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Sonntag, 10. Februar 2013

Nachrichten vom Mardi Gras

Am Sonnabend kam es auf der Bourbon Street im French Quarter zu einer Schießerei, bei der zwei Frauen und zwei Männer verletzt wurden, einer davon schwer. Die Polizei vermutet, dass es zwischen Touristen zu Auseinandersetzungen kam. (Amerika: Noch Fragen, warum die Beschränkung von Schusswaffen eine gute Idee sein könnte?) Das ist natürlich im French Quarter besonders beängstigend, weil sich dort in den engen Straßen die Massen drängen wie sonst vielleicht in Rio. Im zweiten Teil des Videos ein Bericht über eine Massenpanik beim Karneval in Rio. Hier.
Bei der Endymion-Parade am Sonnabend Abend kam es zu einem kleinen Zwischenfall. Das viel erwartete Mega-Float "Pontchartrain Beach Then and Now", 111 Meter lang und aus 9 Teilen bestehend, kam an der Kreuzung Orleans Avenue und North Carrollton Avenue nicht um die enge Ecke und musste in zwei Teile zerlegt werden, was den Umzug um 15 bis 20 Minuten verzögerte. Hier.
Hier noch die Möglichkeit per Livecam einige Paraden mitzuverfolgen, wenn gerade welche sind. Den nervigen Audiokommentar kann man zum Glück herunterdrehen.
Ich erinnere mich übrigens noch daran, dass zur Fastnacht im French Quarter auch immer Demonstranten unterwegs waren, die die Ausschweifenden mit ihren Transparenten daran erinnerten, dass Jesus sie liebt usw. Aber am Aschermittwoch ist doch sowieso alles vorbei...

Dienstag, 22. Januar 2013

Aktuelles


1
Letzten Freitag ist Ex-Bürgermeister Ray Nagin der Korruption angeklagt worden. Als er 2002 ins Amt gewählt wurde, war er ein großer Hoffnungsträger gewesen: relativ jung, elegant, gut aussehend, und als einer der erfolgreichen Manager der Kabelfirma Cox Communications – so hoffte man – unbelastet von den Verstrickungen und Mauscheleien der politischen Kaste in New Orleans. Eine Art Lichtgestalt. Während der Katrina-Katastrophe war auch er heillos überfordert, machte jedoch auf sich aufmerksam, als er in einem Interview am 3. September 2005 die Bush-Regierung für ihre Tatenlosigkeit beschimpfte. Auch mit seiner Erklärung im Januar 2006, dass New Orleans wieder „chocolate“ werden würde, machte er Schlagzeilen. Obwohl man in New Orleans sagte, dass Katrina ihn „gebrochen“ hätte, wurde er 2006 für eine zweite Amtszeit gewählt.
Nach Katrina war immer vom Ausverkauf der Afroamerikaner die Rede. Spätestens diese Anklage deutet darauf hin, dass Nagin und andere Stadtväter, zumeist selbst Afroamerikaner, an diesem Ausverkauf Teil hatten. (Zu sehen übrigens auch in der Fernsehserie Treme.) Ein Bundesgericht klagt ihn jetzt für die Annahme von Bestechungsgeldern, für Geldwäsche und viele andere Sachverhalte an, was auch der deutschsprachigen Presse fast überall eine kleine Meldung wert ist. Die Times-Picayune hat einige dieser Transaktionen analysiert. Seit 2010 lebt Nagin übrigens in der Umgebung von Dallas.

2
Übernächstes Wochenende (am 3. Februar 2013) findet das Football-Abschlussspiel der Saison 2012, der so genannte Super Bowl, in New Orleans statt. Die Baltimore Ravens spielen gegen die San Francisco 49ers, im Superdome, der während Katrina tagelang als Zuflucht für Tausende Betroffene diente und seit der Renovierung nach einer großen deutschen Automobilfirma benannt ist. Die Stadt bereitet sich seit Längerem auf den Tag vor und hofft vermutlich, dass dies ein weiterer Schritt zur Rehabilitierung ihres Rufs als Touristenattraktion ist und ihr einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, was sich möglicherweise schon ein wenig abzeichnet. Der Flughafen wurde ausgebaut und die Straßen in der Umgebung erweitert und repariert, so dass man dort nur auf Einbahnstraßen im Kreis fahren konnte. Der größte Einschnitt: Die Termine für zahlreiche Mardi-Gras-Paraden mussten verschoben werden, da die Karnevalssaison auf Hochtouren läuft, noch bis zum 12. Februar. Dies betraf zum Beispiel die Krewe de Vieux (zu Fuß, durchs French Quarter), die schon letztes Wochenende umzog.
Alicia Keys wird die Nationalhymne singen; Beyoncé tritt in der Halbzeitpause auf.

