Sonntag, 14. Oktober 2012

Cajun-Gewürzmischung


Ob der Fernsehkoch Alfons Schuhbeck schon mal in Louisiana war? Und dort neugierig Kopfdeckel angehoben oder sogar mitgekocht hat? Ich glaube nicht.
Vor kurzem ist nämlich seine Cajun Gewürzmischung Teil meines Haushalts geworden. Die Namen der Zutaten kenne ich: Knoblauch, Paprika edelsüß, Pfeffer, Zwiebeln, Cumin, Coriander, Chillies, Ingwer, Kümmel, Oregano, Curcuma, Thymian, und das gefällt mir. Auch dass einige extra mit C geschrieben wurden, wohl in Erinnerung an das C in Cajun (und Cnoblauch?). Ich habe es gleich aufgemacht und daran geschnuppert und besonders den Kreuzkümmel herausgerochen, den ich mir kürzlich für ein karibisches Bauch-weg-Rezept aus meinem Sportstudio zugelegt habe. "Cajun" roch es aber nicht.
Auf der Webseite steht dann „Traditionsmischung aus der karibischen Küche. Das Temperament der Karibik: exotisch, sonnig, mit feiner Schärfe.“ Nun gibt es in Südlouisiana zwar Cajuns und karibische Einflüsse, aber sie sind nicht dasselbe. In der Karibik leben vor allem die Nachfahren afrikanischer Sklaven, von denen einige, zum Beispiel Haitianer nach der Befreiung nach Louisiana kamen. Viele von ihnen werden heute zu den Kreolen gezählt
Die Cajuns wiederum sind eigentlich Franzosen, die vor vielen Jahrhunderten (Ende des 16. Jhd.) nach Kanada auswanderten und ihren besonderen altmodischen Dialekt mitnahmen und bewahrten. Ihre Provinz, zu der übrigens auch Teile des Bundesstaates Maine gehörten -- deshalb gibt es dort auch noch eine französischsprachige Minderheit -- nannten sie Acadia. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die Region britisch und die Briten forderten, dass sich die Akadier der britischen Krone unterwerfen. Als sie sich weigerten, wurden sie 1755 deportiert, wobei viele starben. Die meisten der Akadier, die es schafften, kamen den Mississippi herunter nach Louisiana, das damals französische Kolonie war. Dort ließen sie sich in den Wäldern und an den Bayous nieder und lebten von der Landwirtschaft und vom Fischfang. (Weil sich auf dem sumpfigen Boden Rinder nicht gut halten lassen, ist – anders als in den übrigen USA -- Schweinefleisch fester Bestandteil der Cajun-Küche.) Aus den Acadiens wurden (durch sprachliche Abschleifung) die Cajuns, die lange Zeit mehr oder weniger ungestört vor sich hin lebten, nicht üppig, aber indem sie ihre Sprache weiter sprachen, die sie mit gelegentlichen englischen Einsprengseln versahen, und eine lebendige Ess-, Musik- und Tanzkultur pflegten.
Karibik stimmt wiederum metaphorisch, denn die Cajuns lebten in einer völlig neuen natürlichen Umgebung in enger Nachbarschaft mit Schwarzen, Indianern und europäischen Einwanderern und wurden natürlich auch von diesen beeinflusst.
Und so hat Herr Schuhbeck dann doch wieder alles richtig gemacht. 
(Zur Information wird hier übrigens vor Essen gewarnt, das sich New Orleans, Cajun usw. nennt.)

Freitag, 12. Oktober 2012

Facebook...

... is evil -- Facebook ist böse; das lesen wir vor allem auf dieser Seite des Atlantiks immer wieder und es hat mich vorsichtig gemacht. Es ist aber ein geniales Gerät, um über die Kontinente hinweg sofort und ohne Verzögerung verbunden zu sein und über die Entfernung auf dem Laufenden zu bleiben. Als ich heute früh angeschaltet und hineingesehen habe, gab es da Neues von der Audubon Plantation bei St. Francisville (die Schmiede wird wieder hergerichtet), aktuelle Fotos von meiner Cousine und seitenlange Live-Posts, die zwei Literatinnen während der Vizepräsidentendebatte blitzschnell als Kommentare hineingestellt haben. So witzig, so informativ! 
Darüber dass Paul Ryan "You see" und "Look" wie Obama verwendet, zwei Kriege auf Kreditkarte finanziert wurden, Ryan als Philosoph?: "Man kann denselben Dollar nicht zwei Mal ausgeben.", die Verbindung zwischen katholischem Glauben und Ultraschall (übrigens ist auch Joe Biden katholisch), wie die Satiresendung Saturday Night Live das Ganze wohl verarbeiten wird... 
Wie es der Zufall so will, kennen sich die beiden und haben eine Verbindung nach Louisiana. Die Übersetzerin, Autorin, Professorin und Occupy-Wall-Street-Chronistin und -Aktivistin Susan Bernofsky, die ich hier schon einmal erwähnt habe, ist in New Orleans aufgewachsen. Sie verfasst auch den Blog Translationista über Übersetzerisches.
Die Lyrikerin Laura Mullen aus Kalifornien ist seit einigen Jahren Lyrik-Professorin an der Louisiana State University in Baton Rouge. Vor einigen Wochen war ich bei einer Performance und Lesung aus ihrem neuesten Band Enduring Freedom: A Little Book of Mechanical Brides (Dauerhafte Freiheit: Ein kleines Buch der mechanischen Bräute; eine Anspielung auf die Militäroperation gegen den Terrorismus unter Präsident Bush) in der Baton Rouge Gallery. Laura trug ein Brautkleid, das sie sich für gewöhnlich vom Leibe schneiden lässt, hier allerdings nicht. Dafür gab es zum Schluss echte Hochzeitstorte, die zwei Damen von der Ambrosia Bakery auch geschnitten haben (dort gibt es zur Karnevalszeiten auch hervorragenden Kingcake, besonders zu empfehlen: Zulu Kingcake mit Schokolade und einem braunen Baby). Laura lief herum und rief: "This the best day of my life!" (Das ist der schönste Tag meines Lebens.) 
Auf meine Frage, einen Tag später, wie es ihr in Louisiana denn so ergangen sei, sagte Laura nachdenklich: "Louisiana has been deeply good for me" (Louisiana tut mir zutiefst gut). Und weil ich das so berührend fand, hat sie es dann gleich noch einmal gesagt. 

