Freitag, 18. April 2014

Bob Kaufman


Große Lyriker aus den Südstaaten gibt es nicht so viele wie Prosaautoren, das hatten wir schon mal festgestellt. Aber hier ist einer: Der Beat-Dichter Bob Kaufman, der am 18. April1925 in New Orleans geboren wurde. Dort wuchs er, je nach Quelle, als eines von 13 oder 14 Kindern eines deutschstämmigen orthodoxen Juden und einer afroamerikanischen bzw. aus Martinique stammenden Katholikin auf (er schrieb: „my negro suit has jew stripes“). An beider Religionen hatte er als Kind teil, aber später bekannte er sich zum Buddhismus. Seine Großmutter soll Voodoo praktiziert haben. Laut einer Studie wuchs er in der Seventh Ward auf, und beide Eltern gehörten der kreolisch-afroamerikanischen Bevölkerungsgruppe in New Orleans an. Er selbst sprach auch kreolisches Patois. Mit neunzehn ging er zur Handelsmarine und umrundete in 20 Jahren neun Mal die Welt und erlebte vier Schiffbrüche. An Land studierte er kurzzeitig an der New York School, wo er Allen Ginsberg und William Burroughs kennenlernte.
Mit ihnen zog er nach San Francisco, wo er meist in North Beach lebte. Er soll den Terminus „Beatnik“ geprägt haben und war einer der Mitbegründer der Zeitschrift Beatitude. Dass er weniger bekannt ist als die übrigen, liegt daran, dass von ihm nur wenige Gedichte in Lyrikbänden erschienen sind. Er verstand sich als Poet in der mündlichen Tradition und trug seine Gedichte auf den Straßen San Franciscos oder in Kaffeehäusern vor. Oft wurde er dabei für einen Obdachlosen oder Bettler gehalten, und 1959 soll er 39 Mal festgenommen worden sein.
Seine Lyrik ist vom Jazz inspiriert, oft synkopiert und von Musik begleitet („Jazz is an African traitor“ schrieb er in Solitudes) und wird auch als surrealistisch bezeichnet. Deshalb nannte man ihn auch „the original bebop man“ und in Frankreich manchmal „Rimbaud noir“.
Nach dem Attentat auf Präsident Kennedy 1963 erlegte er sich Schweigen auf, das er erst nach dem Ende des Vietnamkriegs mit dem berühmten Gedicht All those ships that never sailed brach. Es ist vermutlich von einem Gedicht von Leonard Cohen inspiriert, siehe hier. (Nicht ungewöhnlich: Paul Celans Todesfuge ist eine Adaption und Perfektionierung eines Gedichts von Immanuel Weissglas.)
Bei Kaufman ist es sein poetisches Verfahren, denn für ihn ist die Welt voller Poesie, die um seinen Kopf herumwirbelt und die er aufgreift. Er wollte auch nicht, dass seine Gedichte abgedruckt werden, und so ist es vor allem seiner Frau Eileen zu verdanken, dass einige überliefert sind, weil sie fleißig mitgeschrieben hat. Bekannt ist er vor allem für sein Abomunist Manifesto, Solitudes Crowded with Loneliness (1982 Deutsch von Udo Breger als Eremit in San Francisco), Golden Sardine und The Ancient Rain. Er starb 1986 im Alter von nur 60 Jahren.
Bob Kaufman ist legendär und sagenumwoben, und über sein Leben ist nicht viel bekannt. Folgerichtig trägt seine Biographie von Mel Clay Jazz Jail and God (Jazz, Gefängnis und Gott) den Untertitel „Impressionistic Biography“. „I want to be anonymous... my ambition is to be completely forgotten,“ hatte Bob Kaufman erklärt. Letzteres hat dann doch nicht geklappt: Gestern gab es in New Orleans im Gold Mine Saloon einen Tribute für ihn mit Brenda Marie Osbey und anderen Dichtern mit einem kleinen Jazzensemble. Hier einige Erinnerungen von A.D. Winans. 

Samstag, 22. Februar 2014

Vom Schreiben und Zugfahren


Dieser Tage habe ich Das Wagnis, die Welt in Worte zu fassen zu Ende gelesen, das Skript einer dreiteiligen Vortragsserie der Schriftstellerin Eudora Welty an der Harvard University. Der englische Titel One Writer’s Beginnings drückt besser aus, worum es geht: um ihre kurzweilige Kindheitsgeschichte, die Herkunft der Eltern und ihre Reifung zur Schriftstellerin. Eudora Welty (1909-2001) ist vor allem für ihre Kurzgeschichten und den Pulitzer Prize-prämierten Kurzroman The Optimist’s Daughter bekannt, war allerdings auch eine begabte Photographin (das Ogden Museum of Southern Art in New Orleans hatte letztes Jahr eine Ausstellung mit Podiumsdiskussion dazu). 
Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie in ihrem Elternhaus in Jackson, Mississippi, der Hauptstadt des Bundesstaats, die ich als selten hässliche Stadt in Erinnerung habe. Diesen Essay über ihren schriftstellerischen Ursprung endet sie mit den Worten: „Wie sie gesehen haben, bin ich eine Schriftstellerin, die einem behüteten Leben entstammt. Auch ein behütetes Leben kann abenteuerlich sein. Denn jedes echte Wagnis geht von innen aus.“ (In der leichtfüßigen Übersetzung von Karen Nölle in der Edition Fünf von 2011.) Der letzte Satz ist zum geflügelten Wort geworden, und im Original klingt er noch etwas wagehalsiger: „All serious daring starts from within“. 
The Optimist’s Daughter spielt zum Teil in einem Krankenhaus in New Orleans, und auch die Kurzgeschichte „No place for you, my love“ von 1952, über die sie berichtet, spielt in der Stadt. Sie zitiert auch eine Passage aus The Optimist’s Daughter, in der die Hauptfigur von einer Zugfahrt von Chicago nach Mississippi träumt und schreibt über eigene Zugfahrten, die sie von Jackson nach New York unternahm, um ihre Kurzgeschichten dort vorzustellen. Von Meridian, Mississippi, fuhr ein Zug für 17,50 Dollar von New Orleans kommend nach New York, zwei Nächte und drei Tage.
Dieser Zug fährt auch heute noch täglich, the Crescent, der 30 Stunden unterwegs ist. Ich bin damit schon mal nach Tuscaloosa, Alabama, gefahren, was wegen Überschwemmungen 8 oder 10 statt 6 Stunden dauerte. Es gibt auch noch den Sunset Limited von New Orleans nach Los Angeles über Texas, New Mexico und Arizona, der dreimal die Woche verkehrt und 48 Stunden unterwegs ist. Der berühmteste aber ist der City of New Orleans nach Chicago über Memphis, Tennessee. Er fährt täglich, die Fahrt dauert 19 Stunden, und es gibt mehrere Lieder gleichen Titels, eins davon in der Interpretation von Arlo Guthrie.
Die Eisenbahn, Amtrak, ist im Autofahrerland USA nicht besonders ausgebaut, sondern verkehrt nur auf großen, wichtigen Überlandstrecken oder auch als commuter trains, Pendlerzüge, in den Ballungsgebieten an der Ost- und Westküste. Dabei ist Eisenbahnfahren in den USA ein echtes Erlebnis: diese hohen, wuchtigen, schweren Wagen, in die man über ein Treppchen steigt, das einem der Schaffner bereitstellt, die Geräumigkeit und Stille und Kühle in den Waggons, und natürlich die wilden amerikanischen Landschaften, die man am besten aus dem Panoramawaggon gemächlich vorbeiziehen sieht, nix da mit unangenehmen ICE- oder gar TGV-Geschwindigkeiten.
Gerade heute habe ich gelesen, dass Amtrak bald „writer’s residencies“ an Bord einiger Züge anbieten wird, wo Schriftsteller umsonst über Land fahren dürfen und schreiben. (Hier.) Ich finde das eine tolle Idee. Und irgendwie denke ich mir, Eudora Welty hätte das auch gut gefunden.

