In den letzten Wochen sind in New Orleans vier Konföderiertendenkmäler abgebaut worden, und das ist – natürlich – eine große Sache, ein Ding, das die Gemüter bewegt.
Die ersten drei wurden in Nacht-wenn-auch-ohne-Nebel-Aktionen abgebaut, das letzte vor ein paar Tagen bei vollem Tageslicht. Das erste war ein Marmor-Obelisk, der an einen Aufstand der weißen Liga (Battle of Liberty Place) gegen die Regierung von Louisiana 1874 erinnert (zu der Zeit war New Orleans die Hauptstadt von Louisiana) und ist besonders für weiße Suprematisten von Bedeutung. Die anderen Denkmäler standen an prominenteren Stellen und erinnerten an den Amerikanischen Bürgerkrieg: an Konföderiertenpräsident Jefferson Davis, an Konföderiertengeneral P.G.T. Beauregard (eine Reiterstatue inmitten eines Kreisverkehrs vor dem City Park) und das letzte und wohl bekannteste und dabei ästhetisch nicht besonders gelungene Denkmal an General Robert E. Lee, auch aus der Mitte eines Kreisverkehrs, dem geschäftigen Lee Circle an der St. Charles Avenue. Vor allem letztere Aktion wurde von den Medien intensiv begleitet und dokumentiert (hier). Es gab Proteste, von Gegnern, darunter auch weiße Suprematisten und angereiste Geschichtsfans, und Befürwortern. Aber Fotos zeigen auch Gespräche und Händedrücke zwischen beiden Seiten.
Bürgermeister Mitch Landrieu (Demokrat) hatte den Vorschlag im Juli 2015 in den Stadtrat eingebracht. Zu Bewegung in den Umgang mit Konföderiertensymbolen war es gekommen, nachdem 2015 ein junger weißer Rassist in der Emanuel African Methodist Episcopal Church in Charleston, South Carolina, neun afroamerikanische Gemeindemitglieder erschossen hatte und - auch weil er mit der Konföderiertenfahne gepost hatte - die Fahne vor dem State Capitol in South Carolina entfernt wurde. Gegen-Bewegung gegen den Abbau der Denkmäler in New Orleans gab es jetzt auf bundesstaatlicher Ebene, wo Louisiana jetzt ein Gesetz gegen die Entfernung von Kriegsdenkmälern verabschiedet hat. In der Diskussion darüber sagte die weiße Abgeordnete Brenda O’Brock aus Shreveport zu der afroamerikanischen Abgeordneten Patricia Smith aus Baton Rouge: „You need to get over it.“ (hier)
New Orleans war nur 15 Monate lang Teil der Konföderation und ist auch nach Hurrikan Katrina eine vorwiegend afroamerikanische Stadt. Trotzdem sehen manche die Aktion als politische Vereinnahmung einer langen Kampagne durch Mitch Landrieu, der, wie gemunkelt wird, für 2020 Präsidentschaftsambitionen hegen könnte. Jetzt hat er erst einmal eine bewegende Rede gehalten (hier), die ein New-York-Times-Kommentator als Musterbeispiel der Eloquenz vor allem in der heutigen Zeit hervorhebt: „Words, like monuments, matter. They nudge. They shape.“ (Worte, wie Denkmäler, bedeuten etwas. Sie geben einen Stups. Sie formen.“ (hier)
Als ich zuerst über das alles gelesen habe, war da so ein kleiner Stich im Herzen. Es wird die Stadtlandschaft sehr verändern. Doch ich bin überzeugt, dass es richtig ist. Mein Freund Rex Rose schrieb auf Facebook: „If removal of the monuments WOULD work to bring the city together like it has never been before, would you still be against it? Ask yourself this, also: If you were black in New Orleans, living under Confederate monuments energetically defended by large portions of the white population, would you care to work together with that community with your full energy? Personally, I think I would simply write off anything the white power structure said as bunk and try to get over on it the best way I could.“*
Und was jetzt? Rex Rose hat ein Denkmal für Allen Toussaint vorgeschlagen, den legendären Musiker, Komponisten, Impressario und Gentleman, der 2015 plötzlich gestorben ist. Gute Idee, wird aber ein bisschen dauern und muss vielleicht nicht genau dahin, wo die anderen standen. Eigentlich bin ich da ganz bei dem New Orleanser Autor Jed Horne: Die Podeste sollten stehen bleiben – leer. Denn, so schreibt er, damit würde man an den Kampf und die Kontroverse um die Entfernung der Denkmäler erinnern, die jetzt genauso Teil des kulturellen und geschichtlichen Erbes der Stadt sind wie die Denkmäler und das, wofür sie standen. Beredte Leerstellen wären das.
Abtransport der Statue von General Lee
Foto von Wikipedia
By Abdazizar - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59102981
* Übersetzung: "Wenn Die Entfernung der Denkmäler helfen WÜRDE, die Stadt zusammenzubringen wie nie zuvor, wärt Ihr dann immer noch dagegen? Fragt Euch doch auch mal das: Wenn Du in New Orleans Schwarzer wärest und unter den Konföderiertendenkmälern leben müsstest, die von großen Teilen der weißen Bevölkerung heftig verteidigt werden, hättest Du dann Lust mit ganzer Kraft mit diesem Teil der Bevölkerung mit aller Kraft zusammenzuarbeiten? Ich persönlich würde wahrscheinlich alles, das die weiße Machtstruktur sagt, als Quatsch abtun und würde versuchen, so gut es geht darüber hinwegzukommen."
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Donnerstag, 25. Mai 2017
Montag, 18. Juli 2016
Baton Rouge, Louisiana
Ein paar Fakten:
Hauptstadt des Bundesstaats Lousiana, am Ostufer des Mississippi
ca. 230.000 Einwohner, 17 Meter über dem Meeresspiegel
Gegründet 1699, besiedelt 1719, aus dem Französischen für „Roter Stock“
Religion: vor allem Baptisten und Methodisten, dann Katholiken
Größte Universität: Louisiana State University, meine Alma Mater. Amerikaner denken dabei an das Football Team LSU Tigers. Ein lebender Tiger, Mike, lebt als Maskottchen auf dem Campus und wird bei Heimspielen aufs Spielfeld gefahren.
Von Spanish Town und anderen alten Vierteln abgesehen, ist die Infrastruktur ganz aufs Auto ausgerichtet. Die Autobahnen I-10 und I-12 führen mitten durch die typische zersiedelte amerikanische Stadt.
Vor 26 Jahren, im Herbst 1990, kam ich auf meiner Greyhound-Reise durch die USA auch nach Baton Rouge. Ich blieb ein paar Stunden, schlug mit Mühe die Zeit tot. Damals war nämlich im Stadtzentrum fast nix, nur das Louisiana State Capitol aus den 30er-Jahren, ein Wolkenkratzerchen (137 Meter) im Art-Deco-Stil, irgendwo zwischen Völkerschlachtdenkmal und dem Warschauer Palac Kultury. Der Bau des neuen Capitol Building war die Idee des legendären Gouverneurs (1928-1932) und späteren Senators Huey P. Long, eine Art populistischer Südstaaten-Kennedy, der 1935 in seinem Capitol erschossen wurde. Um ihn geht es in dem wunderbaren Roman All the King’s Men von Robert Penn Warren, deutsch Das Spiel der Macht, auch als Film mit Sean Penn von 2006.
Von der Aussichtsplattform auf dem Dach blickte ich auf die menschenleere Innenstadt und sah auf dem Mississippi in Ufernähe Baumstämme treiben. Als ich 1995 nach Baton Rouge zog, war das Flussufer inzwischen zur Promenade (Riverwalk) ausgebaut worden.
Ich lebte vier Jahre lang in der Stadt, drei davon in einem charmanten Holzhäuschen in einem Viertel, das Freunde wegen der Straßennamen die „Philosophy Neighborhood“ nannten. Es lag gleich gegenüber des verwunschenen Garden Districts, wo ich an warmen Nächten spazieren ging. Es war eine schöne Zeit, in der ich viel erlebt, geliebt, gelernt habe, nur dass in einem Sommer hinter meinem Haus jemand angeschossen und ein Jahr später, am Abend vor der Gerichtsverhandlung, getötet wurde. Ansonsten war ich mit Franzosen, Künstlern, Schriftstellern befreundet und hatte einen sehr zuverlässigen persischen Automechaniker, Mark.
