Dienstag, 26. November 2013
Abgedreht!
Auf Arte habe ich diese abgedrehte Sendung gesehen, mit dem Untertitel "ungewöhnlicher Blick auf Kunst und Kultur". Die Verbindung zwischen den einzelnen Beiträgen war etwas willkürlich; lose bezog es sich auf den Mississippi, den gleichnamigen Bundesstaat, Louisiana und New Orleans, aber die einzelnen Teile waren ganz interessant. Es ging um die Darstellung der Sümpfe in verschiedenen Filmen ("Bayou im Film"), um Schall und Wahn von William Faulkner, um "Die Verschwörung der Idioten" von John Kennedy Toole, Jerry Lee Lewis (zum Beispiel Great Balls of Fire), von dem ich nicht wusste, dass er aus Louisiana stammt und dass er noch lebt, die Fernsehserie Treme und die lebendige Musikszene von New Orleans (kurzes Interview mit Trombone Shorty) und schließlich den Rapper Lil Wayne, der inzwischen mehr Hits in den Charts gehabt haben soll als Elvis Presley. Wie das aufgemacht ist, ist tatsächlich bizarr und der kleine Beitrag über Oprah Winfrey ist nichtssagend und gemein, aber ansonsten kann man sich die Sendung in der Mediathek ansehen (wiederholt wird sie am 27. November 2013 um 6.45 Uhr).
Freitag, 22. November 2013
Silicon Bayou
Seit in den neunziger Jahren eine Freundin von mir bei der damals noch winzig kleinen Louisiana Film Commission gearbeitet hat, ist New Orleans und Louisiana ein bedeutender Filmstandort geworden, zumindest ein beliebter Drehort, nach Hollywood und New York an dritter Stelle. Das hat mit Steuervorteilen und anderen Anreizen zu tun. Was zart und mickrig anfing, trägt jetzt dicke, saftige Früchte. So sehr, dass sich inzwischen der Name Hollywood South für Louisiana als Filmort durchgesetzt hat.
Inzwischen hat sich noch ein anderer Vergleich mit Kalifornien eingebürgert: Silicon Bayou, denn auch immer mehr Computerfirmen siedeln sich hier an. Die BBC hat einen kleinen Beitrag dazu hier. Neben den Steuervorteilen sind es die geringen Lebenskosten und die Lebensqualität, die junge Tech-Menschen nach New Orleans ziehen. Es mangelt zwar noch ein bisschen an Kapital, heißt es in dem Beitrag, aber wie in Silicon Valley ist die Konzentration für die Branche inspirierend. Vor allem aber kommen die Leute nach New Orleans und verlieben sich in die Stadt. Und dass die viel mehr zu bieten hat, als die Straßenmusiker am Jackson Square, mit denen der Beitrag beginnt und schließt, das merkt man nicht immer als Tourist, aber das merkt man, wenn man dort lebt. Hier ein Link zu der Webseite Silicon Bayou News.
Interessant ist übrigens, dass viele dieser Entwicklungen nach Hurrikan Katrina begonnen haben, der nicht nur ein Riesenvakuum herbei gefegt hat, sondern auch in mancher Hinsicht eine Art tabula rasa hinterließ. Nach dem Motto "schöner, schneller, sauberer". Das hat viel Positives, aber nicht nur, wie alle schon länger ansässigen Berliner wissen.
Inzwischen hat sich noch ein anderer Vergleich mit Kalifornien eingebürgert: Silicon Bayou, denn auch immer mehr Computerfirmen siedeln sich hier an. Die BBC hat einen kleinen Beitrag dazu hier. Neben den Steuervorteilen sind es die geringen Lebenskosten und die Lebensqualität, die junge Tech-Menschen nach New Orleans ziehen. Es mangelt zwar noch ein bisschen an Kapital, heißt es in dem Beitrag, aber wie in Silicon Valley ist die Konzentration für die Branche inspirierend. Vor allem aber kommen die Leute nach New Orleans und verlieben sich in die Stadt. Und dass die viel mehr zu bieten hat, als die Straßenmusiker am Jackson Square, mit denen der Beitrag beginnt und schließt, das merkt man nicht immer als Tourist, aber das merkt man, wenn man dort lebt. Hier ein Link zu der Webseite Silicon Bayou News.
Interessant ist übrigens, dass viele dieser Entwicklungen nach Hurrikan Katrina begonnen haben, der nicht nur ein Riesenvakuum herbei gefegt hat, sondern auch in mancher Hinsicht eine Art tabula rasa hinterließ. Nach dem Motto "schöner, schneller, sauberer". Das hat viel Positives, aber nicht nur, wie alle schon länger ansässigen Berliner wissen.
Freitag, 1. November 2013
Was du nicht siehst -- Dans tes yeux
Gestern habe ich einen kleinen Film auf Arte gesehen. Sophie Massieu, eine Blinde, bereist in einer kleinen Serie (mit dem Titel Was du nicht siehst -- Dans tes yeux) die Welt und versucht, ungewöhnliche Blickwinkel auf die Orte zu zeigen, indem sie sich Einheimische als Reiseführer aussucht.
New Orleans und Louisiana überhaupt besuchen Franzosen gern, so wie auch andere frühere Kolonien, vielleicht, weil es exotisch und trotzdem vertraut ist, vielleicht auch, weil man an eine für manche "glorreiche" Vergangenheit erinnert wird.
Wie bei Arte so üblich, kann man den Film auf Deutsch oder Französisch sehen. Sophie Massieu lässt sich durch New Orleans von Charmaine Neville führen, der Tochter von einem der Neville Brothers, die selbst Musikerin ist und berichtet, dass ihre Familie seit acht Generationen Musiker sind. Sie nimmt sie mit zum Gottesdienst in eine afroamerikanische Kirche, zeigt ihr das Musician's Village und fährt mit ihr zu einem leer stehenden, verlassenen, umzäunten Viertel, an dem man seit Hurrikan Katrina nichts gemacht hat.
Dann geht sie noch zu einer Voodoopriesterin, lässt sich die Zukunft voraussagen, einen GrisGris anfertigen und einen Tanz mit Musik aufführen.
Am nächsten Tag fährt Sophie mit einem richtigen Cajun, Norbert LeBlanc, hinaus in die Sümpfe, wo sie Reiher und Alligatoren sichten und er ihr eine Lotusblüte pflückt. Mit ihm spricht sie Französisch, und ich war überrascht, wie fließend und normal er Französisch sprach, obwohl er -- trotz weißem Rauschebart -- noch gar nicht so alt war.
Abends geht es dann noch zu einem Konzert, wie ich glaube, in den Snug Harbor-Klub in the Marigny, gleich neben dem French Quarter. Gesungen hat Charmaine Neville, und Sophie war mit einer Art Rassel auch beteiligt.
Sehenswert fand ich das, vermittelt liebenswerte kleine Eindrücke. Was mir ein bisschen fehlte, waren die genauen Bezeichnungen der Orte (ich hätte gern gewusst, wo die Kirche, das verlassene Viertel, der Sumpf war, Snug Harbor habe ich mir von der Tür umgedreht zusammengereimt), und dass z.B. Charmaine, Charmaine Neville war, habe ich nur kurz im Abspann erhaschen können. Der Film dauert eine halbe Stunde und läuft noch ein paar Tage lang hier.
New Orleans und Louisiana überhaupt besuchen Franzosen gern, so wie auch andere frühere Kolonien, vielleicht, weil es exotisch und trotzdem vertraut ist, vielleicht auch, weil man an eine für manche "glorreiche" Vergangenheit erinnert wird.
Wie bei Arte so üblich, kann man den Film auf Deutsch oder Französisch sehen. Sophie Massieu lässt sich durch New Orleans von Charmaine Neville führen, der Tochter von einem der Neville Brothers, die selbst Musikerin ist und berichtet, dass ihre Familie seit acht Generationen Musiker sind. Sie nimmt sie mit zum Gottesdienst in eine afroamerikanische Kirche, zeigt ihr das Musician's Village und fährt mit ihr zu einem leer stehenden, verlassenen, umzäunten Viertel, an dem man seit Hurrikan Katrina nichts gemacht hat.
Dann geht sie noch zu einer Voodoopriesterin, lässt sich die Zukunft voraussagen, einen GrisGris anfertigen und einen Tanz mit Musik aufführen.
Am nächsten Tag fährt Sophie mit einem richtigen Cajun, Norbert LeBlanc, hinaus in die Sümpfe, wo sie Reiher und Alligatoren sichten und er ihr eine Lotusblüte pflückt. Mit ihm spricht sie Französisch, und ich war überrascht, wie fließend und normal er Französisch sprach, obwohl er -- trotz weißem Rauschebart -- noch gar nicht so alt war.
Abends geht es dann noch zu einem Konzert, wie ich glaube, in den Snug Harbor-Klub in the Marigny, gleich neben dem French Quarter. Gesungen hat Charmaine Neville, und Sophie war mit einer Art Rassel auch beteiligt.
Sehenswert fand ich das, vermittelt liebenswerte kleine Eindrücke. Was mir ein bisschen fehlte, waren die genauen Bezeichnungen der Orte (ich hätte gern gewusst, wo die Kirche, das verlassene Viertel, der Sumpf war, Snug Harbor habe ich mir von der Tür umgedreht zusammengereimt), und dass z.B. Charmaine, Charmaine Neville war, habe ich nur kurz im Abspann erhaschen können. Der Film dauert eine halbe Stunde und läuft noch ein paar Tage lang hier.
Sonntag, 20. Oktober 2013
Tatwort. Die Übersetziade
Hier die Einladung zu unserem Übersetzerwettbewerb:
Es ist so weit! Das Übersetzerstudio, unser monatlicher
Workshop für Übersetzungen ins Deutsche, feiert mit Tatwort. Die Übersetziade
sein drittes Jahr. Wir treten in die Spuren von Translation Idol. Deutschland
sucht den Superübersetzer, dem Übersetzungswettbewerb der Online-Zeitschrift www.no-mans-land.org, wo vor kurzem zum
fünften Mal die beste Übersetzung eines Textes gekürt wurde.
