor-Klub in the Marigny, gleich neben dem French Quarter. Gesungen hat Charmaine Neville, und Sophie war mit einer Art Rassel auch beteiligt.
Sehenswert fand ich das, vermittelt liebenswerte kleine Eindrücke. Was mir ein bisschen fehlte, waren die genauen Bezeichnungen der Orte (ich hätte gern gewusst, wo die Kirche, das verlassene Viertel, der Sumpf war, Snug Harbor habe ich mir von der Tür umgedreht zusammengereimt), und dass z.B. Charmaine, Charmaine Neville war, habe ich nur kurz im Abspann erhaschen können. Der Film dauert eine halbe Stunde und läuft noch ein paar Tage lang hier.

Montag, 14. Oktober 2013

Das seltsame Leben des Benjamin Button (The Curious Case of Benjamin Button)

Ich habe den Film zu Recherchezwecken gesehen: Es geht um Benjamin Button, der als winziger alter Mann geboren wird und im Laufe seines Lebens immer jünger wird. Hier ein paar andere Gründe, warum man sich den Film ansehen könnte.

1. New Orleans
Der Film spielt, das hat mich überrascht, zu großen Teilen in New Orleans. Auch die Filmemacher sollen überrascht gewesen sein, die sich wegen der Steuer- und anderer Begünstigungen entschieden hatten, dort zu drehen -- darüber, wie gut alles zu erreichen ist usw. Auch die Rahmenhandlung, in der die große Liebe von Benjamin Button als alte Frau in einem Krankenhaus stirbt, während Hurrikan Katrina herannaht, fügt sich ganz gut in die Geschichte. Zu sehen gibt es: natürlich die Bäume und die louisianische Landschaft, majestätische Häuser auch in Innenansichten, Blicke auf den Lake Pontchartrain, meist bei Sonnenuntergang, Straßenszenen aus dem French Quarter, immer wieder die Straßenbahn auf der St. Charles Avenue, einmal fahren Cate Blanchett und Brad Pitt auch ganz verliebt damit, ein Spielplatz an der Napoleon Avenue und Magazine Street, wo ich gleich um die Ecke gewohnt habe und die bizarren Südstaatenakzente der Schauspieler (wobei viele den von Brad Pitt sehr liebenswürdig finden, aber die finden bestimmt alles an Brad Pitt liebenswürdig).
In Russland beginnt Brad Pitt eine Affäre mit Tilda Swinton, Frau eines britischen Diplomaten oder Geschäftsmannes. 
Als sie ihn fragt, wo er herkomme, sagt er: „New Orleans. Louisiana.“ 
Und sie: „I didn’t know there was another.“ 
Indeed!

2. Francis Scott Fitzgerald
Falls man schon immer mal eine Geschichte von ihm lesen wollte und es nicht geklappt hat, wäre das ein Einstieg. Allerdings unterscheidet sich die Vorlage, die ich noch nicht kenne, sehr vom Film, bis auf den Titel und die generelle Idee. Wie ich Fitzgerald kenne, ist seine Kurzgeschichte sicherlich wesentlich lakonischer und weniger sentimental. Fitzgerald selbst stammte aus Minnesota und lebte im Januar 1920 für ein paar Wochen in New Orleans, in der 2900 Prytania Street. (Seine Geschichte spielt 1860 in Neuengland.) Von dort aus besucht er seine zukünftige Frau Zelda Sayre, später Fitzgerald, die nicht nur viele seiner Werke inspirierte, sondern selbst tolle Kurzgeschichten schrieb (manche sagen, er hätte bei ihr abgeschrieben). Sie war eine richtige Southern Belle aus Alabama nur zwei Bundesstaaten weiter und war bestimmt mal in New Orleans. 

3. Die Handlung
Im Film hat alles ein bisschen Märchencharakter. Es beginnt damit, dass ein Uhrmacher in New Orleans nach dem 1. Weltkrieg 1918 eine Uhr baut, die rückwärts geht, in der Hoffnung, dass sein im Krieg gefallener Sohn und andere wieder zurückkommen. Das hat mit der eigentlichen Filmhandlung wenig zu tun. Der daraufhin als winziger alter Mann geborene Benjamin wird von seinem leiblichen Vater ausgesetzt und von der schwarzen Betreiberin eines Altersheims und ihrem Lebensgefährten aufgenommen. Manche der schnellen Handlungswechsel und die warmen und bunten Farben haben mich ein bisschen an den Film Amélie erinnert. Ansonsten ist der Film vor allem eine Liebesgeschichte, natürlich einer großen Liebe, die das ganze Leben andauert, aber eben nicht so sein kann. Wenn man „große Gefühle“ nicht scheut und gern mal ein bisschen weint, ist das sehr schön.

4. Die Schauspieler
Cate Blanchett – hat einfach immer Klasse. Brad Pitt – sieht nett aus und ist nett. Tilda Swinton – wie immer ungewöhnlich. Im Film hat sie übrigens ein besonderes Hobby: Langstreckenschwimmen. Mir gefielen auch die Darsteller der Ersatzeltern von Benjamin: Taraji P. Henson und Mahershalalhashbaz Ali.

5. Die Musik...
war auch ganz schön.

Ein Grund, den Film nicht zu sehen, ist sicherlich die Länge, knapp 160 Minuten. 
Ansonsten gar nicht schlecht.