Donnerstag, 11. Oktober 2012

On the Road - Unterwegs


Ihren Werken nach zu urteilen, waren die französischen Surrealisten ein wilder Haufen, mit ihrer Lust auf Sex, Drugs und das Unterbewusstsein, angestiftet von Übersetzungen der Bücher des Herrn Freud. Ihre Experimente waren ungewöhnlich und gewagt, ihr Verschleiß an Musen natürlich groß, obwohl einige davon, Leonora Carrington zum Beispiel, selbst große Künstlerinnen wurden. Dann sieht man aber ein Foto von ihnen und da stehen sie wie zum Klassenfoto aufgereiht, mit Anzug und Krawatte, gern auch Tweed, und bloß nicht lächeln. Ganz wie der Gentleman’s Klub, der sie letztendlich waren, mit Manifesten und Aufnahmeritualen, Ausschlüssen und ihr Chef, André Breton, brachte es im New Yorker Exil nicht einmal übers Herz, Englisch zu lernen.
Die Beatniks, USA Ende der vierziger Jahre und fünfziger Jahre, sind eher eine Generation als eine Kunstrichtung, und während es immer wieder Hippies, ihre Nachfolger, gibt, so altern Beats  eigentlich nur noch und sterben langsam aus (außer vielleicht Lawrence Ferlinghetti). Sie lebten das Extrem, experimentierten mit dem Leben, ähnlich wie der Franzose Boris Vian, der zeitgleich im Dunstfeld der Existentialisten wirkte (gest. 1954).
In der Person von Jack Kerouac verbinden sich gewissermaßen Alte und Neue Welt (so wie auch in der Lost Generation um Gertrude Stein und Ernest Hemingway, die in Paris lebte): Dabei wird gern vergessen, dass der Verfasser der großen Hymne und des Quasi-Manifests der Beatniks, On the Road, der französischsprachigen Minderheit in Massachusetts entstammte und also in einer Fremdsprache schrieb. Vor einiger Zeit wurde sein französischsprachiges Manuskript mit dem Titel Sur le chemin (Unterwegs) entdeckt, das im lokalen Dialekt geschrieben ist und deshalb erdig und fast kindlich klingt (hier finden sich einige kurze Ausschnitte). 
In dem Film On the Road, der derzeit im Kino läuft, wird das Französische mehrmals kurz in Szenen mit seiner Mutter angedeutet, vermutlich wegen der französischen Koproduzenten, denn ansonsten schert das kaum jemanden. Allerdings gilt in den USA, so mein Eindruck, eher Allen Ginsberg mit dem Poem Howl als die große Stimme der Beat Generation.
Anders als das Buch muss sich der Film zur leidigen Kleider- und Frisurfrage verhalten. Wenn es um  lange, anarchische Überlandfahrten, Drogen, Sex in allen Konstellationen, wilden jugendlichen Überschuss an Testosteron geht, dann kann man die Darsteller doch nicht mit Schmachtlocke, kariertem Hemd und Hängeschultern herumlaufen lassen. Oder? Nur Kirsten Dunst als Deans Frau Camille trägt das Haar in der Nackenrolle der Zeit und schafft es, authentisch zu wirken und mich mitfühlen zu lassen, eine gute Schauspielerin, dachte ich mir. Sonst trägt man vor allem H&M-Ähnliches, Kristen Stewart noch dazu ein gelangweilt-verführerisches Schmollmündchen oder gar nichts, der Darsteller von Dean Moriarty, alias Neal Cassady, ist überhaupt zu gut und glatt aussehend für die Rolle, Kerouac wird hier zum schmierigen Mitläufer und Resteabfasser und insgesamt war mir der Habitus der Hauptdarsteller zu modern. 
Dem puren Hedonismus ohne Tiefgang wird immer mal wieder Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit entgegen gehalten, allerdings, wie mein Begleiter meinte, eher wie eine Monstranz vor sich her getragen, als dass man ihnen abnehmen würde, dass es einer von ihnen wirklich liest. (Mir ist dann auch eingefallen, dass die im Film gezeigte englische Übersetzung In Search of Lost Time erst 1992 erschienen ist und Ende der vierziger Jahre noch die erste Übersetzung mit dem kanonischen Titel Remembrance of Times Past in aller Munde und Hände war. Fällt das unter "Continuity"?)
So ist jedoch in meiner Erinnerung das Buch: eine rastlose Suche, ein Aufbruch ohne Ziel, Rebellen auf der Suche nach ihrer Sache (frei nach Rebels Without A Cause). Gelesen habe ich es schon Anfang/Mitte der achtziger Jahre in der Übersetzung von Bernhard Scheller; für die neue nach der Urfassung war "das Presse-Kontingent erschöpft".
Übrigens: Natürlich fährt die Bande auch nach New Orleans, und hält sich einige Tage im wunderbaren Landhaus von William Burroughs und seiner Frau auf. Es befindet sich in Algiers, gleich gegenüber von New Orleans auf der Westbank (in Bridge City, auch auf der Westbank, gedreht), ein traumhaftes Plantagenhaus mit hoher Terrasse, umgeben von Bäumen mit Spanischmoos und lauthals röhrenden Grillen, Licht wie bei Van Gogh, eine warme Paradies-Oase, ein Innehalten en famille in diesem ansonsten irgendwie kalten Film.
Trotzdem vergingen die 124 Minuten schneller als befürchtet, die Exzesse machen atemlos und die Kamera zeigt die USA von weiter, poetischer Schönheit in krisseligen, grellen Bildern wie in den Motorcycle Diaries. Dem Buch wird der Film nicht so recht gerecht, zu viel Hochglanz, zu viel Hollywood, zu viel kalkulierte Transgression. Und doch wäre ich neugierig zu sehen, wie die Surrealisten in einem Film von Regisseur Walter Salles wegkommen würden.

Sonntag, 7. Oktober 2012

The Lucky One


Louvers (oder Britisch: louvres) ist Englisch für die schräg gestellten Leisten, zum Beispiel an Fensterläden, die auf Deutsch meist als Lamellen bezeichnet werden. Lamellen heißen auch die Membranen auf der Unterseite von Pilzen und deshalb bin ich mit dem deutschen Wort nicht ganz zufrieden, denn anders als vielleicht die filigranen Lamellen an den Plastejalousien (mini blinds) aus China, sind Louvers an Fensterläden, französischen Türen und anderswo sehr stabil und starr und aus festem Holz, für die Jahrhunderte gebaut. 
Für mich und für die Filmindustrie sind Louvers Hinweis und Symbol für den amerikanischen Süden, besonders Louisiana, wo sie zur traditionellen (und wie das Brad-Pitt-Projekt Make It Right Nola zeigt auch zur modernen) Architektur einfach dazugehören, in Form von Fenster- oder Türläden, aber nicht nur. So gesehen zum Beispiel in der Verfilmung von Endstation Sehnsucht oder in Unterwegs nach Jack Kerouac, der derzeit in den Kinos läuft.
Auf dem langen Flug habe ich The Best Marigold Hotel gesehen – ein wirklich hübscher und durchaus bewegender Film über ältere Briten (mit Judi Dench, Maggie Smith usw.), die in einem verfallenen Hotel in Indien einen ruhigen Lebensabend suchen und dann doch etwas Anderes finden. Und weil alles so klein und so eng und so unbequem war, ist mein Blick immer wieder abgeschweift: auf den Bildschirm eines Passagiers zwei Reihen schräg vor mir. Dort gab es dann eine heiße Liebeszene, so wie Hollywood es sich vorstellt, wenn ein Paar sich endlich zum ersten Mal liebt, und diese fand in weichem, warmem Licht und hinter Louvers statt. Das hat mich neugierig gemacht.
Also habe ich mir nach dem Happy End von Marigold Hotel noch diesen Film angesehen, The Lucky One (dt. Für immer der Deine). Es ist die Verfilmung eines gleichnamigen Romans von Nicholas Sparks, der allerdings statt in North Carolina in Louisiana spielt, wo man sich freigiebig der anderen Symbole und Stereotypen bedient: Lebenseichen, tolles Plantagenhaus, Zydecomusik usw. Die Schauspieler sind hübsch, die Landschaften auch und die Geschichte gibt sich ernst und dramatisch. Logan, ein ehemaliger Marine, macht sich von Colorado aus mit seinem Hund zu Fuß auf den Weg nach Louisiana, um eine junge Frau zu aufzuspüren, deren Foto er im Irakkrieg gefunden hat. Wie die etwas Voyeurismus suggerierende Szene hinter Louvers jedoch andeutet, kann ihre Liebe nicht einfach so drauf los erblühen, sondern es gibt einige Hürden. Er erzählt ihr nicht, wer er ist und woher er kommt; sie war schon einmal verheiratet und hat ein Kind; der Exmann ist ein dysfunktionaler Loser und Polizist, der sie terrorisiert und den Jungen zu einem Mann machen will und als Pfand gegen sie in der Hand hat. Logan hingegen ist ein richtig männlicher Engel, versteht sich mit allen prima und hält den Ex in Schach. Der ertrinkt in einer äußerst dramatischen Unwetterszene am Schluss und dann gibt es Friede Freude Eierkuchen.
Eine erstaunliche Stärke hat der Film: Er schafft es, eine Höchstzahl von Klischees in sich zu vereinen – Handlung (Liebe, böser Gegenspieler und dessen Tod, Krieg, Tod des Bruders, über den die Frau nicht hinwegkommt), Louisiana, die Art der Schauspielerei (sie wird einmal fuchtig und reißt Büsche aus und wirft Blumentöpfe um), lieber, gut aussehender Typ, scheinbar ganz ohne Frau, der trotz kurzem Hinweis auf PTSD am Anfang Hunde und Kinder liebt und Frauen auch. Ein kleines Detail hat mich doch beeindruckt: Beth war vor ihrer Heirat Mitglied der Leichtathletikmannschaft der Tulane University. 
Der Leuchtturm, der in dem bewussten Foto hinter Beth zu sehen ist und Logan zu ihr führt, befindet sich in Port Eads, ganz im Süden Louisianas, wo das Land in den Golf von Mexiko übergeht. Seit Hurrikan Katrina ist er nur noch vom Wasser und von der Luft aus zu erreichen.
Es soll insgesamt schon sieben Verfilmungen nach Nicholas Sparks geben und bei allen soll der Verbrauch von Tempotaschentüchern zu einem Engpass geführt haben. Bei uns lief der Film im Frühjahr und erreichte Platz 3. Gedreht wurde ausschließlich in der Gegend von New Orleans.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Pralines