Wir meinen: Das können wir auf Deutsch doch auch! Noch dazu
in der Weltheimat der Übersetzung und der Hauptstadt der deutschsprachigen
Übersetzer.
Die Aufgabe:
Um teilzunehmen, sendet uns Eure Übersetzung des unten
stehenden Textauszugs (aus The Cosmopolitan von Donna Stonecipher) per E-Mail
als Word- oder rtf-Datei an kontakt[AT]inapfitzner.net. Schreibt uns auch Eure
Kontaktdaten und ein paar Informationen über Euch selbst. Einsendeschluss ist
der 24. November 2013.
Übersetzt, wie Ihr wollt – frei oder treu, spielerisch oder
prägnant, laut oder leise, respektvoll oder egoistisch, im Dialekt, in
Denglisch, in Versen, nach Goethen oder Jelinek. Ob Greenhorn oder alter Hase:
Probiert Euch aus, ganz ohne Lektor, Verlag oder Vertreter.
Der Entscheid selbst ist am 29. November 2013 in der Privatwirtschaft,
Immanuelkirchstraße 21 in Prenzlauer Berg, Beginn: 20 Uhr. Im Idealfall tragt
Ihr Eure Übersetzung persönlich vor oder Ihr lasst sie uns in irgendeiner
elektronisch zu hörenden Form zukommen, sonst lesen wir sie vor. Danach wird
über den Publikumspreis abgestimmt, und außerdem vergibt die Autorin Donna
Stonecipher den Autorenpreis. Zu gewinnen gibt es jede Menge Ruhm, Ehre, Spaß
und ein paar Preise sowie die Veröffentlichung auf der No-Man's-Land-Webseite.
Der Text:
Zu übersetzen ist ein Prosagedicht aus Donna Stoneciphers
preisgekröntem Gedichtband The Cosmopolitan (Coffee House Press 2008, National
Poetry Award), laut Rückentext: „Ornate miniature travelogues full of adventure
and philosophical intrigue.“ Alle Gedichte enthalten ein „inlay“ in Form eines
Zitats (in diesem Fall von Lenin, bei Elfriede Jelinek aufgestöbert).
Donna Stonecipher ist auch Autorin von Souvenir de
Constantinople (2007) und The Reservoir (2002). Sie lebt in Berlin.
Über die vorhergehenden Translation Idol-Wettbewerbe lest
Ihr hier: http://www.no-mans-land.org/
sowie im Blog von Katy Derbyshire http://lovegermanbooks.blogspot.de/
Donna Stonecipher
Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)
1.
In
Cologne we bought cologne. In Morocco we bought morocco. In Kashmir we bought
cashmere. Then, our suitcases stuffed, we flew back home to New York City,
where we drank manhattan after manhattan until ill-advisedly late into the
evening.
2.
“I’m
an anarchist,” said the poet. “You’re spoiled,” said his girlfriend. A line of
people in masks paraded by. And then the lights dimmed, and the one true
anarchist was suddenly spot-lit in the crowd: a little girl with an ice cream
sandwich melting in her bag.
3.
The
beautiful people wanted to go only to places where there were other beautiful
people, in cafés and restaurants and bars, and puffed nervously on their
cigarettes when the number of ugly people shown to tables seemed to be reaching
critical mass.
4.
You
like to be told what to do. You like to be shown to your plug and to glow in it
like a nightlight. You like to be clued in, strapped on, knuckled under. You
like to be held down and liquored up. You like to be scooped out, bowled over,
seen through.
“Trust is fine, but control is better”
5.
Forking
over our dollars, we hatched a grand plan for the overlapping economy: Let the
French take care of the perfumes; the Dutch of the tulips; and the Italians of
the leather shoes. Each would be a department in the department store in the
Great Mall.
6.
She
wrote, I want to be seen through. He wrote, But you are deliberately opaque.
She wrote, I want people to want to work hard to see through my (really quite
superficial) opacity. He wrote nothing back. She waited, but he wrote nothing
back.
7.
You
like to go from room to room drowning yourself in dahlias. You like to stand in
a crowd and implode and implode till all your individuality melts. You like to
be underneath, on top, afloat. But it thrills you to hear your name in a
stranger’s mouth.
8.
Was
it good or bad when the foreigner was said to be “more French than the French”?
She of the huge hats and humble origins was “more bourgeois than the
bourgeois.” And the cosmopolitan was more cosmopolitan than the cosmos itself.
9.
We
bought china in China. We bought tangerines in Tangier. You bought turquoise in
Turkey, and I bought an afghan in Afghanistan. I bought india ink in India, and
you bought an indiaman in India. But nowhere did we relinquish any little bit
of ourselves.
Montag, 14. Oktober 2013
Das seltsame Leben des Benjamin Button (The Curious Case of Benjamin Button)
Ich habe den Film zu Recherchezwecken gesehen: Es geht um Benjamin Button, der als winziger alter Mann geboren wird und im Laufe seines Lebens immer jünger wird. Hier ein paar andere Gründe, warum man sich den Film ansehen könnte.
1. New Orleans
Der Film spielt, das hat mich überrascht, zu großen Teilen in New Orleans. Auch die Filmemacher sollen überrascht gewesen sein, die sich wegen der Steuer- und anderer Begünstigungen entschieden hatten, dort zu drehen -- darüber, wie gut alles zu erreichen ist usw. Auch die Rahmenhandlung, in der die große Liebe von Benjamin Button als alte Frau in einem Krankenhaus stirbt, während Hurrikan Katrina herannaht, fügt sich ganz gut in die Geschichte. Zu sehen gibt es: natürlich die Bäume und die louisianische Landschaft, majestätische Häuser auch in Innenansichten, Blicke auf den Lake Pontchartrain, meist bei Sonnenuntergang, Straßenszenen aus dem French Quarter, immer wieder die Straßenbahn auf der St. Charles Avenue, einmal fahren Cate Blanchett und Brad Pitt auch ganz verliebt damit, ein Spielplatz an der Napoleon Avenue und Magazine Street, wo ich gleich um die Ecke gewohnt habe und die bizarren Südstaatenakzente der Schauspieler (wobei viele den von Brad Pitt sehr liebenswürdig finden, aber die finden bestimmt alles an Brad Pitt liebenswürdig).
1. New Orleans
Der Film spielt, das hat mich überrascht, zu großen Teilen in New Orleans. Auch die Filmemacher sollen überrascht gewesen sein, die sich wegen der Steuer- und anderer Begünstigungen entschieden hatten, dort zu drehen -- darüber, wie gut alles zu erreichen ist usw. Auch die Rahmenhandlung, in der die große Liebe von Benjamin Button als alte Frau in einem Krankenhaus stirbt, während Hurrikan Katrina herannaht, fügt sich ganz gut in die Geschichte. Zu sehen gibt es: natürlich die Bäume und die louisianische Landschaft, majestätische Häuser auch in Innenansichten, Blicke auf den Lake Pontchartrain, meist bei Sonnenuntergang, Straßenszenen aus dem French Quarter, immer wieder die Straßenbahn auf der St. Charles Avenue, einmal fahren Cate Blanchett und Brad Pitt auch ganz verliebt damit, ein Spielplatz an der Napoleon Avenue und Magazine Street, wo ich gleich um die Ecke gewohnt habe und die bizarren Südstaatenakzente der Schauspieler (wobei viele den von Brad Pitt sehr liebenswürdig finden, aber die finden bestimmt alles an Brad Pitt liebenswürdig).
In Russland beginnt Brad Pitt eine Affäre mit Tilda Swinton,
Frau eines britischen Diplomaten oder Geschäftsmannes.
Als sie ihn fragt, wo er
herkomme, sagt er: „New Orleans. Louisiana.“
Und sie: „I didn’t know there was
another.“
Indeed!
2. Francis Scott Fitzgerald
Falls man schon immer mal eine Geschichte von ihm lesen
wollte und es nicht geklappt hat, wäre das ein Einstieg. Allerdings
unterscheidet sich die Vorlage, die ich noch nicht kenne, sehr vom Film, bis auf
den Titel und die generelle Idee. Wie ich Fitzgerald kenne, ist seine
Kurzgeschichte sicherlich wesentlich lakonischer und weniger sentimental.
Fitzgerald selbst stammte aus Minnesota und lebte im Januar 1920 für ein paar Wochen in New Orleans, in der 2900 Prytania Street. (Seine Geschichte spielt 1860 in Neuengland.) Von dort aus besucht er seine zukünftige Frau Zelda Sayre, später Fitzgerald, die nicht nur viele seiner Werke inspirierte, sondern selbst tolle
Kurzgeschichten schrieb (manche sagen, er hätte bei ihr abgeschrieben). Sie war
eine richtige Southern Belle aus Alabama nur zwei Bundesstaaten weiter und war
bestimmt mal in New Orleans.
3. Die Handlung
Im Film hat alles ein bisschen Märchencharakter. Es
beginnt damit, dass ein Uhrmacher in New Orleans nach dem 1. Weltkrieg 1918
eine Uhr baut, die rückwärts geht, in der Hoffnung, dass sein im Krieg
gefallener Sohn und andere wieder zurückkommen. Das hat mit der eigentlichen
Filmhandlung wenig zu tun. Der daraufhin als winziger alter Mann geborene Benjamin wird
von seinem leiblichen Vater ausgesetzt und von der schwarzen Betreiberin eines Altersheims und ihrem Lebensgefährten aufgenommen. Manche der schnellen Handlungswechsel und die
warmen und bunten Farben haben mich ein bisschen an den Film Amélie erinnert.
Ansonsten ist der Film vor allem eine Liebesgeschichte, natürlich einer großen
Liebe, die das ganze Leben andauert, aber eben nicht so sein kann. Wenn
man „große Gefühle“ nicht scheut und gern mal ein bisschen weint, ist das sehr
schön.