Mein Leben spielte sich vor allem im südlichen Teil der Stadt ab, in der Gegend um die Uni, mit luxuriösen Häusern für die Professoren, einfacheren Vierteln für junge Familien und einer Partystadt aus doppelstöckigen Mietshäusern für die Undergraduates (Tiger Town). Wir fuhren sonnabends ins Stadtzentrum zum kargen Wochenmarkt, wo die meist schwarzen Bauern aus der Umgebung Mustard oder Collard Greens und Tomaten verkauften. Wir gingen in Bars und Klubs, trafen uns zu Partys und wöchentliche Tafelrunden. Ich studierte französische Literatur und Creative Writing, lernte louisianische Tänze, Essen und Kultur, genoss das subtropische Klima. Kurzzeitig wollten wir ein leerstehendes Gebäude zu einem Kunstzentrum aufbauen. Heute steht an der Stelle das schicke Shaw-Center mit Museum, Theater und Dachrestaurant Tsunami fast direkt am Mississippi.
Vor allem in den ersten Jahren fuhren wir einmal die Woche zu Tabby’s Blues Box am North Boulevard. Der Besitzer, der schwarze Bluesmusiker Tabby Thomas spielte den Blues, manchmal mit Gästen, dann saß er da und hörte zu. Die Besucher waren Schwarze, immer dieselben, und eine wechselnde Handvoll College-Kids. Alles war sehr schlicht, das Bier war billig und die Musik toll, Swamp-Blues, wie ich später erfuhr. Der Klub war am North Boulevard, inmitten vieler leerer Grundstücke. Auch das Haus nebenan fehlte, und auf der Fläche gegenüber parkten wir, und immer stand dort jemand, der auf die Autos und die heimkehrenden Gäste aufpasste. Im Jahr 2000 zog die Blues Box in die Innenstadt und blieb dort bis zur Schließung 2004. Tabby Thomas hatte auch eine Radiosendung am Sonntagmorgen. Er starb 2014.
Tabby’s Blues Box befand sich am Anfang einer anderen Welt, die man nur am Rande registrierte, wenn man zum Flughafen fuhr oder irgendwie durch eines der armen, schwarzen Viertel kam. Dort im Norden der Stadt befinden sich die Ölraffinerien, die mit den Flammen aus den Schornsteinen und dem Gestank, wie sie in Bitterfeld gleich nach der Wende geschlossen wurden. Der „Petrochemical Corridor“ am Mississippi von Baton Rouge nach New Orleans heißt im Volksmund Cancer Alley. Das ist sarkastisch, aber wahr. Meine Freundin Esra Özdenerol promovierte mit einer Arbeit in Geografie, in der sie mit Hilfe von modernen Verfahren Krebsstatistiken räumlich auswertete (A Spatial Inquiry of Infant Low Birth Weight and Cancer Mortality in East Baton Rouge Parish, Louisiana), mit einem erschreckenden und äußerst brisanten Ergebnis: In der Nähe der Chemiebetriebe, dort wo die armen Schwarzen wohnen, sind die Krebsraten um ein Vielfaches höher als anderswo.
Baton Rouge liegt nur etwa 150 Kilometer nordwestlich von New Orleans, und trotz gleicher Flora und Fauna ähneln sich die Städte nicht. Baton Rouge ist nicht kreolisch, Cajun oder katholisch geprägt wie der Rest Südlouisianas, sondern eher ein Ausläufer des Bible Belt, eine All-American-City mit etwas schärferem Essen und riesigen Kakerlaken.
Es ist eine Industriestadt, die zur Staatshauptstadt wurde, mit einer Flagship-University, die trotz der einschneidenden und verheerenden Bush- und Bobby-Jindal-Jahre dominiert. Nach Hurrikan Katrina war es Hauptzufluchtsort, als sich die Bevölkerung kurzzeitig verdoppelte und die Baton Rouger über die schrecklichen Fahrer aus New Orleans klagten. Ein Teil der Bevölkerung wollte sich letztes Jahr durch eine eigene Stadtgründung (St. George) vom ärmeren Teil der Stadt lossagen (hier).
In Baton Rouge ist vor knapp zwei Wochen Alton Sterling erschossen worden (und ich glaube, wir lebten beide zwar in derselben, aber nicht in der gleichen Stadt). Es ist die Stadt, in der die Polizei brutal gegen Protestierende vorging und doch von einer einzelnen Iesha Evans in den Bann geschlagen wurde, wie auf dem viel kommentierten Foto von Jonathan Bachmann zu sehen (hier). Und es ist die Stadt, in der gestern drei Polizisten erschossen wurden, darunter Montrell Jackson, der in einem Tweet vor 10 Tagen darüber schrieb, wie schwer es ist, Polizist zu sein, aber auch, vor allem privat, schwarz zu sein, der über die Müdigkeit, die Schwere schrieb, die er empfand und zu Liebe aufrief und gegen Hass (hier). Sein winziger Sohn wird ohne ihn aufwachsen.
Ich bin nur von fern betroffen, aber auch ich finde es ermüdend, zehrend, unerträglich. Vor ein paar Tagen hieß es in einem Artikel, die USA seien auf der Prämisse begründet worden, dass bestimmte Leben nicht so wichtig, also verzichtbar sind. Ich glaube, da ist etwas dran. Es ist bis heute unterschwellig vorhanden. Obwohl einer im Weißen Haus regiert, lebt man als schwarzer Mann in den USA immer noch mordsgefährlich. Die Tatsache, dass Obama schwarz ist und noch dazu klug, warmherzig und witzig, hat, so scheint es mir, dazu beigetragen, dass der Rassismus neue Blüten treibt, dass politische Differenzen in der Regierung in vorher unbekanntem Maße und auf radikale und respektlose Weise ausgetragen werden. Unausgesprochen (abgesehen von den Anschuldigen wegen seines Geburtsorts und dass er angeblich Muslim wäre) ist das fast immer Teil der Opposition gegen ihn. Vielleicht ein letztes, gewaltiges Aufbäumen der alten Klasse, die weiß, dass sie nicht mehr unumschränkt das Sagen hat.
In den letzten zwei Jahren sind viele Fälle bekannt geworden, in denen Afroamerikaner durch Polizeigewalt ums Leben kamen. Dass es trotz der Öffentlichkeit und trotz der Proteste jetzt wieder geschehen ist, mag auch damit zu tun haben, dass sowohl Alton Sterling als auch Philandro Castile, der zwei Tage später in St. Paul erschossen wurde, Waffen trugen. Sie haben ihnen nichts genützt; sie haben ihnen auf fatale Weise geschadet. In einem Radiobericht habe ich etwas gehört, was wir hier in Europa intuitiv wissen und verstehen: Statistisch gesehen, sterben in Bundesstaaten mit einer ausgeprägten Waffenkultur mehr Mensch durch Schusswaffen als in anderen Staaten, wo die Gesetze strenger sind. Natürlich ist das so. Aber kann man das den alten weißen Männern in der überaus mächtigen Waffenlobbyorganisation (National Rifle Association) irgendwie vermitteln? Solange auf Facebook hämische Kommentare auftauchen, mit dem Tenor „Tja, vielleicht einfach mal an die Gesetze halten“, glaube ich nicht so recht daran.
Ich weiß nicht wie, aber bitte hört auf mit dem Töten. Denkt daran, dass alle Menschen Träume und Wünsche haben und Menschen, die sie lieben. Denkt daran, dass jedes Leben schützenswert ist.
Hier noch ein interessanter Artikel von einem Afroamerikaner, der in Baton Rouge aufgewachsen ist und dort lebt und lehrt.