Gibt es eigentlich etwas Reineres, Ehrlicheres, Urigeres als puren Zucker? Das heißt: braunen Zucker, der aus Zuckerrohr gewonnen wird, wie es in Südlouisiana ausgiebig angebaut wird?
Wenn es dort herbstet, die Sonne tiefer steht und die Luft klammer wird, allerdings ohne bunte Blätter, dann werden die Zuckerrohrfelder abgeerntet und niedergebrannt, und ihr Rauch mischt sich mit dem aus den Schornsteinen der Raffinerien, und ein süßlich-verbrannter Geruch überzieht die Landschaft. Das hat etwas Heimelig-Melancholisches, denn es läutet den Winter ein, der dort natürlich nicht so lang und dunkel ist wie hier.
Mit braunem Zucker kann man raffinierte Sachen machen, zum Beispiel einen Mint Julep, einen schmackhaften Sommercocktail, den ich erst letzte Woche zum ersten Mal hier gemixt habe. Auch in Frankreich, wo ja das gute Essen erfunden wurde, schätzt man Rohrzucker sehr, aber das hängt wohl mit den strategisch platzierten Kolonien zusammen, von denen einige jetzt keine mehr sind und andere nicht mehr so heißen, sondern zu Landesteilen verschiedenen Ranges erklärt wurden (DOM-TOM) und damit ganz gut fahren, so dass sich die Einheimischen größtenteils den Dingen fügen.
Eine Krönung erlebt der Zucker jedoch in einer typischen kreolischen „Praline“ (in New Orleans sagt man: Praa-lien), die nicht besonders aussieht, aber warmherzig und gehaltvoll ist und unglaublich sanft. Wie immer gibt es verschiedene Rezepte, mit oder ohne Sirup oder Milch oder Schokolade. Immer dabei: Rohrzucker und Pecannüsse, die schmalen, braunen, dunkel und warm schmeckenden Nüsse mit der knackfreundlichen Schale, die dort in den Gärten wachsen. Bilder von Pralines hier und hier. Pecans hier.

Montag, 1. Oktober 2012

Ende einer Ära

Meine Freundin Lil schreibt heute auf Facebook:
"Es ist ein melancholischer Montag. Heute früh lag keine Zeitung vor der Tür..., es sei denn, man zählt das "Blau-und-Gold-Extrablatt", das ich persönlich als Beleidigung empfinde... Ich brauche keine Zusammenfassung des Standes von 0:4 für die Saints. Wenn man das drucken und ausliefern kann, warum dann keine richtige Zeitung? Ich habe es vor mir hergeschoben, aber jetzt bin ich so weit, dass ich den Advocate abonnieren werde."*
(It's a blue Monday. No paper on the doorstep this morning... well, not if you don't count the "Black and Gold Extra", which I personally find insulting... I don't need a re-cap of the Saints' 0:4 record. If they can print and deliver that, why can't they give us a real paper? I've been dragging my feet on it, but I'm ready to subscribe to the Advocate.)
*Die Tageszeitung The Advocate aus Baton Rouge hat kürzlich wieder ein Büro in New Orleans eröffnet und erscheint dort mit einer täglichen Ausgabe. Die Times-Picayune, die traditionsreiche und zutiefst verehrte Tageszeitung von New Orleans erscheint ab heute nur noch drei Mal wöchentlich als Druckausgabe.

New Orleans – ein Fragebogen


Interview mit Martha Pinney, 5. Klasse, Louise Mc Gehee School, New Orleans

New Orleans ist... eine interessante Stadt mit...schönen Bäumen. Ich mag das Essen.

Lieblingsort in New Orleans: Das French Quarter. Ich mag all die Geschäfte, und ich mag das Café du Monde.

Lieblingsgebäude: Ich glaube, das Bradish Johnson House in meiner Schule, weil es schön ist, und weil es mir gefällt, wie man es in eine Schule umgestaltet hat.

Was war es denn, bevor es eine Schule wurde? Es war eine Schule. Das heißt, eigentlich war es so eine Art Haus, für Menschen, ein ganz normales Haus, und dann hat man daraus eine Schule gemacht.

Lieblingsessen aus New Orleans: Beignets, weil die mit Puderzucker überhäuft werden, eine Schicht nach der anderen, und das macht mich glücklich.

Lieblingsmusikerin aus New Orleans: Amanda Shaw, weil ich wegen ihr angefangen habe, Geige zu lernen. Sie macht tolle Musik auf der Fiddel. Sie nennt sich Amanda Shaw and the Cute Guys (…und die hübschen Jungs), weil sie das einzige Mädchen in der Band ist und weil die Jungs im Hintergrund spielen.

Lieblingswort oder -ausdruck aus New Orleans: Who dat? Einfach, weil es lustig ist, und weil ich die Saints liebe, und Drew Brees. Also, who dat.

Passendster Spitzname für New Orleans: NOLA?

Liebste, hier nicht erwähnte Sache in New Orleans: Die Bäume, im City Park. Ich glaube, es ist die größte Ansammlung von Lebenseichen, und ich klettere gern darauf herum.

Wie kann die Stadt ihre Mordrate senken? Mehr Polizei, und man könnte strenger überwachen, wer in der Drogerie Drogen kauft, wer so etwas kauft, und vielleicht mehr Überwachungskameras.

Warum ich in New Orleans lebe: Erst einmal kann ich ja nichts dafür, aber ich würde auch nicht umziehen wollen, weil... erst einmal mag ich mein Viertel und ich will nicht alle meine Freunde zurücklassen. Ich liebe den Stil der Häuser. Und wie alt die Stadt ist.

Was ich an New Orleans am wenigsten mag: Also, mir gefällt es nicht, dass überall Müll herumliegt, dass ein Teil der Stadt einfach schrecklich aussieht. Da gibt es alte Gebäude, die nicht abgerissen werden, da gibt es Projekte, die mittendrin sind und dann einfach aufhören. Ich wünschte, man könnte das einfach besser handhaben.

Was die meisten nicht über New Orleans wissen: Ich weiß eigentlich nur, was alle wissen, also...

Meine New Orleans-Expertise: Ich lebe in New Orleans, und bin schon mein ganzes Leben hier.


Glossar:
Louise McGehee School: Private Mädchenschule im Garden District, von Kinderkrippe bis Highschool. Das Bradish Johnson-Haus ist das Hauptgebäude der Schule.

Café du Monde: Café am Jackson Square im French Quarter, in das jeder Tourist geht, um dort mit Zichorie versetzten Kaffee zu trinken und Beignets zu essen, eine Art Donuts oder Krapfen.

Amanda Shaw... stammt ursprünglich aus Covington, von der Nordküste des Lake Pontchartrain. Sie trat bereits zwei Mal in der McGehee-Schule auf.

Who dat? Wörtlich: Wer issn dis? Lautsprachliche New Orleanser Ausdrucksweise. Jetzt Schlachtruf der Fans der American Football-Mannschaft New Orleans Saints. Der ganze Spruch lautet „Who dat? Who dat? Who dat say dey gonna beat dem Saints?“—Wer issn dis? Wer issn dis? Wer sagt’n, dasser die Saints schlagen wird?





New Orleans Questionnaire


Interview with Martha Pinney, 5th grade, Louise Mc Gehee School in New Orleans.

New Orleans is... an interesting city with…pretty trees. I like the food.

Favorite place in New Orleans: The French Quarter. I like all the shops, and I like the Café du Monde.

Favorite building: I think the Bradish Johnson House in my school, because it’s pretty and I liked how they re-created it into a school.

What was it before it before it became a school? It was a school. Well, actually, it was sort of a house for people, just a normal house, and then they turned it into a school.

Favorite New Orleans food: Beignets, because they just stack powdered sugar on top of it, layer after layer, and it makes me happy.

Favorite New Orleans musician/s: Amanda Shaw, because she is the reason I started playing violin. She makes awesome fiddle music. She calls herself Amanda Shaw and the Cute Guys, because she’s the only girl in the band and she’s got the guys playing in the background.

Favorite New Orleans word or expression: Who dat? Just because it’s funny, and I love the Saints, and Drew Brees. And so, who dat.

Most apt New Orleans nickname: NOLA?

Favorite New Orleans thing not mentioned here: The trees, in City Park. I think it’s the largest collection of live oaks, and I like climbing them.

How can the city lower its murder rate? More police; they could be stricter about who buys drugs at the drugstore, who buys stuff like that, and maybe more surveillance cameras.

Why I live in New Orleans: First of all, I can’t really help it, but I wouldn’t want to move because… first of all, I love my neighborhood, and I don’t want to leave all my friends. I love the style of the houses. And how old the city is.

