Dienstag, 1. Mai 2012

Festival International de Louisiane

Letzte Woche sind meine Facebookfreunde aus Austin, Texas, mal wieder in ihr heimatliches Louisiana gefahren sind und zeigten sporadische Fotos von Konzerten mit den Red Stick Ramblers und Andre Thierry. Eigentlich hätte ich selbst darauf kommen müssen: Na klar, das Festival International in Lafayette, der Hauptstadt der Cajuns, ca. 240 Kilometer westlich von New Orleans – wirklich, so weit? In den USA verliert man einfach die Dimensionen.
Das Festival läuft über vier Tage und trifft immer auf das erste Wochenende von Jazz Fest, so dass die Entscheidung manchmal nicht leicht fällt. Und eigentlich ist sie doch ganz leicht. Das Festival International ist nämlich etwas ganz Besonderes. Es ist nicht kommerziell und es verteilt sich über das ganze Stadtzentrum von Lafayette, mit mehreren Bühnen, Kunstmärkten und Fressständen usw. Es ist privat, ungezwungen und immer unglaublich heiß. Die Konzerte sind kostenlos und das Festival wird von der ganzen Stadt und von Freiwilligen organisiert, so dass die Stimmung immer entspannt und sehr freundlich ist.
Aber das Allerbesonderste ist, dass es ein vorwiegend frankophones Festival ist, wo die gesamte musikalische Creme des ländlichen Louisianas spielt, Cajun und Zydeco-Bands und zugleich so eine Art Weltmusikfestival, mit Musikern aus dem frankophonen Kanada, aus Afrika, aus der Karibik, selbst aus Kuba. Sie eint das Lateinische/Französische und zugleich spielen sie eine eigene authentische Musik, die, und diesen Eindruck vermittelt das Festival, fast universeller ist, mehr „Welt“, als das globalisierte Musikbusiness.
In Lafayette spielten unter anderem die Red Stick Ramblers (nächsten Sonntag auch beim Jazz Fest), die auch in Anthony Bourdains No Reservations über Essen in Louisiana auftauchten (siehe hier), eine Cajun Swing Band, die sich in den 90er Jahren in Baton Rouge gründete (eben jener texanische Freund spielte dort Bass). Einer der Mitbegründer ist der junge Joel Savoy, aus der berühmten Savoy Family Cajun Band. Seine Eltern Marc und Ann Savoy musizieren seit 1977 zusammen. Der jüngere Sohn Wilson Savoy, der einmal in einem meiner Deutschkurse ein äußerst talentierter Schüler war, spielt auch bei den Lost Bayou Ramblers und den Pine Leaf Boys.
Beim Festival International war ich auch mit französischen Freunden und es bringt mein kleines französisches Ich auf eine Art zum Schwingen, die so ganz anders ist als in Paris oder Frankreich. Denn obwohl das 20. Jahrhundert das Französische der Cajuns und der Kreolen im Alltag fast völlig ausgemerzt hat, außer bei sehr alten Menschen, ist die französische Seele Louisianas lebendig, bewahrt vor allem in der melancholischen und doch auch lebensfrohen Musik, die lebt und sich entwickelt und weitervererbt wird. Durch das Festival steht sie in Verbindung mit anderen frankophonen Kulturen der Welt, wo allerdings wie in Kanada auch die Sprache noch Teil der Identität und Kultur ist.
Auch die 17 Hippies versuchen sich manchmal an Cajun-Musik und viele Nachahmer in Las Vegas, Atlantic City, Branson, Missouri, oder auch auf der Bourbon Street in New Orleans. 2009 war ich zufällig zum Wassermusik-Festival im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Als aus dem Tanzsaal Cajun-Musik klang, war ich deshalb erst einmal sehr skeptisch. Aber dann zog mich die Musik hinein und näher und verzauberte mich. Da war sie die Cajun-Musik ganz pur, einfach nur ein paar Männer mit strahlend weißen Hemden, Akkordeon, Gitarre, Stimmen – Ray Abshire, von dem ich noch nie gehört hatte. Das war es. So muss es sein. Und jetzt seufze ich ganz tief: Vielleicht schaffe ich es ja nächstes Jahr, live vom Festival International zu berichten.

Sonntag, 29. April 2012

Big Easy Justice


Dieser Tage machte man mich auf eine Serie aufmerksam, die auf dem amerikanischen Kabelsender Spike läuft: Big Easy Justice („Big Easy“ ist einer der Beinamen von New Orleans, „justice“ heißt Gerechtigkeit). Darin geht es um einen Kopfgeldjäger, der in New Orleans und Umgebung Leuten auf der Spur ist, die auf Kaution freigelassen wurden und sich dann der Gerichtsbarkeit entzogen haben. Im deutschen Fernsehen habe ich in einem schwachen Moment schon mal so eine Sendung gesehen, die allerdings auf Hawaii spielt – eine Reality TV-Sendung mit viel Action, die sich den Niederungen des menschlichen Daseins widmet.
Der Produzent von Big Easy Justice meint in der New York Times dazu: „Es ist nicht das New Orleans, das man im Kopf hat, wenn man ‚New Orleans’ hört... Es ist die dunklere Seite, die viele Leute nicht besuchen.“ Duh (Na nee): Natürlich geht niemand freiwillig in Problemviertel, warum auch?
Aber dennoch ist es sehr wohl das, was viele Amerikaner auch mit New Orleans assoziieren, denn es wird ihnen in unzähligen Filmen und Serien immer wieder vorgespielt: Armut, Rückschrittlichkeit, Rassismus, Korruption, Kriminalität und eine Unzivilisiertheit, deren feuchtfröhliche Kehrseite sie von Zeit zu Zeit genießen wollen: die Bourbon Street im French Quarter mit Stripklubs, Alkohol und scharfem Essen, und all das mit einer Prise Jazz, bitte. New Orleans, Louisiana ist für viele Amerikaner die Dritte Welt – die herablassende, falsche, skandalisierende Berichterstattung über Hurrikan Katrina hat es gezeigt.
Auf Youtube kann man einen Ausschnitt sehen (auf der Spike-Webseite heißt es, ich lebe in der falschen Region, um die Episoden zu sehen). Einige der Kommentare von Einheimischen dazu sprechen Bände: unanimous300 „Wieder einmal eine Fernsehsendung, die sich mit dem Elend und der Ungerechtigkeit, die anderen Leuten angetan wird, ein paar Dollars verdient... Haut bloß ab aus meiner Stadt. Haben wir nicht genug Sch... durchgemacht?“
blueplanet800 „Wir wollen in Ruhe gelassen werden, damit wir in Ruhe sterben können, gemeinsam mit unserer Kultur. Lasst uns in Ruhe...“
Wie wäre es denn einmal mit einer Reality TV-Sendung über die Leute, die den Snowball-Stand in Metairie betreiben, über die Bibliothekarinnen in der Stadtbibliothek, die Wärter im Audubon-Zoo, die Straßenbahnfahrer, die schwarzen Jugendlichen, die im French Quarter für ein paar Dollar Stepp tanzen oder auch meine Freundin Lil, die Französischlehrerin ist? Nicht so viele Verfolgungsjagden, nicht so viel Action, aber zur Abwechslung wirklich mal „Gerechtigkeit“ für New Orleans.