Mittwoch, 5. Februar 2014

Depesche vom Ende der Welt


Liebe Leute, es geht mir gut.
Ich bin umgezogen und freiwillig wieder einmal zum Landei geworden. Die Waschmaschine funktioniert, mein Bett steht und mein Schreibtisch auch, und ansonsten lebe ich seit Tagen zwischen Kisten. Es ist wunderschön hier. Ich blicke auf olle Schuppen und mehrmals Getautes und wieder Gefrorenes und Matsch und braunes Gestrüpp. Aber auch schwarz-weiße Pferde und braune Ponys, ab und zu eine Katze, viele Vögel, Schwärme von vorüberziehenden, krähenden Kranichen, und nachts funkeln die Sterne... In der Nähe gibt es viel wilde Heide, die durch freilebende Rinder renaturiert werden soll. Überall ist das ausführlich auf Schildern erklärt und die Wege sind mit EU-finanzierten Steinskulpturen gesäumt. Am Montag habe ich mich im Hauptort angemeldet; bei der Frage nach einer Wartenummer belächelte man mich ein bisschen – ich war die einzige. Überhaupt ist alles entspannt und freundlich, und das nur 1 Kilometer von der Berliner Stadtgrenze.
Was das mit Louisiana zu tun hat? Fast nichts. Außer, als ich heute früh so am Schreibtisch saß und wartete, dass meine unendlich langsame Internetverbindung – langsamer als ein louisianischer Postschalterbeamter, falls das möglich ist – mir eine Seite aufmacht, da fühlte ich mich plötzlich in mein Holzhäuschen in Baton Rouge zurückversetzt. Dort saß ich an einem riesigen, laut rauschenden Computer, der auch so langsam war, und sah mit einem durch Fenster und Gazeveranda gefilterten Blick ins Grüne: Feigenbäumchen, Bananenstauden, Crepe Myrtles und ab und zu der Postbote oder ein UPS-Mensch, und viel viel Sonne. Rinder und Pferde gibt es nicht allzu viele in Louisiana, aber die dortige Ruhe und Gelassenheit hoffe ich hier im kühlen Klima wiederzufinden. Mit der Postbotin habe ich mich auch schon bekannt gemacht.
Aus New Orleans gibt es auch Neues: Mitch Landrieu ist im ersten Wahlgang mit 64% zum Bürgermeister wiedergewählt worden*, der frühere Bürgermeister, die vormalige Lichtgestalt Ray Nagin steht weiter wegen Korruptionsvorwürfen vor Gericht, das mit BP und anderen Katastrophen ist noch lange nicht ausgestanden. 
Übrigens, NPR funktioniert hier draußen mindestens so gut wie in der Stadt. Dort zuletzt gehört: In der Sendung Tell Me More mit Michelle Martin ein Interview mit Soundbites der Sängerin Leyla McCalla, die auch Banjo und Cello spielt. Auf ihrem, per Crowdfunding finanzierten, Solodebüt hat sie Gedichte von Langston Hughes vertont und spielt auch haitianische Lieder, die sie in New Orleans kennengelernt hat. Sehr schön. Zu lesen und hören hier
Auch vor kurzem auf NPR: On Point mit Tom Ashbrook sendete aus New Orleans zum Thema „American Coastlines“, mit dem Times-Picayune-Kolumnisten Jarvis DeBerry, der Professorin Denise Reed von UNO und dem Wissenschaftler Tommy Michot vom Institute for Coastal Ecology in Lafayette. Hier.
* In diesem Artikel mehr über seinen Herausforderer der letzten Minute, Michael Bagneris, der 33% der Stimmen erhielt und Landrieu aufforderte, mehr in traditionell afroamerikanische Viertel zu investieren und die Sicherheit aufzustocken. Er stellte eine Besucherzahl von jährlich 9-10 Millionen einer Zahl von 1.200 Sicherheitskräften gegenüber. 
Was hier anders ist: Direkt vor meinem Fenster geht ein Weg entlang, den immer wieder Spaziergänger und Radfahrer frequentieren. Die meisten beäugen neugierig unser Haus. Ich habe mich noch nicht getraut zu winken, aber ich gucke zurück und genieße den kleinen Laufsteg des Stinknormalen hier vor dem Fenster.

Montag, 20. Januar 2014

Tatwort. Die Übersetziade. -- Alle Einsendungen


Tatwort. Die Übersetziade
Am 29. November 2013 war unser erster Entscheid für Tatwort. Die Übersetziade, ein feines, warmes und fröhliches Fest des Übersetzens. Wir hatten elf Einsendungen erhalten. Zu übersetzen war ein Prosagedicht aus Donna Stoneciphers preisgekröntem Gedichtband The Cosmopolitan (Coffee House Press 2008, National Poetry Award). Donna Stonecipher hatte anonym den Gewinner des Autorinnenpreises ausgewählt und der Publikumspreis wurde nach Abstimmung vergeben.

Das Original:
Donna Stonecipher
Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)

1. In Cologne we bought cologne. In Morocco we bought morocco. In Kashmir we bought cashmere. Then, our suitcases stuffed, we flew back home to New York City, where we drank manhattan after manhattan until ill-advisedly late into the evening.

2. “I’m an anarchist,” said the poet. “You’re spoiled,” said his girlfriend. A line of people in masks paraded by. And then the lights dimmed, and the one true anarchist was suddenly spot-lit in the crowd: a little girl with an ice cream sandwich melting in her bag.

3. The beautiful people wanted to go only to places where there were other beautiful people, in cafés and restaurants and bars, and puffed nervously on their cigarettes when the number of ugly people shown to tables seemed to be reaching critical mass.
           
4. You like to be told what to do. You like to be shown to your plug and to glow in it like a nightlight. You like to be clued in, strapped on, knuckled under. You like to be held down and liquored up. You like to be scooped out, bowled over, seen through.
“Trust is fine, but control is better”
5. Forking over our dollars, we hatched a grand plan for the overlapping economy: Let the French take care of the perfumes; the Dutch of the tulips; and the Italians of the leather shoes. Each would be a department in the department store in the Great Mall.

6. She wrote, I want to be seen through. He wrote, But you are deliberately opaque. She wrote, I want people to want to work hard to see through my (really quite superficial) opacity. He wrote nothing back. She waited, but he wrote nothing back.

7. You like to go from room to room drowning yourself in dahlias. You like to stand in a crowd and implode and implode till all your individuality melts. You like to be underneath, on top, afloat. But it thrills you to hear your name in a stranger’s mouth.

8. Was it good or bad when the foreigner was said to be “more French than the French”? She of the huge hats and humble origins was “more bourgeois than the bourgeois.” And the cosmopolitan was more cosmopolitan than the cosmos itself.

9. We bought china in China. We bought tangerines in Tangier. You bought turquoise in Turkey, and I bought an afghan in Afghanistan. I bought india ink in India, and you bought an indiaman in India. But nowhere did we relinquish any little bit of ourselves.

Der Autorinnenpreis:

Lars-Arvid Brischke:              Einlage 22 (Elfriede Jelinek, ursprünglich von Lenin)

1. In Köln kauften wir Kölsch. In Marokko kauften wir Moloko. In Kashmir kauften wir Kasimir. Dann flogen wir mit vollgestopften Taschen zurück nach Hause nach New York und tranken bis der Doktor kam einen Manhattan nach dem anderen.
           
2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verdorben“, sagte seine Dirne. Eine Reihe Maskierter paradierte vorbei. Dann dunkelte es und die einzige echte Anarchistin in der Menge stand plötzlich im Rampenlicht: Ein Dirndl mit einem schmelzenden Sandwich-Eis im Säckel.

3. Die Schönen wollten nur an Orte gehen wo es andere Schöne gab, in Cafes und Restaurants und Bars, und zogen nervös an ihren Zigaretten wenn die Zahl der Hässlichen, denen Tische gezeigt wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.            

4. Du magst es, wenn dir einer sagt wo’s langgeht. Du magst es, wenn dir einer deinen Stecker zeigt, in dem du glimmst wie ein Nachtlicht. Du willst im Bilde sein, angeschnallt, untergebuttert. Du magst dich  ausgebremst und schnapserfüllt. Willst ausgehöhlt sein, umgestoßen, durchschaut. 
                                                „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“
5. Wir hauten unsre Dollars auf den Kopf und schmiedeten den Plan für eine überlappende  Ökonomie: Sollen sich die Franzosen um Parfums, die Holländer um Tulpen und die Italiener um schicke Lederschuhe kümmern. Jeder wäre eine Ware eines Warenhauses in der großen Einkaufszone.

6. Sie schrieb, ich will durchschaut werden. Er schrieb, du bist absichtlich undurchsichtig. Sie schrieb, ich möchte, dass Leute sich bemühen mögen, bei meiner (eigentlich echt nur oberflächlichen) Undurchsichtigkeit durchzublicken. Er antwortete nichts. Sie wartete, doch er antwortete nichts.

7. Du gehst so gern von Raum zu Raum, ertränkst dich in Dahlien. Du stehst gern in der Menge, brichst zusammen, brichst zusammen bis dein ganzes Wesen schmilzt. Du bist gern unter uns, obenauf, im Fluss. Doch es erregt dich, deinen Namen aus fremdem Mund zu hören.