Hauptstadt des Bundesstaats Lousiana, am Ostufer des Mississippi
ca. 230.000 Einwohner, 17 Meter über dem Meeresspiegel
Gegründet 1699, besiedelt 1719, aus dem Französischen für „Roter Stock“
Religion: vor allem Baptisten und Methodisten, dann Katholiken
Größte Universität: Louisiana State University, meine Alma Mater. Amerikaner denken dabei an das Football Team LSU Tigers. Ein lebender Tiger, Mike, lebt als Maskottchen auf dem Campus und wird bei Heimspielen aufs Spielfeld gefahren.
Von Spanish Town und anderen alten Vierteln abgesehen, ist die Infrastruktur ganz aufs Auto ausgerichtet. Die Autobahnen I-10 und I-12 führen mitten durch die typische zersiedelte amerikanische Stadt.
Vor 26 Jahren, im Herbst 1990, kam ich auf meiner Greyhound-Reise durch die USA auch nach Baton Rouge. Ich blieb ein paar Stunden, schlug mit Mühe die Zeit tot. Damals war nämlich im Stadtzentrum fast nix, nur das Louisiana State Capitol aus den 30er-Jahren, ein Wolkenkratzerchen (137 Meter) im Art-Deco-Stil, irgendwo zwischen Völkerschlachtdenkmal und dem Warschauer Palac Kultury. Der Bau des neuen Capitol Building war die Idee des legendären Gouverneurs (1928-1932) und späteren Senators Huey P. Long, eine Art populistischer Südstaaten-Kennedy, der 1935 in seinem Capitol erschossen wurde. Um ihn geht es in dem wunderbaren Roman All the King’s Men von Robert Penn Warren, deutsch Das Spiel der Macht, auch als Film mit Sean Penn von 2006.
Von der Aussichtsplattform auf dem Dach blickte ich auf die menschenleere Innenstadt und sah auf dem Mississippi in Ufernähe Baumstämme treiben. Als ich 1995 nach Baton Rouge zog, war das Flussufer inzwischen zur Promenade (Riverwalk) ausgebaut worden.
Ich lebte vier Jahre lang in der Stadt, drei davon in einem charmanten Holzhäuschen in einem Viertel, das Freunde wegen der Straßennamen die „Philosophy Neighborhood“ nannten. Es lag gleich gegenüber des verwunschenen Garden Districts, wo ich an warmen Nächten spazieren ging. Es war eine schöne Zeit, in der ich viel erlebt, geliebt, gelernt habe, nur dass in einem Sommer hinter meinem Haus jemand angeschossen und ein Jahr später, am Abend vor der Gerichtsverhandlung, getötet wurde. Ansonsten war ich mit Franzosen, Künstlern, Schriftstellern befreundet und hatte einen sehr zuverlässigen persischen Automechaniker, Mark.
Mein Leben spielte sich vor allem im südlichen Teil der Stadt ab, in der Gegend um die Uni, mit luxuriösen Häusern für die Professoren, einfacheren Vierteln für junge Familien und einer Partystadt aus doppelstöckigen Mietshäusern für die Undergraduates (Tiger Town). Wir fuhren sonnabends ins Stadtzentrum zum kargen Wochenmarkt, wo die meist schwarzen Bauern aus der Umgebung Mustard oder Collard Greens und Tomaten verkauften. Wir gingen in Bars und Klubs, trafen uns zu Partys und wöchentliche Tafelrunden. Ich studierte französische Literatur und Creative Writing, lernte louisianische Tänze, Essen und Kultur, genoss das subtropische Klima. Kurzzeitig wollten wir ein leerstehendes Gebäude zu einem Kunstzentrum aufbauen. Heute steht an der Stelle das schicke Shaw-Center mit Museum, Theater und Dachrestaurant Tsunami fast direkt am Mississippi.
Vor allem in den ersten Jahren fuhren wir einmal die Woche zu Tabby’s Blues Box am North Boulevard. Der Besitzer, der schwarze Bluesmusiker Tabby Thomas spielte den Blues, manchmal mit Gästen, dann saß er da und hörte zu. Die Besucher waren Schwarze, immer dieselben, und eine wechselnde Handvoll College-Kids. Alles war sehr schlicht, das Bier war billig und die Musik toll, Swamp-Blues, wie ich später erfuhr. Der Klub war am North Boulevard, inmitten vieler leerer Grundstücke. Auch das Haus nebenan fehlte, und auf der Fläche gegenüber parkten wir, und immer stand dort jemand, der auf die Autos und die heimkehrenden Gäste aufpasste. Im Jahr 2000 zog die Blues Box in die Innenstadt und blieb dort bis zur Schließung 2004. Tabby Thomas hatte auch eine Radiosendung am Sonntagmorgen. Er starb 2014.
Tabby’s Blues Box befand sich am Anfang einer anderen Welt, die man nur am Rande registrierte, wenn man zum Flughafen fuhr oder irgendwie durch eines der armen, schwarzen Viertel kam. Dort im Norden der Stadt befinden sich die Ölraffinerien, die mit den Flammen aus den Schornsteinen und dem Gestank, wie sie in Bitterfeld gleich nach der Wende geschlossen wurden. Der „Petrochemical Corridor“ am Mississippi von Baton Rouge nach New Orleans heißt im Volksmund Cancer Alley. Das ist sarkastisch, aber wahr. Meine Freundin Esra Özdenerol promovierte mit einer Arbeit in Geografie, in der sie mit Hilfe von modernen Verfahren Krebsstatistiken räumlich auswertete (A Spatial Inquiry of Infant Low Birth Weight and Cancer Mortality in East Baton Rouge Parish, Louisiana), mit einem erschreckenden und äußerst brisanten Ergebnis: In der Nähe der Chemiebetriebe, dort wo die armen Schwarzen wohnen, sind die Krebsraten um ein Vielfaches höher als anderswo.
Baton Rouge liegt nur etwa 150 Kilometer nordwestlich von New Orleans, und trotz gleicher Flora und Fauna ähneln sich die Städte nicht. Baton Rouge ist nicht kreolisch, Cajun oder katholisch geprägt wie der Rest Südlouisianas, sondern eher ein Ausläufer des Bible Belt, eine All-American-City mit etwas schärferem Essen und riesigen Kakerlaken.
Es ist eine Industriestadt, die zur Staatshauptstadt wurde, mit einer Flagship-University, die trotz der einschneidenden und verheerenden Bush- und Bobby-Jindal-Jahre dominiert. Nach Hurrikan Katrina war es Hauptzufluchtsort, als sich die Bevölkerung kurzzeitig verdoppelte und die Baton Rouger über die schrecklichen Fahrer aus New Orleans klagten. Ein Teil der Bevölkerung wollte sich letztes Jahr durch eine eigene Stadtgründung (St. George) vom ärmeren Teil der Stadt lossagen (hier).
In Baton Rouge ist vor knapp zwei Wochen Alton Sterling erschossen worden (und ich glaube, wir lebten beide zwar in derselben, aber nicht in der gleichen Stadt). Es ist die Stadt, in der die Polizei brutal gegen Protestierende vorging und doch von einer einzelnen Iesha Evans in den Bann geschlagen wurde, wie auf dem viel kommentierten Foto von Jonathan Bachmann zu sehen (hier). Und es ist die Stadt, in der gestern drei Polizisten erschossen wurden, darunter Montrell Jackson, der in einem Tweet vor 10 Tagen darüber schrieb, wie schwer es ist, Polizist zu sein, aber auch, vor allem privat, schwarz zu sein, der über die Müdigkeit, die Schwere schrieb, die er empfand und zu Liebe aufrief und gegen Hass (hier). Sein winziger Sohn wird ohne ihn aufwachsen.