The thing I like least about New Orleans: Well, I don’t like how there's trash everywhere, how there's a part of the city where everything just looks awful. There’s old buildings not taken down, there are projects that are in the middle of projects but they just stop. I wish they could just do better on that.

What people don’t know about New Orleans is: I basically know what everyone knows, so...

My expertise on New Orleans: I live in New Orleans, and I've been here my entire life. 

Freitag, 28. September 2012

4905 Magazine St.

Ich wollte mich selbst vergewissern, wie unheimlich (so Stephen King bzw. sein Übersetzer) das Haus aussieht, in dem Lee Harvey Oswald mit Frau und Töchterchen wohnte, bevor er nach Dallas zog, wo er möglicherweise?/vermutlich? Präsident Kennedy erschossen hat.
Das Haus, das ich im Internet gefunden und auf das ich hier verwiesen hatte, war es nicht, denn das waren die Nummern 4901 und 4903. Als ich mich so umguckte, sprach mich eine Frau an, die gerade mit der Heckenschere an der Einfahrt herumschnippelte. Sie hieß Diane West und lebte als kleines Mädchen gleich um die Ecke, als Oswald dort wohnte. Er war komisch und er trug einen schwarzen Hut, so erinnert sie sich. Jetzt wohnt sie mit einem (ihrem?) Mann in dem kleinen Gartenhäuschen. Dann zeigte sie mir noch ein Haus in der Seitenstraße, das gerade ein berühmter Architekt baut und eine ganze Häuserzeile, die jemand abgebrannt hatte. Es kommen öfter Leute, um nach dem Haus zu suchen, meinte sie. Oswald, so glaubt sie, wurde reingelegt.
Unheimlich sieht das Häuschen jedenfalls nicht aus.

Dienstag, 25. September 2012

Erntemond

Die Zeit vergeht wie im Fluge, außer natürlich während des Fluges, vor allem über den Atlantik, endlose Minuten und Stunden, wo die Beine zu lang sind und der Kopf zu schwer und umgekehrt, wo man zu müde ist, um zu lesen oder einen Film zu sehen, und zu wach, um zu schlafen, und wo das Tablett mit der willkommenen und längst aufgegessenen Abwechslung, wie es scheint, stundenlang nicht weggeräumt wird.
Mittwoch vor einer Woche war ich beim Harvest the Music-Fest auf dem Lafayette Square gleich vor dem Bundesgerichtsgebäude. Es spielten die Iguanas (siehe auch hier). Das Volk stand herum und redete und die Kinder kletterten auf einer Skulptur herum. Speisen und Getränke gab es auf Marken an Ständen, aber es wurde auch Schmuck und anderes verkauft. Neben der Bühne tanzten junge Elfen mit blinkenden Hulahup-Reifen. Es war ein Sommerabend, wie wir ihn in Berlin den ganzen Sommer nicht hatten, die Iguanas spielten, es wurde dunkel, und die Welt war ganz in Ordnung. Ich hatte mich gleich in ein T-Shirt verguckt und habe es nach langem Zögern doch gekauft.
Morgen ist wieder Harvest the Music auf dem Lafayette Square. Es spielt Dr. John. Ich werde nicht da sein, aber meine Freunde werden an mich denken und auf mich anstoßen. Aber so ein November in Berlin im September hat doch auch seinen Reiz?
Am 30. ist hier wieder Vollmond, schon am 29. in New Orleans - dort ist es der sogenannte Harvest Moon, Erntemond. Hier ist der vom letzten Jahr (am Lake Pontchartrain, mit Grillenzirpen im Hintergrund).
Das T-Shirt mit Kofferknitterung.

Dienstag, 18. September 2012

Liebes Universum,


Du wunderst Dich vermutlich, warum mein ökologischer Fußabdruck in den letzten zwei Wochen explodiert ist und ich mit Riesenquadratlatschen die Umwelt verpeste. Die Antwort ist einfach: Ich bin den USA. Und weil ich hier nur zu Besuch bin, kann ich mich nicht so einrichten, wie ich es gern möchte.
Zunächst der Transport: Flugzeuge haben mich und mein Gepäck über mehr als 8200 Kilometer hierher gebracht und werden mich hoffentlich die über 8500 Kilometer wieder heil nach Hause bringen. Dabei senden sie unglaubliche Mengen an Abgasen direkt in den verwundbaren Himmel. Zum Glück kommt das in meinem Fall inzwischen sehr selten vor und bei der nächsten Honorarzahlung werde ich mit einer Spende um Wiedergutmachung bitten. 
Dann habe ich einen kleinen Mietwagen, der nicht jeden Tag zum Einsatz kommt, weil ich mich bei vielen netten Menschen aufhalte, aber dafür legt er beachtliche Strecken zurück (mittlerweile ca. 1000 Meilen). Leider ist dieser essentiell, weil ich sonst in einem Maße auf die Fahrdienste Anderer angewiesen wäre, wie sie vielleicht berühmten Schriftstellern zuteil werden. Das mit dem vegetarischen Essen darf ich für die Zeit hier auch nicht so eng sehen und so werden die Flugzeuge schwerer an mir zurücktragen und unzählige Tiere, vor allem Rinder, werden für mich ihr Leben gelassen haben, natürlich nicht, ohne vorher jede Mengen Methan in die Atmosphäre auszustoßen. (Der Verzicht auf Fleisch und Milchprodukte, so habe ich kürzlich in der Sendung Freakonomics auf NPR gehört-hier, ist der sicherste Weg sich umweltverträglich zu ernähren. Läuft leider nicht auf NPRBerlin.)
Und dann der Müll: Was auf dem Flug schon an Wegwerfbechern und -besteck und Verpackungen verbraucht wurde, obwohl es angeblich recycelt wird! Hier wird in all den Coffeeshops nur noch in Pappbechern, -tellern und Papiertüten serviert und wenn ich um Leitungswasser bitte, bekomme ich es in einem dünnen, durchsichtigen Becher, der schon bei der zweiten Verwendung unerträglich nach Plaste schmeckt. Wenigstens die Strohhalme lasse ich jetzt weg.
Dann wäre da noch die Klimaanlage, die ständig läuft und für mich meist viel zu kalt eingestellt ist. Am Sonntag auf einer Lesung in der Baton Rouge Gallery war sie auf 71 Grad Fahrenheit (ca. 22°) gestellt, bei 96 Grad (ca. 36°) draußen! Jetzt sitze ich ganz unventiliert auf einer gazeumzäunten Veranda und schon nach nur ein paar Tagen in Louisiana ist mir, als würde ich irgendwie frisch leuchten. Nicht wegen, sondern trotz der Klimaanlage...
Ich gebe zu, dass es insgeheim auch einen gewissen Reiz hat, so sorglos und im Überfluss zu verschwenden wie die meisten Amerikaner. Aber schon nächste Woche, liebes Universum, werde ich wieder brav einsparen und recyceln, werde radeln, laufen, zur Bahn rennen und mit ihr fahren, und werde unzähligen Tieren ihr Leben lassen. Bis dann!

Mittwoch, 12. September 2012

Fotos aus Branson

Die Hütte brennt.
King Kong.

Die Titanic.

Pharao.

Wohnzimmer in Bonniebrook.

Feenhäuschen im Wald.


In Missouri

Wenn man wissen möchte, was mit „middle America“ gemeint ist, sollte man unbedingt nach Missouri reisen. Nach St. Louis oder wie ich nach Branson, wo vor allem das „middle America“ im Rentenalter hinfährt, in den Ozarks, einem Mittelgebirge im Südwesten von Missouri, gelegen. Man fährt nach Branson, um sich für unerhört hohe Eintrittspreise irgendwelche „Shows“ anzusehen, Schnulzensänger, Komiker, chinesische Akrobaten, die alle ihre eigenen Theater haben. Ich habe auch Werbung gesehen für „Southern Gospel“, fünf weiße Männer in Anzügen, für zwölf Tenöre aus Kentucky, auch für Cajun-Bands. Entlang der hügeligen Straßen reiht sich Kettenrestaurant an Kettenhotel und Theater an Rummelattraktion. Einen Damm mit einem künstlichen See gibt es auch, den Table Rock Lake, den das US Army Corps of Engineers betreibt und wo es sich in einem Besucherzentrum erklärt. Branson ist ein Urlaubsort, wo das Künstliche gefeiert wird.
Wir haben uns wieder einmal das klassische Freilufttheaterstück „Shepherd of the Hills“ (Schäfer der Berge) angesehen, das vor 100 Jahren in den Ozarks spielt. Am Anfang wird die Nationalhymne gespielt und die Reiter laufen mit Pferden und Fahnen eine Choreographie ab, während alle aufstehen und die Hand aufs Herz legen. Dann werden die Veteranen gebeten aufzustehen. Es wird noch ein wenig herumgescherzt, mit uns wenigen Besuchern an einem Montag im September, und dann fängt es ganz einfach und nahtlos irgendwie an. Es geht um böse Banditen, die alle terrorisieren, ein schönes Mädchen, das mehrere Männer begehren, um Liebe, Tod, Vergebung und Rache. Es geht einigermaßen glimpflich aus, aber vorher wird herumgeballert und geschrieen, getanzt und darüber philosophiert, was eine Lady ausmacht. Eine wichtige Rolle spielen die Pferde, mit denen man auf die Bühne gefegt kommt, als Reiter oder in einer Kutsche, oder die Maultiere, die mit den Pferden am Rand herumstehen, und vor allem auch die kleine Schafherde, die an einer Stelle mit Karacho von links nach rechts über die Spielfläche jagt. Eine Hütte wird auch in Brand gesetzt. Das alles ist so spannend, dass man kaum bemerkt, wie es dunkel geworden ist und die Sterne am klaren Himmel funkeln.