8. War es gut oder schlecht, den Ausländer „französischer als einen Franzosen“ zu nennen? Sie mit ihren großen Hüten und ihren bescheidenen Wurzeln war „spießiger als die Spießer“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos.

9. Wir kauften Kobaltblau in China. Wir kauften Orange in Tanger. Du kauftest Türkis in der Türkei und ich kaufte einen Affen in Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien und du kauftest ein Individuum in Indien. Aber nirgends gaben wir auch nur das Mindeste von uns preis.

Der Publikumspreis:

Sven Scheer: nach Donna Stonecipher (entschuldige)
Durchschuss 22 (Elfriede Jelinek mit Lenin im Beiwagen)

1. In Gouda kauften wir Gouda. In Roquefort kauften wir Roquefort. In Cheddar kauften wir Cheddar. Dann, der Koffer miefend, ging’s heim nach Pilsen, wo wir Pilsener auf Pilsener tranken, bis sich der Sternenhimmel vor unseren Augen drehte.

2. „Ich bin ein Spießer“, sagte der Dichter. „Bild dir bloß nichts ein“, sagte seine Freundin. Eine Polonaise der Masken zog vorüber. Die Lichter verloschen, und die Aura des Dichters spießte ein unschuldiges kleines Mädchen auf. Unschuldig? Aus ihrer Tasche tropfte Eiscreme.

3. Die Schönen sagten: O Herr, lass strahlend Schöne neben mir sein. Überall, im Café, im Restaurant und in der Bar. Nervös aßen sie ihre Zigaretten auf, als mehr und mehr Hässliche neben ihnen Platz nahmen. Die Apokalypse nahte.
           
4. Du willst ständigen Empfang. Du willst in die Steckdose gesteckt werden und wie ein Smartphone leuchten. Du willst chatten, whats-appen, twittern. Du willst eins aufs Maul und abgefüllt werden. Du willst, dass deine Festplatte ausgebaut, gelöscht, re-booted wird.
„Vertrauen gut und schön, Kontrolle besser und schöner.“
5. Wir packten die Euro auf den Tresen und erklärten der Wirtschaft dahinter unseren Masterplan: Erst mal ein Jever aus Jever, dann eine Berliner Bulette, zum Schluss einen kurzen Klaren aus Nordhausen. Und das alles, ohne einen Fuß vor die Tür zu setzen.

6. Sie schrieb: Vertrau mir nicht. Er schrieb: Das hatte ich auch nicht vor. Sie schrieb: Du spinnst wohl, vertrau mir jetzt sofort. Er schrieb nicht mehr. Es klopfte, und sie erschrak, als ein Lichtstrahl durch den Türspalt drang.

7. Noch bevor er dich erreicht, ertrinkt er im Dahlienmeer deines Zimmers. Du stiefelst auf ihm herum, bis er ein einziger Brei ist, Persönlichkeit und alles. Du hast die volle Kontrolle und beseitigst alle Spuren, bis nichts mehr übrig ist als dein Name auf seinem Mund.

8. War es gut oder schlecht, als man von dem Fremden sagte, er sei angeschickerterer als die Schickeria? Und sie aus der Bettenburg, sie mit den Zahnkronen, blauer als jedes Blaublut, rief: Der Cosmopolitan hier ist der beste der Milchstraße!

9. Wir kauften eine blaue Briefmarke in Mauritius. Wir kauften Indianer in Amerika. Du kauftest eine Wiener in Frankfurt, und ich kaufte eine Frankfurter in Wien. Dazu Dijon du weißt schon woher. Und trotz allem blieb es dabei: Mia san mia, alles andere ist Käse.

Die übrigen Übersetzungen in der Reihenfolge des Einsendedatums:

Thies Thiessen:   Einlegearbeit 22 (Elfriede Jelinek, über Lenin)

 1. In Köln kauften wir Echt Kölnisch. In Marokko maroquinisch. In Kaschmir Kaschmir. Dann waren die Koffer voll und wir flogen heim, nach New York City, Manhattan. Mann, hätten wir das bloß nicht bis in den Abend getrunken, uns war übel.

2. „Ich bin ein Anarchist“ sagte der  Dichter. “Du bist verzogen” sagte seine Freundin. Hintereinanderweg paradierten Menschen in Masken vorbei. Es wurde dunkel, und auf einmal erstrahlte der einzig echte Anarchist in der Menge: ein kleines Mädchen mit einer Eiscremewaffel, die in seiner Tasche schmolz. 

3. Die Schönen wollten nur dahin, wo auch andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants und Bars, und sie zogen nervöser an ihren Zigaretten, sobald die sichtbar Hässlichen bedrohlich mehr wurden und die kritische Masse zu erreichen schienen.
           
4. Du magst, dass man Dir sagt, was du tun sollst. Du möchtest gefasst sein, in deiner Fassung still glimmen wie ein Nachtlicht. Du magst, wenn man dich hinweist, festmacht, beugt. Du möchtest runtergehalten werden und saufgebaut. Leergelöffelt, überschüsselt, durchgesichtet, das willst Du sein.
“Vertrauen ist gut. Kontrolle ist besser.”
5. Wir gaben unsere Dollars aus und brüteten einen Plan aus für eine allumfassende Wirtschaft: Lasst die Franzosen sich ums Parfum kümmern,  die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Für jeden eine Abteilung im Angebot des Großen Warenhauses.
 
6. Sie schrieb: „Ich möchte durchsichtig werden“. Er schrieb: „Aber du bist nun einmal undurchschaubar“. Sie  schrieb: „Die Menschen sollen sich bemühen, dass sie meine (wirklich oberflächige) Oberfläche durchschauen. Er schrieb nichts. Sie wartete, aber er schrieb nichts.

7. Du möchtest von Raum zu Raum gehen, dich in Dahlien versenken, ertränken. Du möchtest in der Menge stehen und implodieren, implodieren, bis alles was du bist, dahinschmilzt. Du möchtest drunter sein und drüber, schwimmen. Aber es erregt dich, deinen Namen zu hören aus eines Unbekannten Mund. 

8. War das gut oder schlecht, als es hieß, der Fremde wäre „französischer als die Franzosen“? Die mit den übergroßen Hüten und der niedrigen Herkunft „spießiger als jeder Spießer?“  Und der in aller Welt Gewandte weltgewandter als die Welt? 

9. In China kauften wir Chinoiserien.  Perser kauften wir in Persien. Du kauftest Türkise in der Türkei, und ich einen Afghanen in Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien,  und du als Indienfahrer einen Indienfahrer. Aber nirgends haben wir gaben wir von uns auch nur das kleinste bisschen preis.

Alexander Zuckschwerdt:  Intarsie 22 (Lenin, über Elfriede Jelinek)

1. In Köln haben wir Kölnischwasser gekauft. In Marokko haben wir Maroquin gekauft. In Kaschmir haben wir Kaschmir gekauft. Dann, mit vollbeladenen Koffern, sind wir nach New York zurückgeflogen, wo wir bis unvernünftig spät Manhattan um Manhattan tranken.

2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verzogen“, sagte seine Freundin. Eine Reihe Menschen in Masken marschierte vorbei. Und dann wurden die Lampen gedimmt, und das Rampenlicht fiel plötzlich auf den wahren Anarchisten in der Menge: ein kleines Mädchen, in dessen Täschchen ein Waffeleis dahinschmolz.

3. Die Schönen wollten nur dort hingehen, wo auch andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants und Bars, und zogen nervös an ihren Zigaretten, als die Zahl der Hässlichen, die man an den umstehenden Tischen platzierte, eine kritische Höhe zu erreichen schien.

4. Du magst es, wenn man dir sagt, was du zu tun hast. Du magst es, wenn man dich an deine Dose führt, wo du dann glimmen kannst wie ein Nachtlicht. Du magst es, aufgeklärt, angebunden, unterworfen zu werden. Du magst es, niedergehalten und abgefüllt zu werden. Du magst es, ausgenommen, umgehauen, durchschaut zu werden.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“

5. Wir klaubten unser Geld zusammen und heckten einen grandiosen Plan für die übergreifende Wirtschaft aus: Lasst die Franzosen sich um die Duftwässer kümmern, die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Jeder wäre eine Abteilung innerhalb des großen Konsumtempels.

6. Sie schrieb: Ich will durchschaut werden. Er schrieb: Aber du bist so verschlossen. Sie schrieb: Ich will, dass die Menschen etwas dafür tun wollen, meine (wirklich nur oberflächliche) Verschlossenheit zu durchschauen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, doch er schrieb nichts zurück.

7. Du magst es, von Raum zu Raum zu gehen, in Dahlien zu versinken. Du magst es, in einer Menge zu stehen und zu implodieren und zu implodieren, bis deine gesamte Individualität zusammenschmilzt. Du magst es, untendrunter, obenauf, über Wasser zu sein. Aber du liebst es, deinen Namen aus dem Munde eines Fremden zu hören.