Dienstag, 24. September 2013

Rerun: Beasts of the Southern Wild


Monday, 31 December 2012
Beasts of the Southern Wild

Over the past few workaholic days, I have been doing some translations for the Museum of Modern Art, whose collection you can also visit virtually through this link. It includes pieces from (or about) Louisiana, especially photographs of New Orleans by Henri Cartier-Bresson, Lee Friedlander, Walker Evans, and of course E.J.Bellocq, best known for his images of early twentieth-century Storyville. There are some paintings as well and even film, such as Robert Flaherty's (1884-1955) classic docudrama, Louisiana Story (1948). The black-and-white movie points the camera at the rugged, exotic, and still pristine Louisiana landscape, along with its rugged and exotic Cajun inhabitants. The latter are brought out of their impoverished, subsistent lives by the arrival of the oil industry, which comes to perform exploratory drilling. Of course the film—commissioned by Standard Oil—portrays all the oil workers as friendly, helping the naïve Cajuns rise above their hardship. You can see the excitement inherent in the relationship between modern technological progress and the region's natural riches, and yet there is also a moment of wistfulness, as it means a farewell to an old world and an entry into a new one.
Sixty-five years later, that is all old news. Not long ago, the BP oil disaster polluted broad stretches of the Gulf of Mexico, and the consequences are still palpable. On top of that, Louisiana continues to lose land, more and more with each hurricane, in part because the oil companies' exploratory canals are destroying the marshes, and the saltwater flowing in is eating away at the land's natural defenses (animals as well as plants).
Along these lines, the must-see movie Beasts of the Southern Wild is a modern follow-up to the Louisiana Story. It centers precisely around people who are losing the place they call home to floodwaters, but will not leave it for anything. The film was shot on-site with amateur actors and is likewise political in its way, with a message the viewer cannot ignore. Ambitious, disturbing, and full of gripping images, the film fits the life of a young girl named Hushpuppy into the contexts of the country that has forgotten her, the effects of global warming, and the sweep of human history.
That is quite a feat for a directorial debut (Benh Zeitlin—keep your eyes peeled), and somehow he does pull it off. The experimental, independent film manages to steer clear of cynicism or sarcasm, but approaches the subject with passion and, okay, perhaps also melodrama. To be sure, the portrayal of Louisiana is not an authentic one. The people there do not live in shacks so squalid they look no different after being ravaged in a rage. But the film does not rest on cliché either, more so on particular cultural practices that may need some explanation for foreign viewers.
My companion at the movie theater, who had even visited me once in Louisiana years ago, first perceived the film as a glorification of the underclass. This may owe partly to a translation error in the subtitles (the point was not that the residents have more free time or work less than other places, but that they have more festivals—exemplified by the lackluster Mardi Gras parade in the background). The crawfish and crabs are not eaten raw as it may seem, but cooked—in big pots with potatoes, vegetables, and spicy seasonings—then served by dumping them onto tables covered in newspaper. You eat them with your hands, which is not exactly dainty. The toughest even suck out the heads. After my first crawfish boil, I had a dream that the critters were crawling through the legs of my jeans.
The village the film is set in, “The Bathtub,” is an invented one, though indeed New Orleans was referred to after Katrina as a “bathtub metropolis without a plug.” Yet the story was also inspired by the small island of Isle de Jean Charles in Terrebonne Parish, an Indian reservation that has been continually sinking into the water with each passing year but whose inhabitants still refuse to leave. Click here for an excerpt from a current documentary on it: Last Stand on the Island
As for the beasts invoked in the title, there are a number of them. First there are the creatures constantly tromping through the dreams of the young protagonist, Hushpuppy. Throughout the movie, I took them for oversized wild boars, but they were apparently meant to be aurochses. Then there are the actual animals that the people live with and eat. Finally, the people themselves are also somehow treated as animals, at least in the eyes of the authorities, who want to rescue them. This is hinted at by one scene in which Hushpuppy struggles to crack open a crawfish she is eating, and her father and soon all the other villagers cheer her on, chanting “Beast it!” (In other words, go at it with brute force.)
Friends of mine said they considered it a film about the longing for freedom and the desire for self-sufficiency. But for me, I see it as a film largely about the place one calls home, a film that situates this home in a broader context and celebrates the power of its gathering interrelationships and commonalities. With all its imagery, the film is best seen on a big screen, and it won't be out in theaters for much longer. Both of the lead actors, who followed the movie to Sundance and Cannes, have since returned to everyday life. Little Quvenzhané Wallis has grown into a glamorous young lady, and the man who played her father, Dwight Henry, runs a successful bakery in New Orleans.
Gambit Weekly selected the film as one of the best of 2012 (and I agree). In their words: “New Orleans filmmaker Benh Zeitlin and his ragtag crew made history with a magical and utterly original work of Louisiana art.”
Happy New Year, everyone!
-- Translated by Jake Schneider

For interviews with the two protagonists click here.

Dienstag, 30. Juli 2013

Gescheitert: Ich und Interview mit einem Vampir


Okay, Leute, ich hab’s wirklich versucht. Ungefähr eine halbe Stunde lang habe ich durchgehalten, länger ging’s nicht. Interview mit einem Vampir (von 1994) nach dem Bestseller von Anne Rice spielt zum Teil in New Orleans, denn da leben die Vampire auf den Friedhöfen. Tom Cruise ist der Obervampir (Lestat), der Brad Pitt zum Vampir beißt, indem sie dann beide beißend/gebissen werdend durch die Luft fliegen! (Da tat mir Brad Pitt ein bisschen Leid.) Beiden hatte man einen super-porzellanigen Teint gemalt, mit durchscheinenden Adern, und ihre Augen sahen so seltsam glasig aus (gelbe Haftschalen, soll sich Brad Pitt später beklagt haben). Die Eckzähne waren spitz und der Mund innen drin blutig. Es tropft und spritzt sehr viel Blut.
Der Film spielt, jedenfalls die erste halbe Stunde lang, hauptsächlich im Dunkeln. Sie sitzen auf dem St. Louis Cemetary herum oder auf Brad Pitts Anwesen, das eigentlich die Oak Alley Plantation ist. Dieser Teil der Handlung spielt im 18. Jahrhundert, deshalb auch hübsche Kostüme und lange Haare und gelegentlich Französisch. Auch unter seinen Sklaven sterben rätselhafterweise immer mehr Menschen (Tom Cruise war's!), obwohl Brad Pitt sich zuerst aus Menschenliebe? Scham? Pietät? nur an Ratten und Pudel hält. Dabei sieht seine mulattische Bedienstete eigentlich auch ganz appetitlich... Die Sklaven halten natürlich Voodoo-Zeremonien ab, opfern dabei Hähne usw., um den Tod zu bannen.
In der Rahmenhandlung wird Brad Pitt von Christian Slater in San Francisco interviewt, der eigentlich wie immer großartig sich selbst spielt. Später macht Brad aus der damals noch kleinen Kirsten Dunst einen Vampir, und es geht nach London usw., aber das habe ich nur im Internet gelesen. Was Antonio Banderas genau dort macht, weiß ich leider nicht.
In der Times-Picayune heißt es, dass der Film für heute zu überkandidelt ist und nicht funktioniert. Brad Pitt redet auch nicht gut darüber, aber er hat sich während der Dreharbeiten, wo er tagsüber immer mit dem Fahrrad herumgekurvt ist, in New Orleans verliebt und wohin das geführt hat, wissen wir ja. (Vom Fahrrad zum Privatjet, den er Angelina dieser Tage geschenkt hat.) Der Film wurde in New Orleans gedreht, bevor es noch mehr in wurde und bevor der Bundesstaat mit jeder Menge Filmförderung gelockt hat, und der Film wurde gedreht, bevor Vampire in waren. Aber irgendwie reicht das eben nicht.

