Ich wollte mich selbst vergewissern, wie unheimlich (so Stephen King bzw. sein Übersetzer) das Haus aussieht, in dem Lee Harvey Oswald mit Frau und Töchterchen wohnte, bevor er nach Dallas zog, wo er möglicherweise?/vermutlich? Präsident Kennedy erschossen hat.
Das Haus, das ich im Internet gefunden und auf das ich hier verwiesen hatte, war es nicht, denn das waren die Nummern 4901 und 4903. Als ich mich so umguckte, sprach mich eine Frau an, die gerade mit der Heckenschere an der Einfahrt herumschnippelte. Sie hieß Diane West und lebte als kleines Mädchen gleich um die Ecke, als Oswald dort wohnte. Er war komisch und er trug einen schwarzen Hut, so erinnert sie sich. Jetzt wohnt sie mit einem (ihrem?) Mann in dem kleinen Gartenhäuschen. Dann zeigte sie mir noch ein Haus in der Seitenstraße, das gerade ein berühmter Architekt baut und eine ganze Häuserzeile, die jemand abgebrannt hatte. Es kommen öfter Leute, um nach dem Haus zu suchen, meinte sie. Oswald, so glaubt sie, wurde reingelegt.
Unheimlich sieht das Häuschen jedenfalls nicht aus.
Freitag, 28. September 2012
Dienstag, 25. September 2012
Erntemond
Die Zeit vergeht wie im Fluge, außer natürlich während des Fluges, vor allem über den Atlantik, endlose Minuten und Stunden, wo die Beine zu lang sind und der Kopf zu schwer und umgekehrt, wo man zu müde ist, um zu lesen oder einen Film zu sehen, und zu wach, um zu schlafen, und wo das Tablett mit der willkommenen und längst aufgegessenen Abwechslung, wie es scheint, stundenlang nicht weggeräumt wird.
Mittwoch vor einer Woche war ich beim Harvest the Music-Fest auf dem Lafayette Square gleich vor dem Bundesgerichtsgebäude. Es spielten die Iguanas (siehe auch hier). Das Volk stand herum und redete und die Kinder kletterten auf einer Skulptur herum. Speisen und Getränke gab es auf Marken an Ständen, aber es wurde auch Schmuck und anderes verkauft. Neben der Bühne tanzten junge Elfen mit blinkenden Hulahup-Reifen. Es war ein Sommerabend, wie wir ihn in Berlin den ganzen Sommer nicht hatten, die Iguanas spielten, es wurde dunkel, und die Welt war ganz in Ordnung. Ich hatte mich gleich in ein T-Shirt verguckt und habe es nach langem Zögern doch gekauft.
Morgen ist wieder Harvest the Music auf dem Lafayette Square. Es spielt Dr. John. Ich werde nicht da sein, aber meine Freunde werden an mich denken und auf mich anstoßen. Aber so ein November in Berlin im September hat doch auch seinen Reiz?
Am 30. ist hier wieder Vollmond, schon am 29. in New Orleans - dort ist es der sogenannte Harvest Moon, Erntemond. Hier ist der vom letzten Jahr (am Lake Pontchartrain, mit Grillenzirpen im Hintergrund).
Das T-Shirt mit Kofferknitterung.
Mittwoch vor einer Woche war ich beim Harvest the Music-Fest auf dem Lafayette Square gleich vor dem Bundesgerichtsgebäude. Es spielten die Iguanas (siehe auch hier). Das Volk stand herum und redete und die Kinder kletterten auf einer Skulptur herum. Speisen und Getränke gab es auf Marken an Ständen, aber es wurde auch Schmuck und anderes verkauft. Neben der Bühne tanzten junge Elfen mit blinkenden Hulahup-Reifen. Es war ein Sommerabend, wie wir ihn in Berlin den ganzen Sommer nicht hatten, die Iguanas spielten, es wurde dunkel, und die Welt war ganz in Ordnung. Ich hatte mich gleich in ein T-Shirt verguckt und habe es nach langem Zögern doch gekauft.
Morgen ist wieder Harvest the Music auf dem Lafayette Square. Es spielt Dr. John. Ich werde nicht da sein, aber meine Freunde werden an mich denken und auf mich anstoßen. Aber so ein November in Berlin im September hat doch auch seinen Reiz?
Am 30. ist hier wieder Vollmond, schon am 29. in New Orleans - dort ist es der sogenannte Harvest Moon, Erntemond. Hier ist der vom letzten Jahr (am Lake Pontchartrain, mit Grillenzirpen im Hintergrund).
Das T-Shirt mit Kofferknitterung.
Dienstag, 18. September 2012
Liebes Universum,
Du wunderst Dich vermutlich, warum mein ökologischer
Fußabdruck in den letzten zwei Wochen explodiert ist und ich mit
Riesenquadratlatschen die Umwelt verpeste. Die Antwort ist einfach: Ich bin den USA.
Und weil ich hier nur zu Besuch bin, kann ich mich nicht so einrichten, wie ich es
gern möchte.
Zunächst der Transport: Flugzeuge haben mich und mein Gepäck
über mehr als 8200 Kilometer hierher gebracht und werden mich hoffentlich die
über 8500 Kilometer wieder heil nach Hause bringen. Dabei senden sie
unglaubliche Mengen an Abgasen direkt in den verwundbaren Himmel. Zum Glück
kommt das in meinem Fall inzwischen sehr selten vor und bei der nächsten
Honorarzahlung werde ich mit einer Spende um Wiedergutmachung bitten.
Dann habe
ich einen kleinen Mietwagen, der nicht jeden Tag zum Einsatz kommt, weil ich
mich bei vielen netten Menschen aufhalte, aber dafür legt er beachtliche
Strecken zurück (mittlerweile ca. 1000 Meilen). Leider ist dieser essentiell,
weil ich sonst in einem Maße auf die Fahrdienste Anderer angewiesen wäre, wie
sie vielleicht berühmten Schriftstellern zuteil werden. Das mit dem
vegetarischen Essen darf ich für die Zeit hier auch nicht so eng sehen und so
werden die Flugzeuge schwerer an mir zurücktragen und unzählige Tiere, vor allem
Rinder, werden für mich ihr Leben gelassen haben, natürlich nicht, ohne vorher
jede Mengen Methan in die Atmosphäre auszustoßen. (Der Verzicht auf Fleisch und Milchprodukte, so habe ich kürzlich in
der Sendung Freakonomics auf NPR gehört-hier, ist der sicherste Weg sich umweltverträglich zu ernähren. Läuft leider nicht auf NPRBerlin.)
Und dann der Müll: Was auf dem Flug schon an Wegwerfbechern
und -besteck und Verpackungen verbraucht wurde, obwohl es angeblich recycelt
wird! Hier wird in all den Coffeeshops nur noch in Pappbechern, -tellern und
Papiertüten serviert und wenn ich um Leitungswasser bitte, bekomme ich es in
einem dünnen, durchsichtigen Becher, der schon bei der zweiten Verwendung
unerträglich nach Plaste schmeckt. Wenigstens die Strohhalme lasse ich jetzt
weg.
Dann wäre da noch die Klimaanlage, die ständig läuft und für
mich meist viel zu kalt eingestellt ist. Am Sonntag auf einer Lesung in der
Baton Rouge Gallery war sie auf 71 Grad Fahrenheit (ca. 22°) gestellt, bei 96
Grad (ca. 36°) draußen! Jetzt sitze ich ganz unventiliert auf einer gazeumzäunten
Veranda und schon nach nur ein paar Tagen in Louisiana ist mir, als würde ich
irgendwie frisch leuchten. Nicht wegen, sondern trotz der Klimaanlage...
Ich gebe zu, dass es insgeheim auch einen gewissen Reiz hat, so sorglos und im Überfluss zu verschwenden wie die meisten Amerikaner. Aber schon nächste Woche, liebes Universum, werde ich wieder brav einsparen und recyceln, werde radeln, laufen, zur Bahn rennen und mit ihr fahren, und werde unzähligen Tieren ihr Leben lassen. Bis dann!
Ich gebe zu, dass es insgeheim auch einen gewissen Reiz hat, so sorglos und im Überfluss zu verschwenden wie die meisten Amerikaner. Aber schon nächste Woche, liebes Universum, werde ich wieder brav einsparen und recyceln, werde radeln, laufen, zur Bahn rennen und mit ihr fahren, und werde unzähligen Tieren ihr Leben lassen. Bis dann!