3
2012 berichtete die Times-Picayune in der achtteiligen Reportageserie „Louisiana Incarcerated*“ (Louisiana eingesperrt) ausführlich über das korrupte Gefängnissystem Louisianas, in dem mehr Menschen als im Rest der Welt hinter Gittern leben. Am 4. Februar 2013 wird diese Serie mit dem John Jay HF Guggenheim Prize for Excellence in Criminal Justice Reporting 2012-2013 (also für Berichterstattung über das Strafrechtssystem) ausgezeichnet. Allerdings hat sich die Times-Picayune inzwischen auf Digital verlegt und bringt nur noch drei Druckausgaben wöchentlich heraus. Im Zuge dieser Umstruktierung wurden zahlreiche Reporter entlassen, darunter 9 der 20 an der Serie beteiligten Journalisten. Eine davon, Cindy Chang, arbeitet jetzt bei der Los Angeles Times. Das Preisgeld, meinte sie, wird dem DashThirtyDash-Fond gespendet, der entlassene Times-Picayune-Reporter unterstützt. Diese Nachricht habe ich aus dem Gambit und nicht aus der T-P.
* Zwar habe ich letztes Jahr hier über die Serie berichtet, aber erst jetzt ist mir der klevere Titel aufgefallen: Louisiana Incarcerated, wobei „Inc.“ in etwa „GmbH“ bedeutet.


Montag, 13. Februar 2012

Neues vom Wochenende

Dieses Wochenende liefen wieder mehrere Paraden, wegen der kurzen Karnevalssaison in diesem Jahr etwas geballt. Gestern war dabei wieder die Barkus-Parade (Anspielung auf die berühmte Bacchus-Parade, die am 19.2. marschiert). "To bark" heißt natürlich "bellen", tja und so ist es denn auch eine Hundeparade. Einen kleinen Film findet man auf nola.com rechts unten unter Krewe of Barkus. Fotos finden sich hier.
Auch an diesem Wochenende fand die Verleihung der Grammy Awards statt, überschattet von Whitney Houstons Tod. Die britische Sängerin Adele und einige andere haben ziemlich viele Preise abgeräumt. Aber einen großen Erfolg für New Orleans gab es auch: Die heißgeliebte, ur-New-Orleansische Rebirth Brass Band erhielt einen Grammy in der Kategorie "Regional Music", die, und das war nicht ganz unumstritten, neu aus den früheren Kategorien Cajun/Zydeco, Polka, hawaiische und indianische Musik geschaffen wurde. Der Sousaphon-Spieler Phil Frazier hatte früher einmal gesagt, er möchte lieber einen Grammy gewinnen als reich sein, was ja schon mal geklappt hat. Und auf dem Weg zur Bühne meinte er wohl, hoffentlich falle ich nicht in Ohnmacht, ist er aber wohl nicht. 
Die Band wird jetzt schnell wieder aus Los Angeles zurückkehren, um ihren traditionellen Dienstagsgig im Maple Leaf in New Orleans zu spielen und vom 16. bis 18. Februar im Howlin' Wolf. Siehe auch meinen früheren Eintrag zum Sousaphon und zur Rebirth Brass Band. Und auf diesem Youtube-Video vom Aufwärmen vor einem Konzert sieht man den Sousaphonisten besonders gut.