Donnerstag, 26. April 2012

Ein Jahrestag, der Camelot-Index und JazzFest

Zwei Jahre sind schon wieder vergangen, seit die BP-Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko explodierte (es war am 20. April 2010). Bei der Explosion kamen elf Menschen ums Leben, doch an den Folgen starben auch unzählige Tiere und Pflanzen und die Lebensgrundlage von Fischern und vielen anderen Menschen wurde zerstört. Die Ignoranz, Inkompetenz und Gleichgültigkeit seitens der Verantwortlichen konnte man damals miterleben und sie erinnerte sehr an das Verfahren nach Hurrikan Katrina. Ständig gab es eine neue, garantiert effektive Methode, das Bohrloch zu stopfen, darunter auch der Junk-Shot, wo man es mit Müll, Golfbällen, Reifenstücken und anderen Dingen beschossen hat. Mich fragt ja keiner, aber ich hätte ihnen sagen können, dass das nicht funktioniert. Berühmt wurde auch der damalige Topmanager von British Petrol Tony Hayward für Aussagen wie: "Niemand wünscht sich mehr als ich, dass das hier eine Ende hat: Ich will mein Leben zurück." Tony Hayward hat wohl spätestens bei seinem Abgang im Oktober 2010 sein Leben zurückbekommen, anders als unzählige Menschen an der Golfküste und Flora und Fauna, die noch immer unter den Folgen leiden.
Immer wieder hört man von Ölblasen und Ölbällchen, die angeschwemmt werden und die Erosion der ohnehin fragilen Küste beschleunigen und darüber, dass die Fischer und der Tourismus einfach nicht wieder auf die Beine kommen. 
Auf Facebook sah ich heute Hinweise auf eine Protestaktion, die bereits vor einem Jahr stattfand. Die Aktivistengruppe Liberate Tate kritisiert das renommierte Tate-Kunstmuseum in London für sein Sponsoring durch BP, da sich der Konzern auf diese Weise durch Kunst eine sauberes Image verschaffen kann. Bei der Aktion wurde zum Jahrestag der Ölkatastrophe im Tate ein nackter Mann in Embryonalstellung mit Öl übergossen. Sehr beeindruckend. Mich erinnert das an die Bilder von verölten Pelikanen und an die Berichte, wie einige Vögel von Freiwilligen aufwändig gereinigt und hoffentlich gerettet wurden.
Auch eine andere Nachricht des heutigen Tages gibt zu denken: Louisiana nimmt beim Camelot Index den letzten Platz ein, der die ökonomische Vitalität, Bildung, Gesundheit, Kriminalität und Regierung der fünfzig Bundesstaaten vergleicht. Wundern tut mich das nicht, aber den Gouverneur Bobby Jindall vielleicht. Vielleicht wird es ihn auch ärgern, denn obwohl er es immer wieder verneint, munkeln manche, dass er Running mate (Mitbewerber) des republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney werden könnte, und dafür würde das keinen guten Eindruck machen.
Aber gut: Morgen beginnt Jazz Fest, das New Orleans Jazz & Heritage Festival, wo man 10 Tage lang auf 12 Bühnen solche Sorgen vergessen kann. Viel Spaß!

Montag, 23. April 2012

Azaleen

Auf unserem schattigen Hinterhof blüht eine zaghafte, zartrosa Azalee. Früher, als man die Schlafzimmer noch kühl und vom Rest der Wohnung fern hielt, da hatte meine Mutter manchmal eine dort stehen, neben den Alpenveilchen. In meiner Erinnerung bekam man sie geschenkt, vielleicht zum Frauentag oder zu einem Brigadefest, mit einer hellgrünen, elastischen Kreppmanschette um den Topf, deren Rand oben schön gekräuselt war. Dann begann eine Blütenextravaganza und schnell war es mit der Azalee auch schon wieder vorbei, bis zur nächsten.
Auf dem Quadrangle (Quad), dem zentralen Platz des Campus der Louisiana State University in Baton Rouge, meiner Alma mater, blühen die rosa Azaleen im Februar-März, säumen als Hecken die Wege, verzaubern alles und lassen das Leben leicht erscheinen, schaut mal hier. Überdacht werden sie von ewigen Lebenseichen und sie lösen die Kamelien ab, die im Dezember-Januar blühen. Auch auf dem Campus der Tulane University in New Orleans blühen die Azaleen.
Hier bei uns im Park machen sie sich auch langsam bereit, wo sie wieder den Hintergrund für den Rhododendron malen werden. Endlich Frühling!

Freitag, 20. April 2012

Metaeintrag: Übers Bloggen

Am Mittwoch habe ich im Berliner Literaturhaus einen Abend der Bücherfrauen moderiert zum Thema Blogs "Global und international". Eingeladen hatte ich die Übersetzerin Katy Derbyshire, deren lehrreicher und vergnüglicher Blog lovegermanbooks (über junge deutsche Literatur und Übersetzungen) die ursprüngliche Inspiration für diesen Blog hier war. Außerdem hatte ich noch Nikola Richter und Rery Maldonaldo von Los superdemokraticos eingeladen, einem Blog, der einen "intellektuellen Fairtrade" zwischen Lateinamerikanern und Deutschen ermöglicht hat. Finanziert von der Bundeszentrale für Politische Bildung schrieben dort junge Autoren in der Ich-Form über Themen wie Globalisierung, Körper usw., ein wirklich aufregendes Projekt, das im Moment - ohne Finanzierung - etwas in der Schwebe hängt.
Diese Bloggerinnen gehören alle einer jüngeren Generation an als ich, und vielleicht liegt es daran, dass ich mit so viel Vergnügen einen Teil von Los Superdemokraticos als gutes altes Buch gelesen habe, das ich hiermit allen ans Herz legen möchte.
Vor der Veranstaltung hatte ich mir ein paar "philosophische" Gedanken gemacht: dass ein Blog eine Art Flaschenpost ist (was man mir aus der Einladung lieber rausgestrichen hat), oder vielmehr Millionen Flaschenposten, wenn man so will, von denen man eigentlich nie weiß, wer sie findet. Oder wen sie finden. Auch den drei Bloggerinnen geht das so.
Mir gefällt es, wie die Superdemokraticos andere ihren Blog schreiben lassen, so dass eine tolle Vielfalt und Interaktion entsteht. Bei lovegermanbooks gibt es manchmal Interviews, aber bei Gasteinträgen geht es Katy meist wie mir, dass man die Leute dann irgendwie doch nicht dazu bewegen kann, etwas zu schreiben.
Hier nun mein Ruf hinaus in den Äther: 
Geschätzte Leser und Leserinnen! Wer seid Ihr? Und: Schreibt mir doch mal ein paar Zeilen darüber, was New Orleans für Euch ist?
Ich freue mich auf Eure Post!

Donnerstag, 19. April 2012

Kate Chopin: Ein zweites Erwachen

Gerade habe ich die Diane-Rehm-Show auf NPR gehört, die hier in Berlin einen Tag später ausgestrahlt wird. Im „Reader's Review“ (Leserkritik) für April ging es um Kate Chopins Roman The Awakening, dessen deutsche Ausgabe Das Erwachen ich hier kürzlich besprochen habe (mit Glossar).
Es war eine Diskussionssendung mit drei Gästen und Anruferkommentaren. Einige hielten die Hauptfigur für egoistisch und deshalb unsympathisch oder auch verwöhnt, was ich auch nachvollziehen kann, aber darauf zurückführe, dass man, wenn man vielleicht selbst sehr diszipliniert ist und nie ausbricht, den anderen ihren Egoismus auch nicht gönnen kann. Überrascht war ich, dass manche Edna Pontellier als depressiv bzw. manisch-depressiv einordneten und sie damit, finde ich, abtun oder in ihrer Aussagekraft entwerten. Eine andere Diskutantin fand die kreolisch-französische Kultur als korrupt dargestellt. Ein Anrufer, Hausmann und zu Hause erziehender Vater, konnte sich mit der Isolation der Heldin identifizieren und fühlt sich nicht nur zu Hause isoliert, sondern auch als einziger Mann unter Müttern. („Ein zweites Erwachen“ fände hier statt, meinte jemand.)
So habe ich beim Geranieneinpflanzen das Buch noch einmal fast eine Stunde lang aus verschiedenen Perspektiven Revue passieren lassen. Und erlebt, wie Das Erwachen auch heute noch frisch ist, wie es die Gemüter immer noch berührt und bewegt. Anhören.
Im Central West End von St. Louis, einer kleinen alternativen Einkaufs- und Kneipengegend unweit der Washington University, ist jetzt übrigens eine Büste für die Autorin Kate Chopin eingeweiht worden. Kate Chopin stammte aus St. Louis und nach ihren Jahren in Louisiana, die ihr den Stoff für ihr Schreiben lieferten, lebte sie wieder dort, wurde Schriftstellerin und führte einen Salon. Ihre Büste gesellt sich jetzt zu denen von T.S. Eliot und Tennessee Williams, die auch u.a. in St. Louis aufwuchsen.