Mittwoch, 12. September 2012
In Missouri
Wenn man wissen möchte, was mit „middle America“ gemeint ist, sollte man unbedingt nach Missouri reisen. Nach St. Louis oder wie ich nach Branson, wo vor allem das „middle America“ im Rentenalter hinfährt, in den Ozarks, einem Mittelgebirge im Südwesten von Missouri, gelegen. Man fährt nach Branson, um sich für unerhört hohe Eintrittspreise irgendwelche „Shows“ anzusehen, Schnulzensänger, Komiker, chinesische Akrobaten, die alle ihre eigenen Theater haben. Ich habe auch Werbung gesehen für „Southern Gospel“, fünf weiße Männer in Anzügen, für zwölf Tenöre aus Kentucky, auch für Cajun-Bands. Entlang der hügeligen Straßen reiht sich Kettenrestaurant an Kettenhotel und Theater an Rummelattraktion. Einen Damm mit einem künstlichen See gibt es auch, den Table Rock Lake, den das US Army Corps of Engineers betreibt und wo es sich in einem Besucherzentrum erklärt. Branson ist ein Urlaubsort, wo das Künstliche gefeiert wird.
Wir haben uns wieder einmal das klassische Freilufttheaterstück „Shepherd of the Hills“ (Schäfer der Berge) angesehen, das vor 100 Jahren in den Ozarks spielt. Am Anfang wird die Nationalhymne gespielt und die Reiter laufen mit Pferden und Fahnen eine Choreographie ab, während alle aufstehen und die Hand aufs Herz legen. Dann werden die Veteranen gebeten aufzustehen. Es wird noch ein wenig herumgescherzt, mit uns wenigen Besuchern an einem Montag im September, und dann fängt es ganz einfach und nahtlos irgendwie an. Es geht um böse Banditen, die alle terrorisieren, ein schönes Mädchen, das mehrere Männer begehren, um Liebe, Tod, Vergebung und Rache. Es geht einigermaßen glimpflich aus, aber vorher wird herumgeballert und geschrieen, getanzt und darüber philosophiert, was eine Lady ausmacht. Eine wichtige Rolle spielen die Pferde, mit denen man auf die Bühne gefegt kommt, als Reiter oder in einer Kutsche, oder die Maultiere, die mit den Pferden am Rand herumstehen, und vor allem auch die kleine Schafherde, die an einer Stelle mit Karacho von links nach rechts über die Spielfläche jagt. Eine Hütte wird auch in Brand gesetzt. Das alles ist so spannend, dass man kaum bemerkt, wie es dunkel geworden ist und die Sterne am klaren Himmel funkeln.
Nur um dieses Stück ein zweites Mal zu sehen, bin ich natürlich nicht nach Branson gefahren. Ungefähr zehn Meilen nördlich der Stadt befindet sich das Bonniebrook-Museumshaus für die Künstlerin Rose O’Neill, die dort mit ihren Eltern und Geschwistern, zeitweise auch mit Ehemännern und Künstlerfreunden bis 1944 lebte. Etwas versteckt in den dichten Laubwäldern der Ozarks liegt das Haus an einem Bach, den sie Bonniebrook nannte. Rose O’Neill ist die Erfinderin und Schöpferin der „Kewpie Dolls“, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ein Renner waren, als Puppen, als Illustrationen, als Comic, auf Tellern usw. Nur wegen der „hässlichen Puppen“, wie sie mein Onkel etwas nonchalant bezeichnete, muss man natürlich nicht dorthin fahren. Doch mit ihren Kewpies traf Rose O’Neill den Geschmack der Zeit, konnte ihre eigene finanzielle Unabhängigkeit sichern und über Jahrzehnte hinweg für ihre gesamte Familie sorgen. Ursprünglich aus Omaha, Nebraska, zog sie nach New York, studierte in Paris und unterhielt neben anderen ein Haus auf Capri. Sie war eine gefragte Illustratorin für den Cosmopolitan und viele andere Zeitschriften, schuf auch Bilder mit weiblichen Sagengestalten, im Jugendstil, ebenso wie Skulpturen. Sie war nicht nur eine unabhängige Frau, die sich in ihrer Kleidung nicht dem Modediktat unterwerfen wollte und frei schaffen wollte, sie setzte sich auch mit ihrer Arbeit massiv für das Frauenwahlrecht ein. Salons unterhielt sie auch. Und dann ist das Haus einfach wunderschön (wenn auch, nachdem es 1947 abgebrannt war, erst in den 1990er Jahren wieder aufgebaut), mit vielen Fenstern und tiefen Erkerfenstern an eingebauten Sitzbänken zum Lesen, einer großen, lichten Küche, und vielen vielen (Schlaf-)zimmern für Familie und Gäste, insgesamt 14. Beeindruckend ist ihr Studio ganz unter dem Dach, große Fenster unter großen Bäumen, mehrere Balkone, eine einladende Liege für kreative Nickerchen. Die Bonniebrook Historical Society wurde von einem älteren Herrn aus Arkansas vertreten, der uns herumführte und schnell außer Atem geriet, und von einer distinguierten Dame aus Connecticut, die die Kasse und den Empfang bediente. Nicht zu vergessen die kleine getigerte Katze „Bonnie“, die uns auf dem Rundgang begleitete.
Am Wochenende des 21. und 22. September gibt es in Bonniebrook das Third Annual Faerie Gathering and Sweet Monsters Ball (am Freitag Kostümball mit Preis für das beste Kostüm; am Sonnabend kommen verschiedene Künstler und es werden wohl wieder winzige Feenhäuschen gebaut werden). Nur für den Fall, dass es jemanden in die Gegend verschlagen sollte...
Mittwoch, 5. September 2012
Auf Reisen
Ich reise gern. Weniger spektakulärer Landschaften
oder Berg- oder Strandwanderungen wegen, sondern weil ich auf fremde Länder und Leute
neugierig bin. Wenn ich allein reise, kann ich ganz anonym sein, nur Augen und
gelegentlich Mund, muss nichts leisten oder beweisen oder irgendwie sein: BIN
einfach. Das mag ich.
Das versüßt auch die beschwerliche Reise in die USA (16-17
Stunden) ein wenig. Doch weil es meine zweite Heimat ist, ist es nicht
irgendeine Reise. Ich war jetzt seit drei Jahren nicht dort und nach so langer
Zeit frage ich mich, ob mir das Geld und die kleinen Dinge des Alltags wieder
vertraut sein werden. Mich nerven die Einreiseformalitäten noch viel mehr als sonst (die wollen gar nicht, dass man sie besucht!), und
ich habe zum ersten Mal wirklich Angst vor der Kriminalität, vor allem in New
Orleans.
Was ich aber völlig vergessen hatte ist der veränderte
Bewusstseinszustand vor der Reise, wo ich gedanklich und emotional nicht
mehr hier, aber natürlich auch noch nicht angekommen bin. Eine Art Trance, so
etwas wie umgekehrtes Jet Lag; früher hatte ich das vor den Reisen
zurück nach Berlin. Dieses Mal hat es besonders zeitig eingesetzt, wohl weil
ich mich so intensiv mit Hurrikan Isaac beschäftigt habe.
Morgen in aller Frühe fliege ich los. Die große Rezension der großen
Lillian-Hellman-Biografie wird warten müssen. Es wird erst einmal ruhig werden hier im Blog, denn ich werde auftanken. Auch das mag ich am
Reisen: Dass die Zeit stehen bleibt, das Leben für einen Moment angehalten
wird. In diesem Sinne: Bis danach, mit Klarheit und wieder ganz hier!
Montag, 3. September 2012
James Bond in New Orleans
Auf meine Frage, was man denn in England so mit New Orleans assoziiert, wurde ich letztens auf diesen James-Bond-Film verwiesen: Leben und sterben lassen von 1973. Es war der erste mit Roger Moore, und darin erklingt der gleichnamige Titel von Paul McCartney und den Wings (Live and Let Die).
Am Anfang stehen drei Morde. Der erste findet bei den Vereinten Nationen in New York statt, als in der Kabine des auf seine Arbeit konzentrierten Simultandolmetschers (wie selten sieht man das im Film!) jemand eine Art Giftgas in die Tonleitung einfüllt. Der zweite erfolgt recht pittoresk im French Quarter in New Orleans während einer Jazzbeerdigung. Pittoresk ist das auch wegen der tollen 70er-Jahre-Kleidung und der Frisuren (Afros!), die die (durchweg schwarzen) Beteiligten tragen, und etwas später findet ein identischer Mord noch einmal statt. (Den ersten sieht man hier.) Der dritte Mord geschieht während einer wilden Voodoozeremonie, wo das Opfer auf der imaginären Karibikinsel San Monique an eine Art Totempfahl gefesselt ist und mit einer Schlange vergiftet wird.
Bond ist einem Doktor Kananga auf der Spur, eben in New York (Harlem), San Monique und New Orleans. Wieder einmal geht alles sehr schnell und rasant zu, und ich habe erst nach einer Weile verstanden, dass Doktor Kananga etwas mit Drogen zu tun hat. Ihm zur Seite steht sein Tarotkarten legendes Medium Solitaire (Jane Seymore), die, wir ahnen es, jung und scheu wie sie ist, natürlich das Bondgirl wird.