Nur um dieses Stück ein zweites Mal zu sehen, bin ich natürlich nicht nach Branson gefahren. Ungefähr zehn Meilen nördlich der Stadt befindet sich das Bonniebrook-Museumshaus für die Künstlerin Rose O’Neill, die dort mit ihren Eltern und Geschwistern, zeitweise auch mit Ehemännern und Künstlerfreunden bis 1944 lebte. Etwas versteckt in den dichten Laubwäldern der Ozarks liegt das Haus an einem Bach, den sie Bonniebrook nannte. Rose O’Neill ist die Erfinderin und Schöpferin der „Kewpie Dolls“, die in der ersten Hälfte des Jahrhunderts ein Renner waren, als Puppen, als Illustrationen, als Comic, auf Tellern usw. Nur wegen der „hässlichen Puppen“, wie sie mein Onkel etwas nonchalant bezeichnete, muss man natürlich nicht dorthin fahren. Doch mit ihren Kewpies traf Rose O’Neill den Geschmack der Zeit, konnte ihre eigene finanzielle Unabhängigkeit sichern und über Jahrzehnte hinweg für ihre gesamte Familie sorgen. Ursprünglich aus Omaha, Nebraska, zog sie nach New York, studierte in Paris und unterhielt neben anderen ein Haus auf Capri. Sie war eine gefragte Illustratorin für den Cosmopolitan und viele andere Zeitschriften, schuf auch Bilder mit weiblichen Sagengestalten, im Jugendstil, ebenso wie Skulpturen. Sie war nicht nur eine unabhängige Frau, die sich in ihrer Kleidung nicht dem Modediktat unterwerfen wollte und frei schaffen wollte, sie setzte sich auch mit ihrer Arbeit massiv für das Frauenwahlrecht ein. Salons unterhielt sie auch. Und dann ist das Haus einfach wunderschön (wenn auch, nachdem es 1947 abgebrannt war, erst in den 1990er Jahren wieder aufgebaut), mit vielen Fenstern und tiefen Erkerfenstern an eingebauten Sitzbänken zum Lesen, einer großen, lichten Küche, und vielen vielen (Schlaf-)zimmern für Familie und Gäste, insgesamt 14. Beeindruckend ist ihr Studio ganz unter dem Dach, große Fenster unter großen Bäumen, mehrere Balkone, eine einladende Liege für kreative Nickerchen. Die Bonniebrook Historical Society wurde von einem älteren Herrn aus Arkansas vertreten, der uns herumführte und schnell außer Atem geriet, und von einer distinguierten Dame aus Connecticut, die die Kasse und den Empfang bediente. Nicht zu vergessen die kleine getigerte Katze „Bonnie“, die uns auf dem Rundgang begleitete.
Am Wochenende des 21. und 22. September gibt es in Bonniebrook das Third Annual Faerie Gathering and Sweet Monsters Ball (am Freitag Kostümball mit Preis für das beste Kostüm; am Sonnabend kommen verschiedene Künstler und es werden wohl wieder winzige Feenhäuschen gebaut werden). Nur für den Fall, dass es jemanden in die Gegend verschlagen sollte...

Mittwoch, 5. September 2012

Auf Reisen


Ich reise gern. Weniger spektakulärer Landschaften oder Berg- oder Strandwanderungen wegen, sondern weil ich auf fremde Länder und Leute neugierig bin. Wenn ich allein reise, kann ich ganz anonym sein, nur Augen und gelegentlich Mund, muss nichts leisten oder beweisen oder irgendwie sein: BIN einfach. Das mag ich.
Das versüßt auch die beschwerliche Reise in die USA (16-17 Stunden) ein wenig. Doch weil es meine zweite Heimat ist, ist es nicht irgendeine Reise. Ich war jetzt seit drei Jahren nicht dort und nach so langer Zeit frage ich mich, ob mir das Geld und die kleinen Dinge des Alltags wieder vertraut sein werden. Mich nerven die Einreiseformalitäten noch viel mehr als sonst (die wollen gar nicht, dass man sie besucht!), und ich habe zum ersten Mal wirklich Angst vor der Kriminalität, vor allem in New Orleans.
Was ich aber völlig vergessen hatte ist der veränderte Bewusstseinszustand vor der Reise, wo ich gedanklich und emotional nicht mehr hier, aber natürlich auch noch nicht angekommen bin. Eine Art Trance, so etwas wie umgekehrtes Jet Lag; früher hatte ich das vor den Reisen zurück nach Berlin. Dieses Mal hat es besonders zeitig eingesetzt, wohl weil ich mich so intensiv mit Hurrikan Isaac beschäftigt habe.
Morgen in aller Frühe fliege ich los. Die große Rezension der großen Lillian-Hellman-Biografie wird warten müssen. Es wird erst einmal ruhig werden hier im Blog, denn ich werde auftanken. Auch das mag ich am Reisen: Dass die Zeit stehen bleibt, das Leben für einen Moment angehalten wird. In diesem Sinne: Bis danach, mit Klarheit und wieder ganz hier!

Montag, 3. September 2012

James Bond in New Orleans

Auf meine Frage, was man denn in England so mit New Orleans assoziiert, wurde ich letztens auf diesen James-Bond-Film verwiesen: Leben und sterben lassen von 1973. Es war der erste mit Roger Moore, und darin erklingt der gleichnamige Titel von Paul McCartney und den Wings (Live and Let Die).
Am Anfang stehen drei Morde. Der erste findet bei den Vereinten Nationen in New York statt, als in der Kabine des auf seine Arbeit konzentrierten Simultandolmetschers (wie selten sieht man das im Film!) jemand eine Art Giftgas in die Tonleitung einfüllt. Der zweite erfolgt recht pittoresk im French Quarter in New Orleans während einer Jazzbeerdigung. Pittoresk ist das auch wegen der tollen 70er-Jahre-Kleidung und der Frisuren (Afros!), die die (durchweg schwarzen) Beteiligten tragen, und etwas später findet ein identischer Mord noch einmal statt. (Den ersten sieht man hier.) Der dritte Mord geschieht während einer wilden Voodoozeremonie, wo das Opfer auf der imaginären Karibikinsel San Monique an eine Art Totempfahl gefesselt ist und mit einer Schlange vergiftet wird.
Bond ist einem Doktor Kananga auf der Spur, eben in New York (Harlem), San Monique und New Orleans. Wieder einmal geht alles sehr schnell und rasant zu, und ich habe erst nach einer Weile verstanden, dass Doktor Kananga etwas mit Drogen zu tun hat. Ihm zur Seite steht sein Tarotkarten legendes Medium Solitaire (Jane Seymore), die, wir ahnen es, jung und scheu wie sie ist, natürlich das Bondgirl wird.
Bei der wilden Jagd bleiben wie gehabt einige Menschen auf der Strecke; auch für Bond sieht es einige Male nicht gut aus, aber er natürlich windet er sich elegant immer wieder heraus. Als er in New Orleans an dem damals winzigen Flughafen ankommt (der noch heute ungefähr die Größe von Berlin-Tegel hat), wird er zum Beispiel gleich entführt und auf eine Alligatorfarm gebracht, wo er den Tieren zum Fraß vorgeworfen wird. Dann kommt es zu einer endlosen Verfolgungsjagd mit Wasserbooten durch die Bayous von Louisiana (mit einigen verdächtig europäischen Landschaftszenen gemischt), wobei die Boote übereinander und über eine Landzunge hinweg springen, während ein hinterwäldlerischer Sheriff dazwischen herumfuchtelt. Ethnologisch und kulturwissenschaftlich gesehen ist das durchaus interessant, aber dann doch etwas zu lang für mich, so dass mir zwischendurch einige Zusammenhänge entgangen sind.
Beeindruckend und rein optisch sehr ungewöhnlich ist, wie viele Schwarze in dem Film mitspielen. Allerdings sind sie fast durchweg grausam und hinterhältig und stecken mit Doktor Kananga, auch schwarz, unter einer Decke. Dabei tauchen dieselben zwielichtigen Figuren in Harlem, San Monique und New Orleans auf und immer gibt es da eine Verbindung mit Voodoo. Kritiker haben auf diese klischeehafte Darstellung von Schwarzen als einer Verschwörung bösartiger Drogendealer hingewiesen.
Nach jahrzehntelanger Bond-Abstinenz fand ich James' Beziehung zum schönen Geschlecht, bzw. die der Frauen zu ihm, schwer erträglich. Die blutjunge Jane Seymore ist nämlich von dem leicht angeschwabbelten, weil fast doppelt so alten, Roger Moore sofort sexuell in den Bann geschlagen und will unbedingt ihre Jungfräulichkeit an ihn verlieren! Danach ist sie für Kananga als Tarot legendes Medium aber unbrauchbar! Dabei hat Bond sie herumbekommen, indem er sie aus einem gezinkten Blatt (mit lauter identischen Karten) die Die Liebenden-Karte ziehen lässt und brüstet sich dann noch mit diesem billigen Trick!
Einige niedliche Technikspielzeuge gibt es auch, aber insgesamt wollte sich, trotz Louisiana als Schauplatz, bei mir nicht so das rechte Bond-Gefühl von früher einstellen. Gut, ich bin älter geworden. Oder es liegt an meinem kleinen Laptopbildschirm. Aber eines ist nach wie vor ein Knüller: die James-Bond-Titelmelodie, die ich erst gestern live von der Schülerbigband des Arndt-Gymnasiums in Dahlem gehört habe -- zeitlos, mit Pathos und Energie, unschlagbar und immer wieder gut.

Samstag, 1. September 2012

Heute Abend im Fernsehen

0.30 Uhr, also eigentlich schon Sonntag, auf ARD: Bad Lieutenant -- Cop ohne Gewissen mit Nicolas Cage und Eva Mendes. Regie: Werner Herzog. Der Film spielt in New Orleans nach Katrina. Siehe auch hier und hier.

Freitag, 31. August 2012

Sara Gran: Die Stadt der Toten


Wenn eine Stadt so elementar auf ihre Elemente zurückgeworfen ist wie New Orleans, das jetzt gerade langsam wieder zu sich kommt, je mehr die Lichter angehen, dann scheint es irgendwie trivial und oberflächlich, über Bücher, Filme und andere eher schöne Dinge zu schreiben. Die Dämme haben gehalten, und dieses Mal können die New Orleanser das Gefühl haben, dass sich ihr Land um sie gekümmert hat, sie wichtig findet. Andere Regionen, gleich außerhalb der Stadt, wie zum Beispiel LaPlace, wo die lange Autobahnbrücke über das Wasser beginnt, auf der die Schlüsselszene von Jeff, der noch zu Hause lebt spielt, sind hoffnungslos überschwemmt, und in Baithwaite wurden sogar zwei Tote gefunden. Dann liest man gleich Kommentare im Internet, was für eine Verschwendung von Geldern das sei (14 Milliarden Dollar für die Dämme) und wie unverantwortlich und dumm von den Leuten, überhaupt in solchen Gegenden zu wohnen.
Für viele Menschen ist es eben seit ein, zwei oder auch mehr Jahrhunderten ihre Heimat und das was man im Englischen als „resilience“ bezeichnet, die erstaunliche Standhaftigkeit und Ausdauer, der Pragmatismus, Optimismus und Mut, mit dem sie diese Situationen immer wieder hinnehmen und durchstehen, ist bewundernswert. Selbst wenn man davon absieht, dass New Orleans und die Region mit dem Hafen, mit dem Öl, mit dem Fluss, mit seinem Grund und Boden für das ganze Land von entscheidender politischer und wirtschaftlicher Bedeutung ist (Stichwort: nationale Sicherheit) und schon dafür viel mehr Schätzung und Förderung erfahren müsste, so kann man natürlich die Stadt und die Region auch schon allein deshalb nicht entvölkern und aufgeben, weil das Land und die Welt New Orleans als vagen Sehnsuchtsort brauchen und der funktioniert, anders als vielleicht Vineta, Atlantis, Pompeji, nur mit einer realen Stadt. Man braucht die reale Stadt auch, um dort Krimis und andere Geschichten spielen zu lassen, zum Beispiel Die Stadt der Toten. Ein Fall für die beste Ermittlerin der Welt von Sara Gran.
Erst einmal: Es macht mir absolut keinen Spaß, Fehler in Büchern zu entdecken oder Verrisse oder Kritisches zu schreiben, weil ich mich dann selbst mies fühle. Als mir also ein Leser die Information über diesen Krimi zukommen ließ, den Titel und Untertitel so reißerisch ankündigen, habe ich erst mal ein bisschen recherchiert. Heutzutage schreibt ja fast jeder ein Buch, das in New Orleans spielt, aber Sara Gran hat tatsächlich auch dort gelebt und wird also wissen, so dachte ich mir, wovon sie schreibt.
Sie weiß, wovon sie schreibt, und das macht Spaß. Aber der Reihe nach.
Eingeführt wird die etwas verrückte Detektivin Claire DeWitt, die bei einer anderen großen Detektivin in New Orleans in die Schule gegangen ist. Beide entsprechen nicht dem typischen Bild von Detektiven: Die Koryphäe war eine Grande Dame mit einer Villa im Garden District. Claire ist eine tollpatschige, ungeschmeidige Person, die sich überall unbeliebt macht, und dennoch irgendwie ihre Fälle aufklärt. Sie kehrt nach New Orleans zurück, um das rätselhafte Verschwinden und den mutmaßlichen Tod von Vic Willing, einem Staatsanwalt, aufzuklären, der seit Katrina vermisst wird. Ihre Recherchemethoden sind ungewöhnlich: Sie setzt auf Intuition und Beobachtung, aber auch auf zufällige Begegnungen, Träume und alle anderen Arten von Zeichen. Sie trifft zum Beispiel immer wieder einen jungen Schwarzen, Andray, und dessen Freund, rettet ihnen sogar das Leben, und diese beiden stellen sich am Ende tatsächlich als entscheidende Figuren bei der Lösung des Falls heraus. Doch bevor es so weit kommt, begegnet sie ihnen immer wieder – und konsumiert mit ihnen und ohne sie jede Menge legale und illegale Drogen, was dann auch schon mal etwas langweilig wird.
Der Tonfall des Romans und der Hauptfigur ist schnoddrig und frech und das ist charmant und reißt mit. Über Claire zeigt die Autorin, wie gut sie New Orleans kennt; geradezu genüsslich und mit feiner Ironie platziert sie die Indizien dafür überall im Buch: Hubig’s Pasteten, der Radiosender WWOZ, der lokale Akzent: Yat, die Autoren Julie Smith, Poppie Z. Brite, James Lee Burke, Mardi Gras Indians, das Blau am Himmel der Veranden der alten Häuser, selbst die niedlichen grünen Mönchssittiche, die sich seit Katrina besonders verbreitet haben. 
Damit scheint sie irgendwie auch direkt an und für die New Orleanser zu schreiben, die es müde sind, ihre Stadt ständig falsch dargestellt und falsch gedeutet zu sehen. Bei aller Flapsigkeit fallen einige Spitzen ab: dass man in der Stadt nicht leben, dass man dort nicht glücklich sein kann, wie arm und vernachlässigt bestimmte Stadtteile und Menschen sind... Dann gibt es aber immer wieder Momente, wo sich eine tiefe Liebe für die Stadt zeigt, die der Einwohner, aber auch die der Hauptfigur und der Autorin. Obwohl Hurrikan Katrina nur den Hintergrund für das Verbrechen und die Geschichte bietet, erinnert es durchgehend an dieses Trauma. Der Tod des Opfers, den Claire tatsächlich aufklärt, ist ein zwiespältiger Tod, nicht gerecht, aber vielleicht in gewissem Maße gerechtfertigt.
Es wird auch aus der Biografie der Detektivin erzählt und somit Vorlagen für mindestens zwei weitere Krimis gegeben, denn die Leserin fragt sich: Wer hat Claires Mentorin getötet? Und was ist mit ihrer Schulfreundin Tracy aus Brooklyn geschehen? Claire ist ungehobelt und beziehungsgestört, aber ihr Witz und ihre Schlauheit machen Lust auf mehr.
Spaß machen auch die Verweise auf ihre theoretische Ermittlungsgrundlage: Jacques Silette und sein Buch Détection (reine Erfindung das, aber was für eine!). Immer wieder sind Sentenzen und Zitate aus dem Werk in den Text eingesprenkelt und schaffen damit scheinbare, fast philosophisch-meditative Momente des Innehaltens, die mich an die Samuraisprüche aus dem Film Ghost Dog erinnerten, nur dass jene echt waren, und diese eher mit Schalk und Augenzwinkern serviert werden.
Die deutsche Übersetzung von Eva Bonné liest sich so frisch und frei wie sicher das Original auch: ein reines Vergnügen. Gestutzt habe ich über den „Folksender WWOZ“, denn der Heimatsender vieler New Orleanser spielt vor allem Jazz, Rhythm & Blues, Funk, Musik aus New Orleans eben, aber es kann durchaus sein, dass Claire ihn deshalb als Folk bezeichnet. Für den architektonischen Baustil der „Creole Cottage“ ist Kreolenhäuschen keine schöne Entsprechung, aber eine bessere fällt mir auch nicht ein, ist aber zu überlegen.
Das Buch ist poppig-floral mit abgerundeten Ecken im Orange der frühen 2000’er Jahre aufgemacht, als ob es besonders junge Frauen ansprechen will. Diese (aber vielleicht auch Frauen anderen Alters und junge und alte Männer) lesen in diesem Buch auch, dass New Orleans – auch nach Katrina – genau so eine Stadt ist: lebendig, verrückt, kompliziert, und liebenswert. Ein wirklich unterhaltsames Buch.

Donnerstag, 30. August 2012

Bilder

Die Deiche um New Orleans scheinen erst einmal zu halten. Überflutungen und Evakuierungen östlich und nördlich und südlich von New Orleans (Braithewate, Mandeville, Madisonville) und an der Golfküste in Mississippi. 700.000 Menschen ohne Strom.
Isaac-Fotos hier, 12 Stunden Videoaufnahmen der Canal Street in New Orleans auf 1,50 Minute zusammengekürzt hier.

Mittwoch, 29. August 2012

Stimmen aus dem Sturm

Meine Freundin Lil auf Facebook: vor 10 Stunden
Uns geht's gut. Wir sitzen den ganzen Tag herum und warten, dass der Wind stärker wird. Der Sturm ist nicht annähernd so schlimm, wie sie angekündigt hatten.
We're fine. We've been sitting around all day, waiting for the wind to pick up. The storm is not nearly as bad as they thought it would be.
Bill Lavender (der kürzlich aus Budgetgründen geschasste, von vielen geschätzte Direktor von UNO Press): vor 9 Stunden
Wie ich es liebe, wenn die Stadt heruntergefahren und stillgelegt wird, an Schulzonen die Ampeln auf die leeren Straßen blinken. Dann fällt der Strom aus und alles wird dunkel. Ich glaube, was uns wirklich trennt, ist nicht links gegenüber konservativ, sondern die Kluft zwischen denen, die sich nach diesen Momenten sehnen, und denen, die sie fürchten.
how I love it when the city shuts down, school zone lights blinking on empty streets. then the power goes off and all goes dark. i think the real division among us isn't liberal vs conservative but the gulf between those who yearn for these moments and those who fear them.
Schriftstellerin Moira Crone: vor 8 Stunden
Was die New Orleanser über Sturmzeiten für sich behalten: was für ein Wunder es ist. Der Strom geht, das elektrische Sirren verstummt, das Essen im Kühlschrank wird nur ein paar Tage halten, all der persönliche Kram ist eigentlich ein großes Hindernis für das spirituelle Überleben -- Wir müssen uns auf alte Lebensweisen zurückbesinnen, außerhalb unseres modernen Kokons -- Jetzt ist es die Güte von Freunden und in ein paar Tagen vielleicht die Güte Fremder, wir können es nicht wissen -- die uns weitermachen lässt. Das riesige, geraunte, Geheimnis -- unsere phänomenale Verwundbarkeit, das ganze Risiko des Am-Leben-Seins. Diese Stadt lehrt und lehrt und lehrt uns immer wieder -- (Ich muss los -- jetzt kommt der Wind, die Lichter werden schwächer...)
The thing New Orleanians keep to themselves about storm times: the wonder of it. The power leaves, the electric buzz dissolves, the food in the fridge is only going to last a few days, all your stuff is really a great impediment to your spirit's survival--We have to retreat to the old modes of living, outside the modern cocoon--now it's the kindness of friends, and in a few days, it might be the kindness of strangers, we don't know--that will keep us going. The vast, whispered, secret-- our phenomenal vulnerability, the whole risk of being alive. This place teaches and teaches and teaches us--(have to go--here comes the wind, there the lights dim...)
Hier ein paar Fotos von Menschen im Sturm, tagsüber, und auf diesen Live-Webcams kann man im Moment meditative Regen- und Nachtbilder sehen (solange der Strom nicht ausfällt): am French Quarter, an der Mississippi-Brücke, am Fluss.
Erste Nachrichten melden überflutete Straßen und auf Stromleitungen geknickte Bäume. Im Landkreis Plaquemines Parish ist das Dach des Hauses von Landkreispräsident Billy Nungesser abgedeckt worden.

Dienstag, 28. August 2012

Warten auf Isaac


New Orleans und die Golfküste bereiten sich auf den großen Sturm vor. Hier ein kleines Video von den Winden am Lake Pontchartrain heute morgen. Jetzt heißt es abwarten, hoffen, dass man gut vorbereitet ist, die Fenster ordentlich vernagelt und das Wichtigste eingekauft hat. Manche Leute gehen der Gefahr gleich aus dem Wege und fahren zu Freunden und Verwandten nach Norden. Andere bleiben immer zurück und bringen den Sturm zu Hause hinter sich („ride out the storm“ nennt man das), und von diesen laden einige zu Hurrikan-Parties ein, vor allem im French Quarter, bei denen man der Bedrohung einfach mit Ausschweifung trotzen kann. 
Gwen Thomkins berichtete gerade im Radio (auf Talk of the Nation), dass es auch ein Moment der Besinnung ist, wo man zum Beispiel überlegt, wen man überhaupt auf die lange Evakuation im Auto mitnehmen würde. Man überlegt, ob die Papiere in Ordnung sind, legt die Versicherungspolice heraus, den Pass und anderes. Man entscheidet, welche Dinge man unbedingt retten will. Im Fall von Gwen Thomkins ist es ein signiertes Exemplar von Louis Armstrongs Autobiographie My Life in New Orleans, genau dem Buch, in dem ich (als Kind, auf Deutsch) zum ersten Mal über New Orleans gelesen habe. Möge Isaac sanft über New Orleans und die Golfküste hinweggehen.

Montag, 27. August 2012

Das Herz...

...ist mir schwer, liebe Leser. Zum siebenten Jahrestag von Katrina steuert Hurrikan Isaac auf New Orleans zu und soll vermutlich am Dienstag auftreffen. Gouverneur Jindal hat bereits Warnungen ausgesprochen, Bürgermeister Landrieu den Notstand ausgerufen und alle Bürger aufgefordert, ihre Häuser sturmfest zu machen. Alle Pumpstationen in der Stadt werden rund um die Uhr besetzt sein, das Army Corps of Engineers wird letzte Ausbesserungen an den Deichen vornehmen. Die küstennahen Landkreise sind bereits von Zwangsevakuationen betroffen. Derzeit ist die Rede von Kategorie 1 (gegenüber 5 bei Katrina), aber je nachdem, ob er während Flut oder Ebbe anlandet, kann das Wasser bis zu knapp 20 Kilometer ins Landesinnere vordringen. Hoffen wir das Beste.

Sonntag, 26. August 2012

Das Ozonloch


Vor einigen Jahren, als wir noch eine Diskussion um die Klimakatastrophe und das Ozonloch hatten, da versprach man uns hier die Versteppung Brandenburgs (und damit auch Berlins) und ein italienisches Klima. Bis jetzt hat das noch nicht so ganz geklappt, und die Sommer fallen eher frisch aus.
Die USA wiederum werden von einer Hitzewelle nach der anderen überrollt. So wie unser Aprilwetter hier im Sommer ist die Hitze dort anscheinend eine direkte Auswirkung des Klimawandels.
Auf den immer früher einsetzenden Frühling werden zum Beispiel die Brände zurückgeführt, die vor allem im Westen der USA wüten, vor kurzem noch in Arizona und Colorado, jetzt vor allem in Nordkalifornien und Idaho. Dieses Jahr ist bei 1423 Waldbränden im Lande bereits eine Fläche von mehr als 12.065 Quadratmeilen (d.h. ca. 31.250 Quadratkilometer) abgebrannt. Mehr auf der Seite des Forest Service des US Department of Agriculture (Landwirtschaftsministerium).
Ein anderes Problem, das ebenfalls auf milde Winter und den frühen Frühling zurückgeführt wird, ist der Westnilvirus, der auch in Louisiana gehäuft auftritt. Dieses Jahr sind bereits 1118 Menschen durch Infektion damit erkrankt (Meningitis, Enzephalitis usw.) und 41 insgesamt sind gestorben. 75% der Erkrankungen traten in 5 Staaten auf: Texas, Mississippi, Louisiana, South Dakota und Oklahoma), fast die Hälfte aller Fälle in Texas. In Louisiana gab es bisher 6 Todesopfer. Gegen den Virus hat man vor einigen Wochen in Dallas aus der Luft Mückenmittel versprüht, nicht ganz unumstritten. 
Mich erinnerte das an die kleinen Transporter, die in Baton Rouge im Frühjahr und Sommer immer durch mein mit hohen Bäumen bestandenes Wohnviertel fuhren und Insektentod versprühten. Auch vielleicht nicht gesund, aber wirksam. Das Center for Disease Control empfiehlt verschiedene Mücken abweisende Wirkstoffe, von denen ich unter den von der Stiftung Warentest geprüften und für gut befundenen Produkten nur DEET gefunden habe, was auch Gesundheitsrisiken birgt. Also am besten: drinnen aufhalten, langarmige Sachen tragen, stehendes Wasser und andere Mückenbrutplätze beseitigen.
Die Erwärmung hat auch dazu geführt, dass der Mississippi so einen niedrigen Wasserstand hat wie nie und weiter nördlich unweit von Greenville, Mississippi, nicht schiffbar ist, so dass sich dort Mitte des Monats 97 Schiffe angestaut hatten, nachdem ein Schleppkahn auf Grund gelaufen war. (Hier.) Wenn aber der Mississippi niedrig steht und weniger Wasser in den Golf von Mexiko einströmt, dann fließt Salzwasser aus dem Golf in den Mississippi zurück, dessen unterer Lauf unter dem Meeresniveau liegt, und zwar um ungefähr eine Meile pro Tag (1,6 km). Normalerweise kommt das alle 8-10 Jahre vor, aber dass es jetzt scheinbar häufiger wird, hat auch damit zu tun, dass die Fahrrinne des Flusses weiter nördlich immer mehr tiefer ausgehoben wird, um größeren Schiffen die Durchfahrt zu ermöglichen. Neben anderen negativen Auswirkungen beeinträchtigt das auch die Trinkwassergewinnung.
Plaquemines Parish, die direkt an den Golf grenzt und von diversen Hurrikanen (Katrina, Rita, Gustav und mehr) und der Ölkatastrophe direkt betroffen war, kauft jetzt Trinkwasser aus New Orleans, holt aber auch in Schleppkähnen weiter nördlich welches. Jetzt ist auch New Orleans bedroht. (Hier.)
Außerdem hat Hurrikan Isaac Kuba und Haiti überquert und ist jetzt auf dem Weg nach Südflorida mit den Key-Inseln (darunter Key West), bevor er sich weiter in Richtung Golfküste aufmacht. (Hier.) Aktuelle Evakuationsrouten für New Orleans sind schon festgelegt.
Insofern sollte ich wohl froh sein, mitten im August zwar mit dicken Socken und Strickjacke aber eben doch ganz entspannt und unbedroht von Naturkatastrophen hier am Schreibtisch sitzen zu dürfen.

Donnerstag, 23. August 2012

Ideal und Wirklichkeit


Ich bin immer wieder überrascht, wie New Orleans auch in deutschsprachigen Landen zelebriert wird. So bin ich im Internet auf Restaurants gestoßen, die es in verschiedenen Städten gibt. 
Das New Orleans in Bielefeld, Markt 17, bietet zum Beispiel Gumbo und Jambalaya, Hurricane-Cocktails und Eigenkreationen wie einen French Quarter Salad mit Garnelen, Zwiebeln und Kräutern. Auch in Bad Oeynhausen gibt es ein Restaurant mit Namen New Orleans und in Herford lädt die Musikkneipe New Orleans zu einer reichhaltigen Karte mit Burgern und Chicken-Dingsbums und Ofenkartoffeln. Aufgefallen ist mir ein Dessert mit Namen „Blueberry Hill“, ein Eierkuchen mit Blaubeerfüllung. In Wismar befindet sich ein Hotel New Orleans mit einem Restaurant und einem French Quarter Café. Die Webseite schwärmt von der südlouisianischen Küche: „pralle Sandwiches, saftige Steaks, knusprige Chicken, knackige Salate und vieles mehr.“ 
Dann die Festivals. Das New Orleans Festival in Innsbruck ist sicherlich das „authentischste“, denn Innsbruck hat seit 1995 eine Städtepartnerschaft mit New Orleans. Dazu gibt es auch ein reges Austauschprogramm mit der University of New Orleans, dessen europäische Tour ich zwei Sommer jeweils 2-3 Tage lang in Berlin begleitet habe. Das Festival nahm im Juni vier Tage lang die Innenstadt von Innsbruck in Beschlag, mit jeweils einer „Marching Band“ um 15 Uhr und nachfolgenden Konzerten mit Tiroler Musikern und dem Gitarristen Les Getrex (der früher mit Fats Domino musiziert hat) und seiner Band Creole Cooking. Es war das 14. Festival und es ging am Sonntag mit einer Gospelmesse im Dom zu St. Jakob und einem Gospelbrunch auf dem Marktplatz zu Ende.
Ende Mai fand auch das 13. Fürther New Orleans Festival statt, bei dem über drei Tage vor allem lokale „amerikanische“ Bands aufspielten und aus New Orleans niemand angekündigt war.
Tja, und dann gibt es noch New Orleans meets Zofingen, ein Städtchen in der Schweiz mit 11.000 Einwohnern. Das Festival fand am 2. Juli, einem Montag, ab 17 Uhr in der Altstadt statt, auch vor allem mit lokalen Musikern. Als ich dann auf das Organisationskomitee klickte und das Foto sah, hat es auch bei mir KLICK gemacht. 
Wer kennt sie nicht, die schmerbäuchigen Dixielandbands, die „authentischen“ New Orleans Jazz spielen und sich und ihre Fans in irgendeine heile Fantasiewelt mit festen, immer wiederholten Noten und Formeln, mit einer schöneren Vergangenheit transportieren. Bei all diesen Festivals, Restaurants, oft auch in Krimis und Fantasy-Büchern geht es nämlich um New Orleans als Mythos und nicht als reale Stadt. Dieser Mythos setzt sich aus Musik, Küche, eventuell auch Architektur und anderem zusammen, greifbareren, auch eher reproduzierbaren, konsumierbaren und vermarktbaren Dingen als zum Beispiel Liebe und Eleganz (Paris) oder Großstadtchaos, Tempo, Wolkenkratzer, Feuerleitern (New York). Deshalb vielleicht ist er so stark und so verbreitet.
Meine ursprüngliche Faszination für New Orleans hatte sicherlich auch ein wenig mit dem Mythos zu tun. Aber als ich dann in der realen Stadt war, und zwar nicht als klassische Touristin, habe ich mich ganz neu verliebt. New Orleans selbst erliegt auch immer wieder seinem Mythos, und nicht nur die freundlichen Herren mit grauem Haar. Doch ist die Stadt nie statisch, nie festgeschrieben, immer im Werden, Machen und Entstehen, immer in der Improvisation. 
Es ist natürlich Unsinn, einen Mythos gerade rücken zu wollen, wie ich es hier auch immer wieder versucht habe. Es ist nämlich genau das Prinzip des Mythos, dass er unverrückbar ist, dass er, so wie er ist, den ihn Beschwörenden etwas gibt, ihnen Freude bereitet und sie irgendein Wohlbefinden damit assoziieren. Ein Mythos, und also auch der Mythos New Orleans, gehört allen und sie haben ein gutes Recht darauf.
PS: 28. August: In Frankfurt am Main gibt es auch ein New-Orleans-Restaurant, das King Creole.