8. War es gut oder schlecht, wenn man von dem Ausländer sagte, er sei „französischer als ein Franzose“? Die mit den großen Hüten und dem bescheidenen Hintergrund war „großbürgerlicher als ein Großbürger“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.

9. Wir haben Chili in Chile gekauft. Wir haben einen USB-Stick in Usbekistan gekauft. Du hast Türkis in der Türkei gekauft, und ich habe ein Mosaik in Mosambik gekauft. Ich habe Tsatsiki in Tadschikistan gekauft, und du hast Maronen in Marokko gekauft. Aber nirgends haben wir auch nur ein winziges Stück von uns gelassen.

Karen Braun:                        Intarsie 22 (Elfriede Jelinek, unter Zuhilfenahme von Lenin)

1. In Köln erwarben wir Duftwasser. In Marokko genarbtes Leder. In Kaschmir die zarteste Wolle der Ziegen. Mit berstenden Koffern flogen wir hinterher heim nach New York, tranken dort massenweise Manhattans, unbesonnen, bis tief in die Nacht.
2. „Ich bin Anarchist“, sprach der Dichter. „Du bist ein verzogener Fratz“, sagte seine Freundin. Dann schritt bei gedämpfter Beleuchtung ein Aufzug von Masken vorbei; ein Scheinwerfer holte aus der Menge die einzige echte Gesetzlose ans Licht: ein kleines Mädchen, dem im Rucksack das Eis aus der Waffel schmolz.
3. Die strahlend Schönen strebten stets nur an Orte, wo ihresgleichen sich aufhielt, in Cafés, Restaurants und Bars. Voller Unmut zogen sie an ihren Zigaretten, sobald die Anzahl der Hässlichen das ihnen genehme Maß zu übersteigen drohte.
4. Du liebst Handlungsanweisungen. Du möchtest die Hand spüren, die den Stecker in die Dose schiebt, die Tischlampe sein, das dann leuchtet. Du wirst gerne eingeführt, vorgeführt, abgeführt. Niedergehalten, hochgeputscht. Erschöpft, überwältigt, durchschaut.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“
5. Beim Bezahlen schmiedeten wir den ultimativen Plan für eine übergreifende Ökonomie: Sollen sich die Franzosen um die Düfte kümmern, die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die ledernen Schuhe. Für jeden eine Abteilung im großen Kaufhaus des Westens.
6. Sie schrieb: Ich möchte durchschaut werden. Er schrieb: Du bist aber aus Milchglas, absichtlich. Sie schrieb: Ich will, dass man sich Mühe gibt mit meiner Undurchsichtigkeit. Die ist doch bloß im Vordergrund. Er antwortete nicht. Sie wartete, aber er schrieb nicht zurück.
7. Gern gehst du von Zimmer zu Zimmer, ertränkst dich in Dahlien. Stehst inmitten von Menschen, zerbirst und zerspringst in dir, bis alles zerfließt, was dich ausmacht. Bist mit Vorliebe drunter und drüber, im Oberwasser. Doch erregt dich der Klang deines Namens im Mund eines Fremden.
8. War es gut oder schlecht, als man den Ausländer einen „besseren Deutschen“ hieß? Die Dame mit Tellerhut, niedriger Herkunft, war „edler als alle von Adel“. Und der Weltbürger in mehr Welten daheim als das Weltall selbst.
9. Wir kauften Chinarinde in China. Granatäpfel in Granada. Du Türkise in der Türkei, ich einen Perserteppich in Persien. In Indien erstand ich die typische Tusche, du besorgtest das Schiff für die Heimfahrt. An keinem Ort allerdings gaben wir auch nur einen Hauch von uns selbst preis.


Marion Oechsler: Zwischenspiel 22 (Lenin, entdeckt bei Elfriede Jelinek)

1. In Köln kauften wir Kölnisch Wasser. In Marokko kauften wir Maroquin. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Und als unsere Koffer schließlich vollgestopft waren, flogen wir zurück nach New York City, wo wir einen Manhattan nach dem anderen tranken, bis alles zu spät war.

2. „Ich bin Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verwöhnt“, sagte seine Freundin. Eine Parade von Menschen in Masken zog vorüber. Dann wurden die Lichter gedimmt, und die eine wahre Anarchistin stach plötzlich hell erleuchtet aus der Menge hervor: ein kleines Mädchen mit einem Eis, das in ihrer Tüte vor sich hin schmolz.

3. Die schönen Menschen wollten sich nur an Orten aufhalten, an denen auch andere schöne Menschen waren, in Cafés, Restaurants und Bars. Nervös zogen sie an ihren Zigaretten, sobald sich die Zahl der hässlichen Menschen, die an ihre Tische gewiesen wurden, zu einem Mob auszuwachsen drohte.

4. Du hast es gern, wenn man dir sagt, was du zu tun hast. Wenn man dir zeigt, wo du dich einstöpseln kannst, um wie ein Nachtlämpchen in seiner Steckdose zu glühen. Du lässt dich gern einweihen, aufbuckeln, unterbuttern. Du magst es, dich überrennen und volllaufen zu lassen. Es gefällt dir, wenn du ausgekratzt, umgehauen, durchschaut wirst.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
5. Während wir unwillig unsere Scheine rausrückten, brüteten wir einen Masterplan für die übergreifende Wirtschaft aus: Sollten sich die Franzosen doch um die Parfums kümmern, die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Sie würden dann jeweils einen Verkaufsraum im Kaufhaus im Großen Einkaufszentrum bekommen.

6. Sie schrieb Ich will durchschaut werden. Er schrieb Aber du bist doch absichtlich undurchsichtig. Sie schrieb Ich will, dass die Leute sich anstrengen wollen, meine (zugegebenermaßen ziemlich oberflächliche) Undurchsichtigkeit zu durchschauen. Darauf schrieb er nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.

7. Es gefällt dir, von einem Zimmer ins nächste zu gehen und dabei in Dahlien zu ertrinken. Du magst es, in einer Menschenmenge zu stehen und zu implodieren, immer weiter, bis der letzte Funke deiner Individualität erlischt. Du bewegst dich gern unterhalb, obenauf, mit dem Strom. Aber du bist hin und weg, wenn du deinen Namen aus dem Mund eines Fremden hörst.

8. War es gut oder schlecht, als sie von dem Ausländer meinten, er sei „französischer als die Franzosen“? Sie mit den riesigen Hüten und ihrer niederen Herkunft war „bürgerlicher als alles Bürgerliche“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.

9. Wir kauften Chinos in China. Wir kauften Seetang in Tanger. Du kauftest Türkis in der Türkei, ich kaufte einen Afghanen in Afghanistan. Ich kaufte Indigo in Indien, du kauftest einen Indienfahrer in Indien. Aber nirgends haben wir auch nur einen winzigen Bruchteil unserer selbst abgetreten.

Dusty-Anne Rhodes und Agnes Bethke:  Intarsie 22 (Elfriede Jelinek nach Lenin)

1. In Panama kauften wir Panamas. In Norwegen kauften wir Norweger. In Kaschmir kauften wir Kaschmir.
Mit vollgestopften Koffern flogen wir dann nachhause, zurück nach New York City, wo wir Manhattan auf Manhattan tranken bis unvernünftig spät in die Nacht.

2.  „Ich bin Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verwöhnt“, sagte seine Freundin. Eine Reihe von Menschen in Masken zog vorbei. Und dann wurden die Lichter gedimmt, und der eine wahre Anarchist wurde plötzlich in der Menge angestrahlt: ein kleines Mädchen mit einem Sandwich-Eis, das in seiner Tasche schmolz.

3. Die schönen Leute wollten nur an Orte gehen, wo andere schöne Leute waren, in Cafés und Restaurants und Bars, und sie zogen nervös an ihren Zigaretten, wenn die Anzahl hässlicher Leute, die an Tische geführt wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.

4. Du magst, wenn man Dir sagt, was Du tun sollst. Du magst, wenn man dich zu deiner Steckdose führt und darin zu glimmen wie ein Schlummerlicht.
Du magst, ins Bild gesetzt, unterworfen zu werden. Du magst, festgehalten und abgefüllt zu werden. Du magst, ausgehöhlt, umgehauen und durchschaut zu werden.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
5. Während wir unsere Dollars hinblätterten, heckten wir einen grandiosen Plan für die eng verzahnte Wirtschaft aus: Lass die Franzosen sich ums Parfum kümmern, die Holländer um Tulpen, und die Italiener um Lederschuhe. Jeder wäre eine eigene Abteilung im Kaufhaus in der großen Shopping Mall der Welt.