Bei der wilden Jagd bleiben wie gehabt einige Menschen auf der Strecke; auch für Bond sieht es einige Male nicht gut aus, aber er natürlich windet er sich elegant immer wieder heraus. Als er in New Orleans an dem damals winzigen Flughafen ankommt (der noch heute ungefähr die Größe von Berlin-Tegel hat), wird er zum Beispiel gleich entführt und auf eine Alligatorfarm gebracht, wo er den Tieren zum Fraß vorgeworfen wird. Dann kommt es zu einer endlosen Verfolgungsjagd mit Wasserbooten durch die Bayous von Louisiana (mit einigen verdächtig europäischen Landschaftszenen gemischt), wobei die Boote übereinander und über eine Landzunge hinweg springen, während ein hinterwäldlerischer Sheriff dazwischen herumfuchtelt. Ethnologisch und kulturwissenschaftlich gesehen ist das durchaus interessant, aber dann doch etwas zu lang für mich, so dass mir zwischendurch einige Zusammenhänge entgangen sind.
Beeindruckend und rein optisch sehr ungewöhnlich ist, wie viele Schwarze in dem Film mitspielen. Allerdings sind sie fast durchweg grausam und hinterhältig und stecken mit Doktor Kananga, auch schwarz, unter einer Decke. Dabei tauchen dieselben zwielichtigen Figuren in Harlem, San Monique und New Orleans auf und immer gibt es da eine Verbindung mit Voodoo. Kritiker haben auf diese klischeehafte Darstellung von Schwarzen als einer Verschwörung bösartiger Drogendealer hingewiesen.
Nach jahrzehntelanger Bond-Abstinenz fand ich James' Beziehung zum schönen Geschlecht, bzw. die der Frauen zu ihm, schwer erträglich. Die blutjunge Jane Seymore ist nämlich von dem leicht angeschwabbelten, weil fast doppelt so alten, Roger Moore sofort sexuell in den Bann geschlagen und will unbedingt ihre Jungfräulichkeit an ihn verlieren! Danach ist sie für Kananga als Tarot legendes Medium aber unbrauchbar! Dabei hat Bond sie herumbekommen, indem er sie aus einem gezinkten Blatt (mit lauter identischen Karten) die Die Liebenden-Karte ziehen lässt und brüstet sich dann noch mit diesem billigen Trick!
Einige niedliche Technikspielzeuge gibt es auch, aber insgesamt wollte sich, trotz Louisiana als Schauplatz, bei mir nicht so das rechte Bond-Gefühl von früher einstellen. Gut, ich bin älter geworden. Oder es liegt an meinem kleinen Laptopbildschirm. Aber eines ist nach wie vor ein Knüller: die James-Bond-Titelmelodie, die ich erst gestern live von der Schülerbigband des Arndt-Gymnasiums in Dahlem gehört habe -- zeitlos, mit Pathos und Energie, unschlagbar und immer wieder gut.
Am Anfang stehen drei Morde. Der erste findet bei den Vereinten Nationen in New York statt, als in der Kabine des auf seine Arbeit konzentrierten Simultandolmetschers (wie selten sieht man das im Film!) jemand eine Art Giftgas in die Tonleitung einfüllt. Der zweite erfolgt recht pittoresk im French Quarter in New Orleans während einer Jazzbeerdigung. Pittoresk ist das auch wegen der tollen 70er-Jahre-Kleidung und der Frisuren (Afros!), die die (durchweg schwarzen) Beteiligten tragen, und etwas später findet ein identischer Mord noch einmal statt. (Den ersten sieht man hier.) Der dritte Mord geschieht während einer wilden Voodoozeremonie, wo das Opfer auf der imaginären Karibikinsel San Monique an eine Art Totempfahl gefesselt ist und mit einer Schlange vergiftet wird.
Bond ist einem Doktor Kananga auf der Spur, eben in New York (Harlem), San Monique und New Orleans. Wieder einmal geht alles sehr schnell und rasant zu, und ich habe erst nach einer Weile verstanden, dass Doktor Kananga etwas mit Drogen zu tun hat. Ihm zur Seite steht sein Tarotkarten legendes Medium Solitaire (Jane Seymore), die, wir ahnen es, jung und scheu wie sie ist, natürlich das Bondgirl wird.
Bei der wilden Jagd bleiben wie gehabt einige Menschen auf der Strecke; auch für Bond sieht es einige Male nicht gut aus, aber er natürlich windet er sich elegant immer wieder heraus. Als er in New Orleans an dem damals winzigen Flughafen ankommt (der noch heute ungefähr die Größe von Berlin-Tegel hat), wird er zum Beispiel gleich entführt und auf eine Alligatorfarm gebracht, wo er den Tieren zum Fraß vorgeworfen wird. Dann kommt es zu einer endlosen Verfolgungsjagd mit Wasserbooten durch die Bayous von Louisiana (mit einigen verdächtig europäischen Landschaftszenen gemischt), wobei die Boote übereinander und über eine Landzunge hinweg springen, während ein hinterwäldlerischer Sheriff dazwischen herumfuchtelt. Ethnologisch und kulturwissenschaftlich gesehen ist das durchaus interessant, aber dann doch etwas zu lang für mich, so dass mir zwischendurch einige Zusammenhänge entgangen sind.
Beeindruckend und rein optisch sehr ungewöhnlich ist, wie viele Schwarze in dem Film mitspielen. Allerdings sind sie fast durchweg grausam und hinterhältig und stecken mit Doktor Kananga, auch schwarz, unter einer Decke. Dabei tauchen dieselben zwielichtigen Figuren in Harlem, San Monique und New Orleans auf und immer gibt es da eine Verbindung mit Voodoo. Kritiker haben auf diese klischeehafte Darstellung von Schwarzen als einer Verschwörung bösartiger Drogendealer hingewiesen.
Nach jahrzehntelanger Bond-Abstinenz fand ich James' Beziehung zum schönen Geschlecht, bzw. die der Frauen zu ihm, schwer erträglich. Die blutjunge Jane Seymore ist nämlich von dem leicht angeschwabbelten, weil fast doppelt so alten, Roger Moore sofort sexuell in den Bann geschlagen und will unbedingt ihre Jungfräulichkeit an ihn verlieren! Danach ist sie für Kananga als Tarot legendes Medium aber unbrauchbar! Dabei hat Bond sie herumbekommen, indem er sie aus einem gezinkten Blatt (mit lauter identischen Karten) die Die Liebenden-Karte ziehen lässt und brüstet sich dann noch mit diesem billigen Trick!
Einige niedliche Technikspielzeuge gibt es auch, aber insgesamt wollte sich, trotz Louisiana als Schauplatz, bei mir nicht so das rechte Bond-Gefühl von früher einstellen. Gut, ich bin älter geworden. Oder es liegt an meinem kleinen Laptopbildschirm. Aber eines ist nach wie vor ein Knüller: die James-Bond-Titelmelodie, die ich erst gestern live von der Schülerbigband des Arndt-Gymnasiums in Dahlem gehört habe -- zeitlos, mit Pathos und Energie, unschlagbar und immer wieder gut.
Samstag, 1. September 2012
Heute Abend im Fernsehen
Freitag, 31. August 2012
Sara Gran: Die Stadt der Toten
Wenn eine Stadt so elementar auf ihre Elemente
zurückgeworfen ist wie New Orleans, das jetzt gerade langsam wieder zu sich
kommt, je mehr die Lichter angehen, dann scheint es irgendwie trivial und oberflächlich, über Bücher, Filme und andere eher schöne Dinge zu schreiben. Die Dämme haben
gehalten, und dieses Mal können die New Orleanser das Gefühl haben, dass sich
ihr Land um sie gekümmert hat, sie wichtig findet. Andere Regionen, gleich
außerhalb der Stadt, wie zum Beispiel LaPlace, wo die lange Autobahnbrücke über
das Wasser beginnt, auf der die Schlüsselszene von Jeff, der noch zu Hause
lebt spielt, sind hoffnungslos überschwemmt, und in Baithwaite wurden sogar zwei Tote gefunden. Dann liest man gleich
Kommentare im Internet, was für eine Verschwendung von Geldern das sei (14
Milliarden Dollar für die Dämme) und wie unverantwortlich und dumm von den
Leuten, überhaupt in solchen Gegenden zu wohnen.