4. Die Schauspieler
Cate Blanchett – hat einfach immer Klasse. Brad Pitt – sieht
nett aus und ist nett. Tilda Swinton – wie immer ungewöhnlich. Im Film hat sie
übrigens ein besonderes Hobby: Langstreckenschwimmen. Mir gefielen auch die
Darsteller der Ersatzeltern von Benjamin: Taraji P. Henson und Mahershalalhashbaz
Ali.
5. Die Musik...
war auch ganz schön.
Ein Grund, den Film nicht zu sehen, ist sicherlich die Länge, knapp 160 Minuten.
Ansonsten gar nicht schlecht.
Donnerstag, 3. Oktober 2013
David Bowie und New Orleans
Der Londoner Independent
hat gestern eine Liste von David Bowies hundert Lieblingsbüchern
veröffentlicht. Erstaunlich, nicht nur weil man bei nicht allen Popstars davon
ausgehen kann, dass sie lesen, sondern auch, weil er mehr als hundert gelesen
hat und einige davon richtig anspruchsvoll, auch theoretisch, sind! Noch
dazu sagt Bowie, wenn er nicht Musiker geworden wäre, dann wäre er
Schriftsteller geworden, und er verstehe seine Lieder als kleine Romane. Die
Liste wurde von seinem Kurator für eine Ausstellung mit dem Titel David Bowie
Is zusammengestellt, die vom Victoria and Albert Museum in London jetzt
nach Kanada in die Art Gallery of Ontario in Toronto gewandert ist, wo sie bis zum 27. November
2013 zu sehen ist. Auch die Münchener Abendzeitung
berichtete darüber. Als er jung war, soll Bowie immer mit demonstrativ
herumgetragenen Büchern in der U-Bahn angegeben haben, und bei Dreharbeiten in
der Wüste hatte er eine ganze Truhe voller Bücher mit. Ob er jetzt E-Bücher
liest, ist nicht erwähnt, aber angeben konnte man damit wirklich nur ganz kurz
vor ein paar Jahren, als sie noch neu waren, finde ich.
Auf der Liste finden sich die Klassiker wie Camus’ Der
Fremde oder George Orwells’ 1984, aber auch Überraschungen wie Christa Wolfs Nachdenken
über Christa T. oder Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz. Auch auf der
Liste sind einige Bücher oder Autoren, die ich hier schon rezensiert habe: On the
Road von Jack Kerouac und Kaltblütig von Truman Capote, aber auch African
American Studies-Klassiker wie Richard Wrights Autobiografie Black
Boy und Nella Larsons Passing (auf Deutsch unter dem Titel Seitenwechsel), über
ihr ganz persönliches Thema einer Mulattin, die als weiß „durchgeht“. Außerdem
sind einige von meinen Lieblingsbüchern dabei, zum Beispiel Room at the Top
(Der Weg nach oben) von dem Angry Young Man John Braine.
Überrascht hat mich aber vor allem John Kennedy Tooles Confederacy
of Dunces (Die Verschwörung der Idioten), das Bowie Anfang der 2000er Jahre
gelesen hat, vielleicht ja in Vorbereitung auf ein Konzert in New Orleans? Auf
mehreren Touren ist er dort aufgetreten, und man findet im Internet die
Setlisten für die Konzerte am 30. April 2004 im Saenger Performing Arts Theater
an der Canal Street (hier)
und am 6. Oktober 1987 im Louisiana Superdome (hier).
Bowies Titel Time
ist wohl 1974 während eines Tourneestops in New Orleans entstanden.
Übrigens war das wunderschöne Saenger, wo ich vor langer Zeit mal den Fiedler
auf dem Dach gesehen habe, seit Hurrikan Katrina geschlossen. Heute wird es mit
einer Gala eröffnet und noch im Oktober kommen Garrison Keillor mit dem Prairie
Home Companion, Wynton Marsalis und Orchester, Diana Ross usw. Für die
folgenden Monate sind auch der Satiriker Bill Maher und der Musiker Dave
Matthews angekündigt. Und wer weiß, vielleicht schaut David Bowie jetzt auch mal
wieder vorbei.
Dienstag, 24. September 2013
Rerun: Beasts of the Southern Wild
Monday, 31 December 2012
Beasts
of the Southern Wild
Over the past few workaholic days, I have been
doing some translations for the Museum of Modern Art, whose collection you can also visit virtually through this link. It includes pieces from (or about) Louisiana, especially photographs of
New Orleans by Henri Cartier-Bresson, Lee Friedlander, Walker Evans, and of
course E.J.Bellocq, best known for his images of early twentieth-century
Storyville. There are some paintings as well and even film, such as Robert
Flaherty's (1884-1955) classic docudrama, Louisiana Story
(1948). The black-and-white movie points the camera at the rugged, exotic, and
still pristine Louisiana landscape, along with its rugged and exotic Cajun
inhabitants. The latter are brought out of their impoverished, subsistent lives
by the arrival of the oil industry, which comes to perform exploratory
drilling. Of course the film—commissioned by Standard Oil—portrays all the oil
workers as friendly, helping the naïve Cajuns rise above their hardship. You
can see the excitement inherent in the relationship between modern
technological progress and the region's natural riches, and yet there is also a
moment of wistfulness, as it means a farewell to an old world and an entry into
a new one.
Sixty-five years later,
that is all old news. Not long ago, the BP oil disaster polluted broad
stretches of the Gulf of Mexico, and the consequences are still palpable. On
top of that, Louisiana continues to lose land, more and more with each
hurricane, in part because the oil companies' exploratory canals are destroying
the marshes, and the saltwater flowing in is eating away at the land's natural
defenses (animals as well as plants).
Along these lines, the
must-see movie Beasts of the Southern Wild
is a modern follow-up to the Louisiana Story.
It centers precisely around people who are losing the place they call home to
floodwaters, but will not leave it for anything. The film was shot on-site with
amateur actors and is likewise political in its way, with a message the viewer
cannot ignore. Ambitious, disturbing, and full of gripping images, the film
fits the life of a young girl named Hushpuppy into the contexts of the country
that has forgotten her, the effects of global warming, and the sweep of human
history.
That is quite a feat for
a directorial debut (Benh Zeitlin—keep your eyes peeled), and somehow he does pull
it off. The experimental, independent
film manages to steer clear of cynicism or sarcasm, but approaches the subject
with passion and, okay, perhaps also melodrama. To be sure, the portrayal of
Louisiana is not an authentic one. The people there do not live in shacks so
squalid they look no different after being ravaged in a rage. But the film does
not rest on cliché either, more so on particular cultural practices that may
need some explanation for foreign viewers.
My companion at the movie
theater, who had even visited me once in Louisiana years ago, first perceived
the film as a glorification of the underclass. This may owe partly to a
translation error in the subtitles (the point was not that the residents have
more free time or work less than other places, but that they have more
festivals—exemplified by the lackluster Mardi Gras parade in the background).
The crawfish and crabs are not eaten raw as it may seem, but cooked—in big pots
with potatoes, vegetables, and spicy seasonings—then served by dumping them
onto tables covered in newspaper. You eat them with your hands, which is not
exactly dainty. The toughest even suck out the heads. After my first crawfish
boil, I had a dream that the critters were crawling through the legs of my
jeans.
The village the film is
set in, “The Bathtub,” is an invented one, though indeed New Orleans was
referred to after Katrina as a “bathtub metropolis without a plug.” Yet the
story was also inspired by the small island of Isle de Jean Charles in
Terrebonne Parish, an Indian reservation that has been continually sinking into
the water with each passing year but whose inhabitants still refuse to leave. Click here for an excerpt from a current documentary on it: Last Stand on the
Island.
As for the beasts invoked
in the title, there are a number of them. First there are the creatures
constantly tromping through the dreams of the young protagonist, Hushpuppy.
Throughout the movie, I took them for oversized wild boars, but they were
apparently meant to be aurochses. Then there are the actual animals that the
people live with and eat. Finally, the people themselves are also somehow
treated as animals, at least in the eyes of the authorities, who want to rescue
them. This is hinted at by one scene in which Hushpuppy struggles to crack open
a crawfish she is eating, and her father and soon all the other villagers cheer
her on, chanting “Beast it!” (In other words, go at it with brute force.)
Friends of mine said they
considered it a film about the longing for freedom and the desire for
self-sufficiency. But for me, I see it as a film largely about the place one
calls home, a film that situates this home in a broader context and celebrates
the power of its gathering interrelationships and commonalities. With all its
imagery, the film is best seen on a big screen, and it won't be out in theaters
for much longer. Both of the lead actors, who followed the movie to Sundance
and Cannes, have since returned to everyday life. Little Quvenzhané Wallis has
grown into a glamorous young lady, and the man who played her father, Dwight
Henry, runs a successful bakery in New Orleans.
Gambit Weekly selected the film as one of the best of 2012 (and I agree). In their
words: “New Orleans filmmaker Benh Zeitlin and his ragtag crew made history
with a magical and utterly original work of Louisiana art.”
Happy New Year, everyone!
-- Translated
by Jake Schneider
For interviews with the two protagonists click here.
Mittwoch, 18. September 2013
Lesen, die zweite
Was das alles mit New Orleans zu tun hat?
Mein Leib- und Magen-Buchladen in New Orleans, Octavia Books
in der gleichnamigen Straße in Uptown New Orleans, ist ein lichter, mit viel
Glas und interessanten Ebenen und Grundriss gestalteter Laden, der auch seit
Katrina nach wie vor brummt (so mein Eindruck, ich kenne keine Zahlen). Woran das liegt? Sicherlich an dem besonderen
Ort, dem ausgewählten New-Orleans-Sortiment, den liebevoll auf Zettelchen
geschriebenen Mitarbeiterempfehlungen, den Lesegruppen und Buchklubs, die sich
dort treffen, der ständig aktuellen Webseite mit Lesetipps und Bestellmöglichkeiten und der Auswahl aus 3 Millionen E-Books. Beeindruckend ist aber auch der Veranstaltungskalender, demzufolge allein im September noch 10
Lesungen stattfinden, darunter auch Kinderbuchlesungen.