Sonntag, 15. April 2012

Dave Eggers: Zeitoun

Dass es eine Abteilung „Local Interest“ in einer Buchhandlung gibt, ist sicherlich gar nicht so ungewöhnlich. Ungewöhnlich ist aber vielleicht, wie ungewöhnlich reichlich und divers diese Regale in louisianischen Buchhandlungen bestückt sind: nicht so sehr mit Reiseführern oder –beschreibungen, sondern mit historischen und geographischen Erkundungen und jeder Menge Belletristik. Und da es in New Orleans so einige unabhängige kleine Buchhandlungen mit liebevoll sortiertem Sortiment gibt, sind es dort meist mehrere Regale. Das könnte man natürlich auf diesen liebenswerten kleinen Hang zur Selbstbeweihräucherung oder zur Selbstbestätigung, dass man etwas Besonderes ist, zurückführen („This is New Orleans!“) oder eben auch darauf, dass es nun mal eine Gegend mit einer besonders vielschichtigen und reichhaltigen Geschichte und Kultur ist.
Vor einigen Jahren kamen zu den „Local Interest“-Regalen noch die Katrina-Tische hinzu. Auf solch einem Tisch habe ich es 2009 das erste Mal gesehen: Zeitoun von Dave Eggers. Und habe es damals wieder zurückgelegt. Das hatte einerseits damit zu tun, dass ich skeptisch war, weil der Autor keinerlei Verbindung zu New Orleans hat und während und nach Katrina schon genügend Leute Unwahres berichtet und geschrieben und sich damit profiliert haben. Außerdem war mir der Weltruhm des Autors wieder einmal entgangen. Dann machte es mich auch skeptisch, dass daran auch das Thema des ethnic profiling von Muslimen geknüpft sein sollte – als ob die Geschichte von Katrina nicht genug Horrorstoff bietet. Jetzt habe ich es also nachgeholt und die deutsche Ausgabe (übersetzt von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann, bei Kiepenheuer & Witsch) sowie das Original gelesen.
Mein Fazit: Es ist ein gutes und auch ein wichtiges Buch. Dave Eggers gelingt es meisterhaft aus den Perspektiven von Kathy und Abdulrahman Zeitoun eine stimmige, lesbare Geschichte zu weben, die man bald nicht mehr niederlegen möchte. Er schreibt einfühlsam und nachdenklich und versucht, seinen Protagonisten gerecht zu werden. 
Zeitoun ist ein syrischer Amerikaner, der mit seiner Frau Kathy, einer zum Islam übergetretenen Baton Rougerin, eine gut gehende Baufirma betreibt und verschiedene Mietshäuser in New Orleans besitzt. Während sich Kathy mit den vier Kindern nach Baton Rouge und später nach Arizona „evakuiert“, bleibt er in der Stadt, um bei seinen Besitztümern nach dem Rechten zu sehen. So erlebt er den Sturm selbst und auch die Überflutung. Mit seinem Kanu fährt er in der Gegend herum und füttert tagelang verschiedene zurückgelassene Hunde und rettet einige Leute aus ihren Häusern, nach ein paar Tagen zusammen mit einem seiner Mieter, in dessen Wohnung wunderbarerweise auch das Telefon noch funktioniert. Über die herumlungernden, aber nichts weiter bewerkstelligenden Truppen der National Guard ist er verärgert. Schließlich wird er zusammen mit Todd und zwei anderen Männern von diesen verhaftet und ohne Anklage monatelang festgehalten und schikaniert, zunächst in einem provisorischen, Guantanamo-ähnlichen Freiluftgefängnis auf dem Bahn- und Busbahnhof (das, wie Zeitoun ausrechnete, umgehend geplant und eingerichtet wurde) und schließlich im Hunt Correctional Center in St. Gabriel, Louisiana. Der Kontakt mit Kathy bricht ab. Von seinen Geschwistern und Cousins in Spanien und Syrien gedrängt, weiß sie nicht, was sie unternehmen kann, beginnt sich nach einiger Zeit für ein Leben ohne ihn zu rüsten. Dann erhält sie einen Anruf, dass und wo sich ihr Mann im Gefängnis befindet und sie kann schließlich seine Freilassung bewirken. 
Es gibt immer wieder Rückblenden in die Jugend und Kindheit Zeitouns in Syrien und auch ein wenig in Kathys Geschichte und ihre Konvertierung zum Islam. Am Ende findet sich eine Liste der von der Zeitoun Foundation unterstützten Projekte, einer Stiftung, der sämtliche Erlöse des Autors zugute kommen. Auf weiteren vier Seiten sind die Menschen genannt, mit denen der Autor gesprochen hat, die Artikel, Bücher und Ämter und Organisationen, die er konsultiert hat. Eine beeindruckende Arbeit, die mehrere Jahre in Anspruch nahm.
Das Buch ist letztendlich weniger reißerisch, als es zunächst angekündigt wurde. Zeitoun hat also nicht Hunderte von Menschen gerettet und wurde zum Dank dafür ins Gefängnis gesteckt. Doch er versuchte zu helfen, wo er konnte, irrte aber auch ein wenig ziellos und hilflos herum, und einmal vermied er die Begegnung mit einer offensichtlichen Horde von Plünderern. Dass seine Verhaftung und Einzelhaft auf seine muslimische Religionsangehörigkeit oder Kultur zurückzuführen ist, wird angedeutet, ist aber nicht erwiesen, denn die mit ihm verhafteten Männer, darunter zwei amerikanische Amerikaner, blieben um einiges länger in Haft als er (von 5-8 Monaten gegenüber 1 Monat für Zeitoun). Dass ihm so viel Aufmerksamkeit zuteil wurde, ist sicher seiner Frau Kathy zu verdanken, die sich an die Medien wandte und überhaupt recht lautstark zu sein scheint, aber auch seiner interessanten Familiengeschichte und seiner sympathischen Persönlichkeit. Möglicherweise ging es Dave Eggers auch darum, in den polarisierten Zeiten nach dem elften September 2001 zu zeigen, dass Muslime eigentlich ganz normal sind; und dieses vermutete Anliegen ist das einzige, was mich ein bisschen stört.
Bei all dem geht nämlich fast ein bisschen unter, was dieses Buch auch macht: Es macht einen richtig sauer. Es zeigt nämlich am Rande einer biografischen Geschichte, wie eine Nation einer ihrer schönsten, interessantesten, kulturellsten und bedeutendsten Städte Gewalt angetan hat und zwar immer wieder: indem sie ihr keine ordentlichen Dämme baut, auch heute noch nicht, indem sie – auch mit vielen Falschmeldungen – auf eine Weise Bericht erstattete, die die Stadt und ihre Bewohner diffamierte, degradierte und lächerlich machte, indem sie zwar keine Hilfe, aber Soldaten aus allen Teilen des Landes in die Stadt schickte, die die Dortgebliebenen bedrohten und terrorisierten. Und es ist noch nicht vorbei.
An der Übersetzung gibt es gar nicht viel zu mäkeln, denn sie liest sich gut und flüssig und erzeugt denselben erzählerischen Sog wie das Original. Ein paar Dinge sind mir doch aufgefallen: Zunächst einige unglückliche Anglizismen wie ließ sich ins Haus hinein oder Heilige ScheißeGleich mehrere Seiten hinter einander „tigert“ Kathy auf und ab, m. E. eine zu markierte und etwas komische Wortwahl für das völlige normale Wort „to pace“ (auf und ab gehen).  „Krokodile im Wasser“ liest sich in Bezug auf Louisiana eigenartig, in etwa wie „Moskitos“ in Berlin, denn eigentlich heißen sie dort Alligatoren, offenbar zoologisch eine Unterklasse der Krokodile. Eggers verwendet das Wort auch im Original, möglicherweise der Ausdrucksweise von Zeitoun, der ja aus Syrien ist, geschuldet?
Natürlich kann man aus der Ferne auch nicht wissen, dass St. Gabriel, etwa 100 Kilometer von New Orleans in Richtung Baton Rouge gelegen, auf Englisch zwar eine „town“ und offiziell sogar eine „city“, aber damit noch lange keine Stadt ist, sondern bestenfalls eine Ortschaft, die aus verstreuten Häusern entlang der River Road am Mississippi besteht (laut Wikipedia ca. 6700 Einwohner). Übrigens eine wirklich ländliche Gegend, wo ich gegenüber einer indischstämmigen Freundin auch mal ein sicher rassistisch motiviertes Schweigen und Ablehnung erlebt habe, als wir in einer Kneipe einen der, wie ich sie schon kannte, schmackhaften Po-Boys essen wollten. Natürlich bin ich danach nie wieder dort eingekehrt.
Zeitoun erschien in den USA in der nichtkommerziellen Reihe Voice of Witness (in etwa: Zeugnis ablegende Stimme) bei McSweeney’s Books, die den Opfern sozialer Ungerechtigkeit gewidmet ist. Darin sind auch weitere Zeugnisse zu Katrina erschienen sowie zu vielen anderen nationalen Themen. Dave Eggers hat die Reihe mitbegründet. Noch ein Grund mehr, Zeitoun zu lesen. 