Dienstag, 7. Februar 2012

Only in New Orleans

Die Saison der Mardi Gras-Umzüge wurde am Sonnabend mit dem der Krewe du Vieux (Kru de Viu) eingeleitet, deren Name sich auf das French Quarter (Vieux Carré) bezieht, durch die sie als einzige Mardi-Gras-Parade zieht. Oder zog, denn über die Krewe de Joan of Arc habe ich schon berichtet und wie ich hörte, folgte der Krewe du Vieux die Krewe Delusion auf dem Fuße. Im French Quarter sind die Straßen eng, so dass die floats (Karnevalswagen) nicht von Traktoren oder Sattelschleppern gezogen werden, sondern von Menschenhand oder mit Maultierkraft und man läuft zu Fuß. Die Krewe du Vieux ist immer satirisch, dieses Jahr mit dem Thema Crimes against Nature (Verbrechen gegen die Natur) und ihr gehören 16 oder 17 Untervereine (Subkrewes) an, darunter auch Comatose, Krewe of Space Age Love und Underwear. Vor langer Zeit bin ich einmal in der Krewe de Vieux mitgelaufen, wo wir als Einkaufende verkleidet waren, denn das Thema war der Unfall eines libanesischen Frachters, der 1996  in das Riverwalk-Einkaufszentrum gerammt war, das sich direkt am Mississippi befindet. Danach gab es auch einen tollen Ball mit der Musikerin Irma Thomas.
Die Krewe du Vieux ist natürlich eine alternative und junge Krewe, während die altehrwürdigen 140 Jahre alten Krewes geheime Männervereine sind, in die man nicht hineinkommt, und seit es die Gesetzgebung seit 1991 verlangt, dass sie sich auch Minderheiten öffnen müssen, veranstalten einige von ihnen gar keine Paraden und Bälle mehr.
Was hier aber womöglich einmalig ist, „only in New Orleans“ eben, ist die Existenz zweier jüdischer  Krewes: der Krewe de Mishigas in der Krewe de Vieux und die Krewe de Jieux (Kru de Dshu; von Jew=Jude; seit 1996) als Teil der Krewe Delusion. Von der schwarzen Zulu-Parade inspiriert karikiert die Krewe de Jieux jüdische Stereotypen mit Hörnern, riesigen Plastiknasen und Davidsternen. Es wird der King of the Jieux (König der Juden) und eine Jewish-American Princess (jüdisch-amerikanische Prinzessin) gewählt; vor einigen Jahren waren dies der Schriftsteller Rodger Kamenetz und seine Frau Moira Crone, ebenfalls Schriftstellerin. In diesem Jahr war David Freedman, Geschäftsführer des unabhängigen Radiosenders WWOZ, König der Krewe. Es werden Bagels in die Menge geworfen und es gibt, von Borat inspiriert, ein Running of the Jews. 
Dabei mangelt es den Juden natürlich nicht an eigenen Festlichkeiten: Purim, dieses Jahr im März, ist auch so eine Fest der Maskerade. Aber so ist eben New Orleans...

Dienstag, 29. November 2011

Johanna von (New) Orléans

Im French Quarter, unweit des Jackson Square, wo sich die Decatur Street mit der North Peters Street gabelt, ist ein kleiner dreieckiger Platz, auf dem eine Statue der Jeanne d’Arc steht. Der Platz heißt wohl Place de France, und die Statue war 1958 ein Geschenk des französischen Volkes (zum Vergleich: Die New Yorker haben die Freiheitsstatue bekommen und wir Berliner einen bizarren 124,5°-Bogen am Tauentzien).
Die Verbindung zu New Orleans besteht einerseits durch den Namen, (New) Orleans oder auf Französisch La Nouvelle Orléans, und andererseits darin, dass ja Johanna von Orléans gegen die Engländer kämpfte, so wie Andrew Jackson und die Amerikaner gegen die Invasion der Briten am 8. Januar 1815 in der Schlacht von New Orleans.
Seit 2008 gibt es eine Krewe de Jeanne d'Arc, d.h. einen Karnevalsverein, in New Orleans, der auch an die historische Nähe zu Frankreich erinnern will. Laut der Krewe ist die Heilige Johanna die inoffizielle Schutzpatronin der Stadt, und wie es sich so fügt, ist ihr Geburtstag am 6. Januar, Epiphanias, Twelfth Night (dem Weihnachtszwölften) oder Dreikönigstag, dem Tag, an dem in New Orleans offiziell die Karnevalssaison beginnt und der bis vor kurzem noch paradefrei war, denn jetzt findet natürlich die Joan of Arc Parade an dem Tag statt. 
Zur Prinzessin des Umzugs wird eine Jungfrau von Orléans (Maid of Orleans) gekürt. Man trägt Kostüme der damaligen Zeit und manchmal auch Pferde. Natürlich sind die meisten Mitglieder Frauen und meine Freundin Lil ist eine davon (auf diesem Blog im lila Gewand). Aber in einem kürzlichen Facebook-Eintrag las ich: „We have found our 8 monk bouncers...“ (Wir haben unsere acht Türstehermönche gefunden...)
An dem hübschen kleinen Platz befinden sich übrigens einige nette Geschäfte. Seit meinem ersten Aufenthalt 1990 liebte ich Kaldi’s Coffee Museum, ein zweistöckiges Café im damals noch ganz neuen Latte-Stil, das leider vor ein paar Jahren geschlossen hat. Und zu Füßen von Johanna habe ich damals auch meine ersten New Orleanser Punks gesehen. So touristisch es nämlich ist, das French Quarter ist auch Heimat für Künstler, Lebenskünstler, Alternative - und eine militante Jungfrau...