Und die Autoren scheinen gern dorthin zu kommen. Am
27. September wird Jesmyn Ward aus ihrem neuen Buch lesen, einem Lebensbericht (neudeutsch: Memoir) unter
dem Titel Men We Reaped (In etwa:
Männer, die wir hervorgebracht haben), in dem sie über fünf junge schwarze
Männer, ihren Bruder und Freunde, schreibt, die viel zu früh gestorben sind,
letztendlich an den Folgen von Rassismus und ökonomischer Benachteiligung (hier die gestrige Besprechung in der New York Times).
Jesmyn Ward war vor zwei Jahren Preisträgerin des National Book Award für ihren Katrina-Roman Salvage the Bones, den ich hier besprochen habe. Jetzt liegt die deutsche Übersetzung von Ulrike Becker unter dem Titel Vor dem Sturm (bei Antje Kunstmann) vor, die übrigens auch als E-Book erhältlich ist. Jesmyn Ward ist erst um die dreißig, aber ich glaube, hier verschafft sich gerade eine wichtige neue Stimme Gehör. (Geheimtipp?)
Jesmyn Ward war vor zwei Jahren Preisträgerin des National Book Award für ihren Katrina-Roman Salvage the Bones, den ich hier besprochen habe. Jetzt liegt die deutsche Übersetzung von Ulrike Becker unter dem Titel Vor dem Sturm (bei Antje Kunstmann) vor, die übrigens auch als E-Book erhältlich ist. Jesmyn Ward ist erst um die dreißig, aber ich glaube, hier verschafft sich gerade eine wichtige neue Stimme Gehör. (Geheimtipp?)
Wenn ich mir eine Lieblingsbuchhandlung hier in Berlin
wünschen dürfte, dann wäre sie wie Octavia Books, nachbarschaftlich, kompetent, ohne Kaffee und anderen Schnickschnack.
Dienstag, 17. September 2013
Lesen -- Vergangenheit und Zukunft?
Letzte Woche war ich bei zwei Veranstaltungen. Die erste war eine Lesung mit Gernot Wolfram in
Britta Gansebohms Salon in der Z-Bar. Es ging um seinen schmalen Essayband Der leuchtende Augenblick – Über Menschen und Orte des Lebens, jetzt bei Hentrich & Hentrich erschienen, aus
dem er mehrere Kapitel las: Über das Lesen in der Synagoge und in der jüdischen
Tradition überhaupt, über die Bibliothek des Kunsthistorikers und
Kulturwissenschaftlers Aby Warburg, der seine Bücher immer wieder nach neuen
Gesichtspunkten ordnete, über das Lesen im Warschauer Ghetto und in der DDR,
und weil wir nicht „so düster in die Pause“ entlassen werden sollten, las
Gernot noch schnell das Kapitel über die Kaffeehäuser. Im Pausengespräch unter
uns befanden wir, dass im Alltag das Lesen gar nicht so sehr vom Ort geprägt
ist – darin sind wir vielleicht privilegiert –, auch wenn sich bestimmte Bücher nicht für das Unruhige und immer
wieder Unterbrechende von U- und S-Bahn eignen oder, wie ein Gast später
meinte, es ungünstig ist, Uwe Tellkamps Der Turm auf einer Südamerikareise lesen zu wollen. Übrigens habe ich in der DDR nicht mit permanenter Angst vor der Stasi in den seltenen Lesungen gesessen, und ich habe auch nicht bei jeder Lektüre zwischen den
Zeilen gesucht.
In der anschließenden Diskussion gaben viele Diskutanten
ihren Senf über Lektürevorzugsorte zum Besten; es ging auch um das Café
Oberholz mit der dort arbeitenden Cybergeneration – sehen und gesehen werden,
auf die Lektüre angesprochen werden. Ein Buch also, das in interessanten, kleinen Vignetten ein Thema ins Bewusstsein rückt, zu dem viele Menschen eigene Erfahrungen und fast alle etwas
zu sagen haben. Faszinierend war für mich vor allem die jüdische Perspektive, eben Warburgs Bibliothek oder das Lesen und Schreiben im Warschauer
Ghetto oder die Synagoge in der Brunnenstraße. Allerdings war der Ort eben dieser Lesung – ein fensterloser, schlecht
beleuchteter und belüfteter Kinosaal – dem Abend nicht zuträglich. Das Buch soll auch als E-Book erhältlich sein.
Am Tag darauf ging es im Literaturhaus in der Fasanenstraße um einen ganz anderen Ort des Lesens,
nämlich, wo sich das Buch eigentlich befindet, in diesem Falle im E-Book. Es war
eine Veranstaltung der Bücherfrauen unter dem Titel „Talkin’ about a
revolution“ mit der Kulturmarketingberaterin Martina Tittel und der Webagentin
Silke Buttgereit. Am Beginn stand eine kurze Erhebung unter den Anwesenden: von
den ca. 40 Zuhörern besaßen vier selbst ein E-Book, die meisten anderen waren
neugierige Silberhaarige so wie ich. Berichtet wurde über die
unterschiedlichen Varianten von E-Books, die Verbreitung, die derzeitige
Entwicklung, die Angst vor dem E-Book, die viele deutsche Verlage so gelähmt
habe, dass sie die Entwicklung verpasst hätten. Beide Referentinnen hielten ein
bessere Verkopplung von Papierbuch und E-Book für angeraten, von Internet und
Laden, und aus dem Publikum kam der Vorschlag, das E-Book durch zusätzliche
Netzangebote, Links usw. aufzumotzen, denn dann wäre der Begriff „revolution“
gerechtfertigt. Es wurden auch ungeklärte Probleme benannt: Zählt das E-Book
zum Kulturgut Buch und gilt die Buchpreisbindung? Warum sind deutsche E-Books
so teuer?
Immer wieder heißt es, das E-Book hätte neue Leserschichten
erschlossen. Ich kann mir vor allem vorstellen, dass es Lesegewohnheiten
verändert. Allerdings sehe ich in U- und S-Bahn nicht viele E-Bücher, sondern nur
Handys oder andere Geräte, auf denen Patience gespielt oder ge-Facebook-t wird.
Ich sehe allerdings wieder mehr Leute, auch junge, die in der Öffentlichkeit
Bücher und manchmal auch dicke Wälzer lesen.
Per se finde ich das E-Book interessant und glaube gern, dass es
auch praktisch ist. Aber lesen um des Vergnügens willen und umso mehr lesen um
des Wissens oder der Arbeit willen werde ich weiter auf Papier und Pappe.
Elektronische Rezensionsexemplare? Geht leider nicht. Und das liegt nicht nur an meinen silbrigen Haaren. Es liegt daran, dass lesen für mich privat ist, auch wenn es zu meinem Beruf gehört, und dass ich mit Büchern lebe. Mit einer kalten, leuchtenden Oberfläche am Frühstückstisch, auf dem Sofa, im Bett, das kann ich und will ich nicht (dabei greift der Computer ohnehin zu viel ins Privatleben über). „Der leuchtende Augenblick“ geschieht für mich immer noch in einem guten, alten Buch.
Dienstag, 10. September 2013
Alice Dunbar-Nelson
Im Februar habe ich hier eine Karnevalsgeschichte eingestellt, in meiner Übersetzung, die zwar etwas melodramatisch ist, aber doch einen kleinen Eindruck des New Orleans am Anfang des 20. Jahrhunderts gibt. Titel: Odalie, geschrieben hatte sie die junge Alice Dunbar-Nelson (1875-1935). Siehe hier.
Inzwischen habe ich mich etwas mehr mit der Autorin beschäftigt und möchte sie hier vorstellen. Geboren wurde sie als Alice Ruth
Moore in New Orleans. Sie war Kreolin und gehörte somit zur „multiracial“,
traditionell französischsprachigen Gruppe der „Farbigen“ („people of color“), obwohl sie
auch fälschlicherweise als Afroamerikanerin geführt wird. Ich habe hier schon erwähnt, dass in New Orleans fast nichts einfach schwarz-weiß ist und es historisch bedingt viele freie Schwarze gab und viele dunkelhäutige Kreolen (siehe Mary Gehmans Buch Free People of Color). Diese
ethnisch-rassische Unbestimmtheit und Fragen der Identität sowie die damit
verbundene Anerkennungshierarchie innerhalb der Minderheit thematisiert Alice Dunbar-Nelson in
einigen ihrer Texte (darunter „The Stones of the Village“ -- „Die Steine des Dorfs": über einen hellhäutigen Aufsteiger, der seine afroamerikanischen Wurzeln verleugnet, „Brass Ankles Speaks“ -- „Messingknöchel spricht sich aus" -- autobiografischer Bericht über ihre Kindheit als fast weißes Mädchen unter Schwarzen).
Alice Dunbar-Nelson studierte an der
Straight University (heute Dillard) und arbeitete ab 1892 als Lehrerin. Sie gründete in Brooklyn eine Mädchenschule. Sie lebte in New York, Washington D.C. und Wilmington, Delaware. Sie war politisch aktiv, setzte sich für die Rechte der Afroamerikaner und Frauen ein, für Bildung und das Frauenwahlrecht, gegen Lynching usw. 1898 heiratete sie den Lyriker
Paul Dunbar, wurde aber nach vier Jahren geschieden. Sie heiratete dann den
Arzt Henry A. Callis und schließlich Robert J. Nelson, einen Lyriker und
Bürgerrechtler. Wie Paul Dunbar wird sie zur Harlem Renaissance gezählt.
Mit 20 erschien ihre erste Kurzgeschichtensammlung Violets and Other Tales; die zweite The Goodness of St. Rocque and Other Stories kam 1899 heraus. Neben Gedichten und Kurzgeschichten begann sie mindestens drei Romane zu
schreiben. Sie verfasste zahlreiche politische Essays und Kolumnen,
akademische Artikel und ein ausführliches Tagebuch.