Sonntag, 8. April 2012

Osterspaziergang

Heute morgen beim Spaziergang durch den Park ging es mir durch den Kopf: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche...“, und ich dachte mir, aha, zu Goethens Zeiten waren also die Flüsse im Winter zugefroren, was mit unserer Spree hier zwar in diesen Jahren wieder so ist, aber nicht immer so war.
So erlaubt uns die Literatur Rückschlüsse auf die Natur, und so lese ich in der Literatur ein bestimmtes Bild von der Natur mit. Vor allem Louisiana, New Orleans ist für mich ein Ort, wo ich die Natur und die Umwelt immer mitdenke und die für mich viel von ihrem Zauber ausmachen.
Das wurde mir auch insbesondere klar, als ich an dieser Stelle vor kurzem über Kate Chopins Das Erwachen schrieb. Denn während mir beim Lesen intensiv die Esplanade Avenue in New Orleans vor Augen stand, so wie heute, nur ohne Autos und mit langberockten und behandschuhten Damen, die unter Rüschensonnenschirmen über die Bürgersteige schweben, wollte mein Bild von Grand Isle absolut nicht mit dem von der Autorin beschriebenen übereinstimmen. 
Kate Chopins Insel ist nämlich eine luftige, paradiesische Oase mit edlen weißen Sommerhäuschen unter schattigen Bäumen. Die Grand Isle, die ich kenne, hat nur vereinzelt Bäume, die im Sand wachsen, ist eher einfach und provisorisch bebaut und scheint sich in den Elementen nur noch mit letzter Kraft zu behaupten. Wie überall in Louisiana, wo in den malerischen Bayous alte Kähne vor sich hinrosten und am Mississippiufer ganze Anlagen verwahrlosen, so wirkt auch Grand Isle, von den Eigenheimen und dem naturbelassenen State Park abgesehen, nicht besonders sorgfältig behandelt. Und das war lange vor der BP-Ölkatastrophe.
Eines der größten Probleme Louisianas ist, dass der Bundesstaat jährlich massiv an Boden verliert, auch weil die Deichanlagen des Mississippi dazu führen, dass der Schlamm des „Muddy River“ weit im Golf von Mexiko abgesetzt wird und nicht vor der Küste, wo er gebraucht wird. Die Gewinnung von Öl und Gas, das Anlegen von Erkundungskanälen, durch die Salzwasser in die Marschen eindringt, und die Verbreitung der Nutria führen dazu, dass jährlich ca. 122 km2 Feuchtgebiete verloren gehen. Wie sehr die Insel sich verändert hat, habe ich selbst gesehen: Allein die Hurrikane Katrina und Rita 2005 haben ca. 560 Quadratkilometer Marschland in offenes Wasser verwandelt. Der Name der benachbarten Halbinsel Chênière Caminada deutet auf ein Eichenwäldchen hin, heute eine Marschlandschaft mit sporadischen Bäumen.
Dabei ist die Eiche, genauer gesagt die Lebenseiche (live oak), die auf Deutsch wohl auch Virginia-Eiche heißt, für mich der typischste und schönste Baum Louisianas. Es ist der Baum, der die berühmte Oak Alley Plantation so verwunschen aussehen lässt. Mit seinen knorrigen, starken, weit auf den Boden reichenden Ästen, die mit Efeu und Spanischmoos bewachsen sind, ist er exotisch, bizarr und schön und Heimstatt für unzählige Vögel. Aber vor allem ist er auch unverwüstlich und standhaft und uralt, hält Stürmen und Unwetter stand, eine beständige Präsenz in einer unsteten und vergänglichen Landschaft.

Donnerstag, 5. April 2012

Auch in Zürich...

...liest man über New Orleans. Heute findet sich in der Neuen Zürcher Zeitung eine Rezension zu John Kennedy Tooles Die Verschwörung der Idioten.
Anfang der Woche gab es ein Interview mit David Simon, der gerade in New Orleans an der Fortsetzung von Treme dreht. Er ist auch der Autor von Homicide und The Corner (auf Deutsch im Antje-Kunstmann-Verlag).

Mittwoch, 4. April 2012

Neville Brothers, Jazz Fest und Radio

Die NPR-Sendung Beale Street Caravan aus Memphis wird vom Touristenbüro der Stadt Memphis (Convention and Visitor’s Center) gesponsort und auch von der Tennessee Arts Commission und Arts Memphis. Das wundert mich eigentlich ein bisschen, denn vor allem macht die Sendung Werbung für das Jazz Fest, von dem immer wieder Live-Mitschnitte die ganze Sendung bestreiten. Das New Orleans Jazz & Heritage Festival, wie es offiziell heißt, findet aber nun mal in New Orleans statt, dieses Jahr vom 27. April bis 6. Mai. Auch dieses Jahr wird es garantiert wieder sehr voll und sehr heiß: Die Menschen (auch viele Touristen) werden sich unter den wenigen vereinzelten Bäumen versammeln, louisianisches Essen essen und Bier trinken, und sie werden auf verschiedenen Bühnen und in Zelten am laufenden Band tolle Musik hören und dazu tanzen. Dieses Jahr auch dabei: Bruce Springsteen und die E Street Band und viele Musiker aus Louisiana.
Vorletzte Woche ging es im Beale Street Caravan um die Neville Brothers, die sich für die Jazz Feste 2008 und 2011 wieder zusammengefunden hatten. Es ist eine Rhythm & Blues-Band, bestehend aus den vier Brüdern Art, Charles, Aaron und Cyril Neville, die 1989 auch hierzulande mit „Yellow Moon“ einen Hit hatte. Die Nevilles sind neben den Marsalis die wohl bekannteste Musikerdynastie aus New Orleans. Auf ihrer Webseite heißt es „New Orleans’ First Family of Funk“; dort wird man auch mit „Yellow Moon“ begrüßt. Sie haben einzeln, zusammen oder als The Meters immer wieder Hits produziert. Eine Tochter, Charmaine Neville, erregte mit einem anklagenden Interview, das sie wenige Tage nach Katrina (am 5. September 2005) gab, nationales Aufsehen. 
Ihr Onkel, Cyril Neville, der seitdem in Austin, Texas, lebt, schrieb in einem bewegenden Artikel darüber, „warum er nicht zurück nach New Orleans“ gehe. Das war im Dezember 2005. Im August 2007, nach seinem Konzert (mit Gaynielle Neville) im Garbáty in Berlin-Pankow, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und fragte ihn, ob er denn wirklich nicht zurückgehen wolle. Darauf meinte er: „Nein, da gibt es nichts für mich.“ In dem Artikel beklagt er die mangelnde Unterstützung der Stadt für ihre Musiker, von denen die wenigsten in New Orleans wirklich ihr Geld verdienen könnten. Ohne wirtschaftliche Gleichstellung, Eigentum und Steuersenkungen, wie sie das French Quarter bekomme, sehe er keine Zukunft für Afroamerikaner in der Stadt. Die betroffenen Viertel sollten eigene Tourismuskommissionen haben und eigene Hotels und Restaurants errichten können. Cyril Neville lebt immer noch in Austin, aber singen und musizieren tut er über New Orleans. Am 27. Oktober 2012 zusammen mit Devon Allman auch im Quasimodo in Berlin.
Dass New Orleans nicht gut für seine Musiker sorgt, sah man auch daran, dass Fats Domino, der große R & B-Musiker der 60er und 70er Jahre, zunächst in Katrina vermisst war, bevor er mehrere Tage später mit dem Hubschrauber evakuiert wurde. Der Produzent und Komponist Allen Toussaint verlor in dem Hurrikan sein Haus samt Steinway-Flügel und Instrumenten sowie seiner Bibliothek. 
Hier habe ich eine ganz hoffnungsvolle Sendung entdeckt, die vor zwei Wochen im Bayrischen Rundfunk lief und die man hier hören kann: „New Orleans – Schwarz ist das Herz“. Ein wirklich interessanter Lagebericht mit wirklich groovender Musik. Kudos dem Journalisten Jonathan Fischer.