Für viele Menschen ist es eben seit ein, zwei oder auch mehr Jahrhunderten ihre Heimat und das was man im Englischen als „resilience“
bezeichnet, die erstaunliche Standhaftigkeit und Ausdauer, der Pragmatismus,
Optimismus und Mut, mit dem sie diese Situationen immer wieder hinnehmen und
durchstehen, ist bewundernswert. Selbst wenn man davon absieht, dass New
Orleans und die Region mit dem Hafen, mit dem Öl, mit dem Fluss, mit seinem
Grund und Boden für das ganze Land von entscheidender politischer und
wirtschaftlicher Bedeutung ist (Stichwort: nationale Sicherheit) und schon dafür viel mehr
Schätzung und Förderung erfahren müsste, so kann man natürlich die Stadt und die
Region auch schon allein deshalb nicht entvölkern und aufgeben, weil das Land und die Welt
New Orleans als vagen Sehnsuchtsort brauchen und der funktioniert, anders als vielleicht Vineta, Atlantis, Pompeji, nur mit einer realen Stadt. Man braucht
die reale Stadt auch, um dort Krimis und andere Geschichten spielen zu lassen, zum
Beispiel Die Stadt der Toten. Ein Fall für die beste Ermittlerin der Welt von Sara Gran.
Erst einmal: Es macht mir absolut keinen Spaß, Fehler in Büchern zu entdecken oder Verrisse oder Kritisches zu schreiben, weil ich mich dann selbst mies fühle. Als mir also
ein Leser die Information über diesen Krimi zukommen ließ, den Titel und
Untertitel so reißerisch ankündigen, habe ich erst mal ein bisschen
recherchiert. Heutzutage schreibt ja fast jeder ein Buch, das in New Orleans
spielt, aber Sara Gran hat tatsächlich auch dort gelebt und wird also wissen, so dachte ich mir, wovon sie schreibt.
Sie weiß, wovon sie schreibt, und das macht Spaß. Aber der Reihe nach.
Eingeführt wird die etwas verrückte Detektivin Claire
DeWitt, die bei einer anderen großen Detektivin in New Orleans in die Schule
gegangen ist. Beide entsprechen nicht dem typischen Bild von Detektiven: Die
Koryphäe war eine Grande Dame mit einer Villa im Garden District. Claire
ist eine tollpatschige, ungeschmeidige Person, die sich überall unbeliebt macht, und dennoch irgendwie ihre Fälle aufklärt. Sie kehrt nach New Orleans zurück, um
das rätselhafte Verschwinden und den mutmaßlichen Tod von Vic Willing, einem Staatsanwalt,
aufzuklären, der seit Katrina vermisst wird. Ihre Recherchemethoden sind
ungewöhnlich: Sie setzt auf Intuition und Beobachtung, aber auch auf zufällige
Begegnungen, Träume und alle anderen Arten von Zeichen. Sie trifft zum Beispiel
immer wieder einen jungen Schwarzen, Andray, und dessen Freund, rettet ihnen sogar das Leben, und diese beiden stellen sich am Ende tatsächlich als
entscheidende Figuren bei der Lösung des Falls heraus. Doch bevor es so weit
kommt, begegnet sie ihnen immer wieder – und konsumiert mit ihnen und ohne sie
jede Menge legale und illegale Drogen, was dann auch schon mal etwas langweilig
wird.
Der Tonfall des Romans und der Hauptfigur ist schnoddrig und frech und das ist charmant und reißt mit. Über Claire
zeigt die Autorin, wie gut sie New Orleans kennt; geradezu genüsslich und mit feiner Ironie platziert sie die Indizien dafür überall im Buch: Hubig’s
Pasteten, der Radiosender WWOZ, der lokale Akzent: Yat, die Autoren Julie
Smith, Poppie Z. Brite, James Lee Burke, Mardi Gras Indians, das Blau am Himmel
der Veranden der alten Häuser, selbst die niedlichen grünen Mönchssittiche, die
sich seit Katrina besonders verbreitet haben.
Damit scheint sie irgendwie auch
direkt an und für die New Orleanser zu schreiben, die es müde sind, ihre Stadt
ständig falsch dargestellt und falsch gedeutet zu sehen. Bei aller Flapsigkeit
fallen einige Spitzen ab: dass man in der Stadt nicht leben, dass man dort
nicht glücklich sein kann, wie arm und vernachlässigt bestimmte Stadtteile und
Menschen sind... Dann gibt es aber immer wieder Momente, wo sich eine tiefe
Liebe für die Stadt zeigt, die der Einwohner, aber auch die der Hauptfigur und
der Autorin. Obwohl Hurrikan Katrina nur den Hintergrund für das
Verbrechen und die Geschichte bietet, erinnert es durchgehend an dieses Trauma.
Der Tod des Opfers, den Claire tatsächlich aufklärt, ist ein zwiespältiger Tod,
nicht gerecht, aber vielleicht in gewissem Maße gerechtfertigt.
Es wird auch aus der Biografie der Detektivin erzählt und somit Vorlagen für mindestens zwei weitere Krimis gegeben, denn die
Leserin fragt sich: Wer hat Claires Mentorin getötet? Und was ist mit ihrer
Schulfreundin Tracy aus Brooklyn geschehen? Claire ist ungehobelt und
beziehungsgestört, aber ihr Witz und ihre Schlauheit machen Lust auf mehr.
Spaß machen auch die Verweise auf ihre theoretische Ermittlungsgrundlage: Jacques Silette und sein Buch Détection (reine Erfindung das, aber was für eine!). Immer
wieder sind Sentenzen und Zitate aus dem Werk in den Text eingesprenkelt und
schaffen damit scheinbare, fast philosophisch-meditative Momente des
Innehaltens, die mich an die Samuraisprüche aus dem Film Ghost Dog erinnerten, nur dass jene echt waren, und diese eher
mit Schalk und Augenzwinkern serviert werden.
Die deutsche Übersetzung von Eva Bonné liest sich so frisch und
frei wie sicher das Original auch: ein reines Vergnügen. Gestutzt habe ich über
den „Folksender WWOZ“, denn der Heimatsender vieler New Orleanser spielt
vor allem Jazz, Rhythm & Blues, Funk, Musik aus New Orleans eben, aber es
kann durchaus sein, dass Claire ihn deshalb als Folk bezeichnet. Für den
architektonischen Baustil der „Creole Cottage“ ist Kreolenhäuschen keine schöne
Entsprechung, aber eine bessere fällt mir auch nicht ein, ist aber zu
überlegen.
Das Buch ist poppig-floral mit abgerundeten Ecken im Orange
der frühen 2000’er Jahre aufgemacht, als ob es besonders junge Frauen
ansprechen will. Diese (aber vielleicht auch Frauen anderen Alters und junge und alte Männer) lesen in
diesem Buch auch, dass New Orleans – auch nach Katrina – genau so eine Stadt
ist: lebendig, verrückt, kompliziert, und liebenswert. Ein wirklich unterhaltsames Buch.
Donnerstag, 30. August 2012
Bilder
Die Deiche um New Orleans scheinen erst einmal zu halten. Überflutungen und Evakuierungen östlich und nördlich und südlich von New Orleans (Braithewate, Mandeville, Madisonville) und an der Golfküste in Mississippi. 700.000 Menschen ohne Strom.
Isaac-Fotos hier, 12 Stunden Videoaufnahmen der Canal Street in New Orleans auf 1,50 Minute zusammengekürzt hier.
Isaac-Fotos hier, 12 Stunden Videoaufnahmen der Canal Street in New Orleans auf 1,50 Minute zusammengekürzt hier.
Mittwoch, 29. August 2012
Stimmen aus dem Sturm
Meine Freundin Lil auf Facebook: vor 10 Stunden
Uns geht's gut. Wir sitzen den ganzen Tag herum und warten, dass der Wind stärker wird. Der Sturm ist nicht annähernd so schlimm, wie sie angekündigt hatten.
We're fine. We've been sitting around all day, waiting for the wind to pick up. The storm is not nearly as bad as they thought it would be.
Bill Lavender (der kürzlich aus Budgetgründen geschasste, von vielen geschätzte Direktor von UNO Press): vor 9 Stunden
Wie ich es liebe, wenn die Stadt heruntergefahren und stillgelegt wird, an Schulzonen die Ampeln auf die leeren Straßen blinken. Dann fällt der Strom aus und alles wird dunkel. Ich glaube, was uns wirklich trennt, ist nicht links gegenüber konservativ, sondern die Kluft zwischen denen, die sich nach diesen Momenten sehnen, und denen, die sie fürchten.
how I love it when the city shuts down, school zone lights blinking on empty streets. then the power goes off and all goes dark. i think the real division among us isn't liberal vs conservative but the gulf between those who yearn for these moments and those who fear them.