Einige ihrer
Kurzgeschichten, u. a. „Odalie“ und eine weitere Karnevalsgeschichte „A Carnival Jangle“ sind sehr sentimental, aber in dieser
Sentimentalität gelingt es ihr oft, anhand eines einzelnen Schicksals ein
bestimmtes Problem zu thematisieren.
Mir gefallen vor allem Essays wie „The Woman“, wo sie darüber nachdenkt, warum berufstätige
Frauen eigentlich heiraten sollten. Sie verfasste auch eine Zeitungskolumne
unter dem Titel „From A Woman’s Point of View“, dann umbenannt in „Une Femme
dit“. Interessant ist für mich in ihren früheren Geschichten auch der Bezug auf
New Orleans mit seiner französisch-kreolischen Prägung.
Sonntag, 8. September 2013
Wettrennen auf dem Mississippi
Vor ein paar Tagen in der Welt: ein spannender Bericht über ein Dampferrennen auf dem Mississippi, von New Orleans nach St. Louis im Juni 1870. Die Schiffe hießen "Robert E. Lee" und "Natchez", nach dem Südstaatengeneral und der historischen Stadt in Mississippi am selbigen Fluss benannt. Hier zum Artikel.
Freitag, 6. September 2013
Shotgun-Häuser
Der Häuserstil, um den es hier geht, hat mit der hohen
Mordrate in New Orleans nichts zu tun (erst letzte Woche sind zwei Babys
erschossen worden). Und doch ist er so verbreitet, dass er sich auch in den
ärmeren Vierteln mit hoher Kriminalität findet, aber auch in den schöneren
Gegenden. In einigen der Häuser mögen tatsächlich auch Flinten herumstehen.
Dem Mythos nach heißen diese Schrotflinten-Häuser so,
weil die Räume ohne Flur hintereinander angeordnet sind, so dass alle außer dem
ersten und letzten Raum Durchgangszimmer sind. Rein theoretisch könnte man also bei geöffneten Türen durch das Haus hindurch schießen (oder, weniger schusswaffenorientiert, einen
Stein hindurch werfen oder eine Feige oder ein volles Portemonnaie).
Forschungen haben jedoch ergeben, dass der Name vermutlich von dem
afrikanischen Wort to-gun oder shogon hergeleitet ist und, so wie der Haustyp
selbst, mit afrikanischen Sklaven und
Ex-Sklaven über Hispaniola (also vor allem Haiti) nach New Orleans gelangte, von wo er sich über weite Teile des
Landes verbreitete.
Das Haus hat vorn und hinten kleine Veranden,
die das Haus beschatten, es zur Gemeinschaft hin öffnen und zum Sitzen
einladen. Das ist das typisch Afrikanische an diesen Häusern, das auch
die Lebensart in New Orleans prägt. Noch mehr als Weiße sitzen Afroamerikaner vor dem
Haus, ohne scheinbar etwas zu tun, außer vielleicht reden.
Die Decken sind relativ hoch, um das Haus zu kühlen,
und durch die geöffneten Türen kann die Brise wehen. Obwohl es aus Holz gebaut
ist, eignet es sich für das subtropische Klima. Leider sind solche
althergebrachten, weisen Techniken heute fast hinfällig geworden, weil alle nur
noch frostige, per Klimaanlage gekühlte Räume gewöhnt sind, wo man sich oft
besser ein Strickjäckchen anzieht. Die Häuser stehen immer erhöht auf kleinen Ziegelpfeilern.
Es gibt die normalen, einfachen Shotgun-Häuser, es gibt die Double
Shotguns, wo praktisch zwei spiegelgleiche Gewehrläufe nur durch die gemeinsame
Mittelwand getrennt von vorn nach hinten verlaufen und es gibt das Camelback
Shotgun, bei dem wie ein Kamelhöcker im hinteren Teil ein oder zwei Räume
aufgestockt und über eine Treppe zu erreichen sind. So eines habe ich noch
nicht von innen gesehen und muss es unbedingt nachholen.
Meine Freundin wohnte einige Jahre in einem sehr schönen
Shotgun-Haus an der General Pershing Street mit 5 Räumen, einer davon
das Bad und ganz hinten die Küche. Auch einige der Häuser in Brad Pitts Make It Right NOLA-Projekt mit
umweltfreundlicher Gestaltung und Ausstattung sind ihrem Grundriss nach von
Shotgun-Häusern inspiriert.
Noch eine Bemerkung zu dem Wort NOLA für New Orleans,
Louisiana. Es ist ganz praktisch, wenn man z.B. eine E-Mail schreibt oder auf die Schnelle eine Notiz macht. Und doch klingt
es irgendwie fremd und beflissen, so wie auch Prenzlberg gar nicht mehr geht, obwohl es als
Prenzl. Berg zu DDR-Zeiten okay war. Wir haben damals NO geschrieben
und sagen tut man nach wie vor New Orleans. In diesem interessanten
Blog-Eintrag zur Gentrifizierung und einer weißen Perspektive auf New Orleans
schreibt die Autorin sogar von der Zeit vor Katrina „als wir noch New Orleans und
noch nicht NOLA waren“. NOLA steht für sie für den Ausverkauf, das
Touristischmachen, die Gentrifizierung der Stadt.
Mehr über Shotgun-Häuser findet sich in Wikipedia, und Fotos der
verschiedenen Typen mit einfachem, zweifachem (two-bay) oder dreifachem Eingang
und verschiedener Ornamentik unter Google-Bilder. Diese Häuser wurden übrigens
vorwiegend zwischen 1820 und 1930 gebaut. Eine ausführliche, englischsprachige Darstellung mit Fotos hier.
Freitag, 30. August 2013
Acht Jahre danach
Gestern vor acht Jahren fegte Hurrikan Katrina über die
Bundesstaaten Mississippi und Louisiana hinweg, wobei New Orleans zunächst
relativ gut davonkam, bis die Dämme brachen und die Stadt voller Wasser lief.
Acht Jahre!
Bücher, Filme, auch Lieder haben das Ereignis
dokumentiert und den Untergang von New Orleans besungen. Untergegangen ist New
Orleans nicht, aber die Stadt hat sich, auch in den trocken gebliebenen
Gebieten, radikal verändert, ähnlich wie Berlin seit der Wende. Über tausend
Menschen kamen damals ums Leben und Tausende verloren ihre Häuser und kehrten
nicht zurück. Auch viele ältere Akademiker, die einmal von Berufs oder der
Faszination wegen in die Stadt gezogen waren, ließen sich anderswo nieder, in
Asheville, North Carolina, zum Beispiel. Es wurde renoviert, verschachert,
gentrifiziert, was das Zeug hielt, und dass Ex-Bürgermeister Ray Nagin jetzt
wegen krummer Geschäfte vor Gericht steht, macht die Entwicklung nicht rückgängig.
Hübsch ist es geworden, sauber und farbenfroh, und zugleich boomt die
Kriminalität, obwohl die Offiziellen behaupten, New Orleans habe kein
Kriminalitätsproblem, sondern nur ein Mordproblem.
Gestern wurde mit persönlichen Berichten an Katrina erinnert.
Hier eine Fotoserie, damals und heute. Interessant auch diese Kampagne zur
Umbenennung von Hurrikanen.
Freitag, 9. August 2013
Rerun: The hole in the ozone layer
Sunday, 26 August
2012
A few years ago, when the
discussion about the climate crisis and the hole in the ozone layer was still
raging, we were assured that the state of Brandenburg in northern Germany would
turn into a steppe and that Brandenburg—and thus Berlin as well—would enjoy a
Mediterranean climate. So far that hasn’t really happened; if anything, summers
have become cooler.
The USA on the
other hand has been scorched by one heat wave after another. Like our showery
April-style summers here in Germany, the high temperatures in the USA seem to
be a direct result of climate change.
The fact that
spring is coming earlier each year also appears to be behind the fires raging
in the USA, mainly in the west. Recently there have been fires in Arizona and
Colorado; now they are mainly in northern California and Idaho. So far this
year, 1,423 forest fires have destroyed over 12,065 square miles. You can find
out more on the website of the US Department of Agriculture’s Forest Service.
Another
problem attributed to mild winters and early springs is the West Nile Virus,
which is occurring more frequently in Louisiana and other states. 1,118 people
have already been infected this year (suffering from meningitis, encephalitis
etc.) and a total of 41 have died. 75% of the cases occurred in 5 states:
Texas, Mississippi, Louisiana, South Dakota and Oklahoma—almost half of them in
Texas. 6 people have died in Louisiana so far. A few weeks ago, aerial spraying
of pesticides against mosquitoes in Dallas caused some controversy.
This reminds
me of the little trucks which used to drive through my tree-lined quarter in
Baton Rouge each spring and summer, spraying death to the insects. It probably
wasn’t very healthy, but it was certainly effective. The Center for Disease
Control recommends various products designed to deter mosquitoes, of which DEET
was the only product I could find among those tested and approved by the German
consumer’s association Stiftung Warentest—and even that carries
health risks. So the best advice is to stay indoors, wear long sleeves, and get
rid of standing water and other places where mosquitoes breed.
Global warming
also means that Mississippi water levels are lower than ever before, so that it
is no longer navigable further north, not far from Greenville, Mississippi. By
the middle of the month, 97 ships were stranded there after a barge went
aground (see here). But when Mississippi water levels are so low and less water
is flowing into the Gulf of Mexico, salt water flows back from the Gulf into
the river, whose lower reaches are below sea level, by up to one mile a day.
This usually happens once every 8-10 years, but it now seems to be occurring
more frequently, partly because the navigational channel further north is being
dug deeper all the time to enable bigger ships to pass. This impacts the
drinking water supply, alongside other negative effects.
Plaquemines
Parish lies right on the Gulf and has been directly affected by various
hurricanes (Katrina, Rita and Gustav, among others) as well as the disastrous
oil spill; it now buys drinking water from New Orleans as well as purchasing
some further north which is carried down in barges. Now New Orleans itself is
also threatened (see here).