Donnerstag, 29. März 2012

Zwei Beiträge in der Frankfurter Rundschau

Der Journalist Mohamed Amjahid ist in der Frankfurter Rundschau auf Wahlkampfreise durch die USA. Aus New Orleans berichtet er über Rassismus und HIV. Ich habe ein bisschen Senf dazugegeben.

Samstag, 24. März 2012

Von Literatur und historischen Verwerfungen

Sonntag ist der letzte Tag des Tennessee Williams New Orleans Literary Festival, das seit Mittwoch läuft. Seminare, Lesungen, Veranstaltungen mit unzähligen Autoren aus den gesamten USA. Dabei ist auch eine junge afroamerikanische Autorin Gwen Thompkins, ursprünglich aus New Orleans, die sich wie so viele zuerst in der Tageszeitung New Orleans Times-Picayune ausprobierte, bevor sie Redakteurin und Ostafrikakorrespondentin für National Public Radio war. Vor kurzem habe ich von ihr eine Radiokolumne über politische Meinungsverschiedenheiten gehört. Der Eintritt zum Festival ist teuer geworden und es gibt unglaublich viele Vortragende und Vorträge. Morgen endet es mit dem bereits beschriebenen Stanley and Stella Shouting Contest.
Dieser Tage hörte ich auch noch über ein anderes Literaturfestival: Das Internationale Poesie-Festival Meridian Czernowitz, das vom 6. bis 9. September 2012 stattfindet und nach Paul Celans Büchnerpreisrede von 1960 benannt ist. Das ehemals habsburgische, dann rumänische, heute ukrainische Czernowitz war ja die Heimatstadt von Paul Celan, Rose Ausländer, Gregor von Rezzori und vielen anderen, und auch von Joseph Schmidt, dem Sänger von „Ein Lied geht um die Welt“. In den neunziger Jahren rückte die Stadt in dem Film Herr Zwilling und Frau Zuckermann auf den deutschsprachigen Radarschirm und seit 2005 können wir dorthin visafrei reisen. 
Ich fühlte mich dort wie im falschen Film, eine historische Stadt mit den falschen Menschen. Doch seit damals beeindruckt es mich, wie man versucht, an die dort vergessene Vergangenheit anzuknüpfen, eben zum Beispiel mit diesem Festival. Die Teilnehmer kommen vor allem aus der Ukraine, Polen und deutschsprachigen Ländern. Es kommen auch Pierre Joris aus den USA und Hans-Michael Speier aus Berlin.
Was das mit New Orleans zu tun hat? Hier Auszüge aus einem Exposé, das ich 2006 schrieb:
Nach der Aufhebung der Visumpflicht für die Ukraine 2005 beschloss ich, von Krakau aus nach Tscherniwzy zu fahren, auf den Spuren von Paul Celan. In strömendem Regen stapfte ich durch die Straßen und suchte nach dem mythischen Czernowitz, nach Zipfeln seiner farbenreichen und schmerzlichen Geschichte. Doch ich fand, so schien es, nur Gebäude, Gedenktafeln, Grabsteine...
Kurz nach meiner Rückkehr Ende August 2005 kamen schlechte Nachrichten aus New Orleans: Hurrikanwarnung, Evakuation, Erleichterung, als Katrina an der Stadt vorbeizog, dann die gebrochenen Dämme, die Überflutung und Verwüstung, die Verzweiflung und Not der Flüchtlinge, die ausbleibende Hilfe.
Auf den ersten Blick scheinen Czernowitz/Tscherniwzy und New Orleans nichts gemeinsam zu haben. Die eine Stadt liegt auf dem eurasiatischen Kontinent, mit entsprechendem Klima und Vegetation, galt als vielsprachig und multikulturell und wechselte allein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mehrmals die nationale Zugehörigkeit, Kultur und Sprache. Die andere ist eine subtropische Hafen- und Touristenstadt am Golf von Mexiko, gilt als rein englischsprachig und gehört seit 1803 zu den USA. Die eine war die Hauptstadt eines Landes, in dem „Bücher und Menschen“ lebten und ist der Ursprungsort der „Todesfuge“; die andere ist bekannt als „the Big Easy“ und die Geburtsstätte des Jazz. Die eine gilt als „verschollene Stadt“; von der anderen meinen einige, daß sie nicht wieder aufgebaut werden sollte. Das Trauma, das die beiden Städte – um 60 Jahre versetzt – erlitten haben, ist nicht vergleichbar: Czernowitz wurde vom Zweiten Weltkrieg und von der Shoah heimgesucht und darin ausgelöscht. New Orleans versank in den menschengemachten Folgen des Hurrikans. Und doch gibt es Parallelen.
Vor der Katastrophe waren sowohl Czernowitz als auch New Orleans stolz auf ihre einzigartige „Persönlichkeit“ und Identität. Beide verstanden sich als Vorposten einer Kultur und als Hort der kulturellen Differenz: Czernowitz als mitteleuropäisch innerhalb von Osteuropa und New Orleans als karibisch/kreolisch in Nordamerika. Beide Städte waren multikulturell, fortschrittlich und emanzipiert in einem unterentwickelten traditionellen Umland. Und tatsächlich waren es Kulturstädte, in denen die Beschäftigung mit und die Ausübung von Kultur zum Alltag gehörten, in Form von Hochkultur, die genossen und geschätzt wurde, die aber auch Bestandteil der eigenen, gelebten, „ethnischen“ Kultur war. Widmete man sich in Czernowitz vor allem der Literatur, so lebte und atmete man in New Orleans Musik. Ihre jeweilige Katastrophe hatte eine dramatische Veränderung der Bevölkerungsstruktur zu Folge, die im Ergebnis ähnlich ist: Die jüdischen Bewohner von Czernowitz, die während des Zweiten Weltkriegs und der Shoah vertrieben bzw. vernichtet wurden, sind durch Ukrainer und Russen ersetzt worden, während in New Orleans mexikanische Tagelöhner die Arbeitsstellen der zuvor meist afroamerikanischen Arbeiter (oft Kreolen) übernommen haben, die wegen des Mangels an erschwinglichem Wohnraum und funktionierenden Schulen nicht aus der Evakuierung zurückkehren konnten. Dies sind aber genau die Bevölkerungsgruppen, deren kulturelle Ausdrucksformen (d.h. Literatur bzw. Musik) die Kultur und die Identität ihrer Städte und die Selbstwahrnehmung ihrer Bewohner besonders geprägt haben. Nach der Katastrophe haben beide Gruppen ihre Städte aus der Ferne besungen, beschrieben und beklagt. Jetzt scheinen sie beide nur noch als Legende, in der Erinnerung und in der Literatur oder Musik zu existieren: Das historische Czernowitz verschwand mit dem Zweiten Weltkrieg, so heißt es, und möglicherweise erleben wir gerade den Untergang von New Orleans."
So schrieb ich 2006. Vieles davon ist immer noch wahr, doch New Orleans lebt weiter, das weiß ich jetzt. Viele seiner Bewohner fehlen immer noch, aber es überlebt auch dank seiner Feste und Traditionen (Mardi Gras und auch das Tennessee Williams Festival wurden gleich 2006 wieder gefeiert) und dank seiner Kunst und Kultur. Czernowitz wünsche ich, dass es - auch durch dieses Festival - seine Seele, seine Vergangenheit wieder findet. Es ist auf einem guten Weg, glaube ich. 

Freitag, 23. März 2012

Kaffee

Bevor die großen Ketten den guten Kaffeegeschmack verbreiteten, war der Kaffee in den USA eine Katastrophe und ist es in Diners und normalen Restaurants immer noch. Anfang der neunziger Jahre besuchte mich eine Freundin und wir reisten quer durch das Land, und um ihr Jammern und unsere Erwartungen zu besänftigen, schlug ich ihr vor, das Ganze plastisch als „braunes Wasser“ zu bezeichnen. Das trifft es denn auch recht gut, ist spottbillig und wird nach Belieben endlos nachgeschenkt.
In New Orleans schmeckt natürlich auch der Kaffee schon immer besser als anderswo. Er wird stärker gebrüht und ist traditionell mit Zichorienwurzel (Chicory) versetzt, die direkt mit Endiven, Chicoree und Radicchio verwandt sein soll. Angeblich haben die Deutschen den Zichorienkaffee irgendwann erfunden und die Franzosen übernahmen ihn unter Napoleon oder er kam während der französischen Revolution auf; auf jeden Fall brachten ihn die Franzosen in die USA. Zu DDR-Zeiten, habe ich gelesen, wurden während der „Kaffeekrise“ in den siebziger Jahren Zichorie und andere pflanzliche Stoffe zugesetzt. Ich trank damals noch keinen Kaffee, aber an den Begriff „Mischkaffee“ kann ich mich noch vage erinnern.
Die lokalen Coffeeshop-Ketten sind übrigens Community Coffee aus Baton Rouge (die allerdings auch mit The Genuine Flavor of New Orleans – Dem originalen Geschmack von New Orleans werben)  und PJ’s aus New Orleans.
Meine Büchse Coffee with Chicory aus dem Café du Monde ist jetzt gerade zu Ende gegangen. Dies tippte ich mit Hilfe von handgemahlenem, „türkisch“ gebrühtem Fairtrade-Kaffee aus dem Supermarkt. Die Tasse ist von WWNO, dem National Public Radio-Sender in New Orleans.
Leider seitenverkehrt...