Ich bin nur von fern betroffen, aber auch ich finde es ermüdend, zehrend, unerträglich. Vor ein paar Tagen hieß es in einem Artikel, die USA seien auf der Prämisse begründet worden, dass bestimmte Leben nicht so wichtig, also verzichtbar sind. Ich glaube, da ist etwas dran. Es ist bis heute unterschwellig vorhanden. Obwohl einer im Weißen Haus regiert, lebt man als schwarzer Mann in den USA immer noch mordsgefährlich. Die Tatsache, dass Obama schwarz ist und noch dazu klug, warmherzig und witzig, hat, so scheint es mir, dazu beigetragen, dass der Rassismus neue Blüten treibt, dass politische Differenzen in der Regierung in vorher unbekanntem Maße und auf radikale und respektlose Weise ausgetragen werden. Unausgesprochen (abgesehen von den Anschuldigen wegen seines Geburtsorts und dass er angeblich Muslim wäre) ist das fast immer Teil der Opposition gegen ihn. Vielleicht ein letztes, gewaltiges Aufbäumen der alten Klasse, die weiß, dass sie nicht mehr unumschränkt das Sagen hat.
In den letzten zwei Jahren sind viele Fälle bekannt geworden, in denen Afroamerikaner durch Polizeigewalt ums Leben kamen. Dass es trotz der Öffentlichkeit und trotz der Proteste jetzt wieder geschehen ist, mag auch damit zu tun haben, dass sowohl Alton Sterling als auch Philandro Castile, der zwei Tage später in St. Paul erschossen wurde, Waffen trugen. Sie haben ihnen nichts genützt; sie haben ihnen auf fatale Weise geschadet. In einem Radiobericht habe ich etwas gehört, was wir hier in Europa intuitiv wissen und verstehen: Statistisch gesehen, sterben in Bundesstaaten mit einer ausgeprägten Waffenkultur mehr Mensch durch Schusswaffen als in anderen Staaten, wo die Gesetze strenger sind. Natürlich ist das so. Aber kann man das den alten weißen Männern in der überaus mächtigen Waffenlobbyorganisation (National Rifle Association) irgendwie vermitteln? Solange auf Facebook hämische Kommentare auftauchen, mit dem Tenor „Tja, vielleicht einfach mal an die Gesetze halten“, glaube ich nicht so recht daran.
Ich weiß nicht wie, aber bitte hört auf mit dem Töten. Denkt daran, dass alle Menschen Träume und Wünsche haben und Menschen, die sie lieben. Denkt daran, dass jedes Leben schützenswert ist.
Hier noch ein interessanter Artikel von einem Afroamerikaner, der in Baton Rouge aufgewachsen ist und dort lebt und lehrt.
Mittwoch, 15. Oktober 2014
Kreolisches und anderes Erbe
Oktober ist seit 2005 in Louisiana der Creole Heritage Month (Monat des kreolischen Erbes) und in Kanada und St. Lucia in der Karibik ist es sogar International Creole Month. Als Kreolen, wir erinnern uns, werden typischerweise die in der Neuen Welt geborenen Nachfahren von Spaniern und Franzosen bezeichnet. In New Orleans denkt man dabei meist an Afroamerikaner wie die Musikerdynastien Marsalis und Neville, aber dann gibt es eben auch die, die damit nichts zu tun haben wollen und sich als Weiße verstehen.
Dann gibt es auch noch die in Louisiana als passe-blancs bezeichneten Menschen, d.h. diejenigen mit afroamerikanischer Herkunft, die sich -- oft woanders als in ihrer Heimat -- erfolgreich als Weiße ausgeben und durchschmuggeln konnten, was das Leben natürlich enorm erleichterte. Nella Larsen schrieb darüber in ihrem Roman Passing von 1929 (Deutsch: Seitenwechsel, Dörlemann 2011, Übersetzt von Adelheid Dormagen), einem Klassiker der African American Studies. "Seitenwechsel" finde ich übrigens eine ganz schöne Lösung, denn eine richtige deutsche Entsprechung haben wir aus gegebenen Gründen nicht.
Der Blog Jambalaya Magazine hatte das Thema erst kürzlich. In dem ersten kleinen Video berichtet Bliss Broyard über ihren Vater, den Greenwich-Village-Bohemien Anatole Broyard, der von Kreolen aus New Orleans abstammte und seine Herkunft verleugnete, weil er kein "negro writer" sein wollte. Sie hat diese Geschichte auch in dem Buch One Drop verarbeitet. Im zweiten Video macht sich der Reporter Charlie LeDuff auf Spurensuche und findet versprengte Verwandte verschiedener Couleur.
In einem anderen Artikel zeigt der Blog, wie vermutlich viele kreolische Familien aussehen -- bunt durcheinander.
Das Titelbild dieses interessanten Blogs zeigt die berühmte Oak Alley Plantation, ursprünglich Bon Séjour (Schöner Aufenthalt) genannt, die für einen Kreolen erbaut wurde. Auch die Laura Plantation war kreolisch und erinnert wenigstens auch ein bisschen an die Sklaven. Wenn man nämlich die anderen Herrenhäuser besichtigt, dann wird man oft von jungen Damen in Reifröcken geführt, die über die Möbel und die früheren Sitten erzählen, die Namen der ehemaligen Besitzer herunterleiern usw. Von den Sklaven, die die Plantage aufgebaut und unterhalten haben, ist dabei kaum die Rede, nicht einmal auf der Webseite des National Park Service (hier und hier).
Zumindest auf der Whitney Plantation, auch am Westufer an der River Road gelegen, ändert sich das gerade. Hier richtet nämlich der Anwalt und Immobilienhai John Cummings aus New Orleans das erste Museum der Sklaverei ein, mit einem dem Vietnam Veterans Memorial in Washington, D.C., nachempfundenen Denkmal mit den eingemeißelten Namen der Sklaven, meist nur Vornamen, die dort lebten und schufteten. Die Historikerin Gwendolyn Midlo Hall hat eine Datenbank angelegt, in der die Namen von mehr als 100.000 Sklaven in Louisiana festgehalten sind. Es wird auch Statuen geben und ein beeindruckendes Denkmal mit Keramikköpfen, die an Metallstäben am Wasser im Wind wiegen und an die Niederschlagung des größten Sklavenaufstands in den USA, des German Coast Uprising von 1811, erinnert (hier). Die Whitney Plantation wurde übrigens von deutschen Einwanderern gegründet, den Haydels, die mit die meisten Sklaven in Louisiana hatten, nämlich 101. Sie waren auch bei weitem nicht die einzigen Deutschen in der Gegend, wie sich noch an Namen wie Waguespack (nach Wagenbach) ablesen lässt und am Namen Côte des Allemands.
"Es wird schockierend, bizarr und beeindruckend," so der Initiator Cummings. Und wenn er vielleicht auch ein paar Fehler mache, meint er, so ist es doch ein Anfang.
Dann gibt es auch noch die in Louisiana als passe-blancs bezeichneten Menschen, d.h. diejenigen mit afroamerikanischer Herkunft, die sich -- oft woanders als in ihrer Heimat -- erfolgreich als Weiße ausgeben und durchschmuggeln konnten, was das Leben natürlich enorm erleichterte. Nella Larsen schrieb darüber in ihrem Roman Passing von 1929 (Deutsch: Seitenwechsel, Dörlemann 2011, Übersetzt von Adelheid Dormagen), einem Klassiker der African American Studies. "Seitenwechsel" finde ich übrigens eine ganz schöne Lösung, denn eine richtige deutsche Entsprechung haben wir aus gegebenen Gründen nicht.
Der Blog Jambalaya Magazine hatte das Thema erst kürzlich. In dem ersten kleinen Video berichtet Bliss Broyard über ihren Vater, den Greenwich-Village-Bohemien Anatole Broyard, der von Kreolen aus New Orleans abstammte und seine Herkunft verleugnete, weil er kein "negro writer" sein wollte. Sie hat diese Geschichte auch in dem Buch One Drop verarbeitet. Im zweiten Video macht sich der Reporter Charlie LeDuff auf Spurensuche und findet versprengte Verwandte verschiedener Couleur.
In einem anderen Artikel zeigt der Blog, wie vermutlich viele kreolische Familien aussehen -- bunt durcheinander.