Schriftstellerin Moira Crone: vor 8 Stunden
Was die New Orleanser über Sturmzeiten für sich behalten: was für ein Wunder es ist. Der Strom geht, das elektrische Sirren verstummt, das Essen im Kühlschrank wird nur ein paar Tage halten, all der persönliche Kram ist eigentlich ein großes Hindernis für das spirituelle Überleben -- Wir müssen uns auf alte Lebensweisen zurückbesinnen, außerhalb unseres modernen Kokons -- Jetzt ist es die Güte von Freunden und in ein paar Tagen vielleicht die Güte Fremder, wir können es nicht wissen -- die uns weitermachen lässt. Das riesige, geraunte, Geheimnis -- unsere phänomenale Verwundbarkeit, das ganze Risiko des Am-Leben-Seins. Diese Stadt lehrt und lehrt und lehrt uns immer wieder -- (Ich muss los -- jetzt kommt der Wind, die Lichter werden schwächer...)
The thing New Orleanians keep to themselves about storm times: the wonder of it. The power leaves, the electric buzz dissolves, the food in the fridge is only going to last a few days, all your stuff is really a great impediment to your spirit's survival--We have to retreat to the old modes of living, outside the modern cocoon--now it's the kindness of friends, and in a few days, it might be the kindness of strangers, we don't know--that will keep us going. The vast, whispered, secret-- our phenomenal vulnerability, the whole risk of being alive. This place teaches and teaches and teaches us--(have to go--here comes the wind, there the lights dim...)
Hier ein paar Fotos von Menschen im Sturm, tagsüber, und auf diesen Live-Webcams kann man im Moment meditative Regen- und Nachtbilder sehen (solange der Strom nicht ausfällt): am French Quarter, an der Mississippi-Brücke, am Fluss.
Erste Nachrichten melden überflutete Straßen und auf Stromleitungen geknickte Bäume. Im Landkreis Plaquemines Parish ist das Dach des Hauses von Landkreispräsident Billy Nungesser abgedeckt worden.
Uns geht's gut. Wir sitzen den ganzen Tag herum und warten, dass der Wind stärker wird. Der Sturm ist nicht annähernd so schlimm, wie sie angekündigt hatten.
We're fine. We've been sitting around all day, waiting for the wind to pick up. The storm is not nearly as bad as they thought it would be.
Bill Lavender (der kürzlich aus Budgetgründen geschasste, von vielen geschätzte Direktor von UNO Press): vor 9 Stunden
Wie ich es liebe, wenn die Stadt heruntergefahren und stillgelegt wird, an Schulzonen die Ampeln auf die leeren Straßen blinken. Dann fällt der Strom aus und alles wird dunkel. Ich glaube, was uns wirklich trennt, ist nicht links gegenüber konservativ, sondern die Kluft zwischen denen, die sich nach diesen Momenten sehnen, und denen, die sie fürchten.
how I love it when the city shuts down, school zone lights blinking on empty streets. then the power goes off and all goes dark. i think the real division among us isn't liberal vs conservative but the gulf between those who yearn for these moments and those who fear them.
Schriftstellerin Moira Crone: vor 8 Stunden
Was die New Orleanser über Sturmzeiten für sich behalten: was für ein Wunder es ist. Der Strom geht, das elektrische Sirren verstummt, das Essen im Kühlschrank wird nur ein paar Tage halten, all der persönliche Kram ist eigentlich ein großes Hindernis für das spirituelle Überleben -- Wir müssen uns auf alte Lebensweisen zurückbesinnen, außerhalb unseres modernen Kokons -- Jetzt ist es die Güte von Freunden und in ein paar Tagen vielleicht die Güte Fremder, wir können es nicht wissen -- die uns weitermachen lässt. Das riesige, geraunte, Geheimnis -- unsere phänomenale Verwundbarkeit, das ganze Risiko des Am-Leben-Seins. Diese Stadt lehrt und lehrt und lehrt uns immer wieder -- (Ich muss los -- jetzt kommt der Wind, die Lichter werden schwächer...)
The thing New Orleanians keep to themselves about storm times: the wonder of it. The power leaves, the electric buzz dissolves, the food in the fridge is only going to last a few days, all your stuff is really a great impediment to your spirit's survival--We have to retreat to the old modes of living, outside the modern cocoon--now it's the kindness of friends, and in a few days, it might be the kindness of strangers, we don't know--that will keep us going. The vast, whispered, secret-- our phenomenal vulnerability, the whole risk of being alive. This place teaches and teaches and teaches us--(have to go--here comes the wind, there the lights dim...)
Hier ein paar Fotos von Menschen im Sturm, tagsüber, und auf diesen Live-Webcams kann man im Moment meditative Regen- und Nachtbilder sehen (solange der Strom nicht ausfällt): am French Quarter, an der Mississippi-Brücke, am Fluss.
Erste Nachrichten melden überflutete Straßen und auf Stromleitungen geknickte Bäume. Im Landkreis Plaquemines Parish ist das Dach des Hauses von Landkreispräsident Billy Nungesser abgedeckt worden.
Dienstag, 28. August 2012
Warten auf Isaac
New Orleans und die Golfküste bereiten sich auf den großen Sturm
vor. Hier ein kleines Video von den Winden am Lake Pontchartrain heute morgen. Jetzt
heißt es abwarten, hoffen, dass man gut vorbereitet ist, die Fenster ordentlich vernagelt
und das Wichtigste eingekauft hat. Manche Leute gehen der Gefahr gleich aus dem
Wege und fahren zu Freunden und Verwandten nach Norden. Andere bleiben immer zurück und bringen den Sturm zu Hause hinter sich („ride out the storm“ nennt man das), und von diesen laden einige zu Hurrikan-Parties ein, vor allem im French Quarter, bei denen man der Bedrohung einfach mit Ausschweifung trotzen kann.
Gwen Thomkins berichtete gerade im Radio (auf Talk of the Nation), dass es auch ein Moment
der Besinnung ist, wo man zum Beispiel überlegt, wen man überhaupt auf die lange Evakuation im Auto mitnehmen würde. Man überlegt, ob die Papiere in Ordnung sind, legt die
Versicherungspolice heraus, den Pass und anderes. Man entscheidet,
welche Dinge man unbedingt retten will. Im Fall von Gwen Thomkins ist es ein
signiertes Exemplar von Louis Armstrongs Autobiographie My Life in New Orleans, genau dem Buch, in dem ich (als Kind, auf Deutsch) zum ersten Mal über New Orleans
gelesen habe. Möge Isaac sanft über New Orleans und die Golfküste hinweggehen.
Montag, 27. August 2012
Das Herz...
...ist mir schwer, liebe Leser. Zum siebenten Jahrestag von Katrina steuert Hurrikan Isaac auf New Orleans zu und soll vermutlich am Dienstag auftreffen. Gouverneur Jindal hat bereits Warnungen ausgesprochen, Bürgermeister Landrieu den Notstand ausgerufen und alle Bürger aufgefordert, ihre Häuser sturmfest zu machen. Alle Pumpstationen in der Stadt werden rund um die Uhr besetzt sein, das Army Corps of Engineers wird letzte Ausbesserungen an den Deichen vornehmen. Die küstennahen Landkreise sind bereits von Zwangsevakuationen betroffen. Derzeit ist die Rede von Kategorie 1 (gegenüber 5 bei Katrina), aber je nachdem, ob er während Flut oder Ebbe anlandet, kann das Wasser bis zu knapp 20 Kilometer ins Landesinnere vordringen. Hoffen wir das Beste.
Sonntag, 26. August 2012
Das Ozonloch
Vor einigen Jahren, als wir noch eine Diskussion um die
Klimakatastrophe und das Ozonloch hatten, da versprach man uns hier die Versteppung
Brandenburgs (und damit auch Berlins) und ein italienisches Klima. Bis jetzt
hat das noch nicht so ganz geklappt, und die Sommer fallen eher frisch aus.
Die USA wiederum werden von einer Hitzewelle nach der anderen
überrollt. So wie unser Aprilwetter hier im Sommer ist die Hitze dort anscheinend
eine direkte Auswirkung des Klimawandels.
Auf den immer früher einsetzenden Frühling werden zum
Beispiel die Brände zurückgeführt, die vor allem im Westen der USA wüten, vor
kurzem noch in Arizona und Colorado, jetzt vor allem in Nordkalifornien und
Idaho. Dieses Jahr ist bei 1423 Waldbränden im Lande bereits eine Fläche von mehr als 12.065 Quadratmeilen (d.h.
ca. 31.250 Quadratkilometer) abgebrannt. Mehr auf der Seite des Forest Service des US Department of Agriculture (Landwirtschaftsministerium).
Ein anderes Problem, das ebenfalls auf milde Winter und
den frühen Frühling zurückgeführt wird, ist der Westnilvirus, der auch in
Louisiana gehäuft auftritt. Dieses Jahr sind bereits 1118 Menschen durch
Infektion damit erkrankt (Meningitis, Enzephalitis usw.) und 41 insgesamt sind gestorben. 75% der Erkrankungen
traten in 5 Staaten auf: Texas, Mississippi, Louisiana, South Dakota und
Oklahoma), fast die Hälfte aller Fälle in Texas. In Louisiana gab es bisher 6
Todesopfer. Gegen den Virus hat man vor einigen Wochen in Dallas aus der Luft
Mückenmittel versprüht, nicht ganz unumstritten.