Sonntag, 12. Mai 2013

Gnadenlos

Der Film Gnadenlos (No Mercy) von 1986 is tatsächlich gnadenlos... 
Es spielen Richard Gere und Kim Basinger als die Guten und Schönen und der Niederländer Jeroen Krabbé als der wirklich unglaublich böse Bösewicht, der am Ende stirbt, als alles gut wird. Richard Gere (Eddie Jillette) ist Polizist in Chicago und durch irgendwelche Verwicklungen, die ich nicht ganz verstanden habe, wird sein Partner ermordet, und er macht sich auf nach New Orleans, wo die Mörder herkommen, um ihn zu rächen. Kim Basinger ist die Gespielin des Bösewichts, die alles miterlebt hat.
Es kommt zu wilden Verfolgungsjagden und Schießereien. Eddie Jillette kennt natürlich keine Angst und kidnappt Kim Basinger, flieht mit ihr durch die Sümpfe, und kann alle auftauchenden Gefahren (alle, nämlich wirklich alle, stehen unter der Fuchtel des Bösewichts, selbst die Polizei) aus dem Weg räumen. Das Ganze spielt zum größten Teil im French Quarter (sehr schön authentisch das Polizeigebäude) und in Algiers auf der anderen Seite des Mississippi, das hier genauso wie das French Quarter aussieht. 
Die Hinterwäldler in den Sümpfen sind natürlich völlig stumpfsinnige Cajuns, die kein Englisch können, doch Kim Basinger, armes Geschöpf, das ihre Mutter mit 13 an den Gangster verkauft hat, ist zwar Analphabetin, spricht aber ein paar Sätze Französisch und macht sich so nicht nur durch gutes Aussehen nützlich. Gleich am Anfang haben sich die beiden in einander verliebt und nach einer Schieß- und Brandorgie als Höhepunkt können sie endlich in Friede Freude Eierkuchen zusammen sein (obwohl sie kurz vorher schon eine ordentliche Hollywood-Verführungsszene zusammengeschweißt hat). Der Film hat einen gewissen achtziger Jahre-Charme: Frisuren, Klamotten, die ganze Ästhetik.
Wenn man die beiden Hauptdarsteller mag und sinnloser Ballerei etwas abgewinnen kann, sollte man  sich den Film unbedingt ansehen. Oder eben wie ich zu Studienzwecken. Auf imbd heißt es: "New Orleans may never be the same again." (New Orleans wird wohl nie wieder sein wie zuvor.)

Freitag, 10. Mai 2013

Bonnie und Clyde in Donaldsonville

Seit ein paar Tagen ist die Railroad Avenue in Donaldsonville für Filmaufnahmen gesperrt: Sony Productions dreht eine zweiteilige Miniserie, The Story of Bonnie und Clyde, die auf A & E, Lifetime und History gesendet werden soll. Es spielen Emile Hirsch und Holliday Grainger in den Hauptrollen (nachdem Hilary Duff schwanger geworden war, angeblich 100.000 Dollar Ablöse erhalten und sich die ursprüngliche Bonnie, Faye Dunaway, über sie lustig gemacht hatte). In Nebenrollen spielen William Hurt und Holly Hunter. Es soll auch in St. Gabriel, Port Allen und St. Francisville gedreht werden.
Donaldsonville, unweit der Sunshine Bridge über den Mississippi, ist ein Städtchen an der River Road zwischen Baton Rouge und New Orleans gelegen (in der sogenannten Cancer Alley in den River Parishes, wo wegen der vielen petrochemischen Fabriken die Krebsrate besonders hoch ist). Auch Donaldsonville hat eine Chemiefabrik, einen Golfplatz und seit ein paar Jahren einen Riverwalk, ein befestigtes Stück Uferpromenade mit Bänken und Laternen und Blick auf den Mississippi, wo man sich früher durch wildwachsende Bäume und Dickicht und Unkraut den Weg an den Fluss bahnen musste. Es leben etwa 7.600 Einwohner in der Stadt, meist verstreut, sehr viele davon sind Afroamerikaner.
Das Besondere an Donaldsonville ist, dass es dort nicht nur viel Geschichte sondern auch ein winziges historisches Stadtzentrum gibt, eben entlang der Railroad Avenue, die den früheren Bahnhof mit der River Road verbindet. Es gibt ein historisches Gerichtsgebäude (die Stadt war von 1830-31 Louisianas Hauptstadt), alte Läden und Restaurants, von denen viele jetzt geschlossen sind, aber The Grapevine, das im Jahr 2001 eröffnet wurde, scheint zu florieren (mir hat es jedenfalls im Herbst dort geschmeckt).
Unweit vom Zentrum steht auch die riesige katholische Kirche. An einem Ende der Railroad Avenue gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof, die Synagoge überlebt als Handwerkermarkt und das traditionelle Lehman Kaufhaus fungiert seit Jahren als Touristenzentrum und Museum, ist aber immer geschlossen, wenn ich da bin. Ein paar Straßen weiter gibt es jetzt auch ein kleines River Road African American Museum. Mary Gehmans Verlag Margaret Media ist hier angesiedelt und seit einiger Zeit veranstaltet sie eine wöchentliche Talenteshow, die jetzt gerade Pause macht.
Hier fand also am Dienstag Abend eine wilde Filmschießerei statt, die man bei einer Party im Victorian Bed & Breakfast auf der Railroad Avenue beobachten konnte. So viel Aufregung erlebt Donaldsonville nicht oft. Auch unser The River-Festival mit Malerei, Musik, Lesungen, das wir 2001 in unserer River Road Residence veranstaltet haben, kann da sicher nicht mithalten.