Montag, 19. März 2012

Randy Newman

Der Komponist Randy Newman gab letzte Woche ein Konzert im Berliner Admiralspalast. Er ist eigentlich eher der Mann hinter den Kulissen, der tolle Stücke schreibt, die dann in Versionen von anderen Musikern bekannt werden, oder er komponiert die Filmmusik, die wohl vor allem auffallen würde, wenn sie nicht da wäre. So ähnlich verhält es sich vielleicht mit seiner zweiten Heimat New Orleans, denn Randy Newman ist zwar aus Kalifornien, aber dass er die Sommer seiner Kindheit in NOLA verbrachte und auch heute oft dort ist, ist wohl weniger bekannt.
Der Disney-Trickfilm The Princess and the Frog (Auf Deutsch: Küss den Frosch, 2009), für den er die Filmmusik komponierte, spielt in New Orleans und zwei Stücke daraus, so „Down in New Orleans“, wurden für einen Oskar nominiert. Hier noch einmal mit etwas tieferer Stimme er selbst.
Nach Hurrikan Katrina wurde sein Lied „Louisiana 1927“ von seinem Album Good Old Boys (1974) wieder oft gespielt. Darin geht es um eine zerstörerische Flut von 1927, die wegen bestimmter, möglicherweise politisch motivierter Entscheidungen immer noch umstritten ist. Damals sollen 700.000 Menschen in Louisiana und Mississippi obdachlos geworden sein. Auf dem Benefiz-Album Our New Orleans ist das Stück mit den Louisiana Philharmonikern und einigen Musikern aus New York eingespielt. Bekannt ist es auch in einer Version von Aaron Neville.
Schon am 9. September 2005, als die Überflutungen in New Orleans noch in vollem Gange waren, interviewte NPR ihn zu diesem Stück. Die Interviewerin fragte ihn unter anderem, woran es liege, dass Louisiana so sehr zur „dreamscape of the American mind“ (die Traumlandschaft der Amerikaner) geworden ist. „Es ist anders,“ meinte er, "sorglos, unachtsam" und andere Dinge, die schon oft gesagt wurden. Und er sagte auch: „It’s not a place to get your car fixed.“ (Kein Ort, wo man sein Auto reparieren lässt.), weil dort eben alles etwas uneffektiver sei. 
Ob das ganz genau so stimmt oder ob da nicht auch ein bisschen Mythos wieder beschworen wird, kann ich nicht genau sagen. Aber in der Tat: Auch ich habe mein Auto nie in New Orleans reparieren lassen. Gestorben ist es dann bei einer Fahrt nach Baton Rouge an einem festgefahrenen Motor, zum Glück, nachdem ich die langen Brücken über die Sümpfe schon überquert hatte. Ein liebenswerter, kleiner blauer Toyota namens Tamiko...

Montag, 12. März 2012

Kate Chopin: Das Erwachen

Die Franzosen haben Madame Bovary von Gustave Flaubert, wir haben Effi Briest von Theodor Fontane und die Amerikaner haben Das Erwachen von Kate Chopin: Romane des 19. Jahrhunderts, in denen die gelangweilte Frau des Bürgertums mit ihrer Sehnsucht nach einem Leben in Liebe und Erfüllung thematisiert ist. 
Und doch trennen diese Romane Welten, denn Kate Chopin ist eine Frau. Vielmehr: Sie ist diese Frau des Bürgertums und was für eine! Sie nimmt sich Freiheiten ganz ähnlich derer ihrer Heldin und sie stellt Fragen nicht nur zu Ehe und Liebe. Und so ist denn ihr Roman nicht nach der Hauptfigur Edna Pontellier betitelt, sondern nach dem was ihr geschieht.
Ich las das Buch kurz vor meiner endgültigen Rückkehr aus Louisiana, mit viel Wehmut, denn die versuchte Selbstfindung der Heldin findet in der träumerisch-verführerischen Sommerfrische auf Grand Isle ihren Ausgang und ihr Ende, wo auch ich gern in der Sommer- oder Winterfrische weilte, und spielt auch im entspannten und doch weltläufigen New Orleans des späten 19. Jahrhunderts.
Eigentlich wollte ich mir nur kurz ein Bild von der neuen deutschen Ausgabe machen und wurde doch wieder ganz aufs Neue gefesselt. Das Buch ist gut geschrieben (und übersetzt) und schildert die Suche und Verzweiflung seiner Heldin plastisch und nachvollziehbar, ihren Überdruss an den Pflichten von Ehe, Mutterschaft, Frausein und aber auch ihren Mut und Eigensinn, der – das weiß ich aus einer Biographie von Kate Chopin  – dem der Autorin gleicht. Edna Pontellier sucht keine Liebesbeziehung für ihr Glück, doch es ist die Freundschaft und die (ungelebte) Liebe zu einem jungen Mann, die ihre Lebensgeister weckt und sie sich bewusst werden lässt. Sie erschließt sich neue Welten, indem sie Freundschaften pflegt, sich in Musik vertieft, schwimmen lernt, malt, zu Pferderennen geht, müßig geht und ein eigenes kleines Haus bezieht. Doch wie die anderen Heldinnen scheitert auch sie letztendlich.
Es ist das Problem des "goldenen Käfigs", wie es anderswo heißt, denn eigentlich steht sich Edna nichts aus: Sie ist finanziell abgesichert und lebt in einigem Luxus, und für den Haushalt und die Kinderbetreuung hat sie Personal, das sie anweisen soll.
Eine zweite Dimension des Romans ist die des historischen Dokuments, in dem das Aufeinandertreffen und der Kontrast zwischen einheimischen Französischsprachigen und zugezogenen Amerikanern (wie übrigens Edna auch) beschrieben wird. An einer Stelle heißt es: „Ihre ganze Lebensart mutete Edna sehr französisch, sehr exotisch an.“ Auch diese fremde, französisch geprägte und karibisch angehauchte Lebensart erlaubt es Edna, aus den vorgefertigten Bahnen auszubrechen. Die eingestreuten französischen und louisianischen Ausdrücke signalisieren diese gewisse Fremdheit und sind mehr als Lokalkolorit.
Die kleine editionfünf, ein Zusammenschluss aus vier Frauen und dem Vertriebspartner Edition Nautilus, veröffentlicht seit 2010 jeden Herbst fünf Bücher von Frauen, die die Betreiberinnen selbst gern im Schrank stehen hätten. Kate Chopins Erwachen war der zweite Band der ersten, Aufbruch betitelten Runde. Die (von einem Frauenkollektiv angefertigte) Übersetzung aus dem Jahr 1978 wurde von Karen Nölle und Christine Gräbe bearbeitet und in eine äußerst lesbare Form gebracht. In seiner Gestaltung, dem handlichen Format, dem roten Leineneinband mit leuchtend grüner Banderole ist das Buch ein wahres Schmuckstück. Zum Bestellen!
Kleine Ungenauigkeiten der ersten Fassung sind allerdings unbesehen übernommen worden (bonbon zum Beispiel bedeutet eben nicht Bonbon sondern Praline oder Konfekt). Da es, anders als in den ebenfalls sehr lesenswerten Kurzgeschichtensammlungen Die Seidenstrümpfe und Der Sturm, kein Glossar gibt, habe ich unten stehend eins angefertigt.
Der Roman, wie auch die Kurzgeschichten, erstaunt wegen seiner Kühnheit, die für die Zeit ungewöhnlich und skandalös war. Die Fragen, die Kate Chopin aufwirft, sind auch heute noch lange nicht beantwortet. 