Mich erinnerte das an die kleinen Transporter, die in Baton Rouge im Frühjahr und Sommer immer durch mein mit hohen Bäumen bestandenes Wohnviertel fuhren und Insektentod versprühten. Auch vielleicht nicht gesund, aber wirksam. Das Center for Disease Control empfiehlt verschiedene Mücken abweisende Wirkstoffe, von denen ich unter den von der Stiftung Warentest geprüften und für gut befundenen Produkten nur DEET gefunden habe, was auch Gesundheitsrisiken birgt. Also am besten: drinnen aufhalten, langarmige Sachen tragen, stehendes Wasser und andere Mückenbrutplätze beseitigen.
Mich erinnerte das an die kleinen Transporter, die in Baton Rouge im Frühjahr und Sommer immer durch mein mit hohen Bäumen bestandenes Wohnviertel fuhren und Insektentod versprühten. Auch vielleicht nicht gesund, aber wirksam. Das Center for Disease Control empfiehlt verschiedene Mücken abweisende Wirkstoffe, von denen ich unter den von der Stiftung Warentest geprüften und für gut befundenen Produkten nur DEET gefunden habe, was auch Gesundheitsrisiken birgt. Also am besten: drinnen aufhalten, langarmige Sachen tragen, stehendes Wasser und andere Mückenbrutplätze beseitigen.
Die Erwärmung hat auch dazu geführt, dass der Mississippi so einen niedrigen Wasserstand hat wie nie und weiter nördlich unweit von
Greenville, Mississippi, nicht schiffbar ist, so dass sich dort Mitte des Monats
97 Schiffe angestaut hatten, nachdem ein Schleppkahn auf Grund gelaufen war. (Hier.) Wenn aber der Mississippi niedrig steht und weniger Wasser in den Golf von
Mexiko einströmt, dann fließt Salzwasser aus dem Golf in den Mississippi
zurück, dessen unterer Lauf unter dem Meeresniveau liegt, und zwar um ungefähr
eine Meile pro Tag (1,6 km). Normalerweise kommt das alle 8-10 Jahre vor, aber
dass es jetzt scheinbar häufiger wird, hat auch damit zu tun, dass die
Fahrrinne des Flusses weiter nördlich immer mehr tiefer ausgehoben wird, um
größeren Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Neben anderen negativen
Auswirkungen beeinträchtigt das auch die Trinkwassergewinnung.
Plaquemines Parish, die direkt an den Golf grenzt und von
diversen Hurrikanen (Katrina, Rita, Gustav und mehr) und der Ölkatastrophe
direkt betroffen war, kauft jetzt Trinkwasser aus New Orleans, holt aber auch
in Schleppkähnen weiter nördlich welches. Jetzt ist auch New Orleans bedroht. (Hier.)
Außerdem hat Hurrikan Isaac Kuba und Haiti überquert
und ist jetzt auf dem Weg nach Südflorida mit den Key-Inseln (darunter Key
West), bevor er sich weiter in Richtung Golfküste aufmacht. (Hier.) Aktuelle Evakuationsrouten für New Orleans sind schon festgelegt.
Insofern sollte ich wohl froh sein, mitten im August zwar mit dicken Socken und Strickjacke aber eben doch ganz entspannt und unbedroht von Naturkatastrophen hier
am Schreibtisch sitzen zu dürfen.
Donnerstag, 23. August 2012
Ideal und Wirklichkeit
Ich bin immer wieder überrascht, wie New Orleans auch in
deutschsprachigen Landen zelebriert wird. So bin ich im Internet auf
Restaurants gestoßen, die es in verschiedenen Städten gibt.
Das New Orleans in Bielefeld, Markt 17, bietet zum Beispiel Gumbo
und Jambalaya, Hurricane-Cocktails und Eigenkreationen wie einen
French Quarter Salad mit Garnelen, Zwiebeln und Kräutern. Auch in Bad
Oeynhausen gibt es ein Restaurant mit Namen New Orleans und in Herford lädt die Musikkneipe New Orleans zu
einer reichhaltigen Karte mit Burgern und Chicken-Dingsbums und
Ofenkartoffeln. Aufgefallen ist mir ein Dessert mit Namen „Blueberry
Hill“, ein Eierkuchen mit Blaubeerfüllung. In Wismar befindet sich ein Hotel New Orleans mit einem Restaurant und einem
French Quarter Café. Die Webseite schwärmt von der südlouisianischen Küche:
„pralle Sandwiches, saftige Steaks, knusprige Chicken, knackige Salate und
vieles mehr.“
Dann die Festivals. Das New Orleans Festival in Innsbruck
ist sicherlich das „authentischste“, denn Innsbruck hat seit 1995 eine
Städtepartnerschaft mit New Orleans. Dazu gibt es auch ein reges
Austauschprogramm mit der University of New Orleans, dessen europäische Tour
ich zwei Sommer jeweils 2-3 Tage lang in Berlin begleitet habe. Das Festival
nahm im Juni vier Tage lang die Innenstadt von Innsbruck in Beschlag, mit
jeweils einer „Marching Band“ um 15 Uhr und nachfolgenden Konzerten mit Tiroler
Musikern und dem Gitarristen Les Getrex (der früher mit Fats Domino musiziert
hat) und seiner Band Creole Cooking. Es war das 14. Festival und es ging am
Sonntag mit einer Gospelmesse im Dom zu St. Jakob und einem Gospelbrunch auf
dem Marktplatz zu Ende.
Ende Mai fand auch das 13. Fürther New Orleans Festival
statt, bei dem über drei Tage vor allem lokale „amerikanische“ Bands
aufspielten und aus New Orleans niemand angekündigt war.
Tja, und dann gibt es noch New Orleans meets Zofingen, ein Städtchen in der Schweiz mit 11.000 Einwohnern.
Das Festival fand am 2. Juli, einem Montag, ab 17 Uhr in der Altstadt statt,
auch vor allem mit lokalen Musikern. Als ich dann auf das
Organisationskomitee klickte und das Foto sah, hat es auch bei mir KLICK gemacht.
Wer kennt sie nicht, die schmerbäuchigen Dixielandbands, die „authentischen“
New Orleans Jazz spielen und sich und ihre Fans in irgendeine heile
Fantasiewelt mit festen, immer wiederholten Noten und Formeln, mit einer
schöneren Vergangenheit transportieren. Bei all diesen Festivals, Restaurants, oft auch in Krimis
und Fantasy-Büchern geht es nämlich um New Orleans als Mythos und nicht als reale
Stadt. Dieser Mythos setzt sich aus Musik, Küche, eventuell auch Architektur
und anderem zusammen, greifbareren, auch eher reproduzierbaren, konsumierbaren und vermarktbaren Dingen als zum Beispiel Liebe und Eleganz (Paris) oder
Großstadtchaos, Tempo, Wolkenkratzer, Feuerleitern (New York). Deshalb
vielleicht ist er so stark und so verbreitet.
Meine ursprüngliche Faszination für New Orleans hatte sicherlich
auch ein wenig mit dem Mythos zu tun. Aber als ich dann in der realen Stadt war, und zwar nicht als klassische Touristin, habe ich mich ganz neu
verliebt. New Orleans selbst erliegt auch immer wieder seinem Mythos, und nicht nur die freundlichen Herren mit grauem Haar. Doch ist die Stadt nie statisch, nie festgeschrieben, immer im Werden, Machen und Entstehen, immer in der
Improvisation.
Es ist natürlich Unsinn, einen Mythos gerade rücken zu wollen, wie ich es hier auch immer wieder versucht habe. Es ist nämlich genau das Prinzip des Mythos, dass er unverrückbar ist, dass er, so wie er ist, den ihn Beschwörenden etwas gibt, ihnen Freude bereitet und sie irgendein Wohlbefinden damit assoziieren. Ein Mythos, und also auch der Mythos New Orleans, gehört allen und sie haben ein gutes Recht darauf.
PS: 28. August: In Frankfurt am Main gibt es auch ein New-Orleans-Restaurant, das King Creole.
PS: 28. August: In Frankfurt am Main gibt es auch ein New-Orleans-Restaurant, das King Creole.
Freitag, 17. August 2012
Im Radio
Ende des Monats jährt sich der Hurrikan Katrina mit nachfolgender Überflutung zum siebenten Mal und auch NPR wird wohl wieder darüber berichten, vielleicht auch, wie jedes Jahr, dieselbe Familie in New Orleans
anrufen, um zu sehen, wie es so steht.