Das Titelbild dieses interessanten Blogs zeigt die berühmte Oak Alley Plantation, ursprünglich Bon Séjour (Schöner Aufenthalt) genannt, die für einen Kreolen erbaut wurde. Auch die Laura Plantation war kreolisch und erinnert wenigstens auch ein bisschen an die Sklaven. Wenn man nämlich die anderen Herrenhäuser besichtigt, dann wird man oft von jungen Damen in Reifröcken geführt, die über die Möbel und die früheren Sitten erzählen, die Namen der ehemaligen Besitzer herunterleiern usw. Von den Sklaven, die die Plantage aufgebaut und unterhalten haben, ist dabei kaum die Rede, nicht einmal auf der Webseite des National Park Service (hier und hier).
Zumindest auf der Whitney Plantation, auch am Westufer an der River Road gelegen, ändert sich das gerade. Hier richtet nämlich der Anwalt und Immobilienhai John Cummings aus New Orleans das erste Museum der Sklaverei ein, mit einem dem Vietnam Veterans Memorial in Washington, D.C., nachempfundenen Denkmal mit den eingemeißelten Namen der Sklaven, meist nur Vornamen, die dort lebten und schufteten. Die Historikerin Gwendolyn Midlo Hall hat eine Datenbank angelegt, in der die Namen von mehr als 100.000 Sklaven in Louisiana festgehalten sind. Es wird auch Statuen geben und ein beeindruckendes Denkmal mit Keramikköpfen, die an Metallstäben am Wasser im Wind wiegen und an die Niederschlagung des größten Sklavenaufstands in den USA, des German Coast Uprising von 1811, erinnert (hier). Die Whitney Plantation wurde übrigens von deutschen Einwanderern gegründet, den Haydels, die mit die meisten Sklaven in Louisiana hatten, nämlich 101. Sie waren auch bei weitem nicht die einzigen Deutschen in der Gegend, wie sich noch an Namen wie Waguespack (nach Wagenbach) ablesen lässt und am Namen Côte des Allemands.
"Es wird schockierend, bizarr und beeindruckend," so der Initiator Cummings. Und wenn er vielleicht auch ein paar Fehler mache, meint er, so ist es doch ein Anfang.
Dienstag, 10. September 2013
Alice Dunbar-Nelson
Im Februar habe ich hier eine Karnevalsgeschichte eingestellt, in meiner Übersetzung, die zwar etwas melodramatisch ist, aber doch einen kleinen Eindruck des New Orleans am Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Titel: Odalie, geschrieben hatte sie die junge Alice Dunbar-Nelson (1875-1935). Siehe hier.
Inzwischen habe ich mich etwas mehr mit der Autorin beschäftigt und möchte sie hier vorstellen. Geboren wurde sie als Alice Ruth
Moore in New Orleans. Sie war Kreolin und gehörte somit zur „multiracial“,
traditionell französischsprachigen Gruppe der „Farbigen“ („people of color“), obwohl sie
auch fälschlicherweise als Afroamerikanerin geführt wird. Ich habe hier schon erwähnt, dass in New Orleans fast nichts einfach schwarz-weiß ist und es historisch bedingt viele freie Schwarze gab und viele dunkelhäutige Kreolen (siehe Mary Gehmans Buch Free People of Color). Diese
ethnisch-rassische Unbestimmtheit und Fragen der Identität sowie die damit
verbundene Anerkennungshierarchie innerhalb der Minderheit thematisiert Alice Dunbar-Nelson in
einigen ihrer Texte (darunter „The Stones of the Village“ -- „Die Steine des Dorfs": über einen hellhäutigen Aufsteiger, der seine afroamerikanischen Wurzeln verleugnet, „Brass Ankles Speaks“ -- „Messingknöchel spricht sich aus" -- autobiografischer Bericht über ihre Kindheit als fast weißes Mädchen unter Schwarzen).
Alice Dunbar-Nelson studierte an der
Straight University (heute Dillard) und arbeitete ab 1892 als Lehrerin. Sie gründete in Brooklyn eine Mädchenschule. Sie lebte in New York, Washington D.C. und Wilmington, Delaware. Sie war politisch aktiv, setzte sich für die Rechte der Afroamerikaner und Frauen ein, für Bildung und das Frauenwahlrecht, gegen Lynching usw. 1898 heiratete sie den Lyriker
Paul Dunbar, wurde aber nach vier Jahren geschieden. Sie heiratete dann den
Arzt Henry A. Callis und schließlich Robert J. Nelson, einen Lyriker und
Bürgerrechtler. Wie Paul Dunbar wird sie zur Harlem Renaissance gezählt.
Mit 20 erschien ihre erste Kurzgeschichtensammlung Violets and Other Tales; die zweite The Goodness of St. Rocque and Other Stories kam 1899 heraus. Neben Gedichten und Kurzgeschichten begann sie mindestens drei Romane zu
schreiben. Sie verfasste zahlreiche politische Essays und Kolumnen,
akademische Artikel und ein ausführliches Tagebuch.
Einige ihrer
Kurzgeschichten, u. a. „Odalie“ und eine weitere Karnevalsgeschichte „A Carnival Jangle“ sind sehr sentimental, aber in dieser
Sentimentalität gelingt es ihr oft, anhand eines einzelnen Schicksals ein
bestimmtes Problem zu thematisieren.
Mir gefallen vor allem Essays wie „The Woman“, wo sie darüber nachdenkt, warum berufstätige
Frauen eigentlich heiraten sollten. Sie verfasste auch eine Zeitungskolumne
unter dem Titel „From A Woman’s Point of View“, dann umbenannt in „Une Femme
dit“. Interessant ist für mich in ihren früheren Geschichten auch der Bezug auf
New Orleans mit seiner französisch-kreolischen Prägung.
Sonntag, 14. Juli 2013
Nachtrag
Langston Hughes’ Simpel spricht sich aus habe ich in der Übersetzung von Günther Klotz jetzt noch einmal gelesen und finde es auf die Dauer schon anstrengend, so eine verschliffene Sprache zu lesen, bei der
Umgangssprache durch falsche Grammatik wiedergegeben wird wie sie auch im Dialekt niemand verwendet. Auch der Duktus der Figur Simpel ist nicht durchweg
liebenswert.
Auffallend ist die enorme Sachkenntnis des Übersetzers, die
sich auch im Glossar zeigt. Zum Beispiel erklärt er die Formel „taxation
without representation“ (Besteuerung ohne parlamentarische Vertretung ist
Tyrannei) als eine Losung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, da eben
Kolonien zwar besteuert wurden, aber nicht politisch vertreten waren. Diese Losung wird übrigens heute auch von Bewohnern des District of Columbia (d.h. der
Hauptstadt Washington) gepflegt, denn auch sie sind nicht im Kongress
vertreten, müssen aber Steuern zahlen. Aber da sie nicht politisch
vertreten sind, fehlt wohl der politische Wille, ihre parlamentarische Vertretung
durchzusetzen. In dem Buch bezog sich der Satz auf die damalige Situation der Afroamerikaner.
Auch sehr schön gelöst ist das Wortspiel mit „Bar“, pass the
bar heißt ja die Anwaltsprüfung bestehen, aber bar heißt eben auch Bar. Mir hat
man vor langer Zeit mal einen Anstecker geschenkt: I passed the bar and stayed there – Ich bin an der Bar vorbeikommen und
gleich geblieben.
Hier der Dialog aus dem Buch:
Hier der Dialog aus dem Buch:
„...du solltest Redner werden.“
„Hm, ich hab Angst vor den Publikum. Mein Platz ist bei der
Bar.“
„Bei der Gerichts-Bar-keit
als redefleißiger Anwalt?“
„Bein Gericht haben se keine richtige Bar.“
Auch interessant fand ich die Lösung für das Wort bitch, das
eigentlich Hündin heißt, aber auch als Schimpfwort für (unangenehme) Frauen
verwendet wird. „Petze“ heißt es bei Günther Klotz und im Duden fand ich „Petze“ in der Bedeutung als Hündin in bestimmten Landstrichen (allerdings nicht in meinem). Auch so ein Dauerbrenner der Übersetzungsschwierigkeiten.