Das kurze Nachwort von Barbara Vinken scheint das Buch übrigens auf die schmerzliche Erkenntnis zu reduzieren, dass Männer anders lieben als Frauen. Aber stimmt das überhaupt? Discuss!

Das Erwachen von Kate Chopin: ein Glossar

Grand Isle: Wörtlich „große Insel“, ist die größte der so genannten Barriereinseln im Golf von Mexiko, ca. 3 Stunden Autofahrt von New Orleans. Die Insel lebt vor allem von Touristen, die hierher zum Fischen kommen (es gibt einen kleinen Bootshafen), im Naturpark campen und Pelikane und gegebenenfalls Delfine beobachten oder an Festivals teilnehmen wollen. Deshalb findet man im Internet keine Informationen über die Ölraffinerie, die sich auch auf der Insel befindet. Es gibt auch viele private Ferienhäuser, die auf meterhohen Stelzen stehen. Als Barriereinsel ist es sozusagen die Aufgabe von Grand Isle, die Wucht der Hurrikane aufzunehmen und abzufangen. Laut Wikipedia ist die Insel alle 2,68 Jahre von einem Hurrikan betroffen und alle 7,88 Jahre direkt der Breitseite eines Hurrikans ausgesetzt. Als ich 2009 das letzte Mal auf Grand Isle war, war die Auswirkung von Katrina und Rita (beide 2005) deutlich zu sehen: Viele Geschäfte und Hotels gab es nicht mehr und die geographische Form der Insel war völlig verändert und verkleinert. Es war außerdem eine ganz neue Zufahrt zu der Insel gebaut worden.

Chénière Caminada: Das französische Wort chêne bedeutet Eiche, während das Wort chénière meines Wissens in Frankreich nicht bekannt sondern eine typische Cajun-französische Bildung in Louisiana ist und in etwa „mit Eichen bewachsener Kamm“ bedeutet. Auch Chénière Caminada gehört zu den Barriereinseln, obwohl sie technisch eine Halbinsel ist. Ich bin unwissentlich schon zig Mal darüber gefahren, denn die Staatsstraße 1 durchquert sie auf dem Weg nach Grand Isle. Chénière Caminada war schon 1893 von einem auch von Kate Chopin beschriebenen Hurrikan stark betroffen. Es befindet sich westlich von Grand Isle und ist über eine knapp 2 Kilometer lange Brücke mit der Insel verbunden. Bei der Anfahrt nach Grand Isle fährt man ungefähr die letzte Stunde durch Marschen, wo im Wasser immer wieder einzelne Bäume und Grasbüschel stehen. Eine scheinbare statische, aber doch lebendige, bizarre Landschaft.

Piroge: einfaches Holzboot in Einbaumform, das die Cajuns gern benutzen. Das Wort kam über das Französische aus dem Spanischen (piragua) ins Deutsche und Englische (Pirogue).

Quadroon: vom Spanischen cuarterón, vom Lateinischen quartus bezeichnet eine Person, die zu einem Viertel schwarze Vorfahren hat. Dementsprechend bezeichnet Octoroon jemanden mit einem Achtel schwarzer Vorfahren, die zumeist aus unehelichen Beziehungen von Schwarzen und Weißen hervorgingen. Im New Orleans der Vergangenheit waren Quadroons und Octoroons oft frei und nicht versklavt, was sich dann durch den Louisiana Purchase 1803 änderte. Diese Begriffe werden heute nur noch im historischen Zusammenhang verwendet.

Griffe: bezeichnete eine Person mit drei Viertel schwarzen Vorfahren und einem Viertel weißen oder indianischen Vorfahren. Siehe oben.

Bayou Brulow: In meinem Atlas von Louisiana ist es nicht verzeichnet und auch im Internet nicht zu finden. Vielleicht existiert es nach den vielen Hurrikanen nicht mehr? Ein Bayou ist ein stehender oder träge fließender Wasserarm, der durch Marschen und Sümpfe in einen See, Fluss oder Golf fließt. Der Begriff stammt vermutlich aus dem Choctaw-Indianischen und wird nur in Louisiana und angrenzenden Gebieten verwendet. Somit denkt man bei Bayou an eine exotische, ländliche, aber auch rückschrittliche Gegend, wo Cajuns leben. In den siebziger Jahren machten Linda Ronstadt und Paola (auf Deutsch) den Roy-Orbison-Hit Blue Bayou berühmt.

Grand Terre: Wörtlich „großes Land“, eine nordöstlich an Grand Isle anschließende Barriereinsel, die wie diese die Barataria Bay (Barataria-Bucht) zum Golf von Mexiko hin begrenzt. Auf der Insel befinden sich die Ruinen des Fort Livingston sowie ein Meereslaboratorium des Louisiana Department of Wildlife and Fishery und eine Station der Küstenwache. Es ist heute nur mit dem Boot zu erreichen. Auf dieser wie auch anderen Inseln war Anfang des 19. Jahrhunderts der legendäre Pirat Jean Lafitte aktiv, nach dem heute noch viele Orte benannt sind, so auch der Jean Lafitte National Historical Park and Preserve. Von der BP-Ölkatastrophe waren die Inseln natürlich auch betroffen.

Louisianamoos: Dieses deutsche Wort für Spanish moss („spanisches Moos“, Tillandsia usneoides) habe ich erst aus Das Erwachen gelernt. Es wächst in den Südstaaten an den Bäumen, besonders wo es feucht ist, und gleicht langen Bärten oder wahlweise Hexen- oder Prinzessinnenhaaren, die im Winde wehen. Es macht die Landschaft besonders verwunschen oder auch „gotisch“. Früher wurde Lousianamoos als Polster- und Verpackungsmaterial verwendet, zum Mulchen oder zum Ausstopfen von Voodoopuppen (laut Wikipedia). Es ranken sich Legenden darum und es gibt Lieder und Geschichten. Wichtig war es auch für den Bau von Wohnhäusern der Cajuns für die Herstellung von Bousillage (einer Mischung aus Spanischmoos und Lehm) als Material für die Wände zwischen den Holzpfosten. Die Verwendung von Bousillage in Louisiana ist ab Anfang des 18. Jahrhunderts nachgewiesen.

Akadier: Im Englischen Acadian, vom Französischen acadien, heute Cajun (sprich: Kejdschin). Nachfahren der französischen Siedler aus Akadien (der kanadischen Provinzen Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island), die zwischen 1755 und 1763 von den Briten deportiert wurden und sich vor allem im französischsprachigen Louisiana ansiedelten, wo sie auch ihre ländliche und auf Fischerei basierende Kultur fortführen konnten. Die Sprache der Cajuns hat seit den sechziger Jahren einen Wiederaufschwung erlebt, während die Kultur (Musik, Tänze, Essen, Karneval) ohnehin lebendig war. Heute sollen ca. 5 Prozent der Bevölkerung noch Französisch oder Cajunfranzösisch zu Hause sprechen.

Kreolen: Eigentlich die Nachfahren der Franzosen oder Spanier, so wie Kate Chopin oder ihr Ehemann. Heute bezeichnet kreolisch oft auch die Nachfahren französischsprachiger Schwarzer, die z.B. aus Haiti oder anderen Ländern der Karibik zugewandert oder aus anderen Gründen eine französische Kultur hatten. Die europäischstämmigen Kreolen verwahren sich oft gegen diese Verwendung.

Kate Chopin: Schriftstellerin (1850-1904) aus St. Louis, Missouri, einer damals wohl auch noch kreolisch geprägten Stadt, in der sich inzwischen vor allem der deutsche Einfluss durchgesetzt hat. 1870 heiratete sie Oscar Chopin und lebte mit ihm in New Orleans, nach seinem Bankrott in Cloutierville, Louisiana. Sie hatten sechs Kinder. 1882 starb ihr Mann und zwei Jahre später zog sie nach St. Louis zurück, wo sie zu schreiben begann und einen literarischen Salon betrieb. Das Erwachen rief einen Sturm der Empörung hervor und Kate Chopin starb, ohne den verdienten Ruhm genießen zu können. Das Wohnhaus und Museum in Cloutierville ist vor ein paar Jahren abgebrannt.