Anfang dieser Woche gab es auch einige kleine Berichte aus New
Orleans:
& Tell Me More
sprach mit der Autorin und Journalistin Gwen Thompkins, die seit einiger Zeit
für den lokalen NPR-Sender eine neue Sendung macht, Music Inside Out (Musik in- und auswändig). Dafür interviewt sie
Musikmenschen aus Louisiana: Musiker, Autoren, Komponisten, Produzenten usw.
Dabei waren bisher Irma Thomas, Allen Toussaint und die Opernsängerin Givonna
Joseph mit der Opéra Créole. Das
vollständige Interview findet sich hier.
Bei der Gelegenheit habe ich noch ein ganz neue NPR-Sendung in New Orleans entdeckt: Out to Lunch (Zu Tisch), wo ein Finanzprofessor der Tulane University neue Unternehmer im Commander’s Palace zum Mittagessen trifft, darunter jemanden, der für
seine Kunden in Houston, Texas, bei IKEA einkauft und die Möbel auch
zusammenbaut (Bluebag), einen Fitnessguru und das Geschäft The
Occasional Wife (Die gelegentliche
Ehefrau), die man anheuern kann, damit sie den Haushalt und das Familienleben
organisiert.
& Marketplace berichtete,
dass der Posaunist Stafford Agee von der Rebirth Brass Band seit einem halben Jahr auch Blasinstrumente
repariert, in seiner Firma Rebirth Instrument Repair. Er erzählt, dass das besonders für die Schüler in
den Schulorchestern wichtig ist, weil ein gut funktionierendes Instrument ihre Motivation erhöht. Das erinnert mich an den jungen
Musiker Dinerall Shavers, (2007 erschossen; ich habe hier über ihn geschrieben), der meinte, dass man, wenn man ein
Instrument in der Hand hat, keine Waffe in der Hand haben kann. Es ist sozusagen Stafford
Agees Flügelschlag des Schmetterlings. Abends steht er weiterhin mit der wohl beliebtesten Band der Stadt auf der Bühne. Das Unternehmen finanziert sich zu einem Teil aus Spenden. Das Gespräch
ist hier.
& Noch einmal auf Tell Me More ging es um den Botanischen Garten von New Orleans,
der sich im City Park befindet und natürlich in den Fluten auch verwüstet
wurde. Der Direktor Paul Soniat, der einer alten New Orleanser Familie
entstammt, spricht über die große Hilfsbereitschaft, die dem Botanischen Garten
einen Neuanfang ermöglichte. Die Interviewerin fragt den Direktor auch noch über sein
Hobby, das Musikmachen, und schließlich wird sein bekanntestes Stück, Below the Waterline, eingespielt, das in Folge von Katrina entstand. Nur in New
Orleans, oder? Das Gespräch ist hier.
Mittwoch, 15. August 2012
Jeff, der noch zu Hause lebt
Diesen Film habe ich auf Empfehlung eines Lesers gesehen (Dankeschön!), eine Independentkomödie der Brüder Jay und Mark Duplass aus New Orleans (Webseite hier). Es geht um zwei ungleiche
Brüder, die beide ihr Leben nicht so recht im Griff haben, wenn auch auf sehr
unterschiedliche Weise. Der genannte Jeff ist 30 und wohnt bei seiner Mutter,
wo er die Tage im Keller verbringt und auf ein kosmisches Zeichen wartet, dass
ihm zeigt, wohin sein Leben gehen soll. Der andere, Pat, klopft gern Sprüche
und glaubt, alles im Griff zu haben und durch den Spontankauf eines silbernen
Porsches zum Beispiel seine Ehe zu pflegen. Eine halbe Stunde später ist der
Porsche jedoch im Eimer und seine Ehe beinahe auch. Währenddessen ist Jeff
unterwegs, eigentlich um für seine Mutter etwas zu besorgen, aber als er den
verschiedenen Zeichen folgt, wird er ausgeraubt und trifft dann immer wieder
auf seinen Bruder. Pat und seine Frau treffen sich jeweils mit einem Freund zum
Mittagessen, um sich über ihre Ehe zu beklagen. Die Mutter der beiden, Susan Sarandon, die seit dem Tod ihres Mannes allein ist, hat indessen im
Großraumbüro so eine Art Verehrer.
Das Ganze ist ganz witzig, zum Teil auch ein bisschen
albern, aber sehr sympathisch. Mir standen auch ein paar Tränen in den Augen,
denn es geht doch um den Sinn des Lebens und von Beziehungen. Gedreht wurde
der Film in New Orleans bzw. dem Vorort Metairie, soll aber das eher
zersiedelte Baton Rouge darstellen, und so sehen wir Tankstellen, Townhouses,
Hooter’s Restaurants, Vorgärten, Telefonzellen, wie es sie überall in den USA
gibt. Und doch habe ich viele der Straßen wiedererkannt und an der einen hatten sie einen knallroten Aufsteller für den Advocate, die Lokalzeitung von Baton Rouge, hinter dem sich Pat versteckt.
Die Showdown-Sequenz kurz vor Schluss, in der die
Familie in einem dramatischen Un-/Zwischenfall wieder zueinander findet, spielt
auf der langen Brücke der Autobahn I-10 zwischen LaPlace und Kenner, die viele viele Minuten lang über Sümpfe
und Wasser hinweg führt und über die ich im Herbst 1990 zum ersten Mal
nach New Orleans kam, übernächtigt und verschlafen in einem eisgekühlten
Greyhoundbus. Wenn
ich demnächst wieder dort im Stau stehe oder, wie alle anderen auch, in die Stadt brettere, werde ich es sicher mit anderen Augen tun.
Wie der Titel es schon andeutet, ist der Film kein
feinziseliertes und durchkomponiertes Kammerspiel, sondern eher mit den Händen
in den Taschen und Zigarette im Mundwinkel gedreht. Durchaus sehenswert,
auch wenn er sich bestimmt nicht lange in den deutschen Kinos hält.
Das einzige wirkliche Problem benennt ein Leserkommentar zu dem Artikel in der Times Picayune: „He lives in the basement? But New Orleans homes don't have basements. Maybe it should be, Jeff, Wo Lives Under the House.“
--Er wohnt im Keller? Aber die Häuser in New Orleans (und übrigens auch in Baton Rouge) haben keine Keller. Vielleicht sollte es besser heißen: Jeff, der noch unter dem Haus wohnt.
--Er wohnt im Keller? Aber die Häuser in New Orleans (und übrigens auch in Baton Rouge) haben keine Keller. Vielleicht sollte es besser heißen: Jeff, der noch unter dem Haus wohnt.
Dienstag, 14. August 2012
Stadt, Kultur und Gesellschaft
Jetzt in den Semesterferien wird eine Magisterstudentin aus einem meiner Kurse mit Wohnmobil und Freund kreuz und
quer durch die USA reisen. Fest geplant ist auch ein Halt in New Orleans, und
zwar weil sie sich über ein Doktorprogramm informieren will.
Die Tulane University zählt durchaus zu den renommierten
privaten Universitäten der USA, vor allem für Humanwissenschaften,
Französisch und Italienisch, dachte ich. Im Internet habe ich gesehen, dass manche es als „Harvard des Südens“ bezeichnen, was sicher etwas
übertrieben ist, und andere als „Jewlane“, weil wohl ein großer Anteil der
Studenten aus reichen jüdischen Familien stammt. Tulane ist teuer, hat einen gepflegten, mit Lebenseichen beschatteten Campus (Foto) gleich an der St. Charles
Avenue und die Bibliothek ist sicherlich die best bestückte im Staate Louisiana
und vermutlich in Mississippi, Alabama und Arkansas noch gleich mit und steht auch
der Öffentlichkeit (mir zum Beispiel) offen.
Was ich aber bisher nicht wusste, ist, dass Tulane auch eine
School of Social Work hat (eine Fakultät für Soziale Arbeit), die allerdings
nur Magister- und Doktorstudiengänge anbietet. Darunter gibt es sehr interessante
Kombinationen, wie Magister in Sozialer Arbeit mit Public Health
(Volksgesundheit), mit Zertifikat in Disaster Mental Health (psychische
Gesundheit bei Katastrophen) und einen Magister in Globaler Sozialer Arbeit,
der, so heißt es, besonders für die Arbeit beim Roten Kreuz, der UNO, im Peace Corps
usw. ausbildet.