What’s more,
Hurricane Isaac has now crossed Cuba and Haiti and is on its way to south
Florida and the Keys (including Key West), before carrying on towards the Gulf
coast (see here). Current evacuation routes for New Orleans have already been
determined. So in fact I should be pleased, sitting here at my desk in the
middle of August, wrapped up in a woolly jumper and thick socks—at least I can
relax and work without being threatened by any natural disasters.
Translated by Bridget Schäfer
Montag, 5. August 2013
Briefe: Kurztrip entlang der Memory Lane
Es ist Sommer, Zeit zum Ausmisten. Ich habe mir eine Tüte
mit alten Briefen vorgenommen: Ach, ich sehe sie kurz durch, dachte ich mir,
schmeiße die Hälfte weg, und dann suche ich ein schönes Plätzchen dafür. Es kam
anders.
Es handelt sich vor allem um die Zeit von 1992 bis 1993, als
ich ein Jahr in Ohio war, das ich jetzt fast eine ganze sehr bewegende Woche
lang lesend wieder erlebt habe. Zunächst einmal sind da die Handschriften, die
ich nicht mehr zu lesen gewöhnt bin, die auf sorgfältig ausgewähltem und
manchmal bewusst improvisiertem Untergrund (Brief- oder Schreibpapier,
Notizzettel, verschiedene Kartenkonstellationen, Kalenderblätter usw.) ein
kleines gestaltetes Kunstwerk erschaffen. Jeder einzelne Brief! Der Umschlag
gehört natürlich dazu, und wo er fehlt, ist der Brief irgendwie nackt.
Dann die Erzählungen, meistens ausführlich mit richtigen
Spannungsbögen: Alltagseindrücke, Auswanderungspläne, Liebesgeschichten,
Liebesbeteuerungen und viele Andeutungen zur damals aufkommenden Ausländerfeindlichkeit
in D. und den beruflichen und anderen Umbrüchen und Unsicherheiten im Osten der
Republik. Auch Karten von amerikanischen Freunden mit Reise- und Lageberichten.
Vor allem aus den Briefen von Zuhause steigt viel Wärme auf, nebelt mich
ein, berührt mich, wie es enge Freundschaften und Familienbande tun. Zwischen den Zeilen lese ich, was ich damals geschrieben, gefühlt und
erlebt habe. Dass dieser persönliche kleine Roman für mich entstehen konnte, hat mit dem
Genre/Medium Brief zu tun. Aber auch damit, dass ich weg war und ein Umfeld
zurückließ, das mir solche Briefe schrieb.
Das Ritual, dieser Moment der Einkehr und des ganz bei dem
Anderen Seins, der es war, wenn man sich eine Kerze anzündete, sich hinsetzte
und ein Brief schrieb, das erlebe ich heute nicht mehr, auch wenn ich mal eine
Brief schreibe. Stattdessen ist viel Unruhe in mir, die auch diese Aufgabe
schnell hinter mich bringen möchte. Vielleicht ist uns ein solches Geschenk an Zeit, Gedanken und
Gefühl heutzutage zu groß geworden.
Quälend war es, die Briefe von meinem Damaligen zu lesen,
mit dem ich nie hätte zusammen sein sollen; was ein anderer Ehemaliger mir in seinem abgegriffenen Brief mitteilen wollte, verstand ich dieses Mal sofort. Den
einen Brief von dem Einen habe ich lange hinausgezögert. Zu Recht. Manche
Dinge bringen mich auch nach Jahrzehnten noch zum Schmelzen.
1992 war für mich das Jahr, als ich auf kastenförmigen grauen Apple-Computern
am Antioch College mit E-Mail anfing. Mit Freude. Ich liebe E-Mail. Und doch
werde ich die E-Mails von verflossenen Lieben und Freunden später nicht in
einer Tüte oder einem Karton finden und neugierig durchstöbern. Privates und
Berufliches vermischt und verwischt sich per E-Mail. Fühlen wir auch anders? Zurückdrehen kann und will ich die Zeit nicht, aber im Rückblick sehe ich, was mir heute vielleicht fehlt. Bald werde ich meiner besten (Brief-)Freundin aus jener Zeit, jetzt in Wales, einen ausführlichen, jetzt wieder ersten, Brief schreiben.
Dienstag, 30. Juli 2013
Gescheitert: Ich und Interview mit einem Vampir
Okay, Leute, ich hab’s wirklich versucht. Ungefähr
eine halbe Stunde lang habe ich durchgehalten, länger ging’s nicht. Interview mit einem Vampir (von 1994) nach dem Bestseller von Anne
Rice spielt zum Teil in New Orleans, denn da leben die Vampire auf den
Friedhöfen. Tom Cruise ist der Obervampir (Lestat), der Brad Pitt zum Vampir
beißt, indem sie dann beide beißend/gebissen werdend durch die Luft fliegen!
(Da tat mir Brad Pitt ein bisschen Leid.) Beiden hatte man einen
super-porzellanigen Teint gemalt, mit durchscheinenden Adern, und ihre Augen
sahen so seltsam glasig aus (gelbe Haftschalen, soll sich Brad Pitt
später beklagt haben). Die Eckzähne waren spitz und der Mund innen drin blutig. Es tropft und spritzt sehr viel Blut.
Der Film spielt, jedenfalls die erste halbe Stunde lang,
hauptsächlich im Dunkeln. Sie sitzen auf dem St. Louis Cemetary herum oder auf
Brad Pitts Anwesen, das eigentlich die Oak Alley Plantation ist. Dieser Teil
der Handlung spielt im 18. Jahrhundert, deshalb auch hübsche Kostüme und lange
Haare und gelegentlich Französisch. Auch unter seinen Sklaven sterben
rätselhafterweise immer mehr Menschen (Tom Cruise war's!), obwohl Brad Pitt sich zuerst aus
Menschenliebe? Scham? Pietät? nur an Ratten und Pudel hält. Dabei sieht seine mulattische
Bedienstete eigentlich auch ganz appetitlich... Die Sklaven halten natürlich
Voodoo-Zeremonien ab, opfern dabei Hähne usw., um den Tod zu bannen.
In der Rahmenhandlung wird Brad Pitt von Christian Slater in San Francisco interviewt, der eigentlich wie immer großartig sich selbst spielt. Später macht Brad aus der damals noch kleinen Kirsten Dunst
einen Vampir, und es geht nach London usw., aber das habe ich nur im Internet
gelesen. Was Antonio Banderas genau dort macht, weiß ich leider nicht.
In der Times-Picayune heißt es, dass der Film für heute zu
überkandidelt ist und nicht funktioniert. Brad Pitt redet auch nicht gut
darüber, aber er hat sich während der Dreharbeiten, wo er tagsüber immer mit
dem Fahrrad herumgekurvt ist, in New Orleans verliebt und wohin das geführt
hat, wissen wir ja. (Vom Fahrrad zum Privatjet, den er Angelina dieser Tage
geschenkt hat.) Der Film wurde in New Orleans gedreht, bevor es noch mehr in wurde und bevor der Bundesstaat mit jeder Menge
Filmförderung gelockt hat, und der Film wurde gedreht, bevor Vampire in waren. Aber irgendwie reicht das eben nicht.
Mittwoch, 17. Juli 2013
Rerun: Riding a Bike
Monday, 16 January 2012
Riding a bike
Riding a bike
The League of American Bicyclists
has brought out a new map of the USA, which lists the ten most important
bicycle cities in the US. The criterion for this is not leisure-time cycling
but the number of “bicycle commuters” each place has. These are the people who
really use their bicycles as serious means of transport, for instance
travelling to and from work. The places leading the list are Portland,
Minneapolis and Seattle, but number six—and this is something of a surprise—is
New Orleans, coming ahead of Washington D.C., Philadelphia and Boston.
I had heard of friends
there who ride bicycles, and it certainly makes sense: the terrain is
wonderfully flat and the traffic unhurried. So when I am in New Orleans I ride
my bike as well. But most of the other cyclists, I note, are not en route to
anywhere in particular but, in an almost anarchistic way, are just cycling
around the area. So I am both surprised and pleased by that, because New
Orleans is known above all for its respected culture and traditions, and rather
less for the modernity and creativity that it also has, cycling being for me a
part of this.
The daily New Orleans Times Picayune has now again run a little photo competition under the motto “NOLA from
your bike,” open until 31st January 2012. And for this there is also a photo
gallery here, one of the items included being a photo of the park bearing the
name “the Fly.”
But today, also in New
Orleans, there will not actually be too many casual cyclists riding around
because it is Martin Luther King Day, one of the few national holidays, when
federal, state and other public institutions, schools, universities and so on
are closed.
Translated by John Manning
Montag, 15. Juli 2013
Fotos vom San Fermin-Stierlauf in New Orleans
Sonntag, 14. Juli 2013
Nachtrag
Langston Hughes’ Simpel spricht sich aus habe ich in der Übersetzung von Günther Klotz jetzt noch einmal gelesen und finde es auf die Dauer schon anstrengend, so eine verschliffene Sprache zu lesen, bei der
Umgangssprache durch falsche Grammatik wiedergegeben wird wie sie auch im Dialekt niemand verwendet. Auch der Duktus der Figur Simpel ist nicht durchweg
liebenswert.
Auffallend ist die enorme Sachkenntnis des Übersetzers, die
sich auch im Glossar zeigt. Zum Beispiel erklärt er die Formel „taxation
without representation“ (Besteuerung ohne parlamentarische Vertretung ist
Tyrannei) als eine Losung im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, da eben
Kolonien zwar besteuert wurden, aber nicht politisch vertreten waren. Diese Losung wird übrigens heute auch von Bewohnern des District of Columbia (d.h. der
Hauptstadt Washington) gepflegt, denn auch sie sind nicht im Kongress
vertreten, müssen aber Steuern zahlen. Aber da sie nicht politisch
vertreten sind, fehlt wohl der politische Wille, ihre parlamentarische Vertretung
durchzusetzen. In dem Buch bezog sich der Satz auf die damalige Situation der Afroamerikaner.