Vor allem das Nachwort, das gar nicht so vordergründig
sozialistisch ist, sondern gut auf die Situation der Afroamerikaner und die
Entstehung des Buches eingeht, datiert aber das Buch. Es ist von 1960, also
noch vor dem Mauerbau, und dort werden Wörter wie „Negerzeitung“, „Negerkirche“
usw. wertneutral verwendet. Das geht natürlich heute nicht, aber für
die Verwendung des Wortes in historischen Texten selbst ist die Diskussion
angestoßen und nicht beendet, sowohl in den USA wie auch hier.
Auf ironische, aber treffende Weise thematisiert Simpel die ungerechte Behandlung der Schwarzen, und in diesen Tagen zeigt sich besonders deutlich, wie weit das Land noch von wahrer Emanzipation entfernt ist. Der Neighborhood-Watch-Eiferer George Zimmerman ist heute freigesprochen worden, obwohl er den jungen Trayvon Martin ohne Not getötet hat. Viele Facebook-Kommentare weisen darauf hin, dass es sicher anders ausgegangen wäre, wenn George Zimmerman schwarz und Trayvon Martin weiß gewesen wäre. Auf der Titelseite von http://www.washingtonpost.com/ ist ein junger Schwarzer namens Will Reese zu sehen, der in Harlem mit einem Schild an der Straße steht. Darauf heißt es: Honk! Justice for Trayvon Martin! (Hupen! Gerechtigkeit für Trayvon Martin!)
Auf ironische, aber treffende Weise thematisiert Simpel die ungerechte Behandlung der Schwarzen, und in diesen Tagen zeigt sich besonders deutlich, wie weit das Land noch von wahrer Emanzipation entfernt ist. Der Neighborhood-Watch-Eiferer George Zimmerman ist heute freigesprochen worden, obwohl er den jungen Trayvon Martin ohne Not getötet hat. Viele Facebook-Kommentare weisen darauf hin, dass es sicher anders ausgegangen wäre, wenn George Zimmerman schwarz und Trayvon Martin weiß gewesen wäre. Auf der Titelseite von http://www.washingtonpost.com/ ist ein junger Schwarzer namens Will Reese zu sehen, der in Harlem mit einem Schild an der Straße steht. Darauf heißt es: Honk! Justice for Trayvon Martin! (Hupen! Gerechtigkeit für Trayvon Martin!)
Noch ein Wort zu Robert Hemenway (*1941), dem
Wiederentdecker von Zora Neale Hurston. Neben ihrer Biographie, einem
Klassiker, schrieb er noch andere Bücher und Artikel zu afroamerikanischer
Literatur und unterrichtete weiter als Professor für Englisch. 16 Jahre lang
war er auch der sehr erfolgreiche Kanzler der University of Kentucky in
Lexington, Kentucky und dann von 1995 bis 2009 Kanzler der University of Kansas
mit mehreren Campussen.
Heute ist übrigens Bastille Day... Vive la République!
Heute ist übrigens Bastille Day... Vive la République!
Samstag, 6. Juli 2013
Zora Neale Hurston: Their Eyes Were Watching God
Es war einmal ein junger weißer Englischprofessor aus
Nebraska namens Robert Hemenway, der las so gegen Ende der sechziger Jahre Their
Eyes Were Watching God und war hingerissen.
Also wollte er mehr über die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston
(1891-1960) in Erfahrung bringen. Doch er merkte schnell, dass sie nicht nur
nahezu vergessen war, sondern dass auch viele widersprüchliche Informationen
über ihr Leben kursierten. So packte er seine Sachen, kaufte sich einen Pickup-Camper
(einen Pickup-Truck mit Schlafaufsatz) und reiste kreuz und quer durch die
östliche Hälfte der USA auf den Spuren seiner Autorin. 1977 erschien dann seine
wegweisende Biografie über sie, die eine ganze Welle der Wiederentdeckung auslöste.
(Mich erinnert diese Geschichte ein klein wenig an den
großartigen Film Sugarman, den ich vor
ein paar Wochen gesehen habe, nur dass es dort um einen mexikanischstämmigen
Musiker aus Detroit ging, der sogar noch lebte, und durch seine
Wiederentdeckung und dann noch mal durch den Film einen späten Ruhm und
Anerkennung erleben durfte. Zora Neale Hurston war eine schwarze Frau, noch
dazu aus dem Süden, interessierte sich für die einfachen Menschen und ihre
Sprache und Bräuche. Sie starb verarmt und unbekannt.)
Zunächst einmal begannen die African American Studies-Leute,
sich für sie zu interessieren, allen voran die noch heute sehr aktive Koryphäe, der Harvardprofessor Henry Louis Gates. Dann machte sich die Schriftstellerin
Alice Walker auf die Suche, die sich aus womanistischer Sicht für sie
interessierte. In ihrem Essayband In Search of Our Mother’s Gardens von 1973 berichtet Walker über ihre fast erfolglose
Suche nach dem verwilderten Grab von Zora Neale Hurston in Florida. (Darin erwähnt
sie auch, wie sie bei ihrem Anflug auf Orlando vom Fenster aus Sanford,
Florida sah. Das ist der Ort, in dem vor einem Jahr der Jugendliche Trayvon Martin
erschossen wurde und wo jetzt der viel beachtete und kontroverse Prozess gegen
George Zimmerman läuft, der seinen Tod auf dem Gewissen hat.) Dieser Essay ist
übrigens in der deutschen Ausgabe Auf der Suche nach den Gärten
unserer Mütter (Übersetzt von Gertraude
Krueger, Frauenbuchverlag 1987) nicht enthalten, dafür in einen zweitem Band, Die Erfahrung des Südens. Good Morning Revolution (Übersetzt von Thomas Lindquist und Helga Pfetsch, Frauenbuchverlag 1988 bzw. Goldmann), in dem es zwei Essays zu der Autorin gibt. Es sind "Zora Neale Hurston: Eine Geschichte mit Moral und eine parteiische Ansicht" und "Auf der Suche nach Zora".
Seitdem also steht Zora Neale Hurston bei den African
American Studies, bei den Frauen und bei den American Literature-Leuten auf der
Leseliste. Zu Recht. Doch in den offiziellen Kanon der amerikanischen Literatur
hat sie es noch nicht geschafft, so scheint es mir: zu schwarz, zu eigenwillig,
zu südlich.
Zora Neale Hurston war ja nicht nur Autorin der Harlem
Renaissance und Schriftstellerin, sondern auch Ethnologin, und so reiste sie
durch die Gegend und sammelte Geschichten und Sprache „ihrer“ Leute. Sie tat
das mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie auch heute noch nicht unbedingt
selbstverständlich ist. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass sie in
Eatonville, Florida, aufwuchs, einer der wenigen ausdrücklich
afroamerikanischen Gründungen, wo ihr Vater lange Zeit Bürgermeister war und wo man
sich lange Zeit nur unter Schwarzen bewegte und mit Weißen gar nicht groß
abgeben musste. Heute gibt es in Eatonville ein Zora Neale Hurston National
Museum of Fine Arts.
Hurston studierte an der renommierten schwarzen Howard
University in Washington, D.C., dann bei Columbia in New York. Sie lebte in New
York, forschte zum Hoodoo in New Orleans, reiste durch die Karibik und
veröffentlichte Kurzgeschichten, Romane und ethnologische Studien und
Sammlungen. In Their Eyes Were Watching God
(1937) lässt sie ihre afroamerikanischen Figuren in der örtlichen Mundart
sprechen. Ihre (männlichen) Kollegen nahmen ihr das übel, hielten es vermutlich
für eine Art Verrat an den Schwarzen, allen voran Richard Wright, Autor des
Protestromans Native Son (1941),
der darin Rassismus, Unterdrückung und Lynchjustiz thematisiert und wo die
Gewalt und Stigmatisierung, wie auch in If He Hollers Let Him Go (1946) von Chester Himes, stark sexualisiert ist.
Richard Wright also warf dem Roman vor, die Schwarzen wie in einer Minstrel
Show lächerlich zu machen. Ein vernichtendes Urteil.
Doch in Their Eyes Were Watching God geht es nicht so sehr um Rassismus, denn Weiße
tauchen gar nicht auf, höchstens ein wenig darum, dass unter den
Afroamerikanern die Hellhäutigen oft als schöner gelten und andererseits auch dafür
verspottet werden. Und es geht auch nicht um Sex, sondern um Liebe. Es geht um
die Hauptfigur Janie, die sich nach einer akzeptierenden, ebenbürtigen Liebe
sehnt und sie, ohne selbst aktiv zu werden, nach allerlei Hindernissen auch
findet, in dem um einiges jüngeren Tea Cake. Mit ihm kann sie das Leben in
vollen Zügen genießen, lernt über Eifersucht und Treue, über Sein und
Seinlassen. Zerstört wird diese Liebe durch einen verheerenden Hurrikan, den
sie am Okeechobee-See in Florida erleben, wo Tea Cake sie in den Fluten vor
einem tollwütigen Hund rettet und selbst von ihm gebissen wird. Um ihr Leben zu
retten, muss Janie ihre große Liebe erschießen. (Die Darstellung von Hurrikanen in der Literatur ist auch noch mal ein Kapitel für sich, siehe Jesmyn Wards Salvage the Bones.)
In der Rahmenhandlung kehrt Janie danach in ihren Heimatort
Eatonville zurück, wo die Nachbarn reden und sich das Maul zerreißen. Denn
einfach eine schwarze Frau zu sein, die wirkliche Liebe sucht und lebt, die
sich mit nicht weniger zufrieden geben will und die sich so anzieht, wie sie
möchte, das passt bis heute nicht so recht in das allgemein vorgesehene
Rollenmuster für schwarze Frauen. Und so ist Zora Neale Hurstons Liebesroman auch schon revolutionär.
Dialekt, Umgangssprache, Mundart in der Literatur ist immer
ungewöhnlich und problematisch. Aber im Deutschen noch viel mehr, wo solche Sprache
nach wie vor stark regional markiert ist und deshalb leicht lächerlich oder
ironisch oder verniedlichend klingen kann. Was macht man also damit in der
Übersetzung? Eines der ersten Beispiele, an das ich mich erinnern konnte, war Simple Speaks His Mind von
Hurstons Harlem-Renaissance-Kollegen Langston Hughes aus den vierziger Jahren.
Darin ist die Gossensprache auch wieder Stilmittel, denn sie charakterisiert
einerseits die Hauptfigur als einfach gestrickt, aber doch mit Weisheit und
Kritikvermögen gerüstet, so dass er soziale Missstände scheinbar unbedarft
karikiert und in Frage stellt. 1960 erschien das Buch zum ersten Mal in der
deutschen Übersetzung von Günther Klotz als Simpel spricht sich aus im Aufbauverlag in der DDR. Günther Klotz ist mir
sonst weiter kein Begriff, aber in seinem Nachwort thematisiert er auch die
Übersetzung: „Mehr als bei anderen Büchern muß die Übersetzung Ersatz sein,
denn sie kann mit der leichten Verschleifung der Hochsprache die eigentümliche
Qualität des Originals nur andeuten.“ Das klingt bescheiden, aber in meiner
Erinnerung tat er das ganz geschickt und lesbar; die Neuübersetzung von Evelyn Steinthaler
im Milena-Verlag scheint neutraler zu sein.
Their Eyes Were Watching God wurde zunächst 1993 von Barbara Henninges für den Ammann-Verlag
übersetzt, als Und ihre Augen schauten Gott. Wie alle Erstübersetzungen ist auch diese
verdienstvoll, denn sie erschließt diesen schwierigen und eigentümlichen Text
furchtlos und korrekt fürs Deutsche, ergänzt ihn durch ein informatives Glossar.
Immer wieder bewundere ich wie Übersetzer das früher ohne Internet gemacht
haben (besonders auch in der DDR ohne Reisemöglichkeiten), denn so gebildet,
belesen und weit gereist man auch sein mag, jeder Text stellt einen doch immer wieder vor neue Schwierigkeiten. Die Mundart bringt die Übersetzerin als Dialekt in unsere
Sprache, für mich liest sie sich nach Ruhrpott, andere sehen sie als
rheinischen Kunstdialekt. Es mag dafür Rechtfertigungen geben -- auch eine
Redeweise armer Leute, regional geprägt usw. -- doch irgendwie macht man so etwas
heute nicht mehr und für mich funktioniert es einfach nicht.
Für die Edition Fünf, die persönliche Lieblingsbücher von
Frauen nicht nur für Frauen verlegt, hat sich ein Mann der Neuübersetzung
angenommen, Hans-Ulrich Möhring, und noch dazu bekennt er, dass dieses Buch, Vor ihren Augen sahen sie Gott, ein
Traumprojekt war und damit eines seiner am Horizont fahrenden Schiffe in den
Hafen eingelaufen ist. Beides ist ungewöhnlich. Auch er berichtet in einem
Nachwort über das Buch und die Autorin und über sein Verfahren. Die Verlegerin
Silke Weniger hat mir das so zusammengefasst (und mich damit neugierig
gemacht): Er übersetzt, indem er einzelne Sätze im Original stehen lässt. Er selbst beschreibt den Blues als sein leitendes Prinzip. Das liest sich dann
zum Beispiel so: „Ah was skeered. Ich hatte Schiss.“ (Bei Barbara Henninges
steht: Ich hatte Anx.) oder „Dann musst du ihnen sagen, dass die Liebe nicht so
was ist wie ein Schleifstein, der überall gleich ist und mit allem das Gleiche
macht, wo er mit in Berührung kommt. Love is lak de sea. Wie das Meer ist die
Liebe, immer in Bewegung, aber seine Form kriegt es erst von der Küste, an die
es trifft, und die ist von Küste zu Küste anders.“ Für mich entsteht durch diese Doppelung eine interessante
Intensität. Es ist, als ob sich die Figuren selbst dolmetschen, selbst erklären
und noch kompetenter über sich selbst sprechen.
Überhaupt die Liebe. In meiner kleinen Bücher-Kolumne habe ich sie als grundlegende Übersetzungsmethode für diesen Text ausgemacht, denn das Deutsche stattet die Figuren mit einem besonderen, warmen Witz aus, zeichnet sie mit viel Liebe. Auch in Möhrings eigenem Roman, Vom Schweigen meines Übersetzers (Fahrenheit-Verlag 2008), geht es nicht nur um einen amerikanischen Schriftsteller, der in Deutschland seinem Übersetzer und seiner eigenen Familiengeschichte begegnet, sondern auch um das Übersetzen und Schreiben und die Liebe: „Liebe“, sagt er. „Wirst du deswegen Übersetzer? Vielleicht. Du hast eine Zeitlang im Ausland gelebt, die Lebensweise gefällt dir, die andere Art der Menschen, die Landschaft, das Klima, die Sitten und Gebräuche – die Sprache. Oder du liebst die Literatur eines Landes, einer Epoche, eines Milieus, wünschst dir einen weiteren Horizont – oder wenigstens eine andere Enge als die gewohnte. Wie kannst du, in der Form eines Berufs, deiner Liebe nahe blieben? Andere mag motivieren was will, aber du, Liebestäterin die du bist, kannst du die Liebe bewahren? Wenn du merkst, dass du mit deiner Arbeit keine Karriere machen kannst, kaum die Butter aufs Brot verdienst. Du sagst dir die Wichtigkeit deiner Arbeit vor: du bist Kulturvermittler, Völkerverbinder, was weiß ich. Du engagierst dich in deinem Berufsverband. Vielleicht gewinnst du ein bescheidenes Ansehen. Vielleicht nicht. Aber du musst den Alltag ertragen. Alle müssen das.“
Überhaupt die Liebe. In meiner kleinen Bücher-Kolumne habe ich sie als grundlegende Übersetzungsmethode für diesen Text ausgemacht, denn das Deutsche stattet die Figuren mit einem besonderen, warmen Witz aus, zeichnet sie mit viel Liebe. Auch in Möhrings eigenem Roman, Vom Schweigen meines Übersetzers (Fahrenheit-Verlag 2008), geht es nicht nur um einen amerikanischen Schriftsteller, der in Deutschland seinem Übersetzer und seiner eigenen Familiengeschichte begegnet, sondern auch um das Übersetzen und Schreiben und die Liebe: „Liebe“, sagt er. „Wirst du deswegen Übersetzer? Vielleicht. Du hast eine Zeitlang im Ausland gelebt, die Lebensweise gefällt dir, die andere Art der Menschen, die Landschaft, das Klima, die Sitten und Gebräuche – die Sprache. Oder du liebst die Literatur eines Landes, einer Epoche, eines Milieus, wünschst dir einen weiteren Horizont – oder wenigstens eine andere Enge als die gewohnte. Wie kannst du, in der Form eines Berufs, deiner Liebe nahe blieben? Andere mag motivieren was will, aber du, Liebestäterin die du bist, kannst du die Liebe bewahren? Wenn du merkst, dass du mit deiner Arbeit keine Karriere machen kannst, kaum die Butter aufs Brot verdienst. Du sagst dir die Wichtigkeit deiner Arbeit vor: du bist Kulturvermittler, Völkerverbinder, was weiß ich. Du engagierst dich in deinem Berufsverband. Vielleicht gewinnst du ein bescheidenes Ansehen. Vielleicht nicht. Aber du musst den Alltag ertragen. Alle müssen das.“
Das klingt ziemlich ernüchternd, aber das Traumprojekt kam
erst nach diesem Roman. In der Zeitschrift Übersetzen 01/13 haben übrigens
Lektorin Karen Nölle und der Übersetzer über ihre enge Zusammenarbeit
berichtet. Und für mich ist es auch diese besondere Konstellation, die Liebe
zwischen Lektorat und Übersetzung, die Vor ihren Augen sahen sie Gott auch auf Deutsch so liebens- äh
lesenwert macht.
Übrigens: Der Traum ist die Wahrheit, eine lange Nacht über Zora Neale Hurston von Daniela Kletzke und Hans-Ulrich Möhring demnächst im Radio, Deutschlandradio Kultur am 20.7.2013 von 0:05 Uhr bis 3:00 Uhr und Deutschlandfunk am 20.7. um 23:05 Uhr bis 21.7.2013 um 2:00 Uhr.
Übrigens: Der Traum ist die Wahrheit, eine lange Nacht über Zora Neale Hurston von Daniela Kletzke und Hans-Ulrich Möhring demnächst im Radio, Deutschlandradio Kultur am 20.7.2013 von 0:05 Uhr bis 3:00 Uhr und Deutschlandfunk am 20.7. um 23:05 Uhr bis 21.7.2013 um 2:00 Uhr.
Freitag, 10. Mai 2013
Bonnie und Clyde in Donaldsonville
Seit ein paar Tagen ist die Railroad Avenue in Donaldsonville für Filmaufnahmen gesperrt: Sony Productions dreht eine zweiteilige Miniserie, The Story of Bonnie und Clyde, die auf A & E, Lifetime und History gesendet werden soll. Es spielen Emile Hirsch und Holliday Grainger in den Hauptrollen (nachdem Hilary Duff schwanger geworden war, angeblich 100.000 Dollar Ablöse erhalten und sich die ursprüngliche Bonnie, Faye Dunaway, über sie lustig gemacht hatte). In Nebenrollen spielen William Hurt und Holly Hunter. Es soll auch in St. Gabriel, Port Allen und St. Francisville gedreht werden.
Donaldsonville, unweit der Sunshine Bridge über den Mississippi, ist ein Städtchen an der River Road zwischen Baton Rouge und New Orleans gelegen (in der sogenannten Cancer Alley in den River Parishes, wo wegen der vielen petrochemischen Fabriken die Krebsrate besonders hoch ist). Auch Donaldsonville hat eine Chemiefabrik, einen Golfplatz und seit ein paar Jahren einen Riverwalk, ein befestigtes Stück Uferpromenade mit Bänken und Laternen und Blick auf den Mississippi, wo man sich früher durch wildwachsende Bäume und Dickicht und Unkraut den Weg an den Fluss bahnen musste. Es leben etwa 7.600 Einwohner in der Stadt, meist verstreut, sehr viele davon sind Afroamerikaner.
Das Besondere an Donaldsonville ist, dass es dort nicht nur viel Geschichte sondern auch ein winziges historisches Stadtzentrum gibt, eben entlang der Railroad Avenue, die den früheren Bahnhof mit der River Road verbindet. Es gibt ein historisches Gerichtsgebäude (die Stadt war von 1830-31 Louisianas Hauptstadt), alte Läden und Restaurants, von denen viele jetzt geschlossen sind, aber The Grapevine, das im Jahr 2001 eröffnet wurde, scheint zu florieren (mir hat es jedenfalls im Herbst dort geschmeckt).
Unweit vom Zentrum steht auch die riesige katholische Kirche. An einem Ende der Railroad Avenue gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof, die Synagoge überlebt als Handwerkermarkt und das traditionelle Lehman Kaufhaus fungiert seit Jahren als Touristenzentrum und Museum, ist aber immer geschlossen, wenn ich da bin. Ein paar Straßen weiter gibt es jetzt auch ein kleines River Road African American Museum. Mary Gehmans Verlag Margaret Media ist hier angesiedelt und seit einiger Zeit veranstaltet sie eine wöchentliche Talenteshow, die jetzt gerade Pause macht.
Hier fand also am Dienstag Abend eine wilde Filmschießerei statt, die man bei einer Party im Victorian Bed & Breakfast auf der Railroad Avenue beobachten konnte. So viel Aufregung erlebt Donaldsonville nicht oft. Auch unser The River-Festival mit Malerei, Musik, Lesungen, das wir 2001 in unserer River Road Residence veranstaltet haben, kann da sicher nicht mithalten.
Donaldsonville, unweit der Sunshine Bridge über den Mississippi, ist ein Städtchen an der River Road zwischen Baton Rouge und New Orleans gelegen (in der sogenannten Cancer Alley in den River Parishes, wo wegen der vielen petrochemischen Fabriken die Krebsrate besonders hoch ist). Auch Donaldsonville hat eine Chemiefabrik, einen Golfplatz und seit ein paar Jahren einen Riverwalk, ein befestigtes Stück Uferpromenade mit Bänken und Laternen und Blick auf den Mississippi, wo man sich früher durch wildwachsende Bäume und Dickicht und Unkraut den Weg an den Fluss bahnen musste. Es leben etwa 7.600 Einwohner in der Stadt, meist verstreut, sehr viele davon sind Afroamerikaner.
Das Besondere an Donaldsonville ist, dass es dort nicht nur viel Geschichte sondern auch ein winziges historisches Stadtzentrum gibt, eben entlang der Railroad Avenue, die den früheren Bahnhof mit der River Road verbindet. Es gibt ein historisches Gerichtsgebäude (die Stadt war von 1830-31 Louisianas Hauptstadt), alte Läden und Restaurants, von denen viele jetzt geschlossen sind, aber The Grapevine, das im Jahr 2001 eröffnet wurde, scheint zu florieren (mir hat es jedenfalls im Herbst dort geschmeckt).
Unweit vom Zentrum steht auch die riesige katholische Kirche. An einem Ende der Railroad Avenue gibt es einen kleinen jüdischen Friedhof, die Synagoge überlebt als Handwerkermarkt und das traditionelle Lehman Kaufhaus fungiert seit Jahren als Touristenzentrum und Museum, ist aber immer geschlossen, wenn ich da bin. Ein paar Straßen weiter gibt es jetzt auch ein kleines River Road African American Museum. Mary Gehmans Verlag Margaret Media ist hier angesiedelt und seit einiger Zeit veranstaltet sie eine wöchentliche Talenteshow, die jetzt gerade Pause macht.
Hier fand also am Dienstag Abend eine wilde Filmschießerei statt, die man bei einer Party im Victorian Bed & Breakfast auf der Railroad Avenue beobachten konnte. So viel Aufregung erlebt Donaldsonville nicht oft. Auch unser The River-Festival mit Malerei, Musik, Lesungen, das wir 2001 in unserer River Road Residence veranstaltet haben, kann da sicher nicht mithalten.
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