6. Sie schrieb, Ich will durchschaut werden. Er schrieb, Aber du bist gewollt undurchsichtig.
Sie schrieb, Ich will, dass Menschen sich richtig anstrengen wollen,  durch meine (doch recht oberflächliche) Undurchdringlichkeit hindurchzuschauen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.

7. Du magst es, von Raum zu Raum zu gehen und in Edelpelargonien zu ertrinken. Du magst, in einer Menschenmenge zu stehen und zu implodieren und zu implodieren, bis all Deine Einzigartigkeit schmilzt. Du magst es unten drunter, obenauf, im Wasser treibend. Aber es gibt Dir einen Kick, wenn du deinen Namen aus dem Mund eines Fremden hörst.

8. War es gut oder schlecht, als vom Ausländer gesagt wurde, er sei „französischer als die Franzosen“? Sie mit den großen Hüten und den bescheidenen Anfängen war „spießiger als die Spießbürger“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.

9. Wir kauften Chinin in ChinaWir kauften Tabak in Tobago. Du kauftest Türkise in der Türkei und ich kaufte einen Perser in Persien. Ich kaufte arabische Gewürze und Du kauftest einen Araber. Aber nirgendwo gaben wir auch nur ein bisschen von uns selbst preis.

Michael Karjalainen-Dräger:  Inlay twenty-two (Elfriede Jelinek via Lenin)

1. In Köln kauften wir Kölnischwasser. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Dann flogen wir mit vollgestopften Koffern heim nach New York City, wo wir einen Manhattan nach dem anderen soffen bis idiotisch lang in die Nacht hinein.

2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verdorben“, sagte seine Freundin. Eine Reihe maskierten Volks marschierte vorbei. Und dann wurden die Lichter gedimmt, und die Scheinwerfer fielen auf den einzig wahren Anarchisten im Gedränge: ein kleines Mädchen mit einem Eiscreme-Sandwich, das in ihrer Tasche schmolz.

3. Die Schönen wollten ausschließlich an Orten sein, wo andere Schöne waren, in Cafés und Restaurants und Bars; sie pafften nervös ihre Zigaretten während die Zahl der Hässlichen, die an die Tische geführt wurden, die kritische Masse zu erreichen schien.

4. Du liebst es, wenn man dir sagt, wo’s langgeht. Du liebst es, wenn man deinen Zündschlüssel dreht und dich zum Vorglühen bringt. Du liebst es, wenn man dir Anweisungen gibt, wenn du festgeschnallt wirst und kuschen musst. Du liebst es, wenn man dich klein hält und dir einschenkt. Du liebst es, wenn man dich schlaucht, wenn du sprachlos bist und wenn du durchschaut wirst.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
 5. Während wir unser Geld beim Fenster hinaus warfen, brüteten wir  einen großartigen Plan für die überbordende Wirtschaft aus: die Franzosen sollen sich um die Parfums kümmern; die Niederländer um die Tulpen; und die Italiener um die Lederschuhe. Für jeden ein Laden an der Great Mall.

6. Sie schrieb, sie wolle durchschaut werden. Er schrieb, sie würde sich mit voller Absicht undurchschaubar geben. Sie schrieb, sie wolle, dass sich Menschen anstrengten, um ihre (wirklich total oberflächliche) Undurchschaubarkeit zu durchschauen. Er schrieb nicht zurück. Sie wartete, er aber schrieb nicht zurück.

7. Du liebst es, wenn du von Raum zu Raum gehst, dich im Duft von Dahlien ertränkst. Du liebst es, wenn du  in der Menge stehst und implodierst und implodierst bis deine ganze Individualität ausgelöscht ist. Du liebst es, wenn du unten-drunter, über-drüber, obenauf bist. Aber es erregt dich, wenn ein Unbekannter auf seinen Lippen deinen Namen trägt.

8. Ist es gut oder schlecht, wenn von Fremden gesagt wird, dass sie „französischer als die Franzosen“ wären? Sie war, mit ihren gigantischen Hüten und ihrer niedrigen Abstammung „bürgerlicher als die Bürger“. Und der Weltbürger war weltbürgerlicher als die Welt selbst.

9. Wir kauften China-Porzellan in China. Wir kauften Tangerinen in Tanger. Du kauftest Türkis in der Türkei und ich kaufte eine Afghan-Decke in Afghanistan. Ich kaufte indische Tinte in Indien, und du kauftest dort einen Indienfahrer. Aber nirgendwo gaben wir auch nur ein kleines bisschen von uns selbst preis.

Jan Imgrund:   Intarsie 22 (Elfriede Jelinek, ursprünglich Lenin)
1. In Köln kauften wir Kölnisch Wasser. In Shiraz kauften wir Shiraz. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Dann flogen wir mit Übergepäck heim nach New York City, und dort tranken wir einen Manhattan nach dem anderen, bis tief in die Nacht.
2. „Ich bin Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verwöhnt“, sagte seine Freundin. Maskierte Menschen zogen vorbei. Dann dimmte das Licht herunter, und plötzlich richtete sich ein Scheinwerfer auf den einzigen echten Anarchisten in der Menge: es war ein kleines Mädchen, und in ihrer Tasche schmolz ein Eiskonfekt.
3. Die Beautiful People wollten nur in Locations gehen, wo andere Beautiful People waren, Cafés und Restaurants und Bars, und zogen nervös an ihren Zigaretten, wenn der Anteil Ugly People, die man zu ihren Tischen geleitete, eine kritische Masse zu erreichen schien.
4. Dir gefällt, wenn man dir sagt, was du tun sollst. Du gefällt es, wenn man dich zu deinem  Stecker führt, dass du in ihm glühen kannst wie ein Lämpchen. Dir gefällt es, betippt, angeschnallt, unterjocht zu sein. Dir gefällt es, niedergedrückt und eingeflößt zu sein. Dir gefällt es, abgeschöpft, überwältigt, durchschaut zu sein.
„Vertrauen ist gut, aber Kontrolle ist besser.“
5. Unsere Dollars rüberschiebend heckten wir einen Plan für die übergreifende Wirtschaft aus: Die Franzosen kümmern sich um Parfum, die Holländer um die Tulpen, und die Italiener um  die Lederschuhe. Jeder hätte seinen Platz in einer Abteilung im Großen Kaufhaus.
6. Sie schrieb: Ich will durchschaut werden. Er schrieb: aber du bist mit Absicht opak. Sie schrieb: ich möchte, dass die Leute durch meine (eigentlich recht oberflächliche) Undurchsichtigkeit hindurchsehen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.
7. Dir gefällt es, Zimmer über Zimmer zu durchschreiten, in Dahlien ertrinkend. Dir gefällt es,  in einer Menschenmenge zu stehen und zu implodieren und zu implodieren, bis all deine Individualität schmilzt. Dir gefällt es, zuunterst zu sein, zuoberst, zu schwimmen. Aber du bist aufgeregt, wenn ein Fremder deinen Namen in den Mund nimmt.
8. War es gut oder schlecht wenn es hieß, der Ausländer sei „französischer als die Franzosen“? Die Dame aus bescheidenen Verhältnissen, mit den riesigen Hüten, war „bürgerlicher als die Bourgeoisie“. Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der gesamte Kosmos.
9. Wir kauften Hamburger in Hamburg. Wir kauften Mandarinen in der Mandschurei. Du kauftest Türkise in der Türkei, und ich kaufte einen Afghanen in Afghanistan. Ich kaufte ein Englischhorn in England, und du kauftest einen Engländerschlüssel in England. Aber wir gaben nirgends auch nur das kleinste Stück von uns preis.
Martina Tichy:  Donna Stonecipher // Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)

1. In Köln kauften wir Kölnisch Wasser. In Muskat kauften wir Muskat. In Kaschmir kauften wir Kaschmir. Mit randvollen Koffern flogen wir zurück nach New York, wo wir bis unklug spät in die Nacht Manhattan um Manhattan tranken.

2. „Ich bin ein Anarchist“, sagte der Dichter. „Du bist verhätschelt“, sagte seine Freundin. Maskierte zogen im Gänsemarsch vorbei. Dann erloschen die Lichter, und ein Spot zeigte auf die einzig wahre Anarchistin in der Menge: ein kleines Mädchen mit einem dahinschmelzenden Eiscremesandwich in der Tasche.

3. Die Schönen wollten immer nur dorthin, wo noch andere Schöne waren, in Cafés, Restaurants und Bars, und pafften nervös an ihren Zigaretten, wenn die Anzahl der Hässlichen, denen Plätze angewiesen wurden, eine kritische Masse zu erreichen schien.