Auch sehr schön gelöst ist das Wortspiel mit „Bar“, pass the
bar heißt ja die Anwaltsprüfung bestehen, aber bar heißt eben auch Bar. Mir hat
man vor langer Zeit mal einen Anstecker geschenkt: I passed the bar and stayed there – Ich bin an der Bar vorbeikommen und
gleich geblieben.
Hier der Dialog aus dem Buch:
Hier der Dialog aus dem Buch:
„...du solltest Redner werden.“
„Hm, ich hab Angst vor den Publikum. Mein Platz ist bei der
Bar.“
„Bei der Gerichts-Bar-keit
als redefleißiger Anwalt?“
„Bein Gericht haben se keine richtige Bar.“
Auch interessant fand ich die Lösung für das Wort bitch, das
eigentlich Hündin heißt, aber auch als Schimpfwort für (unangenehme) Frauen
verwendet wird. „Petze“ heißt es bei Günther Klotz und im Duden fand ich „Petze“ in der Bedeutung als Hündin in bestimmten Landstrichen (allerdings nicht in meinem). Auch so ein Dauerbrenner der Übersetzungsschwierigkeiten.
Vor allem das Nachwort, das gar nicht so vordergründig
sozialistisch ist, sondern gut auf die Situation der Afroamerikaner und die
Entstehung des Buches eingeht, datiert aber das Buch. Es ist von 1960, also
noch vor dem Mauerbau, und dort werden Wörter wie „Negerzeitung“, „Negerkirche“
usw. wertneutral verwendet. Das geht natürlich heute nicht, aber für
die Verwendung des Wortes in historischen Texten selbst ist die Diskussion
angestoßen und nicht beendet, sowohl in den USA wie auch hier.
Auf ironische, aber treffende Weise thematisiert Simpel die ungerechte Behandlung der Schwarzen, und in diesen Tagen zeigt sich besonders deutlich, wie weit das Land noch von wahrer Emanzipation entfernt ist. Der Neighborhood-Watch-Eiferer George Zimmerman ist heute freigesprochen worden, obwohl er den jungen Trayvon Martin ohne Not getötet hat. Viele Facebook-Kommentare weisen darauf hin, dass es sicher anders ausgegangen wäre, wenn George Zimmerman schwarz und Trayvon Martin weiß gewesen wäre. Auf der Titelseite von http://www.washingtonpost.com/ ist ein junger Schwarzer namens Will Reese zu sehen, der in Harlem mit einem Schild an der Straße steht. Darauf heißt es: Honk! Justice for Trayvon Martin! (Hupen! Gerechtigkeit für Trayvon Martin!)
Auf ironische, aber treffende Weise thematisiert Simpel die ungerechte Behandlung der Schwarzen, und in diesen Tagen zeigt sich besonders deutlich, wie weit das Land noch von wahrer Emanzipation entfernt ist. Der Neighborhood-Watch-Eiferer George Zimmerman ist heute freigesprochen worden, obwohl er den jungen Trayvon Martin ohne Not getötet hat. Viele Facebook-Kommentare weisen darauf hin, dass es sicher anders ausgegangen wäre, wenn George Zimmerman schwarz und Trayvon Martin weiß gewesen wäre. Auf der Titelseite von http://www.washingtonpost.com/ ist ein junger Schwarzer namens Will Reese zu sehen, der in Harlem mit einem Schild an der Straße steht. Darauf heißt es: Honk! Justice for Trayvon Martin! (Hupen! Gerechtigkeit für Trayvon Martin!)
Noch ein Wort zu Robert Hemenway (*1941), dem
Wiederentdecker von Zora Neale Hurston. Neben ihrer Biographie, einem
Klassiker, schrieb er noch andere Bücher und Artikel zu afroamerikanischer
Literatur und unterrichtete weiter als Professor für Englisch. 16 Jahre lang
war er auch der sehr erfolgreiche Kanzler der University of Kentucky in
Lexington, Kentucky und dann von 1995 bis 2009 Kanzler der University of Kansas
mit mehreren Campussen.
Heute ist übrigens Bastille Day... Vive la République!
Heute ist übrigens Bastille Day... Vive la République!
Samstag, 6. Juli 2013
Zora Neale Hurston: Their Eyes Were Watching God
Es war einmal ein junger weißer Englischprofessor aus
Nebraska namens Robert Hemenway, der las so gegen Ende der sechziger Jahre Their
Eyes Were Watching God und war hingerissen.
Also wollte er mehr über die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston
(1891-1960) in Erfahrung bringen. Doch er merkte schnell, dass sie nicht nur
nahezu vergessen war, sondern dass auch viele widersprüchliche Informationen
über ihr Leben kursierten. So packte er seine Sachen, kaufte sich einen Pickup-Camper
(einen Pickup-Truck mit Schlafaufsatz) und reiste kreuz und quer durch die
östliche Hälfte der USA auf den Spuren seiner Autorin. 1977 erschien dann seine
wegweisende Biografie über sie, die eine ganze Welle der Wiederentdeckung auslöste.
(Mich erinnert diese Geschichte ein klein wenig an den
großartigen Film Sugarman, den ich vor
ein paar Wochen gesehen habe, nur dass es dort um einen mexikanischstämmigen
Musiker aus Detroit ging, der sogar noch lebte, und durch seine
Wiederentdeckung und dann noch mal durch den Film einen späten Ruhm und
Anerkennung erleben durfte. Zora Neale Hurston war eine schwarze Frau, noch
dazu aus dem Süden, interessierte sich für die einfachen Menschen und ihre
Sprache und Bräuche. Sie starb verarmt und unbekannt.)
Zunächst einmal begannen die African American Studies-Leute,
sich für sie zu interessieren, allen voran die noch heute sehr aktive Koryphäe, der Harvardprofessor Henry Louis Gates. Dann machte sich die Schriftstellerin
Alice Walker auf die Suche, die sich aus womanistischer Sicht für sie
interessierte. In ihrem Essayband In Search of Our Mother’s Gardens von 1973 berichtet Walker über ihre fast erfolglose
Suche nach dem verwilderten Grab von Zora Neale Hurston in Florida. (Darin erwähnt
sie auch, wie sie bei ihrem Anflug auf Orlando vom Fenster aus Sanford,
Florida sah. Das ist der Ort, in dem vor einem Jahr der Jugendliche Trayvon Martin
erschossen wurde und wo jetzt der viel beachtete und kontroverse Prozess gegen
George Zimmerman läuft, der seinen Tod auf dem Gewissen hat.) Dieser Essay ist
übrigens in der deutschen Ausgabe Auf der Suche nach den Gärten
unserer Mütter (Übersetzt von Gertraude
Krueger, Frauenbuchverlag 1987) nicht enthalten, dafür in einen zweitem Band, Die Erfahrung des Südens. Good Morning Revolution (Übersetzt von Thomas Lindquist und Helga Pfetsch, Frauenbuchverlag 1988 bzw. Goldmann), in dem es zwei Essays zu der Autorin gibt. Es sind "Zora Neale Hurston: Eine Geschichte mit Moral und eine parteiische Ansicht" und "Auf der Suche nach Zora".
Seitdem also steht Zora Neale Hurston bei den African
American Studies, bei den Frauen und bei den American Literature-Leuten auf der
Leseliste. Zu Recht. Doch in den offiziellen Kanon der amerikanischen Literatur
hat sie es noch nicht geschafft, so scheint es mir: zu schwarz, zu eigenwillig,
zu südlich.
Zora Neale Hurston war ja nicht nur Autorin der Harlem
Renaissance und Schriftstellerin, sondern auch Ethnologin, und so reiste sie
durch die Gegend und sammelte Geschichten und Sprache „ihrer“ Leute. Sie tat
das mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie auch heute noch nicht unbedingt
selbstverständlich ist. Möglicherweise hat das damit zu tun, dass sie in
Eatonville, Florida, aufwuchs, einer der wenigen ausdrücklich
afroamerikanischen Gründungen, wo ihr Vater lange Zeit Bürgermeister war und wo man
sich lange Zeit nur unter Schwarzen bewegte und mit Weißen gar nicht groß
abgeben musste. Heute gibt es in Eatonville ein Zora Neale Hurston National
Museum of Fine Arts.
Hurston studierte an der renommierten schwarzen Howard
University in Washington, D.C., dann bei Columbia in New York. Sie lebte in New
York, forschte zum Hoodoo in New Orleans, reiste durch die Karibik und
veröffentlichte Kurzgeschichten, Romane und ethnologische Studien und
Sammlungen. In Their Eyes Were Watching God
(1937) lässt sie ihre afroamerikanischen Figuren in der örtlichen Mundart
sprechen. Ihre (männlichen) Kollegen nahmen ihr das übel, hielten es vermutlich
für eine Art Verrat an den Schwarzen, allen voran Richard Wright, Autor des
Protestromans Native Son (1941),
der darin Rassismus, Unterdrückung und Lynchjustiz thematisiert und wo die
Gewalt und Stigmatisierung, wie auch in If He Hollers Let Him Go (1946) von Chester Himes, stark sexualisiert ist.
Richard Wright also warf dem Roman vor, die Schwarzen wie in einer Minstrel
Show lächerlich zu machen. Ein vernichtendes Urteil.
Doch in Their Eyes Were Watching God geht es nicht so sehr um Rassismus, denn Weiße
tauchen gar nicht auf, höchstens ein wenig darum, dass unter den
Afroamerikanern die Hellhäutigen oft als schöner gelten und andererseits auch dafür
verspottet werden. Und es geht auch nicht um Sex, sondern um Liebe. Es geht um
die Hauptfigur Janie, die sich nach einer akzeptierenden, ebenbürtigen Liebe
sehnt und sie, ohne selbst aktiv zu werden, nach allerlei Hindernissen auch
findet, in dem um einiges jüngeren Tea Cake. Mit ihm kann sie das Leben in
vollen Zügen genießen, lernt über Eifersucht und Treue, über Sein und
Seinlassen. Zerstört wird diese Liebe durch einen verheerenden Hurrikan, den
sie am Okeechobee-See in Florida erleben, wo Tea Cake sie in den Fluten vor
einem tollwütigen Hund rettet und selbst von ihm gebissen wird. Um ihr Leben zu
retten, muss Janie ihre große Liebe erschießen. (Die Darstellung von Hurrikanen in der Literatur ist auch noch mal ein Kapitel für sich, siehe Jesmyn Wards Salvage the Bones.)