Die Studentin interessiert sich für ein Doktorat in
einem von zwei interdisziplinären Programmen, die ebenfalls in Folge von
Hurrikan Katrina aufgelegt wurden. Das eine ist in Aging Studies
(Altersstudien) und das andere heißt City, Culture, and Community (Stadt,
Kultur und Gemeinschaft/Gesellschaft) und integriert Lehrkräfte aus der
Soziologie und Urbanen Studien, Architektur, Recht, Human- und
Naturwissenschaften. Das Programm befasst sich mit den Zusammenhängen zwischen der
physischen und der bebauten Umwelt und sozialen, wirtschaftlichen und
politischen Institutionen und Prozessen, die für städtische Räume
prägend sind. New Orleans, vor allem nach Katrina, bietet natürlich jede
Menge Anschauungsmaterial.
So gibt es zum Beispiel, davon ganz unabhängig, ein Sommerprogramm für
New Orleanser Schüler, das die nichtkommerzielle Organisation Kids Rethink New Orleans
Schools (Kinder überdenken New Orleans’ Schulen – Rethink) seit 2006
ausrichtet. Dabei treffen sich sechs Wochen lang Grund- und Mittelschüler aus New
Orleans und erarbeiten Vorschläge für ihre Schulen, besonders auch was die
Schulkantine und das Essen betrifft. 2007 konnten die Rethinkers durchsetzen,
dass die Sporks abgeschafft wurden (eine Kombination aus Löffel und Gabel), die
sie als entwürdigend empfanden. Inzwischen haben sie so einige Verbesserungen
erzielen können, aber die Einführung von Metallbesteck wird „aus Sicherheitsgründen“
weiterhin nicht erfolgen. (Mehr hier.)
Solche und andere Programme gibt es natürlich viele und bestimmt wird auch an der Tulane University über ihren Nutzen geforscht. Das Studium ist teuer, aber es gibt Stipendien und Assistenzstellen und eine unvergessliche Lebenserfahrung. Und ich hätte vielleicht schon nächstes Jahr einen neuen Kaffeeklatschkontakt in New Orleans...
Donnerstag, 9. August 2012
French Film Fest
Morgen beginnt das New Orleans French Film Festival. Vom
10. bis 16. August werden täglich bis zu drei französische Filme mit englischen
Untertiteln gezeigt, sowie ein amerikanischer Film von 1957, Funny
Face mit Audrey Hepburn, der in New York
und Paris spielt. Die anderen französischen Filme sind durchweg aktuell, so Nathalie küsst (La délicatesse, engl. Delicacy) mit
Audrey Tautou, der auch bei uns im Kino lief.
Selbst gesehen habe ich den Film Die Liebenden – Von der Last, glücklich zu sein
(Les bien-aimés, engl. Beloved) mit Catherine Deneuve, Ludivine Sagnier, Chiara Mastroianni und
Milos Forman, der von den komplizierten Lieben einer Mutter und ihrer Tochter
erzählt, mit Verwirrungen, Weltschmerz und doch einer gewissen melancholischen
Leichtigkeit, wobei Prag 1968 auch kurz auftaucht und die Figuren immer wieder
anfangen zu singen, wie im Musical. Vielleicht nicht ganz ausgereift (Prostitution ist im französischen Film so nonchalant), aber 1. ist Catherine Deneuve immer sehenswert und 2. gibt es einige kleine Weisheiten
über die Liebe.
Ausgerichtet wird das Festival von der New Orleans Film Society gemeinsam mit dem Französischen Konsulat in New Orleans, und das zum 15. Mal. New Orleans ist für Franzosen ein
beliebtes Reiseziel, aber das Konsulat engagiert sich auch, um französische
Kultur zu vermitteln. Erst im Juli fand in der Historic New Orleans
Collection ein Vortrag französischer
Schauspieler zu dem französischsprachigen Plantagenbesitzer, Staatsmann,
Philanthropen und Dichter Julien Poydras (1746-1824) statt, bei dem auch eines
seiner Gedichte zur Wiedereroberung von Baton Touge durch die Spanier verlesen
wurde. Das Konsulat selbst befindet sich ganz passend in der Poydras Street im Central Business District.
Ende der neunziger Jahre habe ich einmal den großen
französischen Dichter und Philosophen Michel Deguy in meinem kleinen Toyota
nach New Orleans chauffiert, wo er ein Treffen mit dem damaligen Konsul
hatte. Ich musste unbedingt mit, und Michel Deguy „übersetzte“ mir später aus dem Diplomatischen, dass der
Konsul New Orleans zwar ganz okay fände, aber viel lieber in Washington an der
Botschaft geblieben wäre. Es gibt übrigens auch zwei Honorarkonsuln in New Orleans; zum Französischlernen gibt es eine Alliance Française.
Das Festival findet im Prytania Theatre in Uptown statt, unweit der Creole Creamery, wo man davor oder danach oder davor
und danach auf ein traumhaftes Eis einkehren sollte.
Sonntag, 5. August 2012
V/Hoodoo
Ich habe hier noch nicht
darüber geschrieben, weil ich nicht genug weiß. Vor langer langer Zeit, als Touristin, war ich im Voodoomuseum im French Quarter. Ich weiß von der sagenhaften Voodoopriesterin Marie Laveau (ca. 1794-1881), die der Legende nach zum
letzten Mal gesehen wurde, als sie mit ihrem Haus im Auge eines Hurrikans über
den Pontchartrain-See hinweg flog. Ich habe Geschichten mit Voodoo-Riten gelesen,
vielleicht bei George Washington Cable? Natürlich habe ich Krimis gesehen,
in denen mit Hühnerbeinen und mit Nadeln gespickten Puppen im French Quarter herumgespukt wurde. Und aus einem
Interview mit der Autorin Brenda Marie Osbey weiß ich, dass es in New Orleans
nicht Voodoo sondern Hoodoo heißt und nicht irgendein Kult sondern eine eigene
Form der Religion ist.
Mehr Aufschluss hatte ich mir erhofft aus dem Dokumentarfilm, den
ich gestern Abend gesehen habe, The United States of Hoodoo, von dem deutschen Regisseur Oliver Hardt und dem
Amerikaner Darius James sozusagen als MC. Wie der Titel schon andeutet, geht
der Film davon aus, dass es in den USA eine unterschwellige, einende
Spiritualität gibt, die auf afrikanischen Traditionen beruht. Um dies zu
untersuchen, werden verschiedene Schauplätze bereist, New York, Kalifornien,
Mississippi und zu einem beträchtlichen Teil auch New Orleans. Sehr oft halten
wir uns aber auch in dem rumpligen Haus in Neuengland auf, das Darius James von
seinem verstorbenen Vater geerbt hat und das voller afrikanischer Masken hängt.
Und das ist ein bisschen das Problem des Films: Er zeigt zwar viele
interessante Dinge, wie eine afrikanische Grabstätte mitten im
Wallstreetviertel in New York, aber er tut das alles über die nicht besonders
aufregende spirituelle Suche von Darius James, die ihn zu verschiedenen
Freunden und Bekannten führt, die mit ihm über den Musiker Robert Johnson, die
Sklaverei und Gumbo-Rezepte reden. Ein Film also, der nicht fundiert und seriös informiert und dessen persönlicher
Hintergrund keine spannende Pointe oder Auflösung findet, konzeptuell,
inhaltlich nicht überzeugend.
Sehenswert ist er aber schon allein wegen des weichen,
warmen Südstaatenlichts, das ich in den Bildern aus dem Mississippidelta
wieder erkannt habe und dann erst recht in den grünen Gassen im Bywater-Viertel
in New Orleans. Aber auch wegen der Eindrücke von New Orleans (Häuser, Paraden,
Beerdigung, Friedhof, Sehenswürdigkeiten), wegen der Bilder von einer
Voodoozeremonie und wegen der interessanten Menschen, denen wir auf diese Weise
begegnen, darunter auch dem Musiker Hassan Sekou Allen (ursprünglich aus Los
Angeles), der, wie die Musiker es so machen, den Rhythmus von New Orleans
vorklatscht. Ob die Voodoopriesterin Sallie Ann Glassman in der in New Orleans
gewachsenen Tradition steht, bezweifle ich ein wenig, denn sie stammt aus
Neuengland und hat ihre Ausbildung in Haiti erfahren.
Das wirklich interessante Thema ist also ein bisschen
verschenkt worden und hätte mehr Tiefe verdient. Mein stets sehr
kritischen Begleiter bemängelte vor allem die Selbstdarstellung des Erzählers und
so sind wir auch nicht zu dem angekündigten Gespräch geblieben. Gesehen haben
wir den Film in dem spirituell ausgerichteten Kino & Café am Ufer im
Wedding. Ab morgen läuft er in Berlin nur noch im Eiszeit-Kino (19.15 Uhr), sicher auch in vielen anderen Städten, und da er u.a. von ZDF und Arte gefördert wurde, ist er vielleicht auch irgendwann im Fernsehen zu sehen. In dieser Rezension im Spiegel ergeben die verschiedenen Fäden eine logischere Verknüpfung, als es mir gelingen wollte.
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