Freitag, 20. April 2012

Metaeintrag: Übers Bloggen

Am Mittwoch habe ich im Berliner Literaturhaus einen Abend der Bücherfrauen moderiert zum Thema Blogs "Global und international". Eingeladen hatte ich die Übersetzerin Katy Derbyshire, deren lehrreicher und vergnüglicher Blog lovegermanbooks (über junge deutsche Literatur und Übersetzungen) die ursprüngliche Inspiration für diesen Blog hier war. Außerdem hatte ich noch Nikola Richter und Rery Maldonaldo von Los superdemokraticos eingeladen, einem Blog, der einen "intellektuellen Fairtrade" zwischen Lateinamerikanern und Deutschen ermöglicht hat. Finanziert von der Bundeszentrale für Politische Bildung schrieben dort junge Autoren in der Ich-Form über Themen wie Globalisierung, Körper usw., ein wirklich aufregendes Projekt, das im Moment - ohne Finanzierung - etwas in der Schwebe hängt.
Diese Bloggerinnen gehören alle einer jüngeren Generation an als ich, und vielleicht liegt es daran, dass ich mit so viel Vergnügen einen Teil von Los Superdemokraticos als gutes altes Buch gelesen habe, das ich hiermit allen ans Herz legen möchte.
Vor der Veranstaltung hatte ich mir ein paar "philosophische" Gedanken gemacht: dass ein Blog eine Art Flaschenpost ist (was man mir aus der Einladung lieber rausgestrichen hat), oder vielmehr Millionen Flaschenposten, wenn man so will, von denen man eigentlich nie weiß, wer sie findet. Oder wen sie finden. Auch den drei Bloggerinnen geht das so.
Mir gefällt es, wie die Superdemokraticos andere ihren Blog schreiben lassen, so dass eine tolle Vielfalt und Interaktion entsteht. Bei lovegermanbooks gibt es manchmal Interviews, aber bei Gasteinträgen geht es Katy meist wie mir, dass man die Leute dann irgendwie doch nicht dazu bewegen kann, etwas zu schreiben.
Hier nun mein Ruf hinaus in den Äther: 
Geschätzte Leser und Leserinnen! Wer seid Ihr? Und: Schreibt mir doch mal ein paar Zeilen darüber, was New Orleans für Euch ist?
Ich freue mich auf Eure Post!

Donnerstag, 19. April 2012

Kate Chopin: Ein zweites Erwachen

Gerade habe ich die Diane-Rehm-Show auf NPR gehört, die hier in Berlin einen Tag später ausgestrahlt wird. Im „Reader's Review“ (Leserkritik) für April ging es um Kate Chopins Roman The Awakening, dessen deutsche Ausgabe Das Erwachen ich hier kürzlich besprochen habe (mit Glossar).
Es war eine Diskussionssendung mit drei Gästen und Anruferkommentaren. Einige hielten die Hauptfigur für egoistisch und deshalb unsympathisch oder auch verwöhnt, was ich auch nachvollziehen kann, aber darauf zurückführe, dass man, wenn man vielleicht selbst sehr diszipliniert ist und nie ausbricht, den anderen ihren Egoismus auch nicht gönnen kann. Überrascht war ich, dass manche Edna Pontellier als depressiv bzw. manisch-depressiv einordneten und sie damit, finde ich, abtun oder in ihrer Aussagekraft entwerten. Eine andere Diskutantin fand die kreolisch-französische Kultur als korrupt dargestellt. Ein Anrufer, Hausmann und zu Hause erziehender Vater, konnte sich mit der Isolation der Heldin identifizieren und fühlt sich nicht nur zu Hause isoliert, sondern auch als einziger Mann unter Müttern. („Ein zweites Erwachen“ fände hier statt, meinte jemand.)
So habe ich beim Geranieneinpflanzen das Buch noch einmal fast eine Stunde lang aus verschiedenen Perspektiven Revue passieren lassen. Und erlebt, wie Das Erwachen auch heute noch frisch ist, wie es die Gemüter immer noch berührt und bewegt. Anhören.
Im Central West End von St. Louis, einer kleinen alternativen Einkaufs- und Kneipengegend unweit der Washington University, ist jetzt übrigens eine Büste für die Autorin Kate Chopin eingeweiht worden. Kate Chopin stammte aus St. Louis und nach ihren Jahren in Louisiana, die ihr den Stoff für ihr Schreiben lieferten, lebte sie wieder dort, wurde Schriftstellerin und führte einen Salon. Ihre Büste gesellt sich jetzt zu denen von T.S. Eliot und Tennessee Williams, die auch u.a. in St. Louis aufwuchsen.

Sonntag, 15. April 2012

Dave Eggers: Zeitoun

Dass es eine Abteilung „Local Interest“ in einer Buchhandlung gibt, ist sicherlich gar nicht so ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber vielleicht, wie ungewöhnlich reichlich und divers diese Regale in louisianischen Buchhandlungen bestückt sind: nicht so sehr mit Reiseführern oder –beschreibungen, sondern mit historischen und geographischen Erkundungen und jeder Menge Belletristik. Und da es in New Orleans so einige unabhängige kleine Buchhandlungen mit liebevoll sortiertem Sortiment gibt, sind es dort meist mehrere Regale. Das könnte man natürlich auf diesen liebenswerten kleinen Hang zur Selbstbeweihräucherung oder zur Selbstbestätigung, dass man etwas Besonderes ist, zurückführen („This is New Orleans!“) oder eben auch darauf, dass es nun mal eine Gegend mit einer besonders vielschichtigen und reichhaltigen Geschichte und Kultur ist.
Vor einigen Jahren kamen zu den „Local Interest“-Regalen noch die Katrina-Tische hinzu. Auf solch einem Tisch habe ich es 2009 das erste Mal gesehen: Zeitoun von Dave Eggers. Und habe es damals wieder zurückgelegt. Das hatte einerseits damit zu tun, dass ich skeptisch war, weil der Autor keinerlei Verbindung zu New Orleans hat und während und nach Katrina schon genügend Leute Unwahres berichtet und geschrieben und sich damit profiliert haben. Außerdem war mir der Weltruhm des Autors wieder einmal entgangen. Dann machte es mich auch skeptisch, dass daran auch das Thema des ethnic profiling von Muslimen geknüpft sein sollte – als ob die Geschichte von Katrina nicht genug Horrorstoff bietet. Jetzt habe ich es also nachgeholt und die deutsche Ausgabe (übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, bei Kiepenheuer & Witsch) sowie das Original gelesen.
Mein Fazit: Es ist ein gutes und auch ein wichtiges Buch. Dave Eggers gelingt es meisterhaft aus den Perspektiven von Kathy und Abdulrahman Zeitoun eine stimmige, lesbare Geschichte zu weben, die man bald nicht mehr niederlegen möchte. Er schreibt einfühlsam und nachdenklich und versucht, seinen Protagonisten gerecht zu werden. 
Zeitoun ist ein syrischer Amerikaner, der mit seiner Frau Kathy, einer zum Islam übergetretenen Baton Rougerin, eine gut gehende Baufirma betreibt und verschiedene Mietshäuser in New Orleans besitzt. Während sich Kathy mit den vier Kindern nach Baton Rouge und später nach Arizona „evakuiert“, bleibt er in der Stadt, um bei seinen Besitztümern nach dem Rechten zu sehen. So erlebt er den Sturm selbst und auch die Überflutung. Mit seinem Kanu fährt er in der Gegend herum und füttert tagelang verschiedene zurückgelassene Hunde und rettet einige Leute aus ihren Häusern, nach ein paar Tagen zusammen mit einem seiner Mieter, in dessen Wohnung wunderbarerweise auch das Telefon noch funktioniert. Über die herumlungernden, aber nichts weiter bewerkstelligenden Truppen der National Guard ist er verärgert. Schließlich wird er zusammen mit Todd und zwei anderen Männern von diesen verhaftet und ohne Anklage monatelang festgehalten und schikaniert, zunächst in einem provisorischen, Guantanamo-ähnlichen Freiluftgefängnis auf dem Bahn- und Busbahnhof (das, wie Zeitoun ausrechnete, umgehend geplant und eingerichtet wurde) und schließlich im Hunt Correctional Center in St. Gabriel, Louisiana. Der Kontakt mit Kathy bricht ab. Von seinen Geschwistern und Cousins in Spanien und Syrien gedrängt, weiß sie nicht, was sie unternehmen kann, beginnt sich nach einiger Zeit für ein Leben ohne ihn zu rüsten. Dann erhält sie einen Anruf, dass und wo sich ihr Mann im Gefängnis befindet und sie kann schließlich seine Freilassung bewirken. 
Es gibt immer wieder Rückblenden in die Jugend und Kindheit Zeitouns in Syrien und auch ein wenig in Kathys Geschichte und ihre Konvertierung zum Islam. Am Ende findet sich eine Liste der von der Zeitoun Foundation unterstützten Projekte, einer Stiftung, der sämtliche Erlöse des Autors zugute kommen. Auf weiteren vier Seiten sind die Menschen genannt, mit denen der Autor gesprochen hat, die Artikel, Bücher und Ämter und Organisationen, die er konsultiert hat. Eine beeindruckende Arbeit, die mehrere Jahre in Anspruch nahm.
Das Buch ist letztendlich weniger reißerisch, als es zunächst angekündigt wurde. Zeitoun hat also nicht Hunderte von Menschen gerettet und wurde zum Dank dafür ins Gefängnis gesteckt. Doch er versuchte zu helfen, wo er konnte, irrte aber auch ein wenig ziellos und hilflos herum, und einmal vermied er die Begegnung mit einer offensichtlichen Horde von Plünderern. Dass seine Verhaftung und Einzelhaft auf seine muslimische Religionsangehörigkeit oder Kultur zurückzuführen ist, wird angedeutet, ist aber nicht erwiesen, denn die mit ihm verhafteten Männer, darunter zwei amerikanische Amerikaner, blieben um einiges länger in Haft als er (von 5-8 Monaten gegenüber 1 Monat für Zeitoun). Dass ihm so viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, ist sicher seiner Frau Kathy zu verdanken, die sich an die Medien wandte und überhaupt recht lautstark zu sein scheint, aber auch seiner interessanten Familiengeschichte und seiner sympathischen Persönlichkeit. Möglicherweise ging es Dave Eggers auch darum, in den polarisierten Zeiten nach dem elften September 2001 zu zeigen, dass Muslime eigentlich ganz normal sind; und dieses vermutete Anliegen ist das einzige, was mich ein bisschen stört.
Bei all dem geht nämlich fast ein bisschen unter, was dieses Buch auch macht: Es macht einen richtig sauer. Es zeigt nämlich am Rande einer biografischen Geschichte, wie eine Nation einer ihrer schönsten, interessantesten, kulturellsten und bedeutendsten Städte Gewalt angetan hat und zwar immer wieder: indem sie ihr keine ordentlichen Dämme baut, auch heute noch nicht, indem sie – auch mit vielen Falschmeldungen – auf eine Weise Bericht erstattete, die die Stadt und ihre Bewohner diffamierte, degradierte und lächerlich machte, indem sie zwar keine Hilfe, aber Soldaten aus allen Teilen des Landes in die Stadt schickte, die die Dortgebliebenen bedrohten und terrorisierten. Und es ist noch nicht vorbei.
An der Übersetzung gibt es gar nicht viel zu mäkeln, denn sie liest sich gut und flüssig und erzeugt denselben erzählerischen Sog wie das Original. Ein paar Dinge sind mir doch aufgefallen: Zunächst einige unglückliche Anglizismen wie „ließ sich ins Haus hinein“ oder „Heilige Scheiße“. Gleich mehrere Seiten hinter einander „tigert“ Kathy auf und ab, m. E. eine zu markierte und etwas komische Wortwahl für das völlige normale Wort „to pace“ (auf und ab gehen).  „Krokodile im Wasser“ liest sich in Bezug auf Louisiana eigenartig, in etwa wie „Moskitos“ in Berlin, denn eigentlich heißen sie dort Alligatoren, offenbar zoologisch eine Unterklasse der Krokodile. Eggers verwendet das Wort auch im Original, möglicherweise der Ausdrucksweise von Zeitoun, der ja aus Syrien ist, geschuldet?
Natürlich kann man aus der Ferne auch nicht wissen, dass St. Gabriel, etwa 100 Kilometer von New Orleans in Richtung Baton Rouge gelegen, auf Englisch zwar eine „town“ und offiziell sogar eine „city“, aber damit noch lange keine Stadt ist, sondern bestenfalls eine Ortschaft, die aus verstreuten Häusern entlang der River Road am Mississippi besteht (laut Wikipedia ca. 6700 Einwohner). Übrigens eine wirklich ländliche Gegend, wo ich gegenüber einer indischstämmigen Freundin auch mal ein sicher rassistisch motiviertes Schweigen und Ablehnung erlebt habe, als wir in einer Kneipe einen der, wie ich sie schon kannte, schmackhaften Po-Boys essen wollten. Natürlich bin ich danach nie wieder dort eingekehrt.
Zeitoun erschien in den USA in der nichtkommerziellen Reihe Voice of Witness (in etwa: Zeugnis ablegende Stimme) bei McSweeney’s Books, die den Opfern sozialer Ungerechtigkeit gewidmet ist. Darin sind auch weitere Zeugnisse zu Katrina erschienen sowie zu vielen anderen nationalen Themen. Dave Eggers hat die Reihe mitbegründet. Noch ein Grund mehr, Zeitoun zu lesen. 