4. Du lässt dir gern sagen, was du tun sollst. Du lässt dir gern deine Steckdose zuweisen und erglühst darin wie ein Nachtlicht. Du lässt dich gern einweisen, anbinden, unterbuttern. Du lässt dich gern niederhalten und abfüllen. Du lässt dich gern ausschaufeln, umkegeln, durchschauen.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“
5. Wir brachten unsere Dollars unters Volk und brüteten einen grandiosen Plan für die überlappende Wirtschaft aus: Die Franzosen kümmern sich um die Parfüms, die Holländer um die Tulpen und die Italiener um die Lederschuhe. Ein jedes hätte eine Abteilung im Kaufhaus im Großen Einkaufszentrum.

6. Sie schrieb: Ich will durchschaut werden. Er schrieb: Aber du bist doch mit Absicht undurchsichtig. Sie schrieb: Ich will, dass die Leute hart daran arbeiten wollen, meine (nun wirklich reichlich oberflächliche) Undurchsichtigkeit zu durchschauen. Er schrieb nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts zurück.

7. Du gehst gern von Raum zu Raum und ertränkst dich in Dahlien. Du stehst gern in einer Menschenmenge und zerspringst innerlich, bis sich alles auflöst, was dich ausmacht. Du bist gern drunter, drüber, in der Schwebe. Aber du findest es aufregend, wenn ein Fremder dich beim Namen nennt.

8. War es gut oder schlecht, dass es von dem Ausländer hieß, er sei „französischer als die Franzosen“? Die mit den riesigen Hüten und der niederen Herkunft war „gutbürgerlicher als die Gutbürgerlichen.“ Und der Kosmopolit war kosmopolitischer als der Kosmos selbst.

9. Wir kauften Persianer in Persien. Wir kauften Jersey auf Jersey. Du kauftest Türkise in der Türkei, und ich kaufte Sardinen auf Sardinien. Ich kaufte Indigo in Indien, und du kauftest einen Indienfahrer in Indien. Doch nirgendwo gaben wir auch nur das kleinste bisschen von uns preis.

Jenny Merling:    Inlay 22 (Elfriede Jelinek, by way of Lenin)
1. In Köln haben wir uns Kölnisch Wasser gekauft. In Marokko Marokkoleder. In Kaschmir Kaschmirwolle. Dann sind wir mit unseren vollen Koffern zurück nach New York geflogen, haben dort einen Manhattan nach dem anderen getrunken und sind unvernünftig lange aufgeblieben.
2. „Ich bin Anarchist“, sagte der Künstler. „Du bist bloß verwöhnt“, meinte seine Freundin. Menschen mit Masken zogen in einer langen Prozession vorbei. Dann wurde es schummerig im Raum. Und plötzlich leuchtete die einzig wahre Anarchistin inmitten der Menge auf wie von einem Scheinwerfer angestrahlt: ein kleines Mädchen mit einem geschmolzenen Eis am Stiel in der Tasche.
3. Wunderschöne Menschen wollen nur in Cafés und Restaurants und Kneipen sitzen, wo auch alle anderen Menschen wunderschön sind. Fast panisch ziehen sie an ihren Zigaretten, sobald für ihren Geschmack zu viele hässliche Leute an ihnen vorbei zu ihren Tischen geführt werden.

4. Du willst, dass man dir vorschreibt, was du tun sollst. Du willst eine Steckdose zugewiesen bekommen, in die du dich einstöpseln und dann leuchten kannst wie ein Nachtlicht. Du willst wissen, was von dir erwartet wird, willst, dass man dich festschnallt, dich an der kurzen Leine hält. Du willst, dass man dich gegen deinen Willen betrunken macht. Du willst, dass man dich aushöhlt, dich durcheinander kegelt, dich durchschaut.
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.”
5. Während wir noch widerwillig für die Fehler der anderen zahlten, hatten wir bereits große Pläne, wie die Wirtschaft zu retten sei: Die Franzosen kennen sich mit Parfum aus, die Holländer haben ihre Tulpen, die Italiener ihre Designerschuhe – also bekommt jede Nation einen eigenen Laden in unserem neuen Einkaufszentrum, das so groß sein wird, dass man es vom Mond aus sehen kann.
6. Sie schrieb: Ich will, dass man mich durchschaut. Er schrieb zurück: Wieso machst du dann immer einen auf undurchschaubar? Sie schrieb: Ich will, dass sich jemand die Mühe macht, meine Undurchschaubarkeit (die ziemlich oberflächlich ist, wenn wir mal ehrlich sind) zu durchschauen. Er schrieb darauf nichts zurück. Sie wartete, aber er schrieb nichts mehr.
7. Du wanderst gern durch die Zimmer und ertrinkst dabei in Dahlien. Du stehst gern in der Menge und zerbrichst, zerbrichst in immer kleinere Teile, bis alles, was dich ausmacht, fort ist. Du gehst den Sachen gern auf den Grund, bist gern oben auf, lässt dich auch gern treiben. Und trotzdem hast du immer noch dieses Kribbeln im Bauch, wenn jemand Fremdes deinen Namen sagt.
8. War das ein Kompliment oder eher ein Vorwurf, als jemand über den Ausländer meinte, er sei „französischer als ein Franzose“? Die Dame aus einfachen Verhältnissen, die mit den großen Hüten, sei „bourgeoiser als bourgeois“? Und der Kosmopolit kosmopolitischer als der Kosmos selbst?
9. Aus China haben wir uns chinesisches Porzellan mitgebracht. Aus der Champagne Champagner. In der Türkei hast du dir türkischen Honig gekauft und ich mir in Afghanistan Schwarzen Afghanen. Aus Indien habe ich Indisch-Blau mit nach Hause gebracht, und du dir einen Ostindienfahrer. Aber im Gegenzug auch von uns selbst etwas dagelassen haben wir nirgendwo.

Samstag, 11. Januar 2014

Nur ganz kurz

Anfang der Woche kam es zu einem wahrscheinlich historischen Ereignis: In Berlin war es mindestens 13 Grad Celsius wärmer als zur gleichen Zeit in New Orleans, wo die arktische Klirrkälte mit 2- C Einzug hielt. Auf Facebook diskutierte man Methoden zur Rettung der Tomatenpflanzen (abdecken, Taschenlampe oder andere Wärmequelle daneben legen), und der traditionell erste Umzug der Mardi-Gras-Saison, die Krewe of Joan of Arc (Jeanne d'Arc), die am 6. Januar in historischen Kostümen durchs French Quarter zieht, musste sich warm anziehen. Heute sind in New Orleans wieder 22 Grad, es gibt King cakes und alles dürfte wieder in Butter sein.
Von den New Orleans Saints (dem Footballteam) heißt es, dass sie bei kaltem Wetter nicht so gut spielen, und trotzdem haben sie letztes Wochenende in Philadelphia gegen die gleichnamigen Eagles knapp gewonnen. Als sie gegen drei Uhr früh am Flughafen in New Orleans eintrafen, standen Fans an der Ausfallstraße Spalier und klatschten und johlten.
Das neue Jahr hat wieder mit einigen Schießereien und Morden begonnen. Auch das wird in der Wahl zum Bürgermeister eine Rolle spielen, die jetzt in die heiße Phase tritt. Es gibt vier Kandidaten: den amtierenden Bürgermeister Mitch Landrieu (Demokrat), den ehemaligen Richter Michael Bagneris (Demokrat; Obama hat zwar Landrieu seine Unterstützung ausgesprochen, aber das lokale Orleans Parish Democratic Executive Committee unterstützt Bagneris); Danatus N. King, Präsident der lokalen Abteilung des NAACP (National Association for the Advancement of Colored People, eine Bürgerrechtsorganisation für Afroamerikaner; King ist auch Demokrat) und Manny "Chevrolet" Bruno (parteilos), der immer wieder zur komischen Unterhaltung kandidiert.
Der erste Wahlgang findet am 1. Februar 2014 statt; die Stichwahl zwischen den beiden übrig gebliebenen Kandidaten ist per Gesetz für den 4. Samstag nach dem ersten Samstag im Februar vorgesehen. Allerdings hat Gouverneur Bobby Jindal schon 2102 für dieses Jahr eine Ausnahme festgelegt, den 15. März 2014, weil die Wahl sonst dem Karneval in die Quere kommen würde (Aschermittwoch, und somit alles vorbei, ist nämlich am 5. März 2014). Nur in New Orleans, oder?

Sonntag, 5. Januar 2014

Treme -- das Ende

Ende Dezember lief die letzte, eine halbe, Staffel der Fernsehserie Treme, die jetzt 38 Monate später wieder einsetzt. Die Serie spielt ja in der Zeit nach Hurrikan Katrina, vor allem in dem historischen kreolischen Viertel Treme gleich neben dem French Quarter, das jetzt hübsch gentrifiziert wird, wie ich bei meinem letzten Besuch beobachten konnte.
Es ist eine Serie, in der die Stadt, New Orleans, die sehr kantige Hauptrolle spielt und die Musik die Ecken wieder glättet. Der Times-Picayune-Filmkritiker Dave Walker stellte sich vor (in diesem Artikel), wie die Filmemacher David Simon und Eric Overmyer (bekannt für The Wire) dem Sender HBO ihr Serienkonzept vorgestellt haben mögen (die Figurennamen in Klammern sind von mir):
-- Eine unserer Hauptfiguren ist ein ruppiger R&B-Musiker, der immer wieder Probleme mit seiner Vaterrolle hat. Er spielt Posaune. (Wendell Pierce als Antoine Batiste)
-- Eine andere Figur ist ein Schwarzer, der sich selbst als Indian(er) bezeichnet und sich für Straßenumzüge als eine Art Las-Vegas-Showgirl verkleidet, zum Beat von afrikanischen Trommeln. In jeder Staffel zeigen wir das in einer Folge. Die übrige Zeit näht er. (Clarke Peters als Albert Lambreaux)
-- Eine weitere Figur ist ein Universitätsprofessor und Schriftsteller mit Schreibblockade, der seine Wut über das Internet herauslässt. Er wird von einem Film. und Fernsehstar gespielt, aber wir lassen ihn gleich nach Mardi Gras sterben. (John Goodman als Creighton Bernette) Seine Frau ist Anwältin und vertritt Leute, die sie nicht bezahlen können. (Melissa Leo als Toni Bernette)
-- Der bestaussehende junge Mann unter den Figuren ist garstig zu Wiederaufbaufreiwilligen und misshandelt die liebe junge Frauenfigur. Er hat auch ein Drogenproblem. (Michiel Huisman als Sonny, Lucia Micarelli als Annie)
-- Wir bringen die Zuschauer dazu, Steve Zahn zu hassen. (als Musikmöchtegernimpressario Davis McAlary)
-- Khandi Alexander verbringt die ganze erste Staffel damit, ihrem Bruder nachzuspüren, der im post-Katrina-Gefängnissystem verschollen ist, das Kafka das Fürchten gelernt hätte. Dann findet sie bei den Emmy Awards keine Beachtung. Die folgenden Staffeln werden noch viel schlimmer für sie.
-- Wir haben eine Köchin, die einen Hubig's Pie aufmotzen und als hohe Kochkunst präsentieren kann... Die meiste Zeit ist sie nicht in der Stadt. (Kim Dickens als Janette Desautel)
-- Wir machen Hunderte von Anspielungen auf Dinge wie Hubig's Pies und Leute wie Dave Bartholomew und erklären sie nicht.
-- Es gibt mehrere tolle Beerdigungen.
-- In den Straßen wird oft wild getanzt, meistens scheinbar ohne Grund.
-- Tolle Musik aus New Orleans wird eine Hauptrolle spielen, aber das meiste davon haben sie noch nie gehört.
Er schließt die Aufzählung mit den Worten: "Es ist ein Wunder, dass die Serie gemacht wurde und so lange lief." 
Nicht alle Figuren sind sympathisch und selbst die sympathischen machen immer wieder die Art Fehler, wo man als Zuschauer zusammenzuckt. Eine der direktesten und besten Figuren für mich ist Antoine Batistes Lebensgefährtin Desiree, gespielt von der Laienschauspielerin Phyllis Montana LeBlanc, die als eine der Interviewpartnerinnen in Spike Lees Dokumentar-Epos When the levees broke auf sich aufmerksam machte.
Mich fasziniert vor allem die Atmosphäre der Serie, die einen förmlich einsaugt, und natürlich New Orleans, das absolut wiederzuerkennen ist. Für das "es richtig treffen" sorgten sicher die mitarbeitenden lokalen Autoren wie Lolis Eric Elie, der sogar noch ein Kochbuch zur Serie herausgebracht hat. 
Die Serie hatte viele Fans und wenige Zuschauer. Manche New Orleanser haben sie nicht gesehen, weil sie Angst hatten, es würde ihnen zu nahe gehen. Doch wenn man die Kommentare liest, hat sie Einheimische und vor allem auch Auswärtige tief berührt. Wie einer schreibt, mehr als Spike-Lees Katrina-Requiem. 
Was Treme so besonders und so wichtig macht, ist, dass es das lebendige New Orleans zeigt, wie und warum die Leute immer noch oder wieder oder überhaupt erst hier wohnen und leben wollen. Schade, dass es vorbei ist. Gut, dass es es gibt (in 36 Folgen).
Mehrere Soundtrack-Alben sind erhältlich und ab Ende Januar gibt es die DVDs (wie es scheint nur auf Englisch und vorerst nur für den amerikanischen Markt).
Vorschauen, Videos, Zusammenfassungen finden sich hier.
In der Times-Picayune werden die Anspielungen und Hintergründe der einzelnen Folgen erklärt, Treme explained.



Samstag, 14. Dezember 2013

Rerun: The Awakening by Kate Chopin: a Glossary


Grand Isle: Literally “great island,” is the biggest of the so-called barrier islands in the Gulf of Mexico, some three hours by car from New Orleans. The island mostly subsists on tourists, who come here to fish (there is a small marina), to camp out in the state park and watch pelicans and possibly dolphins, or attend some festival or other. Therefore it may be hard to find information on the Internet about the oil refinery also located on the island. There are also myriad private vacation homes, propped up on stilts several feet high. As a barrier island, Grand Isle basically serves the purpose of taking the brunt of hurricanes and absorbing them. According to Wikipedia, the island suffers a hurricane every 2.68 years, and receives direct hits every 7.88 years. When I last visited Grand Isle, in 2009, the effects of Katrina and Rita (both 2005) were all too visible: Many businesses and hotels no longer exist, and the geographical shape of the island was completely changed. It was also much smaller. Also, an entirely new access road to the island had been built, offering a view of the changed environment.

Chénière Caminada: The French word chêne means oak, but the word chénière does not exist in France but is a typical Cajun French variation, meaning something along the lines of “ridge with oak trees growing on them.” Chénière Caminada is another one of the barrier islands, although technically speaking it’s really a peninsula. I have unwittingly driven across it many times, for State Road 1 traverses it on the way to Grand Isle. Chénière Caminada was severely affected by a hurricane in 1893, which Kate Chopin also mentioned. It is located to the west of Grand Isle and is connected to the island by a bridge that is just over a mile long. For about the last hour on the way to Grand Isle the drive is through marshes, where water is interspersed with trees and tufts of grass. The landscape seems static, yet is actually lively—and bizarre.

Piroge: simple wooden dugout barge, preferred by Cajuns. The word came from Spanish (piragua) via French to English and German (Pirogue).

Quadroon: from the Spanish word cuarterón, from Latin quartus. Designates a person with a quarter black ancestry. Accordingly, an octoroon would be someone with one-eighth black ancestry, usually the offspring of extramarital relationships between blacks and whites. In New Orleans prior to the 1803 Louisiana Purchase, quadroons and octoroons were often free. These terms are used only in historical contexts today.

Griffe: designates a person with three-quarters black ancestry and a quarter white or Indian ancestry. See above.

Bayou Brulow: It is not listed in my atlas of Louisiana, and I have found no mention of it on the Internet. Maybe, after all those hurricanes, it no longer exists? A bayou is an extremely slow-moving stream or river that flows through marshes and swamps into a lake, river, or gulf. The term seems to originate from Choctaw and is only used in Louisiana and adjoining areas. Hence, bayou invokes an exotic, rural, but also backward area, where Cajuns live. In the seventies, Linda Ronstadt and Paola (for the German version) popularized the Roy Orbison hit “Blue Bayou.”

Grand Terre: Literally “great land,” a barrier island adjoining Grand Isle to the northeast. These two islands also delimit the Barataria Bay toward the Gulf of Mexico. On the island there are ruins of Fort Livingston as well as a marine laboratory of the Louisiana Department of Wildlife and Fishery. Today it is reachable only by boat. In the beginning of the 1800s legendary pirate Jean Lafitte (along with his brother Pierre) was active on this and other islands, and many places still bear his name today, including the Jean Lafitte National Historical Park and Preserve. This is not so much to celebrate pirates (although they can be fun in movies and cartoons), but because he apparently helped Andrew Jackson in the Battle of New Orleans (1815) against the British. All of the islands, naturally, were also affected by the BP oil spill.

Louisianamoos: I have just learned this German word for Spanish moss (tillandsia usneoides) from the German translation of The Awakening. It grows on trees in the South, in places where it is humid, and it looks like long beards or witches’ or princesses’ hair blowing in the wind. It makes landscapes look like fairylands, sometimes even “gothic.” Spanish moss used to be used for upholstery and packaging, for mulching or for stuffing voodoo dolls (cf. Wikipedia). Legends abound, and there are stories and songs about it. It used to be important for the construction of Cajun homes, when it was used for making bousillage (a mixture of Spanish moss and clay earth) as building material to fill in the space between wooden posts for walls. The usage of bousillage in Louisiana has been documented since the early 1700s.

Acadian: From the French acadien, today Cajun. Descendants of French settlers from Acadia (the Canadian provinces Nova Scotia, New Brunswick, Prince Edward Island), who were deported by the British between 1755 and 1763 and settled for the most part in French-speaking Louisiana, where they were able to maintain their rural, fishing-based culture. The Cajun language has seen a revival since the sixties, though Cajun culture (music, dances, food, Mardi Gras) has stayed alive all along. Today some 5 percent of the population still speaks French or Cajun French at home.

Creoles: Really the descendants of French or Spanish ancestors born in America, such as Kate Chopin and her husband. Today the term Creole also designates the descendants of French-speaking blacks who came from Haiti or other countries in the Caribbean, or were culturally French for other reasons. Creoles with European roots often repudiate this usage of the term.

Kate Chopin: Writer (1850-1904) from St. Louis, Missouri, which was then mostly Creole, but where the German influence has since come to dominate. In 1870 she married Oscar Chopin and lived in New Orleans with him, but after his bankruptcy moved to Cloutierville, Louisiana. She had six children. In 1882 her husband died, and two years later she moved back to St. Louis, where she took up writing (mostly about Louisiana) and hosted a literary salon. The Awakening caused an outcry, and Kate Chopin died without reaping her much-deserved recognition. Her former home and the museum in Cloutierville burned down a few years ago. 

(Thanks to Donna Stonecipher for proofreading.)

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Louisiana --> DDR und zurück

In der MDR-Mediathek ist vermutlich nur noch für kurze Zeit der Mitschnitt eines Konzerts mit Louis Armstrong & His All Stars zu sehen (hier noch mehr). Das Besondere: Es ist vom 22. März 1965 im Friedrichstadt in Berlin (Hauptstadt der DDR). Ich war da noch nicht geboren, aber ich habe viel darüber gehört, weil mein Vater nämlich da war, da sein musste, weil er ein großer Fan war. Es ist die Art Jazz, die viele Leute heute noch mit New Orleans assoziieren, und den es immer noch gibt und immer geben wird, aber nicht nur. Es war ganz sicher noch im alten Friedrichstadtpalast gleich neben dem Berliner Ensemble, der in den achtziger Jahren abgerissen wurde. Die Aufnahmen sind schwarz-weiß, die Band ist es auch, sie tritt nach und nach vor einen glitzernden weißen Vorhang und alles sieht irgendwie klein und altmodisch aus. Und dann holt Armstrong seine Trompete hervor und bläst los und es ist unglaublich, rein, klassisch, grandios!
Zwischendurch ist er immer wieder der liebenswürdige Teddybär-Entertainer, der niemandem etwas zu Leide tun kann. Das hat man ihm oft vorgeworfen: In den USA fanden Afroamerikaner, dass er sich zu sehr anbiedert und nicht für ihre Sache eintritt, und als er in 17 Städten in der DDR spielte (und in anderen sozialistischen Ländern), da warfen ihm westliche Journalisten vor, dass er so unpolitisch sei. Darauf sagt er im Interview: "Ich geh da hin und spiele, wo mich mein Manager hinschickt, und immer bin ich willkommen." Und genau so einfach ist es. Der Jazzmusiker und Musikjournalist Karlheinz Drechsel, der ihn damals begleitet hat, erzählt (Interview hier), dass er sich nicht nur in die Herzen der Menschen gespielt hat, sondern auch dem Jazz die Türen in der DDR geöffnet hat. Was viele Leute sich nämlich nicht vorstellen können, ist, dass niemand möchte, dass jemand von weit her kommt und einem sagt, wie beschissen man es hat, denn letztendlich ist alles Leben, und in der DDR hatte man Frieden und Arbeit und zu essen und das war damals noch seeehr viel wert. Als später in den achtziger Jahren Bob Dylan zum Konzert kam, da wollten wir auch nicht, dass er uns erzählt, wie doof es bei uns ist, aber wir hätten uns gefreut, wenn er irgendetwas gesagt hätte, irgendwie erwähnt hätte, wie besonders es war, dass er überhaupt bei uns war und spielen konnte. 
Im Interview mit Louis Armstrong hört man, dass er nicht besonders gebildet ist und vermutlich auch nicht in komplexen Zusammenhängen dachte, aber das brauchte er auch nicht. Er war Musiker. Er spielte mit einer Lebensfreude und tiefen Wertschätzung für das Leben und für andere Menschen, und das übertrug sich in seiner Musik und, wenn man es will, erreicht es uns heute noch.
Themenwechsel: Vor kurzem habe ich mal wieder den Film Schultze gets the Blues gesehen, mit Horst Krause in der Hauptrolle. Er ist einer der Schauspieler, die nur eine Rolle beherrschen, glaube ich, und die spielt er sehr gut, als Landpolizist zum Beispiel. In diesem Film ist sie ein wenig abgewandelt, denn es ist einer dieser deutschen Filme mit langen, schweigsamen Einstellungen, die bedeutungsschwer die Geschichte vorantreiben. Aber vieles ist auch außergewöhnlich. Zum Beispiel, dass der Film in Sachsen-Anhalt spielt und das Leben dieser einfachen Bergmänner mit leichtem Humor gezeigt wird, ohne sie zu denunzieren. Horst Krause (hier Schultze) ist also einer von drei Männern, die in den Vorruhestand geschickt werden, und dann nicht so recht etwas mit sich anfangen können. Immerhin spielt Schultze gelegentlich Akkordion, mindestens einmal im Jahr auf dem Dorffest, immer dasselbe Stück, das schon sein Vater gespielt hat.
Doch eines Abends hört er im Radio Zydeco, die schnelle, rhythmische Musik der kreolisch-afroamerikanischen Landbevölkerung in Louisiana, bei der ein Akkordion immer mitspielt (sehr ähnlich der Musik der Cajuns, die allerdings langsamer ist.). Allerdings hört er nur ein paar Riffe und schaltet dann wieder aus, aber diese spielt er schnell nach und übt sie immer wieder. Zum Befremden der meisten im Dorf spielt er sie auch auf dem Dorffest. Er kocht Jambalaya für seine beiden Kumpels und jobbt nebenher für einen Flug nach Louisiana. Dann wird er für den Austausch mit der Partnerstadt New Braunfels in Texas ausgesucht, wo er sich allerdings nur kurz aufhält und schnell vor der dort praktizierten Deutschtümelei flüchtet.
Er nimmt sich ein kleines Boot und fährt durch die Sümpfe und Bayous nach Louisiana (auf der Karte sieht man, dass das von New Braunfels aus nicht so ohne weiteres geht, aber es ist ein Film, Mensch!). Dort wird er von der freundlichen Küstenwache abgeschleppt, gerät in einen Cajun-Tanzabend auf dem Lande, wo er auch gleich tanzt, und schließlich, wie im Traum, trifft er in den Sümpfen auf ein großes Boot mit einer sanften schwarzen Frau und ihrer Tochter, die gerade Krabben kocht und ihn zum Essen einlädt. Dann, beim Tanzen im Rock 'n' Bowl in New Orleans bricht er zusammen und stirbt später ganz still auf dem großen Boot in den Sümpfen. Das ist traurig und berührend, aber es ist auch schön, zeigt die raue und unpolierte Schönheit Louisianas, das schöne Licht, die lauten Grillen- und andere Geräusche in der Luft. Ein Louisiana, das zwar auch märchenhaft ist, aber abseits von Klischees.
In der Schlussszene sieht man die Beerdigung. Die Blaskapelle spielt einen Trauermarsch und bricht dann in genau den Zydeco-Riff aus, mit dem seine Faszination begann. Und dann marschiert sie vor dem Horizont mit seinen trostlosen Windrädern von rechts nach links und die Trauernden ziehen und tanzen hinter her. Und ganz plötzlich hat das was von einer Second Line in New Orleans und Schultze ist nicht nur in das verlockende Märchenland gereist, sondern hat es seltsamerweise durch seinen Tod mit in sein Leben zu Hause gebracht. 
Und auf irgendeine Weise schließt sich hier für mich ein Kreis aus Musik und Louisiana und dem Osten.