Sonntag, 11. März 2012

Make-It-Right-Benefizgala

Gestern fand im Hotel Hyatt Regency in New Orleans eine exklusive Benefizgala für Brad Pitts Wiederaufbauprojekt Make It Right statt. Der Star selbst war natürlich anwesend, ebenso wie die Komikerin Ellen DeGeneres (aus New Orleans, sehr witzig, mit eigener Talkshow)* und der Footballspieler Drew Brees. Die Gäste bezahlten zwischen 1000 und 2500 Dollar für die Teilnahme und erhielten dafür ein Vier-Gang-Menü von lokalen Kochkoryphäen wie Emile Lagasse, ein Kulturprogramm mit Rihanna, Sheryl Crow, Seal und dem New Orleanser Jazzpianisten Dr. John sowie eine After-Party mit Kanye West, Snoop Dog und anderen. 
Anscheinend kämpft das spektakuläre Projekt ein wenig mit den Mühen der Ebene, jetzt wo circa die Hälfte der 150 geplanten Häuser gebaut sind. Wie ich bereits hier berichtete, sind dies hurrikansichere, energiesparende, ökologische und gestalterisch avantgardistische Entwürfe von weltberühmten Architekten. Aus Kostengründen wurde bei den letzten Häusern bereits auf einige Designeigenschaften verzichtet. In der Mitte dieses Artikels in der New Orleans Times-Picayune findet sich übrigens ein kleines Video, in dem einige der fertiggestellten Häuser zu sehen sind.


* Ellen DeGeneres ist auch als bekennende Lesbierin bekannt. Erst im Februar hatte die konservative Gruppe One Million Moms dagegen protestiert, dass sie jetzt als offizielles Gesicht der Einkaufskette JC Penney firmiert.

Freitag, 9. März 2012

Maler: Degas, Long

Der berühmteste Maler von New Orleans ist vermutlich Edgar Degas (1834-1917). Genau, der Edgar Degas, der impressionistische Maler mit den graziösen, federhaften Tänzerinnen. Seine Mutter stammte aus New Orleans und so nannte er sich selbst einen „fils de Louisiane“ (Sohn Louisianas). Degas kam im Herbst 1872 nach New Orleans und verbrachte fünf Monate hier, in denen es ihm gelang, eine künstlerische Krise zu überwinden. Dabei soll er auch die spätere Schriftstellerin Kate Chopin kennengelernt haben. Heute erinnern noch das Café Degas und das Degas House (ein exklusives Bed & Breakfast, wo man wohl auch heiraten kann) auf der Esplanade Avenue an ihn. Eines seiner berühmtesten Gemälde ist Le bureau de coton à la Nouvelle Orléans (Die Baumwollbörse von New Orleans) von 1873.
Möglicherweise inzwischen ein „Sohn von New Orleans“ ist der Maler Mitchell Long (*1964), mit dem ich befreundet bin. Ursprünglich aus Florida stammend und in Philadelphia u.a. ausgebildet, lebt er seit Mitte der neunziger Jahre in Louisiana und seit ca. 2000 in New Orleans. Seine kraftvollen, kühnen und durchaus impressionistischen Landschaften, Stadtlandschaften und Küchenbilder bewegen mich immer wieder. Ihre Fluidität, ihr Leuchten, ihre Wärme erinnern mich an die Fluidität, das Leuchten, die Wärme von New Orleans. 
Ich habe das Glück, einige Longs zu besitzen, und wenn man im Haus meiner Eltern die Treppe hinaufsteigt, nähert man sich einer Impression von Bayou St. John mitten in New Orleans, wo in den Häusern bei Hurrikan Katrina auch tagelang das Wasser stand. Auch Mitchell hat in den Fluten viele seiner Arbeiten, Dokumente und Materialien verloren. Auf Facebook zeigt der Künstler seine jeweils neusten Werke und auf seiner Webseite kann man sie auch kaufen. So berühmt wie Edgar Degas wird Mitchell vielleicht nicht, aber zu New Orleans gehört er für mich mindestens genau so sehr.

Donnerstag, 1. März 2012

Code Napoléon

In einer Szene in Endstation Sehnsucht setzt Stanley mehrmals an, um seiner Frau Stella – die wie ihre Schwester Blanche und wie Tennessee Williams selbst aus dem Nachbarstaat Mississippi stammt – zu erklären, dass hier im Staate Louisiana der Code Napoléon gelte und deshalb das Eigentum seiner Frau auch seines sei.
Das ist tatsächlich eine Besonderheit, die mit der französisch-spanischen Geschichte Louisianas zusammenhängt: Das Rechtssystem beruht auf dem Napoleonischen Code und ähnelt damit wohl kontinental-europäischen Recht, während es in den übrigen USA auf angelsächsischem Recht (Common Law) basiert. Das bedeutet, dass in Louisiana ausgebildete und zugelassene Anwälte in einem anderen Staat nicht praktizieren können und umgekehrt.
Auch wenn man von Juristerei keine Ahnung hat und nie mit dem Gesetz in Konflikt kam, erfährt man so etwas, wenn man in Louisiana lebt, denn es gehört sozusagen zum selbst beschworenen Mythos, mit dem man gern ein wenig hausieren geht. Und somit passt es zu nur zu gut zu dieser ansonsten eher schlicht gestrickten Figur Stanley, dass er damit besserweiß und klugscheißt.
Habe ich eigentlich schon mal erwähnt, dass beim Tennessee Williams Literary Festival immer ein Stanley and Stella Shouting Contest stattfindet? Ein Wettbewerb also, bei dem die berühmte Szene aus dem Film nachgestellt wird, wo Stella oben bei der Nachbarin Zuflucht gefunden hat und Stanley am Fuße der schmiedeeisernen Treppe herzzerreißend „Stellaaaaaa!“ brüllt. Hier Original und Kopie (im Jahre 2011 gewann eine Frau, Elena Passarello).

Endstation Sehnsucht

Dieser Tage, da der französische Film The Artist bei den Oskars abgeräumt hat, habe ich einen anderen Oskar-Überfliegerfilm gesehen: A Streetcar Named Desire - den Film nach Tennessee Williams' Stück, einen Elia-Kazan-Klassiker, der 1951 für zwölf Oskars nominiert war und vier davon (darunter als bester Film) erhielt. Heute für einen solch sperrigen Stoff schwer vorstellbar: Es geht um das nicht Eingestehenkönnen unerfüllter Sehnsüchte, eine Südstaatendame in der modernen Welt der Arbeiterklasse, Alkoholismus, häusliche Gewalt, Vergewaltigung und schließlich das schrille Zerspringen der gläsernen Hauptfigur Blanche.
Blanche ist vor allem darauf bedacht, die Contenance und Fassade zu bewahren, neulich im Berliner Ensemble grotesk-klamaukig, hier von Vivien Leigh etepetete und sehr nervtötend. Ihre Schwester Stella dagegen steht ganz im Leben und zu ihrem Mann Stanley, von dem sie sich nicht die Butter vom Brot nehmen lässt, hier gespielt von Kim Hunter. Der junge Karl Malden ist Blanches gutmütiger Verehrer Mitch.
Doch das wirklich Aufregende an diesem Film ist Stanley Kowalski oder Marlon Brando, der schon einfach so, blutjung, mit knallengem, verschwitzten T-Shirt beeindruckt, aber dann in seiner Darstellung die urige Männlichkeit, von der sich Blanche zugleich angezogen und abgestoßen fühlt, absolut authentisch und umwerfend verkörpert. (Im Internet habe ich gelesen, dass damit das Method Acting berühmt wurde.) Der Film ist in Schwarz-Weiß und wurde im Studio gedreht. New Orleans wird vor allem durch die eiserne, gewundene Treppe und durch die allgegenwärtigen Fensterläden angedeutet. 120 Minuten Filmgeschichte, die einem wirklich nahe gehen.

Endstation Sehnsucht läuft jetzt auch im Wiener Burgtheater, den beiden Rezensenten im Standard und in der Presse zufolge auf mitteleuropäische Temperaturen heruntergekühlt (dort auch noch einmal gute Zusammenfassungen des Inhalts). Schon wegen eines möglichen Wiener Einschlags (?) würde ich es mir gern ansehen... Die nächsten Termine sind 7., 9., 14., 16. und 26. März 2012, 19.30 Uhr. Im Berliner Ensemble, ich berichtete hier, läuft es das nächste Mal am 11. März um 18 Uhr.