Sonntag, 8. April 2012

Osterspaziergang

Heute morgen beim Spaziergang durch den Park ging es mir durch den Kopf: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, und ich dachte mir, aha, zu Goethens Zeiten waren also die Flüsse im Winter zugefroren, was mit unserer Spree hier zwar in diesen Jahren wieder so ist, aber nicht immer so war.
So erlaubt uns die Literatur Rückschlüsse auf die Natur, und so lese ich in der Literatur ein bestimmtes Bild von der Natur mit. Vor allem Louisiana, New Orleans ist für mich ein Ort, wo ich die Natur und die Umwelt immer mitdenke und die für mich viel von ihrem Zauber ausmachen.
Das wurde mir auch insbesondere klar, als ich an dieser Stelle vor kurzem über Kate Chopins Das Erwachen schrieb. Denn während mir beim Lesen intensiv die Esplanade Avenue in New Orleans vor Augen stand, so wie heute, nur ohne Autos und mit langberockten und behandschuhten Damen, die unter Rüschensonnenschirmen über die Bürgersteige schweben, wollte mein Bild von Grand Isle absolut nicht mit dem von der Autorin beschriebenen übereinstimmen. 
Kate Chopins Insel ist nämlich eine luftige, paradiesische Oase mit edlen weißen Sommerhäuschen unter schattigen Bäumen. Die Grand Isle, die ich kenne, hat nur vereinzelt Bäume, die im Sand wachsen, ist eher einfach und provisorisch bebaut und scheint sich in den Elementen nur noch mit letzter Kraft zu behaupten. Wie überall in Louisiana, wo in den malerischen Bayous alte Kähne vor sich hinrosten und am Mississippiufer ganze Anlagen verwahrlosen, so wirkt auch Grand Isle, von den Eigenheimen und dem naturbelassenen State Park abgesehen, nicht besonders sorgfältig behandelt. Und das war lange vor der BP-Ölkatastrophe.
Eines der größten Probleme Louisianas ist, dass der Bundesstaat jährlich massiv an Boden verliert, auch weil die Deichanlagen des Mississippi dazu führen, dass der Schlamm des „Muddy River“ weit im Golf von Mexiko abgesetzt wird und nicht vor der Küste, wo er gebraucht wird. Die Gewinnung von Öl und Gas, das Anlegen von Erkundungskanälen, durch die Salzwasser in die Marschen eindringt, und die Verbreitung der Nutria führen dazu, dass jährlich ca. 122 km2 Feuchtgebiete verloren gehen. Wie sehr die Insel sich verändert hat, habe ich selbst gesehen: Allein die Hurrikane Katrina und Rita 2005 haben ca. 560 Quadratkilometer Marschland in offenes Wasser verwandelt. Der Name der benachbarten Halbinsel Chênière Caminada deutet auf ein Eichenwäldchen hin, heute eine Marschlandschaft mit sporadischen Bäumen.
Dabei ist die Eiche, genauer gesagt die Lebenseiche (live oak), die auf Deutsch wohl auch Virginia-Eiche heißt, für mich der typischste und schönste Baum Louisianas. Es ist der Baum, der die berühmte Oak Alley Plantation so verwunschen aussehen lässt. Mit seinen knorrigen, starken, weit auf den Boden reichenden Ästen, die mit Efeu und Spanischmoos bewachsen sind, ist er exotisch, bizarr und schön und Heimstatt für unzählige Vögel. Aber vor allem ist er auch unverwüstlich und standhaft und uralt, hält Stürmen und Unwetter stand, eine beständige Präsenz in einer unsteten und vergänglichen Landschaft.

Donnerstag, 5. April 2012

Auch in Zürich...

...liest man über New Orleans. Heute findet sich in der Neuen Zürcher Zeitung eine Rezension zu John Kennedy Tooles Die Verschwörung der Idioten.
Anfang der Woche gab es ein Interview mit David Simon, der gerade in New Orleans an der Fortsetzung von Treme dreht. Er ist auch der Autor von Homicide und The Corner (auf Deutsch im Antje-Kunstmann-Verlag).

Mittwoch, 4. April 2012

Neville Brothers, Jazz Fest und Radio

Die NPR-Sendung Beale Street Caravan aus Memphis wird vom Touristenbüro der Stadt Memphis (Convention and Visitor’s Center) gesponsort und auch von der Tennessee Arts Commission und Arts Memphis. Das wundert mich eigentlich ein bisschen, denn vor allem macht die Sendung Werbung für das Jazz Fest, von dem immer wieder Live-Mitschnitte die ganze Sendung bestreiten. Das New Orleans Jazz & Heritage Festival, wie es offiziell heißt, findet aber nun mal in New Orleans statt, dieses Jahr vom 27. April bis 6. Mai. Auch dieses Jahr wird es garantiert wieder sehr voll und sehr heiß: Die Menschen (auch viele Touristen) werden sich unter den wenigen vereinzelten Bäumen versammeln, louisianisches Essen essen und Bier trinken, und sie werden auf verschiedenen Bühnen und in Zelten am laufenden Band tolle Musik hören und dazu tanzen. Dieses Jahr auch dabei: Bruce Springsteen und die E Street Band und viele Musiker aus Louisiana.
Vorletzte Woche ging es im Beale Street Caravan um die Neville Brothers, die sich für die Jazz Feste 2008 und 2011 wieder zusammengefunden hatten. Es ist eine Rhythm & Blues-Band, bestehend aus den vier Brüdern Art, Charles, Aaron und Cyril Neville, die 1989 auch hierzulande mit „Yellow Moon“ einen Hit hatte. Die Nevilles sind neben den Marsalis die wohl bekannteste Musikerdynastie aus New Orleans. Auf ihrer Webseite heißt es „New Orleans’ First Family of Funk“; dort wird man auch mit „Yellow Moon“ begrüßt. Sie haben einzeln, zusammen oder als The Meters immer wieder Hits produziert. Eine Tochter, Charmaine Neville, erregte mit einem anklagenden Interview, das sie wenige Tage nach Katrina (am 5. September 2005) gab, nationales Aufsehen. 
Ihr Onkel, Cyril Neville, der seitdem in Austin, Texas, lebt, schrieb in einem bewegenden Artikel darüber, „warum er nicht zurück nach New Orleans“ gehe. Das war im Dezember 2005. Im August 2007, nach seinem Konzert (mit Gaynielle Neville) im Garbáty in Berlin-Pankow, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte ihn, ob er denn wirklich nicht zurückgehen wolle. Darauf meinte er: „Nein, da gibt es nichts für mich.“ In dem Artikel beklagt er die mangelnde Unterstützung der Stadt für ihre Musiker, von denen die wenigsten in New Orleans wirklich ihr Geld verdienen könnten. Ohne wirtschaftliche Gleichstellung, Eigentum und Steuersenkungen, wie sie das French Quarter bekomme, sehe er keine Zukunft für Afroamerikaner in der Stadt. Die betroffenen Viertel sollten eigene Tourismuskommissionen haben und eigene Hotels und Restaurants errichten können. Cyril Neville lebt immer noch in Austin, aber singen und musizieren tut er über New Orleans. Am 27. Oktober 2012 zusammen mit Devon Allman auch im Quasimodo in Berlin.
Dass New Orleans nicht gut für seine Musiker sorgt, sah man auch daran, dass Fats Domino, der große R & B-Musiker der 60er und 70er Jahre, zunächst in Katrina vermisst war, bevor er mehrere Tage später mit dem Hubschrauber evakuiert wurde. Der Produzent und Komponist Allen Toussaint verlor in dem Hurrikan sein Haus samt Steinway-Flügel und Instrumenten sowie seiner Bibliothek. 
Hier habe ich eine ganz hoffnungsvolle Sendung entdeckt, die vor zwei Wochen im Bayrischen Rundfunk lief und die man hier hören kann: „New Orleans – Schwarz ist das Herz“. Ein wirklich interessanter Lagebericht mit wirklich groovender Musik. Kudos dem Journalisten Jonathan Fischer.