In der Rahmenhandlung kehrt Janie danach in ihren Heimatort
Eatonville zurück, wo die Nachbarn reden und sich das Maul zerreißen. Denn
einfach eine schwarze Frau zu sein, die wirkliche Liebe sucht und lebt, die
sich mit nicht weniger zufrieden geben will und die sich so anzieht, wie sie
möchte, das passt bis heute nicht so recht in das allgemein vorgesehene
Rollenmuster für schwarze Frauen. Und so ist Zora Neale Hurstons Liebesroman auch schon revolutionär.
Dialekt, Umgangssprache, Mundart in der Literatur ist immer
ungewöhnlich und problematisch. Aber im Deutschen noch viel mehr, wo solche Sprache
nach wie vor stark regional markiert ist und deshalb leicht lächerlich oder
ironisch oder verniedlichend klingen kann. Was macht man also damit in der
Übersetzung? Eines der ersten Beispiele, an das ich mich erinnern konnte, war Simple Speaks His Mind von
Hurstons Harlem-Renaissance-Kollegen Langston Hughes aus den vierziger Jahren.
Darin ist die Gossensprache auch wieder Stilmittel, denn sie charakterisiert
einerseits die Hauptfigur als einfach gestrickt, aber doch mit Weisheit und
Kritikvermögen gerüstet, so dass er soziale Missstände scheinbar unbedarft
karikiert und in Frage stellt. 1960 erschien das Buch zum ersten Mal in der
deutschen Übersetzung von Günther Klotz als Simpel spricht sich aus im Aufbauverlag in der DDR. Günther Klotz ist mir
sonst weiter kein Begriff, aber in seinem Nachwort thematisiert er auch die
Übersetzung: „Mehr als bei anderen Büchern muß die Übersetzung Ersatz sein,
denn sie kann mit der leichten Verschleifung der Hochsprache die eigentümliche
Qualität des Originals nur andeuten.“ Das klingt bescheiden, aber in meiner
Erinnerung tat er das ganz geschickt und lesbar; die Neuübersetzung von Evelyn Steinthaler
im Milena-Verlag scheint neutraler zu sein.
Their Eyes Were Watching God wurde zunächst 1993 von Barbara Henninges für den Ammann-Verlag
übersetzt, als Und ihre Augen schauten Gott. Wie alle Erstübersetzungen ist auch diese
verdienstvoll, denn sie erschließt diesen schwierigen und eigentümlichen Text
furchtlos und korrekt fürs Deutsche, ergänzt ihn durch ein informatives Glossar.
Immer wieder bewundere ich wie Übersetzer das früher ohne Internet gemacht
haben (besonders auch in der DDR ohne Reisemöglichkeiten), denn so gebildet,
belesen und weit gereist man auch sein mag, jeder Text stellt einen doch immer wieder vor neue Schwierigkeiten. Die Mundart bringt die Übersetzerin als Dialekt in unsere
Sprache, für mich liest sie sich nach Ruhrpott, andere sehen sie als
rheinischen Kunstdialekt. Es mag dafür Rechtfertigungen geben -- auch eine
Redeweise armer Leute, regional geprägt usw. -- doch irgendwie macht man so etwas
heute nicht mehr und für mich funktioniert es einfach nicht.
Für die Edition Fünf, die persönliche Lieblingsbücher von
Frauen nicht nur für Frauen verlegt, hat sich ein Mann der Neuübersetzung
angenommen, Hans-Ulrich Möhring, und noch dazu bekennt er, dass dieses Buch, Vor ihren Augen sahen sie Gott, ein
Traumprojekt war und damit eines seiner am Horizont fahrenden Schiffe in den
Hafen eingelaufen ist. Beides ist ungewöhnlich. Auch er berichtet in einem
Nachwort über das Buch und die Autorin und über sein Verfahren. Die Verlegerin
Silke Weniger hat mir das so zusammengefasst (und mich damit neugierig
gemacht): Er übersetzt, indem er einzelne Sätze im Original stehen lässt. Er selbst beschreibt den Blues als sein leitendes Prinzip. Das liest sich dann
zum Beispiel so: „Ah was skeered. Ich hatte Schiss.“ (Bei Barbara Henninges
steht: Ich hatte Anx.) oder „Dann musst du ihnen sagen, dass die Liebe nicht so
was ist wie ein Schleifstein, der überall gleich ist und mit allem das Gleiche
macht, wo er mit in Berührung kommt. Love is lak de sea. Wie das Meer ist die
Liebe, immer in Bewegung, aber seine Form kriegt es erst von der Küste, an die
es trifft, und die ist von Küste zu Küste anders.“ Für mich entsteht durch diese Doppelung eine interessante
Intensität. Es ist, als ob sich die Figuren selbst dolmetschen, selbst erklären
und noch kompetenter über sich selbst sprechen.
Überhaupt die Liebe. In meiner kleinen Bücher-Kolumne habe ich sie als grundlegende Übersetzungsmethode für diesen Text ausgemacht, denn das Deutsche stattet die Figuren mit einem besonderen, warmen Witz aus, zeichnet sie mit viel Liebe. Auch in Möhrings eigenem Roman, Vom Schweigen meines Übersetzers (Fahrenheit-Verlag 2008), geht es nicht nur um einen amerikanischen Schriftsteller, der in Deutschland seinem Übersetzer und seiner eigenen Familiengeschichte begegnet, sondern auch um das Übersetzen und Schreiben und die Liebe: „Liebe“, sagt er. „Wirst du deswegen Übersetzer? Vielleicht. Du hast eine Zeitlang im Ausland gelebt, die Lebensweise gefällt dir, die andere Art der Menschen, die Landschaft, das Klima, die Sitten und Gebräuche – die Sprache. Oder du liebst die Literatur eines Landes, einer Epoche, eines Milieus, wünschst dir einen weiteren Horizont – oder wenigstens eine andere Enge als die gewohnte. Wie kannst du, in der Form eines Berufs, deiner Liebe nahe blieben? Andere mag motivieren was will, aber du, Liebestäterin die du bist, kannst du die Liebe bewahren? Wenn du merkst, dass du mit deiner Arbeit keine Karriere machen kannst, kaum die Butter aufs Brot verdienst. Du sagst dir die Wichtigkeit deiner Arbeit vor: du bist Kulturvermittler, Völkerverbinder, was weiß ich. Du engagierst dich in deinem Berufsverband. Vielleicht gewinnst du ein bescheidenes Ansehen. Vielleicht nicht. Aber du musst den Alltag ertragen. Alle müssen das.“
Überhaupt die Liebe. In meiner kleinen Bücher-Kolumne habe ich sie als grundlegende Übersetzungsmethode für diesen Text ausgemacht, denn das Deutsche stattet die Figuren mit einem besonderen, warmen Witz aus, zeichnet sie mit viel Liebe. Auch in Möhrings eigenem Roman, Vom Schweigen meines Übersetzers (Fahrenheit-Verlag 2008), geht es nicht nur um einen amerikanischen Schriftsteller, der in Deutschland seinem Übersetzer und seiner eigenen Familiengeschichte begegnet, sondern auch um das Übersetzen und Schreiben und die Liebe: „Liebe“, sagt er. „Wirst du deswegen Übersetzer? Vielleicht. Du hast eine Zeitlang im Ausland gelebt, die Lebensweise gefällt dir, die andere Art der Menschen, die Landschaft, das Klima, die Sitten und Gebräuche – die Sprache. Oder du liebst die Literatur eines Landes, einer Epoche, eines Milieus, wünschst dir einen weiteren Horizont – oder wenigstens eine andere Enge als die gewohnte. Wie kannst du, in der Form eines Berufs, deiner Liebe nahe blieben? Andere mag motivieren was will, aber du, Liebestäterin die du bist, kannst du die Liebe bewahren? Wenn du merkst, dass du mit deiner Arbeit keine Karriere machen kannst, kaum die Butter aufs Brot verdienst. Du sagst dir die Wichtigkeit deiner Arbeit vor: du bist Kulturvermittler, Völkerverbinder, was weiß ich. Du engagierst dich in deinem Berufsverband. Vielleicht gewinnst du ein bescheidenes Ansehen. Vielleicht nicht. Aber du musst den Alltag ertragen. Alle müssen das.“
Das klingt ziemlich ernüchternd, aber das Traumprojekt kam
erst nach diesem Roman. In der Zeitschrift Übersetzen 01/13 haben übrigens
Lektorin Karen Nölle und der Übersetzer über ihre enge Zusammenarbeit
berichtet. Und für mich ist es auch diese besondere Konstellation, die Liebe
zwischen Lektorat und Übersetzung, die Vor ihren Augen sahen sie Gott auch auf Deutsch so liebens- äh
lesenwert macht.
Übrigens: Der Traum ist die Wahrheit, eine lange Nacht über Zora Neale Hurston von Daniela Kletzke und Hans-Ulrich Möhring demnächst im Radio, Deutschlandradio Kultur am 20.7.2013 von 0:05 Uhr bis 3:00 Uhr und Deutschlandfunk am 20.7. um 23:05 Uhr bis 21.7.2013 um 2:00 Uhr.
Übrigens: Der Traum ist die Wahrheit, eine lange Nacht über Zora Neale Hurston von Daniela Kletzke und Hans-Ulrich Möhring demnächst im Radio, Deutschlandradio Kultur am 20.7.2013 von 0:05 Uhr bis 3:00 Uhr und Deutschlandfunk am 20.7. um 23:05 Uhr bis 21.7.2013 um 2:00 Uhr.
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