Freitag, 5. April 2013

Whatever Works


Woody Allen-Filme jagen mir immer ein schlechtes Gewissen ein, weil ich weiß, dass Europa ihm zu Füßen liegt. Eine Handvoll Amerikaner kennt und mag ihn auch, aber ich... ich werde nicht so richtig warm mit ihm. Dabei versuche ich es immer wieder: Angefangen hat es mit Purple Rose of Cairo in den Achtzigern, tolle Idee, dass der Schauspieler von der Leinwand ins Kinopublikum steigt, aber... Ein Freund verglich mich mal mit Annie Hall, d.h. Diane Keaton, aus dem gleichnamigen Film (auf Deutsch: Der Stadtneurotiker), der ging auch, und es gab noch einige andere. Ich glaube, ich finde es besser, wenn Woody Allen selbst nicht mitspielt, er ist immer so anstrengend, neurotisch und zeterig, ein bisschen wie Louis de Funès aus Der Gendarm von St. Tropez oder auch Fantomas (Oh, die Siebziger!), aber der sah wenigstens irgendwie niedlich aus. Dann hatte ich noch mal Matchpoint versucht, entsetzlich, und seitdem eigentlich nix mehr.
Aber dann diese Woche habe ich, abgeschlafft, geguckt, was so im Fernsehen kommt und habe mir auf Arte Whatever Works (In etwa: Wenn’s funktioniert...!) von Woody Allen angesehen. Dieses Mal vertritt ihn Larry David, der zwar genauso anstrengend, neurotisch und zeterig ist wie W.A. selbst, aber irgendwie hat der Film trotzdem Charme. 
Es geht um die sehr unwahrscheinliche Liebe und Ehe des ältlichen nihilistischen, hypochondrischen, menschenfeindlichen Hauptdarstellers mit einem blutjungen Mädchen aus Mississippi, die von zu Hause ausgerissen ist. Melody heißt sie. Charmant ist der Film einerseits wegen der angenehmen Spielorte (New Yorker Wohnung, Straßenecken, Märkte, Hausboot, schönes Wetter), zweitens wegen Evan Rachel Wood als Melody, die für mich hier ein bisschen eine blonde Audrey Hepburn (Holly Golightly) aus Frühstück bei Tiffany’s gibt, drittens auch wegen ihrer Eltern, die auf der Suche nach ihr und nach einander auch nach New York kommen und, Klischee muss sein, ihre übertriebene Bibelfestigkeit und Prinzipienreiterei in der großen freien Stadt fallen lassen, so wie auch ihre Hüllen und sich selbst entdecken. 
Am Schluss haben alle Beteiligten eine neue Liebe und/oder Liebesform für sich gefunden, die für sie funktioniert, und das ist eben auch die Message: Wenn’s funktioniert...
Gefallen hat mir übrigens auch die Mutter, die, da habe ich aufgehorcht, aus New Orleans stammen sollte. Und siehe da, die Schauspielerin Patricia Clarkson ist in New Orleans geboren und aufgewachsen. Sie ist die Tochter der Stadträtin Jaqueline Clarkson, und ihr Vater arbeitete in der Schulverwaltung. Sie selbst hat an verschiedenen Unis studiert, u.a. auch in LSU und hat einen Master of Fine Art von der Yale University. Sie spielt meistens in Independent-Filmen und bekommt dafür auch regelmäßig Preise (Emmy, Oskar-Nominierung). 2010 ist sie nach der BP-Ölkatastrophe mit einem kleinen Text und Video an die Öffentlichkeit getreten. Sie spricht darin über ihre eigene Kindheit und das Leben an der Golfküste und klagt an, dass eine einzige Firma den Lebensraum so vieler Menschen und Tiere zerstören kann. Sie prangert die ölschluckende Lebensweise der Amerikaner an und bittet sie, sich an ihre Senatoren zu wenden. 
Ich befürchte, das hat nicht funktioniert. Inzwischen hat auch Obama wieder Bohrlizenzen für neue Explorationen vor der Küste Louisianas verkauft. 
Übrigens lief in dem Film auch immer wieder New Orleans Jazz als Filmmusik. Woody Allen hat ja nach New York allerhand Städtefilme gemacht, London, Paris, Barcelona, Rom. Woody Allens New Orleans würde mich schon seeeehr interessieren.
Hier Patricia Clarksons Beitrag. Hier noch für ein paar Tage der Woody-Allen-Film Whatever Works

Sonntag, 24. März 2013

Tennessee Williams' Lache

Heute geht in New Orleans das Tennessee Williams/ New Orleans Literary Festival zu Ende (20. bis 24. März 2013) und wieder gab es unzählige Workshops, Lesungen, Podiumsdiskussionen. Dabei war ein Veranstaltungsort auch die Historic New Orleans Collection, und unter den Vortragenden waren John Biguenet, Moira Crone und John Jeremiah Sullivan, über die ich hier alle schon mal berichtet habe. Heute um 16.15 Uhr findet auch der 27. Stellaaaaa! Shouting Contest auf dem Jackson Square statt, bei dem wie jedes Jahr die Person gekürt wird, die am überzeugendsten Stella! oder auch Stanley! zum Balkon hochschreien kann, in Anlehnung an die bewusste Szene aus Endstation Sehnsucht mit Marlon Brando. Siehe auch hier.
Laut Writer's Almanac wurde Cat on a Hot Tin Roof am heutigen Tag 1955 in New York uraufgeführt. Die Aufführung lief 694 Mal und Williams erhielt für das Stück seinen zweiten Pulitzer-Preis. Es heißt dort auch, dass die Regisseure es immer gar nicht mochten, wenn Herr Williams zu den Premieren kam. Er hatte eine schrille, ansteckende Lache und lachte immer an den falschen Stellen, so dass sich die Leute im Publikum immer nach ihm umdrehten, was wiederum die Schauspieler verwirrte. Eigentlich weiß ich gar nicht, was es da zu lachen geben mag, weil doch seine Stücke immer so existentiell dramatisch sind. Katze auf dem heißen Blechdach war sein Lieblingsstück, aber den Film mit Elizabeth Taylor hasste er.
Hier, ohne Tennessee-Williams-Bezug, noch ein paar Fotos und ein Video, die ich gefunden habe. Zu sehen ist eine Straßenband im French Quarter, aber mir haben es die tollen Tänzer angetan. Swing!

Mittwoch, 6. März 2013

New Orleans – ein Fragebogen mit Rex Rose


Rex Rose ist Autor, Lehrer und gebürtiger New Orleanser.

New Orleans ist... Spaß.  Sinkend.  Gefährlich.  Böse.  Freundlich.  Schön.  Dumm.

Lieblingsort in New Orleans:  Das Café, das jeweils gerade am meisten „bohème“ ist.

Lieblingsgebäude: The Skyscraper. (Der Wolkenkratzer)*

Lieblingsessen aus New Orleans: Heiße-Wurst-Po-Boy mit Mayonnaise und Senf zusammengemischt.

Lieblingsmusiker/in aus New Orleans: The Sluts. (Hardcore-Punk-Band der achtziger Jahre)

Lieblingstext über New Orleans: Toast (Roman von Rex Rose)

Lieblingsfilm über New Orleans: Zombie vs. Mardi Gras **

Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: Where you stay? (Wo übernachtest du?)

Passendster Spitzname für New Orleans: The city that forgot to care. (Die Stadt, die vergaß, etwas wichtig zu finden.) ***

Lieblingspersönlichkeit/-figur: Morgus the Magnificent (Morgus der Prächtige) ****

Liebste, hier nicht erwähnte Sache in New Orleans: Kostenlose Fahrt auf der Fähre nach Algiers.

Wer sollte Bürgermeister von New Orleans sein? Morgus der Prächtige

Wie kann die Stadt ihre Mordrate senken? Drogen und Feuerwaffen legalisieren, das NOPD (Polizei) und die Schulverwaltung auflösen und mit Außenseitern in den wichtigsten Positionen neu anfangen.

Warum ich (nicht) in New Orleans lebe: Die Kriminellen und die Polizei, ohne besondere Reihenfolge

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Nie wird etwas zu Ende gemacht, weil es schon ein paar Jahre dauert, bis man sieht, wie im Arsch alles ist.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Wir hatten einen viel produktiveren und ekelhafteren Serienmörder als Jeffrey Dahmer, aber niemand hat es richtig mitbekommen.

Meine New Orleans-Expertise: Ich habe sieben Jahre lang in einer Bar Austern geöffnet und in heimischen Klubs gespielt.

Cheers!

* Was ich an diesen Fragebögen so mag, ist, dass ich immer etwas Neues lerne. Auf meine Nachfrage schrieb Rex: „Es ist an der Ecke von St. Peter und Royal Street und dort wohnte eine wichtige Kerngruppe von Bohème-Beatnik-Leuten. Es wurde so genannt, weil es das einzige vierstöckige Gebäude im French Quarter war.“ Das Gebäude stammt von 1807. Hier ein Foto.
** Zombie vs. Mardi Gras: ein Horrorfilm. Hier.
*** Wortspiel auf den berühmten Spruch: The city that care forgot (Die Stadt, die die Sorge vergaß)
****Morgus der Prächtige: Von dem Schauspieler Sid Noel dargestellter verrückter Wissenschaftler, der in seiner Spätabendsendung von 1959-1989 Horror- und Sciene-Fiction-Filme zeigte. Es gibt auch einen Film The Wacky World of Dr. Morgus (Die abgefahrene Welt des Dr. Morgus) und ein Comeback in den 2000er Jahren, unterbrochen durch Hurrikan Katrina.

Freitag, 18. Januar 2013

Eine Liebeserklärung


Nach den Katastrophenberichten mit Selbstprofilierung, den anklagenden Dokumentarfilmen danach, den Fiktionalisierungen von Katrina ist jetzt die Phase der Liebeserklärungen an New Orleans und Louisiana gekommen, wie mir scheint. Eine solche ist der Film Tchoupitoulas der Gebrüder Ross, ein Dokumentarfilm in Form einer Meditation, eine Schleife aus Bildern, die assoziiert werden und in die der Film ohne rechte Dramaturgie ein- und am Ende ausblendet. Als Kinder waren die Rosses offensichtlich öfter in der Stadt und so ist auch der Film aus dem Blickwinkel dreier Brüder mit Hund gedreht, die aus Algiers am gegenüberliegenden Mississippiufer kommend das French Quarter erkunden, wobei vor allem der Kleine, William Zanders, kommentiert und scheinbar ohne Zusammenhang vor sich hin philosophiert. Sie beobachten Musiker, Striptänzerinnen, Transvestiten, Austernverkäufer, Obdachlose und Perle Noire (die schwarze Perle), eine recht kräftige Burlesktänzerin, die vage an Josephine Baker erinnert und mit ihrer Gelenkigkeit und fast völligen Nacktheit sehr beeindruckend und irgendwie auch erotisch ist.
Auf die Tchoupitoulas Street kommen die Jungen vielleicht, als sie nachts in einen Luxusdampfer einsteigen und diesen besichtigen, doch ich habe gelesen, dass der Titel des Film gewählt wurde, weil es diesen Straßennamen nur in New Orleans gibt. Ein schöner Film, der scheinbar hier nicht in den allgemeinen Verleih kommt. Hier.
Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Amerika sich jetzt, seit Katrina, dessen bewusst wird, was es an New Orleans hat und dieses zelebriert. So auch in diesem Film. Mir gefällt das.

Samstag, 12. Januar 2013

Oskarverdächtig

Beasts of the Southern Wild ist jetzt für vier Oskars nominiert worden: für den besten Film, die beste Darstellerin, den besten Regisseur und das beste adaptierte Drehbuch. Das ist ganz beachtlich für einen Debütfilm, der mit einem Budget von 1,5 Millionen Dollar produziert wurde. Der Regisseur Benh Zeitlin, den es aus New York nach New Orleans zog, meinte dazu, dass dies hoffentlich Louisiana etwas mehr Prestige bringen wird. „Von Anfang an wollte ich dazu beitragen, eine Infrastruktur für den Film in Louisiana aufzubauen. Ich arbeite wirklich gern in Louisiana. Ich plane, den Rest meines Lebens in Louisiana zu verbringen und Filme zu machen.“ Das merkt man dem Film übrigens an und so macht er auch noch diese Unterscheidung: „Es besteht ein großer Unterschied, zwischen Filmen, die in Louisiana gedreht werden, und Filmen, die aus Louisiana stammen. Ich hoffe, der zweiten Kategorie anzugehören. Und ich hoffe mehr Leute werden auf die Leute von hier aufmerksam... Es gibt so viel Talent hier...“
Die Hauptdarstellerin Quvenzhané Wallis ist zwar jetzt schon neun Jahre alt, damit aber immer noch die jüngste Oskarnominierte. Inzwischen war sie auch im Fernsehen: in einer Serie und in der Jay Leno Show. Gemeinsam mit ihrem Filmvater Dwight Henry spielt sie auch in dem Film Twelve Years a Slave, der im Herbst 2013 herauskommen soll, in der Regie des mir noch unbekannten Steve McQueen aus England.
Auch für einen Oskar nominiert ist Tony Kushner für das beste adaptierte Drehbuch für Lincoln in der Regie von Steven Spielberg. Tony Kushner entstammt einer jüdischen Familie aus New York, wuchs aber in Lake Charles im Westen Louisianas auf. Zwar zog er zum Studium gleich nach New York, doch als Master-Student führte er in den Sommern 1978 bis 1981 auch Regie bei eigenen Stücken und Shakespeares Midsummer Night's Dream, die er mit Schülern des Talentiertenprogramms des Gouverneurs an der McNeese University in Lake Charles aufführte. Für sein Theaterstück Angels in America: A Gay Fantasia on National Themes erhielt er 1993 den Pulitzer-Preis. Noch so ein Talent aus Louisiana...
Viele der Informationen hier habe ich übrigens aus der New-Orleans-Ausgabe des Advocate aus Baton Rouge.

Freitag, 11. Januar 2013

Tchoupitoulas


Dieser Tage erreichte mich noch dieser Hinweis: 

Am Montag abend haben O. und ich (O. ist der Freund, der auch in New Orleans wohnte und die Stadt liebt, jetzt wohnt er leider in Missouri) einen halb Doku/half Spielfilm über drei junge Brüder in New Orleans gesehen -- im Babylon-Mitte (in den kleinen Studio-Räumen). Der Titel ist Tchoupitoulas (it's named after a big street in New Orleans).
Überraschend schön, nice cinematography, ein Abend in New Orleans auf den Straßen. A wandering film. Es ist Teil des "American Indie Film"-Filmfestivals im Babylon. You should see it if you get a chance! (It probably won't play many places.)
Die New York Times beschreibt den Film übrigens als „heady hybrid of documentary and dream“. Wenn Ihr mich und/oder den Film sehen wollt und es Euch im englischen Original recht ist, dann kommt am Sonntag, 13. Januar 2013 um 19.45 Uhr ins Babylon in Berlin-Mitte. 
Die Tchoupitoulas Street schwingt sich über einige Kilometer entlang der Kurve des Mississippi durch Uptown New Orleans und wird auf der Flussseite von Eisenbahnschienen, Lagergebäuden und Supermärkten gesäumt. Dann gibt es auch das Gericht Chicken Tchoupitoulas, wobei das Hähnchen scharf und mit Weißwein und Gemüsen zubereitet wird. In Coop's Place schmeckt es hervorragend, aber die Rezepte der New Orleanser Fernsehköche Paul Prudhomme und Emeril Lagasse sind sicherlich auch nicht schlecht. 
Eigentlich waren die Tchoupitoulas ein Indianerstamm in der Gegend, die allerdings ausgestorben sind. Den Namen erhielten sie wohl von den Franzosen. Vor dem geistigen Auge sieht man Indianer ja immer auf den trockenen Weiten im Wilden Westen, nicht in den Sümpfen Louisianas, und tatsächlich sind es nicht mehr sehr viele hier und vor allem in kleinen Reservaten. Bei den Mardi Gras Indians (d.h. Afroamerikanern in New Orleans mit farbenprächtigen Federkostümen, die zum Karneval tanzen und Umzüge aufführen) gibt es den „Stamm“ der Wild Tchoupitoulas. Die GEMA gestattet es uns leider nicht, deren Videos hier zu sehen. 
Na dann, vielleicht bis Sonntag. 

Montag, 31. Dezember 2012

Beasts of the Southern Wild


In den letzten arbeitswütigen Tagen habe ich für das Museum of Modern Art übersetzt, dessen Sammlung auch virtuell besucht werden kann, unter diesem Link. Auch aus (oder über) Louisiana finden sich dort Werke, vor allem auch Fotografien aus New Orleans von Henri Cartier-Bresson, Lee Friedlander und Walker Evans und natürlich von E.J.Bellocq, der für seine Fotos aus Storyville Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt ist. Etwas Malerei ist auch dabei und – Film, so Robert Flahertys (1884-1955) Dokudrama-Klassiker Louisiana Story von 1948. In diesem Schwarzweißfilm zeigt die Kamera die wilde und exotische, damals noch unberührte, Landschaft Louisianas und die wilden und exotischen Cajuns, die sie bewohnen. Aus ihrer Armut und ihrem autarken Leben werden diese durch die Ankunft der Ölindustrie herausgerissen, die Erkundungsbohrungen durchführt. Natürlich sind die Ölarbeiter alle freundlich und helfen den naiven Cajuns aus ihrem Elend (der Film wurde von Standard Oil gesponsort). Zu sehen ist die aufregende Beziehung zwischen moderner Technik und Fortschritt und dem Naturreichtum der Region, aber es gibt auch einen Moment der Wehmut, denn es ist auch ein Abschied und ein Eintritt in eine neue Welt.
65 Jahre später ist das alles längst Alltag. Vor kurzem hat die BP-Ölkatastrophe weite Teile des Golfs von Mexiko verseucht und die Folgen sind immer noch spürbar. Abgesehen davon verliert Louisiana ständig an Boden, mit jedem Hurrikan noch viel mehr, unter anderem weil die Explorationskanäle der Ölfirmen die Marschen zerstören und das eindringende Salzwasser die rettende Natur (Pflanzen und auch Tiere) auffrisst.
Insofern ist der Film Beasts of the Southern Wild, den Ihr auch alle sehen müsst, eine moderne Fortsetzung der Louisiana Story, denn hier geht es genau darum, dass die Menschen ihre Heimat an das Wasser verlieren und aber partout nicht gehen wollen.. Auch vor Ort mit Laiendarstellern gedreht und ebenso ein gewissermaßen politischer Film, mit einer Aussage, der sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Vor allem aber ist ein großer, aufwühlender Film mit packenden Bildern, in dem ein kleines Mädchen namens Hushpuppy ihr Leben in den Kontext ihres Landes, das sie vergessen hat, in den globalen Kontext mit Erderwärmung und aber auch in die Menschheitsgeschichte einordnet.
Das ist für einen Debütfilm (von Benh Zeitlin – sollte man sich merken) ein starkes Stück und gelingt irgendwie auch. Der Film ist experimentell und independent, ohne zynisch oder sarkastisch zu sein, sondern leidenschaftlich und ja, vielleicht auch pathetisch. Das Bild von Louisiana ist nicht authentisch: nein, auch dort wohnen die Menschen nicht in Verschlägen, die nach einem Tobsuchtanfall genauso aussehen wie vorher usw. Aber er baut auch nicht auf Klischees, sondern vielmehr auf kulturelle Praktiken, die man für den hiesigen Zuschauer vielleicht erklären müsste. 
Mein Begleiter, der mich sogar vor langen Jahren in Louisiana besucht hat, empfand den Film zunächst wie eine Glorifizierung der Unterschicht, auch weil in den Untertiteln ein Übersetzungsfehler war (es ging nicht darum, dass man dort mehr frei hat und ergo weniger arbeitet als irgendwo auf der Welt, sondern darum, dass es mehr Feste gibt -- im Hintergrund war ein glanzloser Mardi-Gras-Umzug zu sehen). Die Krebse und Krabben werden natürlich vor dem Verzehr gekocht, in großen Töpfen mit Kartoffeln und Gemüsen und scharfen Gewürzen, und dann auf mit Zeitungen bedeckten Tischen aufgehäuft, man isst mit der Hand und das ist nicht fein. Die ganz Harten saugen auch den Kopf aus. Nach meinem ersten Crawfish boil träumte ich, dass mir Krebse innerhalb meiner Jeans an den Beinen entlangliefen.
Der Schauplatz The Bathtub (Die Badewanne) ist ein erfundener Ort, doch nach Katrina wurde auch New Orleans als „Metropole in Form einer Badewanne, ohne Stöpsel“ bezeichnet. Inspiriert wurde die Geschichte aber auch von der kleinen Insel Isle de Jean Charles in Terrebonne Parish, einem Indianerreservat, das mit jedem Jahr mehr im Wasser versinkt und wo die Einwohner sich trotzdem nicht vertreiben lassen. Hier ein Ausschnitt aus einem aktuellen Dokumentarfilm darüber, Last Stand on the Island
Biester oder Bestien, wie im Titel genannt, gibt es verschiedene. Zunächst wären da die Kreaturen, die immer laut schnaufend durch die Träume der kleinen Hauptfigur Hushpuppy ziehen; ich hielt sie den ganzen Film lang für überdimensionierte Wildschweineber, aber es sollten wohl doch Auerochsen sein. Dann wären da die Tiere, mit und von denen die Menschen dort leben und dann sind sie aber auch selbst irgendwie Tiere, zumindest in den Augen der Behörden, die sie retten wollen. Ein Hinweis darauf ist auch die eine Szene, in der die kleine Hushpuppy versucht, beim Essen eine Krabbe zu zerteilen, und ihr Vater und schließlich auch die anderen Dorfbewohner sie anfeuern, indem sie ihr "Beast it" zubrüllen, (also in etwa: Mach's mit roher Gewalt).
Freunde meinten zu mir, es sei ein Film über den Freiheitsdrang und dem Wunsch nach Autarkie. Für mich ist es aber auch gewissermaßen ein Heimatfilm, der die eigene bedrohte Heimat in einen größeren Kontext stellt und der die Kraft von gewachsenen Beziehungen und Gemeinschaften besingt. Wegen der Bilder sollte man den Film auf einer großen Leinwand sehen und sehr lange läuft er wohl nicht mehr. Für die beiden Hauptdarsteller, die auch in Sundance und in Cannes dabei waren, ist jetzt wieder Normalität eingekehrt. Die winzige Quvenzhané Wallis ist eine kleine Glamourdame geworden und ihr Filmvater Dwight Henry betreibt eine gut gehende Bäckerei in New Orleans. Hier und hier Interviews mit ihnen. 
Im Gambit Weekly wurde der Film zu einem der besten von 2012 gekürt (und für mich ist er das auch). Dort heißt es: New Orleans filmmaker Benh Zeitlin and his ragtag crew made history with a magical and utterly original work of Louisiana art.

Happy New Year allerseits!

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Geschenktipps


Kurz vor Weihnachten auch vor mir ein paar Geschenktipps, zum Verschenken, aber vielleicht auch zum Beschenkenlassen. Bücher, Filme, CDs.

Essays für jung gebliebene, an amerikanischer Kultur Interessierte und solche, die wissen wollen, was genau amerikanische Kultur ist:
John Jeremiah Sullivan: Pulphead. Übersetzt von Thomas Pletzinger und Kirsten Riesselmann. Suhrkamp. Meine Rezension --> hier.

Klassiker für jeden Haushalt (wer Madame Bovary oder Effi Briest im Regal hat, sollte dieses Buch unbedingt dazu stellen, wo es mit seinem roten Einband toll zur Geltung kommen wird):
Kate Chopin: Das Erwachen. Übersetzt von Barbara Becker et. al. Überarbeitet von Karen Nölle und Christine Gräbe. Edition Fünf. Meine Rezension --> hier.

Urkomische Vignetten des Alltags aus dem New Orleans der 90er und 2000er Jahre (auf Englisch):
Andrei Codrescu: New Orleans, Mon Amour. Algonquin Press.

Romantischer, rasanter Krimi aus den Achtzigern:
The Big Easy. New Orleans in den Achtzigern und eine Liebesbeziehung, wo die Frau (Ellen Barkin) eher unkonventionell und rätselhaft schön ist und der Körper des jungen Dennis Quaid von der Kamera gefeiert wird.

Biografie und Zeitgeschichte in einem (auf Englisch):
Alice Kessler-Harris: A Difficult Woman. Bloombury Press. Meine Rezension --> hier.

Musik für Kinder, zum Tanzen, Rumalbern, auf dem Teppich herumliegen und genießen:
New Orleans Playground (Putumayo). Zusammenstellung von New-Orleans-Klassikern, die auch Kinder gern hören.

Sprachwitziger Krimi:
Sara Gran: Die Stadt der Toten. Übersetzt von Eva Bonné. Droemer. Meine Rezension --> hier.

Spannung für Seitenfresser:
Stephen King: Der Anschlag. Übersetzt von Wulf Bergner. Heyne. Meine Rezension --> hier.

Katrina-Dokumentarroman:
Dave Eggers: Zeitoun. Übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch. Meine Rezension --> hier.

Spröder, witziger New-Orleans-Klassiker:
John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten. Übersetzt von Alex Capus. Klett-Cotta. Meine Rezension --> hier.

Kleine Geschichte der freien Schwarzen und damit einer Besonderheit der Stadt (auf Englisch):
Mary Gehman: The Free People of Color of New Orleans. Margaret Media.

Großer amerikanischer Weihnachtsfilmklassiker, den ich diese Woche mit meinen Studenten vier Mal gesehen habe und immer noch mag:
It's a Wonderful Life. (Ist das Leben nicht wundervoll?) mit James Stewart.

Und hier noch ein Buch, das ich mir wünsche:
Richard Sexton, Randy Harelson, Brian Costello: New Roads and Old Rivers. LSU Press.
Prachtvoller Bildband über den historischen und malerischen Landkreis Point Coupee westlich des Mississippi, 1-2 Stunden nördlich von New Orleans. Bei der Lesung im September kam ich mit den Autoren ins Gespräch, während andere Besucher meist fünf oder mehr signierte Bücher mit nach Hause nahmen. Kostet 45 Dollar.

Mittwoch, 28. November 2012

Vom Winde verweht


Um gewisse Meilensteine der amerikanischen (Pop)-Kultur kommt man eigentlich nicht herum: Pollyanna, Dr. Seuss, The Sound of Music, Saturday Night Live... Und doch habe ich mich um einige bisher erfolgreich gedrückt, Star Wars zum Beispiel. Football habe ich nur einmal live und von Anfang bis Ende gesehen, wobei mich das tailgating (d.h. das Grillen, Feiern, auch Zelten auf dem Parkplatz am Stadion) am meisten beeindruckt hat. Baseball kenne ich nur als Softball für Schulmädchen und beim Training. Auch um Vom Winde verweht habe ich lange einen Bogen gemacht, bis es letzte Woche so weit war.
Es geht bekanntlich um Scarlett O’Hara, älteste Tochter eines Plantagenbesitzers in Georgia, der selbst irischer Abstammung ist und mit irischem Akzent spricht. Am Anfang des Films flirtet Scarlett mit den jungen Männern der Umgebung, und überhaupt spannt sie mit Vorliebe ihren Freundinnen und Schwestern die Männer aus. Sie ist falsch und manipulierend, und das machte sie mir sofort so unsympathisch, dass ich den Film nach 10 Minuten anhielt und monatelang keines Blickes würdigte. Gespielt wird Scarlett noch dazu von Vivien Leigh, die schon in Endstation Sehnsucht als Blanche eine äußerst nervige Figur abgab.
Scarlett liebt eigentlich nichts und niemanden, außer vielleicht das Anwesen, auf dem sie aufwuchs, Tara, das immer wieder eine Rolle spielt. Sie ist hübsch und weiß sich in Szene zu setzen, sie ist auch taff, gerissen, geschäftstüchtig, und – und das ist vermutlich ihre große Stärke – an Konventionen liegt ihr wenig. Als sie bei Nachbars eingeladen ist, erfährt sie zu ihrer Enttäuschung, dass der Sohn Ashley Wilkes (damals war Ashley noch ein Männername) seine Cousine heiraten will und nicht sie. Also macht sie ihm rasch ein Liebesgeständnis, zufällig mitgehört von Rhett Butler, der wiederum von ihr gerade wegen ihrer Unverfrorenheit sehr angetan ist. Auf der Party wird auch beschlossen, dass man gegen den Norden in den Krieg ziehen wird.
Der Bürgerkrieg prägt dann auch den größten Teil des (2 DVDs umspannenden) Films. Die vielen Verwundeten und Toten, die Zerstörung, die Not dieses Krieges werden vorstellbar. Scarlett kümmert sich ihm zuliebe um Ashleys Frau, die ihr eine tiefe Zuneigung und Dankbarkeit entgegenbringt. Mit Melanie zusammen arbeitet sie auch kurzzeitig in einem Lazarett, bis sie das Elend dort nicht mehr ertragen will. Zwei Ehen, die sie aus unlauteren Motiven einging, enden mit dem jeweiligen Tod des Mannes. Treu an ihrer Seite bleibt vor allem Mammy, ihre schwarze Amme, gespielt von Hattie McDaniel, die für ihre Darstellung als hörige Sklavin, auch als sie keine mehr ist, kritisiert wurde. Ob das wirklich so stereotyp ist, wie ihr vorgeworfen wird? Ammen, die Kinder wie Mütter aufziehen und vielen Fällen auch stillen, entwickeln doch sicherlich eine starke Loyalität zu diesen Kindern.
Scarlett kehrt auch während des Krieges nach Tara zurück und verteidigt es gegen alle möglichen Angriffe. Bei Geldknappheit und Hunger schwört sie sich, nie wieder in eine solche Situation zu kommen.
Rhett Butler, der Schwerenöter und Geschäftemacher, taucht immer wieder auf und neckt und hofiert sie. Schließlich heiraten die beiden, und Scarlett scheint auch sexuell erfüllt mit ihm zu sein, doch immer wieder kommt es zu Streit, Bockigkeit und Missverständnissen zwischen den beiden, wegen der Tochter, wegen Scarletts Versuchen, Ashley für sich zu gewinnen usw. Rhett, dessen Charme im Laufe des Films zumindest mein Herz gewinnen konnte, verlässt sie am Ende mit der Kult gewordenen Bemerkung: „Frankly, my dear, I don’t give a damn.“ (Ehrlich gesagt, meine Liebe, ist mir das scheißegal. Die deutsche Synchronfassung lautet „Offen gesagt, pfeif ich drauf“.) Scarlett zieht sich auf Tara zurück, um sich zu sammeln und zu planen, wie sie ihn zurückgewinnen kann.
Es gibt auch eine kurze Szene in New Orleans, wohin die beiden mit einem Raddampfer in die Flitterwochen fahren, bevor Scarlett schnell nach Tara zurück möchte. Ich hatte immer gedacht, dass der Film auf der legendären Oak Alley Plantation in Louisiana spielte, aber das war ein Irrtum. Tara oder Twelve Oaks soll von der Boone Hall Plantage in der Nähe von Charleston inspiriert sein, während Oak Alley Schauplatz für viele andere Filme war, siehe hier.
Worin die Faszination des Films besteht?  Die Monumentalität, die erstaunlichen Farben und Effekte und die Musik kann man sicher nur bei einem großen Bildschirm wertschätzen. Doch die Darstellung des Bürgerkriegs war beeindruckend und plastisch, wie ich sie noch nicht gesehen hatte. Die Rassenbeziehungen werden nicht sehr vorteilhaft, aber wohl halbwegs akkurat dargestellt. Neben den schönen Kleidern und der Darstellung eines Südens und einer Zeit, die es nicht mehr gibt, faszinieren vielleicht auch gerade die Beziehungen. Eine schwülstige Liebe „bis an das Ende der Tage“ gibt es hier nicht, denn Ashley und seine Frau verbindet eine tiefe Freundschaft und möglicherweise Seelenverwandtschaft, und Rhett Butler und Scarlett O’Hara teilen eine starke, aber kratzbürstige Anziehung, die zum Teil auch ein Spiel ist, das am Ende aus Dummheit und Eitelkeit scheitert. Es nicht einfach ein Liebesfilm nach altbekanntem Muster, sondern eher ein Lehrstück über Beziehungen. 
Insgesamt ein Schinken, sicher, aber doch ein ungewöhnlicher Schinken mit feinen Nuancen und differenzierten Geschmacksnoten. Einer, den man sich ruhig einmal gönnen kann.