Donnerstag, 29. März 2012

Zwei Beiträge in der Frankfurter Rundschau

Der Journalist Mohamed Amjahid ist in der Frankfurter Rundschau auf Wahlkampfreise durch die USA. Aus New Orleans berichtet er über Rassismus und HIV. Ich habe ein bisschen Senf dazugegeben.

Samstag, 24. März 2012

Von Literatur und historischen Verwerfungen

Sonntag ist der letzte Tag des Tennessee Williams New Orleans Literary Festival, das seit Mittwoch läuft. Seminare, Lesungen, Veranstaltungen mit unzähligen Autoren aus den gesamten USA. Dabei ist auch eine junge afroamerikanische Autorin Gwen Thompkins, ursprünglich aus New Orleans, die sich wie so viele zuerst in der Tageszeitung New Orleans Times-Picayune ausprobierte, bevor sie Redakteurin und Ostafrikakorrespondentin für National Public Radio war. Vor kurzem habe ich von ihr eine Radiokolumne über politische Meinungsverschiedenheiten gehört. Der Eintritt zum Festival ist teuer geworden und es gibt unglaublich viele Vortragende und Vorträge. Morgen endet es mit dem bereits beschriebenen Stanley and Stella Shouting Contest.
Dieser Tage hörte ich auch noch über ein anderes Literaturfestival: Das Internationale Poesie-Festival Meridian Czernowitz, das vom 6. bis 9. September 2012 stattfindet und nach Paul Celans Büchnerpreisrede von 1960 benannt ist. Das ehemals habsburgische, dann rumänische, heute ukrainische Czernowitz war ja die Heimatstadt von Paul Celan, Rose Ausländer, Gregor von Rezzori und vielen anderen, und auch von Joseph Schmidt, dem Sänger von „Ein Lied geht um die Welt“. In den neunziger Jahren rückte die Stadt in dem Film Herr Zwilling und Frau Zuckermann auf den deutschsprachigen Radarschirm und seit 2005 können wir dorthin visafrei reisen. 
Ich fühlte mich dort wie im falschen Film, eine historische Stadt mit den falschen Menschen. Doch seit damals beeindruckt es mich, wie man versucht, an die dort vergessene Vergangenheit anzuknüpfen, eben zum Beispiel mit diesem Festival. Die Teilnehmer kommen vor allem aus der Ukraine, Polen und deutschsprachigen Ländern. Es kommen auch Pierre Joris aus den USA und Hans-Michael Speier aus Berlin.
Was das mit New Orleans zu tun hat? Hier Auszüge aus einem Exposé, das ich 2006 schrieb:
„Nach der Aufhebung der Visumpflicht für die Ukraine 2005 beschloss ich, von Krakau aus nach Tscherniwzy zu fahren, auf den Spuren von Paul Celan. In strömendem Regen stapfte ich durch die Straßen und suchte nach dem mythischen Czernowitz, nach Zipfeln seiner farbenreichen und schmerzlichen Geschichte. Doch ich fand, so schien es, nur Gebäude, Gedenktafeln, Grabsteine...
Kurz nach meiner Rückkehr Ende August 2005 kamen schlechte Nachrichten aus New Orleans: Hurrikanwarnung, Evakuation, Erleichterung, als Katrina an der Stadt vorbeizog, dann die gebrochenen Dämme, die Überflutung und Verwüstung, die Verzweiflung und Not der Flüchtlinge, die ausbleibende Hilfe.
Auf den ersten Blick scheinen Czernowitz/Tscherniwzy und New Orleans nichts gemeinsam zu haben. Die eine Stadt liegt auf dem eurasiatischen Kontinent, mit entsprechendem Klima und Vegetation, galt als vielsprachig und multikulturell und wechselte allein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrmals die nationale Zugehörigkeit, Kultur und Sprache. Die andere ist eine subtropische Hafen- und Touristenstadt am Golf von Mexiko, gilt als rein englischsprachig und gehört seit 1803 zu den USA. Die eine war die Hauptstadt eines Landes, in dem „Bücher und Menschen“ lebten und ist der Ursprungsort der „Todesfuge“; die andere ist bekannt als „the Big Easy“ und die Geburtsstätte des Jazz. Die eine gilt als „verschollene Stadt“; von der anderen meinen einige, daß sie nicht wieder aufgebaut werden sollte. Das Trauma, das die beiden Städte – um 60 Jahre versetzt – erlitten haben, ist nicht vergleichbar: Czernowitz wurde vom Zweiten Weltkrieg und von der Shoah heimgesucht und darin ausgelöscht. New Orleans versank in den menschengemachten Folgen des Hurrikans. Und doch gibt es Parallelen.
Vor der Katastrophe waren sowohl Czernowitz als auch New Orleans stolz auf ihre einzigartige „Persönlichkeit“ und Identität. Beide verstanden sich als Vorposten einer Kultur und als Hort der kulturellen Differenz: Czernowitz als mitteleuropäisch innerhalb von Osteuropa und New Orleans als karibisch/kreolisch in Nordamerika. Beide Städte waren multikulturell, fortschrittlich und emanzipiert in einem unterentwickelten traditionellen Umland. Und tatsächlich waren es Kulturstädte, in denen die Beschäftigung mit und die Ausübung von Kultur zum Alltag gehörten, in Form von Hochkultur, die genossen und geschätzt wurde, die aber auch Bestandteil der eigenen, gelebten, „ethnischen“ Kultur war. Widmete man sich in Czernowitz vor allem der Literatur, so lebte und atmete man in New Orleans Musik. Ihre jeweilige Katastrophe hatte eine dramatische Veränderung der Bevölkerungsstruktur zu Folge, die im Ergebnis ähnlich ist: Die jüdischen Bewohner von Czernowitz, die während des Zweiten Weltkriegs und der Shoah vertrieben bzw. vernichtet wurden, sind durch Ukrainer und Russen ersetzt worden, während in New Orleans mexikanische Tagelöhner die Arbeitsstellen der zuvor meist afroamerikanischen Arbeiter (oft Kreolen) übernommen haben, die wegen des Mangels an erschwinglichem Wohnraum und funktionierenden Schulen nicht aus der Evakuierung zurückkehren konnten. Dies sind aber genau die Bevölkerungsgruppen, deren kulturelle Ausdrucksformen (d.h. Literatur bzw. Musik) die Kultur und die Identität ihrer Städte und die Selbstwahrnehmung ihrer Bewohner besonders geprägt haben. Nach der Katastrophe haben beide Gruppen ihre Städte aus der Ferne besungen, beschrieben und beklagt. Jetzt scheinen sie beide nur noch als Legende, in der Erinnerung und in der Literatur oder Musik zu existieren: Das historische Czernowitz verschwand mit dem Zweiten Weltkrieg, so heißt es, und möglicherweise erleben wir gerade den Untergang von New Orleans."
So schrieb ich 2006. Vieles davon ist immer noch wahr, doch New Orleans lebt weiter, das weiß ich jetzt. Viele seiner Bewohner fehlen immer noch, aber es überlebt auch dank seiner Feste und Traditionen (Mardi Gras und auch das Tennessee Williams Festival wurden gleich 2006 wieder gefeiert) und dank seiner Kunst und Kultur. Czernowitz wünsche ich, dass es - auch durch dieses Festival - seine Seele, seine Vergangenheit wieder findet. Es ist auf einem guten Weg, glaube ich. 

Freitag, 23. März 2012

Kaffee

Bevor die großen Ketten den guten Kaffeegeschmack verbreiteten, war der Kaffee in den USA eine Katastrophe und ist es in Diners und normalen Restaurants immer noch. Anfang der neunziger Jahre besuchte mich eine Freundin und wir reisten quer durch das Land, und um ihr Jammern und unsere Erwartungen zu besänftigen, schlug ich ihr vor, das Ganze plastisch als „braunes Wasser“ zu bezeichnen. Das trifft es denn auch recht gut, ist spottbillig und wird nach Belieben endlos nachgeschenkt.
In New Orleans schmeckt natürlich auch der Kaffee schon immer besser als anderswo. Er wird stärker gebrüht und ist traditionell mit Zichorienwurzel (Chicory) versetzt, die direkt mit Endiven, Chicoree und Radicchio verwandt sein soll. Angeblich haben die Deutschen den Zichorienkaffee irgendwann erfunden und die Franzosen übernahmen ihn unter Napoleon oder er kam während der französischen Revolution auf; auf jeden Fall brachten ihn die Franzosen in die USA. Zu DDR-Zeiten, habe ich gelesen, wurden während der „Kaffeekrise“ in den siebziger Jahren Zichorie und andere pflanzliche Stoffe zugesetzt. Ich trank damals noch keinen Kaffee, aber an den Begriff „Mischkaffee“ kann ich mich noch vage erinnern.
Die lokalen Coffeeshop-Ketten sind übrigens Community Coffee aus Baton Rouge (die allerdings auch mit The Genuine Flavor of New Orleans – Dem originalen Geschmack von New Orleans werben)  und PJ’s aus New Orleans.
Meine Büchse Coffee with Chicory aus dem Café du Monde ist jetzt gerade zu Ende gegangen. Dies tippte ich mit Hilfe von handgemahlenem, „türkisch“ gebrühtem Fairtrade-Kaffee aus dem Supermarkt. Die Tasse ist von WWNO, dem National Public Radio-Sender in New Orleans.
Leider seitenverkehrt...

Montag, 19. März 2012

Randy Newman

Der Komponist Randy Newman gab letzte Woche ein Konzert im Berliner Admiralspalast. Er ist eigentlich eher der Mann hinter den Kulissen, der tolle Stücke schreibt, die dann in Versionen von anderen Musikern bekannt werden, oder er komponiert die Filmmusik, die wohl vor allem auffallen würde, wenn sie nicht da wäre. So ähnlich verhält es sich vielleicht mit seiner zweiten Heimat New Orleans, denn Randy Newman ist zwar aus Kalifornien, aber dass er die Sommer seiner Kindheit in NOLA verbrachte und auch heute oft dort ist, ist wohl weniger bekannt.
Der Disney-Trickfilm The Princess and the Frog (Auf Deutsch: Küss den Frosch, 2009), für den er die Filmmusik komponierte, spielt in New Orleans und zwei Stücke daraus, so „Down in New Orleans“, wurden für einen Oskar nominiert. Hier noch einmal mit etwas tieferer Stimme er selbst.
Nach Hurrikan Katrina wurde sein Lied „Louisiana 1927“ von seinem Album Good Old Boys (1974) wieder oft gespielt. Darin geht es um eine zerstörerische Flut von 1927, die wegen bestimmter, möglicherweise politisch motivierter Entscheidungen immer noch umstritten ist. Damals sollen 700.000 Menschen in Louisiana und Mississippi obdachlos geworden sein. Auf dem Benefiz-Album Our New Orleans ist das Stück mit den Louisiana Philharmonikern und einigen Musikern aus New York eingespielt. Bekannt ist es auch in einer Version von Aaron Neville.
Schon am 9. September 2005, als die Überflutungen in New Orleans noch in vollem Gange waren, interviewte NPR ihn zu diesem Stück. Die Interviewerin fragte ihn unter anderem, woran es liege, dass Louisiana so sehr zur „dreamscape of the American mind“ (die Traumlandschaft der Amerikaner) geworden ist. „Es ist anders,“ meinte er, "sorglos, unachtsam" und andere Dinge, die schon oft gesagt wurden. Und er sagte auch: „It’s not a place to get your car fixed.“ (Kein Ort, wo man sein Auto reparieren lässt.), weil dort eben alles etwas uneffektiver sei. 
Ob das ganz genau so stimmt oder ob da nicht auch ein bisschen Mythos wieder beschworen wird, kann ich nicht genau sagen. Aber in der Tat: Auch ich habe mein Auto nie in New Orleans reparieren lassen. Gestorben ist es dann bei einer Fahrt nach Baton Rouge an einem festgefahrenen Motor, zum Glück, nachdem ich die langen Brücken über die Sümpfe schon überquert hatte. Ein liebenswerter, kleiner blauer Toyota namens Tamiko...

Montag, 12. März 2012

Kate Chopin: Das Erwachen

Die Franzosen haben Madame Bovary von Gustave Flaubert, wir haben Effi Briest von Theodor Fontane und die Amerikaner haben Das Erwachen von Kate Chopin: Romane des 19. Jahrhunderts, in denen die gelangweilte Frau des Bürgertums mit ihrer Sehnsucht nach einem Leben in Liebe und Erfüllung thematisiert ist. 
Und doch trennen diese Romane Welten, denn Kate Chopin ist eine Frau. Vielmehr: Sie ist diese Frau des Bürgertums und was für eine! Sie nimmt sich Freiheiten ganz ähnlich derer ihrer Heldin und sie stellt Fragen nicht nur zu Ehe und Liebe. Und so ist denn ihr Roman nicht nach der Hauptfigur Edna Pontellier betitelt, sondern nach dem was ihr geschieht.
Ich las das Buch kurz vor meiner endgültigen Rückkehr aus Louisiana, mit viel Wehmut, denn die versuchte Selbstfindung der Heldin findet in der träumerisch-verführerischen Sommerfrische auf Grand Isle ihren Ausgang und ihr Ende, wo auch ich gern in der Sommer- oder Winterfrische weilte, und spielt auch im entspannten und doch weltläufigen New Orleans des späten 19. Jahrhunderts.
Eigentlich wollte ich mir nur kurz ein Bild von der neuen deutschen Ausgabe machen und wurde doch wieder ganz aufs Neue gefesselt. Das Buch ist gut geschrieben (und übersetzt) und schildert die Suche und Verzweiflung seiner Heldin plastisch und nachvollziehbar, ihren Überdruss an den Pflichten von Ehe, Mutterschaft, Frausein und aber auch ihren Mut und Eigensinn, der – das weiß ich aus einer Biographie von Kate Chopin  – dem der Autorin gleicht. Edna Pontellier sucht keine Liebesbeziehung für ihr Glück, doch es ist die Freundschaft und die (ungelebte) Liebe zu einem jungen Mann, die ihre Lebensgeister weckt und sie sich bewusst werden lässt. Sie erschließt sich neue Welten, indem sie Freundschaften pflegt, sich in Musik vertieft, schwimmen lernt, malt, zu Pferderennen geht, müßig geht und ein eigenes kleines Haus bezieht. Doch wie die anderen Heldinnen scheitert auch sie letztendlich.
Es ist das Problem des "goldenen Käfigs", wie es anderswo heißt, denn eigentlich steht sich Edna nichts aus: Sie ist finanziell abgesichert und lebt in einigem Luxus, und für den Haushalt und die Kinderbetreuung hat sie Personal, das sie anweisen soll.
Eine zweite Dimension des Romans ist die des historischen Dokuments, in dem das Aufeinandertreffen und der Kontrast zwischen einheimischen Französischsprachigen und zugezogenen Amerikanern (wie übrigens Edna auch) beschrieben wird. An einer Stelle heißt es: „Ihre ganze Lebensart mutete Edna sehr französisch, sehr exotisch an.“ Auch diese fremde, französisch geprägte und karibisch angehauchte Lebensart erlaubt es Edna, aus den vorgefertigten Bahnen auszubrechen. Die eingestreuten französischen und louisianischen Ausdrücke signalisieren diese gewisse Fremdheit und sind mehr als Lokalkolorit.
Die kleine editionfünf, ein Zusammenschluss aus vier Frauen und dem Vertriebspartner Edition Nautilus, veröffentlicht seit 2010 jeden Herbst fünf Bücher von Frauen, die die Betreiberinnen selbst gern im Schrank stehen hätten. Kate Chopins Erwachen war der zweite Band der ersten, Aufbruch betitelten Runde. Die (von einem Frauenkollektiv angefertigte) Übersetzung aus dem Jahr 1978 wurde von Karen Nölle und Christine Gräbe bearbeitet und in eine äußerst lesbare Form gebracht. In seiner Gestaltung, dem handlichen Format, dem roten Leineneinband mit leuchtend grüner Banderole ist das Buch ein wahres Schmuckstück. Zum Bestellen!
Kleine Ungenauigkeiten der ersten Fassung sind allerdings unbesehen übernommen worden (bonbon zum Beispiel bedeutet eben nicht Bonbon sondern Praline oder Konfekt). Da es, anders als in den ebenfalls sehr lesenswerten Kurzgeschichtensammlungen Die Seidenstrümpfe und Der Sturm, kein Glossar gibt, habe ich unten stehend eins angefertigt.
Der Roman, wie auch die Kurzgeschichten, erstaunt wegen seiner Kühnheit, die für die Zeit ungewöhnlich und skandalös war. Die Fragen, die Kate Chopin aufwirft, sind auch heute noch lange nicht beantwortet. 


Das kurze Nachwort von Barbara Vinken scheint das Buch übrigens auf die schmerzliche Erkenntnis zu reduzieren, dass Männer anders lieben als Frauen. Aber stimmt das überhaupt? Discuss!

Das Erwachen von Kate Chopin: ein Glossar

Grand Isle: Wörtlich „große Insel“, ist die größte der so genannten Barriereinseln im Golf von Mexiko, ca. 3 Stunden Autofahrt von New Orleans. Die Insel lebt vor allem von Touristen, die hierher zum Fischen kommen (es gibt einen kleinen Bootshafen), im Naturpark campen und Pelikane und gegebenenfalls Delfine beobachten oder an Festivals teilnehmen wollen. Deshalb findet man im Internet keine Informationen über die Ölraffinerie, die sich auch auf der Insel befindet. Es gibt auch viele private Ferienhäuser, die auf meterhohen Stelzen stehen. Als Barriereinsel ist es sozusagen die Aufgabe von Grand Isle, die Wucht der Hurrikane aufzunehmen und abzufangen. Laut Wikipedia ist die Insel alle 2,68 Jahre von einem Hurrikan betroffen und alle 7,88 Jahre direkt der Breitseite eines Hurrikans ausgesetzt. Als ich 2009 das letzte Mal auf Grand Isle war, war die Auswirkung von Katrina und Rita (beide 2005) deutlich zu sehen: Viele Geschäfte und Hotels gab es nicht mehr und die geographische Form der Insel war völlig verändert und verkleinert. Es war außerdem eine ganz neue Zufahrt zu der Insel gebaut worden.

Chénière Caminada: Das französische Wort chêne bedeutet Eiche, während das Wort chénière meines Wissens in Frankreich nicht bekannt sondern eine typische Cajun-französische Bildung in Louisiana ist und in etwa „mit Eichen bewachsener Kamm“ bedeutet. Auch Chénière Caminada gehört zu den Barriereinseln, obwohl sie technisch eine Halbinsel ist. Ich bin unwissentlich schon zig Mal darüber gefahren, denn die Staatsstraße 1 durchquert sie auf dem Weg nach Grand Isle. Chénière Caminada war schon 1893 von einem auch von Kate Chopin beschriebenen Hurrikan stark betroffen. Es befindet sich westlich von Grand Isle und ist über eine knapp 2 Kilometer lange Brücke mit der Insel verbunden. Bei der Anfahrt nach Grand Isle fährt man ungefähr die letzte Stunde durch Marschen, wo im Wasser immer wieder einzelne Bäume und Grasbüschel stehen. Eine scheinbare statische, aber doch lebendige, bizarre Landschaft.

Piroge: einfaches Holzboot in Einbaumform, das die Cajuns gern benutzen. Das Wort kam über das Französische aus dem Spanischen (piragua) ins Deutsche und Englische (Pirogue).

Quadroon: vom Spanischen cuarterón, vom Lateinischen quartus bezeichnet eine Person, die zu einem Viertel schwarze Vorfahren hat. Dementsprechend bezeichnet Octoroon jemanden mit einem Achtel schwarzer Vorfahren, die zumeist aus unehelichen Beziehungen von Schwarzen und Weißen hervorgingen. Im New Orleans der Vergangenheit waren Quadroons und Octoroons oft frei und nicht versklavt, was sich dann durch den Louisiana Purchase 1803 änderte. Diese Begriffe werden heute nur noch im historischen Zusammenhang verwendet.

Griffe: bezeichnete eine Person mit drei Viertel schwarzen Vorfahren und einem Viertel weißen oder indianischen Vorfahren. Siehe oben.

Bayou Brulow: In meinem Atlas von Louisiana ist es nicht verzeichnet und auch im Internet nicht zu finden. Vielleicht existiert es nach den vielen Hurrikanen nicht mehr? Ein Bayou ist ein stehender oder träge fließender Wasserarm, der durch Marschen und Sümpfe in einen See, Fluss oder Golf fließt. Der Begriff stammt vermutlich aus dem Choctaw-Indianischen und wird nur in Louisiana und angrenzenden Gebieten verwendet. Somit denkt man bei Bayou an eine exotische, ländliche, aber auch rückschrittliche Gegend, wo Cajuns leben. In den siebziger Jahren machten Linda Ronstadt und Paola (auf Deutsch) den Roy-Orbison-Hit Blue Bayou berühmt.

Grand Terre: Wörtlich „großes Land“, eine nordöstlich an Grand Isle anschließende Barriereinsel, die wie diese die Barataria Bay (Barataria-Bucht) zum Golf von Mexiko hin begrenzt. Auf der Insel befinden sich die Ruinen des Fort Livingston sowie ein Meereslaboratorium des Louisiana Department of Wildlife and Fishery und eine Station der Küstenwache. Es ist heute nur mit dem Boot zu erreichen. Auf dieser wie auch anderen Inseln war Anfang des 19. Jahrhunderts der legendäre Pirat Jean Lafitte aktiv, nach dem heute noch viele Orte benannt sind, so auch der Jean Lafitte National Historical Park and Preserve. Von der BP-Ölkatastrophe waren die Inseln natürlich auch betroffen.

Louisianamoos: Dieses deutsche Wort für Spanish moss („spanisches Moos“, Tillandsia usneoides) habe ich erst aus Das Erwachen gelernt. Es wächst in den Südstaaten an den Bäumen, besonders wo es feucht ist, und gleicht langen Bärten oder wahlweise Hexen- oder Prinzessinnenhaaren, die im Winde wehen. Es macht die Landschaft besonders verwunschen oder auch „gotisch“. Früher wurde Lousianamoos als Polster- und Verpackungsmaterial verwendet, zum Mulchen oder zum Ausstopfen von Voodoopuppen (laut Wikipedia). Es ranken sich Legenden darum und es gibt Lieder und Geschichten. Wichtig war es auch für den Bau von Wohnhäusern der Cajuns für die Herstellung von Bousillage (einer Mischung aus Spanischmoos und Lehm) als Material für die Wände zwischen den Holzpfosten. Die Verwendung von Bousillage in Louisiana ist ab Anfang des 18. Jahrhunderts nachgewiesen.

Akadier: Im Englischen Acadian, vom Französischen acadien, heute Cajun (sprich: Kejdschin). Nachfahren der französischen Siedler aus Akadien (der kanadischen Provinzen Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island), die zwischen 1755 und 1763 von den Briten deportiert wurden und sich vor allem im französischsprachigen Louisiana ansiedelten, wo sie auch ihre ländliche und auf Fischerei basierende Kultur fortführen konnten. Die Sprache der Cajuns hat seit den sechziger Jahren einen Wiederaufschwung erlebt, während die Kultur (Musik, Tänze, Essen, Karneval) ohnehin lebendig war. Heute sollen ca. 5 Prozent der Bevölkerung noch Französisch oder Cajunfranzösisch zu Hause sprechen.

Kreolen: Eigentlich die Nachfahren der Franzosen oder Spanier, so wie Kate Chopin oder ihr Ehemann. Heute bezeichnet kreolisch oft auch die Nachfahren französischsprachiger Schwarzer, die z.B. aus Haiti oder anderen Ländern der Karibik zugewandert oder aus anderen Gründen eine französische Kultur hatten. Die europäischstämmigen Kreolen verwahren sich oft gegen diese Verwendung.

Kate Chopin: Schriftstellerin (1850-1904) aus St. Louis, Missouri, einer damals wohl auch noch kreolisch geprägten Stadt, in der sich inzwischen vor allem der deutsche Einfluss durchgesetzt hat. 1870 heiratete sie Oscar Chopin und lebte mit ihm in New Orleans, nach seinem Bankrott in Cloutierville, Louisiana. Sie hatten sechs Kinder. 1882 starb ihr Mann und zwei Jahre später zog sie nach St. Louis zurück, wo sie zu schreiben begann und einen literarischen Salon betrieb. Das Erwachen rief einen Sturm der Empörung hervor und Kate Chopin starb, ohne den verdienten Ruhm genießen zu können. Das Wohnhaus und Museum in Cloutierville ist vor ein paar Jahren abgebrannt.

Sonntag, 11. März 2012

Make-It-Right-Benefizgala

Gestern fand im Hotel Hyatt Regency in New Orleans eine exklusive Benefizgala für Brad Pitts Wiederaufbauprojekt Make It Right statt. Der Star selbst war natürlich anwesend, ebenso wie die Komikerin Ellen DeGeneres (aus New Orleans, sehr witzig, mit eigener Talkshow)* und der Footballspieler Drew Brees. Die Gäste bezahlten zwischen 1000 und 2500 Dollar für die Teilnahme und erhielten dafür ein Vier-Gang-Menü von lokalen Kochkoryphäen wie Emile Lagasse, ein Kulturprogramm mit Rihanna, Sheryl Crow, Seal und dem New Orleanser Jazzpianisten Dr. John sowie eine After-Party mit Kanye West, Snoop Dog und anderen. 
Anscheinend kämpft das spektakuläre Projekt ein wenig mit den Mühen der Ebene, jetzt wo circa die Hälfte der 150 geplanten Häuser gebaut sind. Wie ich bereits hier berichtete, sind dies hurrikansichere, energiesparende, ökologische und gestalterisch avantgardistische Entwürfe von weltberühmten Architekten. Aus Kostengründen wurde bei den letzten Häusern bereits auf einige Designeigenschaften verzichtet. In der Mitte dieses Artikels in der New Orleans Times-Picayune findet sich übrigens ein kleines Video, in dem einige der fertiggestellten Häuser zu sehen sind.


* Ellen DeGeneres ist auch als bekennende Lesbierin bekannt. Erst im Februar hatte die konservative Gruppe One Million Moms dagegen protestiert, dass sie jetzt als offizielles Gesicht der Einkaufskette JC Penney firmiert.

Freitag, 9. März 2012

Maler: Degas, Long

Der berühmteste Maler von New Orleans ist vermutlich Edgar Degas (1834-1917). Genau, der Edgar Degas, der impressionistische Maler mit den graziösen, federhaften Tänzerinnen. Seine Mutter stammte aus New Orleans und so nannte er sich selbst einen „fils de Louisiane“ (Sohn Louisianas). Degas kam im Herbst 1872 nach New Orleans und verbrachte fünf Monate hier, in denen es ihm gelang, eine künstlerische Krise zu überwinden. Dabei soll er auch die spätere Schriftstellerin Kate Chopin kennengelernt haben. Heute erinnern noch das Café Degas und das Degas House (ein exklusives Bed & Breakfast, wo man wohl auch heiraten kann) auf der Esplanade Avenue an ihn. Eines seiner berühmtesten Gemälde ist Le bureau de coton à la Nouvelle Orléans (Die Baumwollbörse von New Orleans) von 1873.
Möglicherweise inzwischen ein „Sohn von New Orleans“ ist der Maler Mitchell Long (*1964), mit dem ich befreundet bin. Ursprünglich aus Florida stammend und in Philadelphia u.a. ausgebildet, lebt er seit Mitte der neunziger Jahre in Louisiana und seit ca. 2000 in New Orleans. Seine kraftvollen, kühnen und durchaus impressionistischen Landschaften, Stadtlandschaften und Küchenbilder bewegen mich immer wieder. Ihre Fluidität, ihr Leuchten, ihre Wärme erinnern mich an die Fluidität, das Leuchten, die Wärme von New Orleans. 
Ich habe das Glück, einige Longs zu besitzen, und wenn man im Haus meiner Eltern die Treppe hinaufsteigt, nähert man sich einer Impression von Bayou St. John mitten in New Orleans, wo in den Häusern bei Hurrikan Katrina auch tagelang das Wasser stand. Auch Mitchell hat in den Fluten viele seiner Arbeiten, Dokumente und Materialien verloren. Auf Facebook zeigt der Künstler seine jeweils neusten Werke und auf seiner Webseite kann man sie auch kaufen. So berühmt wie Edgar Degas wird Mitchell vielleicht nicht, aber zu New Orleans gehört er für mich mindestens genau so sehr.

Donnerstag, 1. März 2012

Code Napoléon

In einer Szene in Endstation Sehnsucht setzt Stanley mehrmals an, um seiner Frau Stella – die wie ihre Schwester Blanche und wie Tennessee Williams selbst aus dem Nachbarstaat Mississippi stammt – zu erklären, dass hier im Staate Louisiana der Code Napoléon gelte und deshalb das Eigentum seiner Frau auch seines sei.
Das ist tatsächlich eine Besonderheit, die mit der französisch-spanischen Geschichte Louisianas zusammenhängt: Das Rechtssystem beruht auf dem Napoleonischen Code und ähnelt damit wohl kontinental-europäischen Recht, während es in den übrigen USA auf angelsächsischem Recht (Common Law) basiert. Das bedeutet, dass in Louisiana ausgebildete und zugelassene Anwälte in einem anderen Staat nicht praktizieren können und umgekehrt.
Auch wenn man von Juristerei keine Ahnung hat und nie mit dem Gesetz in Konflikt kam, erfährt man so etwas, wenn man in Louisiana lebt, denn es gehört sozusagen zum selbst beschworenen Mythos, mit dem man gern ein wenig hausieren geht. Und somit passt es zu nur zu gut zu dieser ansonsten eher schlicht gestrickten Figur Stanley, dass er damit besserweiß und klugscheißt.
Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass beim Tennessee Williams Literary Festival immer ein Stanley and Stella Shouting Contest stattfindet? Ein Wettbewerb also, bei dem die berühmte Szene aus dem Film nachgestellt wird, wo Stella oben bei der Nachbarin Zuflucht gefunden hat und Stanley am Fuße der schmiedeeisernen Treppe herzzerreißend „Stellaaaaaa!“ brüllt. Hier Original und Kopie (im Jahre 2011 gewann eine Frau, Elena Passarello).

Endstation Sehnsucht

Dieser Tage, da der französische Film The Artist bei den Oskars abgeräumt hat, habe ich einen anderen Oskar-Überfliegerfilm gesehen: A Streetcar Named Desire - den Film nach Tennessee Williams' Stück, einen Elia-Kazan-Klassiker, der 1951 für zwölf Oskars nominiert war und vier davon (darunter als bester Film) erhielt. Heute für einen solch sperrigen Stoff schwer vorstellbar: Es geht um das nicht Eingestehenkönnen unerfüllter Sehnsüchte, eine Südstaatendame in der modernen Welt der Arbeiterklasse, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Vergewaltigung und schließlich das schrille Zerspringen der gläsernen Hauptfigur Blanche.
Blanche ist vor allem darauf bedacht, die Contenance und Fassade zu bewahren, neulich im Berliner Ensemble grotesk-klamaukig, hier von Vivien Leigh etepetete und sehr nervtötend. Ihre Schwester Stella dagegen steht ganz im Leben und zu ihrem Mann Stanley, von dem sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, hier gespielt von Kim Hunter. Der junge Karl Malden ist Blanches gutmütiger Verehrer Mitch.
Doch das wirklich Aufregende an diesem Film ist Stanley Kowalski oder Marlon Brando, der schon einfach so, blutjung, mit knallengem, verschwitzten T-Shirt beeindruckt, aber dann in seiner Darstellung die urige Männlichkeit, von der sich Blanche zugleich angezogen und abgestoßen fühlt, absolut authentisch und umwerfend verkörpert. (Im Internet habe ich gelesen, dass damit das Method Acting berühmt wurde.) Der Film ist in Schwarz-Weiß und wurde im Studio gedreht. New Orleans wird vor allem durch die eiserne, gewundene Treppe und durch die allgegenwärtigen Fensterläden angedeutet. 120 Minuten Filmgeschichte, die einem wirklich nahe gehen.

Endstation Sehnsucht läuft jetzt auch im Wiener Burgtheater, den beiden Rezensenten im Standard und in der Presse zufolge auf mitteleuropäische Temperaturen heruntergekühlt (dort auch noch einmal gute Zusammenfassungen des Inhalts). Schon wegen eines möglichen Wiener Einschlags (?) würde ich es mir gern ansehen... Die nächsten Termine sind 7., 9., 14., 16. und 26. März 2012, 19.30 Uhr. Im Berliner Ensemble, ich berichtete hier, läuft es das nächste Mal am 11. März um 18 Uhr.

Montag, 27. Februar 2012

Ein Montagmorgen auf NPR Berlin

Für alle, die es noch nicht wissen, National Public Radio hat seit einigen Jahren einen eigenen Sender in Berlin auf 104,1 und produziert auch einige kleine Berlin-spezifische Segmente, die ich persönlich meistens nicht so reizvoll finde. Aber es hat die meisten anderen tollen Programme, die ich schon in den USA über Jahre hinweg an verschiedenen Orten liebte: Fresh Air, All Things Considered usw.
Der heutige Morgen war auf NPR Berlin besonders New-Orleans-intensiv. Zuerst lief eine Wiederholung der Sendung State of the Re:Union - New Orleans: The Big Easy vom Herbst. Darin ging es um Bürgerinitiativen gegen die hohe Kriminalität nach Hurrikan Katrina, um die jungen zugewanderten Helfer und das Anwachsen der Latinobevölkerung nach Katrina und die dort entstandene Hiphop-Richtung Bounce und viele andere Dinge. Auf der Webseite kann man sich die Sendung anhören und findet viele andere Quellen und Links.
Danach lief Ira Glass' This American Life, heute unter dem Titel "Held Hostage" (In Geiselhaft). Darin kamen auch einige Hausbesitzer in New Orleans vor, die irgendein Verrückter mit selbst gefälschten gerichtlichen Dokumenten immer wieder aus ihren Häusern drängen wollte, so dass sie ständig ihr Recht einklagen mussten.
Anschließend lief Le Show von Harry Shearer, der manchmal auch aus New Orleans sendet und immer wieder auf seinen preisgekrönten Film The Big Uneasy aufmerksam macht, in dem er die mangelhafte Arbeit des für die Deiche zuständigen Army Corps of Engineers anprangert. Eine Sendung, wie sie bei uns unmöglich wäre, weil sie nur aus dem meist satirischen Monolog des Moderators und gelegentlichen Dialogen mit verstellten Stimmen besteht. Heute gratulierte Harry Shearer dem New Orleanser Autor Lolis Eric Elie zum Erhalt des 43. NAACP Image Awards in der Kategorie "Outstanding Writing in a Dramatic Series" (Hervorragendes Skript für eine dramatische Fernsehserie) für seine Mitarbeit an Treme. Der NAACP ist die National Association for the Advancement of Colored People, die seit 1909 bestehende Bürgerrechtsorganisation, die vor allem Afroamerikaner fördert und eigentlich nur noch in der Abkürzung benannt wird, da die Bezeichnung "colored people" heute überholt und unangemessen ist. Zu meiner Zeit war Lolis Eric Elie noch ein junger Kolumnist bei der New Orleans Times-Picayune. Jetzt gibt es von ihm Bücher, einen Dokumentarfilm über das Faubourg Treme, und das Journalismus-Institut der New Yorker Columbia University ernannte ihn zum Alumnus of the Year.
Eine Sendung vermisse ich hier in Berlin ganz besonders: American Routes, die von dem New Orleanser NPR-Sender WWNO produziert wird. Hiermit lege ich NPR Berlin diese tolle Musiksendung mit und von dem Ethnomusikologen Nick Spitzer wieder einmal ans Herz. Ich werde auch ganz bald wieder etwas spenden...

Sonntag, 26. Februar 2012

Lucky Dogs

Eine der Arbeitsstellen, auf der sich Ignatius Reilly in The Confederacy of Dunces versucht (siehe meine Besprechung vom 3. Februar), ist als Verkäufer bei Paradise Vendors, die eigentlich Lucky Dogs heißen. Es handelt sich dabei um Hotdogs, die an einem hotdog-ähnlichen Wägelchen im Straßenverkauf fertiggestellt und verkauft werden. Diese gibt es auch heute noch, vor allem im French Quarter. Die Lucky Dogs sind eine Institution und sie gehören einfach zu New Orleans.
Vor einiger Zeit habe ich das Buch Managing Ignatius von Jerry E. Strahan gelesen, der um die 25 Jahre Geschäftsführer von Lucky Dogs, Inc., war. Der Untertitel des Buches lautet The Lunacy of Lucky Dogs and Life in the Quarter (Der Wahnsinn von Lucky Dogs und das Leben im French Quarter) und so ist diese informelle Firmengeschichte auch eine Beschreibung der "Halbwelt" in diesem malerisch-historischen Stadtviertel, für das man New Orleans vor allem kennt. Denn bei Lucky Dogs arbeiten allerlei Gestrauchelte, denen dieser Job manchmal wieder auf die Füße hilft, aber manchmal auch nicht.
Dieser Tage, so hieß es in der Zeitung Times-Picayune, wurde ein Lucky-Dogs-Verkäufer für seine Rolle in einem Mordkomplott gegen einen wohlhabenden Geschäftsmann verhaftet, der zum Mardi Gras beraubt und getötet werden sollte (was zum Glück vereitelt wurde). Der Verkäufer hatte seinen Wagen an der Ecke der Bourbon und der Canal Street.
Ignatius Reilly, der Held bei John Kennedy Toole, hat es übrigens nicht lange bei Paradise Vendors, alias Lucky Dogs, ausgehalten. Denn er legte sich mit potentiellen Käufern an und fühlte sich von Passanten angegriffen, so dass er schließlich alles Hotdogs selber essen musste, um sein problematisches Magenventil zu beruhigen. Aber trotzdem endete ja der Roman bekanntlich mit einer Art Happy End. So wie übrigens auch einige der Schicksale bei den wirklichen Lucky Dogs.

Dienstag, 21. Februar 2012

This just in

Ein Freund aus Baton Rouge sandte mir diesen Hinweis: Schon wieder eine Sendung über New Orleans, diesmal im Saarländischen Rundfunk, letzten Mittwoch, 15.2.2012, 21 Uhr, unter dem Titel weitweitweg - Karneval in New Orleans. Die 45-minütige Sendung ist insgesamt sieben Tage lang in der Mediathek anzusehen, also vielleicht heute und morgen noch.
Die Sendung und der Begleittext finden sich hier. Im dazugehörigen Blog lese ich, dass es sich um den Film von Karl Teuschl handelt, der am 2. Januar als New Orleans - zwischen Rhythmus und Ruin auf 3sat lief und den ich am 14. Januar hier besprochen habe.
Happy Mardi Gras everyone!

Montag, 20. Februar 2012

Mardi Gras

In New Orleans und Südlouisiana ist heute Lundi Gras, der Tag vor Mardi Gras, Französisch für "Fetter Dienstag", also Fastnachtsdienstag, der auch dem ganzen Karneval seinen Namen gab. Gestern fanden mindestens vier Paraden nur in New Orleans selbst statt, ganz abgesehen von den Vororten, heute drei, und morgen ist der Höhepunkt mit der sehr beliebten afroamerikanischen Parade Zulu und der traditionellen Rex-Parade. Ich konnte auf die Schnelle nicht herausfinden, wer dieses Jahr King Zulu ist, aber bei Bacchus am Sonntag war der Schauspieler Will Ferrell König. Es gäbe so viel zu berichten, auch über die Mardi Gras Indians, den Cajun Mardi Gras auf dem Lande, die gestern leider verregnete, wilde Spanish Town Parade in Baton Rouge mit Rasenmäherballett, über die Touristen und die protestierenden Christen im French Quarter...
Aber meine Fernberichterstattung muss auf die Schnelle bleiben, denn am Sonnabend, 18.2.2012, gab es bei mir den Karneval der Literaturen. Zum 5. Mal habe ich hier im urlutherischen, wie ein Besucher meinte, "karnevalskargen" Berlin eine kostümierte Karnevalslesung und -feier veranstaltet. Das war lange Zeit nicht einfach, da oft nur sehr wenige Besucher kamen (einmal waren wir zu dritt). Doch seit ich im letzten Jahr ausdrücklich auch Karnevalsmuffel einlade, setzt es sich langsam durch. Auch dieses Jahr lasen wir Texte zum Karneval, darunter mit verteilten Rollen Tennessee Williams' Lord Byron's Love Letter; die besten literarischen Kostüme wurden prämiert, tja und jetzt greift der Ernst des Lebens wieder um sich. Spätestens am Aschermittwoch ist auch in New Orleans alles vorbei, aber bis dahin Laissez les bons temps rouler!, wie es dort heißt, Lasst die guten Zeiten rollen!

Freitag, 17. Februar 2012

Global Salon: New Orleans 2

Ich habe mir gerade den Podcast angesehen, hier. Das Terence Blanchard Quintet spielte, Susan Bernofsky las aus einem Romanmanuskript, das in New Orleans nach Katrina anfängt. Der Gastgeber Eddie Robinson zeigte ein paar Videoclips und führte durch ein faszinierendes Gespräch mit klugen und denkenden Teilnehmern. Sehenswert.

Mittwoch, 15. Februar 2012

Global Salon: New Orleans - heute in New York

Prominente aus New Orleans, das sind vielleicht Musiker oder Schriftsteller, oft auch schon tot, dann noch die Komikerin Ellen DeGeneres, die Journalistin Cokie Roberts und ein paar andere, aber sonst? Und meistens leben sie dann auch nicht mehr in New Orleans, wenn sie berühmt werden.
Eine aus New Orleans stammende Prominente unter Übersetzern und Kennern deutscher Literatur ist Susan Bernofsky, Übersetzerin von Robert Walser, Yoko Tawada und anderen modernen Klassikern ins Englische. Letzte Woche, kurz bevor sie das Festival Neue Literatur mit jungen deutschsprachigen Schriftstellern in New York ausrichtete, wurde bekannt, dass sie den mit 15.000 Euro dotierten Calwer Hermann-Hesse-Übersetzerpreis erhält, für ihre Übersetzung von Siddharta und für ihr Gesamtwerk. Sie ist auch Vorsitzende des Übersetzungskomitees des PEN, lehrt am Queens College, schreibt selbst Bücher, Essays und Artikel und betreibt den den Blog translationista.
Susan Bernofsky reist viel, auch gern nach Berlin, und ist überhaupt äußerst aktiv. Heute Abend (19 Uhr) tritt sie im New Yorker The Greene Space in einem Global Salon: New Orleans auf, zusammen mit dem Musiker Terence Blanchard und dem Terence Blanchard Quintet. 
Terence Blanchard ist Trompeter und Komponist und spätestens aus Spike Lees bewegendem Dokumentarfilm When the Levees Broke (2006) bekannt (hier und hier), wo zu sehen ist, wie er mit seiner Mutter in ihr während Katrina überflutetes und verwüstetes Haus zurückkehrt. Seitdem hat er an verschiedenen Filmen mitgewirkt und 2010 einen Grammy für Best Instrumental Jazz Solo Performance erhalten, für den Titel "Dancin' 4 Chicken'. Er komponierte auch die Musik für eine aktuelle Aufführung von Tennessee Williams' A Streetcar Named Desire (Endstation Sehnsucht) auf dem Broadway. Auch er lebt nicht mehr in New Orleans.
Mit diesem Global Salon endet heute eine Reihe, in der es u.a. um Japan, Ägypten und Schweden ging. Der Abend soll eine explosive Reise mit Musik, Kultur, Kunst und Film sein, wobei der Wiederaufbau und Umweltinitiativen die Grundlage des Salons bieten sollen. Das Ganze in 1,5 Stunden für 30 Dollar. Und: "Evening includes a complimentary glass of wine or beer and snacks that honor the country of exploration." (An dem Abend wird ein Glas Wein oder Bier gereicht und Snacks, die das zu erkundende Land würdigen.)
Na, dann wünsche ich New Yorkern und Gästen ein mundendes Erkunden von New Orleans, diesem fremden Land...

Montag, 13. Februar 2012

Neues vom Wochenende

Dieses Wochenende liefen wieder mehrere Paraden, wegen der kurzen Karnevalssaison in diesem Jahr etwas geballt. Gestern war dabei wieder die Barkus-Parade (Anspielung auf die berühmte Bacchus-Parade, die am 19.2. marschiert). "To bark" heißt natürlich "bellen", tja und so ist es denn auch eine Hundeparade. Einen kleinen Film findet man auf nola.com rechts unten unter Krewe of Barkus. Fotos finden sich hier.
Auch an diesem Wochenende fand die Verleihung der Grammy Awards statt, überschattet von Whitney Houstons Tod. Die britische Sängerin Adele und einige andere haben ziemlich viele Preise abgeräumt. Aber einen großen Erfolg für New Orleans gab es auch: Die heißgeliebte, ur-New-Orleansische Rebirth Brass Band erhielt einen Grammy in der Kategorie "Regional Music", die, und das war nicht ganz unumstritten, neu aus den früheren Kategorien Cajun/Zydeco, Polka, hawaiische und indianische Musik geschaffen wurde. Der Sousaphon-Spieler Phil Frazier hatte früher einmal gesagt, er möchte lieber einen Grammy gewinnen als reich sein, was ja schon mal geklappt hat. Und auf dem Weg zur Bühne meinte er wohl, hoffentlich falle ich nicht in Ohnmacht, ist er aber wohl nicht. 
Die Band wird jetzt schnell wieder aus Los Angeles zurückkehren, um ihren traditionellen Dienstagsgig im Maple Leaf in New Orleans zu spielen und vom 16. bis 18. Februar im Howlin' Wolf. Siehe auch meinen früheren Eintrag zum Sousaphon und zur Rebirth Brass Band. Und auf diesem Youtube-Video vom Aufwärmen vor einem Konzert sieht man den Sousaphonisten besonders gut.

Sonntag, 12. Februar 2012

Die Elektrische


Tennessee Williams’ Theaterstück oder vielmehr dessen Titel „Endstation Sehnsucht“ ist allgemein bekannt, vielleicht auch noch der Originaltitel „A Streetcar Named Desire“ (Eine Straßenbahn namens Sehnsucht), aber dass in New Orleans seit dem 19. Jahrhundert fast ununterbrochen eine Straßenbahn fährt, das weiß man wohl weniger.
In den Stadtteil Desire, der jetzt eher für problematische Sozialwohnprojekte (projects) bekannt ist, fährt seit 1948 nur noch ein Bus. Aber besonders auf der alleenhaften St. Charles Avenue fährt die Straßenbahn regelmäßig, zuverlässig und treu wie eh und je, und so war es ein besonderer Einschnitt als sie von August 2005 bis Dezember 2006 nach Hurrikan Katrina wegen zerstörter Oberleitungen usw. gar nicht verkehrte, danach nur auf Teilstücken, und schließlich seit Juni 2008 wieder vollständig. 
Dabei handelt es sich nicht um eine Straßenbahn wie wir sie hier kennen, sondern jeweils um einen einzigen historischen Waggon (ein streetcar eben), auf hohen Rädern, nicht klimatisiert und mit Mechaniklärm nicht nur, wenn die Fahrer mit riesigen Hebeln manövrieren. Es zieht durch die auf beiden Seiten geöffneten Fenster, die Bänke sind eng, hart und etwas abschüssig, und sie fährt auch scheinbar nicht nach einem festen Fahrplan, sondern eben immer mal wieder. Es sind die alten, historischen Wagen im immer gleichen grün-rostfarbenen Anstrich. So wie vielleicht ganz früher hier in Berlin die Elektrische fuhr (die hier erfunden wurde). Wunderbar!
Die Elektrische wird nicht nur von Touristen benutzt, sondern ist ein richtiges, wichtiges Verkehrsmittel. Eine reine Touristenattraktion ist die kurze Riverfront-Linie in Rot und Gelb. Wie überall gab es in New Orleans früher sehr viele Straßenbahnen, von mindestens sechs Betreibern, doch sie wurden ab spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts abgeschafft. Unmotiviert liegende Straßenbahnschienen auf verschiedenen Straßen kunden davon. Seit einigen Jahren gibt es eine kleine Renaissance. Die Canal Street-Linie, die lange nur von Bussen befahren wurde, wurde 2004 wieder eingerichtet. Die New Orleans Regional Transit Authority (RTA) plant noch zwei Erweiterungen, von der Canal Street zum Bus- und Eisenbahnhof und eine Linie entlang des French Quarters, die 2012 bzw. 2013 in Betrieb genommen werden sollen.
Zu der Zeit als Tennessee Williams im French Quarter lebte, fuhr übrigens ein einsamer Straßenbahnwagen mit dem Ziel und der Aufschrift Desire (Verlangen, Sehnsucht) linienmäßig durch das French Quarter und gab dem Stück den Titel. Der Wagen Nr. 453 dieser Linie ist konserviert und zu besichtigen.
Diesen und viele andere historische Fakten (warum die New Orleanser Straßenbahn olivgrün ist, wer die erste Straßenbahnfahrerin war usw.) über New Orleans kann man von Blake Pontchartrain erfahren (nach dem Lake Pontchartrain, dem riesigen Salzwassersee im Norden der Stadt), der in der wöchentlichen Programmzeitung Gambit eine Kolumne hat.

Dienstag, 7. Februar 2012

Only in New Orleans

Die Saison der Mardi Gras-Umzüge wurde am Sonnabend mit dem der Krewe du Vieux (Kru de Viu) eingeleitet, deren Name sich auf das French Quarter (Vieux Carré) bezieht, durch die sie als einzige Mardi-Gras-Parade zieht. Oder zog, denn über die Krewe de Joan of Arc habe ich schon berichtet und wie ich hörte, folgte der Krewe du Vieux die Krewe Delusion auf dem Fuße. Im French Quarter sind die Straßen eng, so dass die floats (Karnevalswagen) nicht von Traktoren oder Sattelschleppern gezogen werden, sondern von Menschenhand oder mit Maultierkraft und man läuft zu Fuß. Die Krewe du Vieux ist immer satirisch, dieses Jahr mit dem Thema Crimes against Nature (Verbrechen gegen die Natur) und ihr gehören 16 oder 17 Untervereine (Subkrewes) an, darunter auch Comatose, Krewe of Space Age Love und Underwear. Vor langer Zeit bin ich einmal in der Krewe de Vieux mitgelaufen, wo wir als Einkaufende verkleidet waren, denn das Thema war der Unfall eines libanesischen Frachters, der 1996  in das Riverwalk-Einkaufszentrum gerammt war, das sich direkt am Mississippi befindet. Danach gab es auch einen tollen Ball mit der Musikerin Irma Thomas.
Die Krewe du Vieux ist natürlich eine alternative und junge Krewe, während die altehrwürdigen 140 Jahre alten Krewes geheime Männervereine sind, in die man nicht hineinkommt, und seit es die Gesetzgebung seit 1991 verlangt, dass sie sich auch Minderheiten öffnen müssen, veranstalten einige von ihnen gar keine Paraden und Bälle mehr.
Was hier aber womöglich einmalig ist, „only in New Orleans“ eben, ist die Existenz zweier jüdischer  Krewes: der Krewe de Mishigas in der Krewe de Vieux und die Krewe de Jieux (Kru de Dshu; von Jew=Jude; seit 1996) als Teil der Krewe Delusion. Von der schwarzen Zulu-Parade inspiriert karikiert die Krewe de Jieux jüdische Stereotypen mit Hörnern, riesigen Plastiknasen und Davidsternen. Es wird der King of the Jieux (König der Juden) und eine Jewish-American Princess (jüdisch-amerikanische Prinzessin) gewählt; vor einigen Jahren waren dies der Schriftsteller Rodger Kamenetz und seine Frau Moira Crone, ebenfalls Schriftstellerin. In diesem Jahr war David Freedman, Geschäftsführer des unabhängigen Radiosenders WWOZ, König der Krewe. Es werden Bagels in die Menge geworfen und es gibt, von Borat inspiriert, ein Running of the Jews. 
Dabei mangelt es den Juden natürlich nicht an eigenen Festlichkeiten: Purim, dieses Jahr im März, ist auch so eine Fest der Maskerade. Aber so ist eben New Orleans...

Freitag, 3. Februar 2012

John Kennedy Toole: Die Verschwörung der Idioten

Seit Monaten liegt es hier und will rezensiert werden: Die Verschwörung der Idioten von John Kennedy Toole in der Neuübersetzung von Alex Capus. Doch es verschworen sich die Umstände und ich und dieser große New-Orleans-Klassiker – tja, wir haben es nicht leicht miteinander.
Im Sommer 1989 verliebte ich mich in einen Amerikaner, dem ich von meiner Sehnsucht nach New Orleans berichtet haben muss, denn im Herbst ’89 legte er mir dieses Buch per Post ans Herz. Als DDR-Bürgerin der Wendezeit las ich es mit der zart entstehenden, Schwindel erregenden Hoffnung, New Orleans, die USA und vieles Andere tatsächlich einmal erleben zu dürfen. Vieles an dem Buch war fremd und bizarr für mich, doch ich las mich durch den klamaukigen Humor mit dem schallend lachenden Amerikaner vor Augen.
Das Vorwort zu meiner Ausgabe von A Confederacy of Dunces stammt von Walker Percy, einem der großen katholischen und New-Orleans-Autoren, der auch ins Deutsche übersetzt ist. 1976, als er Professor an der Loyola-Universität in New Orleans war, vertraute ihm die Mutter des Autors hartnäckig das Manuskript ihres Sohnes an. John Kennedy Toole (1937-1969) hatte das Buch Anfang der sechziger Jahre verfasst. Dass es ihm nicht gelang, einen Verleger dafür zu finden, muss u.a. zu seinen schweren Depressionen und zu seinem Selbstmord geführt haben. Auf Betreiben von Walker Percy erschien das Buch schließlich 1980 und wurde schnell zum Kultbuch und Bestseller.
Für Percy ist das Buch eine commedia und die Hauptfigur Ignatius J. Reilly zugleich „ein außergewöhnlicher Chaot, ein verrückter Oliver Hardy, ein fetter Don Quixote, ein perverser Thomas von Aquin“. Diesen Ignatius, hoch gebildet, Boethius und andere Klassiker zitierend, aber letztendlich lebensuntüchtig, plagt ein sich öffnendes und schließendes Magenventil, das ihn zwingt, ganze Tage lesend im Bett oder in der Badewanne zu verbringen. Seine Mutter, bei der er lebt, drängt ihn zur Arbeitssuche. Was er dabei erlebt, ist ein Panorama an Charakteren und Schauplätzen von New Orleans und der Region, die ihn letztendlich alle unberührt lassen. Wäre da nicht Myrna Minkoff, eine radikale, feministische, jüdische Freundin aus New York, mit der er einen intellektuell-engagierten Briefwechsel führt, der sich ebenso wie seine hochtrabenden, herablassenden gelehrten Traktate organisch in den Erzählfluss einfügt. Interessant ist auch Tooles liebevolle und doch nicht verklärende Darstellung der Schwarzen, und wie Ignatius sich einerseits auf ihre Seite stellt und andererseits mit Gemeinplätzen, wie den gern Melone essenden Schwarzen, spielt.
Insgesamt ist es eine karnevaleske, groteske Eugenspiegelgeschichte mit witzigen Dialogen und Momentaufnahmen der Stadt und ihrer Bewohner, eine Gesellschaftssatire (siehe taz, siehe auch Zeit). New Orleanser lieben das Buch, weil es die Stadt und den lokalen Akzent getreu wiedergibt, von kleinen augenzwinkernden Irreführungen abgesehen, wie der, dass die Sonne am Fuße der Canal Street, also Richtung West Bank untergeht, die in New Orleans östlich liegt. (Im Film sprechen New Orleanser mit nachgemachtem Südstaatenakzent, was sich genau so falsch anhört, wie wenn Schauspieler berlinern – das kann man nicht auf der Schule lernen.)
In Westdeutschland war, soweit ich weiß, schon die erste deutsche Fassung Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten (1982 bei Klett-Cotta) von Peter Marginter ein Renner. Jetzt hat Klett-Cotta es in einer Neuübersetzung von Alex Capus als Die Verschwörung der Idioten aufgelegt. 
Ich habe mir natürlich die Übersetzungen angesehen. Einige Anspielungen bleiben dem deutschen Leser wohl verborgen, zum Beispiel in den Namen: Der ältere Verehrer der Mutter, Claude Robichaux, verweist auf einen echten Cajun, d.h. ein Land-Ei im Vergleich zu den urbanen New Orleansern (Dave Robichaux heißt auch der Detective in James Lee Burkes Krimis), die Hosenfabrikanten Levy erinnern nicht nur an Levi Strauss, sondern auch an eine typisch jüdische Familie, und mit Wachmann Mancuso, der sich durch das gesamte Buch zieht, entsteht sofort das Bild der Italiener von New Orleans.
Auch der englische Titel A Confederacy of Dunces ist wunderbar vielschichtig, denn die „confederacy“ erinnert an die Südstaatenkonföderation im Bürgerkrieg gegen den Norden und es schwingt ein Zusammenschluss oder auch eine Seilschaft mit. „Dunce“ ist ein altmodisches Wort, wie es der überkanditelte Ignatius verwenden würde, und die Jägerkappe, die er trägt, ist gewissermaßen eine eigene Version der Narrenkappe (dunce cap). 
Peter Marginters Version liest sich gut, aber die neue Fassung von Alex Capus ist noch gefälliger und an einigen Stellen mehr am Original orientiert. Einige kleine sachliche und sprachliche Fehler tauchen in beiden Übersetzungen auf: Bay St. Louis ist der Name eines kleines Städtchens und einer kleinen Bucht am Golf von Mexiko in Mississippi östlich von New Orleans, und "Bucht von St. Louis" erinnert mich eher an die Großstadt St. Louis in Missouri. Carrollton ist kein Bezirk von New Orleans, solche gibt es dort nämlich nicht, sondern einfach ein Viertel in der Nähe der Carrollton Road. An einer anderen Stelle heißt es im Original, dass Ignatius langsam watschelte, während bei beiden von „gemessenem Schritt“ die Rede ist. Jones, der wirklich witzige Schwarze, spickt seine Sprache mit dem Ausruf „Whoa!“, was bei Marginter gar nicht und bei Capus als „Boah!“ (für mich Ruhrgebiet der neunziger Jahre) wiedergegeben ist. Kleinigkeiten, die mir auffallen, aber dem normalen Leser nicht den Lesespaß verderben.
Wenn ich all die kleinen New-Orleans-Typischkeiten aufzähle, durch die bei Toole die Stadt in 3D entsteht – und dabei habe ich die Lucky Dogs noch gar nicht erwähnt – dann ist A Confederacy of Dunces irgendwie doch berührend. Dass Klett-Cotta das Buch mit einer Neuübersetzung beehrt, ist mutig und hochlobenswert. Inspiriert von der Übersetzerin Christa Schuenke heißt das für mich: Spätestens jetzt wird es auch auf Deutsch ein Klassiker.