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Dienstag, 29. Oktober 2019

New Orleans: ein Fragebogen mit Maurice Carlos Ruffin

Maurice Carlos Ruffin schreibt Kurzgeschichten und Essays. 2019 erschien sein erster, viel gelobter Roman We Cast A Shadow. Bis Frühjahr 2019 arbeitete er auch als Anwalt.
Hier seine Antworten:

New Orleans ist... schön, schwierig, seltsam.

Mein Lieblingsplatz in New Orleans: An der Straßenbahn auf der St. Charles Avenue. Ich jogge  gern dort. Ich schaue mir die Leute an und mag es, die feuchte Luft auf der Haut zu spüren.*

Mein Lieblingsgebäude in New Orleans: Der First Bank and Trust Tower ist eine Stilmischung. Ein bisschen Art Deco, ein bisschen Bauhaus.**

Mein Lieblingsessen aus New Orleans: Gumbo. Es schmeckt und verbindet mich mit meinen Vorfahren.***

Mein Lieblingsmusiker aus New Orleans: Kermit Ruffins (keine Verbindung).

Mein Lieblingstext über New Orleans: Sarah Brooms The Yellow House ist über den Stadtteil, in dem ich aufgewachsen bin. Niemand sonst hat so leidenschaftlich und prägnant darüber geschrieben.****

Mein Lieblingsfilm über New Orleans: Girls Trip. Die Frauen sind witzig!

Mein Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: ya heard.

Treffendster Spitzname für New Orleans: The Big Easy.

Liebste, hier nicht genannte Sache aus New Orleans: Wir haben im Sommer die besten Snowballs.*****

Wer sollte Bürgermeister von New Orleans sein? Präsident Obama. Es würde ihm hier gefallen.

Wie kann die Mordrate in der Stadt gesenkt werden? Schluss mit der Masseninhaftierung, bessere Bildung und Zugang zu finanziellen Ressourcen.

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Wir brauchen lange, bis sich was ändert.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Es ist weltberühmt, aber eigentlich ist es ziemlich klein. 

Warum ich in New Orleans lebe: Ich bin von hier. Ich liebe meine Stadt.

Meine New-Orleans-Expertise: Ich bin hier geboren.

*Die St. Charles Avenue ist vielleicht die schönste Straße in New Orleans und führt von Downtown über das Central Business District (CBD), das Garden District, bis zur Carollton Street. Sie soll 7 Meilen lang sein (11 Kilometer). Auf dem Mittelstreifen (neutral) fährt die Straßenbahn mit einem historischen Wagen. In Uptown laufen dort viele Jogger.
** Im CBD, 909 Poydras Street. Das Gebäude wurde 1987 fertiggestellt, ist 481 Meter hoch und hat 36 Stockwerke.
*** Meine Erklärung von 2011: Gumbo (sprich Gambo): Manche nennen es Cajun Bouillabaisse. Eine dicke Suppe mit frischem Gemüse und Meeresfrüchten, meistens mit Okraschoten und meistens auf der Basis von roux. Sehr würzig, mit Tabasco-Sauce und Kräutern. Außerdem filé, zermahlene Sassafras-Blätter. Das Wort Gumbo soll von dem afrikanischen Wort für Okra stammen.
**** Sarah Brooms Memoir ist im August erschienen und für den National Book Award in Non-Fiction nominiert.
***** Geschabtes Eis mit Fruchtsirup. Sehr erfrischend.

New Orleans Questionnaire: Maurice Carlos Ruffin

Maurice Carlos Ruffin is author of a novel, We Cast A Shadow, that came out in 2019. He writes short stories and essays and worked as a lawyer until this year.

New Orleans is... beautiful, challenging, strange.

Favorite place in New Orleans: The St. Charles Avenue Streetcar line. I love to jog it. It's great for people watching and feeling the humid air on my skin.

Favorite building: The First Bank and Trust Tower is a mixture of styles. It's a litte art deco, a little Bauhaus.* 

Favorite New Orleans food: Gumbo. It's delicious and connects me to my ancestors.

Favorite New Orleans musician/s: Kermit Ruffins (no relation).

Favorite piece of writing on New Orleans: Sarah Broom's The Yellow House is about the neighborhood where I grew up. No one has written about it with such a passionate, keen eye.

Favorite New Orleans movie: Girls Trip. Those ladies are so funny.

Favorite New Orleans word or expression: ya heard.

Most apt New Orleans nickname: The Big Easy. 

Favorite New Orleans thing not mentioned here: We have the best snowballs in summer.

Who should be mayor of New Orleans? President Obama. He'd like it here.

How can the city lower its murder rate? Stop with the mass incarcerations, improve education, and grant access to financial resources.

The thing I like least about New Orleans: We take a long time to change.

What people don't know about New Orleans is: It is world famous, but it is really a small town.

Why I live in New Orleans: It's where I'm from. I love it.

My expertise on New Orleans: I'm a native.



* The First Bank and Trust Tower is located on 909 Poydras Street in the Central Business District (CBD). It is 36 stories and 481 feet high and was completed in 1987.

Donnerstag, 25. Mai 2017

Denk-mal

In den letzten Wochen sind in New Orleans vier Konföderiertendenkmäler abgebaut worden, und das ist – natürlich – eine große Sache, ein Ding, das die Gemüter bewegt.
Die ersten drei wurden in Nacht-wenn-auch-ohne-Nebel-Aktionen abgebaut, das letzte vor ein paar Tagen bei vollem Tageslicht. Das erste war ein Marmor-Obelisk, der an einen Aufstand der weißen Liga (Battle of Liberty Place) gegen die Regierung von Louisiana 1874 erinnert (zu der Zeit war New Orleans die Hauptstadt von Louisiana) und ist besonders für weiße Suprematisten von Bedeutung. Die anderen Denkmäler standen an prominenteren Stellen und erinnerten an den Amerikanischen Bürgerkrieg: an Konföderiertenpräsident Jefferson Davis, an  Konföderiertengeneral P.G.T. Beauregard (eine Reiterstatue inmitten eines Kreisverkehrs vor dem City Park) und das letzte und wohl bekannteste und dabei ästhetisch nicht besonders gelungene Denkmal an General Robert E. Lee, auch aus der Mitte eines Kreisverkehrs, dem geschäftigen Lee Circle an der St. Charles Avenue. Vor allem letztere Aktion wurde von den Medien intensiv begleitet und dokumentiert (hier). Es gab Proteste, von Gegnern, darunter auch weiße Suprematisten und angereiste Geschichtsfans, und Befürwortern. Aber Fotos zeigen auch Gespräche und Händedrücke zwischen beiden Seiten.
Bürgermeister Mitch Landrieu (Demokrat) hatte den Vorschlag im Juli 2015 in den Stadtrat eingebracht. Zu Bewegung in den Umgang mit Konföderiertensymbolen war es gekommen, nachdem 2015 ein junger weißer Rassist in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston, South Carolina, neun afroamerikanische Gemeindemitglieder erschossen hatte und - auch weil er mit der Konföderiertenfahne gepost hatte - die Fahne vor dem State Capitol in South Carolina entfernt wurde. Gegen-Bewegung gegen den Abbau der Denkmäler in New Orleans gab es jetzt auf bundesstaatlicher Ebene, wo Louisiana jetzt ein Gesetz gegen die Entfernung von Kriegsdenkmälern verabschiedet hat. In der Diskussion darüber sagte die weiße Abgeordnete Brenda O’Brock aus Shreveport zu der afroamerikanischen Abgeordneten Patricia Smith aus Baton Rouge: „You need to get over it.“ (hier)
New Orleans war nur 15 Monate lang Teil der Konföderation und ist auch nach Hurrikan Katrina eine vorwiegend afroamerikanische Stadt. Trotzdem sehen manche die Aktion als politische Vereinnahmung einer langen Kampagne durch Mitch Landrieu, der, wie gemunkelt wird, für 2020 Präsidentschaftsambitionen hegen könnte. Jetzt hat er erst einmal eine bewegende Rede gehalten (hier), die ein New-York-Times-Kommentator als Musterbeispiel der Eloquenz vor allem in der heutigen Zeit hervorhebt: „Words, like monuments, matter. They nudge. They shape.“ (Worte, wie Denkmäler, bedeuten etwas. Sie geben einen Stups. Sie formen.“ (hier)
Als ich zuerst über das alles gelesen habe, war da so ein kleiner Stich im Herzen. Es wird die Stadtlandschaft sehr verändern. Doch ich bin überzeugt, dass es richtig ist. Mein Freund Rex Rose schrieb auf Facebook: „If removal of the monuments WOULD work to bring the city together like it has never been before, would you still be against it? Ask yourself this, also: If you were black in New Orleans, living under Confederate monuments energetically defended by large portions of the white population, would you care to work together with that community with your full energy? Personally, I think I would simply write off anything the white power structure said as bunk and try to get over on it the best way I could.“*
Und was jetzt? Rex Rose hat ein Denkmal für Allen Toussaint vorgeschlagen, den legendären Musiker, Komponisten, Impressario und Gentleman, der 2015 plötzlich gestorben ist. Gute Idee, wird aber ein bisschen dauern und muss vielleicht nicht genau dahin, wo die anderen standen. Eigentlich bin ich da ganz bei dem New Orleanser Autor Jed Horne: Die Podeste sollten stehen bleiben – leer. Denn, so schreibt er, damit würde man an den Kampf und die Kontroverse um die Entfernung der Denkmäler erinnern, die jetzt genauso Teil des kulturellen und geschichtlichen Erbes der Stadt sind wie die Denkmäler und das, wofür sie standen. Beredte Leerstellen wären das.


Abtransport der Statue von General Lee
Foto von Wikipedia
By Abdazizar - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59102981

* Übersetzung: "Wenn Die Entfernung der Denkmäler helfen WÜRDE, die Stadt zusammenzubringen wie nie zuvor, wärt Ihr dann immer noch dagegen? Fragt Euch doch auch mal das: Wenn Du in New Orleans Schwarzer wärest und unter den Konföderiertendenkmälern leben müsstest, die von großen Teilen der weißen Bevölkerung heftig verteidigt werden, hättest Du dann Lust mit ganzer Kraft mit diesem Teil der Bevölkerung mit aller Kraft zusammenzuarbeiten? Ich persönlich würde wahrscheinlich alles, das die weiße Machtstruktur sagt, als Quatsch abtun und würde versuchen, so gut es geht darüber hinwegzukommen."

Sonntag, 28. Dezember 2014

Louisianas Untergang?


Als Kind habe ich mich immer gewundert, dass Amerika im Wilden Westen liegen sollte – auf meinem Globus lag es ganz weit im Osten, noch hinter der Sowjetunion. Auch das mit der Stiefelform Italiens leuchtete mir lange nicht ein, aber als ich jetzt gelesen habe, dass Louisiana wie ein Stiefel aussehen soll, war mir das gleich ganz klar – eher ein Eskimostiefel als einer von Prada.
Allerdings sieht es jetzt gar nicht mehr so aus. Laut einem Bericht im Business Insider hat der Bundesstaat zwischen 1932 bis 2000 eine Fläche von knapp 5000 Quadratkilometern verloren, fast die gesamte Fläche des Staates Delaware. Jede Stunde versinkt eine Fläche in Größe eines Football-Felds im Wasser, etwa ein halber Hektar, also etwas weniger als ein Fußballplatz, wie ich hier vielleicht irrtümlicherweise mal angegeben habe. Damit erodiert die Küste Louisianas schneller als alle anderen Küsten des Planeten, so der Journalist Bob Marshall.
Die Tat- und Ursachen sind bekannt: die industrielle Nutzung und Begradigung des Mississippi, die Zerstörung der Süßwassermarschen durch Ölexplorationsfahrten, die Ölindustrie generell, das Wetter und der Klimawandel. Getan wird fast nichts.
Das bedeutet: Der Stiefel hat schon lange seine Sohle verloren und ist unten völlig ausgefranst und dort, wo das Vorderteil mit dem Schaft verbunden ist, klafft ein immer breiter werdender Riss (u.a. das Atchafalaya Basin). So würde eine aktuelle, genauere Karte Louisianas aussehen, auf der die nicht betretbaren Flächen als solche verzeichnet sind, aber offiziell gibt es diese Karte nicht, denn dann hätte das eine politische Dimension. Also sinkt Südlouisiana weiter.
Spätestens Hurrikan Katrina und die BP-Ölpest ließen auch die Künstlerin Dawn DeDeaux aus New Orleans an den Untergang denken. Stephen Hawkings Ausspruch, dass wir nur noch 100 Jahre hätten, nicht um die Erde zu retten, sondern um sie verlassen, ist das Motto ihrer Installation MotherShip, die sie für die aktuell laufende Biennale Prospect New Orleans P3+ schuf. Kurioserweise musste eine Veranstaltung am 19. Dezember wegen Dauerregens verlegt werden. Interessant ist auch der Art Shack der Künstlerin, ein Shotgun-Haus, bei dem die Spuren von Katrina bewusst sichtbar sind (Wände, die nur noch aus Holzstreben bestehen, verbranntes Holz usw.). Hier.
Auch politische Geschehnisse könnten Untergangsstimmung heraufbeschwören. Nach drei Legislaturperioden wurde Mary Landrieu, die Tochter des früheren und Schwester des jetzigen Bürgermeisters von New Orleans, als demokratische Senatorin nicht wiedergewählt. Ihren Platz nimmt jetzt einer von diesen grauhaarigen, geschniegelten Republikanern mit viereckigem Kopf und vielen Kindern ein, der natürlich von der National Rifle Association, der Waffenlobby, unterstützt wird. In diesem Fall heißt er Bill Cassidy und stammt ursprünglich aus einem Vorort von Chicago. Auch um Mary Landrieu hatte es übrigens Kontroversen gegeben, aber sie war eben doch einer der demokratischen Pfeiler aus einem bis in die siebziger Jahre durchgehend von demokratischen Gouverneuren (danach immer wieder wechselnd) regierten Bundesstaat.
Auch nicht schön: Der republikanische und sehr konservative derzeitige Gouverneur Bobby (Piyush) Jindal ruft im Januar 2015 zu einem Gebetsmeeting mit Unterstützung der American Family Foundation auf, das ausgerechnet auf dem Campus der Louisiana State University, der Flagship University des Bundesstaates, stattfinden soll (hier). Erwähnt sei auch, dass sich der Gouverneur bis zuletzt gegen die Gesundheitsreform gesperrt hat und sich für die Lehre des Kreationismus an den Schulen einsetzt, mit der NRA auf du und du steht, gegen Abtreibung und gegen die Homo-Ehe ist usw. Er wird als einer der möglichen republikanischen Präsidentschaftskandidaten gehandelt.
Aber vermutlich wird Louisiana auch das irgendwie überleben.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Depesche vom Ende der Welt


Liebe Leute, es geht mir gut.
Ich bin umgezogen und freiwillig wieder einmal zum Landei geworden. Die Waschmaschine funktioniert, mein Bett steht und mein Schreibtisch auch, und ansonsten lebe ich seit Tagen zwischen Kisten. Es ist wunderschön hier. Ich blicke auf olle Schuppen und mehrmals Getautes und wieder Gefrorenes und Matsch und braunes Gestrüpp. Aber auch schwarz-weiße Pferde und braune Ponys, ab und zu eine Katze, viele Vögel, Schwärme von vorüberziehenden, krähenden Kranichen, und nachts funkeln die Sterne... In der Nähe gibt es viel wilde Heide, die durch freilebende Rinder renaturiert werden soll. Überall ist das ausführlich auf Schildern erklärt und die Wege sind mit EU-finanzierten Steinskulpturen gesäumt. Am Montag habe ich mich im Hauptort angemeldet; bei der Frage nach einer Wartenummer belächelte man mich ein bisschen – ich war die einzige. Überhaupt ist alles entspannt und freundlich, und das nur 1 Kilometer von der Berliner Stadtgrenze.
Was das mit Louisiana zu tun hat? Fast nichts. Außer, als ich heute früh so am Schreibtisch saß und wartete, dass meine unendlich langsame Internetverbindung – langsamer als ein louisianischer Postschalterbeamter, falls das möglich ist – mir eine Seite aufmacht, da fühlte ich mich plötzlich in mein Holzhäuschen in Baton Rouge zurückversetzt. Dort saß ich an einem riesigen, laut rauschenden Computer, der auch so langsam war, und sah mit einem durch Fenster und Gazeveranda gefilterten Blick ins Grüne: Feigenbäumchen, Bananenstauden, Crepe Myrtles und ab und zu der Postbote oder ein UPS-Mensch, und viel viel Sonne. Rinder und Pferde gibt es nicht allzu viele in Louisiana, aber die dortige Ruhe und Gelassenheit hoffe ich hier im kühlen Klima wiederzufinden. Mit der Postbotin habe ich mich auch schon bekannt gemacht.
Aus New Orleans gibt es auch Neues: Mitch Landrieu ist im ersten Wahlgang mit 64% zum Bürgermeister wiedergewählt worden*, der frühere Bürgermeister, die vormalige Lichtgestalt Ray Nagin steht weiter wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht, das mit BP und anderen Katastrophen ist noch lange nicht ausgestanden. 
Übrigens, NPR funktioniert hier draußen mindestens so gut wie in der Stadt. Dort zuletzt gehört: In der Sendung Tell Me More mit Michelle Martin ein Interview mit Soundbites der Sängerin Leyla McCalla, die auch Banjo und Cello spielt. Auf ihrem, per Crowdfunding finanzierten, Solodebüt hat sie Gedichte von Langston Hughes vertont und spielt auch haitianische Lieder, die sie in New Orleans kennengelernt hat. Sehr schön. Zu lesen und hören hier
Auch vor kurzem auf NPR: On Point mit Tom Ashbrook sendete aus New Orleans zum Thema „American Coastlines“, mit dem Times-Picayune-Kolumnisten Jarvis DeBerry, der Professorin Denise Reed von UNO und dem Wissenschaftler Tommy Michot vom Institute for Coastal Ecology in Lafayette. Hier.
* In diesem Artikel mehr über seinen Herausforderer der letzten Minute, Michael Bagneris, der 33% der Stimmen erhielt und Landrieu aufforderte, mehr in traditionell afroamerikanische Viertel zu investieren und die Sicherheit aufzustocken. Er stellte eine Besucherzahl von jährlich 9-10 Millionen einer Zahl von 1.200 Sicherheitskräften gegenüber. 
Was hier anders ist: Direkt vor meinem Fenster geht ein Weg entlang, den immer wieder Spaziergänger und Radfahrer frequentieren. Die meisten beäugen neugierig unser Haus. Ich habe mich noch nicht getraut zu winken, aber ich gucke zurück und genieße den kleinen Laufsteg des Stinknormalen hier vor dem Fenster.

Samstag, 11. Januar 2014

Nur ganz kurz

Anfang der Woche kam es zu einem wahrscheinlich historischen Ereignis: In Berlin war es mindestens 13 Grad Celsius wärmer als zur gleichen Zeit in New Orleans, wo die arktische Klirrkälte mit 2- C Einzug hielt. Auf Facebook diskutierte man Methoden zur Rettung der Tomatenpflanzen (abdecken, Taschenlampe oder andere Wärmequelle daneben legen), und der traditionell erste Umzug der Mardi-Gras-Saison, die Krewe of Joan of Arc (Jeanne d'Arc), die am 6. Januar in historischen Kostümen durchs French Quarter zieht, musste sich warm anziehen. Heute sind in New Orleans wieder 22 Grad, es gibt King cakes und alles dürfte wieder in Butter sein.
Von den New Orleans Saints (dem Footballteam) heißt es, dass sie bei kaltem Wetter nicht so gut spielen, und trotzdem haben sie letztes Wochenende in Philadelphia gegen die gleichnamigen Eagles knapp gewonnen. Als sie gegen drei Uhr früh am Flughafen in New Orleans eintrafen, standen Fans an der Ausfallstraße Spalier und klatschten und johlten.
Das neue Jahr hat wieder mit einigen Schießereien und Morden begonnen. Auch das wird in der Wahl zum Bürgermeister eine Rolle spielen, die jetzt in die heiße Phase tritt. Es gibt vier Kandidaten: den amtierenden Bürgermeister Mitch Landrieu (Demokrat), den ehemaligen Richter Michael Bagneris (Demokrat; Obama hat zwar Landrieu seine Unterstützung ausgesprochen, aber das lokale Orleans Parish Democratic Executive Committee unterstützt Bagneris); Danatus N. King, Präsident der lokalen Abteilung des NAACP (National Association for the Advancement of Colored People, eine Bürgerrechtsorganisation für Afroamerikaner; King ist auch Demokrat) und Manny "Chevrolet" Bruno (parteilos), der immer wieder zur komischen Unterhaltung kandidiert.
Der erste Wahlgang findet am 1. Februar 2014 statt; die Stichwahl zwischen den beiden übrig gebliebenen Kandidaten ist per Gesetz für den 4. Samstag nach dem ersten Samstag im Februar vorgesehen. Allerdings hat Gouverneur Bobby Jindal schon 2102 für dieses Jahr eine Ausnahme festgelegt, den 15. März 2014, weil die Wahl sonst dem Karneval in die Quere kommen würde (Aschermittwoch, und somit alles vorbei, ist nämlich am 5. März 2014). Nur in New Orleans, oder?

Dienstag, 22. Januar 2013

Aktuelles


1
Letzten Freitag ist Ex-Bürgermeister Ray Nagin der Korruption angeklagt worden. Als er 2002 ins Amt gewählt wurde, war er ein großer Hoffnungsträger gewesen: relativ jung, elegant, gut aussehend, und als einer der erfolgreichen Manager der Kabelfirma Cox Communications – so hoffte man – unbelastet von den Verstrickungen und Mauscheleien der politischen Kaste in New Orleans. Eine Art Lichtgestalt. Während der Katrina-Katastrophe war auch er heillos überfordert, machte jedoch auf sich aufmerksam, als er in einem Interview am 3. September 2005 die Bush-Regierung für ihre Tatenlosigkeit beschimpfte. Auch mit seiner Erklärung im Januar 2006, dass New Orleans wieder „chocolate“ werden würde, machte er Schlagzeilen. Obwohl man in New Orleans sagte, dass Katrina ihn „gebrochen“ hätte, wurde er 2006 für eine zweite Amtszeit gewählt.
Nach Katrina war immer vom Ausverkauf der Afroamerikaner die Rede. Spätestens diese Anklage deutet darauf hin, dass Nagin und andere Stadtväter, zumeist selbst Afroamerikaner, an diesem Ausverkauf Teil hatten. (Zu sehen übrigens auch in der Fernsehserie Treme.) Ein Bundesgericht klagt ihn jetzt für die Annahme von Bestechungsgeldern, für Geldwäsche und viele andere Sachverhalte an, was auch der deutschsprachigen Presse fast überall eine kleine Meldung wert ist. Die Times-Picayune hat einige dieser Transaktionen analysiert. Seit 2010 lebt Nagin übrigens in der Umgebung von Dallas.

2
Übernächstes Wochenende (am 3. Februar 2013) findet das Football-Abschlussspiel der Saison 2012, der so genannte Super Bowl, in New Orleans statt. Die Baltimore Ravens spielen gegen die San Francisco 49ers, im Superdome, der während Katrina tagelang als Zuflucht für Tausende Betroffene diente und seit der Renovierung nach einer großen deutschen Automobilfirma benannt ist. Die Stadt bereitet sich seit Längerem auf den Tag vor und hofft vermutlich, dass dies ein weiterer Schritt zur Rehabilitierung ihres Rufs als Touristenattraktion ist und ihr einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, was sich möglicherweise schon ein wenig abzeichnet. Der Flughafen wurde ausgebaut und die Straßen in der Umgebung erweitert und repariert, so dass man dort nur auf Einbahnstraßen im Kreis fahren konnte. Der größte Einschnitt: Die Termine für zahlreiche Mardi-Gras-Paraden mussten verschoben werden, da die Karnevalssaison auf Hochtouren läuft, noch bis zum 12. Februar. Dies betraf zum Beispiel die Krewe de Vieux (zu Fuß, durchs French Quarter), die schon letztes Wochenende umzog.
Alicia Keys wird die Nationalhymne singen; Beyoncé tritt in der Halbzeitpause auf.

3
2012 berichtete die Times-Picayune in der achtteiligen Reportageserie „Louisiana Incarcerated*“ (Louisiana eingesperrt) ausführlich über das korrupte Gefängnissystem Louisianas, in dem mehr Menschen als im Rest der Welt hinter Gittern leben. Am 4. Februar 2013 wird diese Serie mit dem John Jay HF Guggenheim Prize for Excellence in Criminal Justice Reporting 2012-2013 (also für Berichterstattung über das Strafrechtssystem) ausgezeichnet. Allerdings hat sich die Times-Picayune inzwischen auf Digital verlegt und bringt nur noch drei Druckausgaben wöchentlich heraus. Im Zuge dieser Umstruktierung wurden zahlreiche Reporter entlassen, darunter 9 der 20 an der Serie beteiligten Journalisten. Eine davon, Cindy Chang, arbeitet jetzt bei der Los Angeles Times. Das Preisgeld, meinte sie, wird dem DashThirtyDash-Fond gespendet, der entlassene Times-Picayune-Reporter unterstützt. Diese Nachricht habe ich aus dem Gambit und nicht aus der T-P.
* Zwar habe ich letztes Jahr hier über die Serie berichtet, aber erst jetzt ist mir der klevere Titel aufgefallen: Louisiana Incarcerated, wobei „Inc.“ in etwa „GmbH“ bedeutet.


Sonntag, 11. November 2012

Jackson Square


Der zentrale Platz im French Quarter ist der Jackson Square, nach einer Seite hin offen, ansonsten gesäumt von den Pontalba Apartment Buildings, der St. Louis Cathedral, dem Cabildo und dem Presbytère beiderseits der Kathdrale (Foto). In der Mitte befindet sich ein kleiner gestalteter Park mit Bänken und einer Statue für General Jackson auf seinem Pferd, das Ganze umgeben von einem hohen eisernen Zaun. Auf dem umliegenden Pflaster sitzen Porträtzeichner, Maler, Wahrsagerinnen, Schuhputzer, Musiker für die Touristen, und gelegentlich schlendern Polizisten vorbei. 
Der Platz wurde dem Place des Vosges (Vogesenplatz) im Pariser Marais nachempfunden (ist allerdings viel kleiner) und hieß früher Place d’Armes (Platz der Waffen). Nach der Schlacht von New Orleans, die Andrew Jackson siegreich gegen die Engländer führte, wurde der Platz nach ihm benannt (1815, die Statue steht seit 1856). Auf der offenen Seite zum Fluss hin ist die Decatur Street, an der geschmückte Kutschen mit Mauleseln und illuster bekleideten Stadtführern auf Touristen warten. Im September gingen von dort auch die neuen Doppelstockbusstadtrundfahrten los, die gerade eingeführt wurden. 
Geht man über die geschwungene Treppe jenseits der Decatur Street weiter, über die Straßenbahngleise und wieder eine Treppe hinauf, dann kommt man zum Moonwalk (Foto), einer befestigten Flusspromenade, auf der man über den weiten, geschwungenen Mississippi hinwegblicken kann, benannt nach Bürgermeister Moon Landrieu (geb. 1930, 1960-66), Vater der Senatorin Mary Landrieu und des jetzigen Bürgermeisters Mitchell Landrieu. 
Jener hat jetzt einen Gesetzesentwurf einbringen lassen, dass der Jackson Square von 1 bis 5 Uhr früh zur Reinigung geräumt werden muss, was nachtaktive Wahrsagerinnen und Musiker empört (hier). An den verschiedenen Ecken sind auch die Preservation Hall, das Café du Monde, Pirate’s Alley. 80% der Besucher der Stadt besuchen den Jackson Square, und die genießen es, dass es keine Sperrstunde gibt und man jederzeit auf offener Straße (oder auf dem Platz oder der Promenade am Fluss) Alkohol trinken darf. Mitch Landrieu wird sich doch nicht unbeliebt machen wollen...
 

Sonntag, 22. Juli 2012

Ein Abriss

Heute früh 8 Uhr Ortszeit: Das Grand Palace Hotel an der Ecke Canal Street und South Claiborne Street wurde gesprengt. Das Gebäude entstand 1950-51 als Claiborne Towers und hatte 1.000 Wohneinheiten und Büros auf 17 Geschossen. Im Laufe der Jahre hatte es verschiedene Verwendungszwecke und Eigentümer, u.a. als Ramada Hotel. Ab 2003-2004 gab es Beschwerden wegen Schimmelbefall, rostigem Wasser, Ratten, und seit Hurrikan Katrina war das Hotel geschlossen und die Eigner meldeten Bankrott an. Jetzt wich der Bau einem milliardenteuren, umstrittenen University Medical Center, das hier entstehen soll.
Bürgermeister Mitch Landrieu hat sich das Spektakel heute angesehen und meinte: “Ein altes Gebäude für etwas Neues abzureißen, das ist ein Symbol für den Wiederaufbau der Stadt.” (Zur Geschichte hier.)
Nicht alle sehen das so, denn dem Neubau fallen auch private, meist historische Holzhäuser in dem Viertel zum Opfer, und das traditionsreiche Charity Hospital wird deshalb, trotz Protesten, nicht wiedereröffnet. Charity Hospital wurde 1736 gegründet (zum Vergleich: die Berliner Charité 1710); der aktuelle Art-Déco-Bau ist von 1939 und soll wohl als Denkmal erhalten werden. Charity war eine Universitätsklinik und eines der Krankenhäuser, wo man erst einmal behandelt wurde und dann irgendwann oder nie bezahlen konnte (ich war 1990 mit einem entzündeten Fuß dort). Während Katrina war es teilweise überschwemmt worden und die Patienten wurden heldenhaft evakuiert.
Dieser Neubau ist Teil der großen Umstrukturierung, die New Orleans seit 2005 erlebt. Wessen großer Plan genau das ist, kann ich nicht sagen, aber ich finde, dass man die paar Steine, die Katrina aufeinander ließ, nicht auch noch unbedingt wegreißen muss, dass man auf ein Trauma nicht noch mehr Trauma draufsetzen muss.
Sicher, das heute abgerissene Gebäude war nichts fürs Auge, keines, vor dem nachfolgende Generationen voller Ehrfurcht stehengeblieben wären und auch mir wird es bei meinem nächsten Besuch sicher nicht fehlen. Aber es geht ums Prinzip. Und so faszinierend die Bilder von dem Einsturz auch sind, mich erinnern sie auch ein bisschen an das World Trade Center. (Fotos und ein kurzer Film.)

Freitag, 29. Juni 2012

Wir haben Lösungen?

Am Montag habe ich mit meinen Studenten ein Experiment gewagt: Ein kleines Projekt zur Kriminalität in New Orleans. Angeregt dazu hatte mich der 5-Punkte-Plan zur Reduzierung der Mordrate in der Stadt, den Bürgermeister Mitch Landrieu am 22. Mai 2012 vorgelegt hat (Zeitungsartikel hier und Interview hier)
Zunächst hatten einzelne Studenten bestimmte Fakten recherchiert (Geografisches, Geschichte, Kultur, Politik, Schulen, Polizei, Kriminalitätsrate, Katrina), die wir zusammentrugen. Dann überlegten sie sich in kleinen Gruppen Strategien zur Senkung der Mordrate, und ich wollte sehen, ob sie mit denen des Bürgermeisters übereinstimmen (aber natürlich sollten sie auch einfach Englisch sprechen).
Hier einige seiner Punkte:
-- die Schaffung eines Spezialistenteams auf Bundesebene zur Strafverfolgung von Drogenkönigen
-- Mentorenprogramme ausbauen
-- Arbeits- und Wohnangebote für ehemalige Straffällige verbessern
-- das öffentliche Vertrauen in die Polizei von New Orleans wiederherstellen
-- Programme zur Konfliktlösung und Traumaberatung anbieten
-- Jugendliche über die Konsequenzen krimineller Handlungen aufklären.
Gestern gab es eine Anhörung vor dem City Council, wo der Polizeipräsident Ronald Serpas meinte, dass er eine Senkung der Mordrate nicht versprechen könne (Artikel hier). Auf Anfrage meinte er, dass die Hälfte der Polizisten auf den Stadtautobahnen im Einsatz sind, wo eigentlich Staatspolizei patrouillieren sollte. Aber, das ist nicht nur meine Meinung, Polizei ist eben längst nicht alles.
Meine Studenten, die sich zum ersten Mal mit der Stadt beschäftigten, sollten in 15 Minuten Patentlösungen erarbeiten, und das Ergebnis ist ganz beeindruckend. Einige Forderungen tauchten mehrmals auf: strengere Waffengesetze, was in den USA von heute wohl aussichtslos ist, und bessere Schulen, obwohl ja in New Orleans viele denken, dass die neu eingeführten Charter schools die beste Lösung sind. Und da die meisten der Studenten Sozialarbeit studieren, forderten viele mehr Sozialarbeiter, insbesondere Streetworker. Von der Finanzierung abgesehen, stelle ich mir Streetworker in einer so losen Stadt wie New Orleans, die an wenigen Stellen richtig urban und großstädtisch wirkt, schwierig vor. Aber diese und andere zum Teil ausgefallene, aber sehr inspirierte Ideen werden wir in einem Brief an den Bürgermeister zusammenstellen.
Am Ende sollte ich erzählen, was denn dort so besonders und so schön sei. Und warum ist es so gewalttätig, wenn es so schön ist? Eine wirklich gute Frage. Und können wir nicht mal was Positives über New Orleans hören? Nächste Woche also gibt es Musik, ein bisschen Film, vielleicht auch was zum Lesen aus Nju Orliens.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Kriminalität

In der letzten Woche wurde die Polizei allein am Mittwoch innerhalb von sechs Stunden zu vier Mordopfern gerufen. Somit erhöhte sich die Zahl der Morde in jener Woche auf neun. In der Nacht zum Sonntag war der Augenarzt Brent Hachfeld aus dem Vorort Slidell im French Quarter niedergeschlagen und wahrscheinlich beraubt worden, bevor er im Krankenhaus verstarb. Jetzt glaubt die Polizei auf einem Überwachungsvideo einen Verdächtigen gesehen zu haben und bittet um Mithilfe. Gestern wurden eine 36-jährige Frau und ihr 13-jähriger Sohn in ihrem Haus in der 7th Ward erschossen aufgefunden, verhaftet wurde ihr 45-jähriger Exfreund, bei dem man sechs Schusswaffen und eine Kiste mit Munition zu Hause gefunden hatte.
Sonnabend vor einer Woche wurde Curtis Matthews erschossen, der aus South Carolina nach New Orleans gekommen war, um für seinen Bruder dessen Jazz Daiquiri Lounge weiter zu führen. Auf den Bruder, John Matthews, war vor einem Jahr zu Hause siebzehn Mal geschossen worden, da er Hauptzeuge in einem Mordfall vor der Daiquiri Lounge war. Durch seine Aussage wurde letzte Woche Telly Hankton verurteilt, der 2008 einen Mann nach einer Autojagd mit 8 Kugeln getötet hatte. Diesen und einen anderen Mann, den er erschoss, als er auf Kaution frei war, hatte er wiederum als Rache für den Mord an seinem Cousin 2007 getötet. Für die Schüsse auf John Matthews wurde Thomas Hankton, der Cousin des Verurteilten angeklagt, nach dem Mörder von Curtis Matthews wird noch gesucht. 
Am Dienstag schaltete sich Bürgermeister Mitch Landrieu ein und erklärte bei einer kleinen Pressekonferenz auf dem neutral (Mittelstreifen) vor der Daiquiri Lounge, dass er 10.000 Dollar aus seinem Kampagnenfonds als Belohnung für die Ergreifung des Mörders stellen würde. Dabei warnte er ausdrücklich die ausgedehnte Familie von Telly Hankton und erklärte, er sei ein Symbol für Leute geworden, die meinten, sie könnten die Kids auf der Straße einschüchtern.
Als ich noch in Baton Rouge wohnte, wurde ich bei einer kleinen Party in meinem Garten Ohrenzeugin einer Schießerei, ohne--anders als meine amerikanischen Freunde, die sich sofort in Sicherheit brachten--gleich zu wissen, dass es Schüsse waren, die ich hörte. Man erzählte mir später, dass es das Ende eines misslungenen Drogendeals gewesen war. Ein Jahr später war ich als Zeugin vor Gericht geladen. Nach einigem Warten erklärte man mir dort, dass ich nach Hause gehen könnte, da der Hauptzeuge, das gelähmte Opfer, in der Nacht zuvor erschossen worden wahr. Irgendwie ist das schon ganz schön einschüchternd. 

Samstag, 8. Oktober 2011

Nachrichten

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Die „Occupy Wall Street“-Bewegung (Besetzt Wall Street) hat am Donnerstag, 6. Oktober, New Orleans erreicht. Um Mittag versammelten sich wohl etwas 400 Protestierende unter dem Motto „Occupy NOLA“ (Besetzt New Orleans, Louisiana) und marschierten vom Gerichtsgebäude am Rathaus vorbei durch das Central Business District. Es wurde skandiert und musiziert, wie man in einem Videoclip unten auf der Seite der New Orleans Times-Picayune sehen kann. Man hörte und sah auf einem Transparent: Who dat? (Who is that? – Wer ist das?), den Schlachtruf der Fans des American Football-Clubs New Orleans Saints der letzten Saison. Die Antwort auf dem Transparent lautet: We dat 99% (Wir sind die 99%), d.h. gegenüber den 1% Reichen des Landes.
Bürgermeister Mitch Landrieu wurde am Freitagmorgen gesehen, wie er in dem daraufhin besetzten Duncan Plaza bei den Protestierenden vorbeiging und Hallo sagte

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Beim New Orleans Seafood Festival vor einigen Wochen wurde es versichert und in einem Radiointerview sagte kürzlich auch ein Professor von meiner Alma Mater, Louisiana State University, dass alles gut aussehe, ein Jahr nach der durch BP verursachten Ölpest im Golf von Mexiko, direkt vor der Küste Louisianas. Aber jetzt zeigt eine Studie, so das Medienzentrum von LSU, dass zwar kaum noch Ölspuren im Wasser zu finden sind und die Fische in den Marschen „sicher für den Verzehr“ sind. Sie weisen aber alarmierende biologische Veränderungen (z.B. an den Kiemen) auf, die das Überleben und die Fortpflanzung der Fische gefährden. Aus den Erfahrungen der Exxon-Valdez-Ölkatastrophe 1989 vor Alaska, weiß man, dass dies Vorboten für langwierige Folgewirkungen sind. Vorbei ist es also noch lange nicht.

Montag, 29. August 2011

Liebe taz!

Hier mein (unveröffentlichter) Leserbrief letztes Jahr zu einem Artikel über die Bürgermeisterwahl „Zeitenwechsel am Mississippi: New Orleans verliert an Farbe“, taz vom 6. Februar 2010
„Danke, dass Ihnen das Thema einen längeren Artikel wert ist. Hier mein Kommentar:
Ganz selten ist die Welt einfach nur schwarz-weiß, und in New Orleans ist sie es schon gar nicht. Die Stadt besteht aus einem komplizierten Gefüge mit den verschiedensten ethnischen und kulturellen Schattierungen. Afroamerikaner, wie der letzte Bürgermeister Ray Nagin und wie der Kandidat Troy Henry, sind hier häufig Kreolen und entstammen lang eingesessenen Familien wie auch die berühmten Musikerdynastien Neville und Marsalis. In vielfältigen Hierarchien und Konstrukten leben in New Orleans Schwarze und Weiße hier unweigerlich zusammen und kommen auch heute nicht ohne einander aus.
32 Jahre lang hatte die Stadt, die landesweit für ihre Korruption und Kriminalität bekannt ist, schwarze Bürgermeister, wie Sie schreiben, aber auch Polizeichefs, Bildungssenatoren usw. Bürgermeister Ray Nagin trat 2002 als vom Establishment unabhängiger Geschäftsmann an, um mit diesem Sumpf aufzuräumen, und war für schwarze und weiße New Orleanser eine Lichtgestalt. Doch auch er versagte im Hurrikan Katrina und wurde gebrochen, wie man hier sagt, in einem Inkompetenzgerangel zwischen Bundes-, Staats- und Stadtbehörden. Seit er 2006 überraschend wiedergewählt wurde, hat er vor allem mit schlechten Schlagzeilen von sich reden gemacht. Jetzt sehnt sich die geplagte Stadt nach Klarheit und Übersichtlichkeit und hat sich statt für Mitch Landrieu entschieden, der in die Welt der Politik hineingeboren wurde und vielleicht auch bessere Drähte nach Washington hat.
Im Wahlkampf des abgeschlagenen Zweiten Troy Henry war die Sorge um die Rasse des nächsten Bürgermeisters durchaus thematisiert worden. Nach der Wahl am Sonnabend trat er bei Mitch Landrieus Wahlparty auf die Bühne und feierte dort mit. Auf die Frage, welche Rolle die Rasse bei Landrieus Wahl gespielt hat, sagte er: „Ich glaube, er war der führende schwarze Kandidat“ und: „Mitch wird ein fantastischer Bürgermeister“.
Ob Mitch Landrieu tatsächlich ein guter Bürgermeister wird, der Arbeitsplätze schafft, damit die immer noch woanders Lebenden zurückkehren können, der die Kriminalität senkt, damit die dort Wohnenden wohnen bleiben, der die Stadt vor weiteren Katastrophen schützt und sie auf nationaler Bühne angemessen repräsentiert, all das ist ungewiss. Doch wenn es ihm nicht gelingen sollte, dann sicherlich nicht nur, weil